Sie können den Kommentaren zu diesem Posting über diesen RSS 2.0-Feed folgen.
Sie können einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback von Ihrer eigenen Seite setzen.
Sie müssen eingeloggt sein um einen Kommentar zu hinterlassen.
Literaturgeschichten: Thomas Bernhard und der Grillparzerpreis
Thomas Bernhard (F.: dpa)
1972. Thomas Bernhard soll den Grillparzerpreis erhalten. Zwei Stunden vor der Preisverleihung kommt ihm in den Sinn, dass er in der Wiener “Akademie der Wissenschaften” vielleicht doch nicht in Hose und Pullover auftauchen sollte. Er geht in ein Geschäft, probiert einen teuren Anzug, Sakko und Hose passen, perfekt.
Kurz darauf: Treffen mit der 81 Jahre alten Tante, die den Autor begleitet. Angekommen in der Eingangshalle der Akademie, sieht sich Bernhard um. Doch niemand hält Ausschau nach ihm, dem Schriftsteller, der doch Mittelpunkt des Abends ist, niemand geleitet ihn an seinen Platz. Bernhard wartet mit seiner Tante in der Eingangstür zum Saal, sie stehen anderen Gästen im Weg, keiner kümmert sich um sie.
Musiker nehmen auf dem Podium Platz, der Saal füllt sich, und der Schriftsteller hat einen Gedanken, und diesen Gedanken setzt er sofort um: Er geht mit seiner Tante in die Saalmitte und setzt sich auf einen freien Platz inmitten der Menge.
Ehrengäste treffen ein, die zu ihren Plätzen geleitet werden, natürlich auch die Wissenschaftsministerin, die vom Akademiepräsidenten persönlich empfangen wird.
Schließlich gibt es Aufregung… wo bleibt Bernhard?
Ein Akademiemitglied entdeckt ihn. Bernhard registriert das, rührt sich aber nicht. Das Akademiemitglied zwängt sich an Sitzenden vorbei, bittet Bernhard – im Auftrag des Präsidenten -, nach vorn zu kommen. Doch Bernhard meint: Er setze sich nur in die erste Reihe, wenn ihn der Akademiepräsident persönlich auffordere…
So geschieht es, der Akademiepräsident kommt, zwängt sich durch die Reihen…
In der Laudatio schreibt dieser Präsident Bernhard Theaterstücke zu, die der gar nicht geschrieben hat. Nach der Verleihung beachtet abermals niemand den Autor, alle scharen sich um die Ministerin, die obendrein fragt, wo denn der Dichterling sei – ohne zu bemerken, dass er neben ihr steht.
Bernhard und seine Tante schleichen sich hinaus, gehen mit Freunden essen. Im Freundeskreis wundert man sich, dass dieser Preis mit gar keiner Summe verbunden ist. Unverschämt. Nein, mehr noch: Nach so einer Preisverleihung ist Bernhard doppelt beschämt, mehrfach gedemütigt.
Es stellt sich das Gefühl ein, dass der neue Anzug doch nicht passt.
Bernhard geht in das Kohlmarktgeschäft und tauscht, mit der nötigen Entschlossenheit, den getragenen Anzug gegen einen neuen, gegen einen, der groß genug ist.
(Weitere “Preisgeschichten” berichtet Bernhard himself in “Meine Preise”, Suhrkamp 2009)