Jede Geschichte kann auch anders sein

Wir sind zurecht geschockt. Ein 17-jähriger Flüchtling hat andere Menschen mit einer Axt und einem Messer übel zugerichtet. Er soll Isis-Anhänger gewesen sein. Die Polizei hat ihn gestellt und schließlich erschossen. Schlimmeres verhindert, Islamist tot. Alles gut?

Nein, das ist es nicht. Zu viele Kommentare nach diesem Amoklauf waren zu abstoßend. Der Tod des zum Terroristen erklärten Jugendlichen wurde geradezu gefeiert. Abknallen, liquidieren, wegräumen – so schwirrte es durch die sozialen Netzwerke. Komplett vergessen wurden dabei Worte des Bedauerns in Richtung der beiden Beamten, die die tödlichen Schüsse abgegeben haben. Als ob es ein lockerer Job wäre, jemand zu töten. Ist es nicht. Es ist – auch bei einem Amokläufer – das allerletzte Mittel.

Aber gehen wir davon aus, es habe sich um einen fanatischen Islamisten gehandelt, der losgezogen sei, um zum Ruhme des Kalifen Ungläubige zu töten. Er habe sich in einen Blutrausch hineingesteigert, dabei „Gott ist groß“ gerufen und sei schließlich brüllend auf die Polizisten losgestürmt. Er sei ihnen gefährlich nahe gekommen, habe ausgeholt, um seine Axt nach ihnen zu werfen. Ganz klar, es wäre Notwehr. Die Welt hätte einen Terroristen weniger.

Doch vielleicht lässt sich die Geschichte anders erzählen. Nehmen wir an, dieser 17-Jährige sei von seiner Familie ausgewählt worden, um nach Europa zu gehen, um den Lebensunterhalt für Eltern und Geschwister zu verdienen. Nehmen wird an, der junge Mann sei auf der Bootsfahrt nach Griechenland beinahe ertrunken, er sei auf der Balkanroute gejagt und misshandelt worden.

Nehmen wir an, dass er sich im neuen Lebensumfeld nicht zurechtgefunden hat, dass ihm klar geworden ist, dass er die Erwartungen seiner Familie vielleicht nie wird erfüllen können. Nehmen wir an, er habe, was 17-Jährige durchaus tun, mit der Isis-Fahne und seinem Dschihad-Video provozieren wollen. Er habe dann aber beschlossen, dass er nun doch eine Sache wie ein richtiger Mann zu Ende bringen möchte.

Es wäre eine Tat, weniger aus Hass, denn aus Verzweiflung. Wenn es so stimmte, würde man diesem jungen Menschen nicht gönnen, dass er seinen Amoklauf überlebt hätte?

Es geht nicht darum, ein nicht entschuldbares Verbrechen zu rechtfertigen. Aber wir sollten, auch dann wenn sich eine Schilderung gerade aufdrängt und uns schlüssig erscheint, nachdenklich bleiben. Die eigentliche Geschichte kann immer eine andere sein.