Tatort ja, Dobrindt nein

Fakten, Fakten, Fakten… Anlässlich der Kür von „Postfaktisch“ zum „Wort des Jahres“ wird von vielen klugen Zeitgenossen darüber geklagt, dass die Menschen nur noch ihren Gefühlen folgen. Ist die Lage wirklich so schlimm?

Wie immer im Leben kommt es darauf an. Wir dürfen die Bedeutung der Wirklichkeit nicht überschätzen. Die Evolution hat uns die Begabung zur Phantasie geschenkt, weshalb es völlig unsinnig wäre, würden wir uns ausschließlich den Fakten widmen. Einhundert Prozent Realität – das ist Überlebenskampf und Stillstand. Träumen – das ist Fortschritt und Revolution. Der Flug zum Mond war als Idee zu seiner Zeit postfaktisch.

Der wahre Faktiker liest keine Romane. Was, bitteschön, sollte ihn interessieren, was sich ein verwuschelter Schriftsteller bei drei Schachteln Zigaretten und zwei Flaschen Rotwein ausgedacht hat? Postfaktisch muss auch nicht aggressiv sein. Wer gerne Krimis liest, wird darüber nicht zum Mörder. Schließlich: Wer sagt uns, dass alles so ist, wie wir glauben. Die Stubenfliege sieht die Welt anders. Aber sieht sie sie deshalb falsch?

Übel ist das Postfaktische allerdings dann, wenn es einem Menschenfeind gelingt, mit unwahren Botschaften andere zu begeistern. Wenn ein schlechter Krimi nach und nach real wird. Wenn zum Beispiel völlig faktenfrei behauptet wird, dass Menschen mit einem bestimmten Äußeren immer böse sind, weshalb sie bekämpft werden müssen. Das hat schon viele Leben gekostet.

Gefährlich ist auch, wenn der träumende Postfaktiker zum unbelehrbaren Wirklichkeitsleugner geworden ist. So wie der deutsche Verkehrsminister. Er drückt seine Pkw-Maut gegen alle Widerstände durch, obwohl er selber wissen müsste, dass er sein Ziel von 500 Millionen Euro jährlichen Einnahmen nie und nimmer erreichen wird. Da phantasiert einer. Und alle zahlen mit.

Bleiben wir phantasievoll und kreativ. Aber ziehen wir die richtigen Linien. Tatort ja, Dobrindt nein – dann muss uns „Postfaktisch“ niemals schrecken.