Gequälte Ferkel retten den Staat

Die Liebe zur Politik wird oft dadurch beeinträchtigt, dass die Zusammenhänge so kompliziert sind. Nehmen wir das Thema „Betäubungslose Ferkelkastration“. Es handelt sich um eine scheußliche Ausuferung einer turbokapitalistischen Landwirtschaft. Aber auch um ein Mittel zur Sicherung des Bildungssystems, zum Erreichen von Chancengleichheit und zur Sicherung der Einkünfte von Immobilienspekulanten.

Die Fakten: Etwa 20 Millionen männlichen Ferkeln werden in Deutschland bei deren vollem Bewusstsein die Hoden abgeschnitten. Denn der Eber duftet nicht. Wir empören uns und rufen „Tierschutz!“. Eigentlich im Einklang mit unseren Parlamentarieren, hat doch der Bundestag schon vor sechs Jahren festgestellt, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, kleinen Schweinchen diese Schmerzen zuzufügen. Grundloses Schinden ist verboten. Das Kastrieren der alten Schule geht trotzdem weiter.

Denn: Die Betäubung kostet fünf Euro. Pro Tier. Und das ist den so genannten Ferkelerzeugern  zu viel, denn ihre Gewinnmarge ist kaum größer.

Kommen wir aber zum großen gesellschaftlichen Zusammenhang:  Wir wissen zwar, dass ein im Schnellverfahren hergemästetes Schweineschnitzel kaum anders schmeckt als eine Spanholzplatte von Ikea. Doch wir wollen und brauchen es billig. Könnten wir nämlich beim Essen nicht sparen, würde uns noch mehr auffallen, wie uns an anderer Stelle die Kosten davonlaufen. Der neue Reichtum von Immobilienspekulanten würde nicht akzeptiert, sondern in eine möglicherweise blutige Revolution münden.

Schließlich die Situation der Studenten. 600 Euro zahlen sie in München im Durchschnitt Miete für ihre Unterkunft. Ohne Billigfleisch und andere Ramsch-Lebensmittel müssten sie das Lernen aufgeben. Die Chance, reich und berühmt zu sein, bliebe auf ewig das exklusive Vorrecht reicher Erben.

Zeigen wir also Demut und lobpreisen wir die Ferkel. Sie sind das Opfer einer riesengroßen Sauerei. Doch sie schaffen Frieden für uns alle.