Die große Freiheit kann ungesund sein

Ist das nicht wunderbar? Unsere Arbeitsministerin Andrea Nahles schwingt die Fackel der Freiheit. Die Menschen sollen sich aus den Fesseln der geregelten Arbeit lösen können Das Leben in digitalen Zeiten wird schön sein.

Sollen wir das wirklich glauben? Zumindest fällt das schwer, wenn man einen Ursprung der Initiative der SPD-Ministerin kennt. Nämlich ein Positionspapier des Bundesverbandes der Arbeitgeber. Darin wird mit Blick auf die Digitalisierung und die Zukunftschancen der deutschen Wirtschaft das Hohelied der Deregulierung gesungen. Acht-Stunden-Tag? Muss weg. Fünf-Tage-Woche? Ist von vorgestern. Denn merke: Schutzgesetze stören bei der bedarfsgerechten Ausbeutung des Humankapitals.

Also lädt man die Menschen zum Mitmachen ein. Und das gefällt den 30-Jährigen, die ihr Büro als Smartphone oder Tablet mit sich herumtragen. Arbeiten wo man will, wan man will, so oft man will – bis das aktuelle Projekt fertig ist.

Bloß: Nur wenige merken, dass clevere Arbeitgeber nur darauf warten, dass sich das flexible Arbeiten eingespielt hat. Dann werden Zielvorgaben Stüclchen für Stückchen weiter nach oben gesetzt. Was den jungen digitalen Helden der Arbeit erst dann bewusst wird, wenn sie mit 45 zum Burnout-Patienten geworden sind. Ob sie danach noch dabei sind, ist fraglich. Kranke oder Leistungsschwache sind in der Cloud nicht gerne gesehen.

Aber Flexibilität hilft uns doch, unser Leben zu organisieren. Sicher, und wer Freiheit geschickt nutzt, wird damit glücklich werden. Wer aber sicher ist, dass abhängig Beschäftigte ihren Chefs ganz selbstbewusst regelmäßig einen Korb geben werden, ist sehr optimistisch. Wahrscheinlicher ist: Wenn die Fackel der Freiheit richtig brennt, wird sie unter unseren Bürostuhl gestellt. Und das bringt uns – jede Garantie – so richtig auf Trab.

 

 

 

 

Kinder machen uns kaputt

Unglaublich. Da wendet unser Staat seit vielen Jahren Unmengen an Geld auf, um die nationale Gebärfreude zu steigern. Es gibt Kindergeld, Elterngeld, Betreuuungsgeld, Kindergartenkostenzuschuss, und, und, und… Doch nun kommt der Club of Rome und verkündet Folgendes: Zu viele Kinder tun dem Planeten nicht gut. Frauen, die mit 50 nicht mehr als einen Sohn oder Tochter auf die Welt gebracht haben, sollen mit einer stattlichen Prämie von 71.000 € belohnt werden.

Verrückt, denkt man sich zunächst. Schließlich betrifft uns das Problem mit der schlampigen Geburtenkontrolle gar nicht. Wenn Überbevölkerung produziert wird, dann doch nicht in Deutschland. Hierzulande würde es für ein solche Prämie einen billigen Mitnahmeeffekt geben. Wer plant schon mit zwei und mehr Kindern? Anderswo gibt es deutlich mehr Babys, allerdings: Da das Industrieland-Kind laut Club of Rome 30-mal so viele Ressourcen verbraucht wie seine Altersgenossen in den Entwicklungsländern, ist es potenziell gefährlicher für das Weltklima.

Die Dinge sind vertrackt. Gar nicht kompliziert ist jedoch der Grundgedanke des Club of Rome. Es ist ein Appell zu einer bescheideneren Lebensweise. Das Wirtschaftswachstum soll gedrosselt, Arbeit gerechter verteilt, das Leben entschleunigt werden. Falls das klappt könnte man die problematische Idee der Forscher, die Rente frühestens mit 70 beginnen zu lassen, vielleicht tatsächlich diskutieren. Richtig gut gefällt die Anregung, gesundheitsschädliche Produkte zu besteuern.

Bleibt noch der Vorschlag, die Erbschaftssteuer in mehreren Schritten auf 100 Prozent anzuheben. Wie bitte? Omas Häuschen soll der Staat bekommen? So nicht. Aber keine Bange: Die bei den Geringverdienern so beliebte AfD will die Erbschaftssteuer ganz abschaffen, die CSU wird wenigstens dafür sorgen, dass dieser Steuersatz erst ab einem Erbe von zehn Milliarden € greift.

Das größte denkbare Unrecht ist somit unwahrscheinlich. Allerdings: Wozu muss noch vererbt werden, wenn es eh keine Kinder mehr gibt? Allmählich beginnen wir zu verstehen.

 

 

 

 

Das lange Warten auf den Renten-Speck

Alsdenn Opa, ran an den Speck. Die deutsche Bundesbank hat gefordert, das Rentenalter auf 69 Jahre zu erhöhen. Gähnt hier das Sommerloch? Oder wird im Auftrag der großen Politik ein unpopulärer Vorschlag auf sein Empörungspotential hin getestet?

Man sollte wachsam sein und Schlimmes befürchten. Während sich das Soziale in unserer Marktwirtschaft zusehends abnutzt, gewinnt der Wunsch der Wirtschaft nachmöglichst umfassender Nutzung des Humankapitals an Bedeutung. Das beginnt beim achtjährigen Turbo-Gymnasium, das Schüler, Eltern und Lehrer gleichermaßen nervt. Und geht hin zu einem immer weiter nach hinten verschobenen Ruhestand. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis der menschlichen Existenz muss stimmen.

Andererseits: Wenn ein deutscher Autokonzern aus Steuergeldern subventioniert wird, damit er ein Elektroauto mit mehr als 150 Kilometern Reichweite entwickeln kann, sollen wir das gut finden. Es geht ja um die Wettbewerbsfähigkeit unserer Produkte, um Arbeitsplätze und damit um die Zukunft überhaupt. Ähnliches wird bei Bankenrettungen erklärt. Der Geldfluss wird hier zwar von einem Grollen begleitet wird, welches für die Versager unter den Spekulanten aber folgenlos bleibt.

Bei den Themen Gesundheit und Soziales wird anders argumentiert: Hier stehen immer die Kosten im Vordergrund. Die Pflege alter Menschen frisst den Staat auf. Die Kranken werden immer teurer. Die  Rente ist selbstverständlich nicht sicher. Lösen lässt sich dieses Problem nur dadurch, dass die Menschen mehr Geld für die Gesundheit ausgeben, Riester-Verträge mit üblen Konditionen abschließen und so lange arbeiten, bis es tatsächlich gar nicht mehr geht.

Warum ist es nicht möglich, dass sich Politiker*innen hinstellen und verkünden, dass sie mit Freude mehr Geld für kranke und alte Menschen ausgeben. Einfach weil es richtig ist, dass die Gesellschaft solidarisch mit den Schwachen ist und nicht nur darauf schaut, ob jemand „den Märkten“ einen Nutzen bringt.

Schön wäre das. Kommen wird es anders. Opa kriegt den Speck, aber bedingungslos erst ganz, ganz spät.

Wer den Bossen blind vertraut, lebt verkehrt

Wir sehen diesen Herrn im feinen Anzug, entweder drahtig und durchtrainiert oder grauhaarig-professoral. Ja, da ist einer, der uns zu führen vermag. Ein Chef wie aus dem Bilderbuch. Wir vertrauen, fühlen uns wohl dabei – und machen einen großen Fehler.

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn hat uns das gerade wieder gelehrt. Vor wenigen Wochen hat er einen heftigen hausinternen Machtkampf gewonnen, weil er von seinen Unterstützern als fähigster Manager überhaupt angesehen wurde. Jetzt ist er weg. Als oberster Verantwortlicher des Größten Anzunehmenden Unfalls, den sein Konzern erleben konnte.

Doch auch andere bedeutende Männer haben uns schwer enttäuscht. Denken wir an den vermeintlichen Quelle-Retter Thomas Middelhoff oder an den Manager Peter Hartz, früher ebenfalls in Diensten von Volkswagen. Nach ihm wurden sogar Gesetze benannt – der Charakter hielt auch bei ihm mit dem Ruhm nicht Schritt.

Sicher, es ist schwer, sich von der Kombination Macht und Geld nicht korrumpieren lassen. Zumal sehr wichtige Personen immer viele Jünger finden und zahlreich Freunde haben. Und wenn dann noch der Zwang dazu kommt, ein Produkt so schönzureden, dass ein Höchstpreis verlangt werden kann, wird es in Sachen Ethik erst recht problematisch.

In Nürnberg wurde gerade ein Gewerkschafter, der sich für die Rechte von Textilarbeiterinnen und -arbeitern in Bangladesch einsetzt, mit dem Menschenrechtspreis geehrt. Amirul Haque Amin kann die Gewinnspanne einer sympathischen Marke wie Adidas sicher gut nachvollziehen. Er wird sie unerhört nennen.

Sehen wir die Dinge realistisch. Dazu gehört zum Beispiel die Erkenntnis, dass vor unseren Arbeitsgerichten die Zahl der Gesetzesbeuger und -brecher auf Arbeitgeberseite höher ist als unter den dort auftretenden Arbeitnehmern. Das mag in der Natur der Sache liegen, weil ja fast immer nur Unternehmen verklagt werden.
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Trotzdem: Der Glaube an die Redlichkeit und Ehrlichkeit aller Bosse ist pure Naivität. Schauen wir also beim nächsten Mal nicht auf den Anzug vom Maßschneider oder auf die seidene Krawatte. Schließen wir die Augen und hören wir zu, was einer sagt. Und die Entzauberung hat begonnen…

Die Geschichte vom anstrengungslosen Umsatz

Zu Hilfe, wir werden ausgebeutet! Immer häufiger kommt es vor, dass Dienstleistungs-Firmen ganz  selbstverständlich davon ausgehen, dass wir ihnen die Arbeit abnehmen. Ein wichtiger Teil unserer Wirtschaft  reklamiert für sich den anstrengungslosen Umsatz. Und wir spielen mit. Ob wir wollen oder nicht.

Angefangen hat das Ganze an der Tankstelle. Wir wurden eingeladen, Benzin selbst zu zapfen. Und weil wir an unser geliebtes Auto nie gerne jemand anders heranlassen wollten, haben wir es frohen Herzens getan. Das dankbare Schlürfen beim Erreichen des Höchst-Füllstandes hat ja auch etwas.

Das ist schon Jahrzehnte her. Heute wird der Selbstbedienungs-Gedanke allerdings ins Absurde gesteigert. Etwa beim Thema Geld. Man geht zu seiner Bank, weil man Erspartes gewinnbringend anlegen will. Sparbuch bringt nichts, also denkt man an Fonds.

Man trifft den Berater. Und erfährt: Nichts. Weil dieser nach vom WPHG, dem Wertpapierhandelsgesetz, vorgeschrieben bekommt, dass er keinen Kunden in eine auch nur leichte Spekulation hineintreiben darf. Erst recht nicht, falls zum Beginn des Gesprächs ein Beratungsprotokoll fehlt. Holt man das nach, ist eine Dreiviertelstunde weg. Was sich nicht lohnt, weil unser Experte ohnehin nur seine hauseigenen Produkte verkaufen darf.  Er lässt zwar durchblicken, dass es auch Besseres gibt, dass er gute Tipps geben könnte, dass er aber schweigen muss.

Ergebnis der Begegnung: Man sitzt daheim vor dem Computer und sucht selbst. Denn kaufen kannst du, was du willst. Der eigentliche Kenner hat geschwiegen. Er erläutert nur noch die fälligen Gebühren.

So sind Banken, aber ein Einzelfall ist das nicht. In immer mehr Supermärkten dürfen Kunden ihre Ware selbst einscannen. Was so lange eine Option ist, bis es alle können. Dann wird es zur Pflicht, die Kassiererin ist dann weg.

Man fragt sich doch: Warum bekommen wir für diese, unsere Arbeit nichts bezahlt? Können uns das die  „Dienstleister“ mal erklären? Falls ja, dann legt mal los…

 

Alles auf eine Karte? Nein, der freie Mensch zahlt bar

Die Botschaft ist klar: Es muss Schluss sein mit dem Geklimper. Es muss aufhören, dass die Suche nach ein paar Cents für Staus an der Supermarkt-Kasse sorgt. Bargeld hat ausgedient. Die Zukunft gehört dem E-Geld.

So stellt sich das Professor Peter Bofinger vor. Der so bezeichnete „Wirtschaftsweise“ sieht im kompletten Umstellen auf Geldkarten aller Art ausschließlich Vorteile. Neben der gewonnen Zeit beim Einkaufen sieht er segensreiche Entwicklungen für die Gesellschaft kommen. Ohne Bargeld würden Schwarzarbeit und Drogenhandel die Basis entzogen.

Ich sehe vor allem folgendenVorteil: Die größere Haltbarkeit der durchschnittlichen Herrenhose. Wer keine Handtasche mit sich herumträgt, wie es bei Männern üblicherweise (noch) der Fall ist, steckt seine Geldbörse in die Gesäßtasche. Das wird immer problematischer. Personalausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte, Mitgliedskarten und andere Produkte aus viereckigem Plastik brauchen viel Platz. Sie werden auch immer mehr.

Gleichzeitig gibt es Bares. Und wer schon einmal einen U-Bahn-Einzelfahrschein mit einem 20-Euro-Schein gekauft hat, wird das zusätzliche Kleingeld kaum noch unterbringen können. Beim Sitzen auf dem taschenbuchdicken Geldbeutel drohen Haltungsschäden. Vor allem aber geht die Hose schneller kaputt.

Klarer Vorteil also für Plastik. Aber sonst? Zunächst darf man annehmen, dass sich die konkrete Erfahrung eines Wirtschaftsweisen mit Einkäufen im Supermarkt in Grenzen hält. Männer dieser Kategorie lassen besorgen. Zudem hat ein Professor seltener als andere Menschen mit Kleinstbeträgen zu tun. Eine Breze mit Kreditkarte kaufen? Für die breite Masse wirkt das zurecht absurd.

Bofingers Vorschlag ist zudem ein Anschlag auf die Rest-Barmherzigkeit in dieser Gesellschaft. Für Bettler hätte man ja nichts mehr übrig. Es sei denn, die Banken geben an ihre Kunden mehrere „Hast-Du-Mal-nen-Euro“-Karten aus. Oder die Sozialverwaltungen statten Obdachlose mit Kartenlese-Geräten aus.

Schließlich: Das Austrocknen illegaler Umtriebe durch Elektro-Cash hat eine üble Kehrseite, nämlich eine Rundum-Shopping-Überwachung. Es würden eine Unmenge von Daten über unseren Umgang mit Geld entstehen. Die monatliche Abrechnung würde uns in die Verzweiflung stürzen. Schließlich würden wir nachlesen, dass wir doch zu viele Kugeln Eis gegessen und zu viel Wein und Bier getrunken haben. Wir wüssten den Grund unseres Übergewichts – und unsere Gesundheitswächter bei der Krankenkasse würden selbstredend den Beitrag verbrauchskonform anpassen.

Was geht es den Staat oder überhaupt andere Leute an, was wir mit unserem Geld machen? Selbstverständlich nichts! Also ab in die Kneipe, ungesundes Essen und Getränke bestellt und mit Bargeld bezahlt. Man hat gesündigt und keiner wird je davon erfahren. Wenn sich für dieses schöne Gefühl ein bisschen Warten nicht lohnt – wofür denn dann?

 

 

Gleicher Lohn fällt nicht vom Himmel

Es war also wieder Equal Pay Day. Bei Veranstaltungen, in Reden, auf Flugblättern wurde auf die „geschlechterspezifische Entgeltlücke“ aufmerksam gemacht. 22 Prozent weniger verdienen Frauen im Durchschnitt laut Statistischem Bundesamt. Bloß: Der Kampf gegen ungerechte Bezahlung hat nicht nur mit Gleichberechtigung zu tun.

Übel wird es immer dort, wenn die Gier von Arbeitgebern auf die Naivität, Trägheit oder auf eine schlichte Hilflosigkeit der Arbeitnehmer trifft. Im Kapitalismus darf man es Unternehmern nicht vorwerfen, wenn sie versuchen, mit geringstmöglichem Aufwand einen größtmöglichen Ertrag zu erzielen. So läuft das Geschäft. Fairness ist in diesem System nicht zwingend.

Nun wissen kluge Chefs, dass anständig bezahlte Mitarbeiter/-innen bessere Ergebnisse bringen. Doch allzu oft siegt die Gier über den Verstand. Also nutzen Unternehmer auch noch das allerletzte Schlupfloch, um ihre Beschäftigten auszunehmen. Bis vor ein paar Jahren war das die Leiharbeit. Heute wird vor allem mit Werkverträgen  Geld gespart. Oder man setzt gleich auf Soloselbstständige. Die sind selber schuld, wenn sie für ein Butterbrot schuften.

Aber wie kommt man zu anständigen Löhnen? Wie kann es gelingen, dass Geschlechtergleichheit nicht dadurch hergestellt wird, dass Männer weniger bekommen? Unsere weit verbreitete Sehnsucht ist, dass sich das schon irgendwie ergibt, dass jemand für uns sorgt. Obwohl erwiesen ist, dass Geld nicht vom Himmel fällt, dass Scheinwerfer keine Scheine werfen und dass Chefs anderen nur seltenst Geschenke machen.

Also gilt: Man erreicht etwas, wenn man sich zusammentut, gemeinsam etwas verlangt und andernfalls mit Liebes-, sprich Arbeitsentzug droht. Oder anders ausgedrückt: Wo es keine Gewerkschaften, keine Tarife und keine Betriebsräte gibt, werden die Menschen verarscht. Wahrheit kann so einfach sein…

 

 

 

 

 

Arbeitgeber sind wie Wasser…

Vorsicht, dieses Land ist in Gefahr. Ein gefräßiges Monster ist unterwegs. Es verzehrt Gewinne, ruiniert famose Firmen und verteuert das Leben für Alle. Es ist der Mindestlohn. Seitdem er gilt, heulen die Chefs.

Der Trost: Arbeitgeber sind wie Wasser. Sie finden immer einen Weg. Der ist manchmal einfach. Wer einen Langzeitarbeitslosen einstellt, darf sechs Monate lang ungestraft Lohndumping betreiben. Auch Praktikanten eignen sich als billige Arbeitskräfte, weil sie die 8,50 € pro Stunde erst bekommen, wenn sie mehr als drei Monate wertschöpfend für ihren Traumberuf üben.

„Bürokratie“ als Kampfbegriff geht immer. Darüber jammern zurzeit zum Beispiel die Transportunternehmen. Müssen sie doch die Arbeitszeit ihrer Fahrer dokumentieren. Die Arbeitgeber flehen „Rettet uns!“ – aber ist was dran? Wieso kann jeder von seinem Sofa aus verfolgen, auf welcher Autobahn sein bestelltes Paket gerade unterwegs ist, aber nicht, wie lange ein Mensch für die Lieferung am Steuer gesessen ist?

Vielleicht geht das nicht, weil Arbeitsstunden manchmal länger dauern. Wenn ein Zimmermädchen vor dem Mindestlohn pro Stunde vier Zimmer gereinigt hat, bekommt sie jetzt den Auftrag, in dieser Zeit sechs Zimmer herzurichten. Das ist nicht zu schaffen, aber die unbezahlte Zusatzzeit ist eben arbeitnehmerisches Risiko.

Apropos: Machen wir doch abhängig Beschäftigte zu mündigen Unternehmern. Schaffen wir Jobs für selbstständige Schubkarrenfahrer. Diese mieten beim Chefunternehmer Karre und Schaufel und bearbeiten dann die Baugruben 9, 10 und 11. Mindestlohn muss nicht gezahlt werden, denn Freiberufler handeln ihr Honorar selber aus.

Das ist der eigentliche Traum der Ausbeuter. Sie bieten Arbeit an und 20 Tagelöhner balgen sind darum, indem sie sich immer weiter unterbieten.  Das 19. Jahrhundert ist zurück. Der Mindestlohn beginnt bei Null. Fressen dürfen wieder die richtigen Leute.

P. S.: Statt Mindestlohn ging auch Schwarzarbeit. Die Bundesregierung weiß das und hatte deshalb geplant, beim Zoll jedes Jahr 160 zusätzliche Kontrolleure auszubilden. Inzwischen ist man davon abgekommen. Man verstärkt mit ihnen lieber die Polizei. Offizielle Begründung: Die islamistische Bedrohung. Die Isis-Mörder helfen beim Lohndumping? Wenn sie das bei Pegida erfahren, dann gnade uns Allah und jeder andere Gott.

 

Das vorgetäuschte Quötleins-Weinen

Oha, unsere Wirtschaft jault wieder auf. Denn die Frauenquote kommt. Die Politik will, dass die trauten Männerrunden in den Aufsichtsräten von etwas mehr als 100 börsennotierten Großunternehmender durch Frauen gesprengt werden. Das ist nicht nur ein Frontalangriff auf die letzten Refugien des Herrenwitzes. Nein, es drohe übelste Zwangswirtschaft, purer Geschlechtersozialismus, sozusagen.

Warum bloß diese Weinerlichkeit? Es geht gerade mal um 200 Jobs. Und an der Qualifikation kann es nicht scheitern. In Krisenzeiten sehen Aufsichtsräte sehr oft schlecht aus und entscheiden falsch. Warum sollte das nicht auch jeder Frau gelingen? Wenn der Begriff „Nieten in Nadelstreifen“ zwecks Emanzipation um „Nieten in Nylonstrümpfen“ ergänzt wird – bitteschön.

Die Frauen wiederum sollten daran denken: Wo das Licht noch nicht so hell ist, wo also die Sonne tief steht, werfen auch kleine Dinge lange Schatten. Darauf hofft die Wirtschaft insgeheim. Dass nämlich diese Quote, die in Wahrheit ein Quötlein ist, die weiblichen Beschäftigten beruhigt. Indem sie ihnen das Gefühl gibt, dass ihnen beim Verwirklichen ihrer Karrierewünsche auch dann geholfen wird, wenn sie ihre Eizellen nicht einfrieren wollen.

Man will ablenken vom allgemeinen Versagen der Wirtschaft. Bis hinunter in kleinste Unternehmen sind Chefs mit der biologischen Tatsache überfordert, dass Frauen Kinder bekommen können. Erst recht wirft es sie aus der Bahn, wenn diese auch noch frei entscheiden, wann das passieren soll.

Es gibt also kein echtes Problem, weshalb wir jetzt im Advent das Lied singen sollten: „Sah ein Chef ein Quötlein steh’n, Quötlein auf der Heid’n. War so zart und wunderschön. Bracht ihn nicht zum Leiden…“

 

 

Vorsicht, Smartphones machen traurig

Es ist rätselhaft: Wenn wir uns die Krisen dieser Welt vor Augen führen, sollte es uns hier blendend gehen. Wir müssten beschwingt durch unser Leben laufen, andere dürften uns ausschließlich lächelnd erleben. Doch stattdessen wirken immer mehr Menschen, als wären sie mit ihrem Leben überfordert. Depression ist die Krankheit unserer Zeit.

Gut, da sind Lebenslügen, die man uns von interessierter Seite gerne unter die Nase reibt. Wir hätten Freizeit und Urlaub wie nie zuvor, die Flugzeuge, Züge und Kreuzfahrtschiffe seien übervoll. Da müssten wir doch glücklich sein. Fragt man bestimmte Unternehmer, werden sie sagen, dass unser Bruttosozialprodukt ein Wunder sei. Wo sich ihre Mitarbeiter doch nur widerwillig zwischen zwei Ferienreisen ein bisschen Zeit für die Firma nähmen. All die Faulenzer sollten doch mal an das Wirtschaftswunder denken. Mit den heutigen kraftlosen Arbeitnehmern wäre unser Aufstieg zum Exportweltmeister nie gelungen.

Vergessen wird dabei zum Beispiel: Der 50er-Jahre-Spruch „Samstags gehört Papi mir“ war kein Slogan einer erfolglosen Nachkriegs-AfD. Darin spiegelte sich das damals übliche Leben. Papi war Ernährer der Familie, Mami war zuhause und kümmerte sich um Heim und Herd. Für die Firma gearbeitet wurde maximal 48 Stunden von einer Person, statt 55 bis 80 Stunden von zwei Personen. Sofern das Geld ohne Zusatzjob reicht.

Aber: Der Mammon macht sowieso nicht froh. Also muss es da noch etwas anderes geben, was uns die Seele eintrübt. Die heiße Spur liefert uns Professor Dr. Johannes Michalak. Der Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke hat gemeinsam mit einigen Kollegen in Kanada erforscht, wie sich unsere Art zu Gehen auf unser Denken auswirkt. Und tatsächlich: Wer mit hängenden Schultern herumschlurft, erinnert sich eher an negative Dinge. Wer fröhlich läuft, kann sich eher positive Dinge merken.

Sofern das stimmt, wundert uns nichts mehr. Denn das Herumschlurfen mit gesenktem Kopf ist die typische Fortbewegungsart des frühen 21. Jahrhunderts. Der moderne Mensch ist ja nicht einfach so unterwegs ist, sondern schaut immer wieder in sein Smartphone. In unserer Zeitnot dürfen wir ja nichts verpassen.Der aufrechte Gang wird zum Auslaufmodell, wir gucken nach unten, die schlechten Gedanken bleiben hängen.

Wir danken dem Professor, wir wissen um die Therapie. Das Handy ausschalten, Kopf nach oben, Brust raus, Pobacken zusammen. Und schon erkennen wir: Es gibt zwar Krisen. Aber noch mehr Spannendes und Schönes. Einen Test ist es wert.