Kälte, dicke Tropfen und giftiger Salat

Groß ist unser Leiden am Wetter. Es will und will nicht wärmer werden, das Auto springt schlecht an, auf dem Balkon werden die Blätter der Topfpflanzen braun. Alles ist furchtbar, weshalb wir nach Trost suchen. Und, klar, am schnellsten findet man ihn immer dort, wo alles noch schlimmer war. Zum Beispiel vor 30 Jahren, nach der Katastrophe von Tschernobyl.

Die Verunsicherung war total. Ich selber war mit kleinen Kindern im Park unterwegs, als es zu regnen begann. Es waren nur einzelne Regentropfen, diese waren aber ganz besonders groß. Wir waren sicher, dass das mit Caesium oder Plutonium zu tun hatte. Frischer Salat galt als giftig und blieb in den Geschäften liegen.

War Jod als Nahrungsmittel-Ergänzung bis dahin nur in der Fernsehwerbung für Wellensittich-Futter propagiert worden, fanden Jod-Tabletten in den Apotheken reißenden Absatz. In den Mutter-Kind-Gruppen ging es nicht um wertvolles Spielzeug, sondern um Hilfen gegen die Angst. Selbst kleine Speckgrütel-Gemeinden schafften sich einen Geigerzähler an. Politiker bissen todesmutig in frische Feldfrüchte.

Wir diskutierten nicht mehr über Kalorien, sondern über Becquerel und Sievert. Der Begriff „Halbwertzeit“ ergänzte unseren Sprachgebrauch. Wir rechneten mit und waren sicher, dass uns diese Strahlung aus dem Osten auch nach unserer zwölften Wiedergeburt noch den Appetit auf frische Pilze verderben würde.

Vorbei. Gottseidank. Und wir können wieder über kleine Sorgen jammern. Heizöl ist gerade billig, und irgendwann muss diese Polarluft weggeweht sein. Die Lage ist schlecht. Aber alles wird gut.

Doch dann kommt da so ein Fernsehbeitrag. Demnach sind die Wildschweine im Bayerischen Wald auch heute noch verstrahlt. Puhhh! Ob Schwarzwild wiedergeboren wird, ist mir nicht bekannt. Aber bitte, lasst es wenigstens heute nicht mehr regnen…