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Silvio? Die Mörderpuppe ist nie ganz weg
Beim Anblick des Cavaliere, dem die Mimik inzwischen komplett aus dem Gesicht operiert worden ist, rauschen mir – passend eigentlich – 50 Jahre Fernsehgeschichte durch den Kopf. Berlusconi erinnert mich an einen Helden meiner Kindheit, den Springteufel Zebulon. Wenn die kleinen Fernsehzuschauer dachten, dass Ruhe im Karton ist, ging der Deckel hoch, und das seltsame Wesen sprang mit einem lauten “Turnikuti, Turnikuta, Zebulon ist wieder da!” aus der Schachtel. Das war Mitte/Ende der 60-er Jahre. Auch der Zonk aus der TV-Show “Geh aufs Ganze!” erinnert mich an unseren ewigen Zombie.
Aber das ist nicht richtig. Denn eigentlich ist das Problemäääh, dass wir Deutsche nicht wolle verstähä, was italienise Sääle bewägä tut.” In seiner Heimat ist Berlusconi nämlich ein Mischwesen aus zwei anderen Protagonisten der Fernsehunterhaltung. Des grimmigen Alles-Wegräumers Gernot Hassknecht aus der heute-show und des Glücksbringers im Postboten-Gewand, Walter Spahrbier. Des biederen Schutzheiligen der “Aktion Sorgenkind”.
Silvio, ein Glücksbringer? Kann nicht wahr sein – stimmt aber doch. Denn so sehr es sich bei Berlusconi um einen offensichtlichen Lumpen und altersgeilen Bock handelt, so clever ist er als Verkäufer in eigener Sache. Er gibt seinen Landleuten immer noch das Gefühl, dass er sie vor Angela Merkel, verückten Richtern, Dieben aller Art und dem Staat als solchem beschützt. Was weh tut, wird von Onkel Silvio geheilt. Deses Volk will in Freiheit glücklich sein. Oder wenigstens daran glauben.
Übersehen wird dabei ein wichtiger Aspekt. Berlusconi tut zwar so, als würde er seine Wahlversprechen mit Milliarden aus seinem Geldspeicher bezahlen. Daran aber denkt er gar nicht. Er macht Politik, um seine Reichtümer zu bewahren. Egal, wem das schadet. Arme Italiener, Ihr verehrt einen Filmstar, die Reinkarnation von Chucky, der Mörderpuppe. Wer das nicht glaubt, schaue auf das Bild zu diesem Beitrag. Er ist es. Und er kommt immer wieder.
Wir haben die Stimmen nur geliehen…
Eine banale, aber wohl auch entscheidende philosophische Weisheit ist die Erkenntnis, dass nichts auf dieser Erde unendlich ist. Alles, was hier kreucht, fleucht und herumsteht, wird irgendwann so nicht mehr da sein. Unterschiedlich sind nur die Verfallszeiten. Plutonium hält sich in der Regel länger als die durch eine demokratische Wahl errungene Macht. Was bedeutet: Kein Volk gehört einer Partei, die Gunst der Menschen ist nur geliehen.
Warum also diese spöttische Gerede über die Leihstimmen der niedersächsischen FDP? Gerade die Liberalen sind an diesem Thema nah dran. Oder glaubt man, dass die Porsches und Audis unserer Zahnärzte bezahlt sind? Nein, sie sind geleast, also geliehen. Und ist nicht die FDP auch die Partei des anlageorientierten Mittelstandes? Haben nicht dort die in Beton gegossenen Spekulationsobjekte ihre wahre Heimat? Verdienen nicht die steuerbegünstigten Hoteliers am Verleih ihrer Betten?
Nein, ein Leben auf Leihbasis gibt es überall. Wir holen uns Bücher auf Zeit aus der Bibliothek. Vielen Menschen gehören Wohnungen, Kühltruhen und Handys vielleicht nie. Frauen wie Bettina Wulff verleihen ihre sagenhafte Schönheit so lange an einen Mann, bis dieser seiner Macht verlustig gegangen ist. Selbst in Sachen Mobilität geht allmählich Pump vor Besitz. Der neue Mercedes lässt uns kalt, stattdessen buchen wir Leihfahrräder und sind mit dem Carsharing-Smart unterwegs.
Philipp Rösler und seine Partei liegen also voll im gesellschaftlichen Trend, wenn sie sich von Menschen wählen lassen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie müssen all diese Stimmen nicht ablehnen. Aber in der CDU, in der wegen des Aufblasens der Liberalen die Macht und dazu etliche Abgeordneten-Jobs weg sind, wird man wahrscheinlich erfahren, wie wahr ein altes jüdisches Sprichtwort ist: “Leihen und borgen machen große Sorgen.” Stammwähler sind nicht unendlich.
Obama, Du machst mich ratlos
Da sitze ich also. Und bin ratlos. Schuld ist US-Präsident Barack Obama. Ich möchte etwas zur großen amerikanischen Politik-Show schreiben. Aber es flutscht nicht, wie es so schön heißt.
US-Wahl 2008, das war für mich so etwas wie Mondlandung Nummer zwei. Ich musste nachts raus und möglichst viel miterleben. Nach der fürchterlichen Regierungszeit des kriegslüsternen Präsidentendarstellers George W. Bush war der Kandidat Obama eine Verheißung. Ein Politiker, der Massen begeistern konnte und einen Wandel zu mehr friedlichem Miteinander auf dieser Welt verhieß. Ihm habe ich zugetraut, dass er fast alles besser machen würde. Den Hinweis damaliger Skeptiker, dass auch dieses Staatsoberhaupt nicht über das Wasser werde gehen können, habe ich als ausgesprochen lästig empfunden.
Wie viel auch von anderen in diesen Mann hineininterpretiert wurde, zeigte die absurde Zuerkennung des Friedensnobelpreises. Danach haben wir gelernt, dass selbst der scheinbar coolste Präsident Kriege nicht einfach beenden kann. Sogar für das Beseitigen staatseigenen Unrechts, des Inselknasts von Guantanamo, fehlte ihm die Kraft.
Obama reloaded ist die Wandlung eines überragenden Heilsbringers zum kleineren Übel. Ich habe auf seine Wiederwahl gehofft. Allerdings vor allem wegen des Gegenkandidaten Mitt Romney, der mir auch deshalb suspekt war, weil er wirkte, als wäre er von einem Hollywood-Regisseur gecastet worden.
Richtig geprickelt hat es aber nicht, also ich heute das Gebrabbel und die Statistikkolonnen in den diversen Wahlsondersendungen verfolgt habe. Es war, trotz der famosen “Swing States”, mehr ein Sachsen- oder Hessenwahl-Gefühl.
Der große Glanz von Barack Obama ist für mich also weg. Aber wahrscheinlich ist das auch besser so. Wer andere zu sehr überhöht, macht Politik zur Religion. Und das hat sich noch nirgends bewährt.
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Der Kampfhund der Sozialdemokratie

Der Blick sagt: Hier kommt der Kampfhund der Sozialdemokratie.
Eigentlich war man sich sicher: Mit dem Rückzug von Gerd, Joschka, Silvio und Nicolas wäre die Zeit der Testosteron-Politiker zumindest in der EU vorbei. Es würde die Ära der Führungsfrauen oder der mit massig emotionaler Intelligenz ausgestatteten Softies anbrechen. Und dann sagt die SPD dieses: Peer Steinbrück soll Bundeskanzler werden.
Gut möglich, dass nun manche über die Verjüngungsstrategien bei den Sozialdemokraten lästern. Kurt Beck kündigt mit 63 seinen Rücktritt an, Peer Steinbrück will mit 65 nochmal richtig durchstarten. Der junge, 51-jährige Sigmar Gabriel schaut in die Röhre. Er könnte, falls Steinbrück Kanzler wird, der Prinz Charles des freiheitlichen Sozialismus werden.
Lustig ist, dass sich die Partei als potentiellen Kanzler jemand ausgesucht hat, der als Anti-Sozialdemokrat auftritt. Einen echten Sozi denkt man sich ja als Person, die voll und ganz dem öffentlichen Wohl sowie den Schutzbedürftigen verpflichtet ist. Der deshalb immer aufpasst, dass er niemand verletzt. Humorverzicht gehört zum Markenkern . Böse wird er nur, wenn es gegen kapitalistische Raubtiere, notorische Ausbeuter und gegen schlecht integrierte Sozialschmarotzer geht, die sich ihre Villen von 3000 Meter Dornenhecke, 20 Kameras und fünf Schäferhunde.
Steinbrück dagegen ist nicht nur villentauglich, er wirkt in seinen Reden und Interviews eher wie ein Bußprediger beim Starkbieranstich. Und er hat einen hohen Spaßfaktor: Zitate wie „Diejenigen, die mit Blick auf die Finanzkrise voreilig von Licht am Ende des Tunnels gesprochen haben, müssen nun feststellen, dass das in Wirklichkeit der entgegenkommende Zug war“, sind sein Markenzeichen.
Keine Frage: Der Kampfhund der Sozialdemokratie ist auf der Bühne. Sein Pech: Schon einmal hat sich gezeigt, dass nicht nur Peer Kanzler, sondern das auch Mutti Frauchen kann. Das war schon das Schicksal manchen starken Mannes…
Der Präsident bremst an der Dänen-Ampel
Die Wahlen sind gelaufen. Jetzt ist die Stuner, um die Ergebnisse sorgfältig in den Gremien zu analysieren. Da mach’ ich doch mal mit.
Vor allem ist mir Sonntagabend aufgefallen, wie provinziell wir denken. Oder wie wenig internationales Hirn uns die seriösen Medien zutrauen. Entgegen aller Bekundungen, dass Europa für unser Schicksal entscheidend sei, wurden wir fast ausschließlich mit Schleswig-Holstein befasst. Sicher, man darf ein Bundesland mit 2,8 Millionen Einwohnern nicht vernachlässigen. Aber muss tatsächlich bei jeder noch so nebensächlichen Regionalwahl die komplette Demoskopie-, Wählerwanderungsanalyse-, Elefantenrunden- und Talk-Show-Maschinerie in Gang gesetzt werden?
Ich kann zwar gut über den Begriff “Dänen-Ampel” schmunzeln, aber es ist es mir reichlich egal, wie viele Krabbenfischer zu den Piraten übergelaufen sind. Und dass der “Genosse Trend” nicht stramm marschiert, sondern eher mit dem Rollator herumschlurft, sollte der SPD inzwischen auch ohne Kieler Ergebnisse klar sein.
Da ist die Wahl in Frankreich doch erheblich schicksalshafter. Immerhin haben einige Atomraketen den Besitzer gewechselt. Ex-Präsidenten-Gattin Carla Bruni hat gerade dies an ihrem Nicolas très sexy gefunden. Der sitzt nun, seines Phallus’ beraubt, beschäftigungslos auf dem Sofa. Meine Prognose: Von dieser Ehe werden wir noch einiges hören und lesen.
Tja, und dann Griechenland. Dieser Staat ist für Europa von der Einwohnerzahl ungefähr so bedeutend wie Schleswig-Holstein für Deutschland. Das dortige Wahlergebnis sollten wir uns aber ganz genau anschauen. Offensichtlich wird der politische Kurs, der die einen kaputt macht, während sich andere im Glanz ihrer Exporterfolge sonnen, nicht mehr akzeptiert.
Erschreckend viele Griechen haben radikalen Politikern Vertrauen geschenkt. So haben Revolutionen oder sogar Bürgerkriege begonnen. Alsdenn: Diese Wut sollte uns viel mehr interessieren, als die Frage, ob ein norddeutscher Landtag künftig in Jamaika liegt.
Das Saarland wird abgeschafft
Als Angehöriger einer im eigenen Bundesland unterdrückten Minderheit, den Franken, sollte man ich mit Schmähungen von Randgruppen zurückhalten. Aber ich kann es nicht anders schreiben: Seit gestern lehne ich das Wort “Saarland” in allen Schreibweisen und Darstellungsformen ab. Es war einfach zu viel.
800.000 Menschen leben in diesem “Bundesland”. Das ist hierzulande das Format einer Großstadt, das würde aber zum Beispiel in Istanbul nur für einen weniger bedeutenden Stadtteil reichen. Trotzdem: Im Fernsehen gab es Sonntagabend stundenlang Prognosen, Hochrechnungen, Interviews, Analysen, Kommentare und eine Elefantenrunde.
Kurzum, es wurde das seit Jahrzehnten erprobte komplette Repertoire für Landtagswahlen abgespielt. Endlos lange wurde geredet, um den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass diese bessere Kommunalwahl irgendeine Bedeutung für Deutschland, Europa und die Welt hätte.
Aber das ist falsch. Vom Saarland wissen wir doch bloß, dass es deswegen mal Ärger mit den Franzosen gegeben hat, dass Erich Honecker dort geboren wurde und dass die Leute einen eigenwilligen Dialekt sprechen. Wir wissen, dass der alte Oskar Lafontaine dort immer noch Politik macht, dass die Landesmutter einen Doppelnamen hat, der in kein Überschrift passt und dass die FDP dort nur wenige Stimmen mehr bekommt als die NPD. Ansonsten kommt dieses Land nicht mal in der Zweiten Fußball-Bundesliga vor. Als Ort für umwälzende Ereignisse ist es somit völlig überschätzt.
Und noch etwas wissen wir: Aus Saarbrücken kommt Deutschlands schlechtester “Tatort”. Aus Franken dagegen gar keiner. Lasst uns zeigen, dass wir es besser können. Das Saarland wird abgeschafft. Dann werdet Ihr schon sehen.
Die Freiheit gehört zu Deutschland!
Er sei weder Heilsbringer, noch Heiliger und auch kein Engel. Das sagt der neue Bundespräsident Joachim Gauck über sich selbst. Wenn man die ersten Reaktionen auf seine Wahl so anschaut, fragt man sich allerdings: Wissen das auch die
anderen? Die Verehrung des neuen Mieters von Schloss Bellevue hat etwas leicht Hysterisches.
Am ehesten stemmen sich noch die Fernseh-Talkshows gegen den sich anbahnenden Personenkult. Deren Macher bekämpfen ihren Phantomschmerz nach Christian Wullfs ruhmlosem Abgang damit, dass sie tagtäglich analysieren, ob dieser Gauck denn tatsächlich der Richtige sei und wie es aussähe, wenn alles ganz anders gekommen wäre. Die Suche nach dem zweiten diskussionsfähigen Thema neben alten und neuen Präsidenten ist in den Redaktionen bislang erfolglos geblieben.
Aber zurück zu Joachimg Gauck. Wirklich günstig ist seine Lage nicht. Denn das Ausmaß der Verehrung bestimmt die Fallhöhe. Die ist erheblich. Bei Gaucks Vorgänger Christian Wulff waren die Erwartungen von vorneherein niedrig. Er scheiterte allerdings auch daran, dass sein reales Verhalten nicht zu seinem Image gepasst hat. Man hatte ihn als farblosen
Saubermann eingeschätzt – tatsächlich war er ein Freund gewinnbringender Netzwerke.
Öffentliche Einschätzung und tatsächliches Auftreten und Handeln müssen zusammenpassen. Dissonanzen werden vom Volk nicht verziehen. Und so steht der neue Bundespräsident vor der Aufgabe, fünf Jahre lang der klügste, wachsamste, kritiscthe und mitfühlendste Präsident aller Zeiten zu sein. Einer zu sein, der zu jeder Zeit und in jeder Situation ein Stückchen besser ist als der Rest der politischen Kaste.
Als Zyniker möchte man da von Herzen „Viel Vergnügen“ wünschen. Und übrigens: Von Christian Wullff ist als positivie Leistung eigentlich nur der Satz „Der Islam gehört zu Deutschland!“ in Erinnerung geblieben. Einen zentralen Satz von Joachim Gauck haben wir bereits begriffen, ohne dass er ihn genau so gesagt hätte: „Die Freiheit gehört zu Deutschland!“. Weitere Ideen sind willkommen…
Wie endet Putin? Wie Stoiber oder wie Rasputin?
Ach, Wladmir! Da gibt es so viele Menschen auf dieser Welt, die so gerne gewählt werden möchten. Du, Putin, zeigst ihnen, wie es richtig geht. Mache ein Land zu deinem Besitz. Mache den Menschen klar, dass das genau und nur so richtig ist. Und sie werden dir folgen.
Ein klein bisschen erinnerst Du uns EU-Europäer an den großen Demokraten Silvio Berlusconi. Auch er war nach außen nie von Selbstzweifeln geplagt. Auch er war körperlich klein, aber in seiner komprimierten Form ein ganzer Kerl. Die schönsten Frauen lagen ihm (und seinem Geldbeutel) zu Füßen.
Der letzte lupenreine Demokrat, der bei uns ein annäherndes Ergebnis wie Du geschafft hat, hieß Edmund Stoiber. Und deshalb sei vorsichtig. Beim weißen Ritter von Wolfratshausen mündete die Zwei-Drittel-Mehrheit in eine absolutistisch-durchgeknallte Phase. Bis sich eine rothaarige Hexe aus dem Fränkischen daran machte, dessen wilden Treiben einen Rücktrittsfluch entgegenzusetzen. Das Ende ist bekannt: Stoiber kämpft jetzt in Brüssel gegen die Demokratie und muss in Passau reden, wenn in Berlin ein Bundespräsident zurückgetreten ist.
Und denke daran, Wladimir, es gab schon einen, der deinen Namen in seinem Namen trug. Rasputin, Grigori Jefimowitsch, ein Wanderprediger und Geistheiler, dem breiten Publikum auch als “Lover of the Russian Queen” bekannt. Nicht zuletzt dank der immensen Kraft seiner Lenden erarbeitete er sich am Hof der Zarin einen enormen Einfluss. Im Laufe des Ersten Weltkriegs wurde er aber zum Sündenbock für die militärische Schwäche des großen russischen Reiches. Am 17. Dezember 1916 wurde Rasputin unter Führung von engen Verwandten von Zar Nikolaus II. ermordet.
Darum, merke, Wladmir. Alle Macht ist endlich. Pass auf, sonst endest Du wie Edmund Stoiber. Im besseren Fall.
Glückwunsch an “unsere” First Lady

Daniela Schadt ist die neue First Lady.
Achtung, hier kommt Nürnberg! Jetzt, wo es so gut wie sicher ist, dass Joachim Gauck neuer Bundespräsident wird, steht es wohl auch fest, dass die neue First Lady aus unserer Stadt kommt. Ich gratuliere meiner Kollegin Daniela Schadt und wünsche ihr für die kommenden fünf Jahre viel Glück und vor allem gute Nerven.
Joachim Gauck ist seit zirka zwölf Jahren mit Daniela Schadt liiert. Bei der „Nürnberger Zeitung“ leitet sie das Ressort Innenpolitik. Zwar verfügt die 51-jährige einen hessischen Migrationshintergrund, hat aber längst bedeutende fränkische Eigenschaften angenommen.
Als da wären ein großer Fleiß sowie die Fähigkeit, widrige äußere Umstände bei Bedarf zu ignorieren. Vor allem aber auch ein feiner, hintersinniger Humor. Ich selber habe Daniela Schadt als offen, interessiert, schlau und richtig nett erlebt. Ihre unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen loben ihre Fähigkeit, herzlich zu lachen und heben ansonsten ihre Freude an klassischer Musik sowie ihren enormen Hunger auf Bücher hervor.
Sollte Joachim Gauck gewählt werden, wäre sie die erste „Präsidentengattin“ ohne Trauschein. Auch ansonsten dürfte sie lockerer auftreten als ihre Vorgängerin. Edle Kostümchen oder Fototermine mit Glamour-Bekanntschaften sind nicht so ihr Ding. Die Gesellschaftsreporter werden es bei ihr nicht so ganz leicht haben.
Schade ist aus hiesiger Sicht, dass Daniela Schadt ihren Job vermutlich aufgeben muss. Es ist ja schwer vorstellbar, dass die First Lady die deutsche Innenpolitik kommentiert. Sollte sie ihre Beziehung zum künftigen Präsidenten unkonventionell fortsetzen wollen, bliebe wohl bloß der Wechsel ins weitestgehend politikfreie Sportressort.
Vielleicht hieße es dann der Fußball-EM nicht mehr “Was sagt der Kaiser?”, sondern “Was denkt die First Lady?”. Eigentlich ist das gar kein dummer Plan…
Die bösen Finnen und der Zorn bei uns
Europa hat ein neues Schreckgespenst: Die “Wahren Finnen”. Sie also sind es, die unseren geliebten Euro weich machen, die wie einst die Hardrock-Monster beim Eurovision Song Contest aus Wäldern und mückenumtosten Seen auftauchend in unsere beschaulichen Städte stürmen und dort Angst und Schrecken verbreiten. Werden wir den Frontalangriff dieser 19-Prozent-Partei überstehen?
Man muss ja erstmal dahin kommen, diese Partei ernsthaft zu betrachten. Gut, es gibt seltsame Parteinamen. Berlusconi “Haus der Freiheiten” oder sein “Furz für Italia” etwa. Aber “Wahre Finnen”? Das klingt wie “Alter Schwede”, wie der Stammtisch eines Karnevalvereins oder nach einer 80er-Jahre Neue-Deutsche-Welle-Combo, aber nicht nach harter Politik.
Aber die Finnen waren uns ja schon immer suspekt. Wir denken da an die Neigung zum Komasaufen, an die hohe Selbstmordrate oder an jenen Skispringer Janne Ahonen, der selbst im Moment größter Freude grundsätzlich keine Miene verzogen hat. Dass Finnland die Heimat der Weltmeisterschaft im Ameisenhaufensitzen sowie im Handy- und Gummistiefelweitwurf ist, passt ins Bild. Andererseits: Wenn Kinder, die diese seltsame Sprache lernen müssen, trotzdem jeden Pisa-Tests gewinnen, spricht das doch sehr dafür, dass im hohen Norden höchste Intelligenz versammelt ist.
Nein, man darf den Protest gegen den Euro nicht unterschätzen. Denn es brodelt auch bei uns. Ich selber habe vor ein paar Tagen in der Nürnberger Fußgängerzone nur einen Sonnenschirm mit dem Logo meiner Gewerkschaft aufgespannt – und wurde sofort in Gespräche über die Ungerechtigkeiten in diesem Land und über Versagen aller möglichen Institutionen verwickelt.
Die Äußerungen waren wirklich massiv. Wollen wir hoffen, dass das den “Wahren Deutschen” nicht hilft.
Horst Köhler geht. Wer soll kommen?
Ich schwöre: Ich war entschlossen, in die allgemeine Lena-Glückseligkeit einen Beitrag zu bringen, in den an tragisch gescheiterte Menschen erinnert wird. Ich hatte die einstige Polit-Ikone Gabriele Pauli auf der Rechnung. Doch dann kam Horst Köhler (siehe Video).
Der Bundespräsident ist zurückgetreten. Weil er wegen seiner Äußerung, wonach es beim Afghanistan-Einsatz auch um Wirtschaftsinteressen gehe, Kritik bekommen habe, die den notwendigen Respekt vor dem Amt habe vermissen lassen. Sein Auftritt kam überraschend, er wirkte irgendwie absurd.
Tja, Äußerungen von Horst Köhler. Hierzu ist zu sagen, dass dieser Bundespräsident vieles war, aber ganz bestimmt kein großer Redner. Er kam langweilig rüber und war immer in der Gefahr von falschen Betonungen. Aber Köhler war auch geradlinig und ehrlich – und wurde insofern als bürgernah angesehen. Er traute sich auch, der jeweiligen Bundesregierung zu widersprechen. Er war für diese kein einfacher Partner.
Was Konservative und Liberale angeht, entwickelt sich die deutsche Politik immer mehr zu einem Trauerspiel. Wer Ecken und Kanten oder Mut zur eigenen Meinung hat, ergreift die Flucht. Zurück bleiben handelnde Personen, von denen immer weniger Menschen glauben, dass sie Probleme lösen können.
Wenn also in den Twitter- und Facebook-Communities heftig darüber gewitzelt wird, ob Stefan Raab ein Bundespräsidenten-Casting organisieren oder den Job selbst machen soll, dann hat das einen bitteren Hintergrund. Man glaubt nicht mehr, dass eine gute Personalentscheidung auf normalem Weg gelingt.
Alsdenn: Wer soll es werden, wer kann es richten?
Was fehlt uns ohne Jürgen Rüttgers?
Nochmal die Frage: Was wird uns fehlen, wenn NRW-Wahlverlierer Jürgen Rüttgers nicht mehr regiert?
Zum Beispiel das hier…
Schicksal ist mehr als eine Landtagswahl
Na toll, wir haben wieder Schicksalswochen. Weil uns Entscheidungen ins Haus stehen, die scheinbar von Hergott, Tod und Teufel gesteuert sind. Und doch ganz und gar irdisch sind.
Wir könnten nun Heidi Klum und ihre Topmodels in Augenschein nehmen, drängender ist freilich die Situation im Profifußball. Seit Wochen reiht sich da ein “Schicksalsspiel” ans andere. Die Funktionäre, die unseren Sprachgebrauch um das Wort “Relegation” bereichert haben, bescheren uns in Nürnberg zwei weitere solcher Erlebnisse. Jedoch: Würde der x-te Abstieg in die Zweite Liga auch als tödliche Schmach gelten, ist doch gerade im Sport eine Auferstehung immer möglich.
Oder die heutige NRW-Wahl. Die deutsche Nachkriegszeit ist gespickt mit so genannten “Schicksalswahlen”. Aber was wäre denn, wenn der bei bestimmten Gelegenheiten käufliche Jürgen Rüttgers samt seiner Regierung einpacken müsste? Wenn daraufhin Angela Merkel stürzen würde?
Klare Antwort: Das Leben würde weitergehen. Vielleicht mit anderen Menschen an der Spitze. aber ansonsten nur unwesentlich anders.
Seien wir also doch ein bisschen sparsamer mit dem Begriff “Schicksal”. Dieser passt doch egentlich nur für ganz schlimmer Ereignisse, für ganz schwere Stunden im Leben eines Menschen. Aber nicht für die Folgen eines verschossenen Elfmeters oder einer Wahl.
Werden wir gelassener. Ansonsten gilt ein Satz des Philosophen Freiherr von Humboldt, nach dem in Nürnberg eine sehr schöne Straße benannt ist: “Wie ein Mensch sein Schicksal meistert, ist wichtiger, als was sein Schicksal ist.”
Neuer SPD-Chef? Fragt Jauch oder macht ein Casting!
Ist schon ein seltsames Gefühl. Da bist du zehn Tage außer Landes – und das Volk stimmt für die “Tigerenten-Koalition” (Maybritt Illner). Dagegen wird die SPD derart abgestraft, dass man es kaum glauben möchte.
Die älteste deutsche Partei braucht also wieder mal einen Vorsitzenden – und hat ihn in Sigmar Gabriel scheinbar schon gefunden. Aber jetzt wartet doch mal. Die SPD hat mit der Variante “Chef wird, wer einmal eine richtig gute Rede hält” einmal vorübergehend gute und einmal schlechte Erfahrungen gemacht. Nachdem Oskar Lafontaine den armen Rudolf Scharping rhetorisch an die Wand genagelt hatte, gab es Schröders Wahlsieg. Nach Münteferings Rückkehr via Münchner Wirtshaus-Rede ist eigentlich gar nichts passiert. Weil Münte nach seinem Comeback fast völlig abgetaucht ist.
Jetzt also soll es nach diesem Prinzip gehen: “Vorsitzender wird, wer die meisten Talkshow-Auftritte überstanden hat.” Tatsächlich war Gabriel in den Wochen vor der Wahl als Anti-Atomkraft-Löwe in nahezu jeder Polit-Plauderei vertreten. Aber reicht das?
Die SPD braucht doch vor allem neue Themen braucht. In der Großen Koalition waren ihre Leute für die unangenehmen und komplizierten Angelegenheiten zuständig. Finanzen, Krankenkassen, Sozialhilfe, etc. Daran dürfen sich jetzt mal die anderen abarbeiten. Die SPD sollte sich dafür jemanden gönnen, der den Menschen Spaß vermitteln und der das Bedürfnis nach richtigen Antworten auf schwierige Fragen befriedigen kann. Letzteres könnte ein Helmut Schmidt, den Spaßbringer könnte ein Horst Schlämmer abgeben. Beides zusammen aber jemand wie Günther Jauch.
Ob man ihn bezahlen kann? Falls nicht, gäbe es den Weg über ein öffentliches Casting. Parteiintern gab es ein solches ja schon mit Scharping, Schröder und Wieczorek-Zeul. Stefan Raab würde die Aktion “DSDSS” (“Deutschland sucht den Super-Sozi”) bestimmt gerne machen. Und ein TV-Casting wäre sogar angemessen. Schließlich haben die Sieger solcher Veranstaltungen üblicherweise eine Lebensdauer von knapp über einem Jahr. So wie SPD-Vorsitzende der letzten fünf Jahre ja auch.
Ich mache den Anfang mit einer kleinen Umfrage. Im Bewusstsein, dass es nicht das letzte Politik-Casting wäre: Die CSU sucht ja auch bald wieder…


Peer Steinbrück: Ein Kerl für die Landwirtschaft
Hiermit stelle ich Folgendes fest: Ich finde Peer Steinbrück witzig. Einen Politiker, der derart ohne Rücksicht auf Verluste sagt, was er gerade denkt, hatten wir schon lange nicht mehr. Aber ob er der richtige Kanzler ist?
Der SPD-Kanzlerkandidat hat unter Ausnutzung seiner sämtlichen Beinfreiheit erklärt, dass er ziemlich entsetzt beobachtet habe, dass in Italien zwei Clowns die Wahlsieger seien. Und prompt läuft die allgemeine Empörungsmaschinerie. Aber was ist falsch daran? Wahlsieger Nummer 1, Beppe Grillo, ist Komiker von Beruf. Und zwar einer, der sich härter äußert, als es ein Peer Steinbrück je machen würde. 25 Prozent der Wählerstimmen hat er mit seinen Sprüchen erreicht. Also ein Ergebnis, mit dem eine SPD zur Not leben könnte.
Und Silvio Berlusconi? Zirka 99 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass es sich bei ihm um einen, wenn auch fiesen Clown handelt. Und hatte sich nicht Angela Merkel dereinst an der Seite des französischen Staatskomikers Nicolas Sarkozy köstlich über den verrückten Italiener amüsiert?
Warum also darf man das nicht sagen? Na klar, weil es in der ganz großen Politik nicht um die Wahrheit geht. Ein Bundeskanzler muss jederzeit in der Lage sein, einem Massenmörder lächelnd die Hand zu schütteln. Vor allem dann, wenn sein Land über Bodenschätze oder über einen stolzen Militärhaushalt verfügt. Er muss selbst bei den übelsten Typen so tun, als seien sie irgendwie nette Kerle. Die Kunst des Redens geht einher mit der Bereitschaft zum Schweigen.
Also kann Genosse Peer schwerlich Kanzler, aber schon gar nicht Außenminister in einer großen Koalition werden. Sein bestmöglicher Job wird zurzeit von einer gewissen Ilse Aigner besetzt. Man stellte sich vor: Der SPD-Kampfplauderer als der unerbittlichste aller Lebensmittelkontrolleure, als Rächer der Dioxin-Eier und Gammel-Döner. Steinbrück for Landwirtschaft! Das haut hin! Das ist der Plan!