Posts Tagged ‘Wahl’

März 17th, 2014

Wählen kann auch sexy sein

Absolute Mehrheit für die Nichtwähler! Nach der Kommunalwahl herrschte nicht nur bei uns in Nürnberg unter Politikern und politisch Interessierten totales Unverständnis, wieder einmal. Woher in aller Welt komme diese Wurstigkeit? Was erlaube Wahlvolk?

Wundern kann man sich schon. Das bayerische Kommunalwahlrecht ist Demokratie pur. Man ist an keine Partei gebunden. Man kann einzelne Kandidaten favorisieren oder streichen. Ganz wie man will. Bei uns hatten die Menschen 70 Stimmen zum persönlichen Jonglieren. Das Jammern, dass man ganz und gar den Vorgaben der Parteien ausgeliefert sei, passt hier nicht. Trotzdem lag die Wahlbeteiligung nur bei 44 Prozent.

Wundern muss man sich nicht. Eine hohe Wahlbeteiligung entsteht durch Spannung. Wenn kontroverse Themen fehlen, wenn sich die Stadtbewohnern wohlfühlen, anstatt zu diskutieren, fehlt das Gefühl, dass man als Nichtwähler etwas verpassen könnte. Wenn dann auch noch Sofawetter herrscht, panaschiert man eben lieber mit Kaffee, Chips und Bienenstich.

Wundern muss man sich nicht. Denn wir sind gar nicht so interessiert daran, was vor unserer Haustüre passiert. Wenn der Schnee zuverlässig von der Straße geräumt wird, ist schon viel errreicht. Wir schimpfen über Hundekot, Ratten, Tauben, Müll auf den Straßen, Spielsalons und benzingetriebene Laubbläser. Für die wirklich großen Probleme fehlt uns die Zeit. E läuft ja Bundesliga.

Freuen darf man sich doch. Ein aus Afrika stammendes Ehepaar wählt, frisch eingebürgert, zum ersten Mal. Mit Stolz und strahlenden Gesichtern. Wählen kann also sexy sein. Man muss es nur zu schätzen wissen.

September 23rd, 2013

Aliens sind unsere Hoffnung

Weltsensation! Die Bild-Zeitung, die gerade mit einer Sonderausgabe zur Bundestagswahl 41 Millionen Haushalten die Altpapiertonnen verstopft hat, meldet also außerirdisches Leben in unserer Stratosphäre. Es handle sich um Einzeller, deren DNA-Struktur einer irdischen Algenart gleiche. Liebe Leute, warum wundert uns das? Es muss extraterristrisches Spezies geben. Alles andere wäre ein dramatisches Versagen der Evolution.

Stellen wir uns doch bloß mal vor, es wäre der Endpunkt der Schöpfung, dass Bild, RTL 2 und Bunte nebeneinander existieren können. Stellen wir uns vor, Gott würde mit Wohlgefallen auf den Euro-Rettungsschirm und auf das deutsche Steuerrecht in seiner Gesamtheit schauen. Er würde sagen, dass beides so blendend aufgebaut sei, als wäre es direkt vom Baum der Erkenntnis gepflückt.

Stellen wir uns weiter vor, dass es galaxieweit keine Spezies gäbe, die erkannt hätte, dass Telefon-Flatrates mit angegliedertem Schrottservice zu überwinden sind. Und dass es so genannte Führungs-Nationen gäbe, in denen eine Angela Merkel an der absoluten Mehrheit kratzt.

Nein, es wäre eine Tragik des universalen Lebens, wenn es keine klügere Lebewesen als uns Menschen gäbe. Wenn Wahlkämpfe der SPD und der Grünen den Standard für andere Planenten setzen würden. Wenn die die AfD auf dem Mars die Abschaffung des Sonnendollars fordern könnte.

Nein, Aliens sind keine Bedrohung. Sie sind unsere Hoffnung. Aber wer weiß, vielleicht hat das Aufräumen schon begonnen. Die FDP wurde am Wahlsonntag eindrucksvoll eliminiert. Wie? Sie meinen, das kann nicht das Werk von Aliens sein, weil die doch bestenfalls in der Stratosphäre sitzen? Tja, aber war da nicht dieser Irre, der aus größter Höhe abgesprungen ist? Ja, er hat sie mitgebracht. Red Bull verleiht der Evolution Flügel. Sie sind da. Herzlich willkommen!

September 19th, 2013

Geh wählen! Hier ist der allerbeste Spot

Ich gestehe, dass ich Fan von Wahlwerbespots bin. Wann sonst erfährt man, was die Partei Bibeltreuer Christen im Programm hat? Die handverwackelten Videos der Kleinparteien sind allemal lustiger als die geradezu klinisch Filme der Großen. Aber das hier ist für mich der ultimative Spot. Gemacht von der IG Metall, temporeich, witzig und aufrüttelnd. Anschauen lohnt sich!

http://www.youtube.com/watch?v=qorPt1dxxWY

September 5th, 2013

Eine Schlande für das Lande

Sie ist einfach unerhört: Die Flapsigkeit und Schludrigkeit, mit der die größten Fernsehmacher dieser Republik mit unser aller Schicksal umgehen. Da wird mit viel Brimborium ein durch und durch faires TV-Duell zwischen Angela Merkel und ihrem Herausforderer Peer Steinrück angekündigt. Alles ist reguliert.  Wer wie lange antworten darf, wer zuerst reden muss und wer das Schlusswort hat. Und dann dieses: Man erlaubt die “Schlandkette”.

Da hat sich die Kanzlerin also ein Schmuckstück in den deutschen Farben um den Hals gehängt. Hergestellt in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz aus Bergkristall, Onyx und Schaumkristallen. Und schon geht der Wahnsinn los. Die halbe Welt diskutiert über die so genannte “Schlandkette”.  Billigjobs? Finanzkrise? Energiewende? Wer sich am patriotischen Schmuck ergötzt, muss sich nicht mit wirklichen Problemen quälen.

Denn noch während sich die Politiker an sich und an den Moderatoren abarbeiteten, lief auf Twitter die Debatte heiß. Ist die Kette nicht eher belgisch? Wann wird die Bestell-Hotline eingeblendet? Ist diese Kette ein Schmuckstück oder doch ein Halsband? Wann wird die Kette zu mächtig, bekommt das vollste Vertrauen ausgeprochen und wird daraufhin für immer ins Schmuckkästchen gesperrt?

Zumindest Letzteres wird nicht passieren, denn die Schlandkette hat viele Beschützerinnen und Beschützer. Stand heute haben 3500 Facebook-User die Schlandketten-Seite mit “Gefällt mir” markiert. Auf Twitter hat @schlandkette 8300 Follower/-innen, die begierig auf neue Erlebnisse am Hals der Kanzlerin warten.

Wir waren und sind also mächtig abgelenkt. Was nur bedeuten kann, dass das Duell wiederholt werden muss. Das Herzeigen nationaler Symbole wird untersagt. Peer Steinbrück wird genötigt, eine Perücke mit Merkel-Frisur aufzusetzen und den gleichen Lippenstift zu verwenden. Dafür muss die Kanzlerin einen blauen Anzug mit Krawatte tragen.

Wie es wirkt, wenn sich die Rivalen ähneln, war beim bayerischen TV-Duell zu erleben. Zwei reife Herren im Anzug tauschten ihre Argumente aus. Wie zu hören war, soll die Sendung nicht gerade prickelnd gewesen. Langweilig ja, aber eben in aller Würde.  Gut so, denn alles andere ist eine Schlande.

August 31st, 2013

Wir warten auf DAS DUELL

Seit Wochen wabert der Wahlkampf durch unser Leben. So recht will uns die ganze Sache nicht begeistern. Aber nun schlägt die Stunde der Entscheidung, es gibt die Mutter aller Schlachten. Deutschland erlebt “D A S   D U E L L”.

Welch Ereignis! Identische Themen auf vier Sendern gleichzeitig erlebt man sonst nur bei Traumhochzeiten im englischen Königshaus. Aber klar, auch hier geht es um den Kern unser aller Existenz. Was aus uns wird, wird an diesem 1. September entschieden. Alles, was vorher in diesem so genannten Wahlkampf war, ist Makulatur.

Allerdings: Ein richtiges Duell ist das Ganze nicht. Das war früher. Da hat man sich im Morgennebel am Fluss oder um zwölf Uhr mittags zur Musik von Ennio Morricone zwischen Saloon und Telegrafen-Station getroffen. Es war abgemacht, dass nur einer überleben würde. Friedrich Nietzsche hat das so auf den Punkt gebracht: “Das Duell ist der letzte übrig gebliebene, völlig ehrenvolle Weg zum Selbstmord, leider ein Umschweif, und nicht einmal ein ganz sicherer.”

Also werden wir genau zuhören, was sie oder er sagen. Wir werden die Gesten, den Gesichtsausdruck von Angela Merkel und Peer Steinbrück beobachten – und uns am Ende unser Bild machen. Wir sind dann reif zu entscheiden, wen wir als Kanzler/in wollen. Wir machen unsere Kreuze bei der entsprechenden Partei.

Aber Vorsicht, die Sache ist ungewiss. Es könnte auch so laufen, wie es der Dichter Gottlieb Konrad Pfeffel im 18. Jahrhundert in seinem Gedicht “Das Duell” geschildert hat (bitte berücksichtigen, dass sich damals nur Männer duelliert haben):

Um eine Ziege balgten sich

Zwei Böcke, warm von Herz und Stirne.

Der Kampf war lang und fürchterlich

Zum Glück erschien zuletzt die Dirne

Und rief: Ihr Herren, haltet ein;Weswegen rauft ihr?

“Nur um dich allein!”

“Um mich?

Den Streit kann ich entscheiden.

Ich liebe keinen von euch beiden.”

 

August 30th, 2013

Und was wünschen Sie?

Die Wahlkampfzeit ist immer auch die Zeit der Umfragen: Ich rufe Sie auf, aus fünf tatsächlich vorhandenen Wahlkampfthesen Ihren Favoriten auszuwählen. Rechtzeitig vor der Wahl wird aufgelöst, welche Forderung zu welcher Partei gehört.

 

August 10th, 2013

Söders Salat und der Arsch der Republikaner

Was haben Menschen und Botschaft miteinander zu tun?

Was haben Menschen und Botschaft miteinander zu tun?

Ganz ehrlich, ich langweile mich. Nur zu gerne würde ich über die großen Dramen und Tragödien anlässlich der bevorstehenden Wahlen schreiben. Es drängt mich danach, leidenschaftlich für die einen zu werben und vor den anderen zu warnen. Ich möchte der Demokratie dienen. Allein, es geht nicht.

Es gibt ein klares Indiz dafür, dass Politik und Wahlvolk diesmal gleich träge sind. Keine/r der Matadore/-innen droht bisher mit einer “Schicksalswahl”. Die Bundeskanzlerin schweigt, ihr Herausforderer Peer Steinbrück sagt immer etwas, was irgend jemand aufregt. CSU-Chef Horst Seehofer sagt immer das, was nach den jeweils aktuellen Umfragen den meisten Menschen gefällt.

Das Leid dieser Wahlen zeigt sich auch an den Plakaten. Hierzu nur Beispiele: Für die CSU kandidiert bei der bayerischen Landtagswahl im Stimmkreis Nürnberg-Nord der Landwirt Michael Brückner. Auf dem Plakat steht unter seinem Namen der Slogan “Frisches aus dem Knoblauchsland”. Was bedeutet das politisch? Wurde gentechnisch ein Zwirbelsalat gezüchtet, der sich beim Wachstum genauso oft um die eigene Achse dreht wie Horst Seehofer bei der Anwendung seiner Prinzipien? Soll konservativen Müttern eine kostenlose Tüte Karotten als Dreingabe zum Betreuungsgeld versprochen werden? Oder können Panini-Sammelbilder mit dem Porträt von Finanzminister Markus Söder ab sofort mit der Gemüsekiste bestellt werden?

Die SPD wiederum offeriert ihren bayerischen Spitzenkandidaten Christian Ude als den Ministerpräsidenten, “der Wort hält”. Optisch wird das so umgesetzt, dass Ude einen vermutlich aus Styropor geschnitzten Schriftzug “Wort” in der Hand hält. Das ist jene Kategorie Kalauer, für die Comedians selbst bei der Bambi-Verleihung von der Bühne gepfiffen werden. Die Sozialdemokratie war nie das Biotop des Humors. Aber warum hat man, wenn schon, das Ganze nicht weiterentwickelt? Warum nicht Vegetarier mit dem Satz ansprechen “Ude, der Mann, der beim Schlachten bummelt”? Und Sportfans mit dem Slogan “Der Politiker, der den Fuß ballt”?

Die Plakate der Grünen sind mit ihren mehreren Köpfen so kompliziert, dass man sie schon beim Vorbeifahren auf dem E-Bike nicht erfassen kann. Auch die Linke bietet so viel Botschaft, dass Autofahrer allenfalls das Wort “sozial” erfassen werden. Bei der FDP reicht eigentlich der Hinweis, dass ein lokaler Kandidat Facharzt ist. Man kennt dann das Programm.

Die Piraten zeigen eine Oma mit zwei Enkelkindern und schreiben dazu “Nicht käuflich, nur wählbar”. Gibt es also die Forderung nach kostenlosen Tagesmüttern? Schließlich sind die Republikaner am Start. Sie zeigen vier Mal einen Hintern, wobei dieser mit den Farben der Konkurrenz unterlegt ist und fragen, welches A……… man diesmal zu wählen gedenke. Andy Warhol hat gestalterisch Marilyn Monroe auf diese Weise bearbeitet, die Rockgruppe Queen hat so ein missratenes Plattencover gestaltet. Man fragt sich nur: Warum fehlt hier der braune Arsch?

Trotz alledem: Ich will dieser Demokratie dienen. Meine Heimatstadt hat mich als Wahlvorsteher eingeteilt. Da werde ich ganz korrekt sein. Ich halte Wort.

 

Mai 31st, 2013

Das große Finale für Angela Merkel

Am 1. Juni rollt es nochmal so richtig, das runde Leder. Auf zahllosen Sofas werden die Menschen verfolgen, ob der FC Bayern München Geschichte schreibt, indem er das Gleiche schafft wie die Fußballerinnen des VfL Wolfsburg: In einer Saison Meisterschaft, Champions League und DFB-Pokal zu gewinnen. Doch nach dem Abpfiff ist definitiv Schluss mit lustig. Dann wird es ernst für Angela Merkel. Denn dann schlägt die Stunde der Politik.

Schon unpraktisch, wenn in einem unrunden Jahr wie 2013 gewählt wird. Keine glanzvolle Fußball-WM oder -EM, kein deutscher Dreifach-Triumph beim olympischen Kanufahren, kein Dressurreiten zu “Glorious”. Neue Superstars und Top-Models sind schon gefunden, nur ein paar Bauern suchen noch eine Frau. Die Menschen, die sich zuletzt vor lauter Fußball so gar nicht über versemmelte Drohnen-Millionen, über die schleichende Enteignung durch Mini-Zinsen oder über das ungebremste Morden in Syrien aufregen konnten, sind jetzt nicht mehr abgelenkt. Sie können sich voll auf die Leistungen der Politik konzentrieren. Und werden vielleicht feststellen: Ähem, da ist ja gar nichts.

Gut, die Bild-Zeitung wird sich alle Mühe geben, damit Angela Merkel weiterhin weitgehend verdeckt operieren kann. Es werden sich schon ein paar unglückliche Promis für eine Schmerzensgeschichte finden lassen. Mit dem heutigen Aufmacher über einen “Malerfürsten”, der bei Rot über die Ampel gegangen und der Polizei in die Arme gelaufen ist, wurde der Doofheits-Level schon mal nach unten ausgelotet. Weiterer Krampf wird folgen. Wenn es sein muss, täglich.

Wenn all das nichts hilft, wenn sich kein Promi-Paar in Scheidung und Rosenkrieg stürzt, heißt es: Ring frei! Zu einem bislang ungleichen Kampf, bei dem – um im Fußball zu bleiben – Angela Merkel wie Jogi Löw und Peer Steinbrück wie Werner Lorant gewirkt hat.

Aber das kann sich ändern. Denn Geschichte wird immer wieder neu geschrieben. Warum eigentlich bloß durch Bayern München?

Februar 28th, 2013

Peer Steinbrück: Ein Kerl für die Landwirtschaft

Hiermit stelle ich Folgendes fest: Ich finde Peer Steinbrück witzig. Einen Politiker, der derart ohne Rücksicht auf Verluste sagt, was er gerade denkt, hatten wir schon lange nicht mehr. Aber ob er der richtige Kanzler ist?

Der SPD-Kanzlerkandidat hat unter Ausnutzung seiner sämtlichen Beinfreiheit erklärt, dass er ziemlich entsetzt beobachtet habe, dass in Italien zwei Clowns die Wahlsieger seien. Und prompt läuft die allgemeine Empörungsmaschinerie. Aber was ist falsch daran? Wahlsieger Nummer 1, Beppe Grillo, ist Komiker von Beruf. Und zwar einer, der sich härter äußert, als es ein Peer Steinbrück je machen würde. 25 Prozent der Wählerstimmen hat er mit seinen Sprüchen erreicht. Also ein Ergebnis, mit dem eine SPD zur Not leben könnte.

Und Silvio Berlusconi? Zirka 99 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass es sich bei ihm um einen, wenn auch fiesen Clown handelt. Und hatte sich nicht Angela Merkel dereinst an der Seite des französischen Staatskomikers Nicolas Sarkozy köstlich über den verrückten Italiener amüsiert?

Warum also darf man das nicht sagen? Na klar, weil es in der ganz großen Politik nicht um die Wahrheit geht. Ein Bundeskanzler muss jederzeit in der Lage sein, einem Massenmörder lächelnd die Hand zu schütteln. Vor allem dann, wenn sein Land über Bodenschätze oder über einen stolzen Militärhaushalt verfügt. Er muss selbst bei den übelsten Typen so tun, als seien sie irgendwie nette Kerle. Die Kunst des Redens geht einher mit der Bereitschaft zum Schweigen.

Also kann Genosse Peer schwerlich Kanzler, aber schon gar nicht Außenminister in einer großen Koalition werden. Sein bestmöglicher Job wird zurzeit von einer gewissen Ilse Aigner besetzt. Man stellte sich vor: Der SPD-Kampfplauderer als der unerbittlichste aller Lebensmittelkontrolleure, als Rächer der Dioxin-Eier und Gammel-Döner. Steinbrück for Landwirtschaft! Das haut hin! Das ist der Plan!

Februar 26th, 2013

Silvio? Die Mörderpuppe ist nie ganz weg

Es lebe die Mörderpuppe!

Es lebe die Mörderpuppe!

Es gibt Lebewesen und Dinge, die man einfach nicht wegkriegt. Spinnen, Kakerlaken, Hundeflöhe, Gartenschnecken, Maulwürfe, aber auch Blut-, Rost- und Rote-Beete-Flecken. Und es gibt Silvio Berlusconi. Über ihn wissen wir jetzt endgültig, dass er nie ganz weg sein wird. So lange es in Italien Politik gibt.

Beim Anblick des Cavaliere, dem die Mimik inzwischen komplett aus dem Gesicht operiert worden ist, rauschen mir – passend eigentlich – 50 Jahre Fernsehgeschichte durch den Kopf. Berlusconi erinnert mich an einen Helden meiner Kindheit, den Springteufel Zebulon. Wenn die kleinen Fernsehzuschauer dachten, dass Ruhe im Karton ist, ging der Deckel hoch, und das seltsame Wesen sprang mit einem lauten “Turnikuti, Turnikuta, Zebulon ist wieder da!” aus der Schachtel. Das war Mitte/Ende der 60-er Jahre. Auch der Zonk aus der TV-Show “Geh aufs Ganze!” erinnert mich an unseren ewigen Zombie.

Aber das ist nicht richtig. Denn eigentlich ist das Problemäääh, dass wir Deutsche nicht wolle verstähä, was italienise Sääle bewägä tut.” In seiner Heimat ist Berlusconi nämlich ein Mischwesen aus zwei anderen Protagonisten der Fernsehunterhaltung. Des grimmigen Alles-Wegräumers Gernot Hassknecht aus der heute-show und des Glücksbringers im Postboten-Gewand, Walter Spahrbier. Des biederen Schutzheiligen der “Aktion Sorgenkind”.

Silvio, ein Glücksbringer? Kann nicht wahr sein – stimmt aber doch. Denn so sehr es sich bei Berlusconi um einen offensichtlichen Lumpen und altersgeilen Bock handelt, so clever ist er als Verkäufer in eigener Sache. Er gibt seinen Landleuten immer noch das Gefühl, dass er sie vor Angela Merkel, verückten Richtern, Dieben aller Art und dem Staat als solchem beschützt. Was weh tut, wird von Onkel Silvio geheilt. Deses Volk will in Freiheit glücklich sein. Oder wenigstens daran glauben.

Übersehen wird dabei ein wichtiger Aspekt. Berlusconi tut zwar so, als würde er seine Wahlversprechen mit Milliarden aus seinem Geldspeicher bezahlen. Daran aber denkt er gar nicht. Er macht Politik, um seine Reichtümer zu bewahren. Egal, wem das schadet. Arme Italiener, Ihr verehrt einen Filmstar, die Reinkarnation von Chucky, der Mörderpuppe. Wer das nicht glaubt, schaue auf das Bild zu diesem Beitrag. Er ist es. Und er kommt immer wieder.

Januar 21st, 2013

Wir haben die Stimmen nur geliehen…

Eine banale, aber wohl auch entscheidende philosophische Weisheit ist die Erkenntnis, dass nichts auf dieser Erde unendlich ist. Alles, was hier kreucht, fleucht und herumsteht, wird irgendwann so nicht mehr da sein. Unterschiedlich sind nur die Verfallszeiten. Plutonium hält sich in der Regel länger als die durch eine demokratische Wahl errungene Macht. Was bedeutet: Kein Volk gehört einer Partei, die Gunst der Menschen ist nur geliehen.

Warum also diese spöttische Gerede über die Leihstimmen der niedersächsischen FDP? Gerade die Liberalen sind an diesem Thema nah dran. Oder glaubt man, dass die Porsches und Audis unserer Zahnärzte bezahlt sind? Nein, sie sind geleast, also geliehen. Und ist nicht die FDP auch die Partei des anlageorientierten Mittelstandes? Haben nicht dort die in Beton gegossenen Spekulationsobjekte ihre wahre Heimat? Verdienen nicht die steuerbegünstigten Hoteliers am Verleih ihrer Betten?

Nein, ein Leben auf Leihbasis gibt es überall. Wir holen uns Bücher auf Zeit aus der Bibliothek. Vielen Menschen gehören Wohnungen, Kühltruhen und Handys vielleicht nie. Frauen wie Bettina Wulff verleihen ihre sagenhafte Schönheit so lange an einen Mann, bis dieser seiner Macht verlustig gegangen ist.  Selbst in Sachen Mobilität geht allmählich Pump vor Besitz. Der neue Mercedes lässt uns kalt, stattdessen  buchen wir Leihfahrräder und sind mit dem Carsharing-Smart unterwegs.

Philipp Rösler und seine Partei liegen also voll im gesellschaftlichen Trend, wenn sie sich von Menschen wählen lassen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie müssen all diese Stimmen nicht ablehnen. Aber in der CDU, in der wegen des Aufblasens der Liberalen die Macht und dazu etliche Abgeordneten-Jobs weg sind, wird man wahrscheinlich erfahren, wie wahr ein altes jüdisches Sprichtwort ist: “Leihen und borgen machen große Sorgen.” Stammwähler sind nicht unendlich.

 

November 8th, 2012

Obama, Du machst mich ratlos

Da sitze ich also. Und bin ratlos. Schuld ist US-Präsident Barack Obama. Ich möchte etwas zur großen amerikanischen Politik-Show schreiben. Aber es flutscht nicht, wie es so schön heißt.

US-Wahl 2008, das war für mich so etwas wie Mondlandung Nummer zwei. Ich musste nachts raus und möglichst viel miterleben. Nach der fürchterlichen Regierungszeit des kriegslüsternen Präsidentendarstellers George W. Bush war der Kandidat Obama eine Verheißung. Ein Politiker, der Massen begeistern konnte und einen Wandel zu mehr friedlichem Miteinander auf dieser Welt verhieß. Ihm habe ich zugetraut, dass er  fast alles besser machen würde. Den Hinweis damaliger Skeptiker, dass auch dieses Staatsoberhaupt nicht über das Wasser werde gehen können, habe ich als ausgesprochen lästig empfunden.

Wie viel auch von anderen in diesen Mann hineininterpretiert wurde, zeigte die absurde Zuerkennung des Friedensnobelpreises. Danach haben wir gelernt, dass selbst der scheinbar coolste Präsident Kriege nicht einfach beenden kann. Sogar für das Beseitigen staatseigenen Unrechts, des Inselknasts von Guantanamo, fehlte ihm die Kraft.

Obama reloaded ist die Wandlung eines überragenden Heilsbringers zum kleineren Übel. Ich habe auf seine Wiederwahl gehofft. Allerdings vor allem wegen des Gegenkandidaten Mitt Romney, der mir auch deshalb suspekt war, weil er wirkte, als wäre er von einem Hollywood-Regisseur gecastet worden.

Richtig geprickelt hat es aber nicht, also ich heute das Gebrabbel und die Statistikkolonnen in den diversen Wahlsondersendungen verfolgt habe. Es war, trotz der famosen “Swing States”, mehr ein Sachsen- oder Hessenwahl-Gefühl.

Der große Glanz von Barack Obama ist für mich also weg. Aber wahrscheinlich ist das auch besser so. Wer andere zu sehr überhöht, macht Politik zur Religion. Und das hat sich noch nirgends bewährt.

 

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Oktober 2nd, 2012

Der Kampfhund der Sozialdemokratie

Der Blick sagt: Hier kommt der Kampfhund der Sozialdemokratie.

Eigentlich war man sich sicher: Mit dem Rückzug von Gerd, Joschka, Silvio und Nicolas wäre die Zeit der Testosteron-Politiker zumindest in der EU vorbei. Es würde die Ära der Führungsfrauen oder der mit massig emotionaler Intelligenz ausgestatteten Softies anbrechen. Und dann sagt die SPD dieses: Peer Steinbrück soll Bundeskanzler werden.

Gut möglich, dass nun manche über die Verjüngungsstrategien bei den Sozialdemokraten lästern. Kurt Beck kündigt mit 63 seinen Rücktritt an, Peer Steinbrück will mit 65 nochmal richtig durchstarten. Der junge, 51-jährige Sigmar Gabriel schaut in die Röhre. Er könnte,  falls Steinbrück Kanzler wird, der Prinz Charles des freiheitlichen Sozialismus werden.

Lustig ist, dass sich die Partei als potentiellen Kanzler jemand ausgesucht hat, der als Anti-Sozialdemokrat auftritt. Einen echten Sozi denkt man sich ja als Person, die voll und ganz dem öffentlichen Wohl sowie den Schutzbedürftigen verpflichtet ist. Der deshalb immer aufpasst, dass er niemand verletzt. Humorverzicht gehört zum Markenkern . Böse wird er nur, wenn es gegen kapitalistische Raubtiere, notorische Ausbeuter und gegen schlecht integrierte Sozialschmarotzer geht, die sich ihre Villen von 3000 Meter Dornenhecke, 20 Kameras und fünf Schäferhunde.

Steinbrück dagegen ist nicht nur villentauglich, er wirkt in seinen Reden und Interviews eher wie ein Bußprediger beim Starkbieranstich. Und er hat einen hohen Spaßfaktor: Zitate wie „Diejenigen, die mit Blick auf die Finanzkrise voreilig von Licht am Ende des Tunnels gesprochen haben, müssen nun feststellen, dass das in Wirklichkeit der entgegenkommende Zug war“, sind sein Markenzeichen.

Keine Frage: Der Kampfhund der Sozialdemokratie ist auf der Bühne. Sein Pech: Schon einmal hat sich gezeigt, dass nicht nur Peer Kanzler, sondern das auch Mutti Frauchen kann. Das war schon das Schicksal manchen starken Mannes…

 

 

 

 

 

 

Mai 7th, 2012

Der Präsident bremst an der Dänen-Ampel

Die Wahlen sind gelaufen. Jetzt ist die Stuner, um die Ergebnisse sorgfältig in den Gremien zu analysieren. Da mach’ ich doch mal mit.

Vor allem ist mir Sonntagabend aufgefallen, wie provinziell wir denken. Oder wie wenig internationales Hirn uns die seriösen Medien zutrauen. Entgegen aller Bekundungen, dass Europa für unser Schicksal entscheidend sei, wurden wir fast ausschließlich mit Schleswig-Holstein befasst. Sicher, man darf ein Bundesland mit 2,8 Millionen Einwohnern nicht vernachlässigen. Aber muss tatsächlich bei jeder noch so nebensächlichen Regionalwahl die komplette Demoskopie-, Wählerwanderungsanalyse-, Elefantenrunden- und Talk-Show-Maschinerie in Gang gesetzt werden?

Ich kann zwar gut über den Begriff “Dänen-Ampel” schmunzeln, aber es ist es mir reichlich egal, wie viele Krabbenfischer zu den Piraten übergelaufen sind. Und dass der “Genosse Trend” nicht stramm marschiert, sondern eher mit dem Rollator herumschlurft, sollte der SPD inzwischen auch ohne Kieler Ergebnisse klar sein.

Da ist die Wahl in Frankreich doch erheblich schicksalshafter. Immerhin haben einige Atomraketen den Besitzer gewechselt. Ex-Präsidenten-Gattin Carla Bruni hat gerade dies an ihrem Nicolas très sexy gefunden. Der sitzt nun, seines Phallus’ beraubt, beschäftigungslos auf dem Sofa. Meine Prognose: Von dieser Ehe werden wir noch einiges hören und lesen.

Tja, und dann Griechenland. Dieser Staat ist für Europa von der Einwohnerzahl ungefähr so bedeutend wie Schleswig-Holstein für Deutschland. Das dortige Wahlergebnis sollten wir uns aber ganz genau anschauen. Offensichtlich wird der politische Kurs, der die einen kaputt macht, während sich andere im Glanz ihrer Exporterfolge sonnen, nicht mehr akzeptiert.

Erschreckend viele Griechen haben radikalen Politikern Vertrauen geschenkt. So haben Revolutionen oder sogar Bürgerkriege begonnen. Alsdenn: Diese Wut sollte uns viel mehr interessieren, als die Frage, ob ein norddeutscher Landtag künftig in Jamaika liegt.

März 26th, 2012

Das Saarland wird abgeschafft

Als Angehöriger einer im eigenen Bundesland unterdrückten Minderheit, den Franken, sollte man ich mit Schmähungen von Randgruppen zurückhalten. Aber ich kann es nicht anders schreiben: Seit gestern lehne ich das Wort “Saarland” in allen Schreibweisen und Darstellungsformen ab. Es war einfach zu viel.

800.000 Menschen leben in diesem “Bundesland”. Das ist hierzulande das Format einer Großstadt, das würde aber zum Beispiel in Istanbul nur für einen weniger bedeutenden Stadtteil reichen. Trotzdem: Im Fernsehen gab es Sonntagabend stundenlang Prognosen, Hochrechnungen, Interviews, Analysen, Kommentare und eine Elefantenrunde.

Kurzum, es wurde das seit Jahrzehnten erprobte komplette Repertoire für Landtagswahlen abgespielt. Endlos lange wurde geredet, um den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass diese bessere Kommunalwahl irgendeine Bedeutung für Deutschland, Europa und die Welt hätte.

Aber das ist falsch. Vom Saarland wissen wir doch bloß, dass es deswegen mal Ärger mit den Franzosen gegeben hat, dass Erich Honecker dort geboren wurde und dass die Leute einen eigenwilligen Dialekt sprechen. Wir wissen, dass der alte Oskar Lafontaine dort immer noch Politik macht, dass die Landesmutter einen Doppelnamen hat, der in kein Überschrift passt und dass die FDP dort nur wenige Stimmen mehr bekommt als die NPD. Ansonsten kommt dieses Land nicht mal in der Zweiten Fußball-Bundesliga vor. Als Ort für umwälzende Ereignisse ist es somit völlig überschätzt.

Und noch etwas wissen wir: Aus Saarbrücken kommt Deutschlands schlechtester “Tatort”. Aus Franken dagegen gar keiner. Lasst uns zeigen, dass wir es besser können. Das Saarland wird abgeschafft. Dann werdet Ihr schon sehen.