Der Zeitgeist fährt im Kreis

Jeder Zeitraum hat seine Bauwerke, die einen besonderen Geist ausstrahlen. Im Mittelalter waren es die Burgen, im Barock die Schlösser, im Nachkriegsdeutschland die Berliner Mauer und die CSU-Zentrale. Rot-Grün hat unsere Landschaft um riesige Windräder bereichert. Das Zeitgeist-Bauwerk dieser Tage aber ist der Kreisverkehr.

Es scheint so, als sei es La Grande Nation gelungen, einen Mega-Trend zu setzen. Mit Autos aus Frankreich haben wir es ja nicht mehr so. Aber neben Baguette, Sigarette, Fromage und Vin galt uns  der Kreisverkehr  als gallische Spezialität. Was historisch nicht ganz stimmt. Zwar wurde der erste große Kreisverkehr in Europa 1907 am Triumphbogen in Paris angelegt, aber auch in Deutschland waren diese Rondelle lange Zeit gang und gäbe.

Erst ein internationales Abkommen über den Straßenverkehr aus dem Jahr 1968, wonach in Kreisverkehren zwingend die Rechts-vor-Links-Regel  gelten müsse, hat das geändert. Die Deutschen waren anderer Meinung und stellten fortan lieber Ampeln auf.

Was aber hat das mit unserem heutigen Leben zu tun? Zunächst ist es so, dass sich Journalistinnen und Journalisten wie auch die von ihnen beobachteten Politiker/-innen in einem immerwährenden Kreisverkehr befinden. Nehmen wir Nürnberg: Das Jahr beginnt mit der Inthronisation des Faschings-Prinzenpaares, gefolgt vom Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters, Spielwarenmesse,  Frühlingsvolksfest, wahlweise Abstieg oder Klassenerhalt des 1. FC Nürnberg, Norisring-Rennen, Klassik Open Air, Herbstvolksfest, Altstadtfest und Christkindlesmarkt. Dann geht es wieder von vorne los.

Auf höherer Ebene wiederum läuft es inzwischen anspruchsvoller. Auch die große Politik kennt ihre zuverlässig wiederkehrenden Themen. Etwa dieses: Ilse Aigner verspricht nach einem Lebensmittelskandal schärfere Kontrollen. Angela Merkel allerdings hat auch die heilsame Wirkung der Neben-Ausfahrten entdeckt. Atomkraft geradeaus? Biegen wir doch mal ab.

Viele andere Themen könnten wir so beschreiben. Der Kreisverkehr ist da, aber manches fliegt erst mal raus und landet in einem anderen Rondell, wo es talkshow-kompatibel weiterrotiert. Das ist Regierungskunst, wie sie der Zeitgeist verlangt. Glückwunsch, Frau Kanzlerin!

Nachsatz: Wenn in einigen Jahrhunderten Außerirdische die Erde betreten, werden sie uns als heidnisches Volk einstufen, welches seine wichtigsten Straßen um Keltengräber herumgebaut hat. Aber das sollen sie ruhig denken. Was wissen Aliens schon von unserem Zeitgeist?