Ein großer Chef hat keine Freunde

Es war einmal ein bewunderter Industriekapitän. Martin Winterkorn stand wie kein zweiter Manager für den weltweiten Erfolg unserer Autoindustrie. Nach den Betrügereien in Sachen Abgas wurde er entlassen, bekam aber die unfassbar großzügige Rente von 3100 Euro pro Tag. Jetzt steht er mit einem Bein in einem US-Gefängnis.

Bis zu 25 Jahre Haft drohen ihm. Nun gut, die Meinungen sind unterschiedlich. Mancher wird sagen, dass ein durchaus verdienstvoller Manager keinesfalls in ein Land auszuliefern ist, dessen Präsident auch nicht als Hüter des Wahren und Schönen bekannt ist. Nicht wenige würden dem Ex-VW-Boss eine solche Strafe gönnen. Zumal die Abgaslügen in Deutschland noch eher ungesühnt sind.

Wie immer es auch kommt, eines erfährt Martin Winterkorn in diesen Tagen. Wer so weit oben ist wie er, hat keine Freunde. Denn es ist nicht zu erwarten, dass er aus seinem früheren Konzern verteidigt werden wird. Eher schon werden sich Zeugen finden, die schon immer geahnt haben, dass ihr Chef ein Schummler ist. Dass er sich blindwütig um die Verkaufszahlen kümmerte und deshalb dem griechischen Philosophen Herodot und dessen Aufforderung „Wenn du lügen musst, dann lüge!“ gefolgt ist.

Es geht schließlich um einen großen Absatzmarkt. Deshalb werden alle, die bei VW das Sagen haben, brav mit den US-Behörden kooperieren. Selbst kleine Reste des früheren Ansehen werden so verschwinden.

Aber unser Mann wird’s überleben. Eine Kreuzfahrt mit Zwischenstopp in Miami muss man nicht unternehmen. Eine Weltstadt wie New York gibt’s heute in China einige Nummern größer.

Wirklich sicher ist es aber, daheim zu bleiben. Den Garten pflegen, mit den Enkeln spielen, vor dem Fernseher sitzen: Martin Winterkorn muss nur das Leben eines 71-Jährigen führen. Dann kann ihm nichts passieren. Er ist also vieles, bloß kein Opfer, dieser Herr.