Die Macht des Operettenstaats

Blieskastel, Großrosseln, Quierschied, Schiffweiler: Tatsächlich, so heißen wichtige Orte im Saarland. Wir jedoch sollten vor allem auf Püttlingen schauen. Denn diese Stadt mit ihren 18.700 Einwohnerinnen und Einwohnern ist seit dem vergangenen Wochenende das Kraftzentrum des deutschen Konservatismus. Sie ist der Wohnort der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer.

Was für eine Karriere! Da wird vor Vorstandswahlen in Partei stets viel darüber philosophiert, ob denn die großen Landesverbände die Randgebiete der Bundesrepublik überhaupt mitkommen ließen. Und nun erscheint diese Frau aus einem ziemlichen Provinznest und lehrt mit dem schlimmsten Politikerinnen-Namen seit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger den hoch bedeutenden Abgesandten aus Nordrhein-Westfalen sowie – noch dramatischer – aus dem Olymp der globalen Hochfinanz das Fürchten. Wie kann das sein?

Zunächst: Unter den deutschen Flächenländern ist das Saarland der Operettenstaat. Mit 2600 Quadratkilometern Fläche ist es nur fünf Mal größer als Andorra und nicht einmal drei Mal so groß wie Berlin. Dafür hat es bloß ein gutes Viertel der Einwohner. In die Fläche von Nordrhein-Westfalen würde das Saarland ungefähr 13 Mal passen. Selbst das Sauerland, die Heimat von Friedrich Merz, ist doppelt so groß.

Rein von der Masse her herrscht also Chancenlosigkeit. Also muss es andere Gründe für den Erfolg des Saarlands geben. Und da ergibt sich eine spannende Kombination aus Leitkultur und Aufarbeitung deutscher Geschichte. Leitkultur deshalb, weil in keinem anderen Bundesland anteilsmäßig vergleichbar viele Katholiken leben. 61 Prozent der Bewohner sind registrierte Jünger von Papst Franziskus. So unterschiedliche Prominente wie SPD-Außenminister Heiko Maas und der frühere Ministerpräsident und heutige Verfassungsrichter Peter Müller haben dem Lob des Herrn als Ministranten gedient. Kaum anderswo ist das typisch deutsche Vereinsleben so rege wie im Saarland.

Und dann die geschichtliche Dimension: Ostdeutschland wurde vom Saarländer Erich Honecker regiert, zurzeit hat eine Frau aus dem Osten die Regie über die gesamte Bundesrepublik. Jetzt also wieder eine Saarländerin – irgendwann vielleicht für alle.

Wir werden sehen, ob es AKK packt oder ob sie ähnlich schicksalshaft im Parteivorsitz scheitert wie ihr Landsmann Oskar Lafontaine, dessen SPD  Peter Hartz aus St. Ingbert wirklich geschädigt hat. Weil es schon die ersten Debatten über den Zustand ihrer CDU gibt, möchte sie es wohl erstmal mit den berühmten Worten der Saarländerin Nicole Hohloch angehen: „Ein bisschen Frieden“. Tendenz allerdings: Unwahrscheinlich, dass das so läuft.