Unions-Frieden: Liebe ist anders

Friede sei mit Euch! CDU und CSU haben wieder zueinander gefunden. Strahlende Gesichter, fröhliche Statements – man hat sich – für’s Publikum – wieder lieb. Gemeinsam will die frisch geeinte Union diesen Martin Schulz bremsen, der ihnen gerade so fürchterlich die Show stiehlt.

Erwartungsgemäß haben die Medien die Versöhnungs-Inszenierung von Angela Merkel und Horst Seehofer ganz groß vermeldet und unter Einsatz ihres geballten Intellekts kommentiert. Notwendig war das eigentlich nicht. Denn dieses Treffen war vom Thema her ein außerordentlich langweiliges Ereignis. Die Chance, dass dort etwas anderes herauskommen könnte, als die Inthronisierung der Kanzlerin als gemeinsame Spitzenkandidatin, lag bei 0,1 zu 99,9 Prozent.

Interessant war allerdings, bei der Pressekonferenz die Szenen einer Zwangsehe zu beobachten. Augenscheinlich saßen da zwei Menschen nebeneinander, die sich absolut nicht ausstehen können. Oder die sich nachhaltig auseinandergelebt haben, sich aber aufgrund der äußeren Umstände allenfalls durch den politischen Tod scheiden lassen können.

Der bayerische Nörgler warb um ein bisschen Liebe. Aber da sprühte kein Funken, weshalb er an Muttis  Seite auf seine tatsächliche Größe geschrumpft ist. Viele Ehemänner kennen das. Und somit lautet das Fazit: Ruhig, Horst! Dann herrscht Frieden.

Die Politik wird ohne Mut gemacht

Man kann die Eigenschaften der Bundespolitik auf vielerlei Art beschreiben. Ein Wort passt aber ganz bestimmt nicht: Mut. Das zeigt der bisherige Verlauf der Koalitionsverhandlungen.

Es soll also so kommen, wie es zuletzt fast alle erwartet haben. Die SPD ist bereit, sich aus Verantwortung für das Land für das große Ganze aufzuopfern und sich an der Seite von Angela Merkel dauerhaft im 25-Prozent-Ghetto einzurichten. Denn es wird doch niemand glauben, dass es den Sozialdemokraten gelingen wird, sich an der Seite der Schwarzen Witwe als eigenständige politische Kraft zu profilieren. Das bisschen Mindestlohn wird dazu nicht reichen, zumal es wichtige Branchen gibt, die sich lautstark dagegen wehren. Weshalb die SPD bei der Gewerkschaft ver.di sondiert hat, ob man die Sache mit den Achtfünfzig für die Zeitungszusteller irgendwie anders regeln könnte.

Mit Mut ginge es anders. Etwa dann, wenn die Grünen über das Stöckchen gesprungen wären, das ihnen Angela Merkel und Horst Seehofer hingehalten haben. Aber die Verhandler/-innen der Ökopartei waren offenbar davon überrascht, wie offen ihnen die Union begegnet ist. Dabei hätten sie wissen müssen, wie leicht die Kanzlerin und/oder der CSU-Chef eigene Positionen aufgeben, wenn sie ihrem Machterhalt nutzt. Diese Koalition wäre ein interessanter Versuch gewesen, zumal ihr – anders als bei der Großen Koalition – eine einigermaßen starke, zur Kontrolle der Regierung fähige Opposition gegenüber gestanden hätte.

Doch die deutsche Politik hält es lieber mit dem alten Adenauer und sagt „Keine Experimente“. Und die SPD muss darauf hoffen, dass Mietpreisbremse, Angleichung der Renten in Ost und West sowie eine Finanztransaktionssteuer dereinst als ihre großen Errungenschaften in den Geschichtsbüchern stehen werden.

Zumindest soll niemand bei der SPD behaupten, sie könne den Kanzler auf gar keinen Fall selbst stellen. Rot-Rot-Grün kommt als Koalitionsoption irgendwann so oder so. Aber diesmal gilt als Richtschnur Merkels großer Satz „Sie kennen mich“. Wer kann da noch widerstehen.

Herr Rösler und der Weg der Mitte

Die Frage lautet: Was ist das Ziel der meisten Parteipolitiker? Die Antwort liefert Wikipedia: „Bei einer Strecke, einem Kreis, einer Kugel oder allgemein bei einer n-dimensionalen Sphäre ist der Mittelpunkt der Punkt, der von allen Punkten dieser Sphäre den gleichen (minimalen) Abstand besitzt.“ Jawohl, es ist die Mitte.

Viele Jahrzehnte lang war die politische Mitte etwas, zu dem das Wort „minimal“ auf gar keinen Fall passte. Fast jeder wollte dorthin und fühlte sich auch dort daheim: CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, die Grauen, die Bayernpartei, und, und, und… Die Mitte in der Politik, das war wie der Saturn. Ein riesiges Gebilde, das auf einer Ringstraße von ein paar unmaßgeblichen Halbirren umkreist wurde. Nur wer auf dem „Planeten Mitte“ war, schien Chancen auf Wahlerfolge zu haben.

Inzwischen haben sich die Dinge verschoben. Es ist wieder schick geworden, sich „links“ zu nennen. Auch die Rechten werden immer frecher. Aber ein solides Eigelb in einem Spiegelei ist die Mitte mindestens noch. Schließlich wird hier der ruhende Pol der Gesellschaft vermutet. Oder wie es der chinesische Philisoph Mo Ti vor 1600 Jahren darstellte: „Der edle Mensch verkörpert den Weg der Mitte, der gemeine Mann handelt dem Weg der Mitte zuwider. Der edle Mensch scheut keine Mühe, um das Leben anderer zu erleichtern.“

Gerade hier will sich nun Philipp Rösler festsetzen. Auf dem Bundesparteitag der Liberalen hat er erklärt, dass die „Bürgerliche Mitte“ ausschließlich seiner stark geschrumpften FDP gehöre. Die Konkurrenz sei ja kollektiv auf dem Pfad nach links.

Und somit sind Saturn oder Eigelb zum Zehner auf einer Zielscheibe geschrumpft. Wenn Rösler zuletzt so viel daneben ging, müssen wir uns zumindest nicht mehr wundern.