Vergessen heilt nicht alle Wunden

Als Journalist sollte man die Finger von Sprichwörtern und Binsenweisheiten lassen. Aber oft ist was dran. Nehmen wir den Spruch „Die Zeit heilt alle Wunden“. Und blicken wir in die USA.

Dort ist der frühere Präsident George W. Bush in Umfragen inzwischen beliebter als Barack Obama. Bush, das war doch dieser texanische Stammler,  der für das alte Europa die Inkarnation des dummen Amerikas darstellt. Also jener US-Bürger, die auf der Landkarte Frankreich nicht von Indien unterscheiden können, die Bücher beim Lesen verkehrtherum halten, sogar zu ihrer Mülltonne mit dem Auto fahren und zwischenmenschliche Probleme eher mit dem Gewehr als mit einem Gespräch lösen. Genau so war sein Regierungsstil.

Lustige Versprecher gehörten bei ihm dazu. Weshalb wir ihn nicht wirklich ernstnehmen wollten. Bloß: Schon die Zahl der Todesurteile, die er als Gouverneur von Texas vollstrecken ließ, hätte ausreichen müssen, um zu erkennen, dass da kein tapsiger Cowboy, sondern ein höchst gefährlicher Politiker am Werk war.

Wie auch immer, wir haben diesen Mann so ehrlich gehasst, dass wir selbst Ronald McDonald an der Berliner Siegessäule zugejubelt hätten. So kam Barack Obama. Er hat sich seinen Popularitätsverlust redlich verdient, er hat aber auch ein fürchterliches Erbe seines Vorgängers angetreten.

Der sitzt daheim, malt Bilder, klopft Sprüche in Talk-Shows und profitiert jetzt von der menschlichen Eigenschaft, dass das Unangenehme in unserer Erinnerung mit der Zeit verblasst. „Lass Vergang’nes vergessen sein“, riet schon Friedrich Schiller. Uns tut es gut. Alle Wunden heilt es aber ganz bestimmt nicht.