Der Sultan braucht Kontrolle

Wir leben in einer Epoche der knappen Entscheidungen. Erst der Brexit, dann ein neuer US-Präsident mit weniger Stimmen, aber mehr Wahlmännern. Und nun ein zweifelhafter Erfolg des nunmehr schier allmächtigen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Auch mit einigem Abstand zum Referendum fragen wir uns: Was in aller Welt fangen wir damit an?

Wir hoffen auf Klarheit. Aber die gibt es hier nicht. Denn was kann ein Votum bewirken, das – wenn überhaupt – bloß ein bisschen mehr als die Hälfte der Wähler/-innen getroffen haben? Wahrscheinlich lässt es sich nur durch eine Politik der Unterdrückung der Opposition untermauern und umsetzen. Wir haben keine Zweifel, dass Erdogan so handeln könnte.

Für uns allerdings jagt ein Dilemma das andere. Wir können nicht verstehen, dass sich die Mehrheit eines Volkes von der Demokratie abwendet. Andererseits ist es deren Recht. Zeigen wir also der Türkei die kalte Schulter und boykottieren sie als Urlaubsland? Erscheint naheliegend, andererseits haben die Menschen in jenen Küstenregionen, in denen wir gerne Urlaub machen, beim Referendum überwiegend mit „Nein“ gestimmt. Müssten wir sie nicht unterstützen?

Ein anderes Thema sind die in Deutschland lebenden Türken. Sie haben das Referendum maßgeblich mitentschieden, zugunsten Erdogans. Man rätselt, wie es sein kann, dass etliche dieser Mitbürger/-innen den absurden Nazi-Vergleichen auf den Leim gegangen sind. Wir müssen wohl einräumen, dass unser Gesellschaftssystem nicht so attraktiv ist, wie wir das selber gerne hätten. Ist Integration vielfach fehlgeschlagen, weil  die Zuwanderer diese ablehnen? Oder weil keine Chancengleichheit herrscht?

Ansonsten: Erdogan bekämpfen, ist nicht unser Auftrag. Aber wenn man sieht, dass er noch vor der amtlichen Bestätigung seiner Erfolgs von der Todesstrafe schwandroniert hat, ist klar, dass dieser Mann vor allem eines braucht: Kontrolle, Kontrolle und nochmals Kontrolle. Wer diese Arbeit erledigt, verdient unsere Unterstützung. Mehr können wir nicht tun. Besser als wegschauen ist es allemal.

 

Bleiben wir cool, der Sultan ist besoffen

Im Jahr 1990 hat der US-amerikanische Anwalt Mike Godwin diese berühmte These aufgestellt: In Diskussionen geht ab einer gewissen Dauer die Wahrscheinlichkeit eines Nazivergleichs gegen Eins. Bleiben wir also gelassen. Was gerade passiert ist völlig normal.

So zu denken fällt uns schwer.  Denn der unsympathische Großkotz und türkische Staatschef Recep Tayyip Erdoğan hat den deutschen Behörden „Nazi-Methoden“ vorgeworfen. Das ist für uns der denkbar schlimmste Vorwurf.

Anderererseits stimmt es doch. An jedem Stammtisch, an dem ein paar Besoffene über Politik diskutieren, taucht irgendwann „der Adolf“ auf. Er würde jeglichen Laden ordnen, den es gerade aufzuräumen gilt.

Und ja, Erdoğan ist besoffen. Nicht von Bier, Wein oder Raki, versteht sich. Sondern von der Macht – und die ist eine starke Droge. Wer jedoch im benebelten Zustand angreift, agiert besonders wild. Das Volk wiederum, so das Kalkül, ist mit dem Bedrängten, der sich gegen böse fremde Mächte stemmt.

Wir sollten also, sofern alle für Kundgebungen üblichen Auflagen erfüllt sind, das Wahlkampf-Geschrei ertragen. Überlassen wir die Reden  Erdoğans den  Satirikern, bekämpfen wir ihn ernsthaft dort, wo er Freiheitsrechte mit den Füßen tritt und menschliche Existenzen zerstört.

Und vergessen wir nicht: Ungefähr die Hälfte der Türken ist gegen seine Politik.  Erdoğan ist laut. Aber er ist nicht das Volk. Wir haben Probleme mit einer Regierung, aber nicht mit „den Türken“.

P.S.: Gäbe es bei uns tatsächlich Nazi-Methoden – man ließe die Redner ins Land. Aber sie kämen nicht mehr nach Hause. Das ist aktuell kein Vorgehen der Behörden. Zumindest nicht in Deutschland.

 

 

 

 

Macht ist hässlich. Aber sie gehört zum Leben

Macht ist uns zuwider. Als gute Demokraten möchten wir Andersdenkende ausschließlich mit Argumenten von unserer Meinung überzeugen. Die Idee, uns mit mehr oder weniger sanfter Gewalt durchzusetzen, gefällt uns nicht. Jedenfalls würden wir das von uns behaupten. Das Problem: Macht gehört zum Leben.

Das erleben wir gerade aus einer Richtung, die wir bis vor kurzem nicht gekannt haben. Die Türkei hat erreicht, dass sich die Bundesregierung von der Armenien-Resolution des Bundestages distanziert hat. Jedenfalls hat diese festgestellt, dass dieser Beschluss keine rechtlichen Folgen hätte. Das passt uns gar nicht. Dieses in unseren Augen immer noch rückständige Land mit seinen Macho-Politikern, will uns vorschreiben, was Meinungsfreiheit ist? Unsere Angela Merkel kuscht vor dem Wüterich vom Bosporus? Wenn hier jemand die moralische Kraft hat, andere zu belehren – dann doch wir.

Falsch gedacht. Da die Türkei bis auf Weiteres die faktische EU-Außengrenze zu Kriegsgebieten ist, hat sie hierzu die Macht. Präsident Erdogan braucht für eigene Propaganda-Zwecke ein paar nette Worte? Dann wird das gemacht.

Nehmen wir Apple. Dieser Konzern hat sich bleibende Verdienste um die Welt erworben, weil er zur rasanten Verbreitung der größtmöglichen Ablenkungs-Spielzeuge erworben hat. Dieses Unternehmen ist also schwer in Mode, weshalb es Länder gerne auf ihrem Territorium ansiedeln möchten. Apple residiert mit seiner Europa-Zentrale in Irland, seine Deutschland-Filiale hat ihren Sitz in München.

Nun hat die EU-Kommission den Konzern zu einer Nachzahlung von 13 Milliarden Euro an den irischen Staat verdonnert. Und siehe da: Irland will das Geld gar nicht, der bayerische Finanzminister Markus Söder winkt schon mal ab. Apple hat die Macht, den Standort zu wechseln. Es soll bitte bleiben, wo es ist. Wofür hat ein Gemeinwesen die arbeitende Bevölkerung?

Auch da ist sie wieder, die böse, böse Macht von oben. Wir wenden uns mit Grausen ab – und liegen falsch. Schließlich sind solche Fragen auch unser Alltag. Etwa dann, wenn wir mit einem Vorschulkind in die Quengelzone der Supermarktkasse vordringen. Auch dann geht es darum, wer sich durchsetzt.

Am Ende ist es die alte Leier. Man kann mit uns alles machen, wenn wir es uns gefallen lassen. Das Sofa ist bequem. Aber Macht entsteht dort nicht.

Horror-News: Danke, es reicht erst mal

Es ist verrückt. Du machst Urlaub jenseits der Nachrichtenströme, amüsierst dich über die machtvolle Rückkehr der Pokémons. Dann aber: Massenmord mit Lkw, Militärputsch in der Türkei… Was bitteschön, kommt noch?

Undurchsichtig sind beide Ereignisse. Zwar hat sich der Islamische Staat wohl zum Anschlag von Nizza bekannt. Das kann aber Propaganda sein und es kann sich beim Täter schlicht um ein vom Leben enttäuschtes Arschloch gehandelt haben. So soll er jedenfalls gegenüber anderen Menschen aufgetreten sein. Möglicherweise bleibt sein Handeln unerklärlich. Das gibt es. Denken wir bloß an Andreas Lubitz, den Co-Piloten der Germanwings-Maschine, der 149 Menschen in den Tod gerissen hat.

Vielleicht erfahren wir in nächster Zeit die Wahrheit. So wie über die Hintergründe des Putschversuches in der Türkei. Kaum jemand bei uns dürfte sich vorgestellt haben, dass das Militär so vorgehen könnte. In Ägypten, nun gut. Aber in einem Land, das Europa so nahe ist?

Undenkbar ist es nicht gewesen. Die türkische Armee ist den säkulären Prinzipien des Staatsgründers Atatürk verpflichtet. Diese hat Staatspräsident Erdogan in jüngerer Vergangenheit mehrfach missachtet. Das gilt vor allem für seine Bestrebungen, zum Präsidenten mit umfassenden Machtbefugnissen zu werden. Was die Freiheit der Medien angeht, hat er sowieso geholzt wie die Axt im Wald.

Und nun gibt es dieses Dilemma für demokratisch denkende Menschen: Ist ein vom Volk gewählter Präsident, der im Amt diktatorische Züge entwickelt hat, zu verteidigen? Ist es zu ertragen, dass gerade er sich als Retter der Demokratie feiern lässt? Wäre es besser, er wäre abgesetzt worden?

Wir sollten zugeben, dass wir -wenigstens jetzt – völlig überfragt sind. Wir sollten den Menschen in der Türkei wünschen, dass ihnen staatliche Repression oder gar ein Bürgerkrieg erspart bleiben. Wir sollten hoffen, dass der Hass nicht auf unser Land, auf unsere türkischen Freunde, Bekannten oder Kollegen überspringt.

Und ganz zum Schluss noch ein frommer Wunsch: Gebt uns ruhig mehr Pokémons als Spitzen-Nachricht. Horror-News – sie reichen erst mal.

 

 

 

 

 

 

Der Türke. Der Syrer. Der Nordafrikaner.

Also zitierte der Innenminister sein Flüchtlings-Einmaleins: „Türken sind leichter zu integrieren als Syrer. Syrer sind leichter zu integrieren als Nordafrikaner.“ Diese Sätze klingen harmlos. Sie könnten, wie es so schön heißt, an jedem Stammtisch so gesagt werden. In diesem Fall saß Thomas de Mazière auf einem Talk-Show-Sofa. Er fühlte sich mit seiner Aussage richtig wohl. Ich finde, zu Unrecht.

Seine Worte spiegeln unsere Vorurteile wider. Wenn wir auf Muslime schauen, erkennen wir keine Vielfalt. Wir meinen, dass es „den Türken“ gibt, der eben so ist, weil er irgendwo zwischen Istanbul, Ankara und Diyarbarkir lebt. Zwischen dem Mitarbeiter einer großstädtischen Werbeagentur und einem ostanatolischen Kleinbauern sehen wir im Grunde keinen Unterschied. Ja, man kann sie in unsere Gesellschaft eingliedern. Aber nur, wenn man ihnen die rotzige Frechheit und das verrückte Macho-Gehabe ihres Staatspräsidenten austreibt.

Nach schwieriger wird es, wenn man unserem Minister folgt, mit „den Arabern“. Wir haben uns seit langem darauf geeinigt, dass es sich hier um ein rückständigen Teil der Menschheit handelt. Arrogante, ungebildete Faulpelze, die ihren Ölreichtum beim Kamelrennen verwetten und entrechtete, zwangsverhüllte Frauen, die ausschließlich Haus, Hof und mindestens ein halbes Dutzend Kinder hüten. Menschen, die ihren Kopf nicht selbst benutzen, weil sie ja Allah haben.

Und „die Nordafrikaner“? Sie sind, zurzeit jedenfalls, die allergrößte Bedrohung unserer abendländischen Kultur. Wobei nicht so recht geklärt ist, wer sie eigentlich sind. Sind es die netten Ägypter, die am Nil den Touristenschiffen zuwinken, die chaotischen Libyer, die ziemlich demokratischen Tunesier oder die listigen Marokkaner? Oder handelt es sich um die komplett undurchschaubaren Bewohner von Mauretanien, Sudan, Eritrea, Niger oder Mali?

Spätestens an dieser Stelle springt uns eine ungeheure Vielfalt entgegen. Uns darauf einzulassen, würde uns aber bloß verwirren. Da folgen wir lieber dem Minister und stempeln „die Nordafrikaner“ mit dem Vermerk „schwerst integrierbar“ ab.

Ich habe fünf Menschen aus schwierigen Regionen kennengelernt – aus Iran, Palästina, Mali, Bangladesch und Gambia. Diese sind, weil Journalisten wie ich, gewiss nicht repräsentativ. Aber alle streben nach Demokratie und Pressefreiheit und sind bereit, dafür größte persönliche Opfer zu bringen. Während bei uns viele Talkshow-Seher schon schockiert wären, wenn man ihnen Bier und Chips wegnehmen würde.

Doch nie würde ich einem Innenminister so ganz widersprechen. Deshalb stelle ich fest: Der Sachse ist in Brandenburg leichter zu integrieren, als der Oberpfälzer im Saarland. Und der Mittelfranke in Ostfriesland? Das geht nun wirklich gar nicht.

 

 

Erdogans Zorn – eindeutig Privatsache

In unseren naiven Momenten stellen wir uns vor, dass Beziehungen zwischen Staaten ausschließlich durch große, wirklich bedeutende Themen bestimmt werden. Aber so ist das wohl nicht. Die Politik ist auch immer die Bühne persönlicher Eitelkeiten. Wie wir gerade anlässlich der Affäre Böhmermann erleben.

Ein satirischer Beitrag in einem ZDF-Spartensender ist zu einer veritablen Krise zwischen Deutschland und der Türkei mutiert. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fühlt sich durch ein vom Moderator vorgetragenes Schmähgedicht beleidigt. Er fordert nun von der Regierung die Bestrafung des Witzboldes.

Rein menschlich kann man Erdogan verstehen. Zwar hat er sich öffentlichen Spott redlich verdient. Er teilt selber gerne aus, nennt politische Gegner „Perverse“. Widerspruch bekämpft er brutal. Aber Böhmermann hat üble Geschmacklosigkeiten aneinandergereiht, von denen sich ein Mensch beleidigt fühlen kann. Nun war das miese Niveau ausdrücklich angekündigt und somit erklärter Teil der Satire. Aber man darf nicht gegen eine Hauswand pinkeln, nur weil man die Absicht vorher mitgeteilt hat.

Der türkische Präsident kann also Strafanzeige wegen Beleidigung stellen. Ein Gericht müsste darüber befinden.

Das muss es dann aber gewesen sein. Eine Regierung hat nicht darüber zu entscheiden, ob einem Menschen der Prozess gemacht wird. Majestätsbeleidigung ist ein Straftatbestand von gestern. Das muss auch ein noch so bedeutender Präsident akzeptieren lernen. Erst recht einer, der sich jegliche Einmischung von außen verbittet, wenn er Redaktionen stürmen oder Journalisten einsperren lässt.

Was ein Beleidigter mit seinem Zorn anfängt, ist seine Privatsache. Wer publiziert, muss mögliche Folgen aushalten. Und wie die sind, entscheidet die Justiz. Punkt.

 

 

 

 

Helfen wir Erdogan: EU-Beitritt jetzt!

Noch vor 30 Jahren waren Politiker bei uns etwas Besonderes. Wenn ein Bundeskanzler im Wahlkampf vorbeischaute, waren die Marktplätze voll, bei der Franken-Visite von Landesvater Franz-Josef Strauß sah man Fähnchen in Kinderhänden, der Landfrauenchor sang mit Hingabe. Nehmen wir also an, dass der türkische Präsident Erdogan gar nicht so schlimm ist, wenn er Journalisten wegsperren und wegen einer Fernseh-Satire beim deutschen Botschafter protestieren lässt. Er lebt vielleicht bloß in einem anderen Jahrzehnt.

Tatsächlich strotzt er in einem für mitteleuropäische Politiker unserer Tage unerhörtem Ausmaß an Testosteron. Er baut die längsten Brücken, die größten Flughäfen und die glitzerndsten Paläste. Stelle eine Aufgabe – dieser Mann wird sie lösen. Würde er sich bei Izmir ins Meer stürzen, käme er nicht mit verlorenen Schwimmwesten, sondern mit Kunstschätzen der Antike zurück. Ein von ihm handgeknüpfter Teppich würde fliegen. Und zwar mit Überschall, was selbst andere Voll-Hormoniker wie Wladimir Putin oder Donald Trump bestaunten würden.

Warum also ist dieser Mann, bei all seinen offensichtlichen Erfolgen, derart humorlos? Weil es sich nicht ziemt, den Sultan zu verspotten. Und weil es sich nicht gehört, ihm zu widersprechen. Er kämpft schließlich an vielen Fronten. Also gehören diese spöttischen Schmierfinken mindestens so lange kaltgestellt, bis es sich eines Besseres besinnt und endlich erkennt, was wirklich gut und böse ist.

Natürlich wissen wir, dass das der falsche Weg ist. Ein Politiker ohne Angst belächelt das Bellen der Pressehunde. Denn er weiß, dass die Karawane weiterzieht.

Doch wie erlöst man den Mann aus seiner Paranoia? Der radikalste und beste Schritt wäre die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union. Deren Wirtschaft würde wachsen und wachsen, Galatasaray gewönne die Champions League, die Teppiche erreichten Lichtgeschwindigkeit.

Dafür müsste er bloß ertragen, dass diese EU ein paar kleine Freiheitsrechte einfordert. Journalisten müssten schreiben dürfen was sie denken. Frauen dürften für Frauenrechte demonstrieren. Anwälte würden nicht mehr verprügelt, Kurden dürften Kurden sein wollen.

Irgendwann kommt der EU-Beitritt der Türkei sowieso. Also zögern wir nicht. An Fähnchen in Kinderhändchen beim Antrittsbesuch wird es nicht scheitern. Großes Ehrenwort.

Mitmischen, wenn jeder gegen jeden kämpft?

Auf in den Krieg! Die Bundeswehr soll also einige Tornados nach Syrien schicken. Letztlich sollen nach neuesten Informationen bis zu 1200 Soldaten an diesem Einsatz beteiligt sein. Zunächst sollen Aufklärungs-Jets eingesetzt werden, um Stellungen des Feindes auszuspähen. Bloß: Wer ist das eigentlich?

Selbstverständlich der Islamische Staat! So lautet die spontane Antwort. Und selbstverständlich muss diesen Killern, die irrsinnig, wie sie sind, mindestens ganz Europa samt Grönland und den Falkland-Inseln missionieren wollen, das grausame Handwerk gelegt werden.

Nun ist der IS allerdings ein Gegner des syrischen Diktators Assad. Diesen möchte die Westeuropäer zugunsten der demokratisch orientierten Rebellen abgesetzt wissen. Auch die Türkei möchte ihn beseitigen.

Assad ist aber wiederum Günstling von Russland und Iran. Wobei die Russen zwar wegen der Ukraine unten durch sind, jedoch von unserer Seite wieder für gut befunden werden, weil sie zwar die demokratischen Rebellen attackieren, aber andererseits Stellungen des IS wirksamer bombardieren, als das die US-Amerikaner tun. Diese möchten Assad beseitigen und den IS vernichten, haben eigentlich genug vom Krieg, hängen aber schon wegen des Öls in der Sache drin. Die Türken wiederum bekämpfen Assad, bekämpfen aber auch die Kurden, welche Assad bekämpfen.

Zu unseren befreundeten Staaten gehört wiederum Saudi-Arabien. Diese Diktatur ist ein stinkreicher und zuverlässiger Abnehmer der Produkte unserer Rüstungsindustrie. Saudi-Arabien unterstützt allerdings auch den IS, und hat – das nur am Rande – im zurückliegenden Jahr mehr Menschen gesteinigt oder enthauptet als die allseits gefürchtete Terrororganisation.

Die Kalifen-Jünger wiederum liefern sich erbitterte Gefechte mit den Kurden und mit den Truppen Assads. Zugleich verkaufen sie den Kurden und Assad in großen Mengen Öl, wodurch sie die Einnahmen erzielen, mit denen sie ihren Kampf beziehungsweise die gewaltsame Unterwerfung weiterer Menschen finanzieren…

Und nun folgt eine reine Vernuftfrage: Wenn jeder gegen jeden kämpft, sollte man sich dann ins Gefecht werfen und mitmachen? Tatsächlich – und für mich schwer zu glauben: Unsere Antwort lautet Ja.

 

„Katastrophen“ im Mittelmeer? Das meiste Leid bleibt im Dunkeln

Ja, wir sind beunruhigt. Weil im Mittelmeer Boot um Boot voll ist, weil es nicht mehr zu ertragen ist, wie sich angeblich anständige Bürger in Terroristen verwandeln, Flüchtlingsheime anzünden und „Weg mit dem Dreck“ schreien. Ob es anders wäre, wenn wir den ganzen Wahnsinn kennen würden, den die Menschen durchlebt haben, wenn sie es bis zu uns geschafft haben?

Wir reden viel von den „Katastrophen im Mittelmeer“. Die gibt es täglich und wir schauen schockiert zu, weil in der Nähe der italienischen Küste genug Kamerateams sind, die uns Bilder liefern. Das Management des massenhaften Sterbens läuft dann so, wie wir es in unserem behüteten Deutschland von den Lebensmittelskandalen kennen. Es wird „Drama“ und „Skandal“ gerufen, es werden schärfere Kontrollen und entschlossene Maßnahmen gefordert. Drei Tage später ist Fußball und Kita-Streik. Das Thema gerät in Vergessenheit. Bis zum nächsten Mal.

Die allermeisten anderen Tode bleiben vor unseren Augen verborgen. Wir wissen nicht, was auf der Fluchtroute in die Türkei passiert, die Korrespondenten berichten nur selten über Assads Fassbomben und schildern den IS-Terror aus sicherer Entfernung, und sei es mit Hilfe der Propaganda-Videos. Es gibt keine Filme von den Leichen der Verdursteten in der Sahara, obwohl deren Zahl bestimmt größer ist dürfte als jene der Opfer im Mittelmeer.

Die irrwitzigen Zustände in den Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln scheinen gelegentlich. Aber wer sieht schon TV-Beiträge über die ungarischen und bulgarischen Polizisten, die Flüchtlinge von ihren scharfen Hunden mit sadistischer Gier verfolgen lassen.

Der Fußweg zuvor war lang. Aber es ist so: Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg ist ein Hit, Amir auf dem Trampelpfad durch Serbien ist eine Bedrohung. Zumal er ein Gespenst bleibt. Die Bilder für die große Masse entstehen anderswo. Die ganze Wahrheit bleibt im Dunkeln.  Würden wir sie wissen wollen? Wer mag das von sich sagen?

 

 

 

G7: Die Welt dankt den Gebirgsindianern

Na gut. Vielleicht waren wir in Sachen G7-Gipfel allzu kritisch. Das Ganze kostet wahnsinnig viel Geld. Aber es lohnt sich. Denn es gibt prima Bilder.

Oberbayern musste sein. Denn wo sonst findet sich in Deutschland ein Landstrich, wo Menschen seltsame Gewänder anziehen und dabei auch noch stolz und vergnügt aussehen? Man nehme nur die kräftigen Mannsbilder, der im Angesicht des US-Präsidenten Obama ihren Gamsbart stramm nach oben recken. Winnetou ist tot – aber der Gebirgsindianer lebt. Komme wer wolle, it’s always Oktoberfest.

Die Mega-Super-Joker-Karte hat indes die Brauerei Karg gezogen. Ihr Wappen prangte auf dem Glas, mit dem der strahlende Allermächtigste den Fotografen zuproteste. Zwar war, wie man hörte, alkoholfreies Bier beziehungsweise garantiert unvergiftetes Gebräu eines amerikanischen Unternehmens in Obamas Trinkgefäß. Doch das wird das Management der Brauerei aus Murnau am Staffelsee leidlich egal sein, wenn es seine groß angelegte Werbekampagne durchzieht.

„Wir setzen uns für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol ein“, steht auf der Karg’schen Homepage. Womit wir definitiv beim Gipfel sind. Denn natürlich geht es hier um die Verantwortung für Renditen, Zinsen, Aktienkurse und um den Weltfrieden im Besonderen und im Allgemeinen. Ein Aspekt dabei ist der Klimawandel. Und auch in dieser Hinsicht ist Elmau gut gewählt. Denn unsere Staatenlenker werden später ihren Enkeln Fotos zeigen und sagen können: „Schaut mal, da war Schnee im Juni. Wenn wir energischer gehandelt hätten, gäb’s das heute noch.“

Überschätzen sollten wir die Gipfel-Akteure aber sowieso nicht. Diese geben ja vor, in Sachen Weltwirtschaft alles im Griff zu haben. Was natürlich kompletter Unsinn ist. China ist ja ökonomisch ziemlich erfolgreich, ist aber nicht vor Ort. Ein Kontinent wie Afrika fehlt komplett. Auch Südamerika ist außen vor. Vom russischen Bösewicht Wladimir P. aus M. ganz zu schweigen.

Und noch einen haben sie vergessen. Den Mann, der gerade die meisten Wolkenkratzer, die längsten Brücken und die größten Flughäfen der Welt bauen lässt, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Ja, er hätte den anderen erklärt, wie man im 21. Jahrhundert auch als unmittelbarer Nachbar von Griechenland den totalen Boom erzeugt. Aber gut, er konnte nicht, weil bei ihm zuhause gerade Wahl ist. So wichtig ist der Elmauer  Güpfel eben auch nicht…

PS/Nachtrag: Angesichts seines Wahlergebnisses hätte Erdogan auch wegfahren können