Wenn Terrorangst die wahren Sorgen überdeckt

Wir hatten Waldsterben, wir hatten Arbeitslosigkeit. Jetzt fürchten wir an erster Stelle den Terrorismus. Das ist das Ergebnis der jährlichen Umfrage, mit der die R+V-Versicherung nach den größten Ängsten der Deutschen forschen lässt. Gemessen an den Fakten, ist es erstaunlich.

Die Welt sei aus den Fugen geraten. Das wird uns in diesen Tagen sehr gerne von solchen Politikern erzählt, die mit dem Thema Sicherheit Wähler einfangen wollen. Wenn ein Joachim Herrmann mit sonorer Stimme über solche Bedrohungen spricht, vergisst er nie darauf hinzuweisen, dass mit seiner CSU in der Regierung alles nicht einmal halb so schlimm werden wird.

Doch was eigentlich? Es hat zwar etwas Zynisches, Zahlen von Toten aufzulisten und die Ursachen zu vergleichen. Aber aus diesem Blickwinkel war unser Planet trotz Kriegen, Flucht, Terror und Hurrikans in früheren Zeiten viel mehr aus den Fugen. Gemäß seriöser Zahlen sind in den letzten Jahren durch Kriege und Terror weltweit jeweils rund 200.000 Menschen gestorben, die dreifache Zahl ist durch kriminelle Gewalteinwirkung ums Leben gekommen. Die Zahl der Suizide ist leicht höher.

Eineinhalb Mal so hoch, nämlich rund 1,25 Millionen, ist die Zahl der Verkehrstoten. Und für Deutschland sahen die Zahlen im Jahr 2016 so aus: 27 Tote durch Terror, aber rund 700 Grippeopfer. 3573 Tote im Straßenverkehr, 12.867 durch Unfälle im Haushalt.

Warum also lesen wir nicht die Schlagzeile „Innenminister Herrmann geht gegen unsichere Steckdosen aus Ramschläden und gegen wackelige Haushaltsleitern vor“? Und warum ist es für uns eher Normalität, dass jemand, von Alkohol oder zuviel Testosteron berauscht, einen schlimmen Verkehrsunfall verursacht?

Wahrscheinlich hat es mit der Wahrnehmung zu tun. Der alltägliche Unfall ist nur kurz Thema in den Medien, seine Verursacher werden praktisch nie gezeigt. Der Islamist, der mit einem Lkw Besucher eines Weihnachtsmarktes überfährt, schaut uns über Wochen hinweg täglich an. Das steigert die Bedrohung. Erst recht, wenn sich dieser junge Mann zu den Barbaren vom Islamischen Staat bekennt. Dabei ist er aber bloß ein ganz gewöhnlicher Mörder.

Fazit: Sollten sich TV-Duelle und andere Talkshows wieder fast nur um Kriege, Flucht und Glaubenskonflikte drehen, sollten wir daran denken, wie gut sich damit von Problemen ablenken lässt, die uns viel mehr betreffen. Oder sagen wir es so: Wer unter Angst vor Terror leidet, hat noch nicht Krebs gehabt.