Ein Text für Franziskus: „Ihr könnt mich mal!“

Am Ostersonntag kommt es, das schöne Ritual: Der Papst tritt auf die Empore des Petersdoms, schaut auf die ergriffene Menge, die seinen Segen erwartet. Was aber wäre die derzeit treffendste Botschaft von Franziskus an die Menschheit? Vier Worte: „Ihr könnt mich mal!“.

So zwischendurch, nach einem guten Glas Wein, möchte man glauben, dass menschliche Evolution und Fortschritt dasselbe Ding seien. Tatsächlich könnten wir diese Welt zu einem richtig schönen Ort machen. Was damit begänne, dass wir andere Artgenossen respektvoll und mit Zuneigung behandeln. Stattdessen wird gemordet und gemordet und gemordet.

Die für uns schlimmsten Verbrecher sind, ganz klar, die Terroristen. Man fragt sich, was Menschen stolz macht, wenn sie unschuldige Zufallsopfer in den Tod reißen, um am Ende nichts zu erreichen, als dass Angst und Misstrauen wachsen? Was macht so ein famoser Kalif, wenn er hört, dass wieder erfolgreich Körper zerfetzt wurden? Beten? Onanieren?

Es gibt aber auch die Auftragskiller in Uniform, die immer nur ihre Pflicht tun. Wie lebt es sich als Kampfpilot, der zuerst ein Wohnviertel verwüstet hat, um nach dem Duschen seinen kleinen Kindern die Raupe Nimmersatt vorzulesen? Wie fühlt sich der Drohnen-Lenker, der am Joystick seiner Vernichtungs-Playstation abrutscht und deshalb statt einer Mörderbande eine Hochzeitsgesellschaft auslöscht?

Und wie geht es Richtern, die das Leben von Menschen für demnächst beendet erklären? Amnesty international hat gerade vorgerechnet, dass Todesurteile wieder in Mode kommen. In China, dem riesigen Reich mit den vielen schönen Lifestyle-Produkten, wurden im vergangenen Jahr weit über  tausend, vielleicht tausende Delinquenten ganz legal gemeuchelt. Im Iran, einem eigentlich wunderbaren Land, sind 567 Hinrichtungen amtlich verbürgt. In Saudi-Arabien, dem besten Stammkunden unserer Waffenfabriken, stirbt alle zweieinhalb Tage ein Mensch durch den Henker. In den USA herrscht aktuell Zurückhaltung, weil „humane Chemikalien“ für Todesspritzen schwer zu beschaffen sind.

Fraziskus redet über Auferstehung und Bergpredigt, während an vielen Ecken der Welt der Marsch zurück ins Alte Testament läuft.

Er sollte ruhig sagen, was er von dem Ganzen hält. Und falls er richtig sauer ist, würden auch zwei Worte genügen. Aber das wäre dem feierlichen Anlass gegenüber wohl doch zu unangemessen.

 

 

Meine Jahrescharts: Bier, Parteien und eine Überdosis Fremdenhass

Ich gehe davon aus, dass erste Entzugserscheinungen wegen nicht mehr stattfindender Jahresrückblicke um sich greifen. Hier möchte ich helfen – mit meinen Top 10 für 2016.

Selbstverständlich ist die Essenz aus 110 Beiträgen nicht absolut aussagekräftig. Früh im Jahr veröffentlichte Texte bekommen immer wieder einmal Klicks, haben also am Jahresende sozusagen naturgemäß einen Vorsprung. Ich scheue aber die Wissenschaft und insbesondere die höhere Mathematik, um diesen Umstand zu kumulieren. Alsdenn: Stichtag Neujahr – und dann schauen wir mal.

Auf Rang 10 landete der Beitrag „Der Tod aus dem Zapfhahn“. Ausgelöst wurde er durch den Nachweis von Glyphosat im mutmaßlich allerreinsten Getränk, also dem Bier:

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/26/der-tod-aus-dem-zapfhahn/

Platz 9 für eine Betrachtung zu der widerlichen Bedrohung von Flüchtlingen durch Einheimische im sächsischen Clausnitz.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/20/sein-volk-macht-sich-jeder-selber/

Passend dazu, auf Position 8: „Was ist deutsch?“. Hier geht es um die sehr schwierige, für manche Menschen aber sehr einfache Suche nach der Leitkultur.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/01/22/was-ist-deutsch/

In Bayern habe ebendiese Leitkultur inzwischen Gesetzesrang. Insofern auf Platz 6 Bühne frei für CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/09/19/andreas-scheuer-der-hassprediger-mit-der-foehnfrisur/

Der 6. Platz ist ebenfalls für das unerschöpfliche Thema Fremdenhass und verwandte Denkstrukturen gewidmet. „Petry Heil auf Lesbos“ befasst sich mit dem Schießbefehl, über den die AfD-Chefin dahergeredet hatte.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/01/31/petry-heil-vor-lesbos/

Zum Glück gibt es noch andere viel gelesene Themen. Auf Rang 5 steht mein Beitrag über den Umstand, dass Bauern mit getrocknetem Kuhmist mehr Geld verdienen können als mit Vollmilch.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/03/26/das-neue-wunder-scheisse-wird-zu-gold/

Platz 4 für meine Hommage an die digitale Umwälzung, Ich sage, dass uns das Smartphone froh, aber eben auch dümmer macht.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/03/das-smartphone-macht-uns-froh-und-duemmer/

2016 wurden Faschingszüge wegen Sturmwarnungen abgesagt. Mancherorts blieb es windstill, weshalb „Lügenmeteorologen“ zu Hass-Subjekten wurden. Dafür Platz 3.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/09/jetzt-neu-hass-auf-die-luegenmeteorologen/

„Nur die dümmsten Kälber…“ lautete die Überschrift über den in meiner Klickparade zweitplatzieren Beitrag. Weitergedacht lautet der Satz „…wählen ihre Metzger selber“. Es geht um die AfD und deren Ziele.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/03/12/nur-die-duemmsten-kaelber/

Das größte Interesse hat der Beitrag „Jede Geschichte kann auch anders sein“ gefunden. Geschrieben habe ich ihn nach der Terror-Attacke von Würzburg. Nach allem, was wir inzwischen wissen, kann man ihn als zu täterfreundlich anschauen. Trotzdem: Wir sollten nicht nur nach Rache rufen, sondern nachdenken, woher der Terror kommen könnte.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/07/20/jede-geschichte-kann-auch-anders-sein/

Mein Fazit und Neujahrswunsch zugleich: 2017 darf ruhig lustiger werden.

 

 

 

 

 

 

Mut zur Offenheit statt Leichenfledderei

Der Begriff Leichenfledderei bezeichnet laut Online-Lexikon Wikipedia das „Ausrauben“ beziehungsweise „Ausplündern“ von Toten. Das kann man sich als schlichte Grabräuberei vorstellen. Aber auch als Versuch, aus Mord und Totschlag persönlichen Profit zu schlagen. Der Terror-Anschlag von Berlin hat gezeigt, dass es Politiker gibt, denen es in dieser Hinsicht vor gar nichts graust.

Das zurzeit übelste Beispiel hierfür ist der nordrhein-westfälische AfD-Politiker Marcus Pretzell, dem Klatsch-Publikum gut bekannt als Lebensgefährte von Parteichefin Frauke Petry. Die allgemeine Schockstarre hatte sich kaum gelegt, niemand wusste sicher, ob es sich um einen Anschlag oder einen Unfall gehandelt hatte, da verbreitete er über Twitter: „Es sind Merkels Tote!“. Was wohl heißen soll, dass das alles nie hätten passieren können, wenn man Reisepässe besser kontrolliert hätte. Hirnkranke Mörder haben ja keine Papiere, sondern tragen ein IS-Logo auf der Stirn.

Es wäre eine Gelegenheit, sinnschwaches AfD-Gebrabbel zu entlarven. Aber so einfach ist das nicht. Diese Partei ist paradox beliebt. Viele glauben, dass sie den „deutschen Michel“ (ein Begriff aus der Ära, in der Ausländer noch lustige Gastarbeiter waren) vertritt. Obwohl ein bisschen Blättern in ihrem Wahlprogramm genügen würde, um das Gegenteil zu beweisen.

Die AfD will die finanzielle Unterstützung Alleinerziehender abschaffen, alle Frauenquoten und Gleichstellungsbeauftragten streichen, will nur noch die Familie „aus Vater, Mutter und Kindern“ steuerlich fördern. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk – bisher mit reichlich Gratis-Fußball – soll privatisiert werden. Schon Zwölfjährige sollen als Straftäter verurteilt werden können. Waffenbesitz soll erleichtert, die Erinnerungskultur an die NS-Zeit soll aufgegeben werden.

Ebenso möchte die AfD die so genannte „Klimalüge“ stoppen und die für die Reichen lästige Erbschaftssteuer sowie die Vermögenssteuer abschaffen. Mietpreisgrenzen soll nicht mehr gelten. Die Lebensarbeitszeit soll parallel zu Lebenserwartung verlängert werden.

Ein Horrorkatalog für „kleine Leute“, sollte man meinen. Vielleicht bemerken sie es rechtzeitig vor der nächsten Wahl.

Ganz akut sind zwei Thesen aber wichtiger: Wer jetzt nicht die starke Hand fordert, hat mehr Mut als der, der nur nach Rache ruft. Und: Freie und offene Gesellschaften sind für ihre Bürger*innen auf jeden Fall am sichersten. Glauben Sie nicht? Dann denken wir doch mal an die Türkei…

Fußball und Hunde: Unser Halt in dieser bösen Welt

Immer diese bösen Nachrichten. Fast-Terror in Deutschland und in den USA zwei Präsidentschaftskandidaten, deren öffentliche Debatte das Niveau des anspruchsloseren Privatfernsehens bestenfalls erreicht. Wir brauchen Anker der Hoffnung. Ich empfehle Hunde und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft.

Letztere hat gegen Tschechien einen wahrhaftigen „Oh-wie-ist-das-schön“-Stil zelebriert. Gegen Nordirland war es auch ganz nett. Neun Punkte auf den Weg nach Russland, ins Riesenreich des kalt lächelnden Kriegsherrn. Dort ist das Gras besonders grün, gut gedüngt mit Geld für Fifa-Bonzen.

Wir gönnen uns flotten Fußball, aber den Russen eigentlich kein Fest von Weltformat. Weshalb wir uns wünschen, dass Putin, wenn wir ihn schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht boykottieren, wenigstens irgendeiner auf den Rasen kacken möge.

Womit wir bei den Hunden wären. Unsere Vierbeiner, denen in dieser Woche ein Welttag gewidmet war,  sind unsere besten Freunde. Gewiss schauen Katzen voller Verachtung auf die treudoofe Treue der hechelnden Schwanzwedler. Aber unsere Seelen salbt sie, weil sie bedingungslos ist.

Sicher, auch Hunde können böse werden. Aber meistens sind sie doch bereit, Frauchen und Herrchen zuliebe ein abseitiges Dasein zu führen. Streiften sie einst frei und ungewaschen durch die Wildnis, so liegen sie heute frisch shampooniert im parfümierten Körbchen. Die Produkte, mit denen Hunden ein richtig schönes Leben gestaltet werden soll, werden immer zahlreicher und teurer.

Die Wirtschaft sagt Danke. Für Fifa und Hund.

Wir jedoch wünschen uns, dass es wieder so sein möge, dass wir uns einen Fußballer vorstellen, wenn wir „Der Bomber“ sagen. Aber das wird wohl noch ein paar Jahre dauern…

 

Eine Million Tote und noch viel mehr Angst

Wie würden sich die Attentäter vom 11. September 2001 heute fühlen? Wären sie stolz, weil sie mit einem Terrorakt mit 3000 Opfern den Tod von einer Million anderer Menschen ausgelöst haben? Oder schmoren sie sowieso in der Hölle, weil die meisten dieser Toten Muslime gewesen sind? Uns, den „Ungläubigen“ hat ihre Tat vor allem eines gebracht: Angst.

Es ist erschreckend und erstaunlich zugleich, wie sich das Denken in einer eigentlich freien, offenen Gesellschaft verändert hat. Wenn sich ein Muslim traditionell kleidet und sich, wie von daheim gewohnt, einen Kinnbart wuchern lässt, wird er als bedrohlich empfunden. Alleine das Äußere reicht, um einen uns unbekannten Menschen als blutrünstigen religiösen Fanatiker anzuschauen. „Der Araber“ bedroht uns. Kaum jemand ist von dieser Reaktion völlig frei.

Wie absurd groß unsere Verunsicherung ist, zeigt sich am Streit über die Burka. Dieses seltsame Kleidungsstück wird gewiss als Mittel zur Unterdrückung benutzt. Aber warum bringt uns alleine die Aussicht, einer solchen Frau auf der Straße zu begegnen, so stark in Bedrängnis, dass wir per Gesetz das Verhüllen des Gesichts verbieten wollen? Haben wir generell Angst vor religiösen Symbolen in unserem vom Geld geprägten Alltag?

Der 11. September und alles was danach geschehen ist, hat unsere Fähigkeit geschwächt, anderen Menschen ohne Vorbehalte zu begegnen. Dabei sind Menschen im arabischem Raum kaum anders als wir. Sie möchten ohne tägliche Not in Frieden leben, sie möchten lieben und geliebt werden. Sie wollen keine Bomben zünden, sondern nach einem angenehmen Abend einschlafen und etwas Schönes träumen. Sie schauen unsere Fernsehserien und diskutieren über Fußball-Bundesliga und Champions League.

Ihnen wird dieser Text jetzt zu tendenziös, blauäugig und gutmenschig? Dann haben es die Attentäter enorm viel geschafft: Eine Million Tote und ein Vielfaches an Menschen in Angst.

 

Horst ist wieder da

Lange war er still. Doch nun hat Horst Seehofer wieder die große politische Bühne betreten. Allerdings nicht mit einem neuen Thema. Er unkt, mahnt, warnt – über die Gefahren durch Islam, Flüchtlinge und Terroristen. Er verspricht, die Bevölkerung zu schützen. Wie genau, sagt er nicht.

Gehen wir davon aus, dass der CSU-Chef durch die Anschläge von mutmaßlichen Islamisten in Würzburg und Ansbach und einem wahrscheinlich rechtsextremen jungen Mann mit Migrationshintergrund in München ehrlich erschüttert ist. Wer im Freistaat lebt, hat erfahren müssen, dass es auch unter dem weiß-blauen Himmel keinen absoluten Schutz vor irre gewordenen jungen Männern gibt. Das kann dem Ministerpräsidenten nicht gefallen.

Warum aber reibt sich Seehofer so an Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“? Es mit diesen Worten zu sagen, bedeutet ja gerade nicht, dass man die Dinge treiben lässt und naiv optimistisch ist. Wer etwas schaffen will, geht Probleme an, er versucht, das Geschehen zum Besseren hin zu verändern.

Wäre Barack Obama mit dem Slogan „No, we can’t“ US-Präsident geworden? Sicher nicht, aber diese Aussage ist das Gegenteil von Merkels Botschaft. Was also treibt Horst Seehofer dazu, den Menschen zu suggerieren, dass wir es nicht schaffen. Er wolle dem Volk die Wahrheit sagen, meinte er im ZDF-Sommerinterview. Wäre diese Wahrheit aber dann nicht eine Bankrotterklärung, gerade von ihm und seiner Partei?

Oder ist Seehofers Wunsch-Botschaft eine andere? Möchte er durch die Blume mitteilen, dass die Probleme des Landes nicht zu lösen sind, so lange es Flüchtlinge gibt? Falls ja, was unterscheidet ihn gedanklich noch von den fragwürdigen AfD-Größen?

Vielleicht werden wir noch erfahren, welche Motive den CSU-Chef tatsächlich antreiben. Bis dahin ein kleiner Denk-Schwenk: In einem Zeitungsinserat wurde dieser Tage ein SUV Marke Audi dort zu einem „knallhart kalkulierten Hauspreis“ angeboten, nämlich zu 85.000 €. Viele werden sagen, wer sich dieses Auto kaufen könne, habe es geschafft. Denn Konsum istLebensinhalt, ist Beweis des eigenen Erfolgs.

Nehmen wir an, die Gesellschaft denkt so und behält dieses Denken bei. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Flüchtlingen? Werden wir offen sein oder müssten wir nicht viel mehr Zäune und Mauern bauen? Schaffen wir es so tatsächlich besser?

Jede Geschichte kann auch anders sein

Wir sind zurecht geschockt. Ein 17-jähriger Flüchtling hat andere Menschen mit einer Axt und einem Messer übel zugerichtet. Er soll Isis-Anhänger gewesen sein. Die Polizei hat ihn gestellt und schließlich erschossen. Schlimmeres verhindert, Islamist tot. Alles gut?

Nein, das ist es nicht. Zu viele Kommentare nach diesem Amoklauf waren zu abstoßend. Der Tod des zum Terroristen erklärten Jugendlichen wurde geradezu gefeiert. Abknallen, liquidieren, wegräumen – so schwirrte es durch die sozialen Netzwerke. Komplett vergessen wurden dabei Worte des Bedauerns in Richtung der beiden Beamten, die die tödlichen Schüsse abgegeben haben. Als ob es ein lockerer Job wäre, jemand zu töten. Ist es nicht. Es ist – auch bei einem Amokläufer – das allerletzte Mittel.

Aber gehen wir davon aus, es habe sich um einen fanatischen Islamisten gehandelt, der losgezogen sei, um zum Ruhme des Kalifen Ungläubige zu töten. Er habe sich in einen Blutrausch hineingesteigert, dabei „Gott ist groß“ gerufen und sei schließlich brüllend auf die Polizisten losgestürmt. Er sei ihnen gefährlich nahe gekommen, habe ausgeholt, um seine Axt nach ihnen zu werfen. Ganz klar, es wäre Notwehr. Die Welt hätte einen Terroristen weniger.

Doch vielleicht lässt sich die Geschichte anders erzählen. Nehmen wir an, dieser 17-Jährige sei von seiner Familie ausgewählt worden, um nach Europa zu gehen, um den Lebensunterhalt für Eltern und Geschwister zu verdienen. Nehmen wird an, der junge Mann sei auf der Bootsfahrt nach Griechenland beinahe ertrunken, er sei auf der Balkanroute gejagt und misshandelt worden.

Nehmen wir an, dass er sich im neuen Lebensumfeld nicht zurechtgefunden hat, dass ihm klar geworden ist, dass er die Erwartungen seiner Familie vielleicht nie wird erfüllen können. Nehmen wir an, er habe, was 17-Jährige durchaus tun, mit der Isis-Fahne und seinem Dschihad-Video provozieren wollen. Er habe dann aber beschlossen, dass er nun doch eine Sache wie ein richtiger Mann zu Ende bringen möchte.

Es wäre eine Tat, weniger aus Hass, denn aus Verzweiflung. Wenn es so stimmte, würde man diesem jungen Menschen nicht gönnen, dass er seinen Amoklauf überlebt hätte?

Es geht nicht darum, ein nicht entschuldbares Verbrechen zu rechtfertigen. Aber wir sollten, auch dann wenn sich eine Schilderung gerade aufdrängt und uns schlüssig erscheint, nachdenklich bleiben. Die eigentliche Geschichte kann immer eine andere sein.

 

 

 

Horror-News: Danke, es reicht erst mal

Es ist verrückt. Du machst Urlaub jenseits der Nachrichtenströme, amüsierst dich über die machtvolle Rückkehr der Pokémons. Dann aber: Massenmord mit Lkw, Militärputsch in der Türkei… Was bitteschön, kommt noch?

Undurchsichtig sind beide Ereignisse. Zwar hat sich der Islamische Staat wohl zum Anschlag von Nizza bekannt. Das kann aber Propaganda sein und es kann sich beim Täter schlicht um ein vom Leben enttäuschtes Arschloch gehandelt haben. So soll er jedenfalls gegenüber anderen Menschen aufgetreten sein. Möglicherweise bleibt sein Handeln unerklärlich. Das gibt es. Denken wir bloß an Andreas Lubitz, den Co-Piloten der Germanwings-Maschine, der 149 Menschen in den Tod gerissen hat.

Vielleicht erfahren wir in nächster Zeit die Wahrheit. So wie über die Hintergründe des Putschversuches in der Türkei. Kaum jemand bei uns dürfte sich vorgestellt haben, dass das Militär so vorgehen könnte. In Ägypten, nun gut. Aber in einem Land, das Europa so nahe ist?

Undenkbar ist es nicht gewesen. Die türkische Armee ist den säkulären Prinzipien des Staatsgründers Atatürk verpflichtet. Diese hat Staatspräsident Erdogan in jüngerer Vergangenheit mehrfach missachtet. Das gilt vor allem für seine Bestrebungen, zum Präsidenten mit umfassenden Machtbefugnissen zu werden. Was die Freiheit der Medien angeht, hat er sowieso geholzt wie die Axt im Wald.

Und nun gibt es dieses Dilemma für demokratisch denkende Menschen: Ist ein vom Volk gewählter Präsident, der im Amt diktatorische Züge entwickelt hat, zu verteidigen? Ist es zu ertragen, dass gerade er sich als Retter der Demokratie feiern lässt? Wäre es besser, er wäre abgesetzt worden?

Wir sollten zugeben, dass wir -wenigstens jetzt – völlig überfragt sind. Wir sollten den Menschen in der Türkei wünschen, dass ihnen staatliche Repression oder gar ein Bürgerkrieg erspart bleiben. Wir sollten hoffen, dass der Hass nicht auf unser Land, auf unsere türkischen Freunde, Bekannten oder Kollegen überspringt.

Und ganz zum Schluss noch ein frommer Wunsch: Gebt uns ruhig mehr Pokémons als Spitzen-Nachricht. Horror-News – sie reichen erst mal.

 

 

 

 

 

 

„Gotteskrieger“: Sollen wir sie Arschlöcher nennen?

Wir alle sollten es gut finden, wenn Sprache das ausdrückt, was wirklich ist. Was also hält uns davon ab, mordende Islamisten als das zu bezeichnen, was sie sind? Nämlich als Arschlöcher?

Ein Ärgernis ist jedenfalls der in den Medien gerne als Synonym für Terroristen verwendete Begriff „Gotteskrieger“. Dieser vermittelt uns das Gefühl, dass es dem Islamischen Staat (schon das eine Bezeichnung, die diese Killer unnötig adelt) und anderen blutrünstigen Gruppen vielleicht doch um höhere Ziele gehen könnte. Schreckensherrschaften dienen aber keinem höheren Wesen, sondern den Interessen der Anführer oder der an ihnen interessierten Mächte.

Tragisch ist bloß, dass Geschichte immer nur einen kleinen Teil der Menschheit etwas lehrt. „Ernenne arme Schlucker zu Herrenmenschen – und sie töten für dich“, lautet das Prinzip. Es funktioniert in einer islamistischen Organisation genau so wie damals im deutschen Faschismus. Tragikomisch ist es deshalb, wenn Neonazis gegen Muslime hetzen. Ohne zu merken, dass deren radikale Vertreter Brüder im Geiste sind. Faschisten und Islamisten haben die gleichen Denkstrukturen. Sie gehören zusammen, eigentlich.

Aber zurück zur Sprache. Wir haben keinerlei Grund, Mördern gegenüber höflich zu sein. Wer daran, glaubt, dass himmlische Jungfrauen auf ihn warten, wenn er sich zuvor mit Sprengstoff in seine Einzelteile zerlegt hat, ist ein Arschloch. Wer wahllos Menschen tötet, sehr oft auch solche, die seines angeblich so heiligen Glaubens sind, ist ein Arschloch. Wer einem selbst ernannten Kalifen willenlos ergeben ist, ist ein Arschloch.

Drei klare Argumente dafür, in Zukunft dieses Synonym zu nehmen. Der Gedanke daran fühlt sich gut an. Aber nachdenklich, wie unsereiner ist, überlegt er, ob dieses Schimpfwort nicht zu harmlos ist. Arschlöcher kennt jeder in großer Zahl, das geht beim mutwilligen Falschparker los. In meiner fränkischen Heimat kann man dieses Wort bei entsprechendem Tonfall sogar freundschaftlich verwenden. Es wird dem Ganzen nicht gerecht.

Wie also sollen wir sie nennen? Mörder, Unmenschen, Barbaren, Schlächter? Es ist seltsam, kein Wort beschreibt treffend die Verachtung, die Terror verdient. Vorschläge sind willkommen. Aber bitte, bitte ohne „Gott“.

Schlapphüte in die Altkleidersammlung!

Nahezu jedes politische Ereignis hat für mich einen Schuss Komik, der es möglich macht, darüber zu schmunzeln. Wenn es um den Kampf gegen rechtsextreme Mörder geht, kommt bei mir allerdings überhaupt keine Ironie mehr auf. Die Verlogenheit insbesondere konservativer Politiker ist für mich nur noch unerträglich.

Das Reaktionsmuster auf Anschläge oder auf das Entlarven von Neonazis ist immer gleich und deshalb leicht durchschaubar. Es gibt einen Aufschrei, es wird geklagt, dass man mit einer völlig neuen Dimension von Menschenverachtung konfrontiert sei. Mit einem Terror, der wie aus dem Nichts über dieses Land gekommen sei.

Aber man werde so hart reagieren wie nie zuvor. Deshalb wird jetzt wieder ein Verbot der NPD ins Gespräch gebracht. Ich nehme jede Wette an (bitte für Gegenangebote die Kommentarfunktion nutzen), dass es dazu nicht kommen wird. Das Stichwort NPD-Verbot dient vielmehr dazu, die Bevölkerung zu beruhigen und Handlungsfähigkeit vorzuspielen. Sobald die Diskussion um braune Killer abgeebbt ist, wird man die Gegenargumente stärker ins Feld führen. Schließlich wird man vom Verbot „Abstand nehmen“. Was übrigens sowieso meine Meinung ist. Ich finde, eine Demokratie muss stark genug sein, die Existenz extremistischer Parteien zu ertragen.

Aber was wird dafür getan, um die demokratische Auseinandersetzung mit den Rechten zu führen? Sobald sich nach einer Gewalttat Netzwerke gegen Rechts gründen, bejubelt die Politik den „Aufstand der Anständigen“. Aber dann erfährt man, dass der bayerische Verfassungsschutz nicht nur V-Leute in Nazi-Verbindungen bezahlt und so das Treiben dieser Partei mitfinanziert, sondern – zwecks Rettung der Demokratie – einen KZ-Überlebenden bespitzeln lässt.

Weiteres Beispiel: Die antifaschistische Informationsstelle namens „a.i.d.a.“ mit Sitz in München, die Fakten über die Neonazi-Szene sammelt, bekommt auf Bundesebene Preise für Zivilcourage. Sie hat die sächsischen Sicherheitsbehörden mit Informationen unterstützten, wird aber vom bayerischen Verfassungsschutz als tendenziell linksextrem eingestuft und beobachtet. Mit der Folge, dass sie nicht als gemeinnützig anerkannt ist. Staatliche Zuschüsse für Projekte von a.i.d.a. gibt es deshalb nicht.

Ein weiteres Beispiel: Wer sich in Dresden auf die Straße setzt, um einen Marsch von Neonazis zu blockieren, muss hinterher erfahren, dass die Sicherheitsbehörden sein Handy abgehört haben. Weil er ja ein Grundrecht verletzt hat.

Ich bin dafür, dass die berühmten „Schlapphüte“ in die Altkleidersammlung kommen, dass der Verfassungsschutz abgeschafft wird. Für Kriminelle gibt es die Polizei. Sollte allerdings bekannt werden, dass Leute beobachtet werden, die andere Menschen unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten oder hausen lassen oder dass Handys von Unternehmern abgehört wurden, die verfassungswidrig das Streikrecht behindert haben – dann sind wir vielleicht wieder im Geschäft. Aber nur dann.