Jeder braucht seinen Feind

Die Sitten im Straßenverkehr verrohen immer mehr. Diese Nachricht rauschte in diesen Tagen durch alle Medien. Vor allem Männer am Steuer strotzten vor Selbstüberschätzung und Aggression. Und es werde immer schlimmer.

In der Tat: Man fragt sich, woher Menschen die Überzeugung beziehen, dass ihnen die linke Fahrbahn mehr gehört als anderen. Vielleicht spielt Politik insofern eine Rolle, als sie nicht akzeptieren mögen, dass sozialistische Gleichmacherei im Stau die für die Wirtschaft so wichtige Mobilität bremst. Aber sonst wohl deshalb, weil sie – aus ihrer Sicht – einfach geborene Chefs sind. Weil sie mehr Steuern hinterziehen als andere oder weil ihr Sportcoupé geleast und nicht bezahlt ist. Jedenfalls gibt es eine Denkstruktur, welche besagt, dass der Rest der Welt den eigenen Interessen zu dienen hat.

Wir dürfen den schnellsten Mitgliedern unserer Gesellschaft aber nicht zu böse sein. Wir alle wechseln mit der Fortbewegungsart unsere Manieren, wenn nicht gar unsere Daseinsform. Würde man eine Umfrage starten, wer wenn auf Wegen und Straßen am meisten hasst, käme wahrscheinlich heraus, dass das jeden trifft, der anders unterwegs ist als man selbst.

Fußgänger sehen sich als schwächste Verkehrsteilnehmer und sehen sich permanent bedroht. Doch auch sie ziehen sich Hass zu, wenn sie auf Wegen  elend langsam in Viererreihen schlurfen oder – neuerdings – tagblind auf der Jagd nach Pókemon in den fließenden Verkehr laufen.

Hundebesitzer sind insbesondere bei Radfahrern verhasst. Entweder, weil sie ihren besten Freund frei herumlaufen lassen. Oder weil sie ihn an einer zu langen Leine führen, die sich gelegentlich quer über den Weg spannt. Radler wiederum gelten allen anderen Verkehrsteilnehmern als rücksichtsloseste und  leichtsinnigste Spezies. Sie erschrecken Kinder, rauschen im Zentimeter-Abstand an alten Leuten vorbei oder fahren über die Kreuzung, egal, was die Ampel anzeigt.

Was aber wiederum nicht heißt, dass sie auch die schlimmsten Autofahrer sind. Der Anarchist im Fahrradsattel, kann am Steuer seines Wagens ein Vorbild sein.

Fazit: Jeder stört irgendwann jeden. Vielleicht braucht der Mensch ab und zu einen Feind, um sich seiner selbst zu vergewissern. Klingt nach Steinzeit. Ist aber so. Alles Weitere regelt – irgendwann – die Evolution.