Posts Tagged ‘SPD’

April 15th, 2013

WIR ist nett – aber SIE gewinnt

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Wahlkampf wird’s. Also beginnt wieder das große Leiden der Parteien. Sie müssen plakattaugliche Sprüche erfinden, die zu ihrer Identität und zum Wahlprogramm passen. Slogans, mit denen eine massentaugliche Balance zwischen klug, blöd und nichtssagend gelingt. Die SPD probiert es mit “Das WIR entscheidet!”.

Es ist das Schicksal der großen sozialen Volkspartei, dass sie immerzu Gemeinschaft muss gebären. Nun wird gesagt, dass der neue Spruch bereits von einer bayerischen Zeitarbeitsfirma verwendet werde. Dumm gelaufen. Andererseits gelingt den Sozialdemokraten mit diesen Worten wieder eine engere Verbindung zu den Gewerkschaften. Ver.di zum Beispiel ehrt erfolgreiche Mitgliederwerber unter dem Motto “Mehr wir. Dank dir”. Der neue Slogan folgt zudem einer langen Tradition. 1949 warb die SPD mit “In der Eintracht liegt die Macht”, 1961 mit “Hand in Hand – gemeinsam geht es besser”. Peer Steinbrück und seine Helfer folgen also dem üblichen Repertoire.

Dabei schlummern in den Parteien ungeahnt kreative Kräfte. Vor allem an der Basis. So feuert die Junge Union Nürnberg gerade mit folgenden Worten auf den dortigen SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly: “Genug von MiniMalystischer Politik”. Das ist famose Sprachkunst, die freilich nur der Name des Rathauschefs möglich macht. Ein Name, der seinen Gegnern auch Ausbrüche von Pazifismus ermöglicht: “Keine Bratwürste für Maly-Einsatz”. Es ginge auch “SPD? MalyFitz” oder “Für eine Stadt ohne KaMalytäten”.

Doch die SPD könnte kontern. Der CSU-Kandidat heißt Sebastian Brehm und somit wie der Namenspatron von Nürnbergs traditionsreichstem Altenheim, dem Sebastiansspital. Warum also nicht den Slogan wagen: “Unser Rathaus ist kein Wastl”? Oder man holt zum Schlag gegen Finanzminister Markus Söder aus, welcher ja gerade dabei ist, den Wöhrder See in ein Bade- und Surfparadies verwandeln zu lassen. Man nehme ein Foto der dortigen grün-schleimigen Algenpest und verkünde: “Brehms Tierleben. Nicht mit uns!”. Und wenn es ganz hart kommt, zeigt man auf die Zukunft. “Wir lassen uns den Fortschritt nicht brehmsen. SPD”. Das haut rein.

Wozu diese Qualen, fragt man vielleicht bei den kleineren Parteien. Sie dürfen, was Peer Steinbrück nicht darf. Frech sein. Von den Grünen darf man durchaus einen neuen witzigen Slogan wie “Brüder durch Sonne zur Arbeit” erwarten. Und bei der FDP sind, seitdem sich Guido Westerwelle sein Wunschwahlergebnis an die Schuhsohlen genagelt hat, die Spaßvögel sowieso von der Leine. Die Linken dagegen stecken bei aller Suche nach Originalität ebenfalls in der linken Solidaritätsfalle.

Was aber macht die CDU im Bund? Sie, die Partei der unantastbaren, unschlagbaren, unverzichtbaren, unübertrefflichen Eurobewahrerin Angela Merkel? Sie wird Plakate weglassen, sie wird auf Sprüche und Versprechen ganz verzichten. Denn es gibt SIE. Und SIE weiß, dass jede klare Aussage ein falsches Wort zuviel sein kann. Deshalb wird man am Brandenburger Tor eine der Tschenstochauer Papststatue nachempfundene Merkel-Plexiglasskulptur aufstellen. Mit zirka 15 Metern Höhe.

Diese wird dann unter dem Motto “Macht Angie” von den örtlichen Laubsäge-Arbeitsgemeinschaften der Jungen Union in kaum geringerer Größe nachgebaut und sodann durch Städte und Dörfer gerollt. Und die Bild-Zeitung, allzeit treu auf der Schleimspur der Unbeschreiblichen, wird in großen Buchstaben vermelden: “Deutschland liegt Merkel zu Füßen”. So wird es sein. SIE gewinnt. WIR ist wurscht.

Februar 28th, 2013

Peer Steinbrück: Ein Kerl für die Landwirtschaft

Hiermit stelle ich Folgendes fest: Ich finde Peer Steinbrück witzig. Einen Politiker, der derart ohne Rücksicht auf Verluste sagt, was er gerade denkt, hatten wir schon lange nicht mehr. Aber ob er der richtige Kanzler ist?

Der SPD-Kanzlerkandidat hat unter Ausnutzung seiner sämtlichen Beinfreiheit erklärt, dass er ziemlich entsetzt beobachtet habe, dass in Italien zwei Clowns die Wahlsieger seien. Und prompt läuft die allgemeine Empörungsmaschinerie. Aber was ist falsch daran? Wahlsieger Nummer 1, Beppe Grillo, ist Komiker von Beruf. Und zwar einer, der sich härter äußert, als es ein Peer Steinbrück je machen würde. 25 Prozent der Wählerstimmen hat er mit seinen Sprüchen erreicht. Also ein Ergebnis, mit dem eine SPD zur Not leben könnte.

Und Silvio Berlusconi? Zirka 99 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass es sich bei ihm um einen, wenn auch fiesen Clown handelt. Und hatte sich nicht Angela Merkel dereinst an der Seite des französischen Staatskomikers Nicolas Sarkozy köstlich über den verrückten Italiener amüsiert?

Warum also darf man das nicht sagen? Na klar, weil es in der ganz großen Politik nicht um die Wahrheit geht. Ein Bundeskanzler muss jederzeit in der Lage sein, einem Massenmörder lächelnd die Hand zu schütteln. Vor allem dann, wenn sein Land über Bodenschätze oder über einen stolzen Militärhaushalt verfügt. Er muss selbst bei den übelsten Typen so tun, als seien sie irgendwie nette Kerle. Die Kunst des Redens geht einher mit der Bereitschaft zum Schweigen.

Also kann Genosse Peer schwerlich Kanzler, aber schon gar nicht Außenminister in einer großen Koalition werden. Sein bestmöglicher Job wird zurzeit von einer gewissen Ilse Aigner besetzt. Man stellte sich vor: Der SPD-Kampfplauderer als der unerbittlichste aller Lebensmittelkontrolleure, als Rächer der Dioxin-Eier und Gammel-Döner. Steinbrück for Landwirtschaft! Das haut hin! Das ist der Plan!

Januar 12th, 2013

Politik 2013: Nur Schweigen macht keine Fehler

Begreifen wir endlich: Die große Politik befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Dramatik, Emotionen, Charisma – können wir alles vergessen. Erfolgreiche Staatenlenker/-innen teilen sich die Kräfte besser ein. Sie gewinnen durch Schweigen.

Ein großes Opfer des aktuellen Trends ist SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Sein erster Makel ist, dass er als Kandidat von einem kettenrauchenden Altkanzler erfunden wurde, also der Profiteur eines anachronistischen Altmänner-Bündnisses ist. Hinzu kommt aber: Er ist ein Freund klarer Worte sowie lustiger oder provozierender Sprüche. Doch in dieser Gesellschaft ist politische Korrektheit nicht nur bei Kinderbüchern zum höchsten Qualitätsmerkmal geworden. Wer zu laut ist, wer die Ruhe des kollektiven Sofa-Schlafes stört, wird mit Ablehnung bestraft. So stark, dass Steinbrück inzwischen unbeliebter als unser Außenminister. Schlimmer als Westerwelle? Das hätte noch vor einigen Monaten niemand für möglich gehalten.

Nun, Guido Westerwelle profitiert davon, dass nunmehr ein gewisser Philipp Rösler die politischen Ziele einer nicht mehr erforderlichen Partei erklären muss. Bundeskanzlerin Angela Merkel wiederum hilft es, dass der Herausforderer zu viel redet. Für sie reicht es aus, gelegentlich darauf hinzuweisen, dass die Zeiten schwer sind, wahrscheinlich noch schwieriger werden, dass sie aber mit ihr an der Spitze erträglich gestaltet werden können. Und während die vorlaute Ursula von der Leyen in der eigenen Partei bekämpft wird, während Kristina Schröder sowieso immer aneckt, ist der neue Bundespräsident Joachim Gauck beliebt. Weil er wohldosiert ab und zu von Freiheit redet, aber ansonsten den Mund hält.

Die Menschen wollen also nicht mit großen Visionen belästigt werden. Sie wollen einfach nur wissen, dass jemand da ist und dass es deshalb gut wird.

Für Angela Merkel birgt das die Chance, das Spektrum ihrer Ministerriege um einen neuen Farbtupfer zu erweitern. Sie hat schon eine siebenfache Mutter, einen bekennenden Schwulen, einen Rollstuhlfahrer und einen ostasiatischen Migranten mit ungeklärtem Geburtsdatum. Vielleicht lechzt das Wahlvolk gerade nach einem taubstummen Minister. Aber nach einem, der die Gebärdensprache nicht beherrscht.

Der Rest ist Schweigen.

 

 

 

 

Oktober 8th, 2012

Ein Sozi darf nicht reich sein

Ich stelle fest: Wir wissen nicht, was wir wollen. Da wird darüber gejammert, dass sich speziell junge Leute viel zu lasch durch das Leben treiben lassen. Da wird gepredigt, dass sich Leistung endlich wieder lohnen muss. Und dann arbeitet sich diese Republik an Vortragshonoraren und sonstigen Nebeneinkünften ihrer Volksvertreter ab. Das passt nicht zusammen.

Sicher ist, dass sich das Maß der Empörung über Nebenjobs unmittelbar an der jeweiligen Person beziehungsweise Personengruppe bemisst. Wenn etwa jüngere Unions-Abgeordnete verlangen, dass in Zukunft private Zusatzvorsorge für das Rentenalter verpflichtend werden muss, zwingt das viele Menschen zu einer Zusatzbeschäftigung. Denn die zehn Euro pro Monat, die sich ein Niedriglöhner nach seiner Arbeitswoche noch vom Mund absparen könnte, reißen es später auch nicht heraus. Also gilt in diesem Fall: Wer Nebenjobs ablehnt, ist ein Sozialschmarotzer.

Gering wird die Aufregung um die Nebenverdienste von FDP-Generalsekretär Patrick Döring ausfallen. Weil uns sowieso klar ist, dass sich ein Liberaler von der Wirtschaft schmieren lässt. Und seine Tätigkeit als Vorstand einer Haustierkrankenversicherungs-AG passt ins politische Bild. Denn es ist ja klar, dass künstliche Hüftgelenke für vergreiste Rauhaardackel ohne private Vorsorge nicht zu machen sind. Dass Döring als Aufsichtsrat der Bahn für Verspätungen steht, weil er das Aufpolieren der Bilanz für den Börsengang bestimmt als wichtiger ansieht als ICE-Instandsetzungsarbeiten, ist für uns unerheblich.

Ein Peer Steinbrück hingegen eignet sich als Zielscheibe. Uns interessieren ja immer die Gegensätze. Wir horchen auf, wenn etwas scheinbar nicht zusammenpasst.  “Lothar Matthäus spricht Hochdeutsch” wäre eine entsprechende Schlagzeile. Oder eben “Sozi schwimmt im Geld”.  Da ist allen klar, dass sich das nicht gehört. Wer reich ist, kann sich nicht um die Bedürftigen kümmern. Onkel Dagobert könnte nie der Willy Brandt von Entenhausen sein. Also fordern wir Transparenz.

Gut, es mag uns helfen, wenn wir wissen, wer wen für was bezahlt. Aber für mich sind Steinbrücks Honorare auch ein Stück freie Marktwirtschaft. Wenn es Firmen gibt, die ihn für eine Rede hoch bezahlen – dann soll er es nehmen. Würde ich ja auch tun.

Mich stört am neuen SPD-Star etwas ganz anderes: Beim Verhör durch Günther Jauch hat er auf die Frage nach den beiden größten deutschen Bundeskanzlern Gerhard Schröder genannt. Und das halte ich nun wirklich für beunruhigend.

Oktober 2nd, 2012

Der Kampfhund der Sozialdemokratie

Der Blick sagt: Hier kommt der Kampfhund der Sozialdemokratie.

Eigentlich war man sich sicher: Mit dem Rückzug von Gerd, Joschka, Silvio und Nicolas wäre die Zeit der Testosteron-Politiker zumindest in der EU vorbei. Es würde die Ära der Führungsfrauen oder der mit massig emotionaler Intelligenz ausgestatteten Softies anbrechen. Und dann sagt die SPD dieses: Peer Steinbrück soll Bundeskanzler werden.

Gut möglich, dass nun manche über die Verjüngungsstrategien bei den Sozialdemokraten lästern. Kurt Beck kündigt mit 63 seinen Rücktritt an, Peer Steinbrück will mit 65 nochmal richtig durchstarten. Der junge, 51-jährige Sigmar Gabriel schaut in die Röhre. Er könnte,  falls Steinbrück Kanzler wird, der Prinz Charles des freiheitlichen Sozialismus werden.

Lustig ist, dass sich die Partei als potentiellen Kanzler jemand ausgesucht hat, der als Anti-Sozialdemokrat auftritt. Einen echten Sozi denkt man sich ja als Person, die voll und ganz dem öffentlichen Wohl sowie den Schutzbedürftigen verpflichtet ist. Der deshalb immer aufpasst, dass er niemand verletzt. Humorverzicht gehört zum Markenkern . Böse wird er nur, wenn es gegen kapitalistische Raubtiere, notorische Ausbeuter und gegen schlecht integrierte Sozialschmarotzer geht, die sich ihre Villen von 3000 Meter Dornenhecke, 20 Kameras und fünf Schäferhunde.

Steinbrück dagegen ist nicht nur villentauglich, er wirkt in seinen Reden und Interviews eher wie ein Bußprediger beim Starkbieranstich. Und er hat einen hohen Spaßfaktor: Zitate wie „Diejenigen, die mit Blick auf die Finanzkrise voreilig von Licht am Ende des Tunnels gesprochen haben, müssen nun feststellen, dass das in Wirklichkeit der entgegenkommende Zug war“, sind sein Markenzeichen.

Keine Frage: Der Kampfhund der Sozialdemokratie ist auf der Bühne. Sein Pech: Schon einmal hat sich gezeigt, dass nicht nur Peer Kanzler, sondern das auch Mutti Frauchen kann. Das war schon das Schicksal manchen starken Mannes…

 

 

 

 

 

 

September 10th, 2012

Die Rente ist sicher – ein Wahlkampfthema

Die Szene gilt uns als die Rentenlüge schlechthin: Im Jahr 1986 beklebte der damalige Sozialminister Norbert Blüm eine Litfaßsäule mit einem Plakat und rezitierte in seinem hessischen Dialekt mit feierlicher Stimme den darauf gedruckten Slogan: „Denn oins ist sischää: die Räntä!“ Die Zweifel daran sind nie ausgeräumt worden. Heute weiß man: Die Rente ist sicher. Es fragt sich nur, in welcher Höhe.

Die von Ursula von der Leyen in die Diskussion gebrachte Zuschussrente wirft ein Schlaglicht auf unsere Eigenschaft, dass wir das Bekannte gerne übersehen, wenn es unangenehm ist. So geben wir uns noch immer schockiert, wenn die neuesten Schreckensnachrichten von der Polareis-Schmelze auftauchen. Bei der Rente ist Überraschung noch erstaunlicher.

Denn was Frau von der Leyen angeblich so spontan schockiert hat, die langfristige Absenkung des Rentenniveaus auf 43 Prozent, wurde 2001 von der rot-grünen Bundesregierung beschlossen. Schon damals war klar, dass ein solidarisches System nur so lange aus sich heraus funktionieren kann, so lange die Zahl und Leistungsfähigkeit der Geber und Nehmer im Lot ist. Das kann bei uns in 20 Jahren nicht mehr so sein. Die Alten werden immer älter – die Jungen immer weniger. Und Rentenbeiträge von Maschinen in durchrationalisierten Betrieben sind (noch) kein Thema. Hinzu kommt, dass die angeblich so clevere private Versicherungswirtschaft keine höheren Renditen hinbekommt als die staatliche Rentenkasse. Provisionen und Dividenden wollen ja auch bezahlt sein.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder werden die heute konsumfreudigen Rentner wieder zu zwangsweise bescheidenen Omas und Opas oder es gibt Zusatzgeld aus Steuermitteln.

Letzteres ist sinvoll, aber da ist ja noch die ideologische Hürde. Da lehnt die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer derartige Geschenke mit dem Hinweis ab, dass die Höhe der Rente immer auch ein Spiegel der Lebensleistung sein müsse. Leistung erbringen demnach also nur Besserverdiener.  Und Philipp Missfelder, der unumstrittene erprobter Unionsschnösel des Sozialwesens, rät armen Menschen dazu, doch etwas für das Alter auf die Seite zu legen. So habe man das früher auch gemacht.

Das sagt einer, der nie einen normalen Beruf ausgeübt hat, dafür aber regelmäßig durch dumme Sprüche zu Lasten Bedürftiger aufgefallen ist. Man hört und liest es, und verspürt einen grausamen Drang, solche Leute mit nicht unter sechs Wochen Spargelstechen zu bestrafen. Aber selbst das wird kaum helfen, denn wo Zukunftssorgen sind, sind die Schwätzer nicht weit.

Anders gesagt: Die Rente ist sicher – ein Thema für den nächsten Wahlkampf.

 

 

 

September 3rd, 2012

Herdprämie, die stille Revolution

Oh heilige Statistik! Man stellt es sich doch ganz einfach vor. Man sammelt Daten, wertet sie aus – und weiß hinterher ganz genau, was Sache ist. Aber das stimmt nicht. Denn es kommt immer noch darauf an, wer die Zahlen anschaut. Vor allem dann, wenn es um revolutionäre Veränderungen geht.

Ich habe das bei einer politischen Diskussionsrunde am Beispiel Krippenplätze ganz frisch erlebt. Einer amtlichen Statistik zufolge verfügt München über 14.729 Krippenplätze. Das sind 52 Prozent aller Krippenplätze in Bayern. Die SPD bejubelt deshalb ihren Oberbürgermeister und Landtags-Spitzenkandidaten Christian Ude als “Usain Bolt der kinderfreundlichsten Politiker”.  Die CSU kontert prompt: In München lebten die meisten Menschen. Also sei klar, dass es dort die meisten Krippenplätze gebe. Tatsächlich stellt das CSU-geführte Sozialministerium München und Nürnberg als Bayerns größte Problemzonen in Sachen Kinderbetreuung an den Pranger. Hier fehlten die meisten Betreuungsplätze.

Aber es gibt ja noch das Betreuungsgeld. Und die von Spöttern so genannte “Herdprämie” ist eine Revolution, der weitere Revolutionen folgen könnten. Denn sie ist die erste staatliche Subvention, die gewährt wird, weil man ein Recht gegenüber dem Staat nicht in Anspruch nimmt.

Man bekommt diese Zuwendung  ja nur dann, wenn man auf einen Kinderbetreuungsplatz verzichtet. Genau das aber lässt sich weiterdenken. Es wäre demnach doch ganz normal, wenn Fußgänger Geld aus der Mineralölsteueraufkommen dafür bekämen, dass sie die Straßen nicht benutzen. Wer unterschreibt, dass er auf keinen Fall ins Opernhaus geht,  könnten seinen Anteil an den öffentlichen Kultursubventionen erwarten.

Gleiches müsste für Menschen gelten, die nie öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Und wer einen Bogen um die Stadtbibliothek macht, dürfte sich auf einen Buchgutschein freuen.

Man sieht: Es gibt schier unendliche Möglichkeiten, Prämien zu finden. Fangen wir an, gehen wir bis zum Koalitionsbruch – und danken wir Horst Seehofer und Co. für deren wunderbare Idee.

April 22nd, 2012

Herr Rösler und der Weg der Mitte

Die Frage lautet: Was ist das Ziel der meisten Parteipolitiker? Die Antwort liefert Wikipedia: “Bei einer Strecke, einem Kreis, einer Kugel oder allgemein bei einer n-dimensionalen Sphäre ist der Mittelpunkt der Punkt, der von allen Punkten dieser Sphäre den gleichen (minimalen) Abstand besitzt.” Jawohl, es ist die Mitte.

Viele Jahrzehnte lang war die politische Mitte etwas, zu dem das Wort “minimal” auf gar keinen Fall passte. Fast jeder wollte dorthin und fühlte sich auch dort daheim: CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, die Grauen, die Bayernpartei, und, und, und… Die Mitte in der Politik, das war wie der Saturn. Ein riesiges Gebilde, das auf einer Ringstraße von ein paar unmaßgeblichen Halbirren umkreist wurde. Nur wer auf dem “Planeten Mitte” war, schien Chancen auf Wahlerfolge zu haben.

Inzwischen haben sich die Dinge verschoben. Es ist wieder schick geworden, sich “links” zu nennen. Auch die Rechten werden immer frecher. Aber ein solides Eigelb in einem Spiegelei ist die Mitte mindestens noch. Schließlich wird hier der ruhende Pol der Gesellschaft vermutet. Oder wie es der chinesische Philisoph Mo Ti vor 1600 Jahren darstellte: “Der edle Mensch verkörpert den Weg der Mitte, der gemeine Mann handelt dem Weg der Mitte zuwider. Der edle Mensch scheut keine Mühe, um das Leben anderer zu erleichtern.”

Gerade hier will sich nun Philipp Rösler festsetzen. Auf dem Bundesparteitag der Liberalen hat er erklärt, dass die “Bürgerliche Mitte” ausschließlich seiner stark geschrumpften FDP gehöre. Die Konkurrenz sei ja kollektiv auf dem Pfad nach links.

Und somit sind Saturn oder Eigelb zum Zehner auf einer Zielscheibe geschrumpft. Wenn Rösler zuletzt so viel daneben ging, müssen wir uns zumindest nicht mehr wundern.

März 26th, 2012

Das Saarland wird abgeschafft

Als Angehöriger einer im eigenen Bundesland unterdrückten Minderheit, den Franken, sollte man ich mit Schmähungen von Randgruppen zurückhalten. Aber ich kann es nicht anders schreiben: Seit gestern lehne ich das Wort “Saarland” in allen Schreibweisen und Darstellungsformen ab. Es war einfach zu viel.

800.000 Menschen leben in diesem “Bundesland”. Das ist hierzulande das Format einer Großstadt, das würde aber zum Beispiel in Istanbul nur für einen weniger bedeutenden Stadtteil reichen. Trotzdem: Im Fernsehen gab es Sonntagabend stundenlang Prognosen, Hochrechnungen, Interviews, Analysen, Kommentare und eine Elefantenrunde.

Kurzum, es wurde das seit Jahrzehnten erprobte komplette Repertoire für Landtagswahlen abgespielt. Endlos lange wurde geredet, um den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass diese bessere Kommunalwahl irgendeine Bedeutung für Deutschland, Europa und die Welt hätte.

Aber das ist falsch. Vom Saarland wissen wir doch bloß, dass es deswegen mal Ärger mit den Franzosen gegeben hat, dass Erich Honecker dort geboren wurde und dass die Leute einen eigenwilligen Dialekt sprechen. Wir wissen, dass der alte Oskar Lafontaine dort immer noch Politik macht, dass die Landesmutter einen Doppelnamen hat, der in kein Überschrift passt und dass die FDP dort nur wenige Stimmen mehr bekommt als die NPD. Ansonsten kommt dieses Land nicht mal in der Zweiten Fußball-Bundesliga vor. Als Ort für umwälzende Ereignisse ist es somit völlig überschätzt.

Und noch etwas wissen wir: Aus Saarbrücken kommt Deutschlands schlechtester “Tatort”. Aus Franken dagegen gar keiner. Lasst uns zeigen, dass wir es besser können. Das Saarland wird abgeschafft. Dann werdet Ihr schon sehen.

Juli 26th, 2011

Kaufhof-Rettung? Da hilft nur Geld.

Kennen Sie den? Den Primat der Politik? Dieser Begriff steht für die Meinung, dass bei wichtigen Entscheidungen der politische Wille Vorrang vor allen anderen Interessen, insbesondere vor wirtschaftlichen, haben sollte. Manchmal aber ist dieser Primat ein Witz. Aus gutem Grund.

Namhafte Gelehrte bezweifeln ohnehin längst, dass eine Welt funktionieren kann, in der die Politiker/-innen stets zuallererst den Ton angeben. Sie beschäftigen sich dabei gerne mit der Globalisierung. Ich nehme ein Nürnberger Thema. Den Kaufhof.

Jüngst hatte ich geschildert, dass mich das für 2012 geplante Aus für das traditionsreiche Nürnberger Südstadt-Kaufhaus richtig traurig macht. Mich verbinden damit viele persönliche Erinnerungen. Auch zahlreiche andere Menschen zeigten sich geschockt.

Alle, die in dieser Gegend Verantwortung tragen, sollten daher schleunigst gemeinsam nach der besten Lösung für die Zukunft suchen. Meint man. Aber das gelingt nicht. Zurzeit jedenfalls sucht offenbar jede Partei nach einer eigenen Lösung, die Einzelhändler-Vereinigung “Südstadt Aktiv” verbündet sich ganz offiziell mit der CSU,  bedient sich aber auch bei Ideen bei der SPD. Aus Sicht der Bürger entwickelt sich ein “Herr-Lehrer-ich-weiß-was-Spiel”. Am vergangenen Samstag waren auf dem Aufseßplatz zwei Stände zum Thema Kaufhof aufgebaut. Ein seltsames Bild.

So werden die Akteure nicht zum Ziel kommen. Den Primat der Politik kann man vergessen. Es hilft nur jemand, der den Mut hat, in diesen grauen Kasten viel Geld zu investieren. “It’s the econonmy, stupid” – es kommt darauf an, was die Wirtschaft sagt. Der frühere US-Präsident Bill Clinton hat mit seinem berühmten Satz in Sachen Nürnberger Südstadt recht. Und das ist ja auch ein globaler Aspekt.

 

 

 

 

 

Juli 19th, 2011

Stefan Schuster – der Retter der Demokratie

Unser Retter: Stefan Schuster.

Unser Retter: Stefan Schuster.

Ich muss jetzt mal eine Frage stellen, mit der meine zahllosen Freunde außerhalb Bayerns nichts anfangen können: Kennen Sie Stefan Schuster? Nein? Sollten sie aber. Denn dieser SPD-Landtagsabgeordnete ist der Hoffnungsträger, der Retter. Er, und vielleicht nur er, kann die Vertrauenskrise der Politik überwinden. Denn er ist… Aber der Reihe nach.

Unsere glorreiche Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung untersucht ja alles, wovon jemand mit Geld meint, dass es untersucht werden sollte.  Zum Beispiel ermittelt sie die deutsche Single-Hauptstadt (Regensburg), ergründet die Nachfrage nach E-Books (noch schwach) oder fragt nach der bevorzugten Marke von Hausärzten beim Kauf von Blutdruck-Messgeräten.

Manchmal jedoch geht es auch den Marktforschern ums große Ganze. Dann sammeln sie Daten für den “GfK-Vertrauensindex”. Und lassen die Menschen fragen: Wer meint es wirklich gut mit uns? Wer ist aufrecht und niemals hinterfotzig? Wer lügt nie bei der Arbeit?

Für die Politiker/-innen ist diese Forschungsarbeit schlecht ausgegangen. Nur 14 Prozent der Befragten trauen ihnen über den Weg. Das tut weh, wird aber durch eine nette Pension schon nach relativ kurzer Amtszeit belohnt. Auch die Banker genießen kein Vertrauen mehr. Endlich, möchte man sagen. Und nicht einmal die eigentlichen Anker unseres Daseins, die Brückenbauer ins Paradies, also die Priester, schneiden überragend ab. Das Vertrauen in den Klerus ist innerhalb eines Jahres von 72 auf 55 Prozent gesunken.

Aber an wen glauben die Menschen? an die Ärzte, die Polizisten – und an die Feuerwehrleute. Unfassbare 94 Prozent sind sicher, dass die Löschkräfte ausschließlich aus hehren Motiven handeln.

Und jetzt kommt die Auflösung vom Anfang dieses Textes: Der Landtagsabgeordnete Stefan Schuster war vor seinem Wechsel ins bayrische Parlament von Beruf Feuerwehrmann. Er kann die Vertrauenskrise lösen. Denn wenn man die Feuerwehr- und Politiker-Vertrauensquote zusammenrechnet und durch zwei teilt, gilt er als spürbar vertrauenswürdiger als jeder katholischer Prieste. Und das als Sozialdemokrat! Die Marktforschung macht’s möglich.

 

 

 

 

Mai 13th, 2011

Achtung, die Dicken greifen an

Voll respektierte dicke Menschen im Fernsehen kannte man bisher vor allem als bildschirmfüllende Kartenleserinnen bei Astro-TV. Grundsätzlich gehörten sie aber doch zu den bedauernswerten Verlierern der Evolution. So wie jene einst 370 Kilogramm schwere Transsexuelle namens Jacky Duvall, die nach dem Verlust von 220 Kilogramm Lebendgewicht verschieden ist und gerade in einem RTL-Beitrag mit reichlich Schwulstmusik ins Jenseits verabschiedet wurde. Aber das Image der Dicken ändert sich gerade. Durch die Tanzshow “Let’s Dance”.

April 29th, 2011

Nicht nur in der SPD: Ein alter Sabberkopf gehört dazu

Niemand kann sich seine Angehörigen aussuchen. Das geht, wie heute auf zirka 72 deutschen Fernsehsendern zu erleben, Britanniens neuer royaler Stil-Ikone Kate Middleton so. Aber es kann auch alte Tanten treffen. Wie die SPD, die sich irgendwie  mit ihrem Migrantenschreck Thilo Sarrazin arrangieren muss. Weil sie ihn nicht rauswirft.

Die Angelegenheit ist tragisch, trifft aber viele. Im Grunde beruht jede menschliche Beziehung auf der Hoffnung, dass sich der jeweils andere irgendwann im eigenen Sinn ändern könnte.

März 28th, 2011

Bei Wahlen siegt die Wahrheit – aber nicht immer

“Nur die Wahrheit trägt den Sieg davon.” So also sprach ums Jahr 400 herum der Kirchenvater und Heilige Augustinus Aurelius. Wie wahr dieser schlichte Satz auch in der heutigen Zeit ist, hat sich am Sonntag in den Bindestrich-Ländern Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz gezeigt. Die Grünen haben gewonnen. Und wie.

Ein Sieg der Wahrheit war es insofern, als tatsächlich nur die Grünen immer gegen Kernkraft waren. Das war in den Anfängen dieser Partei auch ziemlich einfach, weil mit einer Regierungsbeteiligung nicht zu rechnen war. Dort, wo sie mittlerweile mitregiert hat, drückte die Öko-Partei zwar nicht so ganz strikt auf den Abschaltknopf. Aber das macht nichts. Den Menschen war klar: Von allen deutschen Politikern/-innen hat Claudia Roth den Super-Gau von Fukushima am wenigsten gewollt. Und nur sie und ihre Freunde garantieren, dass Mercedes, Saumagen und Riesling für immer weniger verstrahlt sind als Toyota, Sushi und Reiswein.

Die CDU zeigte im Wesentlichen zwei Gesichter: Da moserte Bildungsministerin Annette Schavan bei Anne Will über die Ungerechtigkeit, dass ihr Stefan Mappus weniger Stimmenanteile verloren habe als Kurt Beck in Mainz, anders als dieser aber abtreten müsse. Andererseits zeigte die frühere Weinkönigin Julia Klöckner als CDU-Spitzenkandidatin in Rheinland-Pfalz, dass man auch von 2,5 Prozent besoffen werden kann.

Die SPD wiederum erweiterte das Spektrum der menschlichen Psychologie um die Erscheinungsform des überglücklichen Verlierers. Fast zehn Prozent weniger in Rheinland-Pfalz? Egal? Nur noch drittstärkste Kraft in Baden-Württemberg? Total wurscht, so lange die anderen verlieren? In dieser Schönheit hat man einen solchen Verlierer-Jubel zuletzt nach der Fußball-Vizeweltmeisterschaft 2006 gesehen.

Und die FDP? So bot ein Bild des Jammers. Und sie widerlegte unseren Heiligen Augustinus. Da hatte ihr Spitzenmann Rainer Brüderle in Sachen Atom-Wahltaktik die Wahrheit gesagt – und trotzdem gab es zwei Klatschen. Tja, wenn die Wahrheit aus einer Ecke kommt, aus der man sie am wenigsten erwartet, ist es eben auch nicht recht.

Juni 25th, 2010

Sonntagsfrage: “Neoliberales Hasenhirn” passt

Jetzt haben wir doch mal Mitleid. Unsere Kanzlerin und ihre Liebsten müssen sich zurzeit doch fühlen wie Erzbischof a. D. Walter Mixa in seinem Augsburger Fegefeuer. Wohin man hört, hagelt es Kritik. Wohin man schaut, sind die Schlagzeilen mies sowie die Zahlen in der “Sonntagsfrage” schlecht und schlechter.

Auch die Leser(innen) dieses Blogs zeigen keine Gnade.