Wir werden gefastet. Aber wir sind erleuchtet

Gerade sagt man uns wieder, wir sollten doch fasten. Wenn uns alltägliche Freuden eine gewisse Zeit lang fehlten, lernten wir sie wieder als Geschenk zu schätzen. Erleuchtung durch Verzicht – das sei der gute Weg.

Stimmt schon, wir könnten was tun. Smartphonefasten gäbe uns den aufrechten Gang zurück. Kaffeefasten würde unseren Blutdruck senken.

Autofahren hält selbst der ADAC für eine hervorragende Idee. Und Fußballfasten würde manchen Männern die überraschende Erkenntnis vermitteln,  dass da auf dem Sofa noch jemand sitzt.

Dumm bloß, dass wir gerade in ein vielfältiges Zwangsfasten verwickelt werden. Ein Toleranz- und Demokratiefasten greift um sich. Das Zinsfasten kennt jeder, der bloß ein paar Euros angelegt hat. Und der neueste Armutsbericht lehrt uns, das immer mehr Menschen zum endlosen Geldfasten verdammt sind.

Wir fasten zu wenig und werden zu viel gefastet. Nur Dummheit fastet nie. Das stört uns. Aber es hilft uns auch, wenn es durchschaut haben und es ändern können.

Alsdenn, nicht verzagen. Gönnen wir uns ab und zu ein bisschen Sorgenfasten. Und: Bleiben wir erleuchtet!

Die Märkte mögen es charakterlos

Am Ende eines Jahres wird Bilanz gezogen. Dazu gehört stets auch die Frage, wer der Liebling „der Märkte“ ist. Welches Unternehmen also die Geldfürsten des Finanzkapitalismus am meisten begeistert. Das Geheimnis ist gelüftet, der Star der Börsianer ist gekürt: Der Apple-Konzern darf sich „wertvollstes Unternehmen der Welt“ nennen.

Das US-Unternehmen wird an den Finanzmärkten mit 625 Milliarden Dollar bewertet. Das ist mehr, als die sieben am höchsten bewerteten deutschen Firmen zusammen aufweisen. Als Mitglieder der digitalen Elite verstehen wir das.

Zwar kann ein ein iPhone kaum mehr als ein ganz offiziell in Fernost produziertes Smartphone. Aber dank neuem Wasserschutz ermöglicht es Selfies beim Schnorcheln, es hat Stereo-Lautsprecher, drahtlose Kopfhörer und ein Retina-Display mit Force Touch. Erstmals sind auch die Antennenstreifen an den Gehäusekanten effektiv getarnt. Schließlich stehen dem Quad-Core-Prozessor A10 Fusion 3 GB RAM zur Seite. Das ist, keine Frage, Fortschritt pur. Darauf hat die Welt gewartet.

Mit kühlem Kopf betrachtet, wirkt das iPhone übertrieben teuer. Aber vielleicht werden die Apple-Arbeiter besser bezahlt.  Mag sein, dass das für die Software-Entwickler, Designer und Marketing-Experten gilt. Fabrikarbeit lässt auch unser Vorzeige-Unternehmen allerdings wie alle anderen in Ostasien leisten. Zu konkurrenzfähigen, also elend schlechten Konditionen für die Menschen am Band.

Das allerdings wird gegenüber den Öffentlichkeit weggewischt. Was erst recht für die Förderung der für ein iPhone erforderlichen Rohstoffe gilt. Da sind so viele Subunternehmer, Rohstoffhändler und Milizenchefs aus unsicheren Regionen beteiligt, dass keine Verbindung zu Apple mehr hergestellt werden kann, wenn wieder einmal irgendwo in Afrika der Einsturz einer Mine ein paar Bergbau-Sklaven tötet. Und die in dreistellihger Millionenhöhe hinterzogenen Steuern von Apple lagern dem Vernehmen nach auf einer Südsee- oder Karibik-Insel. Wo jedoch, erscheint auf keinem Display.

Unser Fazit: „Die Märkte“ lieben Blender, Betrüger und eiskalte Ausbeuter. Hauptsache, man schaut gut aus. Champagner für die Märkte!

 

 

 

Pokémon – die gefährlichsten Tiere der Welt

Die Mücke hat der „Spiegel“ in diesen Tagen per Titelgeschichte als gefährlichstes Tier der Welt identifiziert. Dafür spricht viel. Noch mehr Argumente gibt es jedoch inzwischen für die Vermutung, dass sich das stolze Nachrichtenmagazin schon in Kürze zerknirscht wird korrigieren müssen. Denn nichts richtet mehr Chaos an, als die virtuellen Tiere namens Pokémon.

Virtuelle Hausgenossen und Freunde haben in den 90-er Jahren unsere heutige Lebensart vorweggenommen. Eltern konnten seinerzeit nicht so recht verstehen, woher ihre Kinder die Hingabe für Aufzucht und Betreuung ihres Tamagotchi genommen haben. Die Pokémon waren eine andere Spezies. Aber auch sie verlangten nach ständiger Aufmerksamkeit. Diese bekommt inzwischen unser klügster virtueller Begleiter, das Smartphone.

Dieses allzeit verfügbare und dank Internet-Zugriff allwissende Gerät tut sich nun mit Hilfe der App Pokémon Go mit den lustigen Monstern zusammen. Eine geradezu diabolische Verbindung, der sich immer mehr Menschen nicht mehr entziehen können. Pokémon-Jäger halten an zentralen Plätzen ungenehmigte Versammlungen ab, sie schreiten blind über belebte Straßen, verlaufen sich auf Truppenübungsplätzen, rammen als abgelenkte Fahrer andere Autos oder robben aufgeregt schnaufend durch fremde Gärten. Es wird, da darf man sicher sein, reichlich Unfälle geben.

Schaut man in die aktuelle Politik, fragt man sich, ob die Pokémon nicht schon in der Realität angekommen sind. Der Erfinder des Brexit und  Außenminister seiner Majestät, Boris Johnson, ist dem Ober-Pokémon Pikachu nicht unähnlich. Die Frisur von US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump könnte durchaus von einem zugekoksten Nintendo-Designer gestaltet worden sein. Den türkischen Säuberer Reccep Tayipp Erdogan wiederum würden Freunde des Spiels in den Kampf-Pokémon Menki oder Rasaff wiedererkennen.

Und Pokémon bewegt die Welt. Der Aktienkurs der Herstellerfirma ist in den letzten Wochen durch die Decke gegangen. Nintendo schwimmt im Geld, und wird deshalb andere Firmen aufkaufen und deren Kompetenz für eigene Zwecke nutzen. Wie wäre es mit der Deutschen Bank, die böse US-Spekulanten mit Derivat-Pokémon reihenweise in den Ruin treibt? Oder mit dem deutschen Weltmarktführer für Kuhstall-Fliegenfallen, der ein massives Gegenmittel gegen feindliche Comic-Monster entwickelt.

Am Ende wird Nintendo mächtiger sein als Google, Apple und der FC Bayern München zusammen. Man wird die Bundesregierung übernehmen, deren freundliches Rauten-Monster zum globalen Download-Star überhaupt wird. Und das Beste: Selbst die fiesesten Mücken können den Pokémon nichts anhaben. Liebe Spiegel-Redakteure, korrigieren Sie!

Nachtrag vom 28. Juli 2016: Wie neueste Entwicklungen zeigen, sind die nachhaltigen Auswirkungen der Pokémon auf die Nintendo-Aktie geringer, als zunächst vermutet. Der Verfasser vermutet, dass die meisten Monster inzwischen von der Firma Vorwerk weggefangen sind. Manchmal hat der Spiegel eben doch recht…

 

 

 

Das Smartphone macht uns froh – und dümmer

Fünfzehn Jahre des neuen Jahrtausends sind vorüber. Und hervorgebracht haben der geballte globale Konstrukteursgeist vor allem ein ungefährt zirka 15 mal 7 Zentimeter große Geräte aus Hartplastik und Plexiglas: Das Smartphone wird von den Menschen als wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts angesehen. Mächtige 45 Prozent haben dies bei einer Umfrage des Internetportals yougov.de so gesehen.

Tatsächlich ist das Smartphone zum externen Sinnesorgan des Menschen geworden. Das leuchtende Rechteck mit den vielen bunten Symbolen verbindet uns mit dem Rest der Welt. Wir lesen Informationen, schauen uns Bilder an, treffen beste Freunde, die wir gar nicht kennen und organisieren bei Bedarf eine Revolution. Nur zum Telefonieren benutzen wir es kaum.

Das Gerät ist so wichtig geworden, dass wir bei Spaziergängen den aufrechten Gang aufgeben. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit gegen Laternenmasten prallen, lächeln wir nur.

So spannend es allerdings auch ist, das komplette Internet in der Hosentasche zu haben und es jederzeit – so der Akku will – aktivieren zu können, so ist das Smartphone doch auch Symbol unserer Bequemlichkeit. Mehr und mehr setzen wir auf Maschinen, die uns anstrengende Aufgaben abnehmen. Wer merkt sich noch einen Termin? Es gibt doch den Organizer. Kopfrechnen? Schon lange passé. Wir fahren zum schwedischen Möbelhaus? Wir wissen, welche Autobahn-Ausfahrt wir nehmen müssen. Aber zur Sicherheit lassen wir das Navi mitlaufen. Wir haben Lust auf Pizza und Döner? Die App erledigt die Bestellung.

Viele alltägliche Dinge könnten wir in Frage stellen. Die Fernbedienung erscheint zwar unverzichtbar, seit wir 599 Fernsehkanäle haben. Andererseits nutzen wir von diesen nur fünf oder sechs. Zudem müssen wir die durch konsequentes Sofasitzen erworbenen Fettzellen entweder akzeptieren oder anderweitig mühsam abtrainieren. Beim Einparken blinkt und quietscht unser Auto wie wild, weil es uns vor Hindernissen warnt. Sich umdrehen ist sowas von Retro.

Ein einziger großer Selbstbetrug ist schließlich das E-Bike. Steigungen sind uns egal, Muskelkater war einmal, Rennradfahrer beißen wütend ins Gras, wenn wir mit sechs Bierflaschen im aufgepflanzten Einkaufskorb an ihnen vorbeischweben.

Über alldem verlieren wir einige unserer besten Fähigkeiten: Mut, Kraft, Lust zum Improvisieren, die Spannung, auch scheitern zu können. Smartphone und Co. sind somit auch ein Fluch. Vergessen wir nie: Nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben.

 

 

Meine Jahrescharts: Vom Tag der Schande bis zum Apple-Kult

Danke CSU! Ich bin froh, dass es Dich gibt. Nichts hat im Jahr 2014 für mehr Klicks gesorgt, als Betrachtungen zu Deinen politischen Vorschlägen. Dies zeigt der Blick auf meine Jahres-Klick-Charts.

Absoluter Renner war der christ-soziale Doppelschlag am 5. Dezember. Die CSu hat voll hingelangt und die Wahl des ersten Ministerpräsidenten der Linken zum „Tag der Schande“ im wiedervereinigten Deutschland erklärt.   Nebenbei wurde den Migranten noch mitgegeben, dass sie doch bitteschön zuhause Deutsch reden sollen. Bingo!

Rein ethisch ist meine Leserschaft gut sortiert. Sonst wäre der Beitrag „Die Gier siegt über die Gerechtigkeit“

nicht so famos geklickt worden. Thema des nach Klicks zweitplatzierten Beitrags war das erstaunlich milde Urteil gegen den Formel-1-Gauner Bernie Ecclestone.

TTIP, ein Aufreger-Thema vom Feinsten, stieß auch in meinem Blog auf Interesse. Kann man sich

Franzosen ohne Wein  vorstellen? Dafür gab’s Platz 3.

Platz 4 für ein Thema, das immer gut ankommt: Die unerfüllte Sehnsucht der Franken nach „Glämmer“ – in diesem Fall beschrieben am Scheitern des Nürnberger Opernballs.

Klick-Meistbeteiligung Nummer 5 für eine Betrachtung zu den Veränderungen, die moderne Kommunikationstechnik mit uns Menschen anrichtet: Der  Sims-Daumen kann keine Schönschrift.

Ein weiteres, mittlerweile erst recht politisches Thema bekam die sechstmeisten Klicks. Nämlich ein Kommentar zur Aufregung um die von ein paar Deppen gegründete Wuppertaler „Islam-Polizei“.

Auf den weiteren Plätzen folgten als Themen:

– Der neue Rekordpreis für die Oktoberfest-Maß.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2014/06/06/1010-e-franken-bestaunt-den-wiesn-mauerfall/

– Die Suche des bayerischen Finanzministers Markus Söder nach der Mitte Frankens.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2014/06/03/mit-dem-bobbycar-zur-vollkommenen-mitte/

– Das WM-Aus für galaktische Fußballer.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2014/06/16/wenn-messi-und-ronaldo-sterben/

– Schließlich: Die neue Super-Uhr der Super-Firma Apple.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2014/09/14/apple-hilf-wir-haben-keine-zeit/

In einer Hinsicht staune ich: Nicht in meine Charts geschafft hat es ein Beitrag über Helene Fischer. Er kam nur auf Rang 13. Nicht alle lesen eben atemlos…

 

 

 

Kontrolle macht das Leben unsüß

Egal, was da kommen mag: Wir haben alles unter Kontrolle. Vor allem uns selbst.

Der moderne Mensch ist ein Gefangener des so genannten Benchmarkings, also des Vergleichens mit ähnlichen Menschen oder Konkurrenten. Begonnen hat diese Zeiterscheinung in der Arbeitswelt. In manchen Unternehmen sind Controller, die Zahlen lesen und/oder interpretieren, inzwischen zahlreicher und mächtiger als jene Beschäftigten, die tatsächlich etwas produzieren. Die Frage, ob Tätigkeiten auf die richtigen Kostenstellen geschrieben sind, ist heute von überragender Bedeutung.

Das färbt ab. Deshalb wächst auch in jedem von uns die Angst, etwas Unvernünftiges oder zu wenig Vernüpftiges zu tun. Wir wollen gut, wir wollen besser sein als andere. Was wiederum nie so einfach wie heute war, haben wir doch Smartphones, die uns kontrollieren und uns zu Spitzenleistungen antreiben. Da gibt es eine Jogging-App, die es uns erlaubt, noch vor dem Duschen allen Freundinnen und Freunden mitzuteilen, dass wir gerade 6,8 Kilometer durch den Wald getrabt sind. Schrittzähler teilen uns jeden Abend mit, ob wir die von der Weltgesundheitsorganisation ermpfohlene Zahl von Schritten gegangen sind. Mit Hilfe der beliebten Sixpack-App verwandeln wir Bauchfett in Muskelstränge.

Bei alldem werden Daten über uns gesammelt. Und dafür gibt es Interessenten. So hat die Generali Lebensversicherung bekannt gegeben, dass sie Fitnessdaten ihrer Kunden abgreifen möchte. Der Konzern wolle, so die für die Masse der Naiven formulierte Begründung, seine Beitragszahler dabei unterstützen, sich selbst und aktiv um ihre Gesundheit zu kümmern. Wer eifrig rennt, springt und sich dehnt, soll mit Gutscheinen für Rei­sen und fürs Fitnessstudio belohnt werden. Im nächs­ten Schritt seien Rabatte bei den Versicherungsprämien möglich.

Oder auch nicht. Wir müssten doch bescheuert sein, unsere Daten ausgerechnet denen zu geben, die uns für möglichst viel Geld eine möglichst geringe Leistung bieten wollen. Lassen wir das – und vergessen wir nicht: Sinnloses, lustvoll getan, kann ungemein gesund sein. Einfach, weil Kontrollverlust auch mal Freude macht. Also, liebe Generali, sei leise und teste Dich selber. Deine Controller sind bereit.

Der Akku ist dem Mensch sein Blinddarm

Treue Begleiter. Welcher Mensch bräuchte sie nicht? Und, oh Glück, es gibt sie. Wir nennen sie kurz Akkus. Sie sind immer in unserer Nähe, sie sichern uns den Strom für all unsere globalen kommunikativen Verrichtungen. Ohne sie geht nichts. In Worten: Nichts.

Hätte ich nicht das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium besucht, hätte ich den Akkumulator wahrscheinlich für eine Dinosaurier-Art gehalten. Einen mit dünnen Beinen, großenFüßen, spitzem Kopf und Fleischfresser-Gebiss. Bei uns aber gehörten diese handlichen Stromspeicher, nach meiner Erinnerung, zum Lehrplan der zehnten oder elften Klasse. Ich wusste um ihre Existenz und um ihren Sinn. Mir war bewusst, dass es sich um eine wiederaufladbare Ausführungsform galvanischer Zellen handeln würde. Allerdings hatte ich nur selten mit solchen Geräten zu tun. Für meine damals favorisierte Medien-Hardware bevorzugte ich herkömmtliche Batterien. Wie etwa für den Grundig-Radiocassettenrecorder für das Sommerpicknick am Baggersee.

Heute sind diese meist viereckigen schwarzen Dinger in ihrer Inkarnation Ladegerät (also mit Schnur) zum Suchtobjekt geworden. Denn die Lebenserfahrung des modernen Menschen lehrt: Immer dann, wenn man ein Smartphone, ein Tablet oder einen Laptop besonders dringend braucht, ist der Akku leer oder leert sich unerwartet schnell. Der Akku ist unser Diener, bestimmt aber auch über unser Dasein. Er ist sozusagen ein externes Organ, unser virtueller Blinddarm.

Bloß, warum helfen uns Apple. Samsung und andere Geräteproduzenten nicht wirklich? Warum gibt es noch keine Geräte für erneuerbare Energien? Warum gibt es Taschenrechner mit Solarzellen, aber keine Handys, die man aufladen kann, indem man es in den Wind oder in die Meeresbrandung hält?  Warum wird kein Laptop verkauft, den man nur zehn Minuten in die Sonne legen muss, damit er wieder vor Kraft strotzt?

Ist doch klar: Die Hersteller wollen Geld verdienen. Mit Zubehör geht das. Deshalb achten sie auch strikt darauf, dass ihre Akkus nicht für Geräte anderer Firmen verwendet werden. Der Stecker ist mal kleiner, mal größer, mal rund, mal eckig. Hauptsache, man braucht zum Handy für 29 € einen gleich teuren Akku.

Es liegt auf der Hand, dass das so nicht sein müsste. Aber das ist das Wesen unserer Wirtschaft. So lange sich Konsumenten verarschen lassen, wird auch mit sinnlosen Produkten Kasse gemacht. Tja, Akku, bei dieser Sachlage müsste ich dich zur Strafe auf der Stelle entsorgen. Aber keine Sorge. Ich kann nicht ohne Dich. Und ein paar Milliarden andere Menschen auch nicht.

Merkelgate? Die Leiden des NSA-Manns

Abhängig Beschäftigte wissen es: Nichts beschleunigt Veränderungen mehr, als wenn auch Chef oder Chefin betroffen sind. Somit können wir sicher davon ausgehen, dass nach dem Anzapfskandal um Angela Merkels Handy das Thema Datenschutz mit Macht auf die politische Agenda kommt. Bis hin zum Verbot von Smartphones – man denke an Fukushima – scheint derzeit alles möglich zu sein. Schließlich leben wir in einem Land, dem das Abhören befreundeter Mächte ganz und gar fremd ist. Das macht kein BND nicht, oder????

Aber hier geht es um etwas anderes, nämlich um Mitgefühl. Der NSA-Skandal sollte uns auch an jene Menschen denken lassen, die diesen dreckigen Job erledigen. Da wird also dieser kurzgeschorene Jüngling, den Sie bei den Marines wegen einer Bandscheibenverkrümmung aussortiert haben, an seinen neuen Arbeitsplatz geführt. Der Dschennerell ruft ihn und bellt: „Constable, are you ready to attack Germany?“ „Sir, yes, sir, yes!“ „Are you ready to späh out the migthiest women of this world?“ „Sir, yes, sir, yes.“ „So do it!“ „Sir, yes, Sir, yes!“.

Und dann geht es los. Da hört dieser junge Mann 26 Mal pro Tag den Satz „Deutschland geht es gut“. Oder diesen: „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt, und wir müssen damit rechnen, dass sich das in verschiedenen Weisen wiederholen kann.“ Oder: “Insofern werden wir Wege finden, die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist, also dass sich auf den Märkten die entsprechenden Signale ergeben.” Oder: „Die Beschäftigung mit nicht vorrangigen Dingen darf aber kein Ersatz dafür sein, dass wir auf die eigentlich bedrängenden Fragen keine Antwort haben.“ Oder: „Seehofer ist ein Arsch.“

Am Abend schließlich muss der kurzgeschorene Ex-Marine zum Chef. Er soll die aktuellen weltpolitischen Pläne Deutschlands erklären, aber er wird sich fühlen wie Maybritt Illner, Anne Will, Peter Klöppel und Stefan Raab zusammen. Auf die entscheidende Frage seines Chefs wird er sagen. „Sir, sorry, Sir. I don’t know. And who the fuck is Seehofer?“

Wie der BND soeben meldet, hat sich ein NSA-Mitarbeiter freiwillig für Guantanamo gemeldet. Als Häftling.

Knechte werden nicht berühmt

Machen wir uns nichts vor: Wir alle wollen bedeutend sein. Wenigstens ein bisschen. Wenn wir dereinst über den Jordan gegangen sind, sollen die anderen sagen: „Ach, traurig. Das war doch der feine Kerl , der immer so toll…“ Und 500 Leute sollen bei der Trauerfeier weinen.

Im Berufsleben ist das mit der Berühmtheit so eine Sache. Hier gilt der Satz „Wertschätzung entsteht durch Präsenz.“ Wer Karriere machen will, tut demnach gut daran, seine Arbeitszeit mit jener des Chefs zu harmonisieren. Das kann man als Teilzeitkraft natürlich nicht. Aber auch Vollzeit muss nicht so gelebt werden, dass man sich nach einer 35-Stunden-Woche dumpf und faul ins Freibad legt. Macht der Chef ja auch nicht. Der geht höchstens am Vormittag auf den Golfplatz. Zwecks aktiver Kundenpflege. Aber man selbst punktet gewaltig, wenn man dem hervorragenden Vorbild folgt. Gemäß der Devise „Als Erster kommen und als Letzter gehen.“

Dazu muss der heutige Mensch natürlich nicht im engen Käfig seines Büros sitzen. Smartphones und Tablets eröffnen den Weg zur völligen Freiheit. Wir müssen gar nicht am Arbeitsplatz sein – und sind trotzdem jederzeit frei erreichbar. Das mag der Chef, denn das ist gelebte Solidarität mit jenem Menschen, der sich seine Firma ja nun wahrhaftig aufreibt. Ob Spielplatz, Wanderweg, Kneipe oder Wasserbett- der Boss ist immer dabei. Das bringt sie, die entscheidenden Karrierepunkte. Und der Chef lobt einen als leuchtendes Vorbild.

Dummerweise hat das Ganze eine Kehrseite. Kaum ein Mensch will sich wirklich ganz und gar seiner Arbeit verschreiben. Man schuftet bei ständiger Erreichbarkeit gegen die eigenen Bedürfnisse, was sich – wie Krankheitsstatistiken zeigen – immer häufiger bitter rächt. Mit Burn-Out oder gar richtig harten Depressionen. Nicht zuletzt dann, wenn man merkt, dass Chefs auf willige Sklaven in Wahrheit mit Verachtung herabsehen. Die Kollegen sowieso.

Und wenn man dann über den Jordan gegangen ist, sitzen höchstens zehn Leute in der Trauerfeier. Man tuschelt „Das war doch dieser Arschkriecher, den es nach einer 70-Stunden-Woche weggepfiffen hat. Selber schuld.“ Und die Trauerrede im Auftrag der Firma hält der Unterabteilungsleiter.

Ein schöner Satz heißt „Leistung muss sich lohnen“. Gut. Aber ein bisschen leben sollte man  auch noch…