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Wenn zwei das Gleiche tun…
Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe. Ja, dieses Sprichwort ist abgedroschen. Aber es stimmt. Das erleben wir gerade am Beispiel der Affäre Hoeneß.
Zwar gibt es viele Stimmen, die nach Rücktritt rufen. Doch alles in allem ist die Reaktion auf seinen Steuerbetrug moderat. Weil Uli Hoeneß eine Reizfigur ist, die man trotz alledem nicht missen möchte. Er zählt zu den Oberhäuptern der einzigen weltumspannenden Religion, des Fußballs. Also ist mancher willens, dem kaiserlichen Steueroptimierer Franz Beckenbauer zu glauben, wenn dieser, wie auf Sky geschehen, dreist erklärt: “Na ja, der Uli. Der macht immer zehn Sachen gleichzeitig. Da hat er halt was vergessen.” Und so lernen Menschen, die in einem kompletten Arbeitsleben einen Bruchteil von dem verdienen, was der Bayern-Präsident an Zinsgewinnen einsackt, ein großes Wort aus der Welt der Justiz fehlerlos auszusprechen: UNSCHULDSVERMUTUNG!
Nehmen wir doch einmal an, Uli Hoeneß wäre ein unbeliebter Politiker. Bei der Klage gegen den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff geht es noch um ein paar hundert Euro. Aber weil die Bild-Zeitung die Jagd mit allem Nachdruck betrieben hat, wurde der blutleere Nicht-Kämpfer radikal zum Abschuss freigegeben. Was hätte ihm geblüht, wenn er einen Millionenbetrug begangen hätte. Lebenslänglich? Oder Vierteilung durch mit Ecstasy aufgeputschte Heidschnucken?
Andere Beispiele: Der zurecht vergessene Ex-Bundesverkehrsminister der Nachwendezeit, Günther Krause, stolperte darüber, dass seine Ehefrau eine Putzhilfe zu 70 Prozent aus Fördermitteln des Arbeitsamtes bezahlt hatte. Die Menschen fanden es gut. Dem FDP-Politiker Jürgen Möllemann machte im Jahr 1992 die so genannte “Briefbogen-Affäre” den Garaus. Mit dem Briefkopf des Bundesministeriums für Wirtschaft hatte er deutschen Handelsketten einen Chip empfohlen, der als Pfandmünze bei Einkaufswagen zum Einsatz kommen sollte. Ein solcher Chip wurde von der Firma eines seiner Verwandten vertrieben. Der Rücktritt wurde bejubelt.
Das war auch immer so, wenn gierige Manager in die Wüste geschickt wurden. Für den Ex-Vorstandschef der Deutschen Post, Klaus Zumwinkel, hatte nach dessen Abgang wegen Steuerhinterziehung niemand mehr ein gutes Wort.
Volkes Sympathie macht jedenfalls den Unterschied. Als Bundesbildungsministerin Annette Schavan wegen einer teilweise abgeschriebenen Doktorarbeit den Hut nehmen musste, heulten nur einige Parteifreunde und das Volk nahm es eher gleichgültig auf. Dagegen wären dem dreisten CSU-Lügenbaron Karl Theodor zu Guttenberg vermutlich Hunderttausende gefolgt, wenn er dazu augerufen hätte, ihn per blutiger Revolution zurück ins Amt zu bringen.
Wie sehr ein entlarvter Gauner tatsächlich verachtet wird, hat also mehr mit dem persönlichen Image als mit dem Ausmaß seiner Tat zu tun. Verlassen kann man sich in dieser Situation wohl nur auf den Volksmund. Alsdenn, Sprichwort Nummer 2: “Bei großem Gewinn ist großer Betrug.” Stimmt.
Peer Steinbrück: Ein Kerl für die Landwirtschaft
Hiermit stelle ich Folgendes fest: Ich finde Peer Steinbrück witzig. Einen Politiker, der derart ohne Rücksicht auf Verluste sagt, was er gerade denkt, hatten wir schon lange nicht mehr. Aber ob er der richtige Kanzler ist?
Der SPD-Kanzlerkandidat hat unter Ausnutzung seiner sämtlichen Beinfreiheit erklärt, dass er ziemlich entsetzt beobachtet habe, dass in Italien zwei Clowns die Wahlsieger seien. Und prompt läuft die allgemeine Empörungsmaschinerie. Aber was ist falsch daran? Wahlsieger Nummer 1, Beppe Grillo, ist Komiker von Beruf. Und zwar einer, der sich härter äußert, als es ein Peer Steinbrück je machen würde. 25 Prozent der Wählerstimmen hat er mit seinen Sprüchen erreicht. Also ein Ergebnis, mit dem eine SPD zur Not leben könnte.
Und Silvio Berlusconi? Zirka 99 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass es sich bei ihm um einen, wenn auch fiesen Clown handelt. Und hatte sich nicht Angela Merkel dereinst an der Seite des französischen Staatskomikers Nicolas Sarkozy köstlich über den verrückten Italiener amüsiert?
Warum also darf man das nicht sagen? Na klar, weil es in der ganz großen Politik nicht um die Wahrheit geht. Ein Bundeskanzler muss jederzeit in der Lage sein, einem Massenmörder lächelnd die Hand zu schütteln. Vor allem dann, wenn sein Land über Bodenschätze oder über einen stolzen Militärhaushalt verfügt. Er muss selbst bei den übelsten Typen so tun, als seien sie irgendwie nette Kerle. Die Kunst des Redens geht einher mit der Bereitschaft zum Schweigen.
Also kann Genosse Peer schwerlich Kanzler, aber schon gar nicht Außenminister in einer großen Koalition werden. Sein bestmöglicher Job wird zurzeit von einer gewissen Ilse Aigner besetzt. Man stellte sich vor: Der SPD-Kampfplauderer als der unerbittlichste aller Lebensmittelkontrolleure, als Rächer der Dioxin-Eier und Gammel-Döner. Steinbrück for Landwirtschaft! Das haut hin! Das ist der Plan!
“Bild” rettet die Seele der Bettina W.
Nein, ich habe nichts gegen Bettina Wulff. Gar nichts. Aber so allmählich weiß ich nicht mehr, was ich an ihrer Affäre nervtötender finden soll. Die Rotlicht-Gerüchte oder die machtvolle Verteidigungs-Inszenierung samt Buchverkaufs-Werbung.
Die “taz” hat es am 10. September hervorragend auf den Punkt gebracht. Auf ihrer Titelseite zeigte sie den jungen Ex-Bundespräsidenten an der Seite von Altkanzler Helmut Kohl. Die Überschrift lautete “Wulffs peinliches Vorleben enthüllt”. Im erklärenden Text hieß es: “Ein neu aufgetauchtes Bilddokument belegt, wie Bettina Wulffs Gattte als junger Mann lebte – angepasst, devot, karrieregeil und in engem Kontakt zu äußerst dubiosen Gestalten.”
Danke für diesen Wink. Er zeigt uns, dass wir schief gewickelt sind. Wir erregen uns hechelnd an einem mutmaßlichen Sex-Skandal. Und übersehen dabei nur allzu gerne die wahren Schweinereien, wie sie im Umfeld mächtiger und machtversessener Menschen immer wieder passieren. Dabei zeigen wir unsere verklemmte Doppelmoral. Denn nur mal so gefragt: Wenn die junge Bettina Wulff gegen Geld zahlungskräftige Männer durch die Nacht begleitet hätte – wäre es überhaupt der Rede wert? Man mag die Arbeit einer Bardame oder einer Escort-Lady unappetitlich finden. Aber es handelt sich um Dienstleistungen, die normalerweise keinen Schaden anrichten.
Dagegen gibt es in zahlreichen Firmen, zum Beispiel im mittleren Management, meist männliche Huren ihrer Chefs, die als willige Vollstrecker sinnloser Anweisungen viele andere Menschen ins Unglück stürzen. Da gibt es genügend Skandale, die man anprangern könnte.
Aber wir betrachten lieber die schönen Bilder einer seelisch verletzten Frau, welche die Bild-Zeitung in diesen Tagen verbreitet. Wer anständig ist, bedauert sie. Aber wir könnten auch überlegen, wie es um den Charakter einer Person bestellt sein muss, die sich ausgerechnet von jenem Blatt hofieren lässt, das ihr vorheriges Leben zerstört hat. Wahrscheinlich weiß Bettina Wulff, dass das nutzlose Projekt einer Biographie einer 38-jährigen Frau nur durch Deutschlands beste Vermarktungsmaschine für Unsinn aller Art zum Erfolg werden kann. Wir gönnen ihr das Geld.
Wo Geld lockt, wird Onkel Doktor gierig
Sind wir eigentlich wirklich so naiv? Oder tun wir nur so? Da gibt es einen Skandal um einen organräuberischen Oberfarzt in Göttingen. Und alle geben sich entsetzt. Wie kann in einem Chirurgenkittel so viel Geldgier und Niedertracht stecken? Ich frage: Wieso denn nicht?
Unser Gesundheitswesen ist doch ein riesiengroßer Markt. Sicher, die Prospekte der Krankenhäuser oder Pflegeheime versprechen großartige Therapien und menschliche Hingabe. Am besten ganzheitlich und nachhaltig in der Großpackung. Die Realität aber ist oft genug eiskalte Effizienz. Die bedeutet billige Pflege mit der Stoppuhr in der Hand.
Und was ist mit den Beschäftigten? Ja, Krankhäuser sind Tempel der körperlichen Reinigung. Sie sind rauchfrei, ganz konsequent. Aber in keiner Branche gibt es inzwischen mehr Krankheitstage der Beschäftigten als im Gesundheitswesen. Der größte Teil der Pflegekräfte kann sich nicht vorstellen, in diesem Beruf das Rentenalter zu erreichen. Bis 2020 fehlen nach Expertenmeinung in Deutschland wegen der alternden Gesellschaft rund 400.000 zusätzliche Pflegekräfte. Woher sollen die kommen, wenn die Hartz-IV-Empfänger schon für Krippen und Kindergärten gebraucht werden?
Zurzeit kommen sie verstärkt aus Spanien und Griechenland. Die Eurokrise lässt kranke Volkswirtschaften dahinsiechen. Aber sie hilft unseren Alten und Kranken.
Doch zurück zur Organspende: Auf unserem Gesundheitsmarkt werden Dienstleistungen, für die die Krankenkassen gut löhnen, besonders gerne erbracht. Künstliche Hüfte sind so etwas. Aber eben auch lebensrettende Transplantationen.
Da ist sie dann, die Gier. Werden wir also realistisch und verschwenden wir nicht mehr die Zeit damit, Talkshows oder Werbespots über den Edelmut der Organspender zu konsumieren. Das ist Romantik. Die Wahrheit ist, dass auch die Kliniken unser Bestes wollen, nämlich unser Geld. Und wenn es in Form einer brauchbaren Leber daherkommt.
Große Menschen – kleine Schurken
Skandale rund um große Männer und Frauen hat es immer gegeben. Aber früher war die Aufregung berechtigt, während heute läppische Affärchen diskutiert werden. Ich habe darüber mit dem früheren Bundeskanzler Willy Brandt gesprochen.
Der dumme Mann von Schloss Bellevue

Wer zuviel telefoniert, macht auch mal Fehler.
Die Aufregung um den Drohanruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann halte ich für übertrieben. Jede Aktion, die sich – von wem auch immer – gegen die Pressefreiheit richtet, ist Mist. Aber diese Welle der Solidarität, die nun über das fieseste Blatt der Republik schwappt, wirkt kurios. Die überleben das schon, keine Sorge.
Man darf auch nicht so tun, als wäre da etwas ganz und gar Ungeheuerliches passiert. Versuche, die Medien einzuschüchtern oder wenigstens zu beeinflussen, gibt es immer und überall. Anrufe bei Chefredakteuren sind sogar recht beliebt.
Allerdings: Sie sind das bevorzugte Druckmittel der mentalen Dorfbürgermeister. Der Könner zeigt sich kooperativ, verabreicht dem Journalisten ein Informationshäppchen, verbunden mit dem Satz “Ist doch alles nicht so schlimm, oder?”. Gerne wird auch auf noch laufende Untersuchungen (“Schwebendes Verfahren”) verwiesen. Der wahre Profi schließlich bietet im Gegenzug für Stillschweigen einen viel größeren Skandal an, in den eine andere Person verwickelt ist.
Erschreckend ist somit Wulffs Hirnlosigkeit, Drohungen auf einem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Dumm ist seine Meinung, dass er sich ernsthaft mit Bild und dem Springer-Verlag anlegen könnte. Wo man ihn doch gerade von dieser Seite lange Zeit so überaus freundlich gehätschelt hat.
Man könnte sich damit trösten, dass ein dummer Bundespräsident keinen großen Schaden anrichten kann. Bei Christian Wulff allerdings kommt der Verdacht auf weitere massive Schwächen hinzu. Im April dieses Jahres war er umschwärmter Mittelpunkt bei der 200-Jahr-Feier der in Bielefeld erscheinenden Tageszeitung “Neue Westfälische”. In der Ankündigung des Besuches hieß es: “Bundespräsident Wulff liegen die Themen ,Tageszeitungen’ und ,Lesen und Leseförderung’ besonders am Herzen. Er hat die Schirmherrschaft über die Stiftung Lesen übernommen.” Er zeigte sich damals als aufgeschlossener Gesprächspartner streikender Redakteure/-innen und schwärmte in seiner Festrede vom überragenden Wert der Arbeit von guten und unabhängigen Journalisten.
“Aufgabe der Zeitungen ist es, den Dingen auf den Grund zu gehen”, sagte Christian Wulff damals. Vergesslich ist er also auch noch…
Der Bundespräsident als böser Weihnachtsmann

Fernsehtipp: Lieber Benedikt als Christian gucken.
Seine im typischen Knödelton vorgetragene “Entschuldigung” war doch nur eine Pflichtübung. Er musste eine Beruhigungspille unters Volk schmeißen, um ein bisschen aus der Schusslinie zu kommen. Damit er den Rücken frei hat, um zu Weihnachten über Nächstenliebe, über das famose mitmenschliche Engagement der Krankenschwestern und Feuerwehrleute, über den herausragenden einsatz deutscher Soldaten am Hindukusch und über die wunderbaren Revolutionen im arabischen Raum daherzureden.
Der Weihnachtsbaum gehört zu Deutschland. Jawohl. Aber was macht der Wulff in dieser Zeit, in der andere ans Schenken denken? Er feuert seinen langjährigen Sprecher Olaf Glaeseker. Hätte das nicht noch ein paar Tage Zeit gehabt? Nein, zu Weihnachten kündigen sonst nur ausgewiesene Raubtierkapitalisten oder ausgewiesene Nicht-Christen.
Und deshalb rufe ich alle dazu auf, Wulffs Rede nicht zu gucken, sondern zum Zeichen des Protests überall im Land die Toilettenspülungen zu drücken. Die Stadtwerke werden uns davon berichten.
Ich selber schaue mir zu Weihnachten und zum Jahreswechsel den Papst an. Der ist auch irgendwo schlimm. Aber seine “Espressione Cinese” ist immer wieder schön. Wie “Dinner for one” für die Stadt Rom und den Erdkreis. Hallelujah!
Warum Lebensmittel häufig Müll sind
Sicher liegt es daran, dass wir verlernt haben, die Qualität von Lebensmitteln zu erkennen und diese entsprechend zu verarbeiten. Wir schauen auf dem Preis – und folgen zudem spätestens seit McDonald’s der angelsächsischen “Genuß”-Tradition. Diese hat der britische Literatur-Nobelpreis-Träger von 1932, John Galsworthy, so auf den Punkt gebracht: “Die Franzosen kochen, die Engländer öffnen Dosen.”
Kochen ist andererseits teuer. Das merkt man spätestens dann, wenn man eine Küche braucht. Die zu kaufen, geht gerne mal so: Im Prospekt sieht man eine tolle Genussmöbel-Kombination zum Preis von 4999 Euro. Das hat man gerade, man geht also mit seinem Wohnungs-Grundriss ins Möbelhaus.
Dort erfährt man, dass man beim Betrachten der Werbung den klitzekleinen Zusatz “Angebot wie abgebildet” übersehen hat. Bezogen auf die eigene Wohnung brauche es schon einige Umplanungen. Und das eine oder andere Extra.
Macht dann zusammen 30.000 Euro, also einen Betrag, mit dem man sich zehn Jahre lang jeden Abend eine Pizza kaufen könnte. Oder 27 Jahre lang täglich einen Döner.
Der Küchenkauf lohnt sich also nur bedingt. Zumal wir im Autoland Deutschland immer ein neues Fahrzeug brauchen. Neuwagen kosten hierzulande im Schnitt 45.000 Euro.
Umgerechnet wären das weitere dreizehneinhalb Jahre lang ein Döner pro Tag. Aber eben auch acht, neun Jahre in einer neuen Küche gut gekocht.
Das bedeutet: Würde öfter mal ein Auto vor dem Verkauf im Müll landen, könnten wir richtig lecker essen. Wir haben die Wahl.
E10-Benzin? E 605 ist uns lieber
“E10 muss weg!” Mitten hinein in vereinzelte Guttenberg-Rückholaktionen ist eine Protestbewegung entstanden, die dem politischen Führungspersonal dieser Republik noch einiges Kopfzerbrechen bereitet. Das Volk lehnt ein neues Benzin ab – und das sagt auch einiges über den Zustand dieser Gesellschaft.
Ich bin mir noch nicht so sicher, was ich denken soll. Das ist so, weil ich als Dieselfahrer nicht betroffen bin. Aber dann wird`s schon dialektisch. Einerseits finde ich es immer prima, wenn die Menschen der Politik und den Konzernen mit ihrer geballten Verbrauchermacht zeigen, dass sie nicht jeden Quatsch klaglos mitmachen. Die angeblich segensreichen Auswirkungen des Biosprits in Sachen Klimawandel sind weiß Gott sehr umstritten.
Und die Risiken für die Automotoren sind offenbar nicht hundertprozentig erforscht. Soll demnach – um mal eine Verschwörungstheorie zu entwerfen – durch höheren Verschleiß ein verstecktes Konjunkturprogramm gestartet werden? Nach dem Motto: Wi mehr kaputt, wird mehr gekauft?
Andererseits: Gab es nicht schon früher vor Neuerungen aufgeregte Warnungen? Hieß es nicht, dass bleifreies Benzin sämtliche Motoren ruinieren würde? Und wurde uns nicht gesagt, dass Katalysatoren sündhaft teure Verschleißteile seien? So schlimm war es dann ja doch nicht.
Es gibt aber noch ein anderes Problem: Der heftige Streit um E10 zeigt, dass unsere wahren Sorgen Maschinen gelten. Wenn unserem Auto Schaden droht, gehen wir auf die Barrikaden oder zeigen den Herstellern durch unseren Boykott die Rote Karte.
Nach Lebensmittelskandalen ist die Aufregung anfangs auch groß. Aber dann gehen wir recht schnell wieder zur Tagesordnung über. Ja, wir zahlen freiwillig deutlich mehr Geld für ein vermeintlich “gesünderes” Produkt. Bei Lebensmitteln sind wir da weniger konsequent.
Zusammengefasst heißt unsere Parole: Lieber E605 als E10. Oder machen wir uns über Schädlingsbekämpfungsmittel ähnlich viel Gedanken wie Pflanzenöl im Sprit? Doch eher nicht, oder?
Ein alter Depp wird nie mehr schlau
In dieser bösen Welt der irren Diktatoren, streikenden Lokführer und raubkopierenden Minister sehnt sich unser Herz heftig nach Menschen, die uns diebische Freude bereiten, ohne Schaden anzurichten. Zum Glück, es gibt sie. Nämlich alte Männer, die sich wegen junger Frauen zum Deppen machen. So wie Richard Lugner.
Der verknitterte österreiche Baulöwe führt uns den klassischen Verlauf eines Niedergangs vor.
Doktortitel? Gutti braucht den gar nicht.
Ich mach das jetzt mal andersrum. Bei den jüngsten Skandalen war es immer wieder mal so, dass es zunächst eine riesige gemeinsame Empörung und anschließend ein vereinzeltes Zurückrudern gab. Das passiert mir nicht. Und deshalb sage ich: Jawoll, ich verteidige unseren Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg.
Die Aufregung über seine Doktorarbeit ist doch überflüssig. 475 Seiten hat er über das Thema “Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU” geschrieben. Und? Interessiert dieses Pamphlet jemand? Hilft es jemand? Bringt es uns vorwärts? Kann es zu Guttenberg in seinem Job brauchen?
Karl Theodor, verlass uns nicht!
Es hat ja schon einige merkwürdige Politiker-Rücktritte gegeben. Da gab es eine seltsame Affäre um Einkaufswagen-Pfandsysteme, der ex-Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann zum Opfer fiel. Bei Bundespräsident Horst Köhler weiß man bis heute nicht so genau, warum er abgetreten ist. Also sollten wir uns durchaus Sorgen um unseren Bundes-Hoffnungsträger Karl Thedor zu Guttenberg machen.
Wir brauchen diesen Mann. Er flößt uns Vertrauen ein und weiß einfach, wie man sich passend zum Anlass kleiden muss. Im Smoking bei den Bayreuther Festspielen, im dunkelblauen Anzug in der Wall Street und in Kampfstiefeln und Tarnweste in Afghanistan. Er könnte doch noch so viele Polit-Jobs richtig schick machen. Im Trucker-Karohemd als Verkehrsminister,
Dioxin-Eier: Wir sind Opfer und Komplizen
Es ist wieder soweit! Dieser Text-Einstieg gilt zurecht als der Ausbund an Phantasielosigkeit. Geduldet wird er allerdings bei Ereignissen, die unausweichlich in einer immer gleichen Form wiederkehren. So wie Volksfeste, Karnevalssitzungen, Kreiskaninchenschauen – und Lebensmittelsskandale. Jetzt also ist es Dioxin in den Eiern. Der Skandal weitet sich aus, den Verbrauchern kommen die Omelettes der letzten 30 Tage hoch, die Politik handelt energisch wie nie. Das alles passiert aber nur, damit in spätestens vier Wochen alles wie gewohnt weiterläuft.


Die Gesellschaft der feinen Asozialen
Was sind Steuersünder wirklich? Fehlgeleitete Schafe, die man mit ausgebreiteten Armen liebevoll wieder in die Gemeinschaft aufnehmen sollte? Oder strunznormale Kriminelle, die den großen Vorteil haben, dass ihnen bei offiziell bekundeter Reue Straffreiheit winkt? Der Präsident des FC Bayern München, Uli Hoeneß zählt sich selbst ganz klar zur ersten Kategorie. Und klagt deshalb von der Titelseite der “Zeit”: “Ich gehöre nicht mehr dazu.”
Er sieht sich also als Ausgestoßener. Da aber täuscht er sich radikal. Hoeneß wurde durch seinen Steuerbetrug eben nicht aus der Gesellschaft hinauskatapultiert. Er war gar nicht drin.
Reiche, mächtige und berühmte Menschen kreieren sich ihre eigene Gesellschaft. Sie basteln sich ihr persönliches Umfeld, in dem die Regeln der großen Masse nicht gelten. Der Golfplatz ist kein Wirtshaus, die Schweizer Privatbank keine Kleinstadt-Sparkasse. Und der FC Bayern München ist, nun ja, sowieso von Lichtgestalten bevölkert und mithin nicht mehr erdgebunden, sondern Zentralgestirn einer von allen Zwängen befreiten Lederhosen-Galaxie.
Einer wie Uli Hoeneß macht keine Fehler. Sie werden mit ihm gemacht. Wenn er jetzt im Interview darauf hinweist, dass er zum krankhaften Zocker geworden war, dann hat nicht er Mist gebaut. Er wurde durch die Sucht, durch die äußeren Umstände dazu getrieben. Diese Problembeschreibung kennt jede betrogene Ehefrau.
Aber ist dieser Fußball- und Bratwurstpräsident mehr als die Spitze des Eisbergs? Das wiederum nicht. Dazu gibt es zu viele Abzocker. Nehmen wir nur die vielen Unternehmen, die Dumpinglöhne bezahlen. Deutschland hat den größten Niedriglohnsektor in Europa. Mehr als jede/r Fünfte wird auf geringem Niveau entlohnt.
Wenn es für diese Menschen aber doch zum Leben reicht, dann durch das Aufstocken über Hartz IV. Das Geld hierfür kommt aus den Steuern und Sozialbeiträgen der Masse der Beschäftigten. Auch ein Uli Hoeneß lässt (selbstredend ausschließlich durch seinen Sohn) in seinem Familienbetrieb Niedriglöhne zahlen. Eine Bananenflanke von Ribéry ist zehntausend Mal mehr wert als eine sauber geschlachtete Sau.
Und so kommt es, dass feine bis feinste beziehungsweise wichtige bis wichtigste Persönlichkeiten unserer Wirtschaft in Wirklichkeit nichts anders als elende Schmarotzer sind, die sich ihren Profit über die Gemeinschaft sichern lassen. Der Bundespräsident liegt richtig, wenn er für die Abzocker das Wort “Asozial” verwendet. Gut für sie, dass es so viele fromme Schafe gibt.