Erdogans Zorn – eindeutig Privatsache

In unseren naiven Momenten stellen wir uns vor, dass Beziehungen zwischen Staaten ausschließlich durch große, wirklich bedeutende Themen bestimmt werden. Aber so ist das wohl nicht. Die Politik ist auch immer die Bühne persönlicher Eitelkeiten. Wie wir gerade anlässlich der Affäre Böhmermann erleben.

Ein satirischer Beitrag in einem ZDF-Spartensender ist zu einer veritablen Krise zwischen Deutschland und der Türkei mutiert. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan fühlt sich durch ein vom Moderator vorgetragenes Schmähgedicht beleidigt. Er fordert nun von der Regierung die Bestrafung des Witzboldes.

Rein menschlich kann man Erdogan verstehen. Zwar hat er sich öffentlichen Spott redlich verdient. Er teilt selber gerne aus, nennt politische Gegner „Perverse“. Widerspruch bekämpft er brutal. Aber Böhmermann hat üble Geschmacklosigkeiten aneinandergereiht, von denen sich ein Mensch beleidigt fühlen kann. Nun war das miese Niveau ausdrücklich angekündigt und somit erklärter Teil der Satire. Aber man darf nicht gegen eine Hauswand pinkeln, nur weil man die Absicht vorher mitgeteilt hat.

Der türkische Präsident kann also Strafanzeige wegen Beleidigung stellen. Ein Gericht müsste darüber befinden.

Das muss es dann aber gewesen sein. Eine Regierung hat nicht darüber zu entscheiden, ob einem Menschen der Prozess gemacht wird. Majestätsbeleidigung ist ein Straftatbestand von gestern. Das muss auch ein noch so bedeutender Präsident akzeptieren lernen. Erst recht einer, der sich jegliche Einmischung von außen verbittet, wenn er Redaktionen stürmen oder Journalisten einsperren lässt.

Was ein Beleidigter mit seinem Zorn anfängt, ist seine Privatsache. Wer publiziert, muss mögliche Folgen aushalten. Und wie die sind, entscheidet die Justiz. Punkt.

 

 

 

 

Der Tod aus dem Zapfhahn

Nicht sauber, sondern rein. Als Werbespruch für das Waschmittel Ariel propagierte dieser Satz vor knapp fünf Jahrzehnten die säubernde Wirkung von Chemie als große Verheißung. Inzwischen wissen wir, dass nichts reiner ist als unbehandelte Natur. Oder eben jenes Produkt, bei dem Unreinheit quasi per Gesetz verboten ist: Unser Bier.

Und ausgerechnet in diesem Getränk, für das es seit 500 Jahren ein bayerisches  Reinheitsgebot gibt, ist jetzt das Pestizid Gylphosat gefunden worden. Die 14 meistverkauften Sorten wurden getestet, der Giftanteil lag um bis zum 300-fachen über dem für Trinkwasser geltenden Grenzwerten. Kommt der Tod aus dem Zapfhahn?

Notorische Optimisten werden nun sagen, dass ja nur diese sowieso verdächtigen industriellen Massenbiere getestet wurden. Die seien viel gedankenloser produziert als unsere, liebevoll bei Vollmond von Hand angerührten Landbiere. Letztere seien bestimmt nicht nur sauber, sondern mindestens rein.

Glauben mag man das. Aber stimmen dürfte es nicht. Denn Glyphosat ist praktisch überall. 600.000 Tonnen werden pro Jahr auf die Felder gesprüht, am eifrigsten in unserem tollen TTIP-Partnerland , den USA. Bei einer Studie mit Teilnehmern aus 18 europäischen Ländern wurde der Unkrautvernichter in jeder zweiten Urinprobe nachgewiesen. Patente des Monsanto-Konzerns werden von den eigentlich Regierenden eben nicht so leicht angezweifelt.

Gibt es Trost in dieser vergifteten Welt? Sicher. Ein großer Zeitgenosse des Reinheitsgebotes, der Arzt und Apotheker Parcelsus, sagte es so: „Alles ist Gift. Ausschlaggebend ist nur die Menge.“ Womit sich Naturschützer und Suchtbeauftragte in größter Einigkeit die Hände reichen. Wir dürfen hoffen, dass uns unsere tägliche Dosis Pestizid gut bekommt. Politiker, die das Zeug verbieten, wären uns allerdings lieber.

VW-Affäre: Auch Herbie hat gestunken

Wer erinnert sich noch an Herbie? An diese sympathische Variante von „Das Auto“? Ein Volkswagen mit Startnummer 53, der seine Besitzer in Kinofilmen ab Ende der 60-er Jahre mit turbulenten Aktionen durch die Gegend kutschierte. Er bot autonomes Fahren mit Knuddelfaktor. Der Käfer war der Mops unter den Autos. Nicht sportlich, sondern ziemlich rund und nicht so wirklich praktisch. Aber treu, nett und lustig. Der ideale Begleiter für die Überquerung der Großglockner-Hochalpenstraße.

Bloß, mit einem solchen Modell war die Zukunft nicht zu gewinnen. Mit dem Golf ging es in die Richtung „nicht schön, aber praktisch“. Weniger Emotion, mehr Verstand, lautete die Devise. Und weil das zum Zeitgeist passte, wurde dieses Modell zur Gewinnmaschine. Das machte es möglich, dass man heute bei einem Autohändler, der früher bloß VW-Händler war, Fahrzeuge von acht Marken bekommst. Vom Kleinstwagen aus tschechischer Produktion, über die Ingolstädter Edel-Limousine bis hin zum Bugatti mit 1001 PS.

Aus diesem gewaltigen Rundum-Sortiment hat sich logisch der Anspruch ergeben, der größte und beste Autobauer der Welt zu sein. Derjenige, der zum Beispiel die von Staaten vorgegebenen Abgas-Grenzen am lockersten einhält.

Wir Konsumenten haben all das gerne geglaubt. Ein VW war Baldrian für’s Umwelt-Gewissen. Wir waren sicher, dass bei einem deutschen Qualitäts-Diesel-Auto schon wegen des geringen Verbrauchs hinten kaum was rauskommt. Stickstoffdioxid im Diesel-Abgas? Erhöhte Lungenkrebsrate entlang unserer Hauptverkehrsstraßen? Nie gehört. Mega-Smog in Peking? Kommt von den offenen Wok-Küchen ohne Dunstabzugshauben.

Verabschieden wird uns doch von unserer Illusion. Autos waren und sind nie so sauber, wie sie hochglanzpoliert auf der IAA stehen. Wirklichen Fortschritt wird es hier nur geben, wenn wir Konsumenten kritischer werden. Vergessen wir nicht: Auch Herbie hat gestunken.

Beten zum Fußballgott? Sinnlos, denn sein Name ist Sepp

Keiner mag ihn, jeder hasst ihn, alle dreschen auf ihn ein. Und trotzdem: Sepp Blatter bleibt Präsident des Weltfußball-Verbandes Fifa. Wie schafft er das bloß?

Zunächst einmal: Dieser Schweizer hat noch mehr Stehvermögen als seine teure Landeswährung. Er hat schon so viele Skandale an sich abperlen lassen, dass er sich jetzt, mit 79 Jahren, erst recht gelassen in jede Schlacht stürzt. Wobei das bei ihm schon lange so war. In diesem Blog wurde seine Karriere am 3. Dezember 2010 ausführlich beleuchtet. Und die zwangsläufige Überschrift lautete: Unser Präsident für die Ewigkeit .

Aber all die Skandale? Muss man nicht ernst nehmen. Bedeutende Fußball-Funktionäre sind als kleine Kicker in ihren Vereinen sozialisiert worden. Und dort geht es nicht immer sauber zu. Wer an seine Anfänge zurückdenkt, wird sich nostalgisch lächelnd an wilde Gefechte auf überschwemmten Hartplätzen erinnern. Ein Sumpf ist für echte Fifa-Männer also mehr Verheißung als Grauen.

Zudem pflegt einer wie Sepp Blatter „die Liebe zum Spiel“ in dem festen Bewusstsein, dass er die Welt beglückt. Deshalb sieht er keinerlei Grund, sich vor irgend jemand zu rechtfertigen. Auch nicht vor dem Fußball-Gott. Denn er ist es selbst. Selbst Stoßgebete für die Fifa landen direkt beim Sepp.

Wie also geht es weiter? Der Fifa-Präsident wird weiter regieren, um sich am Ende seiner Amtszeit als alternativlos zu präsentieren. Auch 2019 werden die Zeiten schwer sein, auch dann wird der Lotse an Bord bleiben müssen. Gegenkandidaten werden schnell resignieren, was bedeutet: Ein Sepp Blatter bekommt immer eine Verlängerung. Ein Elfmeterschießen, also eine Kampfabstimmung, braucht er nicht.

Ändern könnten das nur die Fußball-Verbraucher weltweit. Indem sie das Produkt so stark boykottieren, dass geldgebende Konzerne die Lust verlieren. Machen wir den Test: Schauen wir uns eine ehrliche Amateur-Schlammschlacht auf einem Hartplatz an und fragen wir uns, ob ein solcher Kick Deutschland gegen Brasilien ersetzen kann. Tja, wahrscheinlich hat er uns im Griff. Der ewige Sepp.

 

Das beste Wissen kann auch falsch sein

Sollte Angela Merkel vor 45 Jahren West-Fernsehen angeschaut haben, dürfte ihr der Begriff „Gewissen“ recht oft über den Weg gelaufen sein. In Werbespots mahnte er Hausfrauen, ausschließlich Lenor, den allerbesten Weichspüler zu verwenden. Weich und weiß sollte die dreckige Wäsche werden.

Im Jahr 2013 hatte die Kanzlerin ihren Weichspüler immer in der Nähe. Nämlich den Nasal-Akrobaten Ronald Pofalla. Ihm gelang es, die dummerweise kurz vor der Bundestagswahl aufkeimende NSA-Affäre mit allerlei Halbwahrheiten und – wie wir heute wissen – frechen Lügen  wirksam zu beendet. Merkel wurde glorreich wiedergewählt. Und Abhöraffären, mit deutscher Hilfe gar? Die gab und gibt es entweder nicht oder die Chefin wusste nichts. Schließlich agiert sie „nach bestem Wissen und Gewissen“.

Unsere Regierungschefin sagt also nichts als die Wahrheit? Nicht unbedingt. Die Sprache der Juristen meint nicht immer, was man bei flüchtigem Hinsehen zu lesen glaubt. „Grundsätzlich“ etwa bedeutet nicht, dass etwas immer so gemacht wird. Ausnahmen vom Grundsatz sind immer möglich. Auch „in aller Regel“ besagt letztlich nur, dass etwas oft so ist, aber auch anders sein kann.

„Nach bestem Wissen“ bedeutet demnach nicht, dass dieses Wissen richtig ist. Man kann ja falsche Informationen bekommen haben oder von bösen Individuen absichtlich getäuscht worden sein. Oder man hat Zusammenhänge versehentlich falsch interpretiert. Dann handelt man auf der Basis von Unsinn, kann aber nichts dafür, weil noch besseres Wissen gerade nicht verfügbar war.

Und das Gewissen, das beste Gewissen gar? Das ist ein äußerst dehnbarer Begriff. Wir mögen romantisch davon träumen, dass Gewissen pur und rein sei. Aber auch hier gilt, was Juristen gerne sagen: Es kommt darauf an. Nämlich darauf, wem oder welcher Sache wir helfen wollen oder dienen, wenn wir unserer inneren Stimme folgen. Gerade in der komplizierten Politik sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt.

Wir folgern: Der Satz „nach bestem Wissen und Gewissen“ ist nicht das Versprechen der objektiven Wahrheit, das das Volk so gerne hören möchte. Falsches sagen, ohne zu lügen, das ist vielmehr die Kunst der hohen Politik. Und Angela Merkel ist sehr begabt…

Franziskus und die keuschen Kaninchen

Hoppla, da hat es aber gescheppert. Da schien es so, als hätten sie in Rom endlich einen tatsächlichen unfehlbaren Papst gewählt. Einen Mann, dem man einfach alles glaubt. Doch nun sieht sich Franziskus einem mächtigen Feind gegenüber: Der Zentralverband Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter reibt sich an einem aktuellen Wort des Kirchenoberhauptes.

Der Papst hatte, vermutlich berauscht von der größten Messe aller Zeiten, nach seinem Abflug von den Philippinen betont, dass sich Katholiken nicht unbedingt wie die Karnickel vermehren müssten. Hierzu ist zu sagen, dass das sowieso nicht geht. Die Tragzeit der Katholikinnen ist zu hoch, unbefleckte Empfängnisse sind, nach allem was wir wissen, ein sehr seltenes Ereignis.

Bei Züchterpräsident Erwin Leowsky kam die flapsige Bemerkung des Papstes gleichwohl als Rufmord an. Gegenüber den Medien stellte er klar, dass nicht allen Kaninchen ein stark erhöhter Sexualtrieb zu unterstellen sei. Wahrhaftige Ausschweifungen gebe es nur in freier Wildbahn. Die Fortpflanzungstätigkeit der Zuchtkaninchen verlaufe hingegen in geordneten Bahnen.

Man fragt sich: Was treibt den Mann? Stünde es einem Züchterpräsident nicht besser zu Gesicht, unentwegt die Kraft der Lenden von Meißner Widdern, Großchincillas, Schwarzgrannen und Englischen Schecken zu rühmen? Kann es Sex und Vermehrung in einer reineren und unschuldigeren Form geben, als in den mit Stroh ausgepolsterten Ställen der Rassezüchter?

Vielleicht hat ihn einfach die Sorge um seine Mitglieder getrieben. Wenn schon ein katholischen Papst auf die Sexsucht der Kaninchen verweist,  müsste dies nicht zur Folge haben, dass die Halter der gierigen Rammler einem wachsenden Argwohn ihrer Nachbarn ausgesetzt wären, Lärmschutzklagen inklusive? Swingerclubs sind eben lauter als Friedhöfe.

Vielleicht ist es aber so. dass Deutsche Großsilber in der Nähe des Züchters dem Menschen ähnlicher werden. Geordnete Verhältnisse dämpfen die Libido. Verfügt Erwin Leowsky über empirische Erkenntnisse, wonach die Fortpflanzungsrate der Kaninchen rückläufig ist? Wir Freunde der Zucht würden dies nachhaltig bedauern. Der Papst, indes, hätte eine Sorge weniger. Was ihm absolut zu gönnen wäre.

Nach dem Biss des wilden Stürmers

Nach den Grundregeln der journalistischen Kunst ist die Schlagzeile „Hund beißt Mann“ wertlos, die Schlagzeile „Mann beißt Hund“ hingegen sensationell. Jetzt lernen wir, dass auch „Mann beißt Mann“ enorme Aufregung zu generieren vermag. Zumal dann, wenn berühmte Fußballer beteiligt sind.

Da hat also Luis Suarez, Nationalspieler Uruguays mit knapp 7,5 Millionen Facebook-Verehrern, bei der WM den Italiener Chiellini an der Schulter attackiert. Und weil er das alte Sprichwort „Man soll den Bissen nicht größer nehmen als der Mund ist“ nicht beachtet hat, plagten ihn hinterher ziemliche Zahnschmerzen. Eine brutale Sperre durch die Fifa gab’s obendrauf.

Wirklich wundern musste man sich nicht. Suarez verfügt über auffällige Schneidezähne, weshalb man ihn schon bisher wahlweise als Mörderkaninchen oder als geheimen Sohn von Queen-Sänger Freddie Mercury wahrnehmen konnte. Er ist zudem Wiederholungstäter. Schließlich: Uruguay gilt seit jeher als Land der ungesunden Härte. Auch das übelste aller Fouls, die Blutgrätsche, soll gängigen Fußball-Legenden zufolge dort erfunden worden sein.

Warum aber regt uns gerade ein Biss so auf? Weil er das Böse signalisiert. In seiner schlimmsten Inkarnation ist der Beißende ein Vampir. Ein Untoter, der die Tagschicht im Sarg verschläft, um nächtens das Blut schönster Frauen zu saufen. Das ist nicht nur hinterlistig, sondern extrem dekadent. Als ehrlich, aber trotzfdem bissig gelten Wolf, Bär, Hund, Hai, Kreuzotter und Schnappschildkröte.

Die Gefahr, völlig überraschend in ein empfindliches Körperteil gezwickt zu werden, droht also immer und überall. Und deshalb lehrt ein Suarez auch uns das Schauern.

Was aber tun? Die Antwort ist nicht leicht, denn man steckt in keinem Lebewesen drin.  Der große Mark Twain hat die Lösung schon vor über 100 Jahren formuliert: „Vielleicht stünde es besser um die Welt, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen.“ Probieren könnte man es aber mit Knoblauch-Deo, was ja wenigstens Vampire abhalten soll. Ermutigende Erfahrungen mit dem Einsatz von Spray hat die Fifa ja bereits gesammelt.

Der Flüsterer ist oft der Dumme

Es ist tragisch. In der schwarz-gelben Koalition war Hans-Peter Friedrich das Montagsauto unter den Ministern. Sein Überleben als Innenminister war er vor allem dadurch gesichert, dass sein  Parteichef Horst Seehofer ausschließlich selbst entscheidet, ob und wann er sich – auch in Personalfragen – getäuscht hat. Mit Ackerbau und Viehzucht, mit Schulobst und Imkerei war nun ein Aufgabenfeld gefunden worden, das sich auch mit beschränkten Fähigkeiten beackern lässt. Und nun stolpert der arme Mann über den Skandal eines anderen. Dabei hatte er es doch bloß gut gemeint.

Friedrichs Sturz ist ein neuerlicher Beweis für die uralte Erkenntnis, dass Überbringern schlechter Nachrichten Ungemach droht. Der Agrarminister erlebt gerade eine Art Edward-Snowden-Gefühl. Eigentlich müssten ihm Staat und Regierung dankbar dafür sein, dass er einen bösen Verdacht angesprochen und somit einem GroKo-Skandal vorgebeugt hat. Stattdessen steht er selber im Abseits. Man kann auch – ganz andere Baustelle – an Uli Hoeneß denken. Er hatte seinerzeit öffentlich gemacht, dass der designierte Fußball-Bundestrainer Christoph Daum weiße Linien nicht nur als Spielfeldmarkierungen betrachten würde. Der Koks-Verdacht war zutreffend, der Flüsterer wurde gleichwohl aufs Heftigste beschimpft.

Übel spielt das Leben mit den naiv Aufrechten. Aber warum ist die CSU nun derart empört? Das wiederum ist normal. Es ist integraler Bestandteil unseres politischen Systems, dass es reale Feindschaften politischer Gegner in Wirklichkeit nicht gibt. Die Akteure, speziell der etablierten Parteien, wissen nur zu gut, dass sie einander immer wieder brauchen. Das Publikum bekommt die im Rahmen der politischen Meinungsbildung erforderliche Talk-Show-Debatte, beim anschließenden Bier duzt man sich und haut sich auf die Schultern. Politiker/-innen verbindet eine Grund-Sympathie und -Solidarität. Schließlich erledigt man einen harten und sehr oft miesen Job, für die „die Menschen draußen“ zu faul und feige sind. Also hilft man sich auch mal, Schlimmes zu vermeiden.

Das ist nicht mal schlecht für’s Land. Aber schwierig wird es dann, wenn es im Zuge eines Skandals nur ein einzelnes politisches Lager erwischt. Auch nach dem Sturz des Edelmannes Karl Theodor zu Guttenberg reagierte die CSU zunächst mit dramatischen Solidaridätsadressen und Beschimpfungen der Fürstenmörder. Und bei Hans-Peter Friedrich muss das vermeintliche Unrecht erst recht herausgestellt werden. Schließlich ist die Sicherheit, der Schutz des Volkes vor Ungemach und somit die enge Zusammenarbeit mit Ermittlern und Gerichten, ein Markenkern der CSU. Ein Versagen auf diesem Gebiet kann nur aus edlen Motiven erfolgen.

Meine Prognose: Das Geheul wird noch ein, zwei Wochen anhalten. Dann ist der Kurzzeit-Agrarminister vergessen. Für die Frage allerdings, ob es zwecks Edathy und Friedrich auch SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann erwischt, ist nur eines entscheidend: Ist Vizekanzler Gabriel in die Angelegenheit verwickelt? Falls ja, sieht es für den nachrangigen Sozi übel aus. Kann man nichts machen. So geht sie eben, die große Politik.

 

 

 

Die Flucht vor den Gelben Engeln

Es ist immer tragisch, wenn Institutionen bröckeln. Jetzt also geschieht dies mit dem ADAC. Einem Verein, von dem ich schon als Kind wusste: Er ist zuverlässig und hilft den Menschen. Seine politischen Parolen mögen manchmal blöd sein. Aber ehrlich ist er.

Ich habe den ADAC tatsächlich als rettende Organisation erlebt. Vor allem denke ich an die Benzingutscheine. Sprit war in Italien schon in den 70-er Jahren ausgesprochen teuer. Der „Allgemeine Automobilclub“ sorgte durch kräftige Rabatte dafür, dass die Überquerung der Großglockner-Hochalpenstraße nicht durch übermäßige Treibstoffkosten belastet wurde. Und wenn ein Mann seinen ersten Schutzbrief gekauft hatte, wusste man, dass Liebesbriefe fortan selten würden. Die Jugend war zu Ende. Man war Autofahrer geworden, der jeweils samstags die rollende Gefährtin einseifte, während die Gattin daheim den Boden schrubbte. Die „Gelben Engel“ wiederum beeindruckten nicht durch wallende Gewänder oder Leuchtschwerter, sondern durch die besten Starthilfekabel der Welt.

In den 80-er Jahren wiederum bin ich – wirklich wahr – aus dem ADAC ausgetreten. Unter den damaligen Umständen ein ungeheurer Akt der Rebellion. Mich hatte die Haltung des Clubs zum Thema Tempolimit elendig genervt. Also habe ich nachgefragt, wo man denn in diesem Verein eine andere Meinung unterbringen könnte. Es gab keine Möglichkeit. Ich hätte wohl nur über einen Motorsportclub den Zugang zu den Entscheidern bekommen können. Ich habe für mich den Schnitt vollzogen. Das Röhren von Sportwagen wurde mir gleichgültig. Stattdessen lauschte ich den Gesängen der Buckelwale.

Im Ernst: Der ADAC ist schon lange kein Verein mehr, der in erster Linie den Menschen dient. Er ist ein astreines Wirtschaftsunternehmen, das sich wegen seines gemeinnützigen Status Vorteile gegenüber der Konkurrenz verschafft. Was nur geht, weil er wegen seiner enormen Zahl an Mitgliedern ein Machtfaktor ist, mit dem sich die Politik nicht anlegen möchte. Ein lausiger Arbeitgeber ist er – zumindest in einigen Regionen – obendrein. So hatte und hat das Arbeitsgericht Hannover reichlich Arbeit mit den Aktionen einer ziemlich durchgeknallten Gschäftsführung.

Aber wird der „Allgemeine Automobilclub“ jetzt untergehen? Das sicher nicht. In der „Motorwelt“ sind heute deutlich mehr Anzeigen für Treppenlifte als für Auto-Tuning abgedruckt. Das dazugehörige Publikum geht nicht so einfach. Alte Bäumre verpflanzt man nicht. Ein paar Tausend Leute werden gehen, doch das ist bei Groß-Institutionen normal. Den Kirchen geht es nicht anders. Somit ist alles gut: Engel sind ans Davonlaufen gewöhnt.

 

Limburgs Bischof und sein Bobby-Car

Geht das immer so weiter? Hört das nie auf? Müssen wir uns für alle Zeiten mit Nebensächlichem befassen, anstatt über wirklich wichtige Probleme zu diskutieren? Ja, es ist so. Das zeigt die Aufregung um den klapperdürren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.
Man hatte doch hoffen dürfen, dass das mediale Aufblasen von Kleinkram wenigstens nach den Wahlen aufhören würde. Stattdessen wird ganz Deutschland mit den Verfehlungen eines katholischen Provinzfürsten medial befeuert. Sicher, die Ausgangsposition für einen Skandal ist wie gemalt. Hier die heilige katholische Kirche, die unter dem neuen Papst aus Argentinien die reinigende Kraft der Armut entdeckt. Da der unheilige Verschwender, der in der Luxusklasse in indische Slums fliegt. Das passt, das Böse in der Kirche ist ein seit Jahrhunderten beliebtes Thema, das ganze Biblio- und Videotheken zu füllen vermag.
Doch seht, liebe Leute: Der Nachweis, dass die von Franziskus ausgerufene Bescheidenheit am Ende mehr sein wird, als eine clevere PR-Aktion, muss erst noch erbracht werden. Und wo wären wir, wenn die katholische Kirche niemals verschwendet hätte? Wir hätten ein paar Sehenswürdigkeiten und Kunstschätze weniger. Früher litten die Menschen unter der Ausbeutung, aber sie waren dann doch stolz, wenn mit ihrem Geld zum Ruhme Gottes der höchste Kirchturm der Region aufgeschichtet wurde. Wo Macht ist, wird verschwendet. Das wissen wir doch.
Und so ist der Amtssitz des Limburger Bischofs kaum etwas anderes als der Mittelfinger von Peer Steinbrück, das vegetarische Kantinen-Essen der Grünen oder das Bobby-Car von Christian Wulff. Es ist die Aufarbeitung des vermeintlich Unfassbaren, das am Ende schnurzegal ist. Weil nichts leichter ist als die Empörung über einen folgenlosen Skandal. Denn Limburg wird in einem halben Jahr in den überregionalen Medien wieder ähnlich selten vorkommen wie Unterschlauersbach oder Ouagadougou.
Dass Geistliche nicht ausschließlich erleuchtet sind, hat der französische Philosoph Denis Diderot blendend beschrieben: „Der Priester, ob gut oder schlecht, ist immer ein zweideutiges Geschöpf, ein zwischen Himmel und Erde schwebendes Wesen.“ Alsdenn, Herr Papst. Befreien Sie Limburg, versetzen Sie diesen Tebartz-van Elst in eine Missionsstation in Afrika. Aber wehe, er fliegt Erster Klasse.