Posts Tagged ‘Skandal’

Januar 4th, 2012

Der dumme Mann von Schloss Bellevue

Wer zuviel telefoniert, macht auch mal Fehler.

Wer zuviel telefoniert, macht auch mal Fehler.

Wie sich die Dinge doch manchmal entwickeln. Als die ersten Skandal-Meldungen über Christian Wulff zu lesen waren, war mein erster Gedanke, dass seine Affären genauso langweilig sind wie er selbst. Nun aber wackelt der Bundespräsident bedenklich. Und man muss sagen: Da droht einer an seiner eigenen Dummheit zu scheitern.

Die Aufregung um den Drohanruf bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann halte ich für übertrieben. Jede Aktion, die sich – von wem auch immer – gegen die Pressefreiheit richtet, ist Mist. Aber diese Welle der Solidarität, die nun über das fieseste Blatt der Republik schwappt, wirkt kurios. Die überleben das schon, keine Sorge.

Man darf auch nicht so tun, als wäre da etwas ganz und gar Ungeheuerliches passiert. Versuche, die Medien einzuschüchtern oder wenigstens zu beeinflussen, gibt es immer und überall. Anrufe bei Chefredakteuren sind sogar recht beliebt.

Allerdings: Sie sind das bevorzugte Druckmittel der mentalen Dorfbürgermeister. Der Könner zeigt sich kooperativ, verabreicht dem Journalisten ein Informationshäppchen, verbunden mit dem Satz “Ist doch alles nicht so schlimm, oder?”. Gerne wird auch auf noch laufende Untersuchungen (“Schwebendes Verfahren”) verwiesen. Der wahre Profi schließlich bietet im Gegenzug für Stillschweigen einen viel größeren Skandal an, in den eine andere Person verwickelt ist.

Erschreckend ist somit Wulffs Hirnlosigkeit, Drohungen auf einem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Dumm ist seine Meinung, dass er sich ernsthaft mit Bild und dem Springer-Verlag anlegen könnte. Wo man ihn doch gerade von dieser Seite lange Zeit so überaus freundlich gehätschelt hat.

Man könnte sich damit trösten, dass ein dummer Bundespräsident keinen großen Schaden anrichten kann. Bei Christian Wulff allerdings kommt der Verdacht auf weitere massive Schwächen hinzu. Im April dieses Jahres war er umschwärmter Mittelpunkt bei der 200-Jahr-Feier der in Bielefeld erscheinenden Tageszeitung “Neue Westfälische”. In der Ankündigung des Besuches hieß es: “Bundespräsident Wulff liegen die Themen ,Tageszeitungen’ und ,Lesen und Leseförderung’ besonders am Herzen. Er hat die Schirmherrschaft über die Stiftung Lesen übernommen.” Er zeigte sich damals als aufgeschlossener Gesprächspartner streikender Redakteure/-innen und schwärmte in seiner Festrede vom überragenden Wert der Arbeit von guten und unabhängigen Journalisten.

“Aufgabe der Zeitungen ist es, den Dingen auf den Grund zu gehen”, sagte Christian Wulff damals. Vergesslich ist er also auch noch…

Dezember 22nd, 2011

Der Bundespräsident als böser Weihnachtsmann

Fernsehtipp: Lieber Benedikt als Christian gucken.

Fernsehtipp: Lieber Benedikt als Christian gucken.

Nein, ich habe keine Lust, mich groß über die moralische und sonstige Dimension des Skandals um Christian Wulff auszulasten. Aber für mich steht fest: Der Bundespräsident ist kein guter Christ.

Seine im typischen Knödelton vorgetragene “Entschuldigung” war doch nur eine Pflichtübung. Er musste eine Beruhigungspille unters Volk schmeißen, um ein bisschen aus der Schusslinie zu kommen. Damit er den Rücken frei hat, um zu Weihnachten über Nächstenliebe, über das famose mitmenschliche Engagement der Krankenschwestern und Feuerwehrleute, über den herausragenden einsatz deutscher Soldaten am Hindukusch und über die wunderbaren Revolutionen im arabischen Raum daherzureden.

Der Weihnachtsbaum gehört zu Deutschland. Jawohl. Aber was macht der Wulff in dieser Zeit, in der andere ans Schenken denken? Er feuert seinen langjährigen Sprecher Olaf Glaeseker. Hätte das nicht noch ein paar Tage Zeit gehabt? Nein, zu Weihnachten kündigen sonst nur ausgewiesene Raubtierkapitalisten oder ausgewiesene Nicht-Christen.

Und deshalb rufe ich alle dazu auf, Wulffs Rede nicht zu gucken, sondern zum Zeichen des Protests überall im Land die Toilettenspülungen zu drücken. Die Stadtwerke werden uns davon berichten.

Ich selber schaue mir zu Weihnachten und zum Jahreswechsel den Papst an. Der ist auch irgendwo schlimm. Aber seine “Espressione Cinese” ist immer wieder schön. Wie “Dinner for one” für die Stadt Rom und den Erdkreis. Hallelujah!

Oktober 21st, 2011

Warum Lebensmittel häufig Müll sind

Es lebe die Dose! Es werde Müll!

Es ist ein Skandal, ein Mega-Skandal, ein Wahnsinn: In Deutschland landen jedes Jahr 6,6 Millionen Tonnen genießbare Lebensmittel im Müll. Zum Großteil originalverpackt. Essbares im Wert von 25 Milliarden Euro. Was ist da los?

Sicher liegt es daran, dass wir verlernt haben, die Qualität von Lebensmitteln zu erkennen und diese entsprechend zu verarbeiten. Wir schauen auf dem Preis – und folgen zudem spätestens seit McDonald’s der angelsächsischen “Genuß”-Tradition. Diese hat der britische Literatur-Nobelpreis-Träger von 1932, John Galsworthy, so auf den Punkt gebracht: “Die Franzosen kochen, die Engländer öffnen Dosen.”

Kochen ist andererseits teuer. Das merkt man spätestens dann, wenn man eine Küche braucht. Die zu kaufen, geht gerne mal so: Im Prospekt sieht man eine tolle Genussmöbel-Kombination zum Preis von 4999 Euro. Das hat man gerade, man geht also mit seinem Wohnungs-Grundriss ins Möbelhaus.

Dort erfährt man, dass man beim Betrachten der Werbung den klitzekleinen Zusatz “Angebot wie abgebildet” übersehen hat. Bezogen auf die eigene Wohnung brauche es schon einige Umplanungen. Und das eine oder andere Extra.

Macht dann zusammen 30.000 Euro, also einen Betrag, mit dem man sich zehn Jahre lang jeden Abend eine Pizza kaufen könnte. Oder 27 Jahre lang täglich einen Döner.

Der Küchenkauf lohnt sich also nur bedingt. Zumal wir im Autoland Deutschland immer ein neues Fahrzeug brauchen. Neuwagen kosten hierzulande im Schnitt 45.000 Euro.

Umgerechnet wären das weitere dreizehneinhalb Jahre lang ein Döner pro Tag. Aber eben auch acht, neun Jahre in einer neuen Küche gut gekocht.

Das bedeutet: Würde öfter mal ein Auto vor dem Verkauf im Müll landen, könnten wir richtig lecker essen. Wir haben die Wahl.

Mai 19th, 2011

Über Männer mit zu viel Testosteron



März 7th, 2011

E10-Benzin? E 605 ist uns lieber

“E10 muss weg!” Mitten hinein in vereinzelte Guttenberg-Rückholaktionen ist eine Protestbewegung entstanden, die dem politischen Führungspersonal dieser Republik noch einiges Kopfzerbrechen bereitet. Das Volk lehnt ein neues Benzin ab – und das sagt auch einiges über den Zustand dieser Gesellschaft.

Ich bin mir noch nicht so sicher, was ich denken soll. Das ist so, weil ich als Dieselfahrer nicht betroffen bin. Aber dann wird`s schon dialektisch. Einerseits finde ich es immer prima, wenn die Menschen der Politik und den Konzernen mit ihrer geballten Verbrauchermacht zeigen, dass sie nicht jeden Quatsch klaglos mitmachen. Die angeblich segensreichen Auswirkungen des Biosprits in Sachen Klimawandel sind weiß Gott sehr umstritten.

Und die Risiken für die Automotoren sind offenbar nicht hundertprozentig erforscht. Soll demnach – um mal eine Verschwörungstheorie zu entwerfen – durch höheren Verschleiß ein verstecktes Konjunkturprogramm gestartet werden? Nach dem Motto: Wi mehr kaputt, wird mehr gekauft?

Andererseits: Gab es nicht schon früher vor Neuerungen aufgeregte Warnungen? Hieß es nicht, dass bleifreies Benzin sämtliche Motoren ruinieren würde? Und wurde uns nicht gesagt, dass Katalysatoren sündhaft teure Verschleißteile seien? So schlimm war es dann ja doch nicht.

Es gibt aber noch ein anderes Problem: Der heftige Streit um E10 zeigt, dass unsere wahren Sorgen Maschinen gelten. Wenn unserem Auto Schaden droht, gehen wir auf die Barrikaden oder zeigen den Herstellern durch unseren Boykott die Rote Karte.

Nach Lebensmittelskandalen ist die Aufregung anfangs auch groß. Aber dann gehen wir recht schnell wieder zur Tagesordnung über. Ja, wir zahlen freiwillig deutlich mehr Geld für ein vermeintlich “gesünderes” Produkt. Bei Lebensmitteln sind wir da weniger konsequent.

Zusammengefasst heißt unsere Parole: Lieber E605 als E10. Oder machen wir uns über Schädlingsbekämpfungsmittel ähnlich viel Gedanken wie Pflanzenöl im Sprit? Doch eher nicht, oder?

Februar 23rd, 2011

Ein alter Depp wird nie mehr schlau

In dieser bösen Welt der irren Diktatoren, streikenden Lokführer und raubkopierenden Minister sehnt sich unser Herz heftig nach Menschen, die uns diebische Freude bereiten, ohne Schaden anzurichten. Zum Glück, es gibt sie. Nämlich alte Männer, die sich wegen junger Frauen zum Deppen machen. So wie Richard Lugner.

Der verknitterte österreiche Baulöwe führt uns den klassischen Verlauf eines Niedergangs vor.

Februar 17th, 2011

Doktortitel? Gutti braucht den gar nicht.

Ich mach das jetzt mal andersrum. Bei den jüngsten Skandalen war es immer wieder mal so, dass es zunächst eine riesige gemeinsame Empörung und anschließend ein vereinzeltes Zurückrudern gab. Das passiert mir nicht. Und deshalb sage ich: Jawoll, ich verteidige unseren Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg.

Die Aufregung über seine Doktorarbeit ist doch überflüssig. 475 Seiten hat er über das Thema “Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU” geschrieben. Und? Interessiert dieses Pamphlet jemand? Hilft es jemand? Bringt es uns vorwärts? Kann es zu Guttenberg in seinem Job brauchen?

Januar 25th, 2011

Karl Theodor, verlass uns nicht!

Es hat ja schon einige merkwürdige Politiker-Rücktritte gegeben. Da gab es eine seltsame Affäre um Einkaufswagen-Pfandsysteme, der ex-Wirtschaftsminister Jürgen Möllemann zum Opfer fiel. Bei Bundespräsident Horst Köhler weiß man bis heute nicht so genau, warum er abgetreten ist. Also sollten wir uns durchaus Sorgen um unseren Bundes-Hoffnungsträger Karl Thedor zu Guttenberg machen.

Wir brauchen diesen Mann. Er flößt uns Vertrauen ein und weiß einfach, wie man sich passend zum Anlass kleiden muss. Im Smoking bei den Bayreuther Festspielen, im dunkelblauen Anzug in der Wall Street und in Kampfstiefeln und Tarnweste in Afghanistan. Er könnte doch noch so viele Polit-Jobs richtig schick machen. Im Trucker-Karohemd als Verkehrsminister,

Januar 6th, 2011

Dioxin-Eier: Wir sind Opfer und Komplizen

Die Eier des Todes: Leider auch von uns gemacht.

Die Eier des Todes: Leider auch von uns gemacht.

Es ist wieder soweit! Dieser Text-Einstieg gilt zurecht als der Ausbund an Phantasielosigkeit. Geduldet wird er allerdings bei Ereignissen, die unausweichlich in einer immer gleichen Form wiederkehren. So wie Volksfeste, Karnevalssitzungen, Kreiskaninchenschauen – und Lebensmittelsskandale. Jetzt also ist es Dioxin in den Eiern. Der Skandal weitet sich aus, den Verbrauchern kommen die Omelettes der letzten 30 Tage hoch, die Politik handelt energisch wie nie. Das alles passiert aber nur, damit in spätestens vier Wochen alles wie gewohnt weiterläuft.

November 21st, 2010

Grüß die Elche, Carl Gustav!

So ein König hat`s nicht leicht.

So ein König hat`s nicht leicht.

Das hätte sich der Schwedenkönig so gedacht. Zuerst werden ungeheuerlichste Vorgänge in ungeheuerlichsten Sexclubs enthüllt. Dann tritt dieser Carl Gustav am Freitag gemeinsam mit der betrogenen Königin bei einer Benefizveranstaltung namens “World Child and Youth Forum” auf. Weil er meint, dass ein kurzes “Schwamm drüber” reicht? Nein, nein, Majestät. Jetzt wird abgerechnet.

Wir wollen dem Leben dieses Mannes nicht grundsätzlich eine gewisse Tragik absprechen. Da repräsentiert sich einer durch die Weltgeschichte, genau wissend, dass ihn eigentlich niemand braucht. Nicht jeder Vertreter des Adels wird schließlich Verteidigungsminister. Was also soll der oberste Feingeborene des “Konungariket Sverigie” (Königreich Schweden) tun, als sich dramatisch zu langweilen?

Schwer hat er es wegen seines Namens: Die Bedeutung von Karl ist nicht genau geklärt. Erklärungsversuche sind „Mann, Ehemann“ (aus dem Althochdeutschen abgeleitet) oder „freier Mann“ (nach dem mittelniederdeutschen kerle). Das ist, mit Verlaub, ein Widerspruch in sich beziehungsweise eine völlige Unmöglichkeit. Vielleicht hat er sich aber auch an seinem Zweitnamen “Gustav” orientiert.

Und hat die altschwedische Übersetzung – “Stab Gottes” – so verstanden, dass es zu seinem Job gehören würde, gelegentlich ein paar Mädels durchzunudeln? Kann ja eh nicht so schlimm sein. Erstens ist Schweden ein mega-tolerantes Land. Zweitens war es lange genug sowieso ein Qualitätsmerkmal eines respektierten Herrschers, dass er sich jederzeit und in jeder Hinsicht als potent zu erweisen wusste. Hätte sich im 18. Jahrhundert irgendjemand über die Fremdgängerei des Herrschers beschwert? Niemals. Man hätte ihn als tollen Hecht angesehen. Das wäre wahre Tradition!

Alles erklärt und entschuldigt, somit? Nein! Denn da hat einer “unsere” Silvia betrogen. Also erwarten wir Wiedergutmachung.

Die deutschgeborene Königin sollte sich scheiden lassen. Da es sich bei ihrer Hochzeit mit Carl Gustav um eine Liebesheirat gehandelt haben soll, müssten die beiden in einer Zugewinngemeinschaft leben. Somit stünde Silvia im Falle einer Trennung ein erheblicher Teil Schwedens zu, welcher umgehend nach Deutschland eingegliedert werden sollte. Mit unserer Königin als Ministerpräsidentin auf Lebenszeit.

Schweden ist  um ein gutes Viertel größer als Deutschland, kann also was hergeben. Vorschlag zur Güte: Wir nehmen den Süden mit schönen Städten wie Malmö oder Helsingborg. Was die Hauptstadt Stockholm und den menschenleeren Norden angeht, wollen wir mal nicht so sein. Grüß die Elche, Carl Gustav!

August 27th, 2010

Thilo Sarrazin: Sein Kampf mit der Intelligenz

Er hat es wieder geschafft! Thilo Sarrazin,  unermüdlicher Gutmenschen-Provokateur in Diensten der Deutschen Bundesbank, hat sich neuerlich auf Migranten eingeschossen. Durch deren Zuwandern und Fortpflanzen sinke die durchschnittliche Intelligenz im Land. Er beschreibt das in seinem neuen Buch “Deutschland schafft sich ab!” Manche meinen, er hätte es auch “Mein Kampf” nennen können.

August 9th, 2010

Horst Seehofer, der Umfragewert-Konservative

Das Bild zeigt: Horst Seehofer ist stets offen für die Belange des Volkes. Foto: Matejka

Am 13. Februar wollte ich es wissen: „Was sind Seehofers Erfolge?“ hatte ich meine Leser(innen) gefragt, und 58,8 Prozent wählten die Antwort „Erfolge???“. Würde diese Quote heute anders ausfallen? Aus meiner Sicht eher nicht. Oder kann man diese Frage gar nicht beantworten? Weil die Erfolge und Misserfolge des Bayerischen Ministerpräsidenten so schleierhaft sind, wie seine politische Linie ganz generell?

Eine solche müsste er haben, als selbst ernannter Held der Wertkonservativen.

März 26th, 2010

Jörg Kachelmann: Verschwindet unser lustiger Held?

Jörg Kachelmann: Was wird aus ihm?In vielen Partner- und Freundschaften kommt es irgendwann zu diesem Satz: “Ach, wie habe ich mich doch in diesem Menschen getäuscht!” In unserem Fall gilt er einem gewissen Jörg Kachelmann, von Beruf Wetterfrosch. Ihm wird vorgeworfen, seine Freundin vergewaltigt zu haben. Er selbst nennt sich unschuldig. Was sein gutes Recht  ist.

Die aktuelle Affäre macht uns aber schlagartig klar, dass wir bei ihm einem Irrtum unterlegen waren: Wir haben ihn für nett und lustig gehalten. Das lag sicher an seiner Schweizer Sprachfärbung, die bei mir als Deutschem als gemütlich, selbstironisch und etwas schrullig auskommt. Außerdem wirkte es sympathisch, mit welcher Selbstverständlichkeit er mit einer schlampigem Frisur und einem gelegentlichen Zauselbart ins Rampenlicht ging. Und schließlich stammt sein Vater aus Bamberg. Er ist demnach halber Franke – so halbwegs einer von uns.

In erster Linie ist Jörg Kachelmann aber ein cleverer Geschäftsmann. Er hat zwar keine Ausbildung zum Meteorologen, weshalb man ihn den Udo Walz der Stratosphäre nennen könnte (der legendäre Star-Figaro hat auch keinen Meisterbrief). Er hat aber frühzeitig entdeckt, dass sich aus dem Wetterbericht, der ja praktisch jeden Menschen interessiert, eine Show machen lässt. Also lässt er die bevorstehenden Temperaturen von der schicken Blondine Claudia Kleinert und ihrem latent froschartigen Kollegen Sven Plöger aufsagen. Und wenn der Sturm über Deutschland tobt, stellt er jemand mit einem Mikrofon mitten in die schlimmsten Böen auf der Zugspitze.

Tendenziell lustig, das. So, wie wir uns Kachelmann immer vorgestellt haben. Obwohl seine Rolle als Botschafter für die neoliberale Initiative Soziale Marktwirtschaft Punktabzüge in der B-Note bringt.

Sollten allerdings die Vorwürfe seiner Ex-Freundin stimmen, hätte sich Kachelmann, der mutige Erneuerer eines Genres, äußerst rückständig verhalten. Man möchte hoffen, dass sich die Affäre irgendwie in Wohlgefallen auflöst. Denn der Verlust eines Helden tut uns allen immer weh. Leider gilt auch dies: Die Erkenntnis, dass man am sichersten Menschenfreund bleiben kann, wenn man auf Menschenkenntnis verzichtet, ist kaum zu widerlegen. Man wird sehen, wie es ausgeht.

Februar 23rd, 2010

Jürgen Rüttgers, ein Mann wie Paris Hilton

"Ich sag jetzt gar nichts mehr...": Jürgen Rüttgers.

Das ist richtig dumm gelaufen, für den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. Da steht er kurz vor einer Landtagswahl, die die Strategen der Koalitionsparteien als derart heikel einschätzen, dass selbst die Bundesregierung vorsichtshalber auf unerfreuliche Botschaften oder Beschlüsse verzichtet. Und dann erscheint der Landesvater als käuflich. 6000 Euro auf den Tisch – und er redet mit jedem über alles.

Erstmal: Ganz ungewöhnlich ist so etwas nicht. Eine Beratung beim Arzt kostet zehn bis zwölf Euro, ein gutes Gespräch beim Therapeuten 80 Euro, auch bei sprachbegabten Friseuren ist der gepflegte Smalltalk während des Haareschneidens eingepreist. In noch ganz andere Dimensionen als bei Rüttgers geht das Schmerzensgeld, wenn sich berühmte Menschen bei “Wetten, dass…” von Thomas Gottschalk aushorchen lassen oder sich auf dem Wiener Opernball in die Loge des alten Lüstlings “Mörtel” Lugner setzen. Edel-Schlampe Paris Hilton wiederum erscheint angeblich erst ab  100.000 Dollar Honorar als exklusiver Partygast.

Alsdenn, wozu die Aufregung? Jeder, für den sich andere dringend interessieren, hält doch die Hand auf.

Aber beim Politiker ist das eben doch etwas anderes. Harmlose Ministerpräsidenten-Mieter wollen vielleicht tätsächlich nur etwas für ihr Ego tun. Finden es spannend, mit einem hohen Politiker auf ein Foto zu kommen. Das sie schlimmestenfalls für die nächste Broschüre ihrer Wurstfabrik verwenden.

Andere aber werden schon das eine oder andere ganz konkrete Problem oder Vorhaben ins Gespräch bringen. Sagen wir mal, den geplanten Bau einer Lagerhalle auf einer Fläche, die unter Naturschutz steht. Und informelle Unterredungen sind bekanntlich fast immer wirksamer als eine hochoffizielle Diskussion während einer Sitzung eines Landtages oder eines Stadtrates. Da aber wird es skandalös. Wer mit Geldscheinen wedeln kann, verschafft sich im Dialog mit der Politik einen Vorsprung gegenüber anderen Menschen.

Der Ministerpräsident hört genau hin und zeigt mindestens das allergrößte Verständnis für jedes Anliegen. In anderen Zusammenhängen nennt sich diese Form der Dienstleistung Prostitution. „Der Vorwurf, ich hätte Termine gegen Geld gemacht, läuft aber ins Leere. Es hat solche Termine nicht gegeben”, versichert Rüttgers nun, nachdem er seinen Generalsekretär gefeuert hat. Aber auch das kennt man: Wer sich im zwielichtigen Milieu bewegt, gibt das selten offen zu.

Oktober 13th, 2009

Kein Bargeld mehr für Thilo Sarrazin

Bargeld weg: Bundesbanker Thilo Sarrazin ist teil-entmachtet.

Bargeld weg: Thilo Sarrazin ist teil-entmachtet.

So, jetzt hat er den Salat. Weil er immer gar so böse ist, wird das türkenfeindliche Großmaul Thilo Sarrazin bei der Bundesbank kaltgestellt. Er ist nicht mehr für den Bereich Bargeldumlauf zuständig.

Eine naheliegende Entscheidung. Schließlich sind von türkischen Inhabern geführte Obst- und Gemüseläden sowie Döner-Restaurants jene Bereiche von Handel und Gastronomie, in denen tendenziell besonders selten mit EC- oder Kreditkarte bezahlt wird. Andererseits ist die Entscheidung widersinnig. Einem wie Sarrazin, der andere wegen deren Faulheit anprangert, hätte man eine Strafarbeit aufbrummen sollen. Zum Beispiel diesen Auftrag der neuen Regierung: „Erstellen Sie einen tragfähigen Plan, wie 2010 die Steuern um 15 Milliarden Euro gesenkt werden können.“

Aber dann hätte er bald wieder irgendetwas von Lüge, weltfremden Politiker undsoweiter verlauten lassen. Ein verbaler Weichspüler ist Sarrazin ja nie gewesen. Er empfahl Harzt-IV-Empfängern, im Winter zuhause dicke Pullover zu tragen anstatt über zu geringe Heizkostenzuschüsse zu klagen, Von ihm stammt auch  Formel “Je niedriger die Schicht, umso höher die Geburtenrate.”. Untergewicht nannte er das geringste Problem von Sozialhilfeempfängern.

Und jetzt also die Ausfälle gegen die Produzenten „kleiner Kopftuchmädchen“. Diese sind, ganz klar, polemisch, beleidigend und gefallen Neonazis ganz bestimmt.

Trotzdem verdient Rüpel Sarrazin zumindest ein bisschen Sympathie. Er spricht aus, was viele Menschen denken. Und: Nach dem „Fernsehduell“ Merkel versus Steinmeier klagten alle über die Langeweile, taz und bild titelten unisono „Yes, we gähn“. Die Aufregung über Sarrazin zeigt aber doch bloß, dass die wählenden Massen eben genau solche Politiker(innen) wollen, die uns auch mal anöden, aber im Grunde genommen sagen, dass schon irgendwie alles gut wird.

Damit die öffentliche Diskussion lebendig wird, braucht es aber Leute, die gelegentlich ordentlich Zunder geben. Würde es Sarrazin schaffen, Probleme deutlich anzusprechen, ohne bestimmte Gruppen komplett zu diffamieren, könnten wir ihn gut gebrauchen. Vielleicht denkt er in Zukunft etwas mehr nach, bevor er redet. Mehr Zeit wird er ja haben…