Am Sterbebett von “Wetten, dass…?”

Donnerwetter! Nürnberg schreibt Fernsehgeschichte. Eine der erfolgreichsten Sendungen aller Zeiten hat sich hier verabschiedet. “Wetten, dass…?” ist nicht mehr.

Die gerne als “Lagerfeuer der Nation” bezeichnete ZDF-Show war auch in diesem Blog etliche Male eine Thema. Besonders heftig Anfang 2011, als Thomas Gottschalk seinen Abschied erklärte. Die Suche nach seinem Nachfolger zog sich wie Kaugummi. Niemand wollte wirklich. Klarer Favorit meiner Leser/-innen war Hape Kerkeling.

Man hatte den Eindruck, hier würde in Job mit garantiertem Scheitern vergeben. Ich habe zur Abschieds-Show von Thomas Gottschalk geschrieben: “Jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? sind derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef…”

Nicht absehbar war, dass der neue Moderator Markus Lanz derart unbegabt und überfordert sein würde. Das ganze Grauen seines Interviewstils zeigte sich im Gespräch mit dem seinerzeit schwer verunglückten Kandidaten Samuel Koch. Es ist eben nicht notwendig mit einem körperlich gehandicapten Menschen betont langsam zu reden oder sich mit extra-fürsorglicher Körpersprache zu ihm hinzusetzen. Und die Frage, ob sein Unfall eine “Sinnhaftigkeit” gehabt habe: Wahrscheinlich hat sie ein ZDF-Redakteur seinem Moderator aufgeschrieben. Aber wir blöd ist das? Welchen Sinn soll es bitteschön haben, wenn ein junger Mensch zum Krüppel wird?

Immerhin: Unser lokaler Stolz wurde genährt. Der fränkische Parkhauskletterer aus Büchenbach bot eine der spannendsten Fernseh-Wetten seit langer Zeit. Und Hollywood-Star Ben Stiller konnte “Christkindlesmarkt” nahezu akzentfrei aussprechen.

Das salbt unsere Nürnberger Seelen. Wir werden daran denken. An “Wetten, dass…?” bestimmt auch mal wieder. Wir waren ja am Sterbebett ganz nah.

 

Wenn das Show-Sofa zum Sarg wird

“Wetten, dass…?” ist nicht mehr. Ja, dieser Satz wird wahr. Die größte Show des deutschen Fernsehen wird Ende des Jahres von uns gegangen sein – nach langem Siechtum. Dieser Tod war absehbar.

Ich zitiere mich einfach selbst. Zum Abschieds-Auftritt von Thomas Gottschalk Ende 2012 habe ich geschrieben:

“Eines der faszinierendsten Themen für uns Menschen ist der Tod. Deshalb musste Jesus leiden und auferstehen, deshalb liegen millionenfach Krimis und Thriller unter dem Weihnachtsbaum – und deshalb hatte “Wetten, dass…?” am 3. Dezember eine Zuschauerzahl, wie man sie sonst nur von wichtigen Fußballspielen kennt. 14,73 Millionen Menschen wollten den Abgang von Thomas Gottschalk miterleben.

Die Fernsehzuschauer machten also klar: Vielleicht hat man den Meister des Breitgrinsens irgendwo satt, vielleicht mag man seine PR-lastige Show gar nicht mehr so sehr, aber zum Begräbnis geht man als anständiger Mensch.

So hat sich das auch gehört. Denn jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? sind derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef…”

So ist es gekommen. Der bedauernswerte Markus Lanz  erlebte seitdem von Show zu Show eine Echo, das von “einigermaßen vernichtende Kritik” über “ziemlich vernichtende Kritik” bis “völlig vernichtende Kritik” reichte. Noch ein paar Sendungen, und der Schrecken hat zumindest für ihn ein Ende.

Wir werden das Ende von “Wetten, dass…?” überleben. Ein Volk, das ohne Peter Frankenfeld und Rudi Carrell auskommt, wird auch ein Dasein ohne Samstags-Lanz durchstehen.

Wirklich Grund zum Heulen haben jedoch die Mitglieder eines eingetragenen Vereins, nämlich des VdDP mit Sitz in Herford/Nordrhein-Westfalen. Die Abkürzung steht für “Verband der Deutschen Polstermöbelindustrie”, einer Vereinigung, die vom ZDF-Showjuwel mehr profitiert haben dürfte, als die allermeisten Gaststars. Ging doch von “Wetten, dass…?” immer die Botschaft aus, dass unterhaltsame Gespräche immer dann entstehen, wenn Menschen nebeneinander auf einem Sofa sitzen. Nun wird die Couch aus dem Fernsehgeschehen verschwinden, das Volk blickt lieber auf unbequeme Holzpritschen in australischen Dschungelgebieten.

Das zauberhafte Sitzmöbel wird zum Grab, es taugt bestenfalls noch für’s Museum. Und unser VdDP muss mit seltsamen Botschaften dagegen halten. Seine neueste Pressemitteilung lautet so: “Die widersinnige Grenzwert-Ziehung bei Formaldehyd in Höhe von 0,01 ppm durch russische Gesundheitsbehörden lässt die Branchenverbände der Möbelindustrie in Deutschland und Russland zusammenrücken. Ein Ergebnis ist der geplante Aufbau einer gemeinsamen Zertifizierungsstelle für Möbel in Russland.” Wie traurig, dass wir das jetzt brauchen,

 

Silvio? Die Mörderpuppe ist nie ganz weg

Es lebe die Mörderpuppe!

Es lebe die Mörderpuppe!

Es gibt Lebewesen und Dinge, die man einfach nicht wegkriegt. Spinnen, Kakerlaken, Hundeflöhe, Gartenschnecken, Maulwürfe, aber auch Blut-, Rost- und Rote-Beete-Flecken. Und es gibt Silvio Berlusconi. Über ihn wissen wir jetzt endgültig, dass er nie ganz weg sein wird. So lange es in Italien Politik gibt.

Beim Anblick des Cavaliere, dem die Mimik inzwischen komplett aus dem Gesicht operiert worden ist, rauschen mir – passend eigentlich – 50 Jahre Fernsehgeschichte durch den Kopf. Berlusconi erinnert mich an einen Helden meiner Kindheit, den Springteufel Zebulon. Wenn die kleinen Fernsehzuschauer dachten, dass Ruhe im Karton ist, ging der Deckel hoch, und das seltsame Wesen sprang mit einem lauten “Turnikuti, Turnikuta, Zebulon ist wieder da!” aus der Schachtel. Das war Mitte/Ende der 60-er Jahre. Auch der Zonk aus der TV-Show “Geh aufs Ganze!” erinnert mich an unseren ewigen Zombie.

Aber das ist nicht richtig. Denn eigentlich ist das Problemäääh, dass wir Deutsche nicht wolle verstähä, was italienise Sääle bewägä tut.” In seiner Heimat ist Berlusconi nämlich ein Mischwesen aus zwei anderen Protagonisten der Fernsehunterhaltung. Des grimmigen Alles-Wegräumers Gernot Hassknecht aus der heute-show und des Glücksbringers im Postboten-Gewand, Walter Spahrbier. Des biederen Schutzheiligen der “Aktion Sorgenkind”.

Silvio, ein Glücksbringer? Kann nicht wahr sein – stimmt aber doch. Denn so sehr es sich bei Berlusconi um einen offensichtlichen Lumpen und altersgeilen Bock handelt, so clever ist er als Verkäufer in eigener Sache. Er gibt seinen Landleuten immer noch das Gefühl, dass er sie vor Angela Merkel, verückten Richtern, Dieben aller Art und dem Staat als solchem beschützt. Was weh tut, wird von Onkel Silvio geheilt. Deses Volk will in Freiheit glücklich sein. Oder wenigstens daran glauben.

Übersehen wird dabei ein wichtiger Aspekt. Berlusconi tut zwar so, als würde er seine Wahlversprechen mit Milliarden aus seinem Geldspeicher bezahlen. Daran aber denkt er gar nicht. Er macht Politik, um seine Reichtümer zu bewahren. Egal, wem das schadet. Arme Italiener, Ihr verehrt einen Filmstar, die Reinkarnation von Chucky, der Mörderpuppe. Wer das nicht glaubt, schaue auf das Bild zu diesem Beitrag. Er ist es. Und er kommt immer wieder.

Erst die Titanic, jetzt Gottschalk

Dank der zahlreichen Castingshows haben wir uns daran gewöhnt, dass Super- und Megastars heute kommen und spätestens übermorgen gehen. Moderne Stars sind wie U-Bahnen. Es kommt immer gleich eine andere.

Wie anders erschien uns da Thomas Gottschalk. Als bis vor kurzem größter Showmaster des Landes, als Luxusliner der TV-Unterhaltung, wagte er sich an eine neue Herausforderung. Mit einer Live-Wohnzimmer-Show wollte er dem öden Vorabendprogramm der ARD frisches Leben einhauchen.

Unsinkbar sollte er unter vollem Dampf durch die Todeszone des öffentlich-rechtlichen Fernsehens kreuzen. Mit spontanen Späßen und richtig berühmten Gästen. Ganz anders als die Privatsender mit ihren blutjungen Plaudertaschen oder seichten Daily Soaps.

Kein Eisberg sollte sich ihm in den Weg stellen. Und das tat auch keiner. Es kam noch ärger: Das schlimmste Eis für einen Moderator ist die kalte Schulter des Publikums. Sie lauert knapp unter dem Wasser und schlägt bei sinkendem Quotenpegel erbarmungslos zu.

Titanic ist überall. Am 7. Juni ist für Gottschalk in der ARD Schluss. Und wenn er sich nicht zum anderen Luxusdampfer MS Harald Schmidt auf die Altenheimterrasse setzen will, bleibt ihm nur noch eine Hoffnung: Dass sein Nachfolger Markus Lanz bei “Wetten, dass…?” versagt. Denn dort könnten sie den alten Chaoten immer brauchen. Ganz bestimmt.

"Wetten, dass…?": Wir brauchen ein Casting

Ach, dieses Drama um “Wetten, dass…?”. Wenn es sogar Aufsehen erregt, dass ein Jörg Pilawa absagt, dann hat die angeblich größte Show im deutschen Fernsehen tatsächlich ein Problem. Jetzt hilft nur noch eines: Wir brauchen ein großes Moderatoren-Casting.

Eine letzte Alternative vor einem solchen Showmaster-Roulette wäre der Rückkehr von Thomas Gottschalk. Dieser vertreibt gerade die Zuschauer aus dem ARD-Vorabendprogramm mit einer wirklich seltsamen Sendung. Jenseits von “Wetten, dass…?” sieht er schlecht aus. Ein Schicksal, das er mit seinem alten Kumpel Günther Jauch teilt. Dieser feiert am 3. Februar die 1000. Sendung von “Wer wird Millionär?”. Als Polit-Talker am Sonntagabend ist er aber nicht sehr überzeugend. Sofern er überhaupt etwas sagt.

Schließen wir also die Marktlücke. Es ist doch seltsam, dass es für alles und jedes und jeden ein Casting gibt. Wir suchen massenweise großartige Sänger, Artisten, Hobbytänzer, Dschungelköniginnen oder Frauen für Bauern. Aber es ist scheinbar noch keiner auf die Idee gekommen, jemand für die Krone der TV-Unterhaltung zu suchen. Traut man dem Volk nicht zu, dass es per Telefon klären kann, wer den Samstagabend am besten totplappern könnte?

Sicher müsste man eine sorgfältige Auswahl treffen. Um zu vermeiden, dass ein hübscher, aber ansonsten unfähiger Teeny-Schwarm gewählt wird. Davon abgesehen hätte das Casting ausschließlich Vorteile. Wir bekämen den Besten der Besten. Und das ZDF käme dank der Einnahmen durch viele Millionen Telefonanrufe in Zukunft mit geringeren Rundfunkgebühren aus.

Ansonsten bliebe nur noch das von der Papstwahl bekannte Konklave. Wobei sich das ZDF, wie das heute modern ist, von einem Privatsender unterstützen lässt. 50 Fernsehmoderatoren werden im Big Brother-Container eingesperrt und erst wieder freigelassen, wenn einer übrig geblieben ist oder freiwillig aufgegeben hat. Und jetzt alle Kandidaten im Schnelldurchlauf…

Die Quoten-Maschine: Loddar und Micaela in Love

Der Verfall von Menschen lässt sich im normalen Leben ungefährt so ablesen: Rennrad, Limousine, Rollator. Bei berühmten Persönlichkeiten läuft es so: Wetten, dass…?-Couch, Beckmann, Perfektes Promi-Dinner, Leute heute, Doku-Soap, Dschungelcamp.

So gesehen stehen wir gerade an der Schwelle zu einer Götterdämmerung des Weltfußballs. Lothar “Loddar” Matthäus, dereinst zum besten Kicker, in Bulgarien aber jüngst zum schlechtesten Trainer der Welt gewählt, wird Selbstdarsteller in einer Doku-Soap auf Vox. Er öffnet sein Leben für die Gaffer und Spötter, wird Kollege von Ehepaar Geissen und Daniela Katzenberger.

“Ganzheitlich” will er sich präsentieren. Mit seiner Freundin Joanna, seinen Kindern, seinen Reisen, seiner Arbeit und seiner Freizeit. Sätze wie “Die Schuhe müssen immer zum Gürtel passen!” oder “Die Frauen haben sich entwickelt in den letzten Jahren. Sie stehen nicht mehr zufrieden am Herd, waschen Wäsche und passen aufs Kind auf.” gibt es also irgendwann im Wochenrhythmus frei Haus. (Der Sendetermin ist noch unklar)

Jedoch: Im Schlaf- und Badezimmer sollen keine Kameras stehen. Das ist, Verzeihung, ein Quoten-Hemmnis. Genau das wollen die Leute ja ehen.

Aber vielleicht fehlt dazu die richtige Frau, vielleicht ist Joanna zu schüchtern. Wie also wäre es, wenn sich Loddar Micaela Schäfer krallen würde. Sie ist als 28-Jährige vielleicht ein bisschen zu alt für ihn. Sie hat aber gerade in Australien Erfahrungen mit schweren Lebensprüfungen gesammelt, die ihr auch ein Leben als Frau Matthäus ermöglichen sollten. Sie verabscheut textile Bekleidung, die Brüste sind bereits vergrößert.

Alsdenn: “Lothar und Micaela in Love”. Das wär’ der Quoten-Bringer. Ganz bestimmt!

Gottschalk Abschied: Es war wie Winnetou IV

Auch wenn es uns nicht immer bewusst ist: Eines der faszinierendsten Themen für uns Menschen ist der Tod. Deshalb musste Jesus leiden und auferstehen, deshalb liegen millionenfach Krimis und Thriller unter dem Weihnachtsbaum – und deshalb hatte “Wetten, dass…?” am 3. Dezember eine Zuschauerzahl, wie man sie sonst nur von wichtigen Fußballspielen kennt. 14,73 Millionen Menschen wollten den Abgang von Thomas Gottschalk miterleben.

Die Fernsehzuschauer machten also klar: Vielleicht hat man den Meister des Breitgrinsens irgendwo satt, vielleicht mag man seine PR-lastige Show gar nicht mehr so sehr, aber zum Begräbnis geht man als anständiger Mensch. Wir haben, wie man in unseren Breiten sagt, “a scheene Leich” erlebt.

So hat sich das auch gehört. Denn jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? ist derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef.

Wobei sich dieser ungewöhnlich nachdenklich gab. Er habe eigentlich nichts anderes als Seifenblasen produziert, sagte er. Und anders als bei seinem ersten Abschied von “Wetten, dass…?”, als “Show must go on” von Queen dröhnte, setzte er diesmal auf sanfte Orchestermusik. Als Gottschalk seinem Publikum zum Abschied den Rücken kehrte, klang es wie Winnetou IV.

Letztlich gilt auch für ihn: Der Tod ist der lebendige Beweis, dass kein Mensch unentbehrlich ist. Oder doch? Gottschalks letzte Worte waren: “Ich komme bald wieder”. Wir sind gespannt, Messias!

"Ich moderiere Wetten, dass…?. Oder nicht."

Na, bitteschön, da ist es doch – das Erfolgs-Fernsehformat der nächsten Jahre. Thomas Gottschalk moderiert seine Show weiter wie gewohnt und konfrontiert jeweils einen Studiogast mit der Aussage “Ich moderiere Wetten, dass…?. Oder nicht.” Das sorgt so lange für Hochspannung im Publikum, bis jemand “Ja, ich will” sagt. Am Samstag hat das schon mal prima funktioniert.

Das ZDF hatte ein klares Wort des bislang heißesten Gottschalk-Nachfolgekandidaten angekündigt. Und schon hatte “Wetten, dass…?” fast genau zehn Millionen Zuschauer, während die Konkurrenz-Show “Das Supertalent” 6,40 Millionen Fans verzeichnete. Hansi Hinterseer wollten in der ARD sogar nur 0,21 Millionen sehen.

Kerkeling lehnte ab. Wahrscheinlich, weil er klug genug ist, um zu erkennen, dass diese Show derart mit dem Moderator Gottschalk verwoben ist, dass andere Moderatoren/-innen sowieso scheitern müssen.

Aber warum nicht so weitermachen, wenn es Quote bringt? Im Fernsehen wird alles Mögliche gecastet: Sänger und Musiker, Song-Contest-Teilnehmer, Top-Models, Dackeldompteure, Jongleure oder notgeile Agrarökonomen. Warum also nicht auch den Super-Moderator suchen?

Das ZDF hätte eine neue Showidee etabliert. Und “Wetten, dass…?” würde den denkbar besten Mann für die Promis-präsentieren-ihr-neuestes-Produkt-Party bis auf Weiteres behalten. Alsdenn.

Schöne Zeiten enden – bei ZDF und CSU

Die Zukunft ruft. Sie lockt mit stetem Wandel und der Verheißung auf immer neue Rettungsschirme. Bloß: Viele hören nicht hin. Sie wollen, dass alles bleibt wie es ist. Oder das es wieder so wird, wie es einmal war. Zu erleben war dies am Wochenende gleich bei zwei Veranstaltungen im Nürnberger Messezentrum: beim CSU-Parteitag und bei “Wetten. dass….?”.

Erstmal zeigte sich der Hang zum Immergleichen am Beispiel der Show. Obwohl Moderator Thomas Gottschalk inzwischen als Auslaufmodell antritt, war er mit 9,06 Millionen Zuschauern der Sieger des Samstagsabends. Konkurrent Dieter Bohlen kam mit seinem “Supertalent” nur auf 6,58 Millionen Fans.

Wie kann das sein? Ein paar bekannte Showgrößen lümmeln auf einer Couch, dürfen kostenlose Werbung für ihre neuen Produkte machen. Dazwischen gibt es abstruse Wetten und ein bisschen Musik. Neu ist das alles nicht, aber “Wetten, dass…?” hat eben den Status von Tagesschau, Tatort oder Neujahrs-Skispringen. Es war irgendwie immer da und wird deshalb auch geguckt.

Allerdings: Gerade diese Show wird heftigst mit ihrem Moderator indentifiziert. Wer immer für Gottschalk kommt, wird es schwer haben oder wird schon bald das Comeback seines Vorgängers ankündigen. Ein ganz neues Gesicht, also einen großen Wandel, hält “Wetten, dass…?” nur schwer aus.

Nicht viel anders geht es der CSU. Früher war diese Partei ein echter Machtfaktor. In der alten Bundesrepublik schaute man nach Bayern, die Gamsbartträger am alpenländischen Sonntags-Stammtisch konnten die Weltpolitik in der Überzeugung diskutieren, dass die Oberen ihrer Partei in Bonn für Zucht und Ordnung sorgen würden.

Heute muss die CSU das tun, was eine ostdeutsche Pfarrerstochter will. Und so hatten beim Parteitag fast die hälfte der Delegierten Lust auf den Anti-Euro-Illusionisten Peter Gauweiler. Kein Seehofer-Stellvertreter hebt die Welt aus den Angeln. Das weiß man. Aber da wäre wenigstens wieder einer gewesen, der so redet wie damals.

Das Signal von Nürnberg von Anfang Oktober lautet also: Es ist nicht leicht, wenn schöne Zeiten zu Ende gehen. Ob beim ZDF – oder bei der CSU.

"Wetten, dass…?": Pelzig hält sich, aber die Frisur…

Ich bin noch die Auflösung meiner Umfrage zur Nachfolge für Thomas Gottschalk bei “Wetten, dass…?” schuldig. (siehe hier)

Alsdenn: Favorit meiner Leser(innen) ist demnach Hape Kerkeling. Er bekam 45,24 Prozent der Stimmen. Überraschend gut gehalten hat sich der bislang noch überhaupt nicht gehandelte Erwin Pelzig. 40,48 Prozent trauen dem fränkischen Kabarettisten den edelsten ZDF-Job zu. Anke Engelke und Jörg Pilawa sind mit je 7,14 Prozent abgeschlagen, Oliver Geissen will niemand sehen.

Ich muss aber zugeben, dass ich den strukturellen Konservatismus der öffentlich-rechtlichen Showmanager unterschätzt hatte. Dem Vernehmen nach läuft nämlich derzeit alles auf Michelle Hunziker zu. Mit ihr wäre, bei allen sonstigen Unterschieden zu Thomas Gottschalk, eine klare Kontinuität hinsichtlich Haarfarbe und -frisur gegeben.

Diesen Aspekt hatte ich unterschätzt. Aber wer weiß: Der weiße Rauch soll erst im Dezember aufsteigen. Vielleicht kann der verunglückte Kandidat von damals wieder gehen – und es bleibt alles, wie es war. Gottschalks Frisur hält auf jeden Fall.