„Beste Freunde“ können eklig sein

Seine Verwandtschaft kann sich niemand aussuchen. Es gibt nette Tanten, nervende Schwager oder hyperaktive Nichten. In der großen Politik ist das nicht anders. So genannte Verbündete hat man nicht unbedingt, weil man die anderen sympathisch findet. Es geht um das Sichern von Mehrheiten, um das Verwirklichen der eigenen Ziele, um billige Rohstoffe oder auch darum, unliebsame Neuankömmlinge fernzuhalten.

Angela Merkel kann davon ein Lied singen. Sie hat alles, zum Beispiel den Verbündeten vom Typ trotziges Kind. Dieser, nennen wir ihn Horst, kann  lieb sein, wenn ihm Mutti einen bösen Blick zuwirft. Sobald sie jedoch außer Reichweite ist, stampft er wütend auf den Boden. Und ruft „Obergrenze“, Obergrenze“ oder „Maut, Maut, Maut“. Eine Kanzlerin kann ihn ertragen. Er nervt zwar, richtet aber letztlich keinen Schaden an.

Weitaus komplizierter wird es beim Typ brutaler Zyniker. Er, nennen wir ihn Wladimir, kann bei Bedarf charmant flüstern. Er geht von seiner überragenden Bedeutung aus. Und wenn er sich zurückgesetzt sieht,  provoziert er, indem er anderen etwas wegnimmt. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen, weil er richtig gefährlich werden kann. Geld wegnehmen, das geht noch. Auf die Finger klopfen aber nicht.

Und es gibt den perversen Onkel. Nennen wir ihn Salman ibn Abd Al-Aziz. Er hat Dinge, auf die auch für eine Kanzlerin wichtig sind. Erdöl etwa oder jede Menge Geld für den Kauf famoser Waffen. Wer unter seinem Einfluss lebt, muss strengsten Regeln folgen, über die noch nicht einmal laut nachgedacht werden darf. Er geht über Leichen. Trotzdem helfen wir ihm, dass er seine Macht über andere Menschen verteidigen kann.

Unser Horst übrigens hat im April letztes Jahr über den Regenten von Saudi-Arabien Folgendes gesagt: „König Salman ist eine beeindruckende Persönlichkeit… Er hat uns überzeugend dargelegt, dass es sein Hauptziel ist, dass die Menschen friedlich zusammen leben.“

Der perverse Onkel wird also hofiert. Er wird weiter zur Familienfeier eingeladen, er bekommt einen besonders schönen Sessel und ein extra großes  Stück vom Kuchen. Man muss bloß den Brechreiz unterdrücken. Aber keine Sorge: Wer Politik macht, lernt das irgendwann.

 

Angela Merkel: Sie schafft uns alle

Man kann sagen, was man will. Aber sie hat uns wieder überrascht. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist vom renommierten Time-Magazin zur „Person of the year“ ernannt worden. Und das gerade jetzt, wo ihre Umfragewerte immer mehr nach unten gehen.

Diese US-Journalisten scheuen die Extreme wahrhaftig nicht. Sie haben Angela Merkel als vierte deutsche Politikerin nach Willy Brandt, Konrad Adenauer und, nun ja, Adolf Hitler auf ihr Jahresrückblicks-Titelblatt gehoben. Weil sie finden, dass es unsere Kanzlerin versteht, ohne funkelndes Bling-Bling oder sonstiges Brimborium die Welt zu bewegen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erstaunt das.

Und das kann sie. Das wird spätestens dann deutlich, wenn man daran zurückdenkt, welche zuvor hoch eingeschätzten männlichen Leichen ihren Weg pflastern. Jeder, der sie wie ein gewisser Friedrich Merz in Frage stellte und irgendwie ernst zu nehmen war, ist der Vergessenheit anheim gefallen. Einen Horst Seehofer lässt sie (noch) gewähren. Dieser mault viel und ist obendrein unhöflich – letztlich ist der Ober-Bayer aber harmlos. Beispiel: Seitdem die Horst-Show auf dem CSU-Parteitag gelaufen ist, ist das Wort „Transitzone“ wieder aus dem Sprachgebrauch verschwunden.

„Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“, hatte ihr Vor-Vorgänger Helmut Kohl in einer Stunde empfundener Macht getönt. Bei ihr ist es so. Aber man merkt es eben nicht.

Und das macht die Faszination aus, welche ausreicht, durchgeknallte Zeitgenossen wie IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi und den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump auf die Plätze zu verweisen. Da wiederum möchte man ihr zurufen: „Angela, zeig‘ Deine Macht“. Mach‘ den Bagdadi zum Guttenberg, den Trump zum Schröder.“

Dann, da sind wir sicher, winkt Dir die ultimative Krone des weltweiten Journalismus. Die Titelseite des Jahresrückblicks im Bayernkurier. Mehr Rache an Seehofer ginge wirklich nicht. Alsdenn.

 

 

 

Paris: Schaltet die Lautsprecher ab

Paris war ein Schock. Auch Menschen wie mir, denen ansonsten zu jedem Thema etwas einfällt, haben die Worte gefehlt. Einigen anderen Leuten möchte man diese Sprachlosigkeit ein bisschen länger wünschen. Die politischen Lautsprecher waren viel zu schnell auf Sendung.

„Paris ändert alles“, funkte der bayerische Finanzminister Markus Söder auf Twitter. Alles? Wirklich? Hat sich das Ozonloch geschlossen? Sind Einkommen und Vermögen plötzlich gerecht verteilt? Was bezweckt ein Politiker, indem er ein sowieso unbegreifliches Geschehen zusätzlich überhöht?

Söders Parteichef Horst Seehofer pfiff ihn zwar zurück, sang dann aber doch wieder das Lied von den gefährlichen Eindringlingen. Es dürfe nicht mehr sein, dass sich Fremde unkontrolliert in diesem Land bewegten. Was also machen wir mit schwarzhaarigen Touristen auf dem Christkindlesmarkt? Passkontrollen am Glühweinstand?

Es gibt auch ein anderes Phänomen. Wer leise redet, verwendet schreiende Begriffe. So etwa Bundespräsident Joachim Gauck, wenn er von „einer anderen Art von Krieg“ spricht. Das Wort „Krieg“ entspricht der Propaganda der Terroristen. Müssen wir deren Sprache übernehmen?

Nein, müssen wir nicht. Denn es sind Mörder, die es weder bedeutender noch besser macht, dass sie von ihren kriminellen Auftraggebern mit pseudo-religiösem Unsinn motiviert werden. Sie bringen den Tod durch Kalaschnikows oder Sprengstoff an viele Orte der Welt.

Gewinnen dürfen sie nicht. Ebenso wenig wie jene, die Hass gegen Fremde predigen. Deutsche Faschisten und islamistische Killer sind Brüder im Geiste. Begegnen kann man ihnen nur mit einer klaren Haltung und dem Bekenntnis zur Freiheit. Das Gebrüll der Lautsprecher braucht es dafür nicht. Schalten wir sie ab!

 

 

Was immer geschieht – Horst Seehofer droht

Es grollt und donnert, wenn der Wind aus München weht. Denn dort, im bayerischen Olymp, sitzt Horst Seehofer – und kündigt dem Rest der Welt Sanktionen, Blockaden oder Notwehr an. Aktuell geht es dabei um Flüchtlinge. Aber alles nicht so schlimm: Dieser Mann droht immer wegen irgendwas.

Im Jahr 2008 hat Horst Seehofer den redlichen, aber farblosen Günther Beckstein als bayerischer Ministerpräsident abgelöst. Schon kurz vor seiner Machtübernahme erhob er warnend den Zeigefinger. Besorgt um die Zukunft reicher Jungunternehmer kündigte er in Sachen Reform der Erbschaftssteuer eine Blockade der Arbeit der damaligen Großen Koalition an. 2009 ging es um die Reform der EU-Verträge. Weil Seehofer mehr  Kompetenzen für die Bundesländer für erforderlich hielt, drohte er damit, dass die CSU ihr Vetorecht geltend machen könnte.

Aus dem Jahr 2010 sind zwei wesentliche Seehofer-Warnungen überliefert. Zunächst drohte er seinen Partei- und Koalitionsfreunden mit einer häufigeren Anwesenheit in Berlin. Zur allgemeinen Erleichterung ließ er es damit bewenden, nahm später jedoch die Rente mit 67 aufs Korn. Und attackierte ausnahmsweise nicht die eigene Zunft: Die CSU werde sich hier verweigern, falls die deutsche Wirtschaft die Beschäftigungschancen für ältere Arbeitnehmer nicht erheblich verbessern würde. Konzernvorstände zittern wahrscheinlich heute noch, wenn sie daran denken.

2011 kam es, endlich, zu einer unmittelbar gegen die Bundeskanzlerin gerichteten Drohung. Sollte Angela Merkel den anderen europäischen Staaten in der damaligen Finanzkrise zu weit entgegenkommen, würde seine Partei einen Sonderparteitag durchführen. Und dort klarstellen, wie man mit dieser EU richtig umgeht. Mitte 2012 setzte Horst Seehofer den Begriff „Koalitionsbruch“ in die Welt. Damit drohte er, falls das CSU-Herzensprojekt Betreuungsgeld in Berlin scheitern würde. Wie wir heute wissen, siegt die Unvernunft.

Nach der Neuauflage der Großen Koalition wurde der bayerische Groll erneut heftiger. Als sich in den Koalitionsverhandlungen eine Zustimmung zum Mindestlohn abzeichnete. droht Seehofer indirekt mit Neuwahlen. Die Union dürfe zentrale Positionen nicht aufgeben. Im Jahr 2014 schließlich drohte er der Bundesregierung vor allem in Sachen Pkw-Maut. Die Schonzeit sei vorbei, er habe vor, eine härtere Gangart anzuschlagen.

Aus dem vorigen Jahr stammt auch Seehofer Drohung, er werde 2018 erneut als Ministerpräsident kandidieren. Damals war sein Finanzminister Markus Söder zu eigenwillig geworden. Zurzeit gehen wir davon aus, dass es nur noch knapp drei Jahre Droh-Folklore geben wird. Wir werden auch das noch überstehen.

Du willst Du Sklaven sehen? Flieg mit Qatar Airways

Horst Seehofer hat den Menschen gedient. Unser Ministerpräsident ist nach Arabien geflogen, um dort bayerische (Rüstungs-)Wertarbeit zu verkaufen. Zum Abschluss seiner Reise besuchte er den Emir von Katar. Die Atmosphäre war nett. Man kennt sich seit einer Begegnung in München und teilt die Liebe zum Fußball. Sklaven, so darf man annehmen, hat der CSU-Chef keine bemerkt.

Katar ist sagenhaft reich und erfolgreich. Nehmen wir Qatar Airways. Seit dem Jahr 2004 hat diese Fluglinie sie ihr Passagieraufkommen versechsfacht. Sie beschäftigt 18.000 Menschen, wobei  90 Prozent der Belegschaft serviceorientierte Migrantinen und Migranten sind.

Ach ja, Frauen sind auch an Bord. Brave Frauen. Denn die Arbeitsverträge sehen vor, dass Qatar Airways weibliches Kabinenpersonal im Falle einer Schwangerschaft entlassen darf. Weil Kündigung durch die Firma  eine Schande ist, erledigen das die meisten Frauen lieber selber. Weibliche Angestellte dürfen von keinem Mann, außer ihrem Vater, Bruder oder Ehemann, am Arbeitsort abgeholt oder abgesetzt werden. In den ersten Dienstjahren ist Heiraten verboten. Wer später heiraten will, muss die Firma fragen. Die behält sich vor, den Heiratsantrag abzulehnen.

Wie die Internationale Transportarbeiter-Gewerkschaft schildert, ist es strikt verboten, außerhalb der von der Fluggesellschaft zugewiesenen Unterkünfte zu übernachten. Besatzungsmitglieder müssen zwölf Stunden vor ihrem nächsten Diensteinsatz in ihren Unterkünften sein. Sie dürfen diese nur für eineinhalb Stunden verlassen. Da die Türen mit Magnetkarten versehen sind, kann das Unternehmen die Bewegungen sämtlicher Angestellter nachverfolgen. Das Missachten der Ausgangssperre ist denn auch der häufigste Entlassungsgrund.

Berichtet wird ferner, dass Qatar Airways Wohnungsdurchsuchungen durchführt, während Crewmitglieder in der Luft sind. Tätowierungen sind ein Entlassungsgrund, selbst wenn sie unter der Uniform nicht sichtbar sind. Der falsche Sitz des Hutes kann zur Kündigung führen, Kaugummikauen ist ebenso verboten wie das Verwenden von Mobiltelefonen. Schließlich – wir sind ja bei einer Fluglinie – brauchen Angestellte, die das Land zwecks Urlaub verlassen wollen, eine Sondergenehmigung der Firma. Diese wird erteilt – oder auch nicht.

Du willst Sklaven sehen? Du musst nicht nach Katar. Das richtige Flugzeug tut es auch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bassd scho, Markus. Wir schau’n Dich dahoam

„Staatsferne sichern!“ So erschallt der Ruf anlässlich des Auftritts unseres Heimat- und Finanzministers Dr. Markus Söder in der bayerischen Fernseh-Soap „Dahoam is dahoam“. Die TV-Macher hätten sich wie in alten Zeiten an die Mächtigen des Freistaats herangewanzt, schimpfen die Kritiker. Auch wenn es mir nicht leicht fällt: Ich widerspreche.

Wir leben doch in Zeiten, in denen das Wahre, das Authentische, die Menschen am meisten interessiert. Die Einschaltquoten gehen hoch, wenn ein paar nette Leute ein verwanztes Wohnhaus auf Vordermann bringen, wenn Trödeltrupps die Garagen von gehbehinderten Rentnern ausräumen und wenn sich hässliche Entlein mit Hilfe eines stets verzückten Modedesigners in schillernde Shopping-Queens verwandeln.

Auch das berühmt-berüchtigte Dschungelcamp lebt davon, dass da Menschen gequält werden, von denen wir meinen, dass wir sie kennen würden.

Wenn schon Berti Vogts und Helene Fischer in Tatorten auftreten, warum nicht auch Politiker in einer Vorabend-Soap? Wenn diese in Bayern spielt, muss aber die Wahl zwangsläufig auf Markus Söder fallen. Horst Seehofer hat grundsätzlich immer Wichtigeres zu tun. Ilse Aigner wirkt stets ernsthaft, handlungsorientiert und verbissen. Sie ist somit allenfalls für eine Folge geeignet, in der es um verschärfte Kontrollen für Salmonellen, Rauchgasentgiftung, kommunale Streusalzverschwender oder irgendetwas Ähnliches geht.

Der Rest des bayerischen Kabinetts? Kennt keiner. Die Opposition? Auch unbekannt, seitdem Gabriele Pauli auf Sylt Sand-Rathäuser baut.

Also gilt in diesem Fall: Es konnte, es kann nur einen geben. Zumal wir alle wissen, dass sich dieser Mann für gar nichts schämt. Der zweite Freistaats-Bürger mit einem ähnlich starken Ego, Uli Hoeneß, ist gerade nicht für Fernseh-Rollen verfügbar.

Alsdenn: Hören wir auf zu schimpfen. Und schauen den Markus. Bei uns dahoam.

Fußball: Die Parallelwelt der Selbstgerechten

Ja, ich bin Fußballfan. Ein Leben ohne dieses spannende Spiel wäre für mich ziemlich sinnlos. Es hat mir überragende und – weil ich Anhänger des 1. FC Nürnberg bin – noch mehr niederschmetternde Erlebnisse beschert. Ich habe Star-Kicker verehrt und hingebungsvoll Panini-Sammelbilder gesammelt. Was mich aber nervt: Die Macher des Fußballs missachten Ethik und Recht.

Nehmen wir Uli Hoeneß. Als Steuerbetrüger würde es ihm gut anstehen, sich für seinen Freigang zu bedanken und ansonsten den Mund zu halten. Stattdessen lässt er durch seine Ehefrau seinen Bayerischen Verdienstorden zurückgeben, welcher ihm vor zwölf Jahren für „hervorragende Verdienste“ um Freistaat und Volk verliehen worden war. Und zwar, weil er sich ungerecht behandelt fühlt und deshalb auf Distanz zur Politik gehen will.

Geht’s noch? Sicher, es ist klug, sich von Horst Seehofer fern zu halten. Menschen, die dem CSU-Chef allzu nahe sind, leben erfahrungsgemäß gefährlich. Aber ist es Hoeneß wirklich nicht bewusst, dass sein Urteil keineswegs hart war und  dass es von einem Richter und nicht vom Landtag gesprochen wurde? Denkt er nicht daran, wie seine trotzige Aktion auf die Jugendlichen wirken muss, die er demnächst betreuen darf?

Aber die Sache passt ins System. Der Fußball ist zu einem Geschäft geworden, in dem unfassbar viel Geld bewegt wird. Nur deshalb ist es möglich, dass Weltmeisterschaften an Putins Russland und an Katar, den Staat, in dem man die Sklaven nicht sieht, vergeben werden. Ethik ist egal. Man darf vielmehr vermuten, dass Fifa-Präsident Sepp Blatter einer WM in Nordkorea zustimmen würde, wenn dessen Diktator dafür die Staatskonten leerräumen würde.

Da ist aber auch Marco Reus. Genial am Ball ist er, im Kopf sicher nicht. Wie jetzt belegt ist, ist er jahrelang mit einem Sportwagen ohne Führerschein durch die Gegend gegondelt.

Jetzt nehmen wir doch mal an, es würde bekannt, dass ein 20-jähriger Araber mit seinem Porsche durch die Nürnberger Südstadt gedüst und trotz Polizeikontrollen und Bußgeldern unbehelligt geblieben wäre. Es würde sich auf der Stelle ein paar Dutzend Leute finden, die sich als „Pegemas“ – Patriotische Europäer gegen Migranten am Steuer“ – als Mahnwache an die Hauptstraße stellen würden. Es sei denn, dieser 20-Jährige wäre als torgefährlich bekannt.

Früher waren wir sicher, dass Fußballer doof sind und fanden es gut. Die Geschichte des 60er-Jahre-Stürmers Timo Konietzka etwa, der bei seinem Wechsel zu 1860 München ein Monatsgehalt von 5000 Mark verweigerte, weil er es keinesfalls unter 50.000 im Jahr machen wollte, ist ganz wunderbar. Aber heute sind die Kicker und ihre Chefs nur noch dreist. Zeigen wir den Selbstgerechten die Gelbe Karte. Mindestens.

König Horst, die Messer sind gewetzt

„Der König ist tot! Es lebe der König! Die Bedeutung dieses aus Frankreich überlieferten Ausrufs ist klar. Wir haben Respekt vor unserem Herrscher. Wenn er es aber nicht mehr bringt, wird er ausgetauscht  – und danach ganz schnell vergessen. Ein heißer Kandidat für solches Schicksal ist Horst Seehofer.

Das Phänomen der kurzen Erinnerung kennt der männliche Teil der Bevölkerung von den Fußballtrainern. Wer weiß heute noch, wo ein Erich Ribbeck wann gearbeitet hat? Auch ein Könige und Fürsten, die einst viele Seiten unserer Klatschmagazine gefüllt haben, sind ratzfatz abgehakt. Nur bei der englischen Queen läuft es anders. Sie befindet sich weit im Rentenalter, erledigt ihren Job jedoch sehr gut – und bleibt noch ein paar Jährchen.

Bei Horst Seehofer sieht das anders aus. Der bayerische Ministerpräsident, als dessen größte Erfolge die Historiker die Rückeroberung der absoluten Mehrheit, die Herdprämie, und die Pkw-Maut nennen werden, steckt in Problemen. Er hat einige Alphatiere seiner Partei weggeräumt und  hat eh keine so große Lust auf die popelige Landespolitik. Verständlich, er ist ja schon 65 geworden.

Verständlich ist aber auch, dass potentielle Nachfolger ehrgeizig mit den Hufen scharren.  Was der alternde Silberrücken so beantwortet, dass er versucht, sie in ihrer Bedeutung klein zu halten. Um irgendwann selbst zu entscheiden, in wessen Hände er den Freistaat Bayern übergibt.

Bloß: Seehofer ist weder Papst noch Queen. Er ist Chef der CSU, einer sehr erfolgreichen, aber bei Bedarf auch gnadenlosen Partei. Ob Streibl, Stoiber oder Beckstein: Wer nicht mehr getaugt hat, wurde abserviert. Die eigene Nachfolge hat keiner selbst geregelt.

Die Messer sind wohl längst gewetzt. Denn: Ein/e Nachfolger/in muss sich bekannt machen können. Und 2018 ist nicht mehr so fern.

 

 

 

Verdiente Watschn für eine träge Partei

Das Wesen der bayerischen „Watschn“ wie auch der fränkischen „Schelln“ ist es, dass diese krachende Ohrfeige für die meisten Betroffenen unerwartet kommt. Ihr Effekt ist dafür umso donnernder. Denn sie ist zwar eine unmoderne, aber meistens auch gerechte Maßregelung. In diesem Sinne hat es jetzt die CSU erwischt. Das 40-Prozent-Ergebnis bestraft eine Partei, die denkfaul und träge geworden ist.

Diese vermaledeiten Landtagswahlen. Immer wenn diese gut gelaufen sind, steigt der CSU der Erfolg zu Kopf. Das war so, als Edmund Stoiber mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit gesegnet wurde und sich danach in einen krankhaft fanatischen Aktionismus gestürzt hat. Nach einem brutalen Absturz gewann man vor einem Jahr die absolute Mehrheit zurück. Horst Seehofer und die Seinen vermittelten danach den Eindruck, dass ihr Allmachtsanspruch für Bayern fortan für alle Ewigkeit bestehen würde. Egal, ob das, was heute gesagt wird, morgen noch gilt. Eigentlich egal, was überhaupt gesagt wird.

Großer Irrtum! Das gestrige Wahlergebnis ist so, als würde Bayern München die Qualifikation für die Europa-League verpassen. Beim Nobelverein gäbe es sofort harte Konsequenzen, in der CSU wird man sich wahrscheinlich erst einmal fassungslos fragen: „Was erlaube Volk?“ Dabei liegen die Gründe auf der Hand. Der CSU ist zu Europa nichts Originelles eingefallen. Zu hören war nur die alte Leier, dass außerhalb des Muster-Freistaates das Böse lauert. Dass Armut zuwandert, dass Flüchtlinge die Sozialkassen plündern und dass wichtigtuerische Bürokraten in Brüssel nur eines vwollen: Das schöne weiß-blaue Leben mit unnötigen Vorschriften zu erschweren.

Nur die CSU kann Bayern in Europa retten. Das war die Melodie der CSU-Wahlwerbung schon in den 80er Jahren. Aber wer sollte bitteschön daran glauben, dass acht Gesandte des Freistaates den Kurs von 760 Europaabgeordneten steuern könnten? Oder jetzt nur noch fünf?

Märchen sind schön. Aber in der Politik helfen sie auf Dauer nicht. Die Ideensuche darf beginnen…

Europawahl – es ist ein Jammer

Es ist schon eine seltsame Zeit. Wenn du in diesen Tagen zu jemand „Denk dran, am Sonntag wird gewählt“ sagst, kann es dir leicht passieren, dass du in etwa diese Antwort bekommst: „Ja, es ist im Wirtshaus immer qualvoll, diese Entscheidung zwischen Schäufele und Jägerschnitzel.“ Dabei ist es doch wichtig. Es geht um das künftige Europaparlament. Um unsere Zukunft. So richtig interessiert ist kaum jemand.

Das liegt stark an den großen Parteien. Die Plakate von CDU und CSU zum Beispiel wirken, als habe man vergessen, sie nach den letzten Wahlen wegzuräumen. Angela Merkel und Horst Seehofer grinsen uns an, haben aber selbst keinerlei Ambitionen, jeden Tag in Brüssel mit Edmund Stoiber zu frühstücken. Es läuft eben nach dem Prinzip „Sie kennen mich“. Wenn uns Kanzlerin und Landesvater beistehen, wird es schon  in Ordnung sein.

Und weil die Angelegenheit nicht mal die großen politischen Akteure interessiert, schlägt die Stunde der Desinformation. Die  EU hat den  Friedensnobelpreis bekommen. Wir jedoch lieben Debatten über Kleinigkeiten. Über mutmaßlich sinnlose Verordnungen, welche von einer gigantischen Bürokratie im Minutentakt ausgestoßen werden. Da geht es um krumme Gurken, Sicherheitsvorschriften für Friseure, Stromverbrauchsgrenzen für Staubsauger oder um das Olivenölkännchen-Verbot.

Selbstverständlich macht uns die Armutszuwanderung kaputt, wir müssen wegen der EU das Sozialamt der Welt sein, müssen mit unseren hart erarbeiteten Steuergeldern kaputte Staaten retten. Und wenn das alles noch nichts hilft, halten CSU-Politiker  Kruzifixe in die Höhe und werben flehend für die Rettung des christlichen Abendlandes.

Ach ja. Man müsste den Verblödungsstrategien trotzden und richtig wählen. Wir aber lassen es uns gerne gefallen, weil uns Europa zu undurchsichtig, zu kompliziert oder einfach zu weit weg erscheint. Einziger Trost: Ganz egal ist den Parteien die Abstimmung dann doch nicht. Wenn es darum geht, die Menschen zu einer hohen Wahlbeteiligung zu bringen, wird sogar das ganz große Versöhnungswerk beschworen. Das glauben wir gerne. Aber nur, weil wir nicht wissen, dass es für jede einzelne Stimme Wahlkampfkostenerstattung gibt. Keine Wähler, kein Geld. Wehe, wenn sich das herumspricht…