Angela Merkel geht – wenn sie selber mag

Macht sie weiter oder nicht? Vermutlich mangels anderer wichtiger Nachrichten wird die Zukunft unserer Kanzlerin im späten Sommerloch zur nationalen Schicksalsfrage hochstilisiert. Das Volk begehrt Auskunft: Angela, was willst Du tun?

Sie könnte aus freien Stücken aufhören. Zum Zeitpunkt der nächsten Wahl ist sie 63 Jahre alt. Schon deshalb würde die SPD ihren Renteneintritt befürworten. Für Merkel selbst gäbe es – trotz möglicher Langzeit-Aufenthalte auf Kreuzfahrtschiffen – bestimmt einige interessante Jobangebote. U-Kommisionspräsidentin, Uno-Generalsekretärin, Chefin des internationalen Flüchtlings-Hilfswerkes, Vollenderin des Berliner Flughafens – und vieles andere.

Es könnte zur Palastrevolution kommen. Laut neuesten Umfragen ist die Hälfte der Deutschen gegen eine weitere Amtszeit von Angela Merkel. Andererseits: Würde die andere Hälfte für die Amtsinhaberin stimmen, erreichte sie ein sagenhaftes und in der heutigen Zeit eigentlich völlig unmögliches Ergebnis.

Und wer wollte diesen Putsch anzetteln? In der CDU hat Angela Merkel die meisten politischen Talente neben ihr kaltgestellt. Um Ursula von der Leyen ist es ruhig geworden. Man denkt also an den Chef der Schwesternpartei.

Die AfD nähme ihn mit Handkuss als ihren Koalitions-Vorsitzenden. Bloß: Horst Seehofer ist kein Esel. Er macht kein Nein, wie es das Grautier tut. Er sagt Nein, ohne dass es große Folgen hätte. Letztlich wirkt er im großen Spiel weniger als Akteur, sondern eher als Fan, der von der Tribüne lautstark gegen die Trainerin brüllt, aber die Fliege macht, wenn er Dinge wirklich regeln soll.

Die Gegner Merkels denken, wie es der Dichter Emanuel Geibel gesagt hat: „Klug ist, wer stets zur rechten Stunde kommt, doch klüger, wer zu gehn weiß, wann es frommt.“ Doch so wird es mit dieser Kanzlerin nicht laufen. Sie wird machen, was sie will und wann sie will. Oder um es mit den Worten eines anderen berühmten Mannes zu sagen: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.“

Horst ist wieder da

Lange war er still. Doch nun hat Horst Seehofer wieder die große politische Bühne betreten. Allerdings nicht mit einem neuen Thema. Er unkt, mahnt, warnt – über die Gefahren durch Islam, Flüchtlinge und Terroristen. Er verspricht, die Bevölkerung zu schützen. Wie genau, sagt er nicht.

Gehen wir davon aus, dass der CSU-Chef durch die Anschläge von mutmaßlichen Islamisten in Würzburg und Ansbach und einem wahrscheinlich rechtsextremen jungen Mann mit Migrationshintergrund in München ehrlich erschüttert ist. Wer im Freistaat lebt, hat erfahren müssen, dass es auch unter dem weiß-blauen Himmel keinen absoluten Schutz vor irre gewordenen jungen Männern gibt. Das kann dem Ministerpräsidenten nicht gefallen.

Warum aber reibt sich Seehofer so an Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“? Es mit diesen Worten zu sagen, bedeutet ja gerade nicht, dass man die Dinge treiben lässt und naiv optimistisch ist. Wer etwas schaffen will, geht Probleme an, er versucht, das Geschehen zum Besseren hin zu verändern.

Wäre Barack Obama mit dem Slogan „No, we can’t“ US-Präsident geworden? Sicher nicht, aber diese Aussage ist das Gegenteil von Merkels Botschaft. Was also treibt Horst Seehofer dazu, den Menschen zu suggerieren, dass wir es nicht schaffen. Er wolle dem Volk die Wahrheit sagen, meinte er im ZDF-Sommerinterview. Wäre diese Wahrheit aber dann nicht eine Bankrotterklärung, gerade von ihm und seiner Partei?

Oder ist Seehofers Wunsch-Botschaft eine andere? Möchte er durch die Blume mitteilen, dass die Probleme des Landes nicht zu lösen sind, so lange es Flüchtlinge gibt? Falls ja, was unterscheidet ihn gedanklich noch von den fragwürdigen AfD-Größen?

Vielleicht werden wir noch erfahren, welche Motive den CSU-Chef tatsächlich antreiben. Bis dahin ein kleiner Denk-Schwenk: In einem Zeitungsinserat wurde dieser Tage ein SUV Marke Audi dort zu einem „knallhart kalkulierten Hauspreis“ angeboten, nämlich zu 85.000 €. Viele werden sagen, wer sich dieses Auto kaufen könne, habe es geschafft. Denn Konsum istLebensinhalt, ist Beweis des eigenen Erfolgs.

Nehmen wir an, die Gesellschaft denkt so und behält dieses Denken bei. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Flüchtlingen? Werden wir offen sein oder müssten wir nicht viel mehr Zäune und Mauern bauen? Schaffen wir es so tatsächlich besser?

Merkel und Seehofer – am Ende hilft die Biologie

„Wir haben wirklich alles versucht. Aber es ging nicht mehr.“ So äußern sich frisch getrennte Menschen, wenn sie ihren Bekannten davon erzählen, warum ihre Beziehung auseinander gegangen ist. Was aber würden Angela Merkel und Horst Seehofer sagen? Vielleicht das? „Wir haben uns beschimpft, beleidigt und verhöhnt. Aber wir können nicht ohne einander.“

Wer nun den Spruch „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ aus seiner Zitatensammlung holt, liegt daneben. Es geht hier um die Welt der Politik. Und diese dreht sich nach anderen Regeln als ein normaler Planet. Es geht manchmal um die Sache, immer aber um die Macht. Was bedeutet, dass sich die angeblich befreundeten Akteure noch nicht einmal mögen müssen. Die Steigerungsformel „Feind – Todfeind – Parteifreund“ trifft in vielen Fällen zu. Bei unserem Traumpaaar der konservativen Politik sowieso.

Aber lässt sich dieses Zerwürfnis jemals kitten? Vermutlich nicht. Zwar hat Horst Seehofer gerade beteuert, dass er die Versöhnung mit Angela Merkel als „Chefsache“ betrachtet. Er will also auf Ilse Aigner als Paartherapeutin verzichten. Aber ganz ehrlich: Der CSU-Chef müsste schon ein ganz besonderer Mann sein, würde er sich nachhaltig um seine Beziehungskrise kümmern. Noch dazu mit dem Ziel, sich selbst zu ändern. Zumindest der private Seehofer hat sich auf diesem Feld bisher als Normalo erwiesen.

Und Angela Merkel? Sie wurde von ihrem bayerischen Freund auf offener Bühne abgekanzelt. Wobei das angesichts der tatsächlichen Bedeutung beider Personen so ist, als würde die Kapitänin eines Hochsee-Dampfers von einem Binnenschiffer degradiert. Sie muss das nicht akzeptieren.

Doch sie muss damit leben, dass er ihr erhalten bleibt. Die GroKo ist zur MiKo, zur mittelgroßen Koalition geschrumpft, weshalb die Kanzlerin nur darauf hoffen kann, dass ihre jetzige Koalition gerade so über die Ziellinie robbt und vier Jahre weitermachen darf.  Seehofer wäre nur noch als biologisches Problem vorhanden.

Es gibt Hoffnung. Doch schon jetzt fragt die Physikerin Merkel ihren Physik-Professor Sauer: „Schatz, kann man Zeitmaschinen wirklich nicht bauen?“

 

Horst macht es jetzt alleine

Ruhig war es geworden um Horst Seehofer. Keine Drohbriefe, kein Koalitionsbruch, keine Verfassungsklage gegen die eigene Regierungspolitik. Doch  jetzt hat sich der CSU-Vorsitzende über die Medien zurückgemeldet. Und er droht wieder. Diesmal damit, dass die CSU anlässlich der Bundestagswahl 2017 einen ganz eigenen Wahlkampf, also ganz ohne Angela Merkel führen werde.

Für Seehofers Parteifreunde/-innen hätte dies Vorteile. Da er als CSU-Chef den Spitzenkandidaten geben müsste, müsste er zum Wechsel nach Berlin bereit sein. In Bayern hätte das Sehnen nach einem frischen Ministerpräsidenten ein vorzeitiges Ende. Sein Weggang wäre für viele eine Erlösung. Und in Berlin? Nun ja.

Bundespolitische Erfolge hätte Horst Seehofer nicht im Gepäck. Das Betreuungsgeld ist vom Bundesverfassungsgericht kassiert, die Pkw-Maut hat bei der EU keine Chance, den Milchbauern geht es trotz eigenem Minister immer schlechter. In der Flüchtlingsfrage allerdings würde die CSU dafür sorgen, dass die AfD koalitionsfähig würde. Man will ja im Wesentlichen das Gleiche. Wie weit es mit der zuverlässig koalitionstreuen SPD noch nach unten geht, weiß ja keiner.

Eine kluge Strategie sollten wir hinter Seehofers Ankündigung trotzdem nicht vermuten. Unterm Strich haben wir es doch wieder mit einer der folgenlosen Drohungen aus München zu tun. Selbst wenn sich die CSU einen eigenen Weg trauen und am glorreicher als sonst in den Bundestag einziehen würde, würde es für einen Bundeskanzler Seehofer nicht reichen. Mehr als acht Prozent bundesweit sind kaum drin. Sie bräuchte also eine geistesverwandte Partei als Partnerin – und das würde die – nach Wählerstimmen stärkere – CDU mitsamt der ungeliebten Kanzlerin sein.

Der Tiger von Ingolstadt würde also wieder laut fauchen und die Krallen zeigen, um schließlich nörgelnd am Tisch der Herrin zu sitzen. Allenfalls würde ihm gelingen, die deutsche Politik ein weiteres Stückchen nach rechts zu drängen. Dorthin, wo die AfD und ihre noch extremeren Freunde grinsend warten.

Das kann er, das hat er erfolgreich praktiziert. Horst Seehofer ist der Mann, der genau weiß, was dieses Land nicht braucht. Wer also braucht ihn in der Hauptstadt? Bitte melden.

Welches Land ist Rot-Grün-Rot?

Es ist die Zeit der neuen Farbenlehre. Weil diese AfD in die Parlamente drängt und die totgeglaubte FDP auch wieder da ist, ist Regierungsbildung so schwierig wie nie. Auch unser bisheriger Not-Anker GroKo funktioniert nicht mehr, weil die gute, alte SPD in manchen Regionen zur Kleinpartei degradiert worden ist.

Interessant ist die Lage aber doch. Etwa in Baden-Württemberg, wo CDU-Wahlverlierer Guido Wolf eine „Deutschland-Koalition“ probieren möchte. Er als schwarzer Chef mit der roten SPD und den gelben Liberalen als Juniorpartner. Sicher, er würde als Meuchler des Landes-Übervaters zunächst mächtig Gegenwind bekommen. Perspektivisch gesehen wirkt die Idee allerdings famos. Schließlich wird Deutschland in diesem Jahr zumindest annähernd Fußball-Europameister.

Unser Land hätte somit erstmals eine Koalition, mit deren Farben massenhaft Balkongeländer und Auto-Rückspiegel dekoriert würden. Guido Wolf wäre national noch allgegenwärtiger, als es Winfried Kretschmann jemals sein könnte. Ein potenzieller Merkel-Nachfolger wäre gefunden.

Ansonsten herrscht so viel Verzweiflung, dass mögliche Koalitions-Farbmischungen auf dem als unsicher und chaotisch geltenden Kontinent Afrika zu finden sind. Den Plan der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer nennen wir freundlich Ampel-Koalition, wir könnten sie aber auch als Ghana-Connection denken.

Und in Sachsen-Anhalt? Ausgerechnet dort, wo das Ausland ansich weiten Teilen der Bevölkerung als Gefahr gilt, ist eine Kenia-Koalition in Vorbereitung. Wobei diese einen Staat als Vorbild hätte, der mit 45 Millionen Einwohnern recht machtvoll daherkommt. Wahrscheinlich wäre ein Südsudan-Bündnis angemessener. Die Flagge dieses Landes ergänzt die Farbkombination schwarz-rot-grün um ein blaues Dreieck als Stachel im Fleisch. Und zwölf Millionen Einwohner sind bloß fünfeinhalb Mal so viele wie bei unseren Brüdern und Schwestern im Osten. Wahrscheinlich würde – bei strengerer Definition der Farben – eine schwarz-braune Haselnuss-GroKo den Wählerwillen am Treffendsten abbilden.

Bleibt noch die Frage nach dem Überleben der SPD als relevante Größe jenseits der Kommunalpolitik. Dafür gäbe es natürlich einen Weg. Die SPD müsste – wahlweise aus Äger über die CSU oder aus Mitleid mit der Kanzlerin – die Große Koalition aufkündigen und mit Grünen und Linken eine neue Regierung bilden. Zahlenmäßig ginge das. Und die Wahlergebnisse wären auf Dauer bestimmt nicht schlechter.

Was also hält ihn auf? Wahrscheinlich die Seriosität der Sozialdemokraten, die andere nicht haben. Vielleicht aber doch die Frage der Beflaggung. Die Farbkombination Rot-Grün-Rot gibt es nirgends auf der Welt. Eine Lösung indes liegt nahe: Sigmar Gabriel müsste authentisch als Schwarzer auftreten. Und ist das wirklich ein Problem?

 

„Seine Exzellenz“ Seehofer: Gemach, der Frankenkönig lauert

Seine Exzellenz! Ministerpräsident Horst Seehofer darf sich zwar in überragenden Zustimmungsquoten seiner Bayern, noch mehr aber der AfD-Anhänger sämtlicher Bundesländer sonnen. Aber um wirklich angemessen verehrt zu werden, muss er immer noch ins Ausland. Sein ungarischer Männerfreund Viktor Orbàn tat ihm jetzt den Gefallen. Anlässlich der jüngsten Begegnung in Budapest umschmeichelte er den CSU-Vorsitzenden mit dem wahrhaft edlen Titel.

Wichtig: Die Initiative kam von den Ungarn. Wäre es anders gewesen, müsste sich Horst Seehofer den Vorwurf der Hochstapelei gefallen lassen. Als „Exzellenz“ werden nämlich nach dem heutigen Protokoll die Staatsoberhäupter beziehungsweise Regierungschefs fremder Staaten angesprochen. Dies gilt nicht für Teilstaaten, wenngleich zu konstatieren ist, dass Bayern weiten Teilen Deutschlands fremd geworden ist. Weitere Exzellenzen sind der Apostolische Nuntius, katholische Bischöfe und orthodoxe Vikariatsbischöfe.

Auch Persönlichkeiten mit dem Rang Großkreuz oder Großkomtur eines Ritterorden werden mit diesem Titel untertänigst begrüßt. Das kommt der Sache nahe, schließlich haben sich in Budapest zwei veritable Ritter des Abendlandes die Pranken gereicht.

Horst Seehofer war der Titel „Seine Exzellenz“ gewiss nicht peinlich. Bereits 2007 war als „Botschafter des Bieres“ so geehrt worden. Jenes Bieres, dessen Reinheitsgebot vor 500 Jahren in seiner Heimatstadt Ingolstadt ausgerufen worden ist. Als CSU-Ministerpräsident sieht er sich zudem sowieso  in direkter Linie mit dem Adelsgeschlecht der Wittelsbacher, welches über Jahrhunderte hinweg das schöne Bayern regiert hat. Haltung und Selbstbewusststein entscheiden, weshalb die mögliche Unterbrechung der Erbfolge durch demokratische Wahlen vernachlässigt werden darf.

Gerade in diesen Tagen bezieht sich der CSU-Chef auf die Wurzeln der Wittelsbacher. Einer ihrer Urväter, Arnulf der Böse, wurde im Jahr 919 zum deutschen Gegenkönig gewählt, unterwarf sich aber in letzter Konsequenz Heinrich von Sachsen. Die Bayern und die Ossis – man kennt das.

Wirklich unschön für den Landesvater ist allerdings der Ursprung von „Seine Exzellenz“. Zuerst führten diesen Titel unter anderem die Franken-Könige. Horst Seehofer kann die Grenzen noch so mutig schützen – diesen Markus Söder kriegt er nicht mehr richtig von der Backe.

Ganz neu: Der 14. Februar wird HSN-Tag

Ja, am 14. Februar 2016 war Valentinstag. Es gab Blumen, Küsschen, Liebe satt. Doch dieser Sonntag sollte auch zum Gedenktag werden. Denn es ist geschehen, was wir nicht mehr zu denken wagten. Aber der Reihe nach…

Gedenk- und Jahrestage sind wichtig. Sie schaffen Bewusstsein, geben unserem Dasein ein Struktur. Sie erinnern uns an das Gute und Schöne. Oder eben daran, dass man das Böse vermeiden sollte. So hatten wir am 12. Februar den Internationalen Darwin-Tag, von dem man sich erhoffen sollte, dass die Evolution auch beim modernen Menschen noch Fortschritte bringen möge. Am 13. Februar war Welttag des Radios. Unbedingt wichtig, wenngleich man beim Hören mancher Programme die Flaggen lieber auf Halbmast setzen möchte.

Ganze Länder feiern in diesen Tagen. Am 15. Februar huldigt Serbien den Anfängen seiner Unabhängigkeitsbewegung. Ihre Unabhängigkeit feiern Litauen (16. Februar) und Gambia (18. Februar), während man in Nordkorea den „Tag des strahlenden Sterns“ begeht. Dieser erinnert an den Geburtstag des großen Führers Kim Jong-Il, und wer kann, schneidet Zwiebeln, bevor er aus dem Haus geht. Empfiehlt es sich doch, beim Passieren der Überwachungskameras Tränen in den Augen zu haben.

Der Samstag dieser Woche schließlich bringt den Tag der Allergien. Dieser betrifft (gefühlt) uns alle. Und den Welttag der sozialen Gerechtigkeit, welcher (tatsächlich) bislang viel zu wenigen Menschen hilft.

Aber was war mit unserem 14. Februar? Es war ein Tag, an dem Horst Seehofer keinen neuen Vorschlag zur Lösung des Flüchtlingsproblems in die Schlagzeilen gebracht hat. Klar, das ändert sich seitdem wieder stündlich. Aber wir sollten diesen HSN-Tag (Horst sagt nix) für uns und unsere Nachwelt bewahren. Denn auch Sehnsucht ist für Gedenktage ein legitimer Grund.

 

 

 

 

 

„Beste Freunde“ können eklig sein

Seine Verwandtschaft kann sich niemand aussuchen. Es gibt nette Tanten, nervende Schwager oder hyperaktive Nichten. In der großen Politik ist das nicht anders. So genannte Verbündete hat man nicht unbedingt, weil man die anderen sympathisch findet. Es geht um das Sichern von Mehrheiten, um das Verwirklichen der eigenen Ziele, um billige Rohstoffe oder auch darum, unliebsame Neuankömmlinge fernzuhalten.

Angela Merkel kann davon ein Lied singen. Sie hat alles, zum Beispiel den Verbündeten vom Typ trotziges Kind. Dieser, nennen wir ihn Horst, kann  lieb sein, wenn ihm Mutti einen bösen Blick zuwirft. Sobald sie jedoch außer Reichweite ist, stampft er wütend auf den Boden. Und ruft „Obergrenze“, Obergrenze“ oder „Maut, Maut, Maut“. Eine Kanzlerin kann ihn ertragen. Er nervt zwar, richtet aber letztlich keinen Schaden an.

Weitaus komplizierter wird es beim Typ brutaler Zyniker. Er, nennen wir ihn Wladimir, kann bei Bedarf charmant flüstern. Er geht von seiner überragenden Bedeutung aus. Und wenn er sich zurückgesetzt sieht,  provoziert er, indem er anderen etwas wegnimmt. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen, weil er richtig gefährlich werden kann. Geld wegnehmen, das geht noch. Auf die Finger klopfen aber nicht.

Und es gibt den perversen Onkel. Nennen wir ihn Salman ibn Abd Al-Aziz. Er hat Dinge, auf die auch für eine Kanzlerin wichtig sind. Erdöl etwa oder jede Menge Geld für den Kauf famoser Waffen. Wer unter seinem Einfluss lebt, muss strengsten Regeln folgen, über die noch nicht einmal laut nachgedacht werden darf. Er geht über Leichen. Trotzdem helfen wir ihm, dass er seine Macht über andere Menschen verteidigen kann.

Unser Horst übrigens hat im April letztes Jahr über den Regenten von Saudi-Arabien Folgendes gesagt: „König Salman ist eine beeindruckende Persönlichkeit… Er hat uns überzeugend dargelegt, dass es sein Hauptziel ist, dass die Menschen friedlich zusammen leben.“

Der perverse Onkel wird also hofiert. Er wird weiter zur Familienfeier eingeladen, er bekommt einen besonders schönen Sessel und ein extra großes  Stück vom Kuchen. Man muss bloß den Brechreiz unterdrücken. Aber keine Sorge: Wer Politik macht, lernt das irgendwann.

 

Angela Merkel: Sie schafft uns alle

Man kann sagen, was man will. Aber sie hat uns wieder überrascht. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist vom renommierten Time-Magazin zur „Person of the year“ ernannt worden. Und das gerade jetzt, wo ihre Umfragewerte immer mehr nach unten gehen.

Diese US-Journalisten scheuen die Extreme wahrhaftig nicht. Sie haben Angela Merkel als vierte deutsche Politikerin nach Willy Brandt, Konrad Adenauer und, nun ja, Adolf Hitler auf ihr Jahresrückblicks-Titelblatt gehoben. Weil sie finden, dass es unsere Kanzlerin versteht, ohne funkelndes Bling-Bling oder sonstiges Brimborium die Welt zu bewegen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erstaunt das.

Und das kann sie. Das wird spätestens dann deutlich, wenn man daran zurückdenkt, welche zuvor hoch eingeschätzten männlichen Leichen ihren Weg pflastern. Jeder, der sie wie ein gewisser Friedrich Merz in Frage stellte und irgendwie ernst zu nehmen war, ist der Vergessenheit anheim gefallen. Einen Horst Seehofer lässt sie (noch) gewähren. Dieser mault viel und ist obendrein unhöflich – letztlich ist der Ober-Bayer aber harmlos. Beispiel: Seitdem die Horst-Show auf dem CSU-Parteitag gelaufen ist, ist das Wort „Transitzone“ wieder aus dem Sprachgebrauch verschwunden.

„Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“, hatte ihr Vor-Vorgänger Helmut Kohl in einer Stunde empfundener Macht getönt. Bei ihr ist es so. Aber man merkt es eben nicht.

Und das macht die Faszination aus, welche ausreicht, durchgeknallte Zeitgenossen wie IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi und den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump auf die Plätze zu verweisen. Da wiederum möchte man ihr zurufen: „Angela, zeig‘ Deine Macht“. Mach‘ den Bagdadi zum Guttenberg, den Trump zum Schröder.“

Dann, da sind wir sicher, winkt Dir die ultimative Krone des weltweiten Journalismus. Die Titelseite des Jahresrückblicks im Bayernkurier. Mehr Rache an Seehofer ginge wirklich nicht. Alsdenn.

 

 

 

Paris: Schaltet die Lautsprecher ab

Paris war ein Schock. Auch Menschen wie mir, denen ansonsten zu jedem Thema etwas einfällt, haben die Worte gefehlt. Einigen anderen Leuten möchte man diese Sprachlosigkeit ein bisschen länger wünschen. Die politischen Lautsprecher waren viel zu schnell auf Sendung.

„Paris ändert alles“, funkte der bayerische Finanzminister Markus Söder auf Twitter. Alles? Wirklich? Hat sich das Ozonloch geschlossen? Sind Einkommen und Vermögen plötzlich gerecht verteilt? Was bezweckt ein Politiker, indem er ein sowieso unbegreifliches Geschehen zusätzlich überhöht?

Söders Parteichef Horst Seehofer pfiff ihn zwar zurück, sang dann aber doch wieder das Lied von den gefährlichen Eindringlingen. Es dürfe nicht mehr sein, dass sich Fremde unkontrolliert in diesem Land bewegten. Was also machen wir mit schwarzhaarigen Touristen auf dem Christkindlesmarkt? Passkontrollen am Glühweinstand?

Es gibt auch ein anderes Phänomen. Wer leise redet, verwendet schreiende Begriffe. So etwa Bundespräsident Joachim Gauck, wenn er von „einer anderen Art von Krieg“ spricht. Das Wort „Krieg“ entspricht der Propaganda der Terroristen. Müssen wir deren Sprache übernehmen?

Nein, müssen wir nicht. Denn es sind Mörder, die es weder bedeutender noch besser macht, dass sie von ihren kriminellen Auftraggebern mit pseudo-religiösem Unsinn motiviert werden. Sie bringen den Tod durch Kalaschnikows oder Sprengstoff an viele Orte der Welt.

Gewinnen dürfen sie nicht. Ebenso wenig wie jene, die Hass gegen Fremde predigen. Deutsche Faschisten und islamistische Killer sind Brüder im Geiste. Begegnen kann man ihnen nur mit einer klaren Haltung und dem Bekenntnis zur Freiheit. Das Gebrüll der Lautsprecher braucht es dafür nicht. Schalten wir sie ab!