Verdiente Watschn für eine träge Partei

Das Wesen der bayerischen “Watschn” wie auch der fränkischen “Schelln” ist es, dass diese krachende Ohrfeige für die meisten Betroffenen unerwartet kommt. Ihr Effekt ist dafür umso donnernder. Denn sie ist zwar eine unmoderne, aber meistens auch gerechte Maßregelung. In diesem Sinne hat es jetzt die CSU erwischt. Das 40-Prozent-Ergebnis bestraft eine Partei, die denkfaul und träge geworden ist.

Diese vermaledeiten Landtagswahlen. Immer wenn diese gut gelaufen sind, steigt der CSU der Erfolg zu Kopf. Das war so, als Edmund Stoiber mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit gesegnet wurde und sich danach in einen krankhaft fanatischen Aktionismus gestürzt hat. Nach einem brutalen Absturz gewann man vor einem Jahr die absolute Mehrheit zurück. Horst Seehofer und die Seinen vermittelten danach den Eindruck, dass ihr Allmachtsanspruch für Bayern fortan für alle Ewigkeit bestehen würde. Egal, ob das, was heute gesagt wird, morgen noch gilt. Eigentlich egal, was überhaupt gesagt wird.

Großer Irrtum! Das gestrige Wahlergebnis ist so, als würde Bayern München die Qualifikation für die Europa-League verpassen. Beim Nobelverein gäbe es sofort harte Konsequenzen, in der CSU wird man sich wahrscheinlich erst einmal fassungslos fragen: “Was erlaube Volk?” Dabei liegen die Gründe auf der Hand. Der CSU ist zu Europa nichts Originelles eingefallen. Zu hören war nur die alte Leier, dass außerhalb des Muster-Freistaates das Böse lauert. Dass Armut zuwandert, dass Flüchtlinge die Sozialkassen plündern und dass wichtigtuerische Bürokraten in Brüssel nur eines vwollen: Das schöne weiß-blaue Leben mit unnötigen Vorschriften zu erschweren.

Nur die CSU kann Bayern in Europa retten. Das war die Melodie der CSU-Wahlwerbung schon in den 80er Jahren. Aber wer sollte bitteschön daran glauben, dass acht Gesandte des Freistaates den Kurs von 760 Europaabgeordneten steuern könnten? Oder jetzt nur noch fünf?

Märchen sind schön. Aber in der Politik helfen sie auf Dauer nicht. Die Ideensuche darf beginnen…

Europawahl – es ist ein Jammer

Es ist schon eine seltsame Zeit. Wenn du in diesen Tagen zu jemand “Denk dran, am Sonntag wird gewählt” sagst, kann es dir leicht passieren, dass du in etwa diese Antwort bekommst: “Ja, es ist im Wirtshaus immer qualvoll, diese Entscheidung zwischen Schäufele und Jägerschnitzel.” Dabei ist es doch wichtig. Es geht um das künftige Europaparlament. Um unsere Zukunft. So richtig interessiert ist kaum jemand.

Das liegt stark an den großen Parteien. Die Plakate von CDU und CSU zum Beispiel wirken, als habe man vergessen, sie nach den letzten Wahlen wegzuräumen. Angela Merkel und Horst Seehofer grinsen uns an, haben aber selbst keinerlei Ambitionen, jeden Tag in Brüssel mit Edmund Stoiber zu frühstücken. Es läuft eben nach dem Prinzip “Sie kennen mich”. Wenn uns Kanzlerin und Landesvater beistehen, wird es schon  in Ordnung sein.

Und weil die Angelegenheit nicht mal die großen politischen Akteure interessiert, schlägt die Stunde der Desinformation. Die  EU hat den  Friedensnobelpreis bekommen. Wir jedoch lieben Debatten über Kleinigkeiten. Über mutmaßlich sinnlose Verordnungen, welche von einer gigantischen Bürokratie im Minutentakt ausgestoßen werden. Da geht es um krumme Gurken, Sicherheitsvorschriften für Friseure, Stromverbrauchsgrenzen für Staubsauger oder um das Olivenölkännchen-Verbot.

Selbstverständlich macht uns die Armutszuwanderung kaputt, wir müssen wegen der EU das Sozialamt der Welt sein, müssen mit unseren hart erarbeiteten Steuergeldern kaputte Staaten retten. Und wenn das alles noch nichts hilft, halten CSU-Politiker  Kruzifixe in die Höhe und werben flehend für die Rettung des christlichen Abendlandes.

Ach ja. Man müsste den Verblödungsstrategien trotzden und richtig wählen. Wir aber lassen es uns gerne gefallen, weil uns Europa zu undurchsichtig, zu kompliziert oder einfach zu weit weg erscheint. Einziger Trost: Ganz egal ist den Parteien die Abstimmung dann doch nicht. Wenn es darum geht, die Menschen zu einer hohen Wahlbeteiligung zu bringen, wird sogar das ganz große Versöhnungswerk beschworen. Das glauben wir gerne. Aber nur, weil wir nicht wissen, dass es für jede einzelne Stimme Wahlkampfkostenerstattung gibt. Keine Wähler, kein Geld. Wehe, wenn sich das herumspricht…

 

Monstermasten? Schon lauert das Atom

Erinnern wir uns noch an ihn, den Regierungssprecher im blauen Schutzanzug? Vor knapp drei Jahren haben uns die Japaner ein verrücktes Schauspiel geboten. Es hatte eine atomare Katastrophe gegeben, aber die Retter sahen aus wie in einem Godzilla-C-Movie. Trotzdem: Wir alle, unsere Bundeskanzlerin vorneweg, haben schnell erkannt, dass es mit der Kernenergie bei uns nicht mehr weitergehen dürfe. Im Wetterbericht lernten wir die wesentlichen Winde des Pazifischen Ozeans kennen – einstige verbissene Befürworter des Atomstroms drehten sich darin in kürzester Zeit um 180 Grad. Wir wussten: Wenn eine Nation dieser Welt die Energiewende schaffen könnte, dann wir.

Was ist aber ist passiert, um dieses überragende Projekt tatsächlich zu schaffen? So viel doch nicht. Vielleicht haben wir uns eine sparsame Gefriertruhe gekauft. Vielleicht sind wir von unseren Stadtwerken zu einem mutmaßlichen Ökostrom-Anbieter gewechselt. Aber die als Fortschritt gepriesenen Elektroautos lassen uns völlig kalt. Und wenn wir ehrlich sind: So arg hat sich unser jährlicher Stromverbrauch seit Fukushima nicht verringert. Wenn überhaupt.

Somit bewegt uns – in Franken und Bayern – gerade die Frage, ob es wirklich sein muss, die Landschaft zwecks Energiewende mit so genannten “Monster-Trassen” zu durchschneiden. Mit stählernen Giganten, die unsere Felder, Wiesen, Auen und Vorgärten bis ins nächste Jahrtausend hinein mit ihrer Extrem-Verspargelung aufs Elendigste verschandeln würde. Ganz davon abgesehen, dass der durch sie geleitete Braunkohle-Gleichstrom Pflanzen mutieren lassen, Haustiere in Bestien verwandeln und Gesichter zum Vibrieren bringen würde.

All diese Last ist bei uns der CSU aufgebürdet. Die Partei, die vor allem dann für alternative Energien ist, wenn sie aus den Därmen und Blasen von Nutztieren gewonnen wird, sieht sich dem Problem gegenüber, dass viele Kommunalpolitiker gegen die Trassenmonster wettern und dafür Beifall bekommen. Normalerweise lassen aufgebrachte Sozis die Schwarzen kalt. Aber es geht auf die Kommunalwahl zu. Und da ist jeder Rathaus- und Kreistagssitz zu verteidigen.

Also stellt man die bereits beschlossenen Stromautobahnen in Frage. Als wäre man nie dabei gewesen. So gewinnt man Zeit. Oder man schafft sogar die Rückkehr zur Vernunft. Es ging ja ohne superhohe Masten. Man müsste nur die Atomkraftwerke laufen lassen. Seien wir gewiss: e.on wird gerne behilflich sein. Auch lange nach der nächsten Wahl.

 

 

GroKo und die weiß-blauen Bettvorleger

Als Löwen gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Dieses Schicksal hat gerade die CSU ereilt. In der neuen Großen Koalition ist sie die neue FDP, also weitgehend überflüssig.

Vor einigen Wochen hatte das noch ganz anders ausgesehen. Absolute Mehrheit in Bayern zurückerobert, Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem blendenden Wahlergebnis zwischen Main und Zugspitze in die Nähe derselben gebracht. Horst Seehofer und die Seinen schwelgten im Glück, sie konnten vor Kraft nicht laufen.

Und nun? Der neue Verkehrsminister heißt Alexander Dobrindt. Der Experte für überflüssiges Getöse und schiefe Sprachbilder darf also beweisen, dass er sowohl Pkw-Maut als auch Berliner Flughafen hinbekommt. Sein Kollege Gerd Müller führt das Entwicklungshilfeministerium, dessen Existenzberechtigung ja durchaus umstritten ist.Den großartigsten Abstieg aber hat Hans-Peter  Friedrich hingelegt. Der ehemalige Innenminister, der dem Großen Verbündeten USA so mutig die Stirn geboten hat, darf in Zukunft gemeinsam mit den Imkern gegen die Verbreitung der Varroa-Milbe kämpfen und sich an der Seite des EU-Bürokratenschrecks Edmund Stoiber für den freien Verkauf krummer Salatgurken einsetzen. Da Verbraucherschutz nicht mehr zu seinem Ressort gehört, wird er sich mit seinem Staatssekretär heftig um den Posteingang balgen.

Wie aber konnte das passieren? Wer, bitteschön, hat unsere CSU geschrumpft? Antwort: Es war der Horst. Man darf davon ausgehen, dass Parteichef Seehofer die Bundespolitik egal ist. Sinnstiftend für die CSU ist die absolute Mehrheit im schönen Bayern. Und dann ist es gut, wenn man mit den wirklich kontroversen oder schmerzhaften Themen nichts zu tun hat. Eurorettung? Macht der Mann im Rollstuhl. Energiewende? Schaut Leute, der irre Gabriel schröpft die Bürger. Pflegenotstand? Den regelt der Gröhe mit der lustigen Frisur. Gäbe es ein Bundesministerium für Bedeutungslosigkeit – die CSU hätte es genommen.

Denn was immer auch in Berlin passiert: Schuld sind die anderen. Man kann das als taktisch versiert ansehen. Tatsächlich zeigt es eine feige Gesinnung. Manche Bettvorleger haben ihr Schicksal verdient…

Große Männer und die böse blonde Frau

Unfassbar, diese impertinente Person! So hätte man früher über die Fernsehjournalistin Marietta Slomka geschimpft. Unternahm sie doch den Versuch, den kommenden Vizekanzler Sigmar Gabriel am Nasenring durchs öffentlich-rechtliche Fernsehen zu führen. Mit der Frage, ob der von ihm ausgerufene SPD-Mitgliederentscheid zur Großen Koalition ein, pointiert ausgedrückt, Anschlag auf die Verfassung sei.

Stimmt schon, die Fragestellung war abseitig. Aber das erklärt nicht die irre Aufregung um das ZDF-Interview. Ich meine, es steckt mehr dahinter. Nämlich die Angst der großen Männer vor der bösen Frau.

Es hätte sich doch niemand aufgeregt, wenn ein Siegmund Gottlieb den SPD-Chef mit den identischen Fragen gemartert hätte. Man hätte “Typisch für die schwarze Föhnwelle” gesagt und das Interview abgehakt. Aber eine Frau mit stahlblauen Augen, die einen angehenden Groß-Staatenlenker vorführt? Das geht nicht. Da hebt selbst CSU-Chef Horst Seehofer schützend die bayerische Pranke über den Konkurrenten von der Magenta-Fraktion. Politiker dürften nicht wie Schulbuben dastehen, zürnt er. Wobei er sich den Hinweis, dass die oder der Slomka in Bayern fürderhin ausschließlich als Verlierer in der Arroganz-Arena gern gesehen sei, erstaunlicherweise verkniffen hat.

Die Angst funktioniert frei nach Sokrates, der seinerzeit erklärte: “Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen.” Und das gilt es zu vermeiden. Also ruhig mal einschüchtern, die Dame.

Und bei alldem wird übersehen, dass etwas anderes lebhafte Ablehnung verdient, nämlich komplett inhaltsleere, langweilige Interviews. Sie wissen, um wen es geht? Mag sein. Aber diese Frau M. hat ihren Sokrates längst hinter sich. Sie ist überlegen. An sie traut sich kein noch so großer Mann heran.

Große Koalition? Lasst es Liebe sein!

Mit Liebesheiraten ist es so eine Sache. Paare streifen sich die Ringe über, während sie hoch oben in der Gefühls-Stratosphäre schweben. Alles ist gut. Doch dann kommt der raue Alltag und das junge Glück landet beim Scheidungsanwalt. Ist es demnach vielleicht sogar gut, wenn sich Menschen aneinander binden, die sich gar nicht leiden können? Ist die Zweckehe überlegen? Ist die Große Koalition, anders als die als Traumehe gestartete schwarz-gelbe Beziehung, das Beste für dieses Land?

Fragen wir nach, was uns Paarbeziehungsexperten raten. Lehrsatz 1: “Was auch kommen mag. Ziehen Sie immer an einem Strang.” Vordergründig betrachtet, könnte man an dieser Stelle einen Schlussstrich ziehen. Denn wie sollte Schwarzen und Roten diese Übung gelingen? Jedoch, es ist möglich. Die Großkoalitionäre werden bestimmt an einem Strang ziehen. Wenn auch nur selten am selben Ende. Erfolgschance also 50:50

Beziehungs-Hinweis Nummer 2: “Sich ab und an zu streiten, gehört zum Lieben dazu. Aber vergessen Sie nie, dabei fair zu bleiben.” Die Prognose fällt leicht, dass unsere Spitzenpolitiker/-innen das mit dem gelegentlichen Zank sicher hinbekommen werden. Fair wird es nicht immer zugehen. Erfolgschance 50:50.

Dritter Tipp: “Verlernen Sie nicht, auch mal allein zu sein.” Dafür gibt es Parteitage, Regionalkonferenzen und Ortsvereinssitzungen. Klappt also zu 100:0 Prozent.

Vierter Tipp: “Die richtigen Worte, eine kleine Geste und Leidenschaft. Verlernen Sie nicht, sich zu überraschen.” Überraschungen wird es geben, manchmal sogar mit den richtigen Worten. Aber Angela Merkel und Leidenschaft? Sagen wir 30:70.

Fünfter Tipp: “Macken, Hobby, Eigenschaften: Tolerieren Sie weiterhin, was sie zu Beginn entzückend fanden.” Macken gibt es, wie die soziale Gerechtigkeit bei der SPD oder die Pkw-Maut bei der CSU. Allerdings hat noch niemand von der Gegenseite diese Geschichten als entzückend empfunden. Und: Alexander Dobrindt am Kabinettstisch ist für niemand tolerierbar. Erfolgschance 10:90.

Hinweis Nummer 6: “Zusammen lachen, Spaß haben, Blödsinn machen. Seien Sie manchmal unvernünftig.” Für gemeinsame Späße scheinen die Groß-Koalitionäre nicht geschaffen. Den Witz, den Andrea Nahles Horst Seehofer erzählen würde, gibt es nicht. Das gemeinsame Produzieren von Blödsinn auf der Basis unvernünftiger Beschlüsse sollte allerdings problemlos gelingen. 80:20 für die Große Koalition.

Und die siebte Kostbarkeit der Liebe: “Verlernen Sie nicht, den anderen jeden Tag aufs Neue für etwas zu bewundern.” Sicher ist, dass  erfolgreiche Politiker/-innen zuallererst und ausschließlich sich selbst bewundern. Es mag auch vorkommen, dass man am Todfeind reizvollere Eigenschaften erkennt als am Parteifreund. Aber bewundern geht kaum bis gar nicht. Erfolgschance 10:90.

Die Prognose für eine gelingende Partnerschaft liegt somit bei 330:370. Also bitte, quält uns nicht und verzichtet. Lasst es Liebe sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Politik wird ohne Mut gemacht

Man kann die Eigenschaften der Bundespolitik auf vielerlei Art beschreiben. Ein Wort passt aber ganz bestimmt nicht: Mut. Das zeigt der bisherige Verlauf der Koalitionsverhandlungen.

Es soll also so kommen, wie es zuletzt fast alle erwartet haben. Die SPD ist bereit, sich aus Verantwortung für das Land für das große Ganze aufzuopfern und sich an der Seite von Angela Merkel dauerhaft im 25-Prozent-Ghetto einzurichten. Denn es wird doch niemand glauben, dass es den Sozialdemokraten gelingen wird, sich an der Seite der Schwarzen Witwe als eigenständige politische Kraft zu profilieren. Das bisschen Mindestlohn wird dazu nicht reichen, zumal es wichtige Branchen gibt, die sich lautstark dagegen wehren. Weshalb die SPD bei der Gewerkschaft ver.di sondiert hat, ob man die Sache mit den Achtfünfzig für die Zeitungszusteller irgendwie anders regeln könnte.

Mit Mut ginge es anders. Etwa dann, wenn die Grünen über das Stöckchen gesprungen wären, das ihnen Angela Merkel und Horst Seehofer hingehalten haben. Aber die Verhandler/-innen der Ökopartei waren offenbar davon überrascht, wie offen ihnen die Union begegnet ist. Dabei hätten sie wissen müssen, wie leicht die Kanzlerin und/oder der CSU-Chef eigene Positionen aufgeben, wenn sie ihrem Machterhalt nutzt. Diese Koalition wäre ein interessanter Versuch gewesen, zumal ihr – anders als bei der Großen Koalition – eine einigermaßen starke, zur Kontrolle der Regierung fähige Opposition gegenüber gestanden hätte.

Doch die deutsche Politik hält es lieber mit dem alten Adenauer und sagt “Keine Experimente”. Und die SPD muss darauf hoffen, dass Mietpreisbremse, Angleichung der Renten in Ost und West sowie eine Finanztransaktionssteuer dereinst als ihre großen Errungenschaften in den Geschichtsbüchern stehen werden.

Zumindest soll niemand bei der SPD behaupten, sie könne den Kanzler auf gar keinen Fall selbst stellen. Rot-Rot-Grün kommt als Koalitionsoption irgendwann so oder so. Aber diesmal gilt als Richtschnur Merkels großer Satz “Sie kennen mich”. Wer kann da noch widerstehen.

Eine Schlande für das Lande

Sie ist einfach unerhört: Die Flapsigkeit und Schludrigkeit, mit der die größten Fernsehmacher dieser Republik mit unser aller Schicksal umgehen. Da wird mit viel Brimborium ein durch und durch faires TV-Duell zwischen Angela Merkel und ihrem Herausforderer Peer Steinrück angekündigt. Alles ist reguliert.  Wer wie lange antworten darf, wer zuerst reden muss und wer das Schlusswort hat. Und dann dieses: Man erlaubt die “Schlandkette”.

Da hat sich die Kanzlerin also ein Schmuckstück in den deutschen Farben um den Hals gehängt. Hergestellt in Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz aus Bergkristall, Onyx und Schaumkristallen. Und schon geht der Wahnsinn los. Die halbe Welt diskutiert über die so genannte “Schlandkette”.  Billigjobs? Finanzkrise? Energiewende? Wer sich am patriotischen Schmuck ergötzt, muss sich nicht mit wirklichen Problemen quälen.

Denn noch während sich die Politiker an sich und an den Moderatoren abarbeiteten, lief auf Twitter die Debatte heiß. Ist die Kette nicht eher belgisch? Wann wird die Bestell-Hotline eingeblendet? Ist diese Kette ein Schmuckstück oder doch ein Halsband? Wann wird die Kette zu mächtig, bekommt das vollste Vertrauen ausgeprochen und wird daraufhin für immer ins Schmuckkästchen gesperrt?

Zumindest Letzteres wird nicht passieren, denn die Schlandkette hat viele Beschützerinnen und Beschützer. Stand heute haben 3500 Facebook-User die Schlandketten-Seite mit “Gefällt mir” markiert. Auf Twitter hat @schlandkette 8300 Follower/-innen, die begierig auf neue Erlebnisse am Hals der Kanzlerin warten.

Wir waren und sind also mächtig abgelenkt. Was nur bedeuten kann, dass das Duell wiederholt werden muss. Das Herzeigen nationaler Symbole wird untersagt. Peer Steinbrück wird genötigt, eine Perücke mit Merkel-Frisur aufzusetzen und den gleichen Lippenstift zu verwenden. Dafür muss die Kanzlerin einen blauen Anzug mit Krawatte tragen.

Wie es wirkt, wenn sich die Rivalen ähneln, war beim bayerischen TV-Duell zu erleben. Zwei reife Herren im Anzug tauschten ihre Argumente aus. Wie zu hören war, soll die Sendung nicht gerade prickelnd gewesen. Langweilig ja, aber eben in aller Würde.  Gut so, denn alles andere ist eine Schlande.

Seehofer, Guardiola und die Pkw-Maut

Also sprach der  große Vorsitzende Horst Seehofer: Er werde einen neuen Koalitionsvertrag nur dann unterschreiben, wenn darin die Pkw-Maut für Ausländer enthalten sei. Ist das nun mehr als eine Stammtisch-Parole? Denken wir mal nach.

Interessant ist zunächst, dass der CSU-Chef an mehreren Stellen seines Interviews in der Bild am Sonntag so redet, als sei die Bundestagswahl entschieden. Der Gedanke, dass seine Unterschrift auf dem künftigen rot-grünen Regierungsfahrplan gar nicht gebraucht werden könnte, kommt in seinem Denken offenbar überhaupt nicht vor. Es scheint, dass die Wahl für ihn als gewonnen abgehakt ist.

Aber stellen wir die entscheidende Frage: Müsste Pep Guardiola Autobahn-Maut zahlen, wenn er Uli Hoeneß zum Steuerflüchtlings-Seminar im Hause Beckenbauer nach Kitzbühel fahren sollte? Eher nein, denn er ist kein Ausländer. Nach EU-Recht gelten Staatsangehörige als Inländer. Also werden Portugiesen genauso wenig Pkw-Maut zahlen wie Österreicher oder Bulgaren. Blechen müssten allerdings stinkreiche Leute, nämlich die Schweizer, Russen und Chinesen. Auch Papst Franziskus müsste sich die Vignette auf sein Papamobil kleben lassen.

Es lauern aber noch mehr Probleme: Ist die Pkw-Maut an den Ort der Zulassung gebunden? Wird sie also für Autos mit deutschen Kennzeichen auch dann nicht erhoben, wenn ein Brasilianer am Steuer sitzen sollte? Was, andererseits, ist mit neuen deutschen Staatsbürgern, die ihre Verwandten auf der Heimreise mit einem türkischen Wagen zum Familientreffen nach Deutschland fahren? Die Sache wird derart kompliziert, dass ein gerechtes Gebühreneinzugssystem selbst von Siemens und SAP gemeinsam kaum programmiert werden könnte.

Die Sache ist somit ein Rohrkrepierer. Aber das ist Horst Seehofer und seinen Parteistrategen egal. Sie bauen darauf, dass sich nach dem Kirchgang in Mausgesees folgende Stammtischrede entwickelt:

“Des mid därrer Maud bassd scho. Mir hamm doch die andern Völger erschd zeichd, wäi mer Audobahner baud. Und die Schbageddifresser hulnsi unser Geld doch scho lang. Na, a su a Maud mou scho sei. Und där Horsd schaud, dass mir nix zohln müssen, sondern blouß die andern. Goud, dassmer unser CSU hamm.” Ich glaube, auf unserem Bierdeckel können wir das so unterschreiben…

 

 

 

 

 

Söders Salat und der Arsch der Republikaner

Was haben Menschen und Botschaft miteinander zu tun?

Was haben Menschen und Botschaft miteinander zu tun?

Ganz ehrlich, ich langweile mich. Nur zu gerne würde ich über die großen Dramen und Tragödien anlässlich der bevorstehenden Wahlen schreiben. Es drängt mich danach, leidenschaftlich für die einen zu werben und vor den anderen zu warnen. Ich möchte der Demokratie dienen. Allein, es geht nicht.

Es gibt ein klares Indiz dafür, dass Politik und Wahlvolk diesmal gleich träge sind. Keine/r der Matadore/-innen droht bisher mit einer “Schicksalswahl”. Die Bundeskanzlerin schweigt, ihr Herausforderer Peer Steinbrück sagt immer etwas, was irgend jemand aufregt. CSU-Chef Horst Seehofer sagt immer das, was nach den jeweils aktuellen Umfragen den meisten Menschen gefällt.

Das Leid dieser Wahlen zeigt sich auch an den Plakaten. Hierzu nur Beispiele: Für die CSU kandidiert bei der bayerischen Landtagswahl im Stimmkreis Nürnberg-Nord der Landwirt Michael Brückner. Auf dem Plakat steht unter seinem Namen der Slogan “Frisches aus dem Knoblauchsland”. Was bedeutet das politisch? Wurde gentechnisch ein Zwirbelsalat gezüchtet, der sich beim Wachstum genauso oft um die eigene Achse dreht wie Horst Seehofer bei der Anwendung seiner Prinzipien? Soll konservativen Müttern eine kostenlose Tüte Karotten als Dreingabe zum Betreuungsgeld versprochen werden? Oder können Panini-Sammelbilder mit dem Porträt von Finanzminister Markus Söder ab sofort mit der Gemüsekiste bestellt werden?

Die SPD wiederum offeriert ihren bayerischen Spitzenkandidaten Christian Ude als den Ministerpräsidenten, “der Wort hält”. Optisch wird das so umgesetzt, dass Ude einen vermutlich aus Styropor geschnitzten Schriftzug “Wort” in der Hand hält. Das ist jene Kategorie Kalauer, für die Comedians selbst bei der Bambi-Verleihung von der Bühne gepfiffen werden. Die Sozialdemokratie war nie das Biotop des Humors. Aber warum hat man, wenn schon, das Ganze nicht weiterentwickelt? Warum nicht Vegetarier mit dem Satz ansprechen “Ude, der Mann, der beim Schlachten bummelt”? Und Sportfans mit dem Slogan “Der Politiker, der den Fuß ballt”?

Die Plakate der Grünen sind mit ihren mehreren Köpfen so kompliziert, dass man sie schon beim Vorbeifahren auf dem E-Bike nicht erfassen kann. Auch die Linke bietet so viel Botschaft, dass Autofahrer allenfalls das Wort “sozial” erfassen werden. Bei der FDP reicht eigentlich der Hinweis, dass ein lokaler Kandidat Facharzt ist. Man kennt dann das Programm.

Die Piraten zeigen eine Oma mit zwei Enkelkindern und schreiben dazu “Nicht käuflich, nur wählbar”. Gibt es also die Forderung nach kostenlosen Tagesmüttern? Schließlich sind die Republikaner am Start. Sie zeigen vier Mal einen Hintern, wobei dieser mit den Farben der Konkurrenz unterlegt ist und fragen, welches A……… man diesmal zu wählen gedenke. Andy Warhol hat gestalterisch Marilyn Monroe auf diese Weise bearbeitet, die Rockgruppe Queen hat so ein missratenes Plattencover gestaltet. Man fragt sich nur: Warum fehlt hier der braune Arsch?

Trotz alledem: Ich will dieser Demokratie dienen. Meine Heimatstadt hat mich als Wahlvorsteher eingeteilt. Da werde ich ganz korrekt sein. Ich halte Wort.