Horst Seehofer. Ein Mann wie Karl Valentin

Willkommen zur Job-Lotterie: Horst Seehofer, zurzeit CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident in Personalunion, hat verkündet, 2017 eines seiner beiden Ämter abgeben zu wollen. Ganz freiwillig und möglicherweise sogar für immer. Um welches Amt es geht, sagt er nicht. Die Welt darf rätseln.

Nicht zum ersten Mal verwirrt Seehofer mit seinem sprunghaften Reden und Handeln Freund und Feind. Hatte er doch seit Jahren behauptet, dass die Spitzenämter von Freistaat und Partei in eine Hand gehörten. Nur dies sichere dem Amtsinhaber die größtmögliche Bedeutung. Jetzt redet er genau anders.

Wer sich darüber wundert, übersieht, dass in Bayern mit Horst Seehofer seit der Verleihung 2014 ein würdiger Träger des Karl-Valentin-Ordens regiert. Der Münchner Komiker war für hintersinnige und doppelbödige Gedankenspiele berühmt. CSU-Politik hätte bei ihm so funktionert: „Das ist wie bei jeder  Wissenschaft. Am Schluss stellt sich dann heraus, dass alles ganz anders war.“ Kommt uns bekannt vor. „Ich möchte nicht, dass mich Bekannte erkennen“, könnte darauf hindeuten, dass sich der Chef für seine Parteifreunde immer ein kleines Geheimnis aufhebt. Der Satz „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ war bei Valentin aber mutmaßlich anders gemeint, als es Obergrenzen-Prediger Seehofer propagiert.

Doch vor allem geht es dem CSU-Chef darum, dass der mega-ehrgeizige Markus Söder niemals seine heutige Machtfülle erreicht. Also treibt er ihn in ein übles Dilemma. Will Söder Parteivorsitzender werden, muss er nach Berlin und unwichtiger Minister werden. Ansonsten droht ihm, dass er zum bloßen Ministerpräsidenten wird und alsbald als Vortänzer bei oberbayerischen Brauchtumsfesten glänzt. Aber wie soll das gehen? Er ist doch Mittelfranke! Das kann nicht funktionieren.

Es bleibt also nur, dass Markus Söder, heute glücklicher Herr über einen soliden Landeshaushalt, über die bayerischen Schlösser und Seen sowie über die staatliche Lotterieverwaltung, erkennt, dass auch er einem großen Wort von Karl Valentin folgen muss: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“

Erst dann wird Ruhe herrschen. Horst Seehofer hätte seine Intimfeind verhindert. Wer seine Nachfolger werden, ist ihm herzlich egal. Denn so, wie er die Fähigkeiten seiner Parteifreunde einschätzt, ist ihm, wie schon Karl Valentin, für Staat und Partei eines klar:  „Die Zukunft war früher auch besser!“

 

 

 

 

 

 

Kurskorrektur: Was bedeutet das eigentlich?

„Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Sache regelt.“ Mit diesen Versen untermauerte Guido Westerwelle im Jahr 2001 seinen Anspruch auf die Führung der FDP. Zehn Jahre lang war er Kapitän der Liberalen, ehe er von seinen Parteifreunden zum Verzicht gedrängt wurde. Angela Merkel befindet sich im elften Jahr ihrer Kanzlerschaft. Und auch ihre Matrosen machen ihr zusehends das Leben schwer. „Kurskorrektur, Kurskorrektur!“ rufen sie immer lauter.

An die Spitze der Meuterer hat sich – und das erst nicht seit gestern – Horst Seehofer gesetzt. Er und seine CSU bringt beim Thema Flüchtlinge immer wieder griffige Schlagworte in die öffentliche Diskussion ein. Ob das nun Transitzonen sind, Obergrenzen oder Rechtsbruch. Man muss die Kanzlerin fragen, warum sie bei diesen notorischen Attacken so sehr Mutti und so wenig Chefin ist. Müssten in ihrem Kabinett im Falle eines kleinen Koalitionsbruches mit der CSU Entwicklungshilfe-, Agrar- und Mautminister ersetzt werden -wo wäre das Problem?

Stattdessen springt uns die neueste Anti-Merkel-Parole über alle Kanälen entgegen. Eine Kurskorrektur, einen Kurswechsel soll es geben. Nur wohin? Und mit welchem Personal?

Man stelle sich vor, der für seine schnellen Meinungsänderungen berühmt-berüchtigte Horst Seehofer würde gemeinsam mit dem ebenfalls wenig geradlinigen Sigmar Gabriel auf der Brücke stehen. Würde dies Schiff dann in einem zackigen Links-Rechts-Kurs über das Wasser schlingern, um am Ende im selben Hafen anzukommen, den Angela Merkel angesteuert hat? Oder würde es wegen eines ständigen Kurswechsels in einem rechtsdrehenden Strudel in der Ostsee vor Schwerin  versinken?

Gab es denn nicht schon Kurswechsel? Fragwürdige Staaten wurden zu sicheren Herkunftsländern erklärt. Asylgesetze wurden verschärft, der Familien-Nachzug wurde ausgesetzt. Die Balkan-Route wurde dichtgemacht und mit einem Rücknahme- und Abhalte-Abkommen mit der Türkei gekoppelt. Deren Präsident Erdogan ist immer wichtiger geworden und wir hofiert. Die Botschaft ist doch sonnenklar: Fremde und vor allem Muslime sind unerwünscht. Alles Nähere regelt ein Gesetz.

Eine Kurskorrektur würde demnach bedeuten, dass man sich wieder den Flüchtlingen zuwendet. Was Angela Merkel in ihrer aktuellen Regierungserklärung auch getan hat. Dank des Abkommens mit der Türkei seien in der Ägäis deutlich weniger Menschen ertrunken, sagte sie. Anderswo im Mittelmeer waren es mehr, das sagte sie nicht.

Laut Unicef sind weltweit 50 Millionen Kinder auf die Flucht. Tja, falls uns diese Nachricht berührt, haben wir das Herz am rechten Fleck. Falls nicht, ist es uns in die Hose gerutscht. Die Kurskorrektur wäre dann vollstreckt.

 

 

 

 

Angela Merkel geht – wenn sie selber mag

Macht sie weiter oder nicht? Vermutlich mangels anderer wichtiger Nachrichten wird die Zukunft unserer Kanzlerin im späten Sommerloch zur nationalen Schicksalsfrage hochstilisiert. Das Volk begehrt Auskunft: Angela, was willst Du tun?

Sie könnte aus freien Stücken aufhören. Zum Zeitpunkt der nächsten Wahl ist sie 63 Jahre alt. Schon deshalb würde die SPD ihren Renteneintritt befürworten. Für Merkel selbst gäbe es – trotz möglicher Langzeit-Aufenthalte auf Kreuzfahrtschiffen – bestimmt einige interessante Jobangebote. U-Kommisionspräsidentin, Uno-Generalsekretärin, Chefin des internationalen Flüchtlings-Hilfswerkes, Vollenderin des Berliner Flughafens – und vieles andere.

Es könnte zur Palastrevolution kommen. Laut neuesten Umfragen ist die Hälfte der Deutschen gegen eine weitere Amtszeit von Angela Merkel. Andererseits: Würde die andere Hälfte für die Amtsinhaberin stimmen, erreichte sie ein sagenhaftes und in der heutigen Zeit eigentlich völlig unmögliches Ergebnis.

Und wer wollte diesen Putsch anzetteln? In der CDU hat Angela Merkel die meisten politischen Talente neben ihr kaltgestellt. Um Ursula von der Leyen ist es ruhig geworden. Man denkt also an den Chef der Schwesternpartei.

Die AfD nähme ihn mit Handkuss als ihren Koalitions-Vorsitzenden. Bloß: Horst Seehofer ist kein Esel. Er macht kein Nein, wie es das Grautier tut. Er sagt Nein, ohne dass es große Folgen hätte. Letztlich wirkt er im großen Spiel weniger als Akteur, sondern eher als Fan, der von der Tribüne lautstark gegen die Trainerin brüllt, aber die Fliege macht, wenn er Dinge wirklich regeln soll.

Die Gegner Merkels denken, wie es der Dichter Emanuel Geibel gesagt hat: „Klug ist, wer stets zur rechten Stunde kommt, doch klüger, wer zu gehn weiß, wann es frommt.“ Doch so wird es mit dieser Kanzlerin nicht laufen. Sie wird machen, was sie will und wann sie will. Oder um es mit den Worten eines anderen berühmten Mannes zu sagen: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.“

Horst ist wieder da

Lange war er still. Doch nun hat Horst Seehofer wieder die große politische Bühne betreten. Allerdings nicht mit einem neuen Thema. Er unkt, mahnt, warnt – über die Gefahren durch Islam, Flüchtlinge und Terroristen. Er verspricht, die Bevölkerung zu schützen. Wie genau, sagt er nicht.

Gehen wir davon aus, dass der CSU-Chef durch die Anschläge von mutmaßlichen Islamisten in Würzburg und Ansbach und einem wahrscheinlich rechtsextremen jungen Mann mit Migrationshintergrund in München ehrlich erschüttert ist. Wer im Freistaat lebt, hat erfahren müssen, dass es auch unter dem weiß-blauen Himmel keinen absoluten Schutz vor irre gewordenen jungen Männern gibt. Das kann dem Ministerpräsidenten nicht gefallen.

Warum aber reibt sich Seehofer so an Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“? Es mit diesen Worten zu sagen, bedeutet ja gerade nicht, dass man die Dinge treiben lässt und naiv optimistisch ist. Wer etwas schaffen will, geht Probleme an, er versucht, das Geschehen zum Besseren hin zu verändern.

Wäre Barack Obama mit dem Slogan „No, we can’t“ US-Präsident geworden? Sicher nicht, aber diese Aussage ist das Gegenteil von Merkels Botschaft. Was also treibt Horst Seehofer dazu, den Menschen zu suggerieren, dass wir es nicht schaffen. Er wolle dem Volk die Wahrheit sagen, meinte er im ZDF-Sommerinterview. Wäre diese Wahrheit aber dann nicht eine Bankrotterklärung, gerade von ihm und seiner Partei?

Oder ist Seehofers Wunsch-Botschaft eine andere? Möchte er durch die Blume mitteilen, dass die Probleme des Landes nicht zu lösen sind, so lange es Flüchtlinge gibt? Falls ja, was unterscheidet ihn gedanklich noch von den fragwürdigen AfD-Größen?

Vielleicht werden wir noch erfahren, welche Motive den CSU-Chef tatsächlich antreiben. Bis dahin ein kleiner Denk-Schwenk: In einem Zeitungsinserat wurde dieser Tage ein SUV Marke Audi dort zu einem „knallhart kalkulierten Hauspreis“ angeboten, nämlich zu 85.000 €. Viele werden sagen, wer sich dieses Auto kaufen könne, habe es geschafft. Denn Konsum istLebensinhalt, ist Beweis des eigenen Erfolgs.

Nehmen wir an, die Gesellschaft denkt so und behält dieses Denken bei. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Flüchtlingen? Werden wir offen sein oder müssten wir nicht viel mehr Zäune und Mauern bauen? Schaffen wir es so tatsächlich besser?

Merkel und Seehofer – am Ende hilft die Biologie

„Wir haben wirklich alles versucht. Aber es ging nicht mehr.“ So äußern sich frisch getrennte Menschen, wenn sie ihren Bekannten davon erzählen, warum ihre Beziehung auseinander gegangen ist. Was aber würden Angela Merkel und Horst Seehofer sagen? Vielleicht das? „Wir haben uns beschimpft, beleidigt und verhöhnt. Aber wir können nicht ohne einander.“

Wer nun den Spruch „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ aus seiner Zitatensammlung holt, liegt daneben. Es geht hier um die Welt der Politik. Und diese dreht sich nach anderen Regeln als ein normaler Planet. Es geht manchmal um die Sache, immer aber um die Macht. Was bedeutet, dass sich die angeblich befreundeten Akteure noch nicht einmal mögen müssen. Die Steigerungsformel „Feind – Todfeind – Parteifreund“ trifft in vielen Fällen zu. Bei unserem Traumpaaar der konservativen Politik sowieso.

Aber lässt sich dieses Zerwürfnis jemals kitten? Vermutlich nicht. Zwar hat Horst Seehofer gerade beteuert, dass er die Versöhnung mit Angela Merkel als „Chefsache“ betrachtet. Er will also auf Ilse Aigner als Paartherapeutin verzichten. Aber ganz ehrlich: Der CSU-Chef müsste schon ein ganz besonderer Mann sein, würde er sich nachhaltig um seine Beziehungskrise kümmern. Noch dazu mit dem Ziel, sich selbst zu ändern. Zumindest der private Seehofer hat sich auf diesem Feld bisher als Normalo erwiesen.

Und Angela Merkel? Sie wurde von ihrem bayerischen Freund auf offener Bühne abgekanzelt. Wobei das angesichts der tatsächlichen Bedeutung beider Personen so ist, als würde die Kapitänin eines Hochsee-Dampfers von einem Binnenschiffer degradiert. Sie muss das nicht akzeptieren.

Doch sie muss damit leben, dass er ihr erhalten bleibt. Die GroKo ist zur MiKo, zur mittelgroßen Koalition geschrumpft, weshalb die Kanzlerin nur darauf hoffen kann, dass ihre jetzige Koalition gerade so über die Ziellinie robbt und vier Jahre weitermachen darf.  Seehofer wäre nur noch als biologisches Problem vorhanden.

Es gibt Hoffnung. Doch schon jetzt fragt die Physikerin Merkel ihren Physik-Professor Sauer: „Schatz, kann man Zeitmaschinen wirklich nicht bauen?“

 

Horst macht es jetzt alleine

Ruhig war es geworden um Horst Seehofer. Keine Drohbriefe, kein Koalitionsbruch, keine Verfassungsklage gegen die eigene Regierungspolitik. Doch  jetzt hat sich der CSU-Vorsitzende über die Medien zurückgemeldet. Und er droht wieder. Diesmal damit, dass die CSU anlässlich der Bundestagswahl 2017 einen ganz eigenen Wahlkampf, also ganz ohne Angela Merkel führen werde.

Für Seehofers Parteifreunde/-innen hätte dies Vorteile. Da er als CSU-Chef den Spitzenkandidaten geben müsste, müsste er zum Wechsel nach Berlin bereit sein. In Bayern hätte das Sehnen nach einem frischen Ministerpräsidenten ein vorzeitiges Ende. Sein Weggang wäre für viele eine Erlösung. Und in Berlin? Nun ja.

Bundespolitische Erfolge hätte Horst Seehofer nicht im Gepäck. Das Betreuungsgeld ist vom Bundesverfassungsgericht kassiert, die Pkw-Maut hat bei der EU keine Chance, den Milchbauern geht es trotz eigenem Minister immer schlechter. In der Flüchtlingsfrage allerdings würde die CSU dafür sorgen, dass die AfD koalitionsfähig würde. Man will ja im Wesentlichen das Gleiche. Wie weit es mit der zuverlässig koalitionstreuen SPD noch nach unten geht, weiß ja keiner.

Eine kluge Strategie sollten wir hinter Seehofers Ankündigung trotzdem nicht vermuten. Unterm Strich haben wir es doch wieder mit einer der folgenlosen Drohungen aus München zu tun. Selbst wenn sich die CSU einen eigenen Weg trauen und am glorreicher als sonst in den Bundestag einziehen würde, würde es für einen Bundeskanzler Seehofer nicht reichen. Mehr als acht Prozent bundesweit sind kaum drin. Sie bräuchte also eine geistesverwandte Partei als Partnerin – und das würde die – nach Wählerstimmen stärkere – CDU mitsamt der ungeliebten Kanzlerin sein.

Der Tiger von Ingolstadt würde also wieder laut fauchen und die Krallen zeigen, um schließlich nörgelnd am Tisch der Herrin zu sitzen. Allenfalls würde ihm gelingen, die deutsche Politik ein weiteres Stückchen nach rechts zu drängen. Dorthin, wo die AfD und ihre noch extremeren Freunde grinsend warten.

Das kann er, das hat er erfolgreich praktiziert. Horst Seehofer ist der Mann, der genau weiß, was dieses Land nicht braucht. Wer also braucht ihn in der Hauptstadt? Bitte melden.

Welches Land ist Rot-Grün-Rot?

Es ist die Zeit der neuen Farbenlehre. Weil diese AfD in die Parlamente drängt und die totgeglaubte FDP auch wieder da ist, ist Regierungsbildung so schwierig wie nie. Auch unser bisheriger Not-Anker GroKo funktioniert nicht mehr, weil die gute, alte SPD in manchen Regionen zur Kleinpartei degradiert worden ist.

Interessant ist die Lage aber doch. Etwa in Baden-Württemberg, wo CDU-Wahlverlierer Guido Wolf eine „Deutschland-Koalition“ probieren möchte. Er als schwarzer Chef mit der roten SPD und den gelben Liberalen als Juniorpartner. Sicher, er würde als Meuchler des Landes-Übervaters zunächst mächtig Gegenwind bekommen. Perspektivisch gesehen wirkt die Idee allerdings famos. Schließlich wird Deutschland in diesem Jahr zumindest annähernd Fußball-Europameister.

Unser Land hätte somit erstmals eine Koalition, mit deren Farben massenhaft Balkongeländer und Auto-Rückspiegel dekoriert würden. Guido Wolf wäre national noch allgegenwärtiger, als es Winfried Kretschmann jemals sein könnte. Ein potenzieller Merkel-Nachfolger wäre gefunden.

Ansonsten herrscht so viel Verzweiflung, dass mögliche Koalitions-Farbmischungen auf dem als unsicher und chaotisch geltenden Kontinent Afrika zu finden sind. Den Plan der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer nennen wir freundlich Ampel-Koalition, wir könnten sie aber auch als Ghana-Connection denken.

Und in Sachsen-Anhalt? Ausgerechnet dort, wo das Ausland ansich weiten Teilen der Bevölkerung als Gefahr gilt, ist eine Kenia-Koalition in Vorbereitung. Wobei diese einen Staat als Vorbild hätte, der mit 45 Millionen Einwohnern recht machtvoll daherkommt. Wahrscheinlich wäre ein Südsudan-Bündnis angemessener. Die Flagge dieses Landes ergänzt die Farbkombination schwarz-rot-grün um ein blaues Dreieck als Stachel im Fleisch. Und zwölf Millionen Einwohner sind bloß fünfeinhalb Mal so viele wie bei unseren Brüdern und Schwestern im Osten. Wahrscheinlich würde – bei strengerer Definition der Farben – eine schwarz-braune Haselnuss-GroKo den Wählerwillen am Treffendsten abbilden.

Bleibt noch die Frage nach dem Überleben der SPD als relevante Größe jenseits der Kommunalpolitik. Dafür gäbe es natürlich einen Weg. Die SPD müsste – wahlweise aus Äger über die CSU oder aus Mitleid mit der Kanzlerin – die Große Koalition aufkündigen und mit Grünen und Linken eine neue Regierung bilden. Zahlenmäßig ginge das. Und die Wahlergebnisse wären auf Dauer bestimmt nicht schlechter.

Was also hält ihn auf? Wahrscheinlich die Seriosität der Sozialdemokraten, die andere nicht haben. Vielleicht aber doch die Frage der Beflaggung. Die Farbkombination Rot-Grün-Rot gibt es nirgends auf der Welt. Eine Lösung indes liegt nahe: Sigmar Gabriel müsste authentisch als Schwarzer auftreten. Und ist das wirklich ein Problem?

 

„Seine Exzellenz“ Seehofer: Gemach, der Frankenkönig lauert

Seine Exzellenz! Ministerpräsident Horst Seehofer darf sich zwar in überragenden Zustimmungsquoten seiner Bayern, noch mehr aber der AfD-Anhänger sämtlicher Bundesländer sonnen. Aber um wirklich angemessen verehrt zu werden, muss er immer noch ins Ausland. Sein ungarischer Männerfreund Viktor Orbàn tat ihm jetzt den Gefallen. Anlässlich der jüngsten Begegnung in Budapest umschmeichelte er den CSU-Vorsitzenden mit dem wahrhaft edlen Titel.

Wichtig: Die Initiative kam von den Ungarn. Wäre es anders gewesen, müsste sich Horst Seehofer den Vorwurf der Hochstapelei gefallen lassen. Als „Exzellenz“ werden nämlich nach dem heutigen Protokoll die Staatsoberhäupter beziehungsweise Regierungschefs fremder Staaten angesprochen. Dies gilt nicht für Teilstaaten, wenngleich zu konstatieren ist, dass Bayern weiten Teilen Deutschlands fremd geworden ist. Weitere Exzellenzen sind der Apostolische Nuntius, katholische Bischöfe und orthodoxe Vikariatsbischöfe.

Auch Persönlichkeiten mit dem Rang Großkreuz oder Großkomtur eines Ritterorden werden mit diesem Titel untertänigst begrüßt. Das kommt der Sache nahe, schließlich haben sich in Budapest zwei veritable Ritter des Abendlandes die Pranken gereicht.

Horst Seehofer war der Titel „Seine Exzellenz“ gewiss nicht peinlich. Bereits 2007 war als „Botschafter des Bieres“ so geehrt worden. Jenes Bieres, dessen Reinheitsgebot vor 500 Jahren in seiner Heimatstadt Ingolstadt ausgerufen worden ist. Als CSU-Ministerpräsident sieht er sich zudem sowieso  in direkter Linie mit dem Adelsgeschlecht der Wittelsbacher, welches über Jahrhunderte hinweg das schöne Bayern regiert hat. Haltung und Selbstbewusststein entscheiden, weshalb die mögliche Unterbrechung der Erbfolge durch demokratische Wahlen vernachlässigt werden darf.

Gerade in diesen Tagen bezieht sich der CSU-Chef auf die Wurzeln der Wittelsbacher. Einer ihrer Urväter, Arnulf der Böse, wurde im Jahr 919 zum deutschen Gegenkönig gewählt, unterwarf sich aber in letzter Konsequenz Heinrich von Sachsen. Die Bayern und die Ossis – man kennt das.

Wirklich unschön für den Landesvater ist allerdings der Ursprung von „Seine Exzellenz“. Zuerst führten diesen Titel unter anderem die Franken-Könige. Horst Seehofer kann die Grenzen noch so mutig schützen – diesen Markus Söder kriegt er nicht mehr richtig von der Backe.

Ganz neu: Der 14. Februar wird HSN-Tag

Ja, am 14. Februar 2016 war Valentinstag. Es gab Blumen, Küsschen, Liebe satt. Doch dieser Sonntag sollte auch zum Gedenktag werden. Denn es ist geschehen, was wir nicht mehr zu denken wagten. Aber der Reihe nach…

Gedenk- und Jahrestage sind wichtig. Sie schaffen Bewusstsein, geben unserem Dasein ein Struktur. Sie erinnern uns an das Gute und Schöne. Oder eben daran, dass man das Böse vermeiden sollte. So hatten wir am 12. Februar den Internationalen Darwin-Tag, von dem man sich erhoffen sollte, dass die Evolution auch beim modernen Menschen noch Fortschritte bringen möge. Am 13. Februar war Welttag des Radios. Unbedingt wichtig, wenngleich man beim Hören mancher Programme die Flaggen lieber auf Halbmast setzen möchte.

Ganze Länder feiern in diesen Tagen. Am 15. Februar huldigt Serbien den Anfängen seiner Unabhängigkeitsbewegung. Ihre Unabhängigkeit feiern Litauen (16. Februar) und Gambia (18. Februar), während man in Nordkorea den „Tag des strahlenden Sterns“ begeht. Dieser erinnert an den Geburtstag des großen Führers Kim Jong-Il, und wer kann, schneidet Zwiebeln, bevor er aus dem Haus geht. Empfiehlt es sich doch, beim Passieren der Überwachungskameras Tränen in den Augen zu haben.

Der Samstag dieser Woche schließlich bringt den Tag der Allergien. Dieser betrifft (gefühlt) uns alle. Und den Welttag der sozialen Gerechtigkeit, welcher (tatsächlich) bislang viel zu wenigen Menschen hilft.

Aber was war mit unserem 14. Februar? Es war ein Tag, an dem Horst Seehofer keinen neuen Vorschlag zur Lösung des Flüchtlingsproblems in die Schlagzeilen gebracht hat. Klar, das ändert sich seitdem wieder stündlich. Aber wir sollten diesen HSN-Tag (Horst sagt nix) für uns und unsere Nachwelt bewahren. Denn auch Sehnsucht ist für Gedenktage ein legitimer Grund.

 

 

 

 

 

„Beste Freunde“ können eklig sein

Seine Verwandtschaft kann sich niemand aussuchen. Es gibt nette Tanten, nervende Schwager oder hyperaktive Nichten. In der großen Politik ist das nicht anders. So genannte Verbündete hat man nicht unbedingt, weil man die anderen sympathisch findet. Es geht um das Sichern von Mehrheiten, um das Verwirklichen der eigenen Ziele, um billige Rohstoffe oder auch darum, unliebsame Neuankömmlinge fernzuhalten.

Angela Merkel kann davon ein Lied singen. Sie hat alles, zum Beispiel den Verbündeten vom Typ trotziges Kind. Dieser, nennen wir ihn Horst, kann  lieb sein, wenn ihm Mutti einen bösen Blick zuwirft. Sobald sie jedoch außer Reichweite ist, stampft er wütend auf den Boden. Und ruft „Obergrenze“, Obergrenze“ oder „Maut, Maut, Maut“. Eine Kanzlerin kann ihn ertragen. Er nervt zwar, richtet aber letztlich keinen Schaden an.

Weitaus komplizierter wird es beim Typ brutaler Zyniker. Er, nennen wir ihn Wladimir, kann bei Bedarf charmant flüstern. Er geht von seiner überragenden Bedeutung aus. Und wenn er sich zurückgesetzt sieht,  provoziert er, indem er anderen etwas wegnimmt. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen, weil er richtig gefährlich werden kann. Geld wegnehmen, das geht noch. Auf die Finger klopfen aber nicht.

Und es gibt den perversen Onkel. Nennen wir ihn Salman ibn Abd Al-Aziz. Er hat Dinge, auf die auch für eine Kanzlerin wichtig sind. Erdöl etwa oder jede Menge Geld für den Kauf famoser Waffen. Wer unter seinem Einfluss lebt, muss strengsten Regeln folgen, über die noch nicht einmal laut nachgedacht werden darf. Er geht über Leichen. Trotzdem helfen wir ihm, dass er seine Macht über andere Menschen verteidigen kann.

Unser Horst übrigens hat im April letztes Jahr über den Regenten von Saudi-Arabien Folgendes gesagt: „König Salman ist eine beeindruckende Persönlichkeit… Er hat uns überzeugend dargelegt, dass es sein Hauptziel ist, dass die Menschen friedlich zusammen leben.“

Der perverse Onkel wird also hofiert. Er wird weiter zur Familienfeier eingeladen, er bekommt einen besonders schönen Sessel und ein extra großes  Stück vom Kuchen. Man muss bloß den Brechreiz unterdrücken. Aber keine Sorge: Wer Politik macht, lernt das irgendwann.