Wo ist Röslers Grab auf Facebook?

In diesen virtuellen Zeiten ist das der schlimmste Tod überhaupt. Der zurückgetretene FDP-Vorsitzende Philipp Rösler und sein Ex-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sind auf Facebook verschwunden. Einfach weg. Sie hinterlassen eine kleine, aber umso ratlosere Fangemeinde.
Praktisch ist das Verschwinden der gewesenen Spitzenpolitiker leicht zu erklären. Man kann von keiner Partei-Mitarbeiterin und keinem –Mitarbeiter verlangen, dass sie/er noch das Hohelied der liberalen Großpolitiker singt. Diese Menschen sind frisch arbeitslos geworden. Die Suche nach einer Anschlussverwendung hat selbstverständlich Vorrang.
Das mysteriöse Ende der beiden Liberalen wirft aber auch ein Schlaglicht auf ein ganz anderes Problem: Diesem Internet fehlt die Bestattungskultur. Wer von unseren 2000 Twitter-Followern wer von unseren 1000 Facebook-Freunden erfährt es eigentlich, wenn wir das Zeitliche gesegnet haben? Der Betrieb läuft doch weiter. Und nicht wenige soziale Netzwerker kennen das Phänomen, dass die Zahl ihrer Freunde eher steigt, wenn sie einmal vier Wochen lang den Mund halten. Was wiederum erst recht als Lebenszeichen aufgefasst wird.
Die virtuelle Nachsorge ist bislang völlig vernachlässigt worden. Ein Problem, das auch unsere Geheimdienste umtreiben sollte. Wenn einer drei Jahre lang den Staat beschimpft hat, und dann plötzlich wie abgetaucht ist: Kann so einer einfach als tot abgehakt werden. Oder ist er nicht eher zum Schläfer geworden, der bei passender Gelegenheit umso härter zuschlägt?
Womit wir wieder bei Rösler und Brüderle angekommen sind. Ja, sie sind verschwunden. Aber wir alle wissen auch: Das Internet vergisst nichts. Facebook schon gar nicht. Was letztlich bedeutet, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist. Muhammed Ali, Silvio Berlusconi, Terminator und Howard Carpendale. Sie alle haben famose Comebacks gefeiert. Heben wir uns also unsere Trauer noch ein bisschen auf.

Gipfel-Mutti Merkel besiegt die Flut

Ganz oben stehen, den Blick bis zum fernen Horizont schweifen lassen, gütig hinabsehen ins Tal der Tränen mit all seinen kleinen und großen Problemen. Welcher Mensch möchte das nicht genießen? Ja, der Gipfel ist der Platz der großen Lenker(innen) dieses unseres Daseins. Und wir Deutschen sind gebenedeit unter den Völkern. Denn für uns sorgt die treue Gipfel-Mutti.

Es ist eines der großen Erfolgsrezepte der Angela Merkel, dass sie weitgehenden Politikverzicht durch eine vermeintliche Höhe ihres Denkens und Handelns kaschiert. In ihrer Regierungszeit ist unsere Demokratie zu einem mittleren Hochgebirge herangewachsen. Wohin das Auge blickt, gibt es Gipfel. Integrationsgipfel, Bildungsgipfel, Elektromobilitätsgipfel, Eurokrisenbankenrettungsgipfel, und, und, und…

Nun plant sie den nächsten Coup, den Flutgipfel. Es ist also angedacht, dass sich wichtige Menschen ganz oben treffen, ein wenig miteinander plaudern, ehe Angela Merkel sowie vermutlich der einzig wahrhaftige Nettozahler Markus Söder den Hahn aufdrehen, so dass sich ein Strom von Geld heilend ins versunkene Land ergießt. Spontan wirkt dieses Bild beängstigend. Die Flut durch eine Flut zu bekämpfen, ist schon verwegen. Doch andererseits: Es gibt ja noch Wolfgang Schäuble. Und der wird schon dafür sorgen, dass der Strom der Rettung ein Rinnsal bleiben wird.

Andererseits: Gelingt die Übung, ist der Weg endgültig frei für Politik aus der Höhenluft. Wir freuen uns auf den Mietpreisbremsengipfel, den Gammelfleischvernichtungsgipfel, den Windkraftgipfel und den Wetten, dass…?-Moderatorensuchegipfel. Die Näherinnen in Bangladesh werden glücklich sein, wenn sie einen Großauftrag mit schwarz-rot-goldenen Gipfelmützen nähen dürfen. Mit 20 Prozent Neoprenanteil, so dass eine ganze Nation an den Rockgipfel der Kik-Ikone Verona Pooth hängt.

Es wird schön werden, wenn Philipp Rösler ein Gamsbart wächst. Während seine Chefin endgültig in die Daseinsform der unabwählbaren Regentin hinübergleitet. Nie mehr Hektik im Bundeskanzleramt, sondern nur noch Goethe: “Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du, kaum einen Hauch. Die Opposition schweigt im Walde. Warte nur, balde
ruhest du auch.” Amen.

Wenn der Doktortitel zum Fluch wird…

Schlimm, schlimm: Annette Schavan, Forschungsministerin im Kabinett von Angela Merkel, darf ihren Doktortitel nicht mehr tragen. Dieses Ereignis wird an einer bedeutenden Säule unserer Gesellschaft rütteln. Doktortitel verlieren an Glanz. Sie entwickeln sich zum Fluch, tragen die Gefahr in sich, irgendwann im Leben zum Makel zu werden.

Früher platzten die Familienoberhäupter vor Stolz, wenn es Tochter oder Bub zum Doktor gebracht hatten. War es doch der Beweis, dass die eigenen Gene intelligenztechnisch in Ordnung waren und dass die Erziehung des Kindes im Großen und Ganzen in Ordnung war. Ein “Dr.” im Pass war etwas Seltenes, etwas wirklich Vorzeigbares. Heute aber herrscht Inflation, werden in Deutschland pro Jahr 25.000 Doktorarbeiten eingereicht. Wobei das oft zwanghaft geschieht. So ist vielen Geisteswissenschaftlern bewusst, dass sie ohne akademischen Grad beruflich nur schwer über das Herumschubsen von Einkaufswagen hinauskommen. Andererseits gibt es Familien, in denen der Doktortitel zum guten Ton, gewissermaßen zur Grundausstattung der Abkömmlinge gehören. Ein gewisser Karl Theodor zu Guttenberg fällt in diese Kategorie.

Während man bei diesem stets perfekt lackierten Landbaron schnell daran geglaubt hat, dass er ein eitler Blender ist, ist uns das bei Frau Schavan sehr schwer gefallen. Sie sieht eben nicht so aus wie eine Frau, die sich fröhlich und kokett über Regeln hinwegsetzt. Nicht mal vor 33 Jahren, als sie ihr Werk mit übergroßer Hornbrille geschrieben hat. Annette Schavan wirkte auf uns wie der Prototyp der korrekten Pflichterfüllerin.

Aber kann sie jetzt Forschungsministerin bleiben? Grundsätzlich ja. In der Politik war es noch nie erforderlich, dass Menschen in Spitzenämtern eine nachgewiesene Vorbildung mitbringen. Schon mancher Minister hat lustig von heute auf morgen die Stühle gewechselt. Philipp Rösler etwa, der als Arzt zum Gesundheitsminister geworden war, wechselte aus persönlichen und politischen Gründen ins Wirtschaftsressort. Heute gilt er als Blinddarm der FDP. Markus Söder, bayerischer Finanzminister und erfolgreiches Marylin-Monroe-Double, schrieb seine Arbeit über das Thema “Von altdeutschen Rechtstraditionen zu einem modernen Gemeindeedikt. Die Entwicklung der Kommunalgesetzgebung im rechtsrheinischen Bayern zwischen 1802 und 1818″. Die schlechte Benotung spricht übrigens gegen ein Plagiat.

Nein, in der Politik ist es nicht notwendig Doktor zu sein. Dagegen spricht zum Beispiel der famose Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel, der Doktor ist. Dagegen spricht aber auch Kristina Schröder, ihres Zeichen promovierte Soziologin. Muss sie als Politikerin wirklich sein? Wohl nicht. Ministertitel werden aber nicht von Universitäten aberkannt. Sondern von Angela Merkel oder von den Wählern. So lasst es bald geschehen.

Wir haben die Stimmen nur geliehen…

Eine banale, aber wohl auch entscheidende philosophische Weisheit ist die Erkenntnis, dass nichts auf dieser Erde unendlich ist. Alles, was hier kreucht, fleucht und herumsteht, wird irgendwann so nicht mehr da sein. Unterschiedlich sind nur die Verfallszeiten. Plutonium hält sich in der Regel länger als die durch eine demokratische Wahl errungene Macht. Was bedeutet: Kein Volk gehört einer Partei, die Gunst der Menschen ist nur geliehen.

Warum also diese spöttische Gerede über die Leihstimmen der niedersächsischen FDP? Gerade die Liberalen sind an diesem Thema nah dran. Oder glaubt man, dass die Porsches und Audis unserer Zahnärzte bezahlt sind? Nein, sie sind geleast, also geliehen. Und ist nicht die FDP auch die Partei des anlageorientierten Mittelstandes? Haben nicht dort die in Beton gegossenen Spekulationsobjekte ihre wahre Heimat? Verdienen nicht die steuerbegünstigten Hoteliers am Verleih ihrer Betten?

Nein, ein Leben auf Leihbasis gibt es überall. Wir holen uns Bücher auf Zeit aus der Bibliothek. Vielen Menschen gehören Wohnungen, Kühltruhen und Handys vielleicht nie. Frauen wie Bettina Wulff verleihen ihre sagenhafte Schönheit so lange an einen Mann, bis dieser seiner Macht verlustig gegangen ist.  Selbst in Sachen Mobilität geht allmählich Pump vor Besitz. Der neue Mercedes lässt uns kalt, stattdessen  buchen wir Leihfahrräder und sind mit dem Carsharing-Smart unterwegs.

Philipp Rösler und seine Partei liegen also voll im gesellschaftlichen Trend, wenn sie sich von Menschen wählen lassen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Sie müssen all diese Stimmen nicht ablehnen. Aber in der CDU, in der wegen des Aufblasens der Liberalen die Macht und dazu etliche Abgeordneten-Jobs weg sind, wird man wahrscheinlich erfahren, wie wahr ein altes jüdisches Sprichtwort ist: “Leihen und borgen machen große Sorgen.” Stammwähler sind nicht unendlich.

 

Politik 2013: Nur Schweigen macht keine Fehler

Begreifen wir endlich: Die große Politik befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Dramatik, Emotionen, Charisma – können wir alles vergessen. Erfolgreiche Staatenlenker/-innen teilen sich die Kräfte besser ein. Sie gewinnen durch Schweigen.

Ein großes Opfer des aktuellen Trends ist SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Sein erster Makel ist, dass er als Kandidat von einem kettenrauchenden Altkanzler erfunden wurde, also der Profiteur eines anachronistischen Altmänner-Bündnisses ist. Hinzu kommt aber: Er ist ein Freund klarer Worte sowie lustiger oder provozierender Sprüche. Doch in dieser Gesellschaft ist politische Korrektheit nicht nur bei Kinderbüchern zum höchsten Qualitätsmerkmal geworden. Wer zu laut ist, wer die Ruhe des kollektiven Sofa-Schlafes stört, wird mit Ablehnung bestraft. So stark, dass Steinbrück inzwischen unbeliebter als unser Außenminister. Schlimmer als Westerwelle? Das hätte noch vor einigen Monaten niemand für möglich gehalten.

Nun, Guido Westerwelle profitiert davon, dass nunmehr ein gewisser Philipp Rösler die politischen Ziele einer nicht mehr erforderlichen Partei erklären muss. Bundeskanzlerin Angela Merkel wiederum hilft es, dass der Herausforderer zu viel redet. Für sie reicht es aus, gelegentlich darauf hinzuweisen, dass die Zeiten schwer sind, wahrscheinlich noch schwieriger werden, dass sie aber mit ihr an der Spitze erträglich gestaltet werden können. Und während die vorlaute Ursula von der Leyen in der eigenen Partei bekämpft wird, während Kristina Schröder sowieso immer aneckt, ist der neue Bundespräsident Joachim Gauck beliebt. Weil er wohldosiert ab und zu von Freiheit redet, aber ansonsten den Mund hält.

Die Menschen wollen also nicht mit großen Visionen belästigt werden. Sie wollen einfach nur wissen, dass jemand da ist und dass es deshalb gut wird.

Für Angela Merkel birgt das die Chance, das Spektrum ihrer Ministerriege um einen neuen Farbtupfer zu erweitern. Sie hat schon eine siebenfache Mutter, einen bekennenden Schwulen, einen Rollstuhlfahrer und einen ostasiatischen Migranten mit ungeklärtem Geburtsdatum. Vielleicht lechzt das Wahlvolk gerade nach einem taubstummen Minister. Aber nach einem, der die Gebärdensprache nicht beherrscht.

Der Rest ist Schweigen.

 

 

 

 

Glamour in Großburgwedel

Es ist so furchtbar: Abschied, Trennung, Niedergang, Phantomschmerz, wohin das Auge blickt. Barbie van der Vaart trennt sich von ihrem Fußballer, die FDP in Kürze von Philipp Rösler und Bettina Wulff vom früheren Bundes-Christian. Das Weibliche verstößt das Männliche.

Gerade bei letzterer Trennung frage ich mich, warum das überhaupt jemand interessiert. Angeblich – so wurde es zumindest über die Medien transportiert – handelt es sich bei den beiden um ein “Glamour-Paar”. Was bitte? Christian Wulff, der Mann mit der Kermit-Stimme, verstrahlt so viel Glanz wie eine Milchglasscheibe im sanften Gegenlicht. Manches wäre mir zu ihm eingefallen. Aber Glamour?

Hierbei handelt es sich laut Wikipedia um eine spezielle Attraktivität beziehungsweise ein Faszinosum. Zum Beispiel also ein besonders prunkvolles oder elegantes Auftreten in der Öffentlichkeit, welches sich von Alltag und Durchschnitt abhebt.

Nun mag seine verflossene Bettina, je nach Geschmack des Betrachters, eine hübsche Frau sein. Mehr aber doch nicht. Die glamourösesten Aspekte an ihr sind die Gerüchte über ihr Vorleben oder ihre Tätowierung.  Aber eigentlich würde sie nicht mal auf einem fränkischen Opernball  sonderlich auffallen.

Dieses Paar wird trotzdem glamourös genannt. Weil die interessierte Guckloch-Presse eine Bezeichnung braucht, die nach etwas Besonderem klingt. Ich bleibe lieber sachlich, und stelle im Einvernehmen mit mir selbst fest: Die Wulffs waren das glamouröseste Paar von Großburgwedel. Mehr Faszinosum war aber nicht.

 

 

 

Prophetin Merkel erobert die Welt

Der Prophet gilt wenig im eigenen Land. Es ist gar nicht so selten, dass Menschen von ihrem unmittelbaren Umfeld als relativ erfolglos, lästig oder bestenfalls alternativlos wahrgenommen werden, dass sie aber fern der Heimat einen überragenden Ruf haben. So geht es auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Bei uns tippen sich die Leute an die Stirn, wenn sie ihre Koalition als erfolgreichste Bundesregierung aller Zeiten bezeichnet. Was ja auch verständlich ist, da zu dieser Regierung Menschen wie Guido Westerwelle oder Philipp Rösler gehören. Diese Namen vertragen sich mit dem Wort “Erfolg” wie ein Rinderhüftsteak mit der Speisekarte eines vegetarischen Restaurants.

Dann aber meldet sich “Forbes” zu Wort. Das für seine Ranglisten der bedeutendsten oder reichsten Persönlichkeiten berühmt-berüchtigte  Magazin, hat unsere “Angie” zum zweitmächtigsten Menschen der Welt ernannt. Die US-Zeitschrift platzierte die CDU-Politikerin direkt hinter US-Präsident Barack Obama. “Merkel ist das Rückgrat der Europäischen Union und trägt das Schicksal des Euro auf ihres Schultern”, wurde die Auswahl begründet. “Durch ihren harten Sparkurs in der europäischen Schuldenkrise hat sie ihre Macht gezeigt.”

An US-Präsident Barack Obama ist Merkel nicht vorbeigekommen. Wohl aber an Persönlichkeiten wie dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, Microsoft-Gründer Bill Gates, Papst Benedikt XVI. und dem Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke. Selbst der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi und der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, Xi Jinping, sind gegen “Angie ” chancenlos.

Wir reiben uns verwundert die Augen. Zumal wir wissen: Eine Spitzenkraft kann immer nur so gut sein, wie die Menschen, die sie unterstützen. Rainer Brüderle und Kristina Schröder zählen somit zu den Politikern von Weltniveau. Das hätten wir nun wirklich nicht vorhergesagt.

Rösler und die ungewisse Anschlussverwendung

Das hatte sich die FDP fein ausgedacht. Nachdem sie erkannt hatte, dass Philipp Rösler als Parteivorsitzender ein geradezu spätrömisch-dekadenter Fehlgriff war, hatte man sich darauf verlagert, den Vizekanzler in die dritte oder vierte Reihe zu stellen. Falls er in der Öffentlichkeit nur noch bei wirklich unvermeidbaren Gelegenheiten hergezeigt würde, müsste es doch wieder aufwärts gehen. Und tatsächlich: Die Liberalen sind in den Wahlumfragen von zwei auf vier Prozent gestiegen. Das rettende Ufer ist in Sicht.

Zumal eine weitere kluge Entscheidung Wirkung zeigt. Es war gut, den führenden FDP-Kabarettisten Rainer Brüderle als Maskottchen an die “heute-show” abzugeben. Und Spaßvogel Nummerzwei, der Schleswig-Holsteiner Querkopf Wolfgang Kubicki, hat dank seiner lässigen Art gerade bei Stefan Raabs Politshow “Absolute Mehrheit” ziemlich abgeräumt. Über 40 Prozent, hauptsächlich in der Gruppe der werberelevanten jungen Leute – was soll den Liberalen noch passieren.

So lief das. Bis heute. Denn nun werden die Scheinwerfer wieder auf Philipp Rösler gerichtet. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat bekanntgegeben, dass der von ihm verwendete Begriff “Anschlussverwendung” das Zeug zum “Unwort des Jahres” hat.

“Anschlussverwendung”, wir erinnern uns, ist in Zusammenhang mit der Schlecker-Pleite gefallen. Rösler benutzte ihn, als er über die nunmehr zahlreichen arbeitslosen Frauen philosophierte. Er sprach darüber, wo sie neue Arbeit finden könnten. Nun ist dieser Begriff für Soldaten ganz normal. Aber passt ein Begriff, bei dem raue Kämpfer gehorsamst salutieren, auch für ein Heer von Frauen, die zuvor Geschirrspülmittel und Badesalz verkauft haben?

Seinerzeit war die Empörung über des Ministers Sprache groß. Und nun holt sie Philipp Rösler wieder ein. Er wird wieder ins Rampenlicht gerückt, und das wieder nur in einem unerfreulichen Zusammenhang. So wie einst Guido Westerwelle.

Das kostet in der Wählergunst nicht nur ein paar Promille. Weshalb die Delegierten beim FDP-Bundesparteitag im kommenden Jahr wissen, wie sie ihren Chef zu behandeln haben: Anschlussverwendung ungewiss. Sehr ungewiss…

Angies Mundwinkel verjagen den Qualm

Wenn es um Veränderungen im menschlichen Handeln geht, schlägt die Stunde der Psychologen. Direkte Anweisungen funktionieren nur unter heftiger Strafandrohung nachhaltig. Allemal besser ist es, Menschen zu überlisten oder sie so anzusprechen, dass Hirn und Herz  gemeinsam erreicht werden. So, dass die Botschaft tief sitzt.

Andere auf die falsche Spur zu führen, ist ein bewährtes Erfolgskonzept. Man weiß zum Beispiel, dass eine auffällig hingestellte Radarfallen-Atrappe Autofahrer besser zum Abbremsen bringt als ein getarntes Blitzgerät. Bei der Bundeswehr befasst sich eine komplette Dienstvorschrift mit dem Thema “Tarnen und Täuschen”. Deren Botschaft lautet auf den Punkt gebracht: Wer zuletzt gesehen wird, kann als Erster schießen.”

Voll auf Frontalbeschulung setzt dagegen die Europäische Union. Sie plant, Zigarettenschachteln in Zukunft mit Ekelbildern zu versehen. Fotos von schwarzen Lungen oder entzündeten Raucherbeinen sollen die Qualmer dazu bringen, die Finger von den Glimmstängeln zu lassen.

Bringen wird das nicht viel. Die Raucherinnen und Raucher wissen schließlich um die Risiken für ihre Gesundheit. Wegen Geschwüren auf Pappschachteln werden die Verkaufszahlen für Tabakwaren nicht einbrechen. Eher wird der Verkauf von Etuis für Zigarettenschachteln angekurbelt.

Somit ist Psychologie gefragt. Viel besser wäre es doch, Politikerporträts auf die Schachteln zu kleben. Also eine Angela Merkel mit tief herunterhängenden Mundwinkeln oder ein fröhlich grinsender Philipp Rösler – verbunden mit der Botschaft: “Rauchen Sie ruhig weiter. Sie/Er freut sich über Ihre Steuern.” Oder in der CSU-Variante: “Tabaksteuer? Da lacht der alte Grieche.”

Jede Garantie: Der Abgewöhnungseffekt wäre gewaltig. Denn wenn wir einem unser Geld nicht gönnen, ist es der Staat. Alsdenn.

 

Willkommen zum Benzinwucher-Livestream

Der Pranger war im Mittelalter eine beliebte Erziehungsmaßnahme. Diebe, Ehebrecher und andere Bösewichte wurden auf den Markplatz geschraubt und durften dort begafft, beschimpft und bespuckt werden. Das auf diese Weise geläuterte Opfer war hinterher ein guter Mensch. Wenn es nach dem Bundeskabinett geht, werden demnächst die Mineralölkonzerne als Kleinkriminelle bloßgestellt.
Es gibt es ja drei Dinge, die vom Volk unbedingt gebraucht und deshalb zu Wucherpreisen verkauft werden: Benzin, Diesel und das Sortiment von Apple. Aggressionen löst allerdings nur die Ausbeutung der Autofahrer aus. Weil es sich um stinkendes Zeug handelt, das von hässlichen Widerlingen verkauft wird, die mit ihrer Kundschaft weder Gnade noch Erbarmen kennen.
Das kann die Politik nicht ruhen lassen. Also müssen die Betreiber der 14700 Tankstellen in Deutsch­land künftig bei einer “Markttransparenzstelle” detailliert melden geben, wann und in welchem Umfang sie die Preise erhöhen oder senken. Die Kundschaft kann im Internet in Echtzeit zuschauen.
Eine famose Idee! Die Preise werden weiter steigen. Weil es auf dieser Welt immer eine Krise gibt. Sei es nun das Auftauchen eines politischen Halbirren in Arabien, sei es die steigende Nachfrage in China oder die sinkende Nachfrage in Portugal. Sei es der Bau einer teuren Pipeline, sei es der Umstand, dass diese Pipeline zwecks Schutz des kaukasischen Wanderhamsters nicht gebaut werden kann. Schließlich wegen der Fünf-Euro-Kräfte, die die neuen Tarife eintippen.
Aber die ganze Welt schaut zu, wenn die Preisschilder ausgetauscht werden. Weshalb sich die Manager der Ölkonzerne in Zukunft richtig schlecht fühlen werden, wenn sie ihren Aktionären Rekorddividenden verkünden. Und weshalb sie die Abrechnungen mit ihrem Millionengehalt nur noch mit allergrößter Verachtung entgegennehmen werden.
“Denen haben wir es aber gezeigt”, werden wir uns freuen. Und vielleicht erreicht die Meldebehörde sogar ihr eigentliches Ziel: Dass Philipp Rösler und seine FDP als Groß-Verbraucherschützer ans rettende Fünf-Prozent-Ufer hüpfen können. Oder mit seinen Worten gesagt: Pack den Laubfrosch in den Tank.