Der Sultan braucht Kontrolle

Wir leben in einer Epoche der knappen Entscheidungen. Erst der Brexit, dann ein neuer US-Präsident mit weniger Stimmen, aber mehr Wahlmännern. Und nun ein zweifelhafter Erfolg des nunmehr schier allmächtigen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Auch mit einigem Abstand zum Referendum fragen wir uns: Was in aller Welt fangen wir damit an?

Wir hoffen auf Klarheit. Aber die gibt es hier nicht. Denn was kann ein Votum bewirken, das – wenn überhaupt – bloß ein bisschen mehr als die Hälfte der Wähler/-innen getroffen haben? Wahrscheinlich lässt es sich nur durch eine Politik der Unterdrückung der Opposition untermauern und umsetzen. Wir haben keine Zweifel, dass Erdogan so handeln könnte.

Für uns allerdings jagt ein Dilemma das andere. Wir können nicht verstehen, dass sich die Mehrheit eines Volkes von der Demokratie abwendet. Andererseits ist es deren Recht. Zeigen wir also der Türkei die kalte Schulter und boykottieren sie als Urlaubsland? Erscheint naheliegend, andererseits haben die Menschen in jenen Küstenregionen, in denen wir gerne Urlaub machen, beim Referendum überwiegend mit „Nein“ gestimmt. Müssten wir sie nicht unterstützen?

Ein anderes Thema sind die in Deutschland lebenden Türken. Sie haben das Referendum maßgeblich mitentschieden, zugunsten Erdogans. Man rätselt, wie es sein kann, dass etliche dieser Mitbürger/-innen den absurden Nazi-Vergleichen auf den Leim gegangen sind. Wir müssen wohl einräumen, dass unser Gesellschaftssystem nicht so attraktiv ist, wie wir das selber gerne hätten. Ist Integration vielfach fehlgeschlagen, weil  die Zuwanderer diese ablehnen? Oder weil keine Chancengleichheit herrscht?

Ansonsten: Erdogan bekämpfen, ist nicht unser Auftrag. Aber wenn man sieht, dass er noch vor der amtlichen Bestätigung seiner Erfolgs von der Todesstrafe schwandroniert hat, ist klar, dass dieser Mann vor allem eines braucht: Kontrolle, Kontrolle und nochmals Kontrolle. Wer diese Arbeit erledigt, verdient unsere Unterstützung. Mehr können wir nicht tun. Besser als wegschauen ist es allemal.