Radfahren ist das neue Abnehmen

Na, wenn das kein hoffnungsvolles Zeichen ist: 71 Prozent der Deutschen sind bereit, in Zukunft häufiger mit dem Fahrrad zu fahren. Massenhafte Fortbewegung ohne Kohlendioxid und Feinstaub also. Unser Planet kann gerettet werden.

Die Wirkungen des Radelns sind uns wohlbekannt. Es stärkt die Waden und pumpt Sauerstoff ins Gehirn. Andererseits verwandeln sich auch brävste Autofahrer in Verkehrsrowdys, die die Existenz roter Ampeln negieren und alte Leute oder Hunde erschrecken.

Jedenfalls darf diese Fortbewegungsart als abgasfrei gelten. Was uns zur Frage bringt, was sich im Zuge unserer famosen, atomfreien Energiewende verändert hat.

Die Antwort: Wenig bis nichts. Wir produzieren weniger Atommüll, verbrennen aber eifrig Kohle. Wir rauchen weniger, fahren aber dickere Autos. Unser Fleisch kommt aus der Massentierhaltung, wir fliegen weiter in den Urlaub.

Und deshalb ist da zumindest der Verdacht,  dass es sich bei unserer neuen Bewegungsfreude um eine Absichtserklärung aus dem Reich der guten Vorsätze handelt.  Würden diese eingehalten, die Deutschen wären 500 Millionen Kilogramm leichter.

Sind sie aber nicht. Radfahren ist das neue Abnehmen. Es wird viel darüber geredet, aber dem Planeten hilft es nicht. Manchmal sehen wir eben die falschen roten Ampeln.

Öko-Peter und die Kampfradler

Ist CSU-Verkehrsminister Ramsauer in Wahrheit ein „Öko-Peter“? Zuletzt hat sich dieser Verdacht aufgedrängt. So hat er sich dafür eingesetzt, dass durch eine Pkw-Maut das Fahren auf Autobahnen teurer wird. Und jetzt setzt er auf sanfte Fortbewegung. Deutschland soll eine fahrradfreundliche Republik, die Radfahrer selbst sollen Menschenfreunde werden.

Zweifel am Erfolg, heftige sogar, sind erlaubt. Einige Zeit vor Bekanntgbe seines Zieles, den Radanteil am Verkehr von 10 auf 15 Prozent zu steigern, hat Ramsauer die Mittel für Investitionen in Radwege um 16 auf 60 Millionen Euro gekürzt. Zudem bräuchte es auch Phantasie und entschiedenes Handeln vor Ort. Es gibt doch in jeder Stadt wichtige Stellen, an denen das Radfahren grausam gefährlich ist. In Nürnberg ist das zum Beispiel der Platz am Hauptbahnhof. Man weiß seit langem, dass es dort zu eng, zu unübersichtlich und zu kompliziert ist. Aber es passiert nichts.

Und wer Radfahren wirklich fördern will, muss zum Beispiel im Winter zumindest wichtige Radwege von Schnee und Eis räumen. Da heißt es dann, dass das zu teuer sei.

Vollends zum Wolkenkuckucksheim wird die ministerielle Offensive, wenn man meint, dass man die Radfahrer gleichzeitig zu größerer Disziplin bringt. Das wird nicht klappen. Denn es ist so, dass sich der Mensch verändert, sobald er auf sein Bike steigt. Während er im Auto selbst mitten in der Nacht bei null Verkehr fünf Minuten an der roten Ampel stehen bleibt, nimmt er diese im Ledersattel allenfalls als freundlichen Hinweis wahr. Auch Fußgänger sieht er als lästige Hindernisse an und umkurvt sie mit vollem Karacho.

Warum das so ist, ist ungewiss. Handelt es sich um eine umgekehrt evolutionäre Rückkehr zum Mitglied eines Reitervolkes? Oder ist das Leid einfach zu groß, wenn der Antrieb per Muskelkraft immer wieder jäh gestoppt wird?

Wie auch immer: So genannte „Kampfradler“ wird es immer geben. Wenn die Radwege besser sind, fallen sie allerdings weniger auf.