Posts Tagged ‘Politik’

Mai 20th, 2013

Eurovision Song Contest: Der Zeitgeist ist barfuß

Ist es denn die Möglichkeit? Der deutsche Beitrag belegt beim “Eurovision Song Contest” wieder mal einen richtig schlechten Platz. Und schon heißt es wieder “Bääääähhh, keiner mag uns.” Oder es wird gemutmaßt, die Sängerin von “Cascada” sei als Angela Merkels Stellvertreterin auf Showbühnen bewertet und mit “zero points” von fast überall abgestraft worden. Ach bitte: Jetzt tut das doch nicht hochsterilisieren, wie ein großer Fußballer mal gesagt hat.

Man muss Folgendes anerkennen: Das Lied “Glorious” war Mist. Es wurde letztlich ausgewählt von einer öffentlich-rechtlich bestellten Fachjury, wie sie schon manches Desaster bewirkt hat. Hinzu kommt, dass das Thema “Blondinen in superkurzen Kleidchen” bei Weißrussland erheblich besser aufgehoben war. Zumal es rätselhaft bleibt, warum sich eine Frau für einen Auftritt vor einem hundertfachen Millionenpublikum ein Stück vom Küchenvorhang an den Po tackert. Sah nicht gut aus, wirklich nicht.

Der früher gerne beschworene Ostblockeffekt war es aber nicht. Zwar schnitt ein Schnulzensänger aus einer Diktatur mit Platz zwei ab, obwohl er sich singend auf ein Gefängnis aus Plexiglas stellte. Aber Dänemark ist nicht Aserbaidschan. Sein Sieg zeigt vielmehr, dass der Zeitgeist nicht glitzert, sondern barfuß und ungekämmt daherkommt. Das zeigte sich auch beim Lied der Niederlande. Da fielen im Text Vögel von den Dächern. Was man sich normalerweise nur wünscht, wenn Tauben mit Dünnpfiff am eigenen Haus nisten. Das zweite große Thema war, der Krise die Stirn zu bieten. Wenn Griechen in Hockeydamen-Röcken “Alkohol ist kostenlos” singen, dann ist das genial trotzig. Seht her, uns geht’s beschissen. Aber wir haben mehr Spaß als Ihr mit Eurer Mutti Merkel.

Warum ein rumänischer Dracula mit Kastratenstimme vier Mal so viele Punkte wie “Cascada” bekommen hat, muss man nicht verstehen. Vielleicht wegen der indirekten, marktwirtschaftlichen Botschaft: Zubeißen ist besser als jaulen. Und dieser seltsame Kinderarzt aus Malta…

Was soll’s: Nehmen wir den 21. Platz doch als gutes Signal für den gesamten Kontinent. Deutschland ist doch nicht unbesiegbar, es kann auch mal richtig eine aufs Dach kriegen. Lassen wir den anderen doch die Freude. Und wem dazu die innere Größe fehlt, weiß immerhin noch eines: Die Wahrheit ist auf’m Platz. Demnächst in Wembley.

Mai 7th, 2013

Was macht die Gsell, wie geht’s der Pauli?

Zu den allseits beliebten journalistischen Produkten zählt die Rubrik “Was macht eigentlich…..?”. Man erinnert damit an berühmte Menschen, die in Vergessenheit geraten sind. Man schreibt zum Beispiel darüber, dass der große Kriegstreiber Georg W. Bush heute Bilder von Hundebabys malt. Aber bleiben wir in Franken, und fragen: Was machen zwei große Heldinnen dieses Blogs, nämlich Tatjana Gsell und Gabriele Pauli?

Als ich kürzlich an Tatjana Gsell gedacht habe, war das vermutlich eine Vorahnung. Denn tatsächlich: Sie ist wieder da. Die einstmals teuerste Frau der Welt hat eine Hauptrolle in der quotenstarken RTL2-Serie “Promi-Frauentausch” bekommen. Sie präsentiert sich dort, wie es heißt, dank einer konsequenten Champagner-Botox-Diät völlig faltenfrei und mit einer Oberweite, die nach den Gesetzen der Schwerkraft den aufrechten Gang unmöglich macht. Aber gut, auch Hummeln können fliegen. Wie das Fernsehpublikum mittlerweile erfahren hat, lebt die berühmte Witwe heute mit zwei Männern in London. Wobei einer von beiden deutlich jünger ist und in der Wohnung Waschbären und Leguane hält. Das alles klingt nach ganz großem Drama.

Bei Gabriele Pauli ist die Sache anders gelagert. Sie hat, erstens, gerade den Chef der Freien Wähler, Hubert Aiwanger, erfolgreich auf eine persönliche Wahlkampfkostenerstattung von 4600 € verklagt. Sie hat, zweitens, ein Buch geschrieben. Es soll im Sommer 2013 erscheinen und neben autobiographischen Inhalten auch Vorschläge für eine moderne Politik enthalten.

Wir sollten es lesen. Klar, es stimmt, dass Gabriele Pauli nach ihrer nahezu im Alleingang betriebenen Demontage des Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zeitweise allzu stark in die Welt der Modestrecken und der spirituellen Grenzerfahrungen abgedriftet ist. Die vormals schöne Landrätin wurde deshalb irgendwann als absurde Politikerin wahrgenommen.

Aber kann man es ihr verdenken? Sie hat sich ja mit dem am besten funktionierenden politischen Beziehungssystem überhaupt angelegt. Wenn man bloß überlegt, wie erfolglos sich die komplette Opposition in Bayern an der CSU abarbeitet, war doch klar, dass die Rache der Staatspartei fürchterlich sein würde. Zumal sich die feigeren (oder klügeren?) Mitstreiter nach dem Putsch eiligst in die Büsche geschlagen hatten. Der alte Edmund Stoiber wurde parteiintern rehablitiert. Er ist sogar als künftiger Präsident des FC Bayern München im Gespräch. Eine Funktion, die im Lederhosen-und-Laptop-System als papstgleich gelten darf.

Fassen wir zusammen, kommen wir zum Fazit. Wie in der “Zeit” zu lesen war, ist in unserer Gesellschaft der Platz von Uli Hoeneß für eine frühere Heldin frei geworden. Klare Wahl: Vergeben wir ihn an Gabriele Pauli. Vielleicht hilft es irgendwann doch noch was.

Februar 26th, 2013

Silvio? Die Mörderpuppe ist nie ganz weg

Es lebe die Mörderpuppe!

Es lebe die Mörderpuppe!

Es gibt Lebewesen und Dinge, die man einfach nicht wegkriegt. Spinnen, Kakerlaken, Hundeflöhe, Gartenschnecken, Maulwürfe, aber auch Blut-, Rost- und Rote-Beete-Flecken. Und es gibt Silvio Berlusconi. Über ihn wissen wir jetzt endgültig, dass er nie ganz weg sein wird. So lange es in Italien Politik gibt.

Beim Anblick des Cavaliere, dem die Mimik inzwischen komplett aus dem Gesicht operiert worden ist, rauschen mir – passend eigentlich – 50 Jahre Fernsehgeschichte durch den Kopf. Berlusconi erinnert mich an einen Helden meiner Kindheit, den Springteufel Zebulon. Wenn die kleinen Fernsehzuschauer dachten, dass Ruhe im Karton ist, ging der Deckel hoch, und das seltsame Wesen sprang mit einem lauten “Turnikuti, Turnikuta, Zebulon ist wieder da!” aus der Schachtel. Das war Mitte/Ende der 60-er Jahre. Auch der Zonk aus der TV-Show “Geh aufs Ganze!” erinnert mich an unseren ewigen Zombie.

Aber das ist nicht richtig. Denn eigentlich ist das Problemäääh, dass wir Deutsche nicht wolle verstähä, was italienise Sääle bewägä tut.” In seiner Heimat ist Berlusconi nämlich ein Mischwesen aus zwei anderen Protagonisten der Fernsehunterhaltung. Des grimmigen Alles-Wegräumers Gernot Hassknecht aus der heute-show und des Glücksbringers im Postboten-Gewand, Walter Spahrbier. Des biederen Schutzheiligen der “Aktion Sorgenkind”.

Silvio, ein Glücksbringer? Kann nicht wahr sein – stimmt aber doch. Denn so sehr es sich bei Berlusconi um einen offensichtlichen Lumpen und altersgeilen Bock handelt, so clever ist er als Verkäufer in eigener Sache. Er gibt seinen Landleuten immer noch das Gefühl, dass er sie vor Angela Merkel, verückten Richtern, Dieben aller Art und dem Staat als solchem beschützt. Was weh tut, wird von Onkel Silvio geheilt. Deses Volk will in Freiheit glücklich sein. Oder wenigstens daran glauben.

Übersehen wird dabei ein wichtiger Aspekt. Berlusconi tut zwar so, als würde er seine Wahlversprechen mit Milliarden aus seinem Geldspeicher bezahlen. Daran aber denkt er gar nicht. Er macht Politik, um seine Reichtümer zu bewahren. Egal, wem das schadet. Arme Italiener, Ihr verehrt einen Filmstar, die Reinkarnation von Chucky, der Mörderpuppe. Wer das nicht glaubt, schaue auf das Bild zu diesem Beitrag. Er ist es. Und er kommt immer wieder.

Februar 6th, 2013

Wenn der Doktortitel zum Fluch wird…

Schlimm, schlimm: Annette Schavan, Forschungsministerin im Kabinett von Angela Merkel, darf ihren Doktortitel nicht mehr tragen. Dieses Ereignis wird an einer bedeutenden Säule unserer Gesellschaft rütteln. Doktortitel verlieren an Glanz. Sie entwickeln sich zum Fluch, tragen die Gefahr in sich, irgendwann im Leben zum Makel zu werden.

Früher platzten die Familienoberhäupter vor Stolz, wenn es Tochter oder Bub zum Doktor gebracht hatten. War es doch der Beweis, dass die eigenen Gene intelligenztechnisch in Ordnung waren und dass die Erziehung des Kindes im Großen und Ganzen in Ordnung war. Ein “Dr.” im Pass war etwas Seltenes, etwas wirklich Vorzeigbares. Heute aber herrscht Inflation, werden in Deutschland pro Jahr 25.000 Doktorarbeiten eingereicht. Wobei das oft zwanghaft geschieht. So ist vielen Geisteswissenschaftlern bewusst, dass sie ohne akademischen Grad beruflich nur schwer über das Herumschubsen von Einkaufswagen hinauskommen. Andererseits gibt es Familien, in denen der Doktortitel zum guten Ton, gewissermaßen zur Grundausstattung der Abkömmlinge gehören. Ein gewisser Karl Theodor zu Guttenberg fällt in diese Kategorie.

Während man bei diesem stets perfekt lackierten Landbaron schnell daran geglaubt hat, dass er ein eitler Blender ist, ist uns das bei Frau Schavan sehr schwer gefallen. Sie sieht eben nicht so aus wie eine Frau, die sich fröhlich und kokett über Regeln hinwegsetzt. Nicht mal vor 33 Jahren, als sie ihr Werk mit übergroßer Hornbrille geschrieben hat. Annette Schavan wirkte auf uns wie der Prototyp der korrekten Pflichterfüllerin.

Aber kann sie jetzt Forschungsministerin bleiben? Grundsätzlich ja. In der Politik war es noch nie erforderlich, dass Menschen in Spitzenämtern eine nachgewiesene Vorbildung mitbringen. Schon mancher Minister hat lustig von heute auf morgen die Stühle gewechselt. Philipp Rösler etwa, der als Arzt zum Gesundheitsminister geworden war, wechselte aus persönlichen und politischen Gründen ins Wirtschaftsressort. Heute gilt er als Blinddarm der FDP. Markus Söder, bayerischer Finanzminister und erfolgreiches Marylin-Monroe-Double, schrieb seine Arbeit über das Thema “Von altdeutschen Rechtstraditionen zu einem modernen Gemeindeedikt. Die Entwicklung der Kommunalgesetzgebung im rechtsrheinischen Bayern zwischen 1802 und 1818″. Die schlechte Benotung spricht übrigens gegen ein Plagiat.

Nein, in der Politik ist es nicht notwendig Doktor zu sein. Dagegen spricht zum Beispiel der famose Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel, der Doktor ist. Dagegen spricht aber auch Kristina Schröder, ihres Zeichen promovierte Soziologin. Muss sie als Politikerin wirklich sein? Wohl nicht. Ministertitel werden aber nicht von Universitäten aberkannt. Sondern von Angela Merkel oder von den Wählern. So lasst es bald geschehen.

Januar 12th, 2013

Politik 2013: Nur Schweigen macht keine Fehler

Begreifen wir endlich: Die große Politik befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel. Dramatik, Emotionen, Charisma – können wir alles vergessen. Erfolgreiche Staatenlenker/-innen teilen sich die Kräfte besser ein. Sie gewinnen durch Schweigen.

Ein großes Opfer des aktuellen Trends ist SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Sein erster Makel ist, dass er als Kandidat von einem kettenrauchenden Altkanzler erfunden wurde, also der Profiteur eines anachronistischen Altmänner-Bündnisses ist. Hinzu kommt aber: Er ist ein Freund klarer Worte sowie lustiger oder provozierender Sprüche. Doch in dieser Gesellschaft ist politische Korrektheit nicht nur bei Kinderbüchern zum höchsten Qualitätsmerkmal geworden. Wer zu laut ist, wer die Ruhe des kollektiven Sofa-Schlafes stört, wird mit Ablehnung bestraft. So stark, dass Steinbrück inzwischen unbeliebter als unser Außenminister. Schlimmer als Westerwelle? Das hätte noch vor einigen Monaten niemand für möglich gehalten.

Nun, Guido Westerwelle profitiert davon, dass nunmehr ein gewisser Philipp Rösler die politischen Ziele einer nicht mehr erforderlichen Partei erklären muss. Bundeskanzlerin Angela Merkel wiederum hilft es, dass der Herausforderer zu viel redet. Für sie reicht es aus, gelegentlich darauf hinzuweisen, dass die Zeiten schwer sind, wahrscheinlich noch schwieriger werden, dass sie aber mit ihr an der Spitze erträglich gestaltet werden können. Und während die vorlaute Ursula von der Leyen in der eigenen Partei bekämpft wird, während Kristina Schröder sowieso immer aneckt, ist der neue Bundespräsident Joachim Gauck beliebt. Weil er wohldosiert ab und zu von Freiheit redet, aber ansonsten den Mund hält.

Die Menschen wollen also nicht mit großen Visionen belästigt werden. Sie wollen einfach nur wissen, dass jemand da ist und dass es deshalb gut wird.

Für Angela Merkel birgt das die Chance, das Spektrum ihrer Ministerriege um einen neuen Farbtupfer zu erweitern. Sie hat schon eine siebenfache Mutter, einen bekennenden Schwulen, einen Rollstuhlfahrer und einen ostasiatischen Migranten mit ungeklärtem Geburtsdatum. Vielleicht lechzt das Wahlvolk gerade nach einem taubstummen Minister. Aber nach einem, der die Gebärdensprache nicht beherrscht.

Der Rest ist Schweigen.

 

 

 

 

November 19th, 2012

Rösler und die ungewisse Anschlussverwendung

Das hatte sich die FDP fein ausgedacht. Nachdem sie erkannt hatte, dass Philipp Rösler als Parteivorsitzender ein geradezu spätrömisch-dekadenter Fehlgriff war, hatte man sich darauf verlagert, den Vizekanzler in die dritte oder vierte Reihe zu stellen. Falls er in der Öffentlichkeit nur noch bei wirklich unvermeidbaren Gelegenheiten hergezeigt würde, müsste es doch wieder aufwärts gehen. Und tatsächlich: Die Liberalen sind in den Wahlumfragen von zwei auf vier Prozent gestiegen. Das rettende Ufer ist in Sicht.

Zumal eine weitere kluge Entscheidung Wirkung zeigt. Es war gut, den führenden FDP-Kabarettisten Rainer Brüderle als Maskottchen an die “heute-show” abzugeben. Und Spaßvogel Nummerzwei, der Schleswig-Holsteiner Querkopf Wolfgang Kubicki, hat dank seiner lässigen Art gerade bei Stefan Raabs Politshow “Absolute Mehrheit” ziemlich abgeräumt. Über 40 Prozent, hauptsächlich in der Gruppe der werberelevanten jungen Leute – was soll den Liberalen noch passieren.

So lief das. Bis heute. Denn nun werden die Scheinwerfer wieder auf Philipp Rösler gerichtet. Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat bekanntgegeben, dass der von ihm verwendete Begriff “Anschlussverwendung” das Zeug zum “Unwort des Jahres” hat.

“Anschlussverwendung”, wir erinnern uns, ist in Zusammenhang mit der Schlecker-Pleite gefallen. Rösler benutzte ihn, als er über die nunmehr zahlreichen arbeitslosen Frauen philosophierte. Er sprach darüber, wo sie neue Arbeit finden könnten. Nun ist dieser Begriff für Soldaten ganz normal. Aber passt ein Begriff, bei dem raue Kämpfer gehorsamst salutieren, auch für ein Heer von Frauen, die zuvor Geschirrspülmittel und Badesalz verkauft haben?

Seinerzeit war die Empörung über des Ministers Sprache groß. Und nun holt sie Philipp Rösler wieder ein. Er wird wieder ins Rampenlicht gerückt, und das wieder nur in einem unerfreulichen Zusammenhang. So wie einst Guido Westerwelle.

Das kostet in der Wählergunst nicht nur ein paar Promille. Weshalb die Delegierten beim FDP-Bundesparteitag im kommenden Jahr wissen, wie sie ihren Chef zu behandeln haben: Anschlussverwendung ungewiss. Sehr ungewiss…

Oktober 4th, 2012

22 Jahre Einheit – die Sprachmauer ist geblieben

22 Jahre gibt es sie nun, unsere wiedergewonnene deutsche Einheit. Eine wunderbare Fügung. So wunderbar, dass es sich selbst der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer nicht nehmen ließ, beim zentralen Festakt die Bürgerrechtsbewegung der DDR über den grünen Klee zu loben. Die CSU liebt also Demonstranten. Jedoch: Es gibt noch Probleme. Oder sagen wir besser Sprachmauern.

Die Ostdeutschen reden nämlich so seltsam. Laut einer neuen Umfrage eines Meinungsforschungsinstitutes names “YouGov” ist Sächsisch Deutschlands unbeliebtester Dialekt. Es klingt ja auch seltsam, ein halbes Brathähnchen – in Franken “Gigerla” -als “Broiler” zu bezeichnen. Es klingt auch sehr schnoddrig, wenn Bedauern mit “Schulldnsä!” ausgedrückt wird. Und wenngleich eingebildete Menschen uns alle nerven, fragt sich doch, ob man sie gleich “Leggarsch” nennen muss.

Jedenfalls bezeichneten in der Umfrage zur Einheit nur acht Prozent der Befragten Sächsisch als ihren Lieblingsdialekt. Vorletzter und vorvorletzter auf der Hitliste der “sympathischsten Dialekte” wurden Berlinerisch (11 Prozent) und Kölsch (13 Prozent).

Mit den Dialekten im hohen Norden und im tiefen Süden können sich die Deutschen laut dieser Umfrage dagegen am meisten anfreunden: Bayerisch mögen 27 Prozent der Befragten am liebsten, gefolgt von Spitzenreiter Norddeutsch. Die Mundart, wie sie zum Beispiel Hamburger sprechen, ist der Liebling von 29 Prozent der Deutschen. Angeblich unabhängig davon, ob die Zuhörer im Osten oder im Westen des Landes leben.

Ein Ergebnis, bei dem der gebürtige Hamburger Peer Steinbrück bestimmt die Lauscher aufstellt und auf Sympathiestimmen hofft. Allzu sicher sollte er sich aber nicht sein. Erstens wurde der überaus symphatische fränkische Dialekt in dieser Umfrage vergessen. Und zweites gibt es da noch eine gebürtige Hamburgerin, die die östliche Sprachfärbung mitbringt. Angela Merkel ist also breliebt und unbeliebt zugleich – und somit die Kandidatin aus der Mitte der Gesellschaft. Unds da wollen ja, wie wir wissen, die meisten Parteien gerne sein.

 

Oktober 2nd, 2012

Der Kampfhund der Sozialdemokratie

Der Blick sagt: Hier kommt der Kampfhund der Sozialdemokratie.

Eigentlich war man sich sicher: Mit dem Rückzug von Gerd, Joschka, Silvio und Nicolas wäre die Zeit der Testosteron-Politiker zumindest in der EU vorbei. Es würde die Ära der Führungsfrauen oder der mit massig emotionaler Intelligenz ausgestatteten Softies anbrechen. Und dann sagt die SPD dieses: Peer Steinbrück soll Bundeskanzler werden.

Gut möglich, dass nun manche über die Verjüngungsstrategien bei den Sozialdemokraten lästern. Kurt Beck kündigt mit 63 seinen Rücktritt an, Peer Steinbrück will mit 65 nochmal richtig durchstarten. Der junge, 51-jährige Sigmar Gabriel schaut in die Röhre. Er könnte,  falls Steinbrück Kanzler wird, der Prinz Charles des freiheitlichen Sozialismus werden.

Lustig ist, dass sich die Partei als potentiellen Kanzler jemand ausgesucht hat, der als Anti-Sozialdemokrat auftritt. Einen echten Sozi denkt man sich ja als Person, die voll und ganz dem öffentlichen Wohl sowie den Schutzbedürftigen verpflichtet ist. Der deshalb immer aufpasst, dass er niemand verletzt. Humorverzicht gehört zum Markenkern . Böse wird er nur, wenn es gegen kapitalistische Raubtiere, notorische Ausbeuter und gegen schlecht integrierte Sozialschmarotzer geht, die sich ihre Villen von 3000 Meter Dornenhecke, 20 Kameras und fünf Schäferhunde.

Steinbrück dagegen ist nicht nur villentauglich, er wirkt in seinen Reden und Interviews eher wie ein Bußprediger beim Starkbieranstich. Und er hat einen hohen Spaßfaktor: Zitate wie „Diejenigen, die mit Blick auf die Finanzkrise voreilig von Licht am Ende des Tunnels gesprochen haben, müssen nun feststellen, dass das in Wirklichkeit der entgegenkommende Zug war“, sind sein Markenzeichen.

Keine Frage: Der Kampfhund der Sozialdemokratie ist auf der Bühne. Sein Pech: Schon einmal hat sich gezeigt, dass nicht nur Peer Kanzler, sondern das auch Mutti Frauchen kann. Das war schon das Schicksal manchen starken Mannes…

 

 

 

 

 

 

Juli 5th, 2012

Wenn der Strom ausfällt, steigt das Vertrauen

Dieser Gesellschaft fehlt es nicht an Brot, Butter, Bratwürsten und billigem Bier. Es fehlt ihr vor allem am Vertrauen. An jener Empfindung, sich bei anderen Menschen und wohltätigen Organisationen rundum sicher zu fühlen. Unabhängig davon, ob diese mehr wissen oder wirklich ein guter Charakter sind. Und die Folgen sind fatal.

Nehmen wir die Geburtenzahl in Deutschland. Die Politik hat unfassbar viel unternommen, damit wir für künftige Schlüsselpositionen unserer Wirtschaft dank vieler eigener Kinder keine Inder brauchen. Vor allem für das Elterngeld wurden immense Beträge ausgegeben. Aber es hilft nichts. Aus irgendeinem Grund ist Staatsknete nicht erotisch. Warum auch immer werden nach Pressekonferenzen von Ministerin Kristina Schröder keine nationalen Hormonfluten ausgeschüttet. Die Menschen wollen sich  einfach nicht vermehren; die Zahl der neuen Babys war 2011 so niedrig wie in keinem Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg. 663.000 waren es, 2,2 Prozent weniger als im Vorjahr. Was soll aus VW und BMW bloß werden, wenn es keine neuen Kunden gibt?

“Vertrauen! Vertrauen auf das Bruderherz! Anker im Sturm, und sanfte Ruhestätte, wenn der Himmel lächelt! Du bist einer der Züge der Menschen, die an Gottes Ebenbild erinnern.” Tja, wäre es, wie hier hmynisch vom Schriftsteller Graf Ernst von Bentzel-Sternau beschrieben, hätten wir es gut. Zu seinen Lebzeiten gab es unter anderem die Französische Revolution. Die Menschen lernten, wie viel man erreichen kann, wenn sich mehr als zwei von ihnen aufeinander verlassen können.

Heute jedoch: Uneinigkeit, Vereinzelung der Interessen allüberall. Nur während der großen Fußballturniere unterhalten sich Menschen noch über das Fernsehprogramm vom Vorabend. Die großen Zeitschriften schwächeln, stattdessen boomen Blätter wie Landlust oder Essen + Trinken. Ganz nach der Devise: Ich schau mir an, was ich will. Genieße, was ich mag. Die eigentliche Welt ist mir egal.

Vielleicht steckt dahinter auch Resignation. Wie soll man vertrauen, wenn man sich die Maßnahmen zur Euro-”Rettung” anschaut? Woran soll man glauben, wenn bei unserem großen bayerischen Landesvater Horst Seehofer eigentlich nur als sicher gelten darf, dass er übermorgen anders redet als gestern?

Es geht nicht. Und doch: Die Zeit der Babybooms wird kommen. Dank Angela Merkel. Sie war es, die die Atomkraftwerke abschalten ließ, ohne einen guten Plan dafür zu haben, wie man grünen Strom in alle Steckdosen bringt. Es werden harte Winter kommen. In den Wohnungen wird es dunkel und kühl werden. Wir werden kuscheln müssen. Und dann…Geburtenwachstum! Jawoll!

Juni 15th, 2012

Große Menschen – kleine Schurken

Skandale rund um große Männer und Frauen hat es immer gegeben. Aber früher war die Aufregung berechtigt, während heute läppische Affärchen diskutiert werden. Ich habe darüber mit dem früheren Bundeskanzler Willy Brandt gesprochen.

Mai 29th, 2012

Pkw-Maut: Wird die CSU jetzt grün?

Über die Politik wundert man sich immer wieder. Warum, so frage ich mich, drängt ausgerechnet die CSU auf die Einführung einer Pkw-Maut? Warum machen das nicht die Grünen? Oder die Piraten?

Die CSU war doch immer der Devise “Leben und leben lassen” verpflichtet. Nich umsonst hat zum Beispiel der freie Zugang zu den bayerischen Seen im Freistaat Verfassungsrang. Also sollte doch das Benutzen der Autobahnen frei sein. Zumal die “Schwarzen” bei anderen Fragen wie Tempolimits immer fest an der Seite des ADAC gestanden sind. Der Slogan “Freie Fahrt für frei Bürger” wurde immer politisch mitgetragen.

Erleben wir also eine Mutation der CSU zur Ökopartei? Will sie die Grundlage schaffen, um nach der nächsten Landtagswahl mit den Grünen koalieren zu können? Oder geht es ihr tatsächlich um schlaglochfreien Asphalt und staufreien Verkehrsfluss? Wir werden es genauer wissen, sobald die Sache akut werden sollte.

Aber eine Frage stellt sich doch noch: Warum möchte die CSU die Pkw-Maut nur per Vignette einführen? War nicht die elektronische Lkw-Maut der große Beweis für die hohe Qualität des Technologiestandortes Deutschland? Ein potentieller Exportschlager erster Güte? Warum also kann dieses famose System nicht für Autos genutzt werden?

Tja, ich hätte da eine Vermutung: Auf den Autobahnen sind routinemäßig Geschäftswagen und flottere Fahrzeuge der Firmen BMW und Audi unterwegs. Die kleinen Kisten aus Korea werden im Stadtverkehr und nur selten auf den Schnellstraßen bewegt. Wer aber dort auch nur einmal unterwegs sein will, muss sich die Vignette anschaffen.

Die Kleinen zahlen also überproportional für die Großen mit, während bei einem elektronischen System für die konkrete Nutzung bezahlt werden würde. Man nennt das Solidarität – auf konservativ-liberale Art. Richtig nett, oder?

März 26th, 2012

Das Saarland wird abgeschafft

Als Angehöriger einer im eigenen Bundesland unterdrückten Minderheit, den Franken, sollte man ich mit Schmähungen von Randgruppen zurückhalten. Aber ich kann es nicht anders schreiben: Seit gestern lehne ich das Wort “Saarland” in allen Schreibweisen und Darstellungsformen ab. Es war einfach zu viel.

800.000 Menschen leben in diesem “Bundesland”. Das ist hierzulande das Format einer Großstadt, das würde aber zum Beispiel in Istanbul nur für einen weniger bedeutenden Stadtteil reichen. Trotzdem: Im Fernsehen gab es Sonntagabend stundenlang Prognosen, Hochrechnungen, Interviews, Analysen, Kommentare und eine Elefantenrunde.

Kurzum, es wurde das seit Jahrzehnten erprobte komplette Repertoire für Landtagswahlen abgespielt. Endlos lange wurde geredet, um den Menschen das Gefühl zu vermitteln, dass diese bessere Kommunalwahl irgendeine Bedeutung für Deutschland, Europa und die Welt hätte.

Aber das ist falsch. Vom Saarland wissen wir doch bloß, dass es deswegen mal Ärger mit den Franzosen gegeben hat, dass Erich Honecker dort geboren wurde und dass die Leute einen eigenwilligen Dialekt sprechen. Wir wissen, dass der alte Oskar Lafontaine dort immer noch Politik macht, dass die Landesmutter einen Doppelnamen hat, der in kein Überschrift passt und dass die FDP dort nur wenige Stimmen mehr bekommt als die NPD. Ansonsten kommt dieses Land nicht mal in der Zweiten Fußball-Bundesliga vor. Als Ort für umwälzende Ereignisse ist es somit völlig überschätzt.

Und noch etwas wissen wir: Aus Saarbrücken kommt Deutschlands schlechtester “Tatort”. Aus Franken dagegen gar keiner. Lasst uns zeigen, dass wir es besser können. Das Saarland wird abgeschafft. Dann werdet Ihr schon sehen.

Januar 7th, 2012

Röslers Mitte hilft uns gar nicht

Also sprach Philipp Rösler: “Wir brauchen Wachstum in der Mitte.” So also stellt sich der FDP-Chef den Weg zur Rettung des Landes, seiner Partei und seiner eigenen Jobs vor. Warum das alles so gut sein soll, sagt er aber nicht.

Wir alle wissen, dass sich außer der Linken alle Bundestagsparteien in “der Mitte” daheim fühlen. Das liegt wohl daran, dass man dort die große Masse an Menschen und somit das größte Wählerpotenzial vermutet. Wahrscheinlich denkt man auch, dass dort Eigenschaften wie Vernunft, Politikverstand und Duldsamkeit verortet sind.

Das Zentrum hat aber einen großen Nachteil: Es ist nur bedingt zukunftsfähig. Die Masse der Vernünftigen strebt vor allem danach, gut zu funktionieren. Kreativität, die Lust auf Veränderung, kommt hingegen meistens von den Rändern. Das Wort “Mittelstand”, das jeder FDP-Chef permanent vorbeten muss muss, signalisiert keinesfalls die Lust auf Bewegung.

Und wenn man sich einen normal proportionierten Menschen anschaut, so sitzt die Mitte irgendwo in der Nähe des Bauchnabels. Dort wächst also in erster Linie das Bauchfett.

Wachstum in der Mitte führt also letztlich zur Figur von Helmut Kohl. Und einen solchen Politiker wollen wir so schnell nicht wieder haben. Nicht mal als FDP-Chef. Schlechtes Motto, Herr Rösler!

Januar 2nd, 2012

Seehofer, der scheinheilige Rentenzweifler

Was bringt das neue Jahr – außer guten Vorsätzen, die man schnell vergisst? 2012 ist es die Aussicht auf mehr Arbeit. Mehr Lebensarbeit. Denn die Aktion “Rente mit 67″ beginnt. Und schon schlägt die Stunde des großen Populisten Horst Seehofer.

Falls das Rentenalter steige, ohne dass es mehr Arbeit für Ältere gebe, sei das eine Rentenkürzung durch die Hintertür. Und das sei nicht sozial, hat der bayerische Ministerpräsident fein erkannt. Allerdings ist er mit dieser Kritik der Zweifelsheuchler der alten CSU-Schule. Als solcher folgt er diesem Prinzip: Mitregieren, mitbeschließen, kritisieren, Nachdenken fordern – und dann weitermachen wie zuvor beschlossen. Ernst nehmen müsste man das nicht, wenn es nicht noch immer Menschen gäbe, die auf diese Masche hereinfallen.

Aber wie ist es denn nun, mit der Rente ab 67? Ich halte dieses Gesetz für unsozial. Sicher, es ist ein Argument, dass längeres Arbeiten möglich sein müsste, wenn es immer weniger junge Leute gibt und der Altersdurchschnitt steigt. Nicht in Ordnung ist allerdings, dass wie so oft vor allem jene Menschen benachteiligt werden, denen es ohnehin wirtschaftlich schlechter geht.

Wer einfachere, schlechter bezahlte körperliche Arbeit macht, hat einen höheren Verschleiß. Er wird also früher aus dem Berufsleben ausscheiden. Das bedeutet kräftige Abstriche.

Auf der anderen Seite gibt es genug Menschen, die in ihrem Beruf weitermachen möchten und könnten. Die es aber nicht dürfen, weil es eine Altersgrenze gibt. Sinnvoll ist auch das nicht.

Es bräuchte also Regelungen, die an den jeweiligen Einzelfall angepasst ist. Wirklich? Wo das hinführt, zeigt das Steuerrecht. Die Sache wird elend kompliziert – und ist am Ende auch nicht gerecht.

Man kann es mit den Rentnern also eigentlich nur mehr oder weniger falsch machen. Wünschen wir also Horst Seehofer alles Gute für seinen Kampf gegen die Rente mit 67. Und arbeiten wir stattdessen schon mal für ein besseres Image der Rentner. Auch da gibt es viel zu tun, wie dieser Satz zeigt: “Wer im Müßiggang verzehrt, was er selbst nicht erworben hat, verübt geradezu einen Diebstahl, und ein Rentner, den der Staat für sein untätiges Leben in Form von Zinsen bezahlt, ist in meinen Augen kaum von einem Straßenräuber verschieden, der auf Kosten der Reisenden lebt.” Gesagt hat ihn der Dichter Jean-Jacques Rousseau irgendwann im 18. Jahrhundert. Seien wir ehrlich: Manche sehen das noch heute so.

Dezember 19th, 2011

Wenn der Bock zum Gärtner wird

Nur wer das Böse kennt, kann dem Guten dienen. Wie das gemeint ist, erkläre ich am Beispiel unseres vorerst gescheiterten Starpolitikers Karl-Theodor zu Guttenberg in meinem aktuellen Video.