Wer ins Feuer geht, wird verehrt

Groß ist unsere Sehnsucht nach dem Puren, Schönen und Wahren. So auch nach Menschen, die selbst bei schlechter Bezahlung alles geben. Die helfen, ohne sich zu bereichern. Wir sehnen uns nach Helden – und finden sie in den Feuerwehrleuten.

Bei der jährlichen Frage der Zeitschrift Reader’s Digest nach Deutschlands beliebtesten Berufsgruppen sind die Männer mit der Drehleiter seit Jahren in Front. Zuletzt fuhren sie einen Zustimmungswert von 92 Prozent ein. Und das leuchtet ein. Schließlich gehen sie dorthin, wo andere weglaufen. Nur ausgesprochene Zyniker nennen die Feuerwehr eine Organisation, die ruiniert, was die Flammen verschont haben. Der Rest der Welt hat Respekt. Löschen, wo das schiere Chaos herrscht – es klingt wie eine große Aufgabe für viele Lebenslagen.

Auf Platz zwei rangieren die Krankenschwestern mit einer Zuneigungsquote von 88 Prozent, wobei man hier von einem Männer-Votum von deutlich über 100 Prozent ausgehen darf. Die Piloten wiederum, die zum Beispiel noch im Jahr 2002 die Spitzenreiter der Bewunderungs-Skala waren, schaffen zwar noch Rang drei. Nach der Streikerei der letzten Zeit werden sie aber allmählich nach unten durchgereicht. Mit 82 Prozent wurden sie eingeholt von den Apothekern. Einer Berufsgruppe, bei der blendendes Image und wachsende wirtschaftliche Not nicht so recht zusammenpassen.

Gibt es Beliebtheits-Trends? Auf jeden Fall weist die Liste ganz überwiegend Verlierer aus. Besonders stark getroffen hat es die Taxifahrer. Konnten sie sich noch vor zehn Jahren über eine Sympathiequote von 65 Prozent freuen, erreichen sie jetzt nur noch 49 Prozent. Das kommt davon, wenn man Mindestlohn will. Die Pfarrer und Priester, die vor fünf Jahren noch die Hälfte der Deutschen als Freunde hatten, liegen jetzt bei 39 Prozent. Deren Kundschaft geht eben nach und nach verloren.

Wo aber sind die großen geistigen Lenker des Landes? Journalisten kommen auf 26 Prozent Vertrauen, was sie auf ein Niveau mit den Gewerkschaftsführern bringt. Ein ganzes Stück schlechter schneiden mit mageren zwölf Prozent die Politiker ab. Man braucht sie. Man wählt sie. Aber man glaubt ihnen nur jedes achte Wort.

Und das Ende der Vertrauens-Skala? Dies zieren die Callcenter-Agenten. Nur fünf Prozent der Deutschen finden sie richtig gut. Und das, obwohl sie wichtige Qualitäten mitbringen. Ein allzeit offenes Ohr trotz beschissener Bezahlung und den festen Vorsatz, anderen Leuten oder wenigstens ihrer Firma zu helfen. Verstehe einer die Menschen dieses Landes…

 

 

 

Die Revolution kommt. Auch bei uns.

Wir haben wieder ein Feindbild. Es sind nicht mehr die Lokführer, nicht die Piloten. Es sind die Griechen. Ziemlich jugendliche Typen, die ihre Milliardenschulden mit einer dreisten Lässigkeit durch die Gegend tragen. Aber sehen wir sie wirklich als Feinde? Oder sind uns den neuen Regierungs-Hellenen nicht doch ziemlich sympathisch?

Falls ja, es läge in unseren Genen. Seitdem unseren Eltern und Großeltern in den 60-er Jahren mit Käfer und Isetta die Großglockner-Hochalpenstraße bezwungen haben, hatten wir diese gewisse Sehnsucht nach Süden. Wir wurden Zeugen von stundenlangen Mittagspausen, undeutschem Genuss beim Essen und der Fähigkeit, einfach so dazusitzen und das völlig in Ordnung zu finden. Sandstrand statt Bruttosozialprodukt. Seitdem wollten wir, wenigstens ein kleines bisschen, Südländer sein.

Materiell sind wir die Erfolgreichen geblieben. Aber sind wir glücklich genug, um immerzu Kapitalisten bleiben zu wollen? Offensichtlich nicht. Forscher der Freien Universität Berlin wollen durch eine Befragung herausgefunden haben, dass linksextreme Einstellungen  in Deutschland weit verbreitet sind. Ein Sechstel der Bevölkerung hat demnach eine solche Grundhaltung. Immerhin sieben Prozent der Befragten stimmten dem Einsatz politisch motivierter Gewalt zu.

Zudem hielten in der Umfrage der Freien Universiät mehr als 60 Prozent der Befragten das real existierende deutsche System nicht für eine echte Demokratie. 50 Prozent meinten: Wer anders – vor allem links – denke, werde immer stärker von Staat und Polizei behelligt. Schließlich der Gipfel der Erkenntnisse: Knapp 60 Prozent der Ostdeutschen und 37 Prozent der Westdeutschen halten den Sozialismus oder Kommunismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt worden sei.

Was lernen wir aus alldem? Wir verachten unseren Wohlstand zutiefst. Zumindest so lange, wie wir ihn noch nicht verloren haben. Wir sind Revolutionäre. Wir haben es bloß noch nicht bemerkt.

Stecken wir also die Hände in die Hosentaschen und tanzen grinsend den Varoufakis. Wir lieben unser linkes Feindbild wie uns selbst. Hoch die internationale Solidarität!

 

Bassd scho, Markus. Wir schau’n Dich dahoam

„Staatsferne sichern!“ So erschallt der Ruf anlässlich des Auftritts unseres Heimat- und Finanzministers Dr. Markus Söder in der bayerischen Fernseh-Soap „Dahoam is dahoam“. Die TV-Macher hätten sich wie in alten Zeiten an die Mächtigen des Freistaats herangewanzt, schimpfen die Kritiker. Auch wenn es mir nicht leicht fällt: Ich widerspreche.

Wir leben doch in Zeiten, in denen das Wahre, das Authentische, die Menschen am meisten interessiert. Die Einschaltquoten gehen hoch, wenn ein paar nette Leute ein verwanztes Wohnhaus auf Vordermann bringen, wenn Trödeltrupps die Garagen von gehbehinderten Rentnern ausräumen und wenn sich hässliche Entlein mit Hilfe eines stets verzückten Modedesigners in schillernde Shopping-Queens verwandeln.

Auch das berühmt-berüchtigte Dschungelcamp lebt davon, dass da Menschen gequält werden, von denen wir meinen, dass wir sie kennen würden.

Wenn schon Berti Vogts und Helene Fischer in Tatorten auftreten, warum nicht auch Politiker in einer Vorabend-Soap? Wenn diese in Bayern spielt, muss aber die Wahl zwangsläufig auf Markus Söder fallen. Horst Seehofer hat grundsätzlich immer Wichtigeres zu tun. Ilse Aigner wirkt stets ernsthaft, handlungsorientiert und verbissen. Sie ist somit allenfalls für eine Folge geeignet, in der es um verschärfte Kontrollen für Salmonellen, Rauchgasentgiftung, kommunale Streusalzverschwender oder irgendetwas Ähnliches geht.

Der Rest des bayerischen Kabinetts? Kennt keiner. Die Opposition? Auch unbekannt, seitdem Gabriele Pauli auf Sylt Sand-Rathäuser baut.

Also gilt in diesem Fall: Es konnte, es kann nur einen geben. Zumal wir alle wissen, dass sich dieser Mann für gar nichts schämt. Der zweite Freistaats-Bürger mit einem ähnlich starken Ego, Uli Hoeneß, ist gerade nicht für Fernseh-Rollen verfügbar.

Alsdenn: Hören wir auf zu schimpfen. Und schauen den Markus. Bei uns dahoam.

Baby-Namen zeigen: Uns fehlen wahre Idole

Politiker und Bürger sind sich fremd geworden. Beispielhaft zeigt sich das an den Vornamen der Neugeborenen. Vorbei die Zeiten, in denen sich Eltern bei der Namenswahl an den Reichen und Mächtigen orientiert haben. Wie der bekannteste deutsche Vornamensforscher Knud Bielefeld ermittelt haben will, waren Emma und Ben im Jahr 2014 die beliebtesten Baby-Namen.

Warum das so ist, bleibt im Dunkeln. Der Name Ben hat sicherlich den Vorteil, dass er sich für eine maßregelnde Ansprache bestens eignet. Ein Satz, der mit “Also, wennnnnn, Bennnn…” beginnt, ist antiautoritär undenkbar. Emma ist für mein Empfinden altmodisch. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch aus der Zeit vor Amazon und Ebay stamme und deshalb diesen Namen zwanghaft mit dem Zusatz “Tante” sehe.

Nun aber machen wir den Test: Gibt es namhafte Politiker/-innen, die so heißen? Nein, da ist nichts. Weder im Deutschen Bundestag, noch im Bayerischen Landtag sitzen auch nur eine Emma oder auch nur ein Ben. Die Namen des Spitzenpersonals wiederum bleiben in den Kreißsälen weitestgehend ungehört. Angela findet sich nach den Bielefeld-Charts nicht einmal unter den 500 häufigsten Vornamen. Unsere Kanzlerin rangiert also noch hinter Cassandra, Saphira und Melody. Der SPD-Spitze ergeht es nicht besser. Sigmar bleibt ebenfalls ungelistet und verliert den Kampf gegen Hussein oder Lennox.

Selbst die CSU muss die Vornamensliste mit Grausen beobachten. Zum ersten Mal seit Menschengedenken steht bei den Jungs nicht mehr Maximilian an der Spitze. Der Name, nach dem das Parlament heißt. Die meisten Baby-Bayern heißen heute Lukas oder Lucas. Tja, man hat sich das selbst zuzuschreiben. Hatte man doch früher Ministerpräsidenten mit den alpenländischen Supernamen Josef (Goppel), Franz-Josef (Strauß) und Max (Streibl). Es folgte Edmund (Stoiber), ein Name, der aus dem Englischen kommt und “Beschützer des Erbgutes” bedeutet. Schließlich der entsetzlich unbayerische, weil altgermanische Vorname Günther (Beckstein) sowie in unseren Tagen Horst (Seehofer). Einen regionalen Bezug kann man hier mit viel gutem Willen nur so ableiten, dass alpine Greifvögel in Wohnungen dieses Namens nisten.

Erstaunlicherweise zeigen unsere Eltern auch den Helden des Sports die kalte Schulter. Die beiden Ober-Weltmeister Mario (Torschütze) und Manuel (Torverhinderer) bleiben absolute Randfiguren. Vielleicht ist Jerome (263. Platz) durch die Fußball-Berichte entdeckt worden. Sollte allerdings die überraschend steile Karriere von Mats (Platz 25!) mit der erfrischenden Spielweise von Borussia Dortmund zu tun gehabt haben, dürfte sich dies in nächster Zukunft wieder legen.

Als Fazit bleibt folgende Erkenntniss: Wenn es um Vornamen geht, machen die Leute was sie wollen. Man mag das als Beweis größtmöglicher Freiheit deuten. Aber vielleicht zeigt sich unsere Sehnsucht nach Heldinnen und Helden, die wir wirklich mögen. Mal sehen, wie lange Frau von der Leyen braucht, bis sie feststellt, dass sie eigentlich Emma heißt.

Am Tag der Schande reden Ausländer deutsch

Generalsekretäre von Parteien geben uns immer wieder Rätsel auf. Äußerlich seriös, produzieren sie am laufenden Band Sätze, für die sich andere Menschen schämen würden. Vielleicht nehmen sie selbst keine Drogen, sicher aber dealen sie berufsmäßig mit üblem Sprachgift. Vor allem die CSU hat immer wieder solche Spezialbegabungen hervorgebracht. Markus Söder und Alexander Dobrindt waren welche. Und jetzt ist Andreas Scheuer am Ruder.

Der Mann aus Passau steht vor einer besonderen Herausforderung: Er muss seine Partei als Bewahrerin des Schönen, Guten, Gerechten sowie als Kriegerin gegen das Böse und Andere ins Rampenlicht stellen. Das aber fällt schwer, wo so unübersehbar ist, dass es in der CSU obskure Gestalten gibt. Ob das nun – im Kleinen – der Bürgermeister ist, der sich aus der Kasse der fränkischen Gemeinde Zapfendorf bedient. Oder – im Großen – die ehemalige Sozialministerin Christine Haderthauer, welche Sozialkompetenz vor allem in eigener Sache bewiesen hat.

Diese Figuren zuzudecken ist schwierig. Also haut Andreas Scheuer so richtig rein. Er nennt den neuen Thüringer Ministerpräsidenten Bode Ramelow einen Top-Agenten der alten SED-Netzwerke und ruft anlässlich dessen freier und geheimer Wahl einen “Tag der Schande im wiedervereinigten Deutschland” aus. Doch damit nicht genug: Noch an diesem schlimmen Datum, wird bekannt, dass seine CSU fordern will, dass sich hier lebende Ausländer grundsätzlich auf Deutsch unterhalten sollen. In der Öffentlichkeit, aber auch zu Hause in der eigenen Familie. „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“, heißt es in einem Leitantrags-Entwurf für den Parteitag in Nürnberg Ende kommender Woche.

Tja, das bringt uns voran und bringt uns alle miteinander näher. Würde diese Idee nämlich zum Gesetz, müsste es auch überwacht werden. Es müsste hineingehorcht werden in die migrantischen Küchen, Wohn- und Schlafzimmer.

Wer aber könnte das besser, als die Nachfahren der Stasi? Man wird sie vielleicht noch brauchen können. Ansonsten zeigt sich am “Tag der Schande”: Wer die CSU und Andreas Scheuer kennt, wird sich vor Bodo Ramelow kaum mehr richtig fürchten.

 

 

 

 

 

 

Das vorgetäuschte Quötleins-Weinen

Oha, unsere Wirtschaft jault wieder auf. Denn die Frauenquote kommt. Die Politik will, dass die trauten Männerrunden in den Aufsichtsräten von etwas mehr als 100 börsennotierten Großunternehmender durch Frauen gesprengt werden. Das ist nicht nur ein Frontalangriff auf die letzten Refugien des Herrenwitzes. Nein, es drohe übelste Zwangswirtschaft, purer Geschlechtersozialismus, sozusagen.

Warum bloß diese Weinerlichkeit? Es geht gerade mal um 200 Jobs. Und an der Qualifikation kann es nicht scheitern. In Krisenzeiten sehen Aufsichtsräte sehr oft schlecht aus und entscheiden falsch. Warum sollte das nicht auch jeder Frau gelingen? Wenn der Begriff “Nieten in Nadelstreifen” zwecks Emanzipation um “Nieten in Nylonstrümpfen” ergänzt wird – bitteschön.

Die Frauen wiederum sollten daran denken: Wo das Licht noch nicht so hell ist, wo also die Sonne tief steht, werfen auch kleine Dinge lange Schatten. Darauf hofft die Wirtschaft insgeheim. Dass nämlich diese Quote, die in Wahrheit ein Quötlein ist, die weiblichen Beschäftigten beruhigt. Indem sie ihnen das Gefühl gibt, dass ihnen beim Verwirklichen ihrer Karrierewünsche auch dann geholfen wird, wenn sie ihre Eizellen nicht einfrieren wollen.

Man will ablenken vom allgemeinen Versagen der Wirtschaft. Bis hinunter in kleinste Unternehmen sind Chefs mit der biologischen Tatsache überfordert, dass Frauen Kinder bekommen können. Erst recht wirft es sie aus der Bahn, wenn diese auch noch frei entscheiden, wann das passieren soll.

Es gibt also kein echtes Problem, weshalb wir jetzt im Advent das Lied singen sollten: “Sah ein Chef ein Quötlein steh’n, Quötlein auf der Heid’n. War so zart und wunderschön. Bracht ihn nicht zum Leiden…”

 

 

Die neue APO wirft mit Domino-Steinen

Der Begriff APO  steht für vielfältige Inkarnationen. Er ist die Abkürzung für die Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, ist der Name des höchsten Berges der Philippinen, der Kosename des Kurdenführers Abdullah Öczalan und der Großvater für alle, die gerne rückwärts lesen. Doch eigentlich sehen wir darin die Abkürzung für “Außerparlamentarische Opposition”.

Es handelt sich um das Phänomen, dass die Eltern heutiger junger Menschen wilder waren, als es ihre Kinder zu denken wagen. Lernfreudige Studenten verwandelten sich in den 60-er Jahren in kampfeslustige Revolutionäre. Sie setzten der langweilig gewordenen Politik mächtig zu und gönnten sich, sofern die Lektüre der Mao-Bibel dafür Zeit ließ, immer wieder unverschämt freie Sexualität.

Die Apo war erfolgreich, hat aber nicht alles ändern können.  Joschka Fischer ist ein dicker Außenminister geworden. Aber die Parole “Springerpresse in die Fresse!” hat sich nicht ganz erfüllt. Die verhasste Bild-Zeitung gibt es weiter.

Aber gibt es noch eine Außerparlamentarische Opposition, die diesen Namen verdient? In dieser Zeit, in der ein Goldhandels-Unternehmen namens AfD machtvoll seinen Marsch durch Institutionen begonnen hat?

Natürlich gibt es das: die FDP. Bis vor wenigen Jahren war sie die Partei mit der insgesamt längsten Regierungszeit in Deutschland, um dann aufgrund spätrömischer Dekadenz und drittklassiger Helden-Darsteller in der Versenkung zu verschwinden. Sie will zurück auf die große Bühne – jedoch wie?

Vielleicht helfen ja die Parolen der 68-er. Der humoristische Slogan  “Lacht kaputt, was euch kaputt macht” würde perfekt auf den Humor von Philipp Rösler passen. Der Spruch “Nie mehr Arbeit für Chef und Boss” wäre bei liberaler Lesart ein tolles Angebot für gestresste Freiberufler. Und mit “Unter den Talaren Muff von Tausend Jahren!” könnte die FDP darauf aufmerksam machen, dass sie es als einzige Partei gewagt hat, einen Großteil ihrer Regierungsverantwortung auf eine jugendliche Boy-Group zu übertragen.

Die Ideen wären da, aber vorerst ist wohl dieses Bild realistisch: Ex-Minister Dirk Niebel sitzt im Advent mit seiner Bundeswehr-Mütze auf seinem Sofa und wirft frustriert mit Domino-Steinen. Immerhin, so ähnlich hat es bei Joschka Fischer auch angefangen.

 

 

 

König Horst, die Messer sind gewetzt

“Der König ist tot! Es lebe der König! Die Bedeutung dieses aus Frankreich überlieferten Ausrufs ist klar. Wir haben Respekt vor unserem Herrscher. Wenn er es aber nicht mehr bringt, wird er ausgetauscht  – und danach ganz schnell vergessen. Ein heißer Kandidat für solches Schicksal ist Horst Seehofer.

Das Phänomen der kurzen Erinnerung kennt der männliche Teil der Bevölkerung von den Fußballtrainern. Wer weiß heute noch, wo ein Erich Ribbeck wann gearbeitet hat? Auch ein Könige und Fürsten, die einst viele Seiten unserer Klatschmagazine gefüllt haben, sind ratzfatz abgehakt. Nur bei der englischen Queen läuft es anders. Sie befindet sich weit im Rentenalter, erledigt ihren Job jedoch sehr gut – und bleibt noch ein paar Jährchen.

Bei Horst Seehofer sieht das anders aus. Der bayerische Ministerpräsident, als dessen größte Erfolge die Historiker die Rückeroberung der absoluten Mehrheit, die Herdprämie, und die Pkw-Maut nennen werden, steckt in Problemen. Er hat einige Alphatiere seiner Partei weggeräumt und  hat eh keine so große Lust auf die popelige Landespolitik. Verständlich, er ist ja schon 65 geworden.

Verständlich ist aber auch, dass potentielle Nachfolger ehrgeizig mit den Hufen scharren.  Was der alternde Silberrücken so beantwortet, dass er versucht, sie in ihrer Bedeutung klein zu halten. Um irgendwann selbst zu entscheiden, in wessen Hände er den Freistaat Bayern übergibt.

Bloß: Seehofer ist weder Papst noch Queen. Er ist Chef der CSU, einer sehr erfolgreichen, aber bei Bedarf auch gnadenlosen Partei. Ob Streibl, Stoiber oder Beckstein: Wer nicht mehr getaugt hat, wurde abserviert. Die eigene Nachfolge hat keiner selbst geregelt.

Die Messer sind wohl längst gewetzt. Denn: Ein/e Nachfolger/in muss sich bekannt machen können. Und 2018 ist nicht mehr so fern.

 

 

 

Die Hysterie um die islamistischen Warnwesten

“Wehret den Anfängen.” Keine Frage, dieser Satz ist wahr. Aber zurzeit erleben wir unter diesem Motto in Deutschland eine hochgradig hysterische Debatte, und zwar um diese Wuppertaler “Scharia-Polizei”.

Die Berichterstattung in den Medien wirkt, als hätte sich bei uns der islamistische Höllenschlund geöffnet und würden ab sofort Kopfabschneider mit Müllwerker-Warnwesten durch unsere Innenstädte marodieren. Ich habe da Zweifel, denn die Inszenierung folgt einem allzu bekannten Muster.  Zuerst, am Donnerstag und Freitag, bringt die Bild-Zeitung das Thema auf, indem sie das Gruppenbild einiger mutmaßlich salafistischer Suppenkasper zeigt. Über das Wochenende folgen dem Leitmedium vom Boulevard andere Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen. Die allgemeine Besorgnis steigert sich zur Empörung – was schließlich dazu führt, dass vor allem konservative Politikerinnen und Politikern ihr rhetorisches Beschützer-Modul aktivieren.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann wertet das Wuppertaler Tugendschlurfen als Kriegserklärung an den deutschen Staat. Er fordert einen Sondergipfel der Innenminister. Und eine ganz große Karriere macht diese Schlagzeile: “Merkel fordert entschiedenes Vorgehen gegen die Scharia-Polizei.”

Bin ich dafür, mit den Mitteln des Rechtstaates. Wenn religiöse Eiferer meinen, anderen Menschen als “Polizei” belästigen oder gar bedrohen zu können, haben sie einen Denkzettel verdient. Aber: Fundamentalisten gibt es in jeder Religion. Und haben wir es mit den Zeugen Jehovas bisher nicht auch so einigermaßen ausgehalten? Selbst, wenn sie an der Haustüre klingeln? Auch sie sind entschieden gegen Glücksspiel, Drogen und Pornographie.

Ganz neu sind Schlagzeilen über eine Scharia-Polizei nicht. Im Juni 2010 berichtete die Tagesschau, dass islamistische Sittenwächter in Indonesien Frauenkleidung auf ausreichende Tugendhaftigkeit überprüften. Ende November letzten Jahres hat eine nigerianische Scharia-Polizei in einer öffentlichen Zeremonie 240.000 Flaschen Bier zerstört. Gibt es das bald auch bei uns?

Eher mal nicht. Zumal die Salafisten sehr wohl eine Anziehungskraft vor allem auf unzufriedene junge Männer haben. Aber trotzdem eine kleine Gruppe mit extremen Zielen bleiben.

Wichtig ist mir dieser Satz: Der Islam ist nicht böse.

Daran dürfen, daran sollten wir ruhig glauben. Den Warnwesten zum Trotz.

 

 

 

 

Die Innenpolitik im schwarzen Loch

Gibt es schwarze Löcher in der Politik? Zurzeit scheint das so zu sein. Denn das, was man früher Innenpolitik genannt hat, ist nahezu komplett aus unserer Wahrnehmung verschwunden. Unser Leben findet scheinbar irgendwo zwischen Donezk und Gaza statt. Dort herrscht Krieg, bei uns herrscht Schlummer.

Sicher, man darf nicht wegsehen, wenn sich Menschen gegenseitig abschlachten. Wenn so genannte „Rebellen“, die wegen ihrer abartigen, hasserfüllten Gesinnung „unislamischer Staat“ heißen müssten, eine Blutspur nach der anderen legen. Wenn Bomben fallen, weil zuvor Raketen geflogen sind. Wenn gar nicht so weit von uns entfernt, in der Ukraine, Krieg geführt wird.

Damit müssen wir uns auseinandersetzen. Erst recht, wo es für ein Chaos-Land wie Libyen keinen Platz in den Zeitungsspalten und kaum Sendezeit in Radio und Fernsehen gibt. Es sind einfach zu viele Bomben und Granaten.

Aber darf das dazu führen, dass wir die Innenpolitik komplett vergessen? Redet noch jemand ernsthaft von der Energiewende? Ist die Zukunft der Pflege noch in der Diskussion? Was ist mit der immer ungerechteren Verteilung des Wohlstandes?

Ja, es geht uns gut und viel besser, als an vielen Orten dieser Welt. Mütterrente und Mindestlohn sind auch abgehalt. Aber wenn der fast schon karnevalistische Streit um die Pkw-Maut das aktuelle Hauptthema in Deutschland sein soll, stimmt ewas nicht.

Ja, man muss gelegentlich zum Fernglas greifen. Aber ebenso gilt: Reichlich Arbeit gibt es auch im eigenen Haus. Aufwachen, bitte!