Die Jobmaschine Spionage

Ein Problem dieser Gesellschaft ist der Pessimismus. Wenn es darum geht, ob eine Krise nun eine Chance oder das Verderben sei, entscheiden wir uns allzu gerne für die letztere Antwort. So ist es auch bei der aktuellen Spionage-Affäre.

Zunächst einmal: Gnadenloses Ausspähen war und ist das Wesen paranoider Staaten. Diktaturen, die vom Wesen her Politik gegen ihre Untertanen machen, sind so. Aber auch die USA. Wo der Waffenbesitz als Grundrecht gilt, muss der Verfolgungswahn gewaltig sein.

Das ist so, das ist nicht zu ändern. Wenn wir aber dieses wissen: Warum verschwenden wir so viel Energie darauf, über diesen Zustand zu jammern? Das Glas ist halbvoll! Sehen wir lieber die Chancen der aktuellen Entwicklung. Und die sind gewaltig.

Eine Dienstleistungsgesellschaft wie die unsere ist unablässig damit beschäftigt, für die in ihr lebenden Menschen mehr oder weniger sinnvolle Aufgaben zu finden. Man betrachte nur die von schnuckeliger Musik unterlegten Anstrengungen der Telekommunikations-Konzerne, uns sinnlose Tarif-Verrenkungen oder Apps als lebensnotwendig zu verkaufen.

Sehen wir also das Positive: Wenn sich eine Gesellschaft konsequent daran macht, andere Nationen, am Ende aber die eigenen Leute in jeder Lebenslage zu überwachen, generiert sie ein überragendes Beschäftigungspotential. Vermutlich 60 Prozent des Bruttosozialproduktes der DDR dürften auf die Arbeit der Stasi und ihrer Töchterunternehmen zurückgegangen sein. Und wenn die USA pro Jahr 50 Milliarden Euro für Bespitzelung ausgibt, Deutschland aber nur 800 Millionen, dann ist gewaltig Luft nach oben.

Seien wir also nicht verängstigt, und werfen wir sie an, die Jobmaschine Spionage. Denken wir daran, wie wunderbar sich dieses Projekt in unserem dualen Bildungssystem verankern lässt. Beginnend vom Hilfs-Spitzel über den dreijährig ausgebildeten Guck-und-Horch-Gesellen bis zum IHK-geprüften Master auf Spience und zum Bachelor of Späh.

Das Bruttosozialprodukt wird explodieren. Und: Dank Facebook ist der Erfolg garantiert. Denn schwer ist Bespitzeln in diesen Zeiten ja wirklich nicht mehr.

 

 

Ruhestand mit 70? Wir sind viel zu müde

So kann es gehen: Du fährst in den Urlaub, in der sicheren Erwartung, dass ausgiebige Reisen spätestens ab deinem 63. Lebensjahr dein Alltag und Hobby zugleich sein werden. Du beginnst, an einer, allerdings noch sehr breiten Wand, die ersten Kerben für deine Rest-Arbeitstage einzuritzen. Und dann kommst du heim und liest: “Wir brauchen die Rente mit 70.”

Was ist jetzt schon wieder los? Die Turbo-Rente ist doch gerade erst beschlossen. Und sie gäbe mir doch die Möglichkeit, das zu tun, was ein schreibender Mann in meiner Situation tun muss. Entweder ein Kochbuch schreiben. Das signalisiert anderen Menschen klarstmöglich das Erreichen einer höheren Bewusstseinsstufe. Könnte klappen, sofern ich mein Wunschthema “Der beste Senf zur Rostbratwurst” durch “Glücklich mit veganen Nudeln” zu ersetzen bereit wäre. Möglichkeit Nummer zwei wäre das Verfassen eines Lokalkrimis – mit einer packenden Story aus meinem Viertel. Was bei meiner Wohngegend auf  “Mord im Spielsalon” oder “Abmursken Second Hand” hinauslaufen würde.

Aber nein, jetzt sagt uns EU-Kommissar Günther Oettinger, dass das mit dem frühen Gehen nicht ginge. Dieses Land, ja das ganze alte Europa bräuchten schließlich erfahrene Fachkräfte. Und sofort tauchen jene Propheten auf, die uns klarmachen wollen, dass die Zwangsverrentung die eigentliche Tragödie sei. In Skandinavien dürften die Menschen bleiben, so lange sie wollten. Sie seien damit viel glücklicher als unsere termingerecht Abservierten.

Schön, aber das Vorbild taugt nicht. Denn in Skandinavien sind sie uns, wenn es um das Vereinbaren von Arbeit und menschlichem Dasein angeht, um zirka 50 Jahre voraus. Wir hingegen sind ein gestresstes, erschöpftes Volk. Was sich schon daran zeigt, dass wir Politik oder Reformen satt haben. War dauernd etwas verändern will, bekommt unsere Stimme nicht. Wir hören lieber den Satz “Sie kennen mich” – und sind zufrieden. Fazit also: Eine flexible Rente bis 70 oder irgendwann taugt nichts.

Eine zweite Nachricht fällt allerdings auf. Professor Joachim Sauer ist 65 geworden, hat aber erklärt, dass er noch mindestens drei Jahre arbeiten möchte. Nun ja, es gibt wohl doch Ausnahmen. Wir wissen ja, wen er kennt.

 

 

Wählen kann auch sexy sein

Absolute Mehrheit für die Nichtwähler! Nach der Kommunalwahl herrschte nicht nur bei uns in Nürnberg unter Politikern und politisch Interessierten totales Unverständnis, wieder einmal. Woher in aller Welt komme diese Wurstigkeit? Was erlaube Wahlvolk?

Wundern kann man sich schon. Das bayerische Kommunalwahlrecht ist Demokratie pur. Man ist an keine Partei gebunden. Man kann einzelne Kandidaten favorisieren oder streichen. Ganz wie man will. Bei uns hatten die Menschen 70 Stimmen zum persönlichen Jonglieren. Das Jammern, dass man ganz und gar den Vorgaben der Parteien ausgeliefert sei, passt hier nicht. Trotzdem lag die Wahlbeteiligung nur bei 44 Prozent.

Wundern muss man sich nicht. Eine hohe Wahlbeteiligung entsteht durch Spannung. Wenn kontroverse Themen fehlen, wenn sich die Stadtbewohnern wohlfühlen, anstatt zu diskutieren, fehlt das Gefühl, dass man als Nichtwähler etwas verpassen könnte. Wenn dann auch noch Sofawetter herrscht, panaschiert man eben lieber mit Kaffee, Chips und Bienenstich.

Wundern muss man sich nicht. Denn wir sind gar nicht so interessiert daran, was vor unserer Haustüre passiert. Wenn der Schnee zuverlässig von der Straße geräumt wird, ist schon viel errreicht. Wir schimpfen über Hundekot, Ratten, Tauben, Müll auf den Straßen, Spielsalons und benzingetriebene Laubbläser. Für die wirklich großen Probleme fehlt uns die Zeit. E läuft ja Bundesliga.

Freuen darf man sich doch. Ein aus Afrika stammendes Ehepaar wählt, frisch eingebürgert, zum ersten Mal. Mit Stolz und strahlenden Gesichtern. Wählen kann also sexy sein. Man muss es nur zu schätzen wissen.

Kampf-Frauen braucht es wirklich nicht

Es gibt so einen seltsamen Aspekt in unserem Leben: Erwarte das Unerwartete, aber errege dich über das Naheliegende. So geht es mir angesichts der neuen Meldungen über die Bundeswehr. Frauen seien dort – speziell in den Kampftruppen – nicht gerne gesehen, heißt es. Die Studie wird veröffentlicht, und ein Seufzen hebt an. Wie könne es auch heute noch geschlossene Männergesellschaften geben? Ich meine: Es ist nicht notwendig, Frauen zum Töten auszubilden und einzusetzen. Wir sollten uns das sparen.

Wer ehemaligen Soldaten zuhört, wird leicht erkennen, wie wichtig das vermeintlich Männliche für das Funktionieren einer Armee ist. Kaum einer wird davon erzählen, wie toll es war, an einem Nachmittag zehn blutrünstige Taliban erschossen zu haben. Die Legenden des schönen Soldatseins drehen sich um das, was man in diesem Umfeld als “Kameradschaft” versteht. Also zum Beispiel um das kollektive Komasaufen im Bierkeller der Kaserne. Wer zum Töten (was in der Kriegslogik liegt, weil er ansonsten selbst erschossen wird) rausfährt, möchte nicht in die Verlegenheit kommen, der Kollegin die Luke zum Panzer aufhalten zu müssen.

Genau in diese Richtung gehen aber die Verlautbarungen unserer “Flinten-Uschi” (Quelle: heute-show). Die Bundeswehr solle einer der modernsten Arbeitgeber werden. Vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf solle gefördert werden. Gut, es kann ja sein, dass ein Cyber-Soldat, der per Joystick Drohnen über den Jemen lenkt, unsere Demokratie lieber in Teilzeit verteidigt. Weil er auch mal bei den Kindern sein will. Gleiches gilt für die Vorschriftenverwalter in den Stäben. Aber ansonsten ist der Soldatenberuf dem Wesen nach familienfeindlich. Oder ist es wirklich so gedacht, dass Papa seine Zwillinge auf dem Weg zur Front in der Montessori-Kinderkrippe “Afghanenzwerge” abgibt?

Ich halte das für reine PR für einen Beruf, den keiner mehr machen will. Viel wichtiger wäre es, dass die Politik dafür sorgt, dass Soldaten nach Kampfeinsätzen ins normale Leben zurückkehren können. Zum Beispiel durch eine sichere Zusage für geeignete Jobs nach dem Ende der Dienstzeit. Der Attraktivität der Bundeswehr würde es helfen.

Ja, und was ist mit den Soldatinnen? Da bin ich komplett von gestern. Rein evolutionstechnisch sehe ich Frauen als Wesen, die Leben schenken. Und nicht nehmen. Gleichberechtigung an der Waffe? Das braucht es wirklich nicht. Weniger Soldaten überhaupt – das wäre das richtige Ziel.

 

 

 

 

Schluss mit Skandalen! Doktortitel für Alle!

Ja, es stimmt. In Sachen Politik suche ich stets das Haar in der Suppe. Heute jedoch wende ich mich mit einem gut gemeinten Rat an Regierende und Volk: Kümmern wir uns endlich um die großen Themen. Machen wir Schluss mit vermeidbaren Skandalen. Starten wir die Aktion “Doktortitel für Alle!”.

Geweckt wurde meine heiße Sehnsucht nach Harmonie durch ein gegeltes Haar in der Suppe. Sozusagen. Der neue CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer verzichtet ab sofort auf das Führen seines Doktortitels. Diesen hatte er als “kleines Doktorat” auf eine billige Art in Prag erworben. Die Pinscher-Promotion hatte er gewählt, weil man ihn an der Universität seiner Heimatstadt Passau zugelassen hatte. Der zuständige Politik-Professor Heinrich Oberreuter (als TV-Analytiker von der CSU durchaus geschätzt) erinnert sich: „Andreas Scheuer gehörte nicht zu denen, die sich uns dazu aufgedrängt hätten, dass wir sie zu höheren akademischen Weihen führen.“

Es ist also wieder ein Schaumschläger entlarvt. Aber was bringt uns das? Wir wissen doch eh, dass scharfer Intellekt oder gar ausgewiesene Klugheit den erfolgreichen Politiker nicht zwangsläufig ausmachen. Wir wissen zugleich, dass sich viele Politiker/-innen Respekt sehnen. Niemand soll Zweifel daran haben, dass sie etwas Besonderes sind. Wohlklingende Titel oder Anreden für die Herrschenden hat es immer gegeben.

Majestät, Durchlaucht, Exzellenz – das alles klingt nach etwas. Wie öde wirken dagegen Titel wie MdB (Mitglied des Bundestages) oder MdL (Mitglied des Landtags). Da lacht doch selbst der gemeine Facharbeiter.

Ich schlage deshalb Folgendes vor: Wir erkennen an, dass die Fähigkeit, in einer 15-minütigen Wirtshausrede  sowohl über Familienpolitik, Armut, Rentenkasse, Afghanistan, Schulobst wie auch Windkraft zu schwadronieren, als akademische Leistung anerkannt wird. Was bedeutet, dass jedem/r Politiker/-in vom Landtag aufwärts nach erfolgter Wahl der Doktortitel zugesprochen wird. Fraktionsvorsitzende und deren Stellvertreter/-innen dürfen sich für die Dauer dieser Tätigkeit “Professor auf Zeit”. Ab Minister aufwärts darf zwischen Anreden gewählt werden. Eminenz für christliche Politiker oder ZK-Chef für Linke sind im Angebot. Schließlich: Wenn sich das Ganze bewährt hat, werden Doktortitel auch für TÜV-zertifizierte Wichtigtuer freigegeben.

Dann ist Frieden an der Plagiatsfront. Dann steht die Sonne der Forschung endlich tief. Und dann, wir wissen es vom Satiriker Karl Kaus, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten.

 

 

 

 

 

Wenn Tourismus hinterfotzig wird…

Es ist also “Sozialtourismus”. Das “Unwort des Jahres” gehört zu jenen Erfindungen, für die man der hohen Wissenschaft zutiefst dankbar sein darf. Deckt es doch die Hinterfotzigkeit dieser politischen Parole auf, welche uns ausschließlich Folgendes suggerieren soll: Passt auf. Das Fremde ist böse. Wir aber beschützen Euch.

Man muss das Unwort 2014 nicht unbedingt negativ lesen. Tourismus kann ausgesprochen sozial sein. Dann nämlich, wenn er dazu beiträgt, dass es den Menschen in der besuchten Region besser geht. So, wie es früher bei den Ägyptern war, welchen wir aber den Rücken gekehrt haben, weil sie uns wegen ihres Strebens nach Demokratie bedrohlich erscheinen. Der so genannte Ballermann auf Mallorca stand für die Variante Asozialtourismus. Die Unkultur der Saurauslasser soll es ja auch geben.

Aber dem nunmehr Sprachschöpfer des Unworts ging es um etwas anderes. Er will uns einreden, dass es dunkelhaarige, braunäugige, ungepflegte Menschen gibt, die mit ihren Schrottkisten nur deshalb in unsere Städte kommen, weil sie auf der Durchfahrt die famosen Hartz-IV-Leistungen mitnehmen oder anderweitig schmarotzen wollen. Subjekte, die man nie in unseren schönsten Kirchen und Museen lustwandeln sehen wird. Sie machen uns Angst. So sehr, dass der freistaatsgläubige Altöttinger Saufkopf nach jedem Schluck den Bierdeckel auf den Maßkrug legt, damit ihm kein Bulgare überfallartig die Schaumkrone vom Madonnen-Schwarzbräu wegschlürft.

Warum aber wird uns die Fremdenfeindlichkeit nicht direkt ins Gehirn gedübelt? Warum wählt man nett klingende Begriffe? Wahrscheinlich, weil man “Zigeuner” nicht mehr sagen darf.

Die Hinterfotzigkeit der aktuellen politischen Kampagne ist doch, dass man so tut, als wäre Armut kein ehrbarer Grund, eine neue Heimat zu suchen. Das ist nicht immer so. Wenn irgendwo in Deutschland eine größere Fabrik schließt oder wenn ein Firmenstandort verlagert wird, schreien Wirtschaft und Politik laut nach der Flexibilität der Arbeitnehmer. Wer diese zeigt, wird ausdrücklich gelobt.

Und: Sind nicht ab Ende des 19. Jahrhunderts Hunderttausende Deutsche auf Dampfschiffen vor ihrer Armut nach Amerika geflüchtet? Wie ist es mit den Sudetendeutschen, die von Gewalt und Enteignung in die Flucht geschlagen wurden? Werden sie nicht in Festreden als “der vierte Volksstamm Bayerns” gefeiert? Und zwar mit besonderer Hingabe von CSU-Politikern?

Ja aber, kommt es dann, das seien schließlich Landsleute, Menschen von unserem Blut. Dazu fällt mir: Mein Arzt hat schon mehrfach meinen Hämoglobin-, Harnsäure oder Cholesterinwert ermittelt. Den Deutschseins-Koeffizienten noch nie. Das Mann muss bei den Grünen sein…

 

 

 

 

 

 

Danke, Pofalla! Du gibst uns Hoffnung!

Ist ja wieder mal typisch für diese moderne Gesellschaft: Da wird ein Bösewicht ausgemacht, an den medialen Pranger genagelt – und wird prompt zum Opfer für den Rest der Welt. Das hatten wir beim Limburger Bischof Teebürzel oder so. Jetzt hat es den ehemaligen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla erwischt. Er gilt uns als neuester Prototyp für raffgierige Politiker. Wie ich finde, zu Unrecht. Denn dieser Mann macht Hoffnung!

Betrachten wir das Alter. Da ist es einem 54-Jährigen gelungen, seine Anschlussverwendung so zu regeln, dass er hinterher weniger Arbeit, aber mehr Geld hat. Das beweist uns doch, dass das Leben für Menschen dieser Altersgruppe selbst nach einer grandiosen Fehlleistung – vorzeitige Beendigung der NSA-Affäre – nicht vorüber sein muss. Dieser Mann steht auf, er zeigt seinen Kritikern die lange Nase. Zumal er weiß, wie sehr ihn seine Feinde um den neuen Job beneiden.

Außerdem hat Ronald Pofalla zu Protokoll gegeben, dass er sich nach seiner Zeit als Angela Merkels Wachhund verstärkt um seine junge Frau kümmern und eine Familie gründen wolle. Als Vorstand der Deutschen Bahn sollte er eine Schlafwagen-Netzkarte besitzen. Na, ist bei unserem Zorn vielleicht auch Neid im Spiel?

Aber dieser Mann macht auch Hoffnung für viele junge Menschen. Nicht nur, dass er als Sohn einer Putzfrau und eines Feldarbeiters sowieso weit gebracht hat. Nein, wegen seiner Ausbildung. Viele Eltern flehen ihren Nachwuchs an, doch bitteschön etwas Solides zu lernen und nicht irgendeiner brotlosen Kunst zu verfallen. Also nicht Geisteswissenschaftler zu werden, um schließlich Pils zu zapfen oder mit schwarzer Hornbrille “irgendwas mit Medien” zu machen.

Oder – fast noch schlimmer – Sozialpädagoge zu werden, um sich für 35.000 Euro Jahresbrutto alles Leid dieser Welt aufzuladen. Nicht so Ronald Pofalla:  Er hat sich zum Sozialpädagogen ausbilden lassen. Aber bringt es voraussichtlich auf 1,3 Millionen. Auch pro Jahr.

Dieser Mann zeigt uns: In diesem Leben ist nichts zementiert. Es gibt großartige Karrieren, auch wenn sie nicht leicht zu begreifen sind. Diese Botschaft brauchen wir alle. Deshalb sprühen wir’s an jede Wand: Danke, Pofi! Dich braucht das Land!

 

 

Es gibt auch Helden in der Politik

Nelson Mandela - für mich ein echter Held.Es schimpft sich leicht über die Politiker. Ihnen fehle jedes Gespür für das wahre Leben. Sie seien verlogen, arrogant, ausschließlich geil auf wichtige Posten. Und sie taugten ganz und gar nichts. Weil sie nicht handelten, sondern nur schön reden würden. Das sagen wir – und rufen nach besseren Volksvertretern.

Zum Glück: Es gibt in der Politik auch Helden. Nehmen wir Nelson Mandela. Der jetzt gestorbene südafrikanische Präsident hat einen schier unfassbaren Lebenslauf. Als Anwalt der schwarzen Bevölkerung zu lebenslanger Haft verurteilt, lehnte er nach 23 Jahren im Gefängnis  seine Freilassung ab,  weil ihm die Abschaffung der Apartheid nicht zugesichert wurde. Erst weitere vier Jahre später war er ein freier Mann.

Seine wahre menschliche Größe zeigte er, als er als erster schwarzer Staatspräsident keinen Rachefeldzug gegen die ehemaligen Unterdrücker führte. Er setzte, im Gegenteil, auf eine versöhnliche Aufarbeitung der Geschichte. So wurde Nelson Mandela zum wirklich würdigen Friedensnobelpreisträger.

Gäbe es mehr Politiker/-innen dieses Kalibers, könnte man sich zurecht Hoffnungen auf eine bessere Welt machen. Aber es sind auch andere da.

Nehmen wir Hans-Peter Friedrich. Der CSU-Mann aus Naila in Oberfranken ist der nachvollziehbar schlechteste Innenminister seit vielen Jahrzehnten, vermutlich sogar seit dem Zweiten Weltkrieg. Aus einer Gegend stammend, aus der die Menschen wegziehen, hat er meistens von Vertretern seiner Partei besetzte Rolle des Überfremdungs-Mahners übernommen.

Tausende von Flüchtlingen ersaufen im Mittelmeer “Italien muss seine Hausaufgaben machen”, sagt Friedrich. Freizügigkeit für EU-Bürger/-innen? Ja, aber bloß nicht für Bulgaren und Rumänen. Auch dann nicht, wenn es überwiegend gebildete, gut ausgebildete Migranten sind. Und Rückgrat zeigen bei Großmachts-Gehabe der USA? Nicht mit Friedrich, dem großen Freund des großen Verbündeten.

Fazit: Es stimmt, dass es falsch ist, nur über die Politiker zu schimpfen. Aber dass zu oft die Falschen am Ruder sind, stimmt leider auch.

 

 

 

Große Männer und die böse blonde Frau

Unfassbar, diese impertinente Person! So hätte man früher über die Fernsehjournalistin Marietta Slomka geschimpft. Unternahm sie doch den Versuch, den kommenden Vizekanzler Sigmar Gabriel am Nasenring durchs öffentlich-rechtliche Fernsehen zu führen. Mit der Frage, ob der von ihm ausgerufene SPD-Mitgliederentscheid zur Großen Koalition ein, pointiert ausgedrückt, Anschlag auf die Verfassung sei.

Stimmt schon, die Fragestellung war abseitig. Aber das erklärt nicht die irre Aufregung um das ZDF-Interview. Ich meine, es steckt mehr dahinter. Nämlich die Angst der großen Männer vor der bösen Frau.

Es hätte sich doch niemand aufgeregt, wenn ein Siegmund Gottlieb den SPD-Chef mit den identischen Fragen gemartert hätte. Man hätte “Typisch für die schwarze Föhnwelle” gesagt und das Interview abgehakt. Aber eine Frau mit stahlblauen Augen, die einen angehenden Groß-Staatenlenker vorführt? Das geht nicht. Da hebt selbst CSU-Chef Horst Seehofer schützend die bayerische Pranke über den Konkurrenten von der Magenta-Fraktion. Politiker dürften nicht wie Schulbuben dastehen, zürnt er. Wobei er sich den Hinweis, dass die oder der Slomka in Bayern fürderhin ausschließlich als Verlierer in der Arroganz-Arena gern gesehen sei, erstaunlicherweise verkniffen hat.

Die Angst funktioniert frei nach Sokrates, der seinerzeit erklärte: “Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen.” Und das gilt es zu vermeiden. Also ruhig mal einschüchtern, die Dame.

Und bei alldem wird übersehen, dass etwas anderes lebhafte Ablehnung verdient, nämlich komplett inhaltsleere, langweilige Interviews. Sie wissen, um wen es geht? Mag sein. Aber diese Frau M. hat ihren Sokrates längst hinter sich. Sie ist überlegen. An sie traut sich kein noch so großer Mann heran.

Große Koalition ist großer Krampf

Hollerplotz, sie haben es gemerkt! Kurz vor Toresschluss ist bis an die SPD-Spitze durchgedrungen, dass es eine Alternative zur Großen Koalition gibt. Und zwar gemeinsam mit den Bösen, den Linken. Aber werden sie sich trauen?

“Opposition ist Mist”, meinte einst der Meister des Verbal-Twitterns, Franz Müntefering. Stimmt zwar, aber Große Koalition ist es auch. Wenn die Diskussion unter den großen demokratischen Parteien zwecks gemeinsamen Regierens entfällt, hilft das vor allem seltsamen Gestalten an den Rändern. Eine AfD etwa wird für ihre europafeindlichen Thesen noch mehr Gehör finden.

Die Große Koalition ist zudem die ideale Plattform für Merkel’sche Alternativlosigkeit. Über noch weniger Themen als bisher wird diskutiert oder gar gestritten werden. Man braucht sich schließlich, im Bund und in den Ländern. Schon die Koalitionsverhandlungen zeigen doch, was uns erwartet. Weitgehend ergebnisloses Gerede mit einer Chefin, die sich fein diskret im Hintergrund hält, so dass am Ende nur diejenigen dumm aussehen, die überhaupt etwas gesagt oder versprochen haben. Es gilt die Mikado-Politik: Wer sich bewegt, hat verloren.

Es muss doch inzwischen selbst dem ministeramts-strebsamsten Sozialdemokraten klar geworden sein, dass es die Kanzlerin blendend versteht, nichts zu sagen oder zu tun, aber den Verdruss darüber an sich vorbeirauschen zu lassen.

Alsdenn, liebe SPD: Macht den Krampf nicht mit. Wenn Euch Rot-Rot-Grün zu heikel ist, dann lasst die Union regieren und stimmt von Fall zu Fall zu. Oder eben nicht. Ansonsten wird es in Zukunft heißen: Herzlichen Glückwunsch, zu etwas mehr als zwanzig Prozent.