Wir schaffen es. Falls uns das Leben nicht schafft

Wir sind geschafft. So fühlt es sich für viele Menschen an. Der Probleme sind viele, die Veränderung ist groß. Und dann auch noch die Flüchtlinge. Hat also Bundeskanzlerin Angela Merkel innerlich hämisch grinsend „Wir schaffen Euch“ gedacht, als sie den famosesten Politiker-Satz seit „Der Islam gehört zu Deutschland“ gesagt hat? Läuft da eine Verschwörung?

Gemach, gemach. Fragen wir uns doch erst einmal, warum uns dieser schlichte Satz so tief berührt. Nein, es ist nicht Barack Obama und sein „Yes, we can“. Es ist das Alte Testament. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, lautet dessen erster Satz. Wir machen das jetzt mal, verständigte sich der Herr damals mit dem Heiligen Geist. Das war der Anfang von VW, Airbus, Smartphones und Fußball-Bundesliga.

Zweifeln mag man am Text der Bibel-Übersetzung. Müsste es nicht „Im Anfang erschuf Gott…“ heißen? Kleine Vorsilbe, großer Unterschied. Wer etwas schafft, nimmt des Lebens Mühsal auf sich, um eine ihm gestellte Aufgabe zu erledigen. Er ist Opfer im großen Spiel und spürt sein Glück wie alte Menschen, die zufrieden sind, wenn sie trotz aller Gebrechen irgendwie doch über die Runden kommen.

Wer etwas erschafft, gestaltet die Voraussetzungen  für etwas Neues. Er bewältigt nicht nur, sondern formt die Zukunft.

Man muss allerdings befürchten, dass Angela Merkel tatsächlich eher etwas schafft. Unter ihrer Ägide hat die Regierung die bevorstehende Zuwanderung zunächst ignoriert. Man ließ die Dinge geschehen, um dann zu sehen, wie man irgendwie damit zurechtkommt. Gemäß der Devise des chinesischen Gelehrten Laoste: Nichtstun ist besser, als mit Mühe nichts zu schaffen.

Doch reicht das? Wahrscheinlich nicht. Denn so sehr die Balkan-Route verrammelt werden kann, so wenig lässt sich das Mittelmeer einzäunen. Bleiben wir bei den Gelehrten: „Sie schaffen eine Wüste und nennen es Frieden“, blickte der römische Gelehrte Tacitus erstaunlich vorausschauend auf die europäische Flüchtlingspolitik.

„Die Tränen lassen nichts gelingen. Wer schaffen will, muss fröhlich sein“, ergänzte der Dichter Theodor Fontane. Woraus wir letztlich lernen: Nichts schafft uns, wenn wir es schaffen wollen. Aber tun müssen wir schon etwas.

Der Staat als Klamottenpolizei

„Weg mit der Burka!“ Diese lautsprecherisch vorgetragene Forderung gehört zum Standard-Repertoire vor allem konservativer Politiker*innen. Jüngst hat sich das CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn damit aus dem Fenster gelehnt. Aber hülfe uns das? Denken wir nach.

Warum gibt es das Recht? Warum mischt sich der Staat in unser Leben ein? Weil es ohne Gesetze und ohne Regeln keine Freiheit gäbe. Die Willkür der Mächtigen würde herrschen, die Chance auf Gerechtigkeit gäbe es nicht. Es handelt sich also um ein edles Ziel, weshalb Regierungen auf fanatische Gesetzgebungswut verzichten sollten. Man kann Freiheit auch zu Tode regeln.

Jetzt aber konkret gefragt: Sollen sich Politik, Staat und Justiz in Fragen der Bekleidung ihrer Bürger*innen einmischen? Sicher, die Burka ist nach unserem Verständnis ein abstoßendes Kleidungsstück. Wir sind sicher, dass Frauen diese Ganzkörperverhüllung keinesfalls freiwillig tragen. Wir sagen: Wer die Burka überwirft, wird unterdrückt. Und das darf nicht sein. Weil hinter jeder geknechteten Muslima ein Gesinnungs-Taliban steht.

Andererseits gibt es Bekenntnis-Kleidung auch anderswo. Christliche Nonnen haben zwar ein größeres Sichtfeld. Ihre Tracht ist der Burka ansonsten recht ähnlich. Mitarbeiter von Banken müssen schwarze Anzüge, Burgerbrater lustige Mützen tragen. Selbst unsere größten Idole, die Fußballer, können das viele Geld nur verdienen, wenn sie albern in kurzen Hosen und Kniestrümpfen über blumenlose Wiesen rennen.

Von bösen Modesünden, die sensible Mitmenschen belästigen, wollen wir gar nicht reden. Interessant wäre allerdings zu erforschen, ob sich unsere politischen Frauenrechttler*innen häufiger und energischer gegen die Burka als gegen die Dienstkleidung von minderjährigen Huren auf dem Straßenstrich positioniert haben. Wir ahnen die Antwort.

Jedenfalls: Wenn es um die Burka geht, wird durchgegriffen, wenigstens verbal.  Dumm bloß, dass es unseren Frauen auch nicht so rundum prima geht. Dann etwa, wenn sie nach einer Familienphase von Teilzeit in Vollzeit zurückkehren wollen, um Karriere machen zu können. Das scheitert häufig an den Chefs. Da schauen die Politiker gerne weg.

Genau das sollten sie bei der Burka tun. Um mehr Energie für die wahren Probleme zu haben.

Nein heißt Nein: Ein gutes Prinzip mit Tücken

„Nein bedeutet Nein!“ Dieses Prinzip ist wunderbar. Bedeutet es doch, dass niemand gegen seinen Willen zu etwas gezwungen werden darf. Seit Neuestem ist es im Sexualstrafrecht verankert. Bringen wird das mehr Opferschutz, aber bestimmt auch viel Verdruss.

Potenzielle Straftäter müssen abgeschreckt, Täter müssen bestraft werden.  Allerdings : Die jetzt erfolgte Verschärfung des Sexualstrafrechts, die wegen der Kölner Silvester-Grabschereien härter als ursprünglich geplant gefasst worden ist, macht die Staatsanwaltschaft zum Stammgast in der Intimsphäre der Menschen.

Es mag sein, dass mancher Sex so schlecht ist, dass er an eine Straftat grenzt. Aber was bedeutet es für ein Gericht, wenn eine  Frau – der Schutz des „schwachen Geschlechts“ steht ja klar im Vordergrund der Gesetzesverschärfung – am Tag danach entscheiden kann, ob das, was sie in der Nacht zuvor erlebt hat, einvernehmlich gewesen ist?

Da das neue Sexualstrafrecht schon den Verstoß gegen das Prinzip „Nein heißt Nein“, also das Missachten von Einvernehmlichkeit sanktioniert, werden den Gerichten in diesen Fällen objektive Fakten oder Entscheidungshilfen, also Folgen von körperlicher Gewalt oder Zeugenaussagen fehlen. Oft wird Aussage gegen Aussage stehen, und nicht selten werden Opfer und/oder Täter nach einer mit Alkohol oder anderen Drogen garnierten Nacht das Geschehen nicht zweifelsfrei schildern können.

Wo es keine objektive Wahrheit gibt, wird es darauf ankommen, wie sich das Geschehen für das Gericht darstellt. Etliche Urteile werden nicht befriedigen, weshalb Fälle in die nächste Instanz gehen dürfte. Häufig wird es am Ende – zum Verdruss der Opfer – „im Zweifel für den Angeklagten“ heißen.

Denken wir auch an die größte Trachten-Grabscherparty Deutschlands, das Münchner Oktoberfest. Sollte ein sexueller Übergriff angezeigt werden, wird das Opfer behaupten, es habe Nein gesagt. Der Angeklagte wird erklären, nichts gehört zu haben, da die Musik zu laut war. Seine mitfeiernden Freunde wiederum, die gemäß neuem Recht zu bestrafungswürdigen Komplizen werden, falls sie etwas bemerkt haben sollten, werden wenig hilfreich sein.  Zeugen müssen die Wahrheit sagen, sich aber nicht selbst belasten. Und überhaupt: Die Musik war laut.

Fazit: In vielen Lebenslagen, ob privat oder beruflich, wäre Respekt für das Prinzip „Nein bleibt Nein!“wichtig. Als gesellschaftlicher Konsens könnte das auch funktionieren, als Fall für die Justiz wird es immer schwierig sein. Erhoffen wir uns vom neuen Recht also nicht zu viel.

PS.: Die Frau, die ihren Mann trotz seines Neins mit Zärtlichkeiten von der Schlussphase einer Fußball-Übertragung weglotsen möchte, wandelt schon immer auf dünnem Eis. In Zukunft auch strafrechtlich…

Obergrenze wird das Wort des Jahres

Freunde unserer deutschen Sprache freuen sich immer auf die Wahl des „Wort des Jahres“. Welcher Begriff hat sich mit Macht in unseren Sprachgebrauch geschlichen und die öffentliche Diskussion geprägt. 2016 befindet sich erst im zweiten Monat, aber der Sieger dürfte klar sein: „Obergrenze“ wird es.

Tatsächlich handelt es sich um einen Begriff, der bislang ein Schattendasein inmitten verschiedener Gesetzbücher geführt hat.  Betroffen von der Obergrenze waren und sind zum Beispiel arbeitslos gewordene Besserverdiener. Für sie gilt ein Limit nach oben. In den Sammlungen von Zitaten und Aphorismen, die kluge Aussagen bis zurück in die Antike auflisten, kommt dieses Wort nicht vor.

Dank Horst Seehofer und den Pegida-Schreihälsen wissen wir allerdings, dass die „Obergrenze“ dem Wesen nach böse ist. Wurde sie doch von ihm mit zusammenbegissenen Zähnen in Sachen Flüchtlinge eingeführt und dank vielfacher Wiederholung wirksam in die öffentliche Debatte eingeführt. Sie ist so zum Synonym dafür geworden, dass eben irgendwann Schluss ist. Unser Wort ist das Basta der Bürokraten und Abstempler.

Viele finden es gut, zumal wir unsere eigenen Obergrenzen kennen oder zumindest erahnen. Wie gerne hätten wir ein Limit für unser Gewicht, wie klug wäre für manchen eines für die Kombination Schnitzel und Landbier, wie segensreich eine Obergrenze für sinnlose E-Mails.

Stattdessen kommt die Regierung mit der Obergrenze für Bargeld daher. Man soll bei Einkäufen nur noch maximal 5000 Euro von Hand zu Hand weitergeben dürfen. Dies würde, so sagt man uns, dem weltweiten Terrorismus einen empfindlichen Schlag versetzen.

Ganz bestimmt, wir sind für den Kampf gegen Idioten mit Sprengstoffgürteln. Aber dass in einem freien Land mutmaßlich freien Bürgerinnen und Bürgern vorgeschrieben wird, ob sie ihren Gebrauchtwagen mittels Bargeld, Überweisungszettel oder Online-Banking kaufen, geht zu weit. Denn was kommt als nächstes? Kreditkartenpflicht beim Brezenkauf?

Wie wir etwas bezahlen, geht den Staat nichts an. Wir ziehen die Lehre – und stellen unsere Forderung auf: Die Obergrenze für absurde politische Ideen, sie möge kommen.

 

 

Was ist deutsch?

Diese schwierigen Zeiten haben etwas Gutes. Sie bringen uns zum Philosophieren über wahre Werte, unser Denken und Reden wird tiefschürfender. Denn wir müssen klären, wer wir Deutschen sind und wie Flüchtlinge werden müssen, damit sie irgendwann dazugehören. Es geht um den Fortbestand der „deutschen Leitkultur“.

Alsdenn: Was ist das? Wer oder was steht für diese „deutsche Leitkultur“? Um das herauszufinden, sollten wir den zeitlichen Rahmen unseres Definitionsversuches abstecken. Nicht anzuzweifeln ist ja, dass unser aller Ureltern Afrikaner waren. Von dort aus breitete sich der Homo sapiens unaufhaltsam aus. Die Umstellung von Jagd auf Ackerbau und Viehzucht – was der betont agrarfreundlichen CSU immer sehr geholfen hat – erfolgte auf dem Gebiet des heutigen Syrien beziehungsweise Irak.

So weit sollten wir nicht ausholen. Zwingend werden wir jedoch anerkennen müssen, dass der Kaffee aus Arabien und die Kartoffel aus Südmerika zu uns gekommen sind. Die Erfindung des Bieres können wir auch nicht für uns beanspruchen. So zeigt das Neue Museum in Berlin die vor rund 3750 Jahren modellierte Figur eines ägyptischen Bierbrauers.

Reindeutsch sind Tore von Thomas Müller und Götze sowie Flugparaden von Neuer. Was aber ist mit Treffern von Özil oder Podolski? Helene Fischer wirkt geradezu nibelungenblond, stammt aber aus Kasachstan. Bushido – einer von uns? Gut möglich, einen Integrationspreis hat er ja bekommen.

Erschließt sich die Kultur über unsere Tugenden? Pünktlichkeit? Leider durch Berliner Flughafen und Elbphilharmonie widerlegt. Ehrlichkeit? Man schaue auf Volkswagen und Uli Hoeneß. Großartiger Erfindergeist? Die Pkw-Maut lässt uns zweifeln. Wir sind christlich? Dann dürften wir Bedürftige nicht zurückweisen. Wir sind für Frauenrechte? Die Zahl der Chefinnen in unseren Firmen sagt etwas anderes.

Aus all diesen Aspekten ergibt sich: Um eine wirklich gute deutsche Leitkultur formulieren zu können, müssten wir einige als besonders deutsch oder bayerisch geltende Persönlichkeiten abschieben. Das zieht sich allerdings, aus rechtlichen Gründen. Also sollten wir uns zunächst auf folgenden Grundkonsens einigen: Der Genuss von Schweinefleisch und Alkohol ist unantastbar. Wenn das vereinbart ist, ist der größte Ärger weg. Wir philosophieren fortan ohne Stress. Und das kann nur gut sein.

Frieden schaffen – oder Mauern bauen

Manchmal reicht eine einzige Fernseh-Talkshow, um zu begreifen, dass man beim Thema Flüchtlinge verrückt werden könnte. Beim Sonntags-Comeback von Anne Will diskutierte eine Runde kluger Menschen lebhaft über die Zukunft Europas, über schärfere Gesetze sowie über die Sexualität des arabischen Mannes im Allgemeinen und im Besonderen. Alle nannten die Zahl der Neuankömmlinge zu hoch. Wirklich neue Erkenntnisse gab es nicht.

Was aber könnte die Zahl der Flüchtlinge dauerhaft verringern? Die Antwort: Frieden statt Krieg. Daran mag man mit Blick auf Syrien oder Irak nicht glauben. Aber es wäre der Königsweg. Und ist nicht die Europäische Union Trägerin des Friedensnobelpreises? Könnte sie nicht ihre Kompetenz gewinnbringend einsetzen? Angesichts der Halb- oder Voll-Irren in gewissen Gegenden dieser Welt wirkt das Ziel höchst utopisch. Es wird sicher noch Zeit brauchen, bis sich jemand findet, der mit IS-Führern redet. Was andererseits irgendwann passieren wird.

Frieden ist also aktuell kein Thema. Und so erleben wir einen Überbietungswettbewerb an immer neuen Vorschlägen, von denen die meisten wirkungslos bleiben werden. Einfach so abschieben, am besten ohne Gerichtsverhandlung, geht in einem Rechtsstaat einfach nicht. Wer schärfste Kontrollen an den Landesgrenzen fordert, muss auch sagen, wo dann der Lkw-Stau in Richtung Österreich beginnen soll. Am Chiemsee? Griechenland zwecks Solidarität mit uns zum stärkeren Schutz der EU-Außengrenzen auffordern? Haben die Griechen uns als solidarisch erlebt? Haben sie genug Geld für diese Aufgabe?

Was also ist die Alternative? Auch das ist klar: Unsere friedliebende EU müsste kriegerisch werden. Sie müsste an ihren Grenzen hohe Mauern oder elektrische Zäune errichten. Sie müsste ihre Grenzschützer mit scharfen  Waffen ausrüsten, inklusive Schießbefehl. Und sie müsste Flüchtlinge genauso skrupellos zurück in den Bürgerkrieg schicken, wie das unser hilfreicher Nato-Partner Türkei bereits tut.

Wollen wir das wirklich? Oder halten wir es doch aus, dass wir viele verzweifelte Menschen aufnehmen und integrieren müssen? Machen wir es sogar gern?

Wir alleine schaffen keinen Frieden in der Welt. Aber vielleicht machen wir ein bisschen Frieden. Den mit uns selbst.

 

„Beste Freunde“ können eklig sein

Seine Verwandtschaft kann sich niemand aussuchen. Es gibt nette Tanten, nervende Schwager oder hyperaktive Nichten. In der großen Politik ist das nicht anders. So genannte Verbündete hat man nicht unbedingt, weil man die anderen sympathisch findet. Es geht um das Sichern von Mehrheiten, um das Verwirklichen der eigenen Ziele, um billige Rohstoffe oder auch darum, unliebsame Neuankömmlinge fernzuhalten.

Angela Merkel kann davon ein Lied singen. Sie hat alles, zum Beispiel den Verbündeten vom Typ trotziges Kind. Dieser, nennen wir ihn Horst, kann  lieb sein, wenn ihm Mutti einen bösen Blick zuwirft. Sobald sie jedoch außer Reichweite ist, stampft er wütend auf den Boden. Und ruft „Obergrenze“, Obergrenze“ oder „Maut, Maut, Maut“. Eine Kanzlerin kann ihn ertragen. Er nervt zwar, richtet aber letztlich keinen Schaden an.

Weitaus komplizierter wird es beim Typ brutaler Zyniker. Er, nennen wir ihn Wladimir, kann bei Bedarf charmant flüstern. Er geht von seiner überragenden Bedeutung aus. Und wenn er sich zurückgesetzt sieht,  provoziert er, indem er anderen etwas wegnimmt. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen, weil er richtig gefährlich werden kann. Geld wegnehmen, das geht noch. Auf die Finger klopfen aber nicht.

Und es gibt den perversen Onkel. Nennen wir ihn Salman ibn Abd Al-Aziz. Er hat Dinge, auf die auch für eine Kanzlerin wichtig sind. Erdöl etwa oder jede Menge Geld für den Kauf famoser Waffen. Wer unter seinem Einfluss lebt, muss strengsten Regeln folgen, über die noch nicht einmal laut nachgedacht werden darf. Er geht über Leichen. Trotzdem helfen wir ihm, dass er seine Macht über andere Menschen verteidigen kann.

Unser Horst übrigens hat im April letztes Jahr über den Regenten von Saudi-Arabien Folgendes gesagt: „König Salman ist eine beeindruckende Persönlichkeit… Er hat uns überzeugend dargelegt, dass es sein Hauptziel ist, dass die Menschen friedlich zusammen leben.“

Der perverse Onkel wird also hofiert. Er wird weiter zur Familienfeier eingeladen, er bekommt einen besonders schönen Sessel und ein extra großes  Stück vom Kuchen. Man muss bloß den Brechreiz unterdrücken. Aber keine Sorge: Wer Politik macht, lernt das irgendwann.

 

Paris: Schaltet die Lautsprecher ab

Paris war ein Schock. Auch Menschen wie mir, denen ansonsten zu jedem Thema etwas einfällt, haben die Worte gefehlt. Einigen anderen Leuten möchte man diese Sprachlosigkeit ein bisschen länger wünschen. Die politischen Lautsprecher waren viel zu schnell auf Sendung.

„Paris ändert alles“, funkte der bayerische Finanzminister Markus Söder auf Twitter. Alles? Wirklich? Hat sich das Ozonloch geschlossen? Sind Einkommen und Vermögen plötzlich gerecht verteilt? Was bezweckt ein Politiker, indem er ein sowieso unbegreifliches Geschehen zusätzlich überhöht?

Söders Parteichef Horst Seehofer pfiff ihn zwar zurück, sang dann aber doch wieder das Lied von den gefährlichen Eindringlingen. Es dürfe nicht mehr sein, dass sich Fremde unkontrolliert in diesem Land bewegten. Was also machen wir mit schwarzhaarigen Touristen auf dem Christkindlesmarkt? Passkontrollen am Glühweinstand?

Es gibt auch ein anderes Phänomen. Wer leise redet, verwendet schreiende Begriffe. So etwa Bundespräsident Joachim Gauck, wenn er von „einer anderen Art von Krieg“ spricht. Das Wort „Krieg“ entspricht der Propaganda der Terroristen. Müssen wir deren Sprache übernehmen?

Nein, müssen wir nicht. Denn es sind Mörder, die es weder bedeutender noch besser macht, dass sie von ihren kriminellen Auftraggebern mit pseudo-religiösem Unsinn motiviert werden. Sie bringen den Tod durch Kalaschnikows oder Sprengstoff an viele Orte der Welt.

Gewinnen dürfen sie nicht. Ebenso wenig wie jene, die Hass gegen Fremde predigen. Deutsche Faschisten und islamistische Killer sind Brüder im Geiste. Begegnen kann man ihnen nur mit einer klaren Haltung und dem Bekenntnis zur Freiheit. Das Gebrüll der Lautsprecher braucht es dafür nicht. Schalten wir sie ab!

 

 

Was würde Helmut Schmidt tun?

Was würde Helmut Schmidt tun? In diesen Tagen ist diese Frage erlaubt. Könnte ein zupackender Krisenmanager wie er unsere aktuellen Probleme in den Griff bekommen? Könnte er uns die Gewissheit vermitteln, dass alles nicht so schlimm ist und – vor allem – am Ende gut wird?

Angela Merkel ist uns menschlich sympathisch geworden, weil sie angesichts der Flüchtlings-Schicksale Gefühle gezeigt hat. Aber auf eine wachsende Zahl von Menschen wirkt sie allzu zaudernd, wenn sie lächelnd ihre Raute formt. Flankiert wird sie von „Freunden“, die abwechselnd „Transitzone“, „Griechenland“, „Flut“ oder „Lawine“ bellen, weil sie wenigstens so tun wollen, als ob sie Lösungen hätten. Vertrauen stärkt das nicht.

Also sehnt man sich nach der ordnenden Kraft der alten Männer. Nelson Mandela und Helmut Schmidt waren in diesem Sinne überragende Hoffnungsträger. Beide sind tot, Franz Beckenbauer und Hartmut Mehdorn haben dem Nimbus geschadet. Aber bei Papst Franziskus, dem Dalai Lama oder Heiner Geißler leuchten unsere Augen weiterhin.

Alsdenn, was würde der Altkanzler jetzt tun? Er würde, vermutlich, improvisieren und rasche Entscheidungen treffen, von denen man zwei bis drei Jahre später weiß, ob sie richtig oder falsch waren. Weisheit ist langsam, aber viel Zeit haben wir gerade nicht. Wir sollten auch nie vergessen, dass auch ein Kanzler Schmidt nicht alles richtig gemacht hat. Er hat sich sogar von der FDP stürzen lassen – was aus heutiger Sicht undenkbar erscheint.

Wenn wir über aktuelle Krisen reden, ist die eigentliche Frage aber doch: Hätte Helmut Schmidt den Irak-Krieg verhindert? Hätte er George W. Bush treffen und dessen Kriegslust durch den Dampf seiner Menthol-Zigaretten derart schwächen können, dass aus diesem ein Friedenspräsident geworden wäre?

Kann sein. Muss nicht. Ist leider nicht passiert. Aber hätte Helmut Schmidt damals gewusst, was alles kommt, dürfen wir sicher sein: Er hätte das, genau das, mit Genuss getan.

Sterbehilfe? Mein Tod gehört mir

Manchmal schafft unser Parlament die adäquate Inszenierung. So wie gerade bei der Entscheidung über die Neuregelung der Sterbehilfe. Debattiert wurde am Beginn des Totenmonats November. Dem Ergebnis muss man kein allzu langes Leben wünschen.

Die Abgeordneten durften ganz nach ihrer Befindlichkeit reden und ohne Fraktionszwang entscheiden. Wenn das erlaubt ist, weiß man, dass es um eine Angelegenheit geht, bei der das Gewissen mutmaßlich eine größere Rolle spielt als bei anderen Entscheidungen. Man weiß auch, dass die Interessen multinationaler Konzerne nicht berührt sind. Und es, so gesehen, um eine Abstimmung minderer Brisanz geht.

Geschäftsmäßige Sterbehilfe wird also verboten. Sicher, niemand möchte, dass man auf einer Intensivstation oder im Pflegeheim mit Anfragen gewerblicher Jenseits-Schlepper konfrontiert wird. Keiner kann auch wollen, dass Familien Opa und Oma unablässig an deren Verantwortung für das große Ganze, also das Geld der Erben erinnern.

Komisch ist aber doch, dass Geschäftsmacherei rund um den Tod  kein gesellschaftliches Problem ist. Ärzte, Krankenhäuser und Pharmaindustrie profitieren, Pflegeheime verlangen Mondpreise. Sarg- und Urnenpflicht sind die Regel, Bestattungsinstute lassen sich Dienstleistungen eher vergolden denn bezahlen. Und der Glaubensaspekt, dass allein Gott der Herr über Leben und Tod sei und dass der Mensch ihm dessen Entscheidung nicht abnehmen dürfe? Wenn man bedenkt, wie gleichgültig dieser Gott zusieht, wie Menschen in Kriegsgebieten verbluten oder irgendwo jämmerlich verhungern – warum sollte er sich ausgerechnet dafür interessieren, wie ich nach einem alles in allem sehr erfreulichen Leben diese Welt verlasse?

Und sonst? Wie kann man eigentlich von einer Sternstunde des Parlaments reden, bloß weil Abgeordnete frei abstimmen können? Zumal es rein objektiv um ein kleines Thema geht. Etwa 25 Personen haben sich in Deutschland bisher mit Hilfe von professionellen Sterbehelfern getötet. Dem stehen etwa 50.000 Suizide seit dem Jahr 2010 gegenüber. Wurde diesen, oft verzweifelten Menschen die totale, vom Fraktionszwang befreite  Fürsorge des Staates gewährt? Oder haben dessen Gesetze, sagen wir Hartz IV, in Wahrheit nicht um ein Vielfaches mehr Tote herbeigeführt als Vereine wie „Sterbehilfe Deutschland“ oder „Dignitas“?

Lassen wir doch die Verlogenheit und stellen wir fest: Wie jemand stirbt, geht den Staat nichts an. Woher nimmt der Bundestag das Recht, den Bürgern zu verordnen, dass sie sich am Ende ihres Lebens auf der Palliativstation betreuen lassen müssen? Es gibt Menschen, für die eine Endphase voller Schmerzen und mit schwindenden Fähigkeiten lebenswert ist. Aber wer Gestorbene gesehen hat, weiß auch, dass die letzten Stunden grausam sein können.

Der Tod gehört zum Leben, er kommt ab der Geburt täglich näher. Und so, wie wir versucht haben, unser Leben nach unseren Vorstellungen zu gestalten, möchten wir auch sterben dürfen. Mein Tod gehört mir. Kingt flapsig, aber so ist das.