Als Bayern modern war – anno 1946

Da hat die CSU dumm ausgeschaut: Unverbindliche Volksbefragungen wollte sie durchführen. Doch die höchsten Richter des Landes spielten nicht mit. Einfach mal fragen – das sei gegen die Bayerische Verfassung, stellten sie fest.

Wie? Bayern? Eigene Verfassung? Was soll das denn? So dürften viele fragen. Aber es gibt dieses Regelwerk für unser Zusammenleben. Und es ist gar nicht schlecht.

Gemäß dieser Verfassung geht alle Staatsgewalt vom Volke aus. Das klingt gut und anspruchsvoll, stimmt aber wohl eher kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals, als der Einfluss multinationaler Konzerne auf die Politik noch  gering war.

Als Staatsbürger sahen die alten Bayern jeden Menschen ab 18. Fragen wie ethnische Herkunft oder religiöse Ausrichtung sollten keine Rolle spielen. Schließlich sollte jedermann die Freiheit haben, „innerhalb der Grenzen der Gesetze und der guten Sitten alles zu tun, was anderen nicht schadet.“ Allerdings ist „die Bekämpfung von Schmutz und Schund“ als staatliche Aufgabe definiert.

Bayerns Verfassung sagt jedem Menschen eine angemessene Wochnung zu. Menschliche Arbeitskraft ist „als wertvollstes wirtschaftliches Gut eines Volkes“ vor Ausbeutung zu schützen, der Gebrauch von Eigentum hat – so die Verfassung – auch dem Gemeinwohl zu dienen.

Und dann gibt es noch diesen Artikel 105: „Ausländer, die unter Nichtbeachtung der in dieser Verfassung niedergelegten Grundrechte verfolgt werden und nach Bayern geflüchtet sind, dürfen nicht ausgeliefert oder ausgewiesen werden.“

So sah man die Dinge im Jahr 1946. Woraus wir lernen : Manchmal kann früher auch moderner sein. Klüger auf jeden Fall.

 

 

Fakten zählen? Nix da, das ist vorbei!

Postfaktisch. Das also ist der große Trend der Zeit. Jedenfalls hat der für seine richtungsweisenden Sprachbetrachtungen berühmte Verlag Oxford Dictionaries dieses Adjektiv zum internationalen Wort des Jahres 2016 gewählt. Weil immer Menschen auf Tatsachen pfeifen und stattdessen an etwas glauben, was ihnen besser ins eigene Weltbild passt. Wie man es aus dem Online-Handel kennt: Diese Meinung könnte Ihnen auch gefallen.

Verstehen kann man die Menschen. Die Wahrheit ist oft sehr vielschichtig und entsprechend lästig. Einfache Lösungen, wie man sie in Film und Fernsehen erlebt, also etwa Rettung vor Außerirdischen in knapp zwei Stunden, gibt es im realen Leben nicht. Das schürt Zorn auf jene, die man gewählt hat, damit sie Probleme schmerzfrei beseitigen. Und wertet jene Menschen auf, die einfache Lösungen anbieten.

Dann ist es egal, ob ein Donald Trump lügt, wenn er sich als Immobilienhai zum Anwalt der kleinen Leute macht und im Vorbeigehen das völlig absurde Versprechen von 25 Millionen neuen Jobs. Es juckt nicht, wenn sich nationale Alleingänge wie beim Brexit fatal auswirken können. Manche glauben sogar daran, dass die Bundesrepublik Deutschland als Staat gar nicht existiert. Man hat es ja „im Internet“ gelesen.

Nun soll allerdings niemand behaupten, dass unsere Politik immer nur „faktisch“ sei. Wenn die FDP behauptet, dass private Finanzkonzerne die Altersversorgung managen können, ist das genauso daneben, wie wenn jemand „Die Rente ist sicher“ plakatiert. Mancher fabuliert, dass man Probleme mit der Zuwanderung endgültig dadurch regeln könne, dass man eine Obergrenze festsetzt oder indem man einen Staatschef mit diktatorischen Zügen hofiert. Andere wollen mehr Steuergelder von Reichen, ohne Reichtum zu definieren. Und, und, und…

Man sieht: Fakten sind nicht alles. Die Gedanken sind frei. Und ja, man darf auch träumen. Aber: Muss es dann wirklich so oft, albtraumhafter Mist sein?

 

Vorhang auf! Es wird gerecht

Vorhang auf! Jetzt rollt die Welle der Gerechtigkeit. Nach neuesten Bekundungen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannt, wie wichtig dieses Thema für sie ist. Wir möchten es gerne glauben. Allein: Wir schaffen es (noch) nicht.

Die Menschen vermuten, dass unsere Politik mehr für Unternehmen, Banken und ganz einfach Reiche tut als für den Großteil der Bevölkerung. Ein Indiz dafür ist die Sprache, in der sie die großen Themen ans Volk sendet. Elektroautos aus deutscher Produktion sind Zukunft. Sie dürfen bedenkenlos subventioniert werden. Firmenerben sollen keine Steuern zahlen. Es geht schließlich um Arbeitsplätze.

Ist dagegen von sozialer Grundsicherung, von Renten oder von der Gesundheitsversorgung die Rede, stehen an erster Stelle stets „die Kosten“. Weil wir lernen sollen, dass diese Themen die Gesellschaft belasten. Vor allem profitieren ja die „sozial Schwachen“. Das sollen wir nicht einfach hinnehmen, wenngleich diese bei näherem Hinsehen bloß Kapitalschwache sind. Wer wenig Geld hat, ist deswegen kein schlechterer Mensch.

Wenn nichts passiert, wird diese Gruppe mächtig wachsen. Wer heute 2500 Euro brutto verdient und auf diesem Niveau 40 Jahre lang arbeitet, darf später eine Rente von rund 900 Euro erwarten. Von der früheren Idee, dass am Ende eines Arbeitslebens ein sorgenfreier Ruhestand stehen sollte, ist nicht mehr viel übrig.

Die Regierenden lenken deshalb ab. Aus ihren Reihen wurde gerade angemerkt, dass es für Geringverdiener gut sei, private Altersvorsorge zu betreiben. Man nehme also Geld, dass man nicht hat und gebe es einem Versicherungskonzern, der kaum Ertrag erwirtschaft, aber immerhin Gebühren bekommt. Objektiv geht das nicht, außer in der globalen Finanzwirtschaft. Deren größte Stars operieren seit jeher mit Geld, das ihnen nicht gehört.

Unseren Normal-Rentnern hilft das nicht. Sie brauchen gut Argumente, am besten wirtschaftsfreundliche. Etwa jenes, dass die Kaufhäuser endgültig am Ende sind, wenn nicht wenigstens die online-skeptischen Alten dort einkaufen können. Oder eben jenes: Menschenwürde. Aber das ist für Realpolitik natürlich sehr abstrakt…

 

 

 

Banken: Unterm feinen Zwirn riecht es faulig

Kleider machen Leute. Dieses Sprichwort sendet zwei Botschaften aus. Wer in einer bestimmten Funktion ernst genommen werden möchte, sollte sich  passend anzuziehen. Es kann sich aber auch um Tarnung handeln, unterm feinen Zwirn kann es faulig riechen.

Letzteres hätten wir unseren Banken noch vor einigen Jahren nicht zugetraut. Ihre Chefs und Mitarbeiter galten uns als integre Persönlichkeiten, deren Lebensziel es war, den Wohlstand aller Kundinnen und Kunden zu mehren. Dieses Vertrauen war schon damals romantisch. Inzwischen jedoch ist der Lack völlig ab.

Schuld daran ist vor allem die Deutsche Bank. War sie einst ein Geldinstitut, an dessen Fassaden die Menschen ehrfürchtig hochschauten, entpuppt sie sich zusehends als Biotop für Finanzgaunereien jeglicher Art. Ganz frisch ist herausgekommen, dass sie Vertrauten des russischen Präsidenten Wladimir Putin geholfen hat, in großem Stil Geld zu waschen.

Die Deutsche Bank konterkariert also die Embargo-Politik, die Bundeskanzlerin Angela Merkel in Ukraine-Konflikt als einzig richtigen Weg lobt. Und was ist aus der Aufsichtsbehörde BaFin zu hören? Man wolle Milde walten lassen. Stecken Hochfinanz, Politik und Staatsbürokratie also unter einer Decke?

Man möchte es nicht glauben. Aber dann kommt Peer Steinbrück. Er wird Berater bei der ING-Diba-Bank. Was der genaue Auftrag des frisch aus dem Bundestag zurückgetretenen Sozialdemokraten ist, weiß man nicht. Man darf aber erwarten, dass ein Ex-Kanzlerkandidat, Ex-Bundesfinanziminister und Ex-Ministerpräsident jedem Geldinstitut hilfreiche Insider-Informationen geben kann.

Doch darf einer wie er nicht seinen Marktwert nutzen? Erst recht, wo er für sich schon immer Beinfreiheit eingefordert hat?

Schon, aber die Botschaft an alle Beteiligten ist so klar wie übel. Das Volk erfährt, dass sich Regierung und Hochfinanz nahe sind. Und Politikern wird klar gemacht, dass man Geldkonzernen nicht zu sehr auf die Finger klopfen sollte. Nur dann winkt später die Belohnung.

Peer Steinbrück kann seinen Ruhestand noch ein bisschen mehr genießen. Ein wirksames Deodorant sei ihm allerdings empfohlen.

Dresden: Musste das wirklich sein?

Dresden? Musste das wirklich sein? Das werden sich viele Menschen nach den beschämenden Bildern vom Umfeld der offiziellen Feier zum Tag der Deutschen Einheit gedacht haben. Als Quasi-Halb-Sachse (Mutter in Dresden geboren) vermitteln auch mir meine entfernten Verwandten massives Unbehagen.

Man fragt sich, was die „Hau-ab“-Schreier haben möchten. Wollen sie die Mauer zurück? Ist ihnen die Idee einer offenen Gesellschaft dermaßen zuwider, dass sie lieber in einer gut organisierten Diktatur nach DDR-Maßstab leben wollen? Wenn sie Politiker*innen als „Volksverräter“ beschimpfen, glauben sie dann wirklich, sie seien das Volk?

Probieren wir es doch mal mit kühlem Kopf. Definitiv ist es so, dass Sachsen ein riesiges, auf offizieller Ebene lange verdrängtes Problem mit Rechtsradikalen hat. Wer vor einigen Jahren an einer großen Anti-Nazi-Demonstration in Dresden teilgenommen hat, konnte die Sympathien der dortigen Polizei für „anständige Deutsche“ am eigenen Leib erfahren. Angeblich hat ein Polizist den „Pegida“-Anhängern an diesem 3. Oktober per Lautsprecher-Durchsage einen „erfolgreichen Tag“ gewünscht.

Trotzdem greift es zu kurz, alle Sachsen und auch alle Dresden als rechte Deppen anzuschauen. Es gibt dort auch reichlich Andersdenkende. Es ist zudem klar, dass diejenigen, die schockierend zahlreich die allgemeinen Erwartungen nach blödem Benehmen erfüllen, in den Fokus der Medien geraten. Sucht man nach Entschuldigungen für das Hass-Gebaren, dann wird man in der DDR-Zeit fündig. Dresden wurde gegenüber der Hauptstadt Berlin in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Die Menschen hatten nicht einmal West-Fernsehen. Man nannte Elb-Florenz auch das Tal der Ahnungslosen. Was es mit Blick auf ausländische Mitbürger*innen wohl immer noch ist.

Was lernen wir aus dem Gebrüll zur Deutschen Einheit? Wer Neonazis an der langen Leine lässt, darf sich nicht wundern, wenn die Hunde irgendwann nicht nur bellen. Außerdem: Eine Politik, die das Thema Gerechtigkeit zu nachlässig bearbeitet und stattdessen „die Märkte“ hätschelt, darf sich über wachsenden Zorn nicht wundern. Und das nicht nur in Dresden…

Leiten ist gut, aber Kulturen gibt es viele

Das Wirken des Gesetzgebers erfreut uns dann am meisten, wenn es klare Verhältnisse schafft. Wir wollen schließlich woran wir sind. Doch so einfach geht Politik nicht. Jüngstes Beispiel: Die CSU möchte den Begriff „Leitkultur“ in der Bayerischen Verfassung verankern.

Bayerische Verfasung, gibt es die überhaupt? Jawohl, und sie ist nicht das schlechteste derartige Regelwerk. Darin heißt es zum Beispiel: „Jeder Arbeitnehmer hat ein Recht auf Erholung.“ Oder auch: „Jedermann hat das Recht, sich durch Arbeit eine auskömmliche Existenz zu schaffen.“ Oder: „Ausbeutung, die gesundheitliche Schäden nach sich zieht, ist als Körperverletzung strafbar.“

Aber Leitkultur, was soll das sein? Ministerpräsident Horst Seehofer erklärt zwar, dass „unsere Hausordnung“ nicht verhandelbar sei. Wer dann aber welche Treppe kehrt oder wer zu was intergriert werden soll – da bleibt es sehr im Allgemeinen, indem er sagt:„Bayern soll Bayern bleiben. Deshalb streben wir an, dass der Begriff der Leitkultur als Voraussetzung für Solidarität und Miteinander in die Bayerische Verfassung aufgenommen wird.“

Gegen „Leit“ ist nichts zu sagen. Hier wird eine Richtung vorgegeben. Wir kennen den Leitwolf, der uns den Weg zeigt, den zumeist besonders intelligenten Leitartikel als Grundlage für politische Meinungsbildung, den Leitfaden, der uns durch jedes Labyrinth unserer Gedanken lenkt. Wir wissen, dass Leitzinsen auch gegen Null gehen können und dass uns Leitplanken davor bewahren, in tiefe Schluchten zu stürzen.

Doch Kultur? Davon gibt es so unendlich viel. Wir können uns zwar denken, dass für die CSU der Islam nicht zu Deutschland gehört. Aber ist uns der Döner nicht genauso nahe wie die Bratwurst? Sind Tore eines polnischen Mittelstürmers, die von einem Franzosen muslimischen Glaubens vorbereitet wurden, etwas nicht mit unserer Leitkultur vereinbar? Ist Leitkultur eine Form von Hochkultur? Oder ist sie Alternativkultur im Sinne eines Bollwerks gegen das allgemeine Multikulti?

Was wollen wir unseren neuen Mitbürgern lehren, womit wollen wir sie vertraut machen?  Unternehmenskultur, Sprachkultur, Popkultur, Monokultur, Wohnkultur, Pilzkultur, Tischkultur, Müllkultur oder Hydrokultur? Ist die Integration des Flüchtlings gar erst dann vollendet, wenn er Freikörperkultur gut findet?

All das müssten wir wissen, um die bayerische Leitkultur-Initiative zu verstehen. Bis dahin sei festgestellt: Dieser Freistaat mag seine ganz eigenen Kulturbringer haben. Die Lederhose ist es nicht.

Wir schaffen es. Falls uns das Leben nicht schafft

Wir sind geschafft. So fühlt es sich für viele Menschen an. Der Probleme sind viele, die Veränderung ist groß. Und dann auch noch die Flüchtlinge. Hat also Bundeskanzlerin Angela Merkel innerlich hämisch grinsend „Wir schaffen Euch“ gedacht, als sie den famosesten Politiker-Satz seit „Der Islam gehört zu Deutschland“ gesagt hat? Läuft da eine Verschwörung?

Gemach, gemach. Fragen wir uns doch erst einmal, warum uns dieser schlichte Satz so tief berührt. Nein, es ist nicht Barack Obama und sein „Yes, we can“. Es ist das Alte Testament. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, lautet dessen erster Satz. Wir machen das jetzt mal, verständigte sich der Herr damals mit dem Heiligen Geist. Das war der Anfang von VW, Airbus, Smartphones und Fußball-Bundesliga.

Zweifeln mag man am Text der Bibel-Übersetzung. Müsste es nicht „Im Anfang erschuf Gott…“ heißen? Kleine Vorsilbe, großer Unterschied. Wer etwas schafft, nimmt des Lebens Mühsal auf sich, um eine ihm gestellte Aufgabe zu erledigen. Er ist Opfer im großen Spiel und spürt sein Glück wie alte Menschen, die zufrieden sind, wenn sie trotz aller Gebrechen irgendwie doch über die Runden kommen.

Wer etwas erschafft, gestaltet die Voraussetzungen  für etwas Neues. Er bewältigt nicht nur, sondern formt die Zukunft.

Man muss allerdings befürchten, dass Angela Merkel tatsächlich eher etwas schafft. Unter ihrer Ägide hat die Regierung die bevorstehende Zuwanderung zunächst ignoriert. Man ließ die Dinge geschehen, um dann zu sehen, wie man irgendwie damit zurechtkommt. Gemäß der Devise des chinesischen Gelehrten Laoste: Nichtstun ist besser, als mit Mühe nichts zu schaffen.

Doch reicht das? Wahrscheinlich nicht. Denn so sehr die Balkan-Route verrammelt werden kann, so wenig lässt sich das Mittelmeer einzäunen. Bleiben wir bei den Gelehrten: „Sie schaffen eine Wüste und nennen es Frieden“, blickte der römische Gelehrte Tacitus erstaunlich vorausschauend auf die europäische Flüchtlingspolitik.

„Die Tränen lassen nichts gelingen. Wer schaffen will, muss fröhlich sein“, ergänzte der Dichter Theodor Fontane. Woraus wir letztlich lernen: Nichts schafft uns, wenn wir es schaffen wollen. Aber tun müssen wir schon etwas.

Der Staat als Klamottenpolizei

„Weg mit der Burka!“ Diese lautsprecherisch vorgetragene Forderung gehört zum Standard-Repertoire vor allem konservativer Politiker*innen. Jüngst hat sich das CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn damit aus dem Fenster gelehnt. Aber hülfe uns das? Denken wir nach.

Warum gibt es das Recht? Warum mischt sich der Staat in unser Leben ein? Weil es ohne Gesetze und ohne Regeln keine Freiheit gäbe. Die Willkür der Mächtigen würde herrschen, die Chance auf Gerechtigkeit gäbe es nicht. Es handelt sich also um ein edles Ziel, weshalb Regierungen auf fanatische Gesetzgebungswut verzichten sollten. Man kann Freiheit auch zu Tode regeln.

Jetzt aber konkret gefragt: Sollen sich Politik, Staat und Justiz in Fragen der Bekleidung ihrer Bürger*innen einmischen? Sicher, die Burka ist nach unserem Verständnis ein abstoßendes Kleidungsstück. Wir sind sicher, dass Frauen diese Ganzkörperverhüllung keinesfalls freiwillig tragen. Wir sagen: Wer die Burka überwirft, wird unterdrückt. Und das darf nicht sein. Weil hinter jeder geknechteten Muslima ein Gesinnungs-Taliban steht.

Andererseits gibt es Bekenntnis-Kleidung auch anderswo. Christliche Nonnen haben zwar ein größeres Sichtfeld. Ihre Tracht ist der Burka ansonsten recht ähnlich. Mitarbeiter von Banken müssen schwarze Anzüge, Burgerbrater lustige Mützen tragen. Selbst unsere größten Idole, die Fußballer, können das viele Geld nur verdienen, wenn sie albern in kurzen Hosen und Kniestrümpfen über blumenlose Wiesen rennen.

Von bösen Modesünden, die sensible Mitmenschen belästigen, wollen wir gar nicht reden. Interessant wäre allerdings zu erforschen, ob sich unsere politischen Frauenrechttler*innen häufiger und energischer gegen die Burka als gegen die Dienstkleidung von minderjährigen Huren auf dem Straßenstrich positioniert haben. Wir ahnen die Antwort.

Jedenfalls: Wenn es um die Burka geht, wird durchgegriffen, wenigstens verbal.  Dumm bloß, dass es unseren Frauen auch nicht so rundum prima geht. Dann etwa, wenn sie nach einer Familienphase von Teilzeit in Vollzeit zurückkehren wollen, um Karriere machen zu können. Das scheitert häufig an den Chefs. Da schauen die Politiker gerne weg.

Genau das sollten sie bei der Burka tun. Um mehr Energie für die wahren Probleme zu haben.

Nein heißt Nein: Ein gutes Prinzip mit Tücken

„Nein bedeutet Nein!“ Dieses Prinzip ist wunderbar. Bedeutet es doch, dass niemand gegen seinen Willen zu etwas gezwungen werden darf. Seit Neuestem ist es im Sexualstrafrecht verankert. Bringen wird das mehr Opferschutz, aber bestimmt auch viel Verdruss.

Potenzielle Straftäter müssen abgeschreckt, Täter müssen bestraft werden.  Allerdings : Die jetzt erfolgte Verschärfung des Sexualstrafrechts, die wegen der Kölner Silvester-Grabschereien härter als ursprünglich geplant gefasst worden ist, macht die Staatsanwaltschaft zum Stammgast in der Intimsphäre der Menschen.

Es mag sein, dass mancher Sex so schlecht ist, dass er an eine Straftat grenzt. Aber was bedeutet es für ein Gericht, wenn eine  Frau – der Schutz des „schwachen Geschlechts“ steht ja klar im Vordergrund der Gesetzesverschärfung – am Tag danach entscheiden kann, ob das, was sie in der Nacht zuvor erlebt hat, einvernehmlich gewesen ist?

Da das neue Sexualstrafrecht schon den Verstoß gegen das Prinzip „Nein heißt Nein“, also das Missachten von Einvernehmlichkeit sanktioniert, werden den Gerichten in diesen Fällen objektive Fakten oder Entscheidungshilfen, also Folgen von körperlicher Gewalt oder Zeugenaussagen fehlen. Oft wird Aussage gegen Aussage stehen, und nicht selten werden Opfer und/oder Täter nach einer mit Alkohol oder anderen Drogen garnierten Nacht das Geschehen nicht zweifelsfrei schildern können.

Wo es keine objektive Wahrheit gibt, wird es darauf ankommen, wie sich das Geschehen für das Gericht darstellt. Etliche Urteile werden nicht befriedigen, weshalb Fälle in die nächste Instanz gehen dürfte. Häufig wird es am Ende – zum Verdruss der Opfer – „im Zweifel für den Angeklagten“ heißen.

Denken wir auch an die größte Trachten-Grabscherparty Deutschlands, das Münchner Oktoberfest. Sollte ein sexueller Übergriff angezeigt werden, wird das Opfer behaupten, es habe Nein gesagt. Der Angeklagte wird erklären, nichts gehört zu haben, da die Musik zu laut war. Seine mitfeiernden Freunde wiederum, die gemäß neuem Recht zu bestrafungswürdigen Komplizen werden, falls sie etwas bemerkt haben sollten, werden wenig hilfreich sein.  Zeugen müssen die Wahrheit sagen, sich aber nicht selbst belasten. Und überhaupt: Die Musik war laut.

Fazit: In vielen Lebenslagen, ob privat oder beruflich, wäre Respekt für das Prinzip „Nein bleibt Nein!“wichtig. Als gesellschaftlicher Konsens könnte das auch funktionieren, als Fall für die Justiz wird es immer schwierig sein. Erhoffen wir uns vom neuen Recht also nicht zu viel.

PS.: Die Frau, die ihren Mann trotz seines Neins mit Zärtlichkeiten von der Schlussphase einer Fußball-Übertragung weglotsen möchte, wandelt schon immer auf dünnem Eis. In Zukunft auch strafrechtlich…

Obergrenze wird das Wort des Jahres

Freunde unserer deutschen Sprache freuen sich immer auf die Wahl des „Wort des Jahres“. Welcher Begriff hat sich mit Macht in unseren Sprachgebrauch geschlichen und die öffentliche Diskussion geprägt. 2016 befindet sich erst im zweiten Monat, aber der Sieger dürfte klar sein: „Obergrenze“ wird es.

Tatsächlich handelt es sich um einen Begriff, der bislang ein Schattendasein inmitten verschiedener Gesetzbücher geführt hat.  Betroffen von der Obergrenze waren und sind zum Beispiel arbeitslos gewordene Besserverdiener. Für sie gilt ein Limit nach oben. In den Sammlungen von Zitaten und Aphorismen, die kluge Aussagen bis zurück in die Antike auflisten, kommt dieses Wort nicht vor.

Dank Horst Seehofer und den Pegida-Schreihälsen wissen wir allerdings, dass die „Obergrenze“ dem Wesen nach böse ist. Wurde sie doch von ihm mit zusammenbegissenen Zähnen in Sachen Flüchtlinge eingeführt und dank vielfacher Wiederholung wirksam in die öffentliche Debatte eingeführt. Sie ist so zum Synonym dafür geworden, dass eben irgendwann Schluss ist. Unser Wort ist das Basta der Bürokraten und Abstempler.

Viele finden es gut, zumal wir unsere eigenen Obergrenzen kennen oder zumindest erahnen. Wie gerne hätten wir ein Limit für unser Gewicht, wie klug wäre für manchen eines für die Kombination Schnitzel und Landbier, wie segensreich eine Obergrenze für sinnlose E-Mails.

Stattdessen kommt die Regierung mit der Obergrenze für Bargeld daher. Man soll bei Einkäufen nur noch maximal 5000 Euro von Hand zu Hand weitergeben dürfen. Dies würde, so sagt man uns, dem weltweiten Terrorismus einen empfindlichen Schlag versetzen.

Ganz bestimmt, wir sind für den Kampf gegen Idioten mit Sprengstoffgürteln. Aber dass in einem freien Land mutmaßlich freien Bürgerinnen und Bürgern vorgeschrieben wird, ob sie ihren Gebrauchtwagen mittels Bargeld, Überweisungszettel oder Online-Banking kaufen, geht zu weit. Denn was kommt als nächstes? Kreditkartenpflicht beim Brezenkauf?

Wie wir etwas bezahlen, geht den Staat nichts an. Wir ziehen die Lehre – und stellen unsere Forderung auf: Die Obergrenze für absurde politische Ideen, sie möge kommen.