Posts Tagged ‘Politik’

März 17th, 2014

Wählen kann auch sexy sein

Absolute Mehrheit für die Nichtwähler! Nach der Kommunalwahl herrschte nicht nur bei uns in Nürnberg unter Politikern und politisch Interessierten totales Unverständnis, wieder einmal. Woher in aller Welt komme diese Wurstigkeit? Was erlaube Wahlvolk?

Wundern kann man sich schon. Das bayerische Kommunalwahlrecht ist Demokratie pur. Man ist an keine Partei gebunden. Man kann einzelne Kandidaten favorisieren oder streichen. Ganz wie man will. Bei uns hatten die Menschen 70 Stimmen zum persönlichen Jonglieren. Das Jammern, dass man ganz und gar den Vorgaben der Parteien ausgeliefert sei, passt hier nicht. Trotzdem lag die Wahlbeteiligung nur bei 44 Prozent.

Wundern muss man sich nicht. Eine hohe Wahlbeteiligung entsteht durch Spannung. Wenn kontroverse Themen fehlen, wenn sich die Stadtbewohnern wohlfühlen, anstatt zu diskutieren, fehlt das Gefühl, dass man als Nichtwähler etwas verpassen könnte. Wenn dann auch noch Sofawetter herrscht, panaschiert man eben lieber mit Kaffee, Chips und Bienenstich.

Wundern muss man sich nicht. Denn wir sind gar nicht so interessiert daran, was vor unserer Haustüre passiert. Wenn der Schnee zuverlässig von der Straße geräumt wird, ist schon viel errreicht. Wir schimpfen über Hundekot, Ratten, Tauben, Müll auf den Straßen, Spielsalons und benzingetriebene Laubbläser. Für die wirklich großen Probleme fehlt uns die Zeit. E läuft ja Bundesliga.

Freuen darf man sich doch. Ein aus Afrika stammendes Ehepaar wählt, frisch eingebürgert, zum ersten Mal. Mit Stolz und strahlenden Gesichtern. Wählen kann also sexy sein. Man muss es nur zu schätzen wissen.

Januar 26th, 2014

Kampf-Frauen braucht es wirklich nicht

Es gibt so einen seltsamen Aspekt in unserem Leben: Erwarte das Unerwartete, aber errege dich über das Naheliegende. So geht es mir angesichts der neuen Meldungen über die Bundeswehr. Frauen seien dort – speziell in den Kampftruppen – nicht gerne gesehen, heißt es. Die Studie wird veröffentlicht, und ein Seufzen hebt an. Wie könne es auch heute noch geschlossene Männergesellschaften geben? Ich meine: Es ist nicht notwendig, Frauen zum Töten auszubilden und einzusetzen. Wir sollten uns das sparen.

Wer ehemaligen Soldaten zuhört, wird leicht erkennen, wie wichtig das vermeintlich Männliche für das Funktionieren einer Armee ist. Kaum einer wird davon erzählen, wie toll es war, an einem Nachmittag zehn blutrünstige Taliban erschossen zu haben. Die Legenden des schönen Soldatseins drehen sich um das, was man in diesem Umfeld als “Kameradschaft” versteht. Also zum Beispiel um das kollektive Komasaufen im Bierkeller der Kaserne. Wer zum Töten (was in der Kriegslogik liegt, weil er ansonsten selbst erschossen wird) rausfährt, möchte nicht in die Verlegenheit kommen, der Kollegin die Luke zum Panzer aufhalten zu müssen.

Genau in diese Richtung gehen aber die Verlautbarungen unserer “Flinten-Uschi” (Quelle: heute-show). Die Bundeswehr solle einer der modernsten Arbeitgeber werden. Vor allem die Vereinbarkeit von Familie und Beruf solle gefördert werden. Gut, es kann ja sein, dass ein Cyber-Soldat, der per Joystick Drohnen über den Jemen lenkt, unsere Demokratie lieber in Teilzeit verteidigt. Weil er auch mal bei den Kindern sein will. Gleiches gilt für die Vorschriftenverwalter in den Stäben. Aber ansonsten ist der Soldatenberuf dem Wesen nach familienfeindlich. Oder ist es wirklich so gedacht, dass Papa seine Zwillinge auf dem Weg zur Front in der Montessori-Kinderkrippe “Afghanenzwerge” abgibt?

Ich halte das für reine PR für einen Beruf, den keiner mehr machen will. Viel wichtiger wäre es, dass die Politik dafür sorgt, dass Soldaten nach Kampfeinsätzen ins normale Leben zurückkehren können. Zum Beispiel durch eine sichere Zusage für geeignete Jobs nach dem Ende der Dienstzeit. Der Attraktivität der Bundeswehr würde es helfen.

Ja, und was ist mit den Soldatinnen? Da bin ich komplett von gestern. Rein evolutionstechnisch sehe ich Frauen als Wesen, die Leben schenken. Und nicht nehmen. Gleichberechtigung an der Waffe? Das braucht es wirklich nicht. Weniger Soldaten überhaupt – das wäre das richtige Ziel.

 

 

 

 

Januar 19th, 2014

Schluss mit Skandalen! Doktortitel für Alle!

Ja, es stimmt. In Sachen Politik suche ich stets das Haar in der Suppe. Heute jedoch wende ich mich mit einem gut gemeinten Rat an Regierende und Volk: Kümmern wir uns endlich um die großen Themen. Machen wir Schluss mit vermeidbaren Skandalen. Starten wir die Aktion “Doktortitel für Alle!”.

Geweckt wurde meine heiße Sehnsucht nach Harmonie durch ein gegeltes Haar in der Suppe. Sozusagen. Der neue CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer verzichtet ab sofort auf das Führen seines Doktortitels. Diesen hatte er als “kleines Doktorat” auf eine billige Art in Prag erworben. Die Pinscher-Promotion hatte er gewählt, weil man ihn an der Universität seiner Heimatstadt Passau zugelassen hatte. Der zuständige Politik-Professor Heinrich Oberreuter (als TV-Analytiker von der CSU durchaus geschätzt) erinnert sich: „Andreas Scheuer gehörte nicht zu denen, die sich uns dazu aufgedrängt hätten, dass wir sie zu höheren akademischen Weihen führen.“

Es ist also wieder ein Schaumschläger entlarvt. Aber was bringt uns das? Wir wissen doch eh, dass scharfer Intellekt oder gar ausgewiesene Klugheit den erfolgreichen Politiker nicht zwangsläufig ausmachen. Wir wissen zugleich, dass sich viele Politiker/-innen Respekt sehnen. Niemand soll Zweifel daran haben, dass sie etwas Besonderes sind. Wohlklingende Titel oder Anreden für die Herrschenden hat es immer gegeben.

Majestät, Durchlaucht, Exzellenz – das alles klingt nach etwas. Wie öde wirken dagegen Titel wie MdB (Mitglied des Bundestages) oder MdL (Mitglied des Landtags). Da lacht doch selbst der gemeine Facharbeiter.

Ich schlage deshalb Folgendes vor: Wir erkennen an, dass die Fähigkeit, in einer 15-minütigen Wirtshausrede  sowohl über Familienpolitik, Armut, Rentenkasse, Afghanistan, Schulobst wie auch Windkraft zu schwadronieren, als akademische Leistung anerkannt wird. Was bedeutet, dass jedem/r Politiker/-in vom Landtag aufwärts nach erfolgter Wahl der Doktortitel zugesprochen wird. Fraktionsvorsitzende und deren Stellvertreter/-innen dürfen sich für die Dauer dieser Tätigkeit “Professor auf Zeit”. Ab Minister aufwärts darf zwischen Anreden gewählt werden. Eminenz für christliche Politiker oder ZK-Chef für Linke sind im Angebot. Schließlich: Wenn sich das Ganze bewährt hat, werden Doktortitel auch für TÜV-zertifizierte Wichtigtuer freigegeben.

Dann ist Frieden an der Plagiatsfront. Dann steht die Sonne der Forschung endlich tief. Und dann, wir wissen es vom Satiriker Karl Kaus, werfen selbst Zwerge einen langen Schatten.

 

 

 

 

 

Januar 15th, 2014

Wenn Tourismus hinterfotzig wird…

Es ist also “Sozialtourismus”. Das “Unwort des Jahres” gehört zu jenen Erfindungen, für die man der hohen Wissenschaft zutiefst dankbar sein darf. Deckt es doch die Hinterfotzigkeit dieser politischen Parole auf, welche uns ausschließlich Folgendes suggerieren soll: Passt auf. Das Fremde ist böse. Wir aber beschützen Euch.

Man muss das Unwort 2014 nicht unbedingt negativ lesen. Tourismus kann ausgesprochen sozial sein. Dann nämlich, wenn er dazu beiträgt, dass es den Menschen in der besuchten Region besser geht. So, wie es früher bei den Ägyptern war, welchen wir aber den Rücken gekehrt haben, weil sie uns wegen ihres Strebens nach Demokratie bedrohlich erscheinen. Der so genannte Ballermann auf Mallorca stand für die Variante Asozialtourismus. Die Unkultur der Saurauslasser soll es ja auch geben.

Aber dem nunmehr Sprachschöpfer des Unworts ging es um etwas anderes. Er will uns einreden, dass es dunkelhaarige, braunäugige, ungepflegte Menschen gibt, die mit ihren Schrottkisten nur deshalb in unsere Städte kommen, weil sie auf der Durchfahrt die famosen Hartz-IV-Leistungen mitnehmen oder anderweitig schmarotzen wollen. Subjekte, die man nie in unseren schönsten Kirchen und Museen lustwandeln sehen wird. Sie machen uns Angst. So sehr, dass der freistaatsgläubige Altöttinger Saufkopf nach jedem Schluck den Bierdeckel auf den Maßkrug legt, damit ihm kein Bulgare überfallartig die Schaumkrone vom Madonnen-Schwarzbräu wegschlürft.

Warum aber wird uns die Fremdenfeindlichkeit nicht direkt ins Gehirn gedübelt? Warum wählt man nett klingende Begriffe? Wahrscheinlich, weil man “Zigeuner” nicht mehr sagen darf.

Die Hinterfotzigkeit der aktuellen politischen Kampagne ist doch, dass man so tut, als wäre Armut kein ehrbarer Grund, eine neue Heimat zu suchen. Das ist nicht immer so. Wenn irgendwo in Deutschland eine größere Fabrik schließt oder wenn ein Firmenstandort verlagert wird, schreien Wirtschaft und Politik laut nach der Flexibilität der Arbeitnehmer. Wer diese zeigt, wird ausdrücklich gelobt.

Und: Sind nicht ab Ende des 19. Jahrhunderts Hunderttausende Deutsche auf Dampfschiffen vor ihrer Armut nach Amerika geflüchtet? Wie ist es mit den Sudetendeutschen, die von Gewalt und Enteignung in die Flucht geschlagen wurden? Werden sie nicht in Festreden als “der vierte Volksstamm Bayerns” gefeiert? Und zwar mit besonderer Hingabe von CSU-Politikern?

Ja aber, kommt es dann, das seien schließlich Landsleute, Menschen von unserem Blut. Dazu fällt mir: Mein Arzt hat schon mehrfach meinen Hämoglobin-, Harnsäure oder Cholesterinwert ermittelt. Den Deutschseins-Koeffizienten noch nie. Das Mann muss bei den Grünen sein…

 

 

 

 

 

 

Januar 6th, 2014

Danke, Pofalla! Du gibst uns Hoffnung!

Ist ja wieder mal typisch für diese moderne Gesellschaft: Da wird ein Bösewicht ausgemacht, an den medialen Pranger genagelt – und wird prompt zum Opfer für den Rest der Welt. Das hatten wir beim Limburger Bischof Teebürzel oder so. Jetzt hat es den ehemaligen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla erwischt. Er gilt uns als neuester Prototyp für raffgierige Politiker. Wie ich finde, zu Unrecht. Denn dieser Mann macht Hoffnung!

Betrachten wir das Alter. Da ist es einem 54-Jährigen gelungen, seine Anschlussverwendung so zu regeln, dass er hinterher weniger Arbeit, aber mehr Geld hat. Das beweist uns doch, dass das Leben für Menschen dieser Altersgruppe selbst nach einer grandiosen Fehlleistung – vorzeitige Beendigung der NSA-Affäre – nicht vorüber sein muss. Dieser Mann steht auf, er zeigt seinen Kritikern die lange Nase. Zumal er weiß, wie sehr ihn seine Feinde um den neuen Job beneiden.

Außerdem hat Ronald Pofalla zu Protokoll gegeben, dass er sich nach seiner Zeit als Angela Merkels Wachhund verstärkt um seine junge Frau kümmern und eine Familie gründen wolle. Als Vorstand der Deutschen Bahn sollte er eine Schlafwagen-Netzkarte besitzen. Na, ist bei unserem Zorn vielleicht auch Neid im Spiel?

Aber dieser Mann macht auch Hoffnung für viele junge Menschen. Nicht nur, dass er als Sohn einer Putzfrau und eines Feldarbeiters sowieso weit gebracht hat. Nein, wegen seiner Ausbildung. Viele Eltern flehen ihren Nachwuchs an, doch bitteschön etwas Solides zu lernen und nicht irgendeiner brotlosen Kunst zu verfallen. Also nicht Geisteswissenschaftler zu werden, um schließlich Pils zu zapfen oder mit schwarzer Hornbrille “irgendwas mit Medien” zu machen.

Oder – fast noch schlimmer – Sozialpädagoge zu werden, um sich für 35.000 Euro Jahresbrutto alles Leid dieser Welt aufzuladen. Nicht so Ronald Pofalla:  Er hat sich zum Sozialpädagogen ausbilden lassen. Aber bringt es voraussichtlich auf 1,3 Millionen. Auch pro Jahr.

Dieser Mann zeigt uns: In diesem Leben ist nichts zementiert. Es gibt großartige Karrieren, auch wenn sie nicht leicht zu begreifen sind. Diese Botschaft brauchen wir alle. Deshalb sprühen wir’s an jede Wand: Danke, Pofi! Dich braucht das Land!

 

 

Dezember 6th, 2013

Es gibt auch Helden in der Politik

Nelson Mandela - für mich ein echter Held.Es schimpft sich leicht über die Politiker. Ihnen fehle jedes Gespür für das wahre Leben. Sie seien verlogen, arrogant, ausschließlich geil auf wichtige Posten. Und sie taugten ganz und gar nichts. Weil sie nicht handelten, sondern nur schön reden würden. Das sagen wir – und rufen nach besseren Volksvertretern.

Zum Glück: Es gibt in der Politik auch Helden. Nehmen wir Nelson Mandela. Der jetzt gestorbene südafrikanische Präsident hat einen schier unfassbaren Lebenslauf. Als Anwalt der schwarzen Bevölkerung zu lebenslanger Haft verurteilt, lehnte er nach 23 Jahren im Gefängnis  seine Freilassung ab,  weil ihm die Abschaffung der Apartheid nicht zugesichert wurde. Erst weitere vier Jahre später war er ein freier Mann.

Seine wahre menschliche Größe zeigte er, als er als erster schwarzer Staatspräsident keinen Rachefeldzug gegen die ehemaligen Unterdrücker führte. Er setzte, im Gegenteil, auf eine versöhnliche Aufarbeitung der Geschichte. So wurde Nelson Mandela zum wirklich würdigen Friedensnobelpreisträger.

Gäbe es mehr Politiker/-innen dieses Kalibers, könnte man sich zurecht Hoffnungen auf eine bessere Welt machen. Aber es sind auch andere da.

Nehmen wir Hans-Peter Friedrich. Der CSU-Mann aus Naila in Oberfranken ist der nachvollziehbar schlechteste Innenminister seit vielen Jahrzehnten, vermutlich sogar seit dem Zweiten Weltkrieg. Aus einer Gegend stammend, aus der die Menschen wegziehen, hat er meistens von Vertretern seiner Partei besetzte Rolle des Überfremdungs-Mahners übernommen.

Tausende von Flüchtlingen ersaufen im Mittelmeer “Italien muss seine Hausaufgaben machen”, sagt Friedrich. Freizügigkeit für EU-Bürger/-innen? Ja, aber bloß nicht für Bulgaren und Rumänen. Auch dann nicht, wenn es überwiegend gebildete, gut ausgebildete Migranten sind. Und Rückgrat zeigen bei Großmachts-Gehabe der USA? Nicht mit Friedrich, dem großen Freund des großen Verbündeten.

Fazit: Es stimmt, dass es falsch ist, nur über die Politiker zu schimpfen. Aber dass zu oft die Falschen am Ruder sind, stimmt leider auch.

 

 

 

Dezember 2nd, 2013

Große Männer und die böse blonde Frau

Unfassbar, diese impertinente Person! So hätte man früher über die Fernsehjournalistin Marietta Slomka geschimpft. Unternahm sie doch den Versuch, den kommenden Vizekanzler Sigmar Gabriel am Nasenring durchs öffentlich-rechtliche Fernsehen zu führen. Mit der Frage, ob der von ihm ausgerufene SPD-Mitgliederentscheid zur Großen Koalition ein, pointiert ausgedrückt, Anschlag auf die Verfassung sei.

Stimmt schon, die Fragestellung war abseitig. Aber das erklärt nicht die irre Aufregung um das ZDF-Interview. Ich meine, es steckt mehr dahinter. Nämlich die Angst der großen Männer vor der bösen Frau.

Es hätte sich doch niemand aufgeregt, wenn ein Siegmund Gottlieb den SPD-Chef mit den identischen Fragen gemartert hätte. Man hätte “Typisch für die schwarze Föhnwelle” gesagt und das Interview abgehakt. Aber eine Frau mit stahlblauen Augen, die einen angehenden Groß-Staatenlenker vorführt? Das geht nicht. Da hebt selbst CSU-Chef Horst Seehofer schützend die bayerische Pranke über den Konkurrenten von der Magenta-Fraktion. Politiker dürften nicht wie Schulbuben dastehen, zürnt er. Wobei er sich den Hinweis, dass die oder der Slomka in Bayern fürderhin ausschließlich als Verlierer in der Arroganz-Arena gern gesehen sei, erstaunlicherweise verkniffen hat.

Die Angst funktioniert frei nach Sokrates, der seinerzeit erklärte: “Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen.” Und das gilt es zu vermeiden. Also ruhig mal einschüchtern, die Dame.

Und bei alldem wird übersehen, dass etwas anderes lebhafte Ablehnung verdient, nämlich komplett inhaltsleere, langweilige Interviews. Sie wissen, um wen es geht? Mag sein. Aber diese Frau M. hat ihren Sokrates längst hinter sich. Sie ist überlegen. An sie traut sich kein noch so großer Mann heran.

November 14th, 2013

Große Koalition ist großer Krampf

Hollerplotz, sie haben es gemerkt! Kurz vor Toresschluss ist bis an die SPD-Spitze durchgedrungen, dass es eine Alternative zur Großen Koalition gibt. Und zwar gemeinsam mit den Bösen, den Linken. Aber werden sie sich trauen?

“Opposition ist Mist”, meinte einst der Meister des Verbal-Twitterns, Franz Müntefering. Stimmt zwar, aber Große Koalition ist es auch. Wenn die Diskussion unter den großen demokratischen Parteien zwecks gemeinsamen Regierens entfällt, hilft das vor allem seltsamen Gestalten an den Rändern. Eine AfD etwa wird für ihre europafeindlichen Thesen noch mehr Gehör finden.

Die Große Koalition ist zudem die ideale Plattform für Merkel’sche Alternativlosigkeit. Über noch weniger Themen als bisher wird diskutiert oder gar gestritten werden. Man braucht sich schließlich, im Bund und in den Ländern. Schon die Koalitionsverhandlungen zeigen doch, was uns erwartet. Weitgehend ergebnisloses Gerede mit einer Chefin, die sich fein diskret im Hintergrund hält, so dass am Ende nur diejenigen dumm aussehen, die überhaupt etwas gesagt oder versprochen haben. Es gilt die Mikado-Politik: Wer sich bewegt, hat verloren.

Es muss doch inzwischen selbst dem ministeramts-strebsamsten Sozialdemokraten klar geworden sein, dass es die Kanzlerin blendend versteht, nichts zu sagen oder zu tun, aber den Verdruss darüber an sich vorbeirauschen zu lassen.

Alsdenn, liebe SPD: Macht den Krampf nicht mit. Wenn Euch Rot-Rot-Grün zu heikel ist, dann lasst die Union regieren und stimmt von Fall zu Fall zu. Oder eben nicht. Ansonsten wird es in Zukunft heißen: Herzlichen Glückwunsch, zu etwas mehr als zwanzig Prozent.

 

 

Oktober 23rd, 2013

Wo Respekt ein Fremdwort ist

Kennen Sie das? Respekt? Es ist ein Wesenszug, der unserer Gesellschaft mehr und mehr abhanden kommt. Besonders deutlich zeigt sich das in der Wirtschaft.
Wenn Angela Merkel die Hände vor den Kanzlerinnen-Nabel legt, spricht sie auch gerne von der sozialen Marktwirtschaft. Abhängig beschäftigte Menschen seien den Ausbeutern nicht hilflos ausgeliefert. Dies sei in vielen Jahrzehnten Demokratie erreicht worden.
Stimmt schon, bloß: Bei uns wird die Uhr zurückgedreht. Es war doch die Verheißung eines humanen Wirtschaftens, dass Arbeitnehmer/-innen keine Zukunftsangst haben müssten. Wer sich in seinem Betrieb etabliert hatte, konnte davon ausgehen, dass seine Treue geschätzt und er seinen „wohlverdienten Ruhestand“ mit einer auskömmlichen Rente verbringen konnte. Die Grundbotschaft lautete „Du bist Dein Geld wert“.
Da hat sich der Tonfall grundlegend geändert. Wer arbeitet, ist für viele Arbeitgeber in erster Linie ein Kostenfaktor, der minimiert beziehungsweise prekarisiert werden muss. Wer eine faire Bezahlung fordert, muss zumindest ein schlechtes Gewissen haben, weil er damit seine Firma ruinieren könnte. Die Botschaft 2013 lautet: „Du bist Dein Geld nicht wert. Jedenfalls nicht jetzt.“
Unter diesem Motto ist eine neue Währung entstanden, nämlich die Aussicht auf späteren Ruhm. Daran kann mit Gratis-Praktika bei öffentlichen Einrichtungen wie Kulturbüros oder bei namhaften Architekten gearbeitet werden. Oder auch mit freier Mitarbeit in der Medienbranche.
Ein gutes aktuelles Beispiel ist die gerade gestartete deutsche Ausgabe der „Huffington Post“. Diese Internet-Zeitung war in den USA entstanden, um George W. Bush und seinen konservativen Medienjüngern als Fackel der Freiheit Paroli zu bieten. Bei uns wird sie vom konservativen Burda-Verlag herausgebracht. Wobei dieser nicht die Welt verbessern, sondern möglichst schnell Geld verdienen möchte.
Das Geschäftsmodell funktioniert aus Verlagssicht so: Du gibst uns Deine Texte und Bilder gratis. Wir bekommen die Vermarktungsrechte. Falls es mit einem Text rechtliche Probleme gibt, musst Du das selber regeln. Als Gegenleistung versprechen wir, dass Dich so viele Menschen lesen werden, wie nie zuvor in Deinem Leben. Was Du schreibst, ist uns nicht so wichtig.
Ist das Respekt? Sicher nicht, denn dieser drückt sich auch dadurch aus, dass arbeitende Menschen an der Wertschöpfung ihrer Firma beteiligt werden.
Jedoch, dass das Gegenmodell funktioniert, liegt auch in unserer Natur. „Aus Angst, mit Wenigem auskommen zu müssen, läßt sich der Durchschnittsmensch zu Taten hinreißen, die seine Angst erst recht vermehren“, formulierte schon der griechische Philosoph Epikur. Womit wir auch lernen: Wer keine Achtung vor sich selbst hat, wer alles mitmacht, ist des Ausbeuters bester Freund. Wir brauchen Respekt!

September 27th, 2013

Wo ist Röslers Grab auf Facebook?

In diesen virtuellen Zeiten ist das der schlimmste Tod überhaupt. Der zurückgetretene FDP-Vorsitzende Philipp Rösler und sein Ex-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sind auf Facebook verschwunden. Einfach weg. Sie hinterlassen eine kleine, aber umso ratlosere Fangemeinde.
Praktisch ist das Verschwinden der gewesenen Spitzenpolitiker leicht zu erklären. Man kann von keiner Partei-Mitarbeiterin und keinem –Mitarbeiter verlangen, dass sie/er noch das Hohelied der liberalen Großpolitiker singt. Diese Menschen sind frisch arbeitslos geworden. Die Suche nach einer Anschlussverwendung hat selbstverständlich Vorrang.
Das mysteriöse Ende der beiden Liberalen wirft aber auch ein Schlaglicht auf ein ganz anderes Problem: Diesem Internet fehlt die Bestattungskultur. Wer von unseren 2000 Twitter-Followern wer von unseren 1000 Facebook-Freunden erfährt es eigentlich, wenn wir das Zeitliche gesegnet haben? Der Betrieb läuft doch weiter. Und nicht wenige soziale Netzwerker kennen das Phänomen, dass die Zahl ihrer Freunde eher steigt, wenn sie einmal vier Wochen lang den Mund halten. Was wiederum erst recht als Lebenszeichen aufgefasst wird.
Die virtuelle Nachsorge ist bislang völlig vernachlässigt worden. Ein Problem, das auch unsere Geheimdienste umtreiben sollte. Wenn einer drei Jahre lang den Staat beschimpft hat, und dann plötzlich wie abgetaucht ist: Kann so einer einfach als tot abgehakt werden. Oder ist er nicht eher zum Schläfer geworden, der bei passender Gelegenheit umso härter zuschlägt?
Womit wir wieder bei Rösler und Brüderle angekommen sind. Ja, sie sind verschwunden. Aber wir alle wissen auch: Das Internet vergisst nichts. Facebook schon gar nicht. Was letztlich bedeutet, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist. Muhammed Ali, Silvio Berlusconi, Terminator und Howard Carpendale. Sie alle haben famose Comebacks gefeiert. Heben wir uns also unsere Trauer noch ein bisschen auf.

August 30th, 2013

Und was wünschen Sie?

Die Wahlkampfzeit ist immer auch die Zeit der Umfragen: Ich rufe Sie auf, aus fünf tatsächlich vorhandenen Wahlkampfthesen Ihren Favoriten auszuwählen. Rechtzeitig vor der Wahl wird aufgelöst, welche Forderung zu welcher Partei gehört.

 

August 20th, 2013

Der Hund, der Terrorist des kleinen Mannes

Wenn Politiker/-innen über Videoüberwachung reden, drehen sie geistig-moralisch gerne am ganz großen Rad. Sie reden vom Super-Grundrecht auf Sicherheit und machen uns klar, dass die Welt voller gefährlicher Monster ist. Dass sie durchsetzt ist von fanatischen Islamisten, dumm gesoffenen Neonazis und Billiglöhnern, die sich das Geld für die sechste Dose Bier mit Gewalt von ahnungslosen Passanten holen. Allesamt zerstörerische Wesen, die nur eines nicht mögen: gefilmt werden.

Abgehoben ist die Debatte, dreht sie sich doch immer um extreme Fälle. Welche/r Normalbürger/in hat sich schon jemals mit einem Salafisten geprügelt? Seien wir ehrlich: Die wahren Feinde unseres unversehrten Wohlbefindens sind, wie auf jeder Bürgerversammlung zu hören ist, Tiere mit vier Beinen oder Flügeln. Der Terrorist des kleinen Mannes bellt.

Somit ist es der Ver­waltung von Montereau-Fault-Yonne bei Paris zu verdanken, dass sie das Thema Videoüberwachung in die Mitte der Lebenswirklichkeit der Menschen holt. Im Kampf gegen Hundekot nehmen die dortigen 60 Überwachungskameras gezielt kackende Hunde ins Visier. Mit Hilfe der Bilder sollen Hundehalter, die den Kot ihrer Lieblinge einfach liegen lassen, entlarvt und verwarnt werden. Beim zweiten Vergehen werden 35 Euro Buße fällig. Und irgendwann werden – das ist meine Vermutung – Herrchen oder Frauchen im Tierheim eingesperrt.

Bei diesem Schritt darf es aber nicht bleiben. Auch herrenlose Tiere gehören überwacht. Oder sollen die Wespen unbeirrt weiterschwirren? Sollen Mäuse unbehelligt durch die Stadt rennen dürfen? Was ist mit den Tauben, den Ratten der Lüfte? Und müssten nicht auch die Wildschweine verfolgt werden, durch Nachtsicht-Geräte für die Vorstädte? Da staunt er dann, der liebestolle Keiler.

Jawohl, wir räumen auf. Was stört, wird gefilmt und weggemacht. Und für die Billiglöhner bringt das einen Minijob obendrauf. Nur eine Frage bleibt für die Ruhebedürftigen noch offen: Was, bitteschön, machen wir mit den Radfahrern?

 

 

 

Juni 20th, 2013

Auch bei der SPD: Tränen lügen nicht

Manchmal ist es der letzte Versuch: Ein Mann muss tun, was er tun muss. Gelegentlich auch etwas Ungewöhnliches. Zum Beispiel Gefühle zu zeigen, wenn es niemand erwartet. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat es gemacht. Helfen wird es nicht.

Weinen ist für Männer im Rentenalter (Steinbrück ist 66) gar nicht so einfach. Einerseits macht das Leben Männer mit den Jahren immer härter. Zudem lässt die natürliche Produktion von Tränenflüssigkeit nach. Senioren haben eher trockene Augen.

Der Kanzlerkandidat hat trotzdem geweint. Aber worüber? Hat ihn tatsächlich die Rede seiner Frau so tief berührt? Oder ist ihm einfach bewusst geworden, in welch verkorkstes Projekt er momentan verstrickt ist. Die SPD als Partei, die unbedingt an die Macht möchte, ist tatsächlich schwer wahrnehmbar. Sie müsste wie Borussia Dortmund auftreten, wirkt aber wie Bochum oder Duisburg.

Im Bund mit einem Spitzenkandidaten, dessen Entdecker, der ansonsten allwissende Helmut Schmidt, sich mit Blick auf seinen Kandidaten tendenziell auf Altersdemenz beruft. In Bayern einem Anführer namens Christian Ude. Er ist der berühmteste linkshändige Bierfass-Anzapfer der Welt. Er ist auch ein vielfach gewählte Münchner Oberbürgermeister.

Aber er leidet auch unter dem Schicksal, dass sein Witz in seinen Büchern viel mehr zu erleben ist als in seinen bräsigen Reden. Wenn man ihn wenigstens nicht so arg frühzeitig ins Rennen geschickt hätte – man hätte es nicht gemerkt.

Alles in allem kann man Peer Steinbrücks Tränen auf dem Parteikonvent absolut verstehen. Seine Partei liegt aktuell bei 22 Prozent – mehr als das Amt des Vizekanzlers wird für ihn nicht herausspringen.

Und Christian Ude? Steht auch nicht gut da, könnte es aber mit einer Mehrparteien-Koalition schaffen. Dazu jedoch bräuchte es ein Ereignis oder einen Skandal, der sowohl der CSU schadet als auch der SPD nützt. Nach allem was schon war, erscheint so etwas völlig undenkbar.

Also weinen alle, die Genossen sind oder die Genossen mögen. “Tränen stillen keine Not”, heißt ein russisches Sprichwort. “Tränen reinigen das Herz”. sagt Dostojewskij. Na, immerhin.

Juni 11th, 2013

Gipfel-Mutti Merkel besiegt die Flut

Ganz oben stehen, den Blick bis zum fernen Horizont schweifen lassen, gütig hinabsehen ins Tal der Tränen mit all seinen kleinen und großen Problemen. Welcher Mensch möchte das nicht genießen? Ja, der Gipfel ist der Platz der großen Lenker(innen) dieses unseres Daseins. Und wir Deutschen sind gebenedeit unter den Völkern. Denn für uns sorgt die treue Gipfel-Mutti.

Es ist eines der großen Erfolgsrezepte der Angela Merkel, dass sie weitgehenden Politikverzicht durch eine vermeintliche Höhe ihres Denkens und Handelns kaschiert. In ihrer Regierungszeit ist unsere Demokratie zu einem mittleren Hochgebirge herangewachsen. Wohin das Auge blickt, gibt es Gipfel. Integrationsgipfel, Bildungsgipfel, Elektromobilitätsgipfel, Eurokrisenbankenrettungsgipfel, und, und, und…

Nun plant sie den nächsten Coup, den Flutgipfel. Es ist also angedacht, dass sich wichtige Menschen ganz oben treffen, ein wenig miteinander plaudern, ehe Angela Merkel sowie vermutlich der einzig wahrhaftige Nettozahler Markus Söder den Hahn aufdrehen, so dass sich ein Strom von Geld heilend ins versunkene Land ergießt. Spontan wirkt dieses Bild beängstigend. Die Flut durch eine Flut zu bekämpfen, ist schon verwegen. Doch andererseits: Es gibt ja noch Wolfgang Schäuble. Und der wird schon dafür sorgen, dass der Strom der Rettung ein Rinnsal bleiben wird.

Andererseits: Gelingt die Übung, ist der Weg endgültig frei für Politik aus der Höhenluft. Wir freuen uns auf den Mietpreisbremsengipfel, den Gammelfleischvernichtungsgipfel, den Windkraftgipfel und den Wetten, dass…?-Moderatorensuchegipfel. Die Näherinnen in Bangladesh werden glücklich sein, wenn sie einen Großauftrag mit schwarz-rot-goldenen Gipfelmützen nähen dürfen. Mit 20 Prozent Neoprenanteil, so dass eine ganze Nation an den Rockgipfel der Kik-Ikone Verona Pooth hängt.

Es wird schön werden, wenn Philipp Rösler ein Gamsbart wächst. Während seine Chefin endgültig in die Daseinsform der unabwählbaren Regentin hinübergleitet. Nie mehr Hektik im Bundeskanzleramt, sondern nur noch Goethe: “Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du, kaum einen Hauch. Die Opposition schweigt im Walde. Warte nur, balde
ruhest du auch.” Amen.

Juni 3rd, 2013

Wir nach der Sintflut

“Das ist ja wie die Sintflut!” Das rufen die Menschen gerade überall. Selten hat es eine derartige massenhafte Wiederentdeckung des Alten Testaments gegeben. Was die meisten übersehen: Es ist tatsächlich eine neue Sintflut. Gott hat es mit dem Bestrafen der Menschen heute bloß schwerer.

Der Herr hat gute Gründe für seinen Zorn. Wir glauben immer noch fest an Angela Merkel, die CSU könnte trotz der Verwandtenaffäre die absolute Mehrheit bekommen. Die FDP ist völlig grundlos wieder bei fünf Prozent – und Bayern München gewinnt alles, was es zu gewinnen gibt. Wer fressen die sinnlosesten Lebensmittel und bereiten uns durch den Kauf von Vierrad-Fahrzeugen auf die schwierigeren Straßenverhältnisse durch Starkregen und Wüstenausbreitung vor. Die Nation glotzt “Wer wird Millionär?” oder “Germany’s Next Top Model”, während in Südeuropa zwecks Jobmangel eine junge Bürgerkriegsgeneration herangezüchtet wird. Und, und, und…

Sicher, zur Zeit des Alten Testaments gab es reichlich Unrecht und Barbarei. Wer sich mit dem Nachbarn über einen falsch gesetzten Gartenzaun gestritten hat, hat ihm mit dem Knüppel die Rübe weggehauen. Heute schickt man Drohnen los. Diese töten mit dem Bösewicht zwölf unschuldige Zivilisten. Sie arbeiten aber sauberer.

Recht hat er also, der liebe, wütende Gott. Er hat bloß ein Problem: Er kriegt das mit der Höchststrafe – dem Ausradieren aller Sünder – nicht mehr hin. Denn seit Noah hat sich einiges geändert. Es wurden Deiche gebaut, in jedem Baumarkt gibt es Hochleistungspumpen. Und schließlich sind überall aktive Ortsgruppen von Feuerwehr oder Technischem Hilfswerk im Einsatz.

Man fragt sich doch: Wie wäre es in der Bibel weitergangen, wenn es zu Noahs Zeiten schon Talsperren und Regenrückhaltebecken gegeben hätte? Wenn die freiwilligen Abpumper schon gelebt hätten? Wären vielleicht nur die Nagetiere ersoffen und die Menschen hätten Gott besiegt und wären noch schneller böse geworden?

Wir werden darauf, wie auf viele Fragen des Glaubens, keine eindeutige Antwort finden. Wir wissen allerdings, dass Angela Merkel und Horst Seehofer das überflutete Passau besuchen werden. Gemeinsam, wahrscheinlich in Gummistiefeln. Das ist der endgültige Sieg des modernen Menschen über das Alte Testament. Fürchtet Euch nicht!