Gabriel geht. Merkel gewinnt.

In der Politik gibt es den Begriff des Parteisoldaten. Er steht für einen Menschen, der sich für seine Organisation ohne Rücksicht aufs eigene Schicksal in die Schlacht schmeißt. Einer, der am Ende entweder als strahlender Held oder als geprügelter Hund dasteht. Die meisten Parteisoldaten marschieren um der Sache willen in den Untergang. Einer hat es jetzt nicht getan.

Der bisherige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat vielleicht an einen berühtem Satz aus einer Zentralen Dienstvorschrift der Bundeswehr gedacht: „Bei zunehmender Dämmerung hat der Soldat alsbald mit Dunkelheit zu rechnen.“ In der Tat: Die jüngsten Umfragen fielen zappenduster aus.

Eine andere Vorschrift lautet: „Bei Erreichen der Baumspitze hat der Soldat die Kletterbewegung selbständig einzustellen.“ Passt auch. Denn was immer Gabriel erreicht hat – sei es Mindestlohn, Jobrettung im Einzelhandel, Sichern des Bundespräsidenten-Amtes für die SPD -, ihm selbst hat es nichts genutzt. Sein Wahlkampf wäre bis zuletzt von mehr oder weniger lauten Zweifeln begleitet gewesen, ob er denn der Richtige sei. Die sichere Niederlage wäre seine persönliche Pleite gewesen.

Nun hat Martin Schulz das Vergnügen. Die wahrscheinliche Gewinnerin des Personalwechsels bei der SPD ist aber Angela Merkel. Sigmar Gabriel bekommt das Wohlfühl-Amt des Außenministers. Das wird er behalten wollen. Der neue Spitzenkandidat könnte Wirtschaftsminister werden, was für ihn als „Europäer“ passt. Warum sich also mit den Linken abkarpfen?

Die Weichen sind klar auf eine neue GroKo gestellt. Merkel hat bleibt im Amt. Die SPD darf hoffen, dass das Wahlergebnis erträglich ausfällt.

Rechnen wir also mit fortgesetzter Langeweile. Aber vielleicht ist das in diesen Zeiten nicht einmal das Schlechteste.

 

Horst Seehofer. Ein Mann wie Karl Valentin

Willkommen zur Job-Lotterie: Horst Seehofer, zurzeit CSU-Vorsitzender und bayerischer Ministerpräsident in Personalunion, hat verkündet, 2017 eines seiner beiden Ämter abgeben zu wollen. Ganz freiwillig und möglicherweise sogar für immer. Um welches Amt es geht, sagt er nicht. Die Welt darf rätseln.

Nicht zum ersten Mal verwirrt Seehofer mit seinem sprunghaften Reden und Handeln Freund und Feind. Hatte er doch seit Jahren behauptet, dass die Spitzenämter von Freistaat und Partei in eine Hand gehörten. Nur dies sichere dem Amtsinhaber die größtmögliche Bedeutung. Jetzt redet er genau anders.

Wer sich darüber wundert, übersieht, dass in Bayern mit Horst Seehofer seit der Verleihung 2014 ein würdiger Träger des Karl-Valentin-Ordens regiert. Der Münchner Komiker war für hintersinnige und doppelbödige Gedankenspiele berühmt. CSU-Politik hätte bei ihm so funktionert: „Das ist wie bei jeder  Wissenschaft. Am Schluss stellt sich dann heraus, dass alles ganz anders war.“ Kommt uns bekannt vor. „Ich möchte nicht, dass mich Bekannte erkennen“, könnte darauf hindeuten, dass sich der Chef für seine Parteifreunde immer ein kleines Geheimnis aufhebt. Der Satz „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ war bei Valentin aber mutmaßlich anders gemeint, als es Obergrenzen-Prediger Seehofer propagiert.

Doch vor allem geht es dem CSU-Chef darum, dass der mega-ehrgeizige Markus Söder niemals seine heutige Machtfülle erreicht. Also treibt er ihn in ein übles Dilemma. Will Söder Parteivorsitzender werden, muss er nach Berlin und unwichtiger Minister werden. Ansonsten droht ihm, dass er zum bloßen Ministerpräsidenten wird und alsbald als Vortänzer bei oberbayerischen Brauchtumsfesten glänzt. Aber wie soll das gehen? Er ist doch Mittelfranke! Das kann nicht funktionieren.

Es bleibt also nur, dass Markus Söder, heute glücklicher Herr über einen soliden Landeshaushalt, über die bayerischen Schlösser und Seen sowie über die staatliche Lotterieverwaltung, erkennt, dass auch er einem großen Wort von Karl Valentin folgen muss: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut.“

Erst dann wird Ruhe herrschen. Horst Seehofer hätte seine Intimfeind verhindert. Wer seine Nachfolger werden, ist ihm herzlich egal. Denn so, wie er die Fähigkeiten seiner Parteifreunde einschätzt, ist ihm, wie schon Karl Valentin, für Staat und Partei eines klar:  „Die Zukunft war früher auch besser!“

 

 

 

 

 

 

König Horst, die Messer sind gewetzt

„Der König ist tot! Es lebe der König! Die Bedeutung dieses aus Frankreich überlieferten Ausrufs ist klar. Wir haben Respekt vor unserem Herrscher. Wenn er es aber nicht mehr bringt, wird er ausgetauscht  – und danach ganz schnell vergessen. Ein heißer Kandidat für solches Schicksal ist Horst Seehofer.

Das Phänomen der kurzen Erinnerung kennt der männliche Teil der Bevölkerung von den Fußballtrainern. Wer weiß heute noch, wo ein Erich Ribbeck wann gearbeitet hat? Auch ein Könige und Fürsten, die einst viele Seiten unserer Klatschmagazine gefüllt haben, sind ratzfatz abgehakt. Nur bei der englischen Queen läuft es anders. Sie befindet sich weit im Rentenalter, erledigt ihren Job jedoch sehr gut – und bleibt noch ein paar Jährchen.

Bei Horst Seehofer sieht das anders aus. Der bayerische Ministerpräsident, als dessen größte Erfolge die Historiker die Rückeroberung der absoluten Mehrheit, die Herdprämie, und die Pkw-Maut nennen werden, steckt in Problemen. Er hat einige Alphatiere seiner Partei weggeräumt und  hat eh keine so große Lust auf die popelige Landespolitik. Verständlich, er ist ja schon 65 geworden.

Verständlich ist aber auch, dass potentielle Nachfolger ehrgeizig mit den Hufen scharren.  Was der alternde Silberrücken so beantwortet, dass er versucht, sie in ihrer Bedeutung klein zu halten. Um irgendwann selbst zu entscheiden, in wessen Hände er den Freistaat Bayern übergibt.

Bloß: Seehofer ist weder Papst noch Queen. Er ist Chef der CSU, einer sehr erfolgreichen, aber bei Bedarf auch gnadenlosen Partei. Ob Streibl, Stoiber oder Beckstein: Wer nicht mehr getaugt hat, wurde abserviert. Die eigene Nachfolge hat keiner selbst geregelt.

Die Messer sind wohl längst gewetzt. Denn: Ein/e Nachfolger/in muss sich bekannt machen können. Und 2018 ist nicht mehr so fern.

 

 

 

Claudia Roth, Du armes Schwesterle

Also, das war echt gemein. Da haben alle Grünen ihre Spitzenkandidaten für den Bundestag wählen dürfen, und dann schubsen sie jene Frau aus dem Rennen, die ihnen das überhaupt ermöglicht hat. Claudia Roth darf nicht Spitzenkandidatin, also auch nicht Außenministerin werden. Es ist ein Jammer!

Wenn man diese Angelegenheit parteiintern betrachtet, handelt es sich um ein typisches Mutterschicksal. Claudia Roth hat den Laden als Vorsitzende gut zusammengehalten. Selbst in Krisensituationen konnte sie jovial und verständnisvoll sein. Und wie eine richtige Mama war sie ihren Schützlingen immer wieder mal peinlich. Und sei es nur aufgrund ihres Hangs zu schrillen optischen Dissonanzen bei Haarfarbe und  Kleidung.

Als Außenstehender muss man es auch als Verlust empfinden, wenn Claudia Roth noch hinter Kampfzwerg Renate Künast auf Platz vier der bedeutendsten Grünen unserer Tage gerückt wird. Als lustiger Talkshowgast ist sie immer eine Bereicherung. Legendär etwa war das öffentliche Outing ihrer Duzfreundschaft mit CSU-Spitzenmann Günther Beckstein in der ARD-Sonntagsabend-Runde. Auf ihre Art war und ist das authentische Pendant zu Rainer Brüderle bei der FDP. Also das grüne Schwesterle, sozusagen.

Wenn es nun mit der Spitzenkandidatur nicht geklappt hat, ist das aber nicht wirklich tragisch. Merkel-Bashing kann der grimmige Jürgen besser. Die Antwort auf die Frage wiederum, ob Gespräche mit einer Außenministerin Claudia Roth bei Taliban-Kriegern die Neigung zu Selbstmordattentaten verringern oder steigern würden, ist so klar wie unaussprechlich.

Also, Claudia: Das Leben geht weiter. Bleib uns bitte erhalten!

 

 

 

Oskar Lafontaine, die falsche Queen

Mal angenommen,Oskar Lafontaine hätte nicht auf dem Parteitag der Linken herumsitzen müssen. Bielleicht hätte er am Sonntagnachmittag seinen Fernseher eingeschaltet. Er hätte die Bootsparade zu Ehren der englischen Queen angeschaut. Und hätte sich gefragt: „Warum gibt es das nicht in Berlin auf der Spree? Das hätte ich auch verdient.“

Oskar Lafontaine ist einer der letzten großen Ego-Shooter der deutschen Politik. Klar, er wurde ja auch nicht in ein Königshaus hineingeboren, sondern hat sich alles selner erarbeitet. Er hat sich an die Spitze des Zwergstaates Saarland gekämpft. Er war Kanzlerkandidat, er hat den Langsamredner Rudolf Scharping aus dem Amt des SPD-Vorsitzenden gefegt.

Als Finanzminister und damit nachgeordneter Gefährte des wesenverwandten Gerhard Schröder hielt er es allerdings nur knapp fünf Monate, vom 27. Oktober 1998 bis zum 10. März 1999, aus. Dann hatte er die Schnauze voll und kämpfte mit seiner neuen Partei „Die Linke“ vor allem dafür, dass es seinen ehemaligen Genossinnen und Genossen schlechter ging als zuvor. Man hatte nicht auf ihn hören wollen.

Wer gegen mich ist, muss scheitern. Genau diesen Charakterzug hat Lafontaine jetzt wieder gezeigt. Weil ihm jemand das Comeback als Parteichef verdorben hatte, musste er bestraft werden. Der Bartsch ist abserviert, die neue Führung übernimmt einen vollkommen zerstrittenen Verein mit nunmehr ungewisser Zukunft.

Immerhin, seiner königlichen Eitelkeit ist Genüge getan. Oskar steht als Sieger da. Er ist und bleibt die Queen der Linken. Wenn auch eine falsche. Denn die andere, die in England, hält den Laden zusammen. und das seit 60 Jahren.

Merkel im Weltall, und andere große Fragen

Ist es nicht gut, dass wir unsere Politiker(innen) haben? Sie sind unsere zuverlässige Zielscheibe für Spott und Schimpf und Schande. Und sie übernehmen kraft Amtes die Verantwortung für Themen, die sie selbst kaum, wir aber schon gar nicht verstehen. Ja, sie erklären uns alles. Wir hingegen können es uns leisten, dass uns die Zukunft des Euro-Rettungsschirmes gelegentlich egal ist. Darum kümmern sich ja die Gewählten.

Aber: Steckt nicht auch in Angela Merkel ein kleiner, ganz normaler Mensch? Jemand, der sich nach Antworten auf wirklich bewegende Fragen sehnt. Warum ist der Himmel blau? Sind wir alleine im Weltall und falls nein, was ändert sich dadurch? Gibt es Äpfel, die weit vom Stamm fallen? Erschrecken Mitarbeiter der Deutschen Bahn, wenn ein Zug pünktlich ankommt? Warum wurde die Currywurst nicht vom Asiaten erfunden? Warum gerät der 1. FC Nürnberg immer dann in Abstiegsgefahr, wenn alle denken, dass es nur noch besser werden kann?

Die Kanzlerin verzichtet offenbar auf solche Gedanken. Sie tut, was sie zu tun hat: Sie gibt Antworten. Auf dem youtube-Kanal der Bundesregierung hat sie sich jetzt zu Fragen von Usern geäußert. Die wollten wissen, wie es sein kann, dass sich ausgerechnet Gut- und Großverdiener aus dem sozialen System der gesetzlichen Krankenkasse ausklinken dürfen. Oder warum die Bundestagsabgeordneten selbst über ihre Diäten bestimmen dürfen.

Ich finde das gerade sehr langweilig. Ich würde lieber wissen, warum Sekundenkleber überall klebt, bloß nicht in der Tube. Ich will auch wissen, warum am Ende meiner Supermarkt-Schlange immer die langsamste Kassiererin sitzt oder warum Ampeln immer dann auf Rot schalten, wenn ich darauf zufahre.

Gäbe es eine Partei, die sich endlich diesen existenziellen Fragen widmen würde – ich würde sie auf der Stelle wählen. Bis dahin lauschen wir eben unserer Frau Merkel…

http://www.youtube.com/user/bundesregierung?v=jstPfMyM5rw&feature=pyv&ad=8690663199&kw=bundesregierung

Die bösen Finnen und der Zorn bei uns

Europa hat ein neues Schreckgespenst: Die „Wahren Finnen“. Sie also sind es, die unseren geliebten Euro weich machen, die wie einst die Hardrock-Monster beim Eurovision Song Contest aus Wäldern und mückenumtosten Seen auftauchend in unsere beschaulichen Städte stürmen und dort Angst und Schrecken verbreiten. Werden wir den Frontalangriff dieser 19-Prozent-Partei überstehen?

Man muss ja erstmal dahin kommen, diese Partei ernsthaft zu betrachten. Gut, es gibt seltsame Parteinamen. Berlusconi „Haus der Freiheiten“ oder sein „Furz für Italia“ etwa. Aber „Wahre Finnen“? Das klingt wie „Alter Schwede“, wie der Stammtisch eines Karnevalvereins oder  nach einer 80er-Jahre Neue-Deutsche-Welle-Combo, aber nicht nach harter Politik.

Aber die Finnen waren uns ja schon immer suspekt. Wir denken da an die Neigung zum Komasaufen, an die hohe Selbstmordrate oder an jenen Skispringer Janne Ahonen, der selbst im Moment größter Freude grundsätzlich keine Miene verzogen hat.  Dass Finnland die Heimat der Weltmeisterschaft im Ameisenhaufensitzen sowie im Handy- und Gummistiefelweitwurf ist, passt ins Bild. Andererseits: Wenn Kinder, die diese seltsame Sprache lernen müssen, trotzdem jeden Pisa-Tests gewinnen, spricht das doch sehr dafür, dass im hohen Norden höchste Intelligenz versammelt ist.

Nein, man darf den Protest gegen den Euro nicht unterschätzen. Denn es brodelt auch bei uns. Ich selber habe vor ein paar Tagen in der Nürnberger Fußgängerzone nur einen Sonnenschirm mit dem Logo meiner Gewerkschaft aufgespannt – und wurde sofort in Gespräche über die Ungerechtigkeiten in diesem Land und über Versagen aller möglichen Institutionen verwickelt.

Die Äußerungen waren wirklich massiv. Wollen wir hoffen, dass das den „Wahren Deutschen“ nicht hilft.

Politische Kunst in Nürnbergs CSU: Die gespielte Empörung

Ach ja, die Politik. Zu den vielen Fähigkeiten, die für eine erfolgreiche Arbeit am und mit dem Volk erforderlich sind, gehört die überzeugend gespielte Empörung. Gerade wieder zu erleben an der scheinbaren Aufregung über ein Interview der ehemaligen CSU-Bundestagsabgeordneten Renate Blank in den Nürnberger Nachrichten. „Parteiausschluss“ tönt die scharfe Parole.

Blank hatte ihrem Bezirksvorsitzenden Markus Söder dieses vor den Latz geknallt: „Nun hat er alle gleichgeschaltet.“ Der Umweltminister dulde keinen Widerspruch. Wer störe, werde abserviert. Zuletzt wurde der örtliche Vorsitzende der Senioren-Union, Hel­mut Schallock, zum Rücktritt getrieben. Er hatte seinen Parteivorsitzenden Horst Seehofer aufgefordert, öffentlich Klarheit über sein Privatleben zu schaffen. Blank wiederum  forderte ihre Partei auf, den Slogan „Näher am Menschen“ mit Leben zu erfüllen. Man könne keine Wahlen gewinnen, wenn man sich immer nur kurz davor bei den Bürger sehen lasse.

Der Bezirksvor­stand der CSU zeigte sich nun in einer Verlautbarung „erschüt­tert“ über diese Angriffe. Das aber ist Käse. So heftig sind die Emotionen nie und nimmer. Es geht vielmehr darum: Söder weiß, dass er reagieren muss. Selbst will er es aber nicht machen, weil er seine Kontrahentin damit aufwerten würde. Also lässt er einen persönlichen Kampfhund von der Leine. Einen, der in der Partei noch etwas werden will. In diesem Fall den Vorsitzenden des Ortsverbandes St. Leonhard. Dieser empört sich öffentlich über den „Affront“ und teilt Renate Blank im Auftrag seines Chefs mit, dass sie ja nie über den Status einer Hinterbänklerin hinausgekommen sei.

Überrascht dürfte in der Nürnberger CSU über Blanks Aussagen allerdings niemand gewesen sein. Die Ex-Abgeordnete hat ihre tief empfundene Abneigung gegen Markus Söder nie verborgen. Beim Ball der Union 2007, gleich nach Stoiber Sturz, ließ sie sich in Bezug auf ihren „Parteifreund“ von mir so zitieren: „Manchmal genügt es, am Ufer eines Flusses zu sitzen, und zu warten, bis die Leiche des Feindes vorüberschwimmt.“ Dass der langjährige Stoiber-Fan und „Lebensminister“ (Söder über Söder) ein genialer Überlebenskünstler in eigener Sache ist, hatte sie damals aber vielleicht nicht gedacht…