Notre Dame: Nicht jede Trauer ist echt

Es ist faszinierend: Der Brand von Notre Dame berührt uns scheinbar wie nur wenige Ereignisse der jüngeren Vergangenheit. Wie aber kann das sein? Der Glanz der Kirche ist verblasst, sie gilt vielen Menschen als Institution im Niedergang. Also, warum?

Zunächst einmal handelt es sich um ein erstaunliches Denkmal. Die Silhouette der Kathedrale erscheint im Kopf, wenn man an Paris denkt. Ist sie also vor allem ein Bauwerk, das von Einheimischen und Touristen bestaunt und geliebt wird? Eine Sehenswürdigkeit der höchsten Kategorie?

Das kann die internationale Reaktion auf den Brand nicht völlig erklären. Schon am ersten Tag nach dem Feuer waren 600 Millionen Euro für den Wiederaufbau gespendet. Nicht nur reiche Leute oder große Firmen haben Geld geschickt.

Was dafür spricht, dass es in unseren mutmaßlich glaubensfernen Gesellschaften ein Bedürfnis nach dem Besonderen gibt. Wie eben eine 700 Jahre alte Kathedrale, die für die Ewigkeit gemacht zu sein scheint. Ein Monument, das für eine stolze und beschützende Kirche steht. Und das deshalb nicht verschwinden soll. Aufbau-Spenden wären demnach ein Ausdruck von Demut und Respekt.

Oder stimmt das alles nicht? Ist der Brand von Notre Dame vor allem ein großes Medien-Ereignis? Weil er spannende Bilder bietet und weil dieses Bauwerk Stoff für unendlich viele Geschichten liefert? Noch dazu in diesen symbolträchtigen Tagen vor Ostern?

Sind die Spenden gar anders motiviert? Gibt man sie, weil es sich gehört? Weil es dem Geschäft nutzt?

Auch das kommt vor. So wurde in Nordrhein-Westfalen eine Aktion „NRW für Notre Dame“ ins Leben gerufen. e.on, ThyssenKrupp, RWE und NRWBank haben je 50.000, Evonik hat 100.000 Euro Spenden zugesagt. Angeblich spontan, als „Herzensangelegenheit“.

Das ist schön. Nein, wäre es. Denn RWE hat im Januar 2019 für den Tagebau Gartzweiler den so geannten Immerather Dom in Erkelenz abreißen lassen. Es soll in der Bevölkerung viele Tränen gegeben haben.

So fest und rein ist unser Glauben eben doch nicht. Warten wir einfach bis zur Einweihung der restaurierten Notre Dame. Wir wissen: Wer heute Trauer zeigt und sich in 30 Jahren richtig freut, hat es immer ernst gemeint.