Das Kirchen-Übel ist die Macht

Erinnern wir uns noch? Vor ziemlich genau sechs Jahren wurde der argentinische Kardinal Jose Mario Bergoglio zum Papst gewählt. Als Franziskus war er rasch Projektionsfläche für viele Hoffnungen. Die Kirche würde offener werden. Sie würde vieles besser machen, ihren Prunk aufgeben und sich den Armen zuwenden. Ein Popstar des Glauben war gefunden.

Und heute? Wir erleben einen gebeugten Mann, dem man sein Alter von 83 Jahren immer mehr anmerkt. Franziskus ist an der Macht seiner Kirche gescheitert ist.

Sein finaler Auftritt beim Anti-Missbrauchs-Gipfel der Bischöfe in Rom glich einer Kapitulation. Der Papst redete von „den Schreien der Kleinen“, aber er formulierte keinen Plan, wie er diese in Zukunft verhindern möchte. Opfer ließ er draußen vor der Tür. Stattdessen sprach er davon, dass es sexuelle Gewalt auch woanders gebe, dass diese kein Wesensmerkmal der Kirche sei.

Das stimmt wohl auch. Also hätte er vielleicht besser über Macht geredet. Es ist doch eine alltägliche Erfahrung. Dort, wo jemandem Macht über andere Menschen gegeben wurde, wird er sie nutzen. Wir erleben das in der der Politik, in der Arbeitswelt, in Beziehungen.

Und in einer Kirche lässt sie sich noch besser nutzen. Denn was Priester tun, ist nicht bloß das Handeln eines Menschen. Es entspricht Gottes Wille, es handelt ja eines seiner Werkzeuge. So vermittelt man es den Opfern, die es deshalb nicht wagen, sich gegen den Bedränger aufzulehnen. Und von denen viele bis weit ins Erwachsenenalter brauchen, um ihren Schrecken zu überwinden.

Das Seelenheil ist – angeblich – die Kernkompetenz der Kirche. Sie dient ihm auch überall dort, wo sie offen, fröhlich und demokratisch ist. Es ist möglich, aber so, wie die Kirche über ihre Schäfchen herrscht, braucht sie kein Mensch.

„Und wer Macht hat, möge darauf verzichten“, soll Jesus gesagt haben. Aber der war ein allzu großer Idealist. Ganz so wie sein Stellvertreter – leider auch vor vielen Jahren.