Merkel zeigt: Politik ist kein Job für große Gefühle

Zu den größten Belastungen für menschliche Beziehungen zählt der so genannte Forderungsüberschuss. Man hofft, dass sich Partner oder Partnerin in jeder Situation gemäß der eigenen Ideale verhalten. Man erwartet, dass sie reges Interesse für all das zeigen, was einem selbst wichtig ist. Anders kommt es oft.  Wenn aber die Wunschvorstellung gar nicht klappt, ist die Enttäuschung riesengroß.

In eine solche Situation ist Angela Merkel hineingeraten. Ein weinendes Flüchtlings-Mädchen aus Rostock namens Reem hat sie aus der Fassung gebracht. Die Inszenierung einer Schülersprechstunde hat nicht nach Plan geklappt. Die Bundeskanzlerin streichelte das Mädchen unbeholfen – und wird nun der emotionalen Eiseskälte verdächtigt. Unter dem Hashtag #merkelstreichelt tobte im Internet rasch der Shitstorm. Ist Angela Merkel also böse?

Von Joschka Fischer stammt der Satz: “Das Amt verändert den Menschen mehr als der Mensch das Amt.” Das gilt nicht nur für Spitzenpolitiker, das gilt bis hin zum ehrenamtlichen Vereinsvorstand. Wer zeit- und arbeitsintensive Aufgaben übernimmt, wird nur selten den offenen und freundlichen Blick für seine Umgebung bewahren können. Wer selbst Teil des Programms ist, wer die Erwartungen des Publikums/der Kundschaft kennt, wird seine Rolle spielen. Je höher das Amt, desto kälter wird es. Selbst der Papst hat nicht immer gute Laune.

Also sollten wir nicht zu anspruchsvoll sein. Wer von Politikern spontane – und glaubwürdige – Empathie verlangt, fordert Übermenschliches. Echte Gefühle sind in diesem Geschäft die ganz große Ausnahme.

Immerhin: Ein gewisser Dirk W. Eilert, Berufsbezeichnung Gesichterleser, erklärte zur Begegnung von Reem und Kanzlerin: “Merkel neigt den Kopf leicht zur Seite, die Augenbrauen-Innenseiten zieht sie hoch. Dies ist der kulturübergreifende Gesichtsausdruck für Mitgefühl und zeigt, dass sie entgegen der Meinung der meisten Menschen in den sozialen Medien nonverbal empathisch reagiert hat.”

Ist doch schön. Und die Umfragewerte für die CDU sind über’s Wochenende auch gestiegen.

Gönnt dem Papst die Pizza

Ach ja, dieser Papst. Alle lieben Franziskus. Selbst dann, wenn er über würdevolle Ohrfeigen philosophiert. Möchte man also mit ihm tauschen? Also, ich nicht.
Am Ostersonntag wurde auf dem Petersplatz in Rom des Heilands Auferstehung gefeiert. Nun sollte man doch meinen, dass es sich beim Sieg über den Tod um ein freudiges Ereignis handelt. Die Geschichte von Jesus’ Wiederkehr eignet sich als Stoff für eine riesengroße Party. Meint man.
Die Fernsehbilder zeigen etwas anderes. Die Gesichter vieler Menschen sind todernst. Und ein älterer Herr redet von Kriegen, Folter, Kindsmissbrauch und religiöser Verfolgung. Seltsam freudlos, das Ganze.
Doch warum schreibe ich das überhaupt? Seit ich denken kann, kenne ich es nicht anders. Wahrscheinlich ist es zwar die Aufgabe eines Papstes, Hoffnung zu verbreiten. Aber offenbar so, dass den Menschen klar wird, dass es in Urbi und Orbi so viel Mist gibt, dass diese Zuversicht göttlich sein muss. Letztlich muss das alles so dosiert sein, dass die Menschen nicht noch verzweifelter nach Hause gehen, als sie zur Feier auf dem Petersplatz angekommen sind.
Ich möchte das nicht machen müssen. Aber Papst wäre sowieso nichts für mich, wenn ich lese, was er selber so sagt. Liebend gerne, so Franziskus gegenüber einem mexikanischen Fernsehsender, möchte er ab und zu aus dem Vatikan ausbrechen, um irgendwo in Rom eine Pizza zu essen. Da haben wir es doch viel einfacher. Zumal wir unseren mit Salami & Co, belegten Teigfladen nicht im weißen, im konkreten Fall also höchst verräterischen Gewand verzehren müssten.
Man muss den Papst nicht beneiden, aber er verdient unser Mitgefühl. Denn die Ärzte des Vatikans haben missmutig registriert, dass Franziskus seit seiner Wahl im Jahr 2013 ziemlich an Gewicht zugelegt hat. Die Mediziner haben dem Vernehmen nach zum teilweisen Pasta-Verzicht geraten.
So viel Leid weltweit, so wenig Hoffnung – und dann auch noch Diät? Nein, das ist zu viel für einen Menschen. Lieber Franziskus, bei der nächsten Calzone denken wir an Dich und beten, dass Du auch bald eine kriegst. Versprochen! Amen!

Franziskus und die keuschen Kaninchen

Hoppla, da hat es aber gescheppert. Da schien es so, als hätten sie in Rom endlich einen tatsächlichen unfehlbaren Papst gewählt. Einen Mann, dem man einfach alles glaubt. Doch nun sieht sich Franziskus einem mächtigen Feind gegenüber: Der Zentralverband Deutscher Rasse-Kaninchenzüchter reibt sich an einem aktuellen Wort des Kirchenoberhauptes.

Der Papst hatte, vermutlich berauscht von der größten Messe aller Zeiten, nach seinem Abflug von den Philippinen betont, dass sich Katholiken nicht unbedingt wie die Karnickel vermehren müssten. Hierzu ist zu sagen, dass das sowieso nicht geht. Die Tragzeit der Katholikinnen ist zu hoch, unbefleckte Empfängnisse sind, nach allem was wir wissen, ein sehr seltenes Ereignis.

Bei Züchterpräsident Erwin Leowsky kam die flapsige Bemerkung des Papstes gleichwohl als Rufmord an. Gegenüber den Medien stellte er klar, dass nicht allen Kaninchen ein stark erhöhter Sexualtrieb zu unterstellen sei. Wahrhaftige Ausschweifungen gebe es nur in freier Wildbahn. Die Fortpflanzungstätigkeit der Zuchtkaninchen verlaufe hingegen in geordneten Bahnen.

Man fragt sich: Was treibt den Mann? Stünde es einem Züchterpräsident nicht besser zu Gesicht, unentwegt die Kraft der Lenden von Meißner Widdern, Großchincillas, Schwarzgrannen und Englischen Schecken zu rühmen? Kann es Sex und Vermehrung in einer reineren und unschuldigeren Form geben, als in den mit Stroh ausgepolsterten Ställen der Rassezüchter?

Vielleicht hat ihn einfach die Sorge um seine Mitglieder getrieben. Wenn schon ein katholischen Papst auf die Sexsucht der Kaninchen verweist,  müsste dies nicht zur Folge haben, dass die Halter der gierigen Rammler einem wachsenden Argwohn ihrer Nachbarn ausgesetzt wären, Lärmschutzklagen inklusive? Swingerclubs sind eben lauter als Friedhöfe.

Vielleicht ist es aber so. dass Deutsche Großsilber in der Nähe des Züchters dem Menschen ähnlicher werden. Geordnete Verhältnisse dämpfen die Libido. Verfügt Erwin Leowsky über empirische Erkenntnisse, wonach die Fortpflanzungsrate der Kaninchen rückläufig ist? Wir Freunde der Zucht würden dies nachhaltig bedauern. Der Papst, indes, hätte eine Sorge weniger. Was ihm absolut zu gönnen wäre.

Armer Franziskus, Du bist ausgegrenzt

Weihnachten, das ist wieder die große Zeit für Pfarrer, Bischöfe und für den Papst. So ein bisschen Beten im Weihrauchduft, am besten garniert mit machtvollem Chorgesang und Segensformeln in lateinischer Sprache, bringt uns dem Herrn wenigstens für zwei, drei Tage näher. Christen-Pflicht erledigt. Wir fühlen uns wohl, weil wir zwischendrin mehr für den Glauben getan haben, als nur am Freitag das Schnitzel durch Fischfilet zu ersetzen.

Priester mögen wir in diesen Tagen. Vor allem fasziniert uns dieser Franziskus aus Rom. Einfach weil er so bescheiden ist. Anders als seine Vorgänger tut er nicht so, als könnte er zum Fest der Liebe in 140 Sprachen grüßen. Statussymbole sind ihm sowieso fremd. Er bekennt sich zur Armut und trägt immer dasselbe weiße Gewand, das komischerweise niemals Flecken bekommt. Bloß: Dieser Mann wird nicht verstanden. Er gehört nicht dazu.

Das hat gerade das Statistische Bundesamt belegt. Nach seinen Erkenntnissen ist rund ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland “sozial ausgegrenzt”. Und woran liegt das? Weil sie SPD wählen? Keineswegs. Sondern deshalb, so die Behörde, weil sie zu wenig Geld haben. Bei uns ist es eben noch immer so, dass derjenige, der arm ist, als Außenseiter gilt. Wer Konsum vermeiden muss, wird als sozial schwach bedauert. Wer darauf demonstrativ verzichtet, gilt als Kauz, der die Leistungsträger der Gesellschaft bestenfalls verstört.

Dabei würde es sich lohnen, näher hinzusehen. Findet die Integration in die Gesellschaft in Opernhäusern, Sterne-Restaurants oder auf Golfplätzen statt? Oder eher in einem stinknormalen Sportverein oder beim Plausch am Bratwurst-Stand? Spitzenkräfte sind manchmal ziemlich einsam, die Zäune um die Villen der wirklich Reichen sind besonders hoch.

Vielleicht hat der Mann aus Rom ja recht. Wo nicht zu viel Geld im Spiel ist, fallen Freundschaften leichter. Gut. Aber eines denken wir uns schon: Dieses famose Papst-Waschmittel ist ganz bestimmt nicht billig.

 

ADAC: Wir sind Autopapst!

Bescheidenheit ist das Gebot der Stunde. Seit Papst Franziskus vorlebt, dass man andere Menschen auch dann überzeugen kann, wenn man im Mittelklasse-Autos vorfährt, schwindet der Reiz einstmals gängiger Statussymbole. Wer Erfolg haben will, macht in Demut. Diese Erkenntnis soll jetzt auf den ADAC ausstrahlen. Der reichste Automobilclub aller Zeiten macht sich klein und lieb.

Der Vergleich zur Kirche drängt sich sowieso auf. 19 Millionen Mitglieder sind eine Hausnummer, bei der nur die großen Glaubenskonzerne mithalten können. Selbst der FC Bayern München dürfte diese Zahl erst im nächsten Jahrzehnt erreichen. Zudem war der ADAC lange Zeit hoch ideologisch, indem er den Glauben an die allzeit paradiesisch freie Mobilität freier Bürger propagierte.

Wie einer Sekte gelang es ihm, die Menschen an sich zu binden. Mit Benzingutscheinen, kostenlosen Straßenkarten, Reisekostenrücktrittsversicherungen, Schutzbriefen mit Helikopter-Rückholgarantie, mit Reifentests und vielem mehr. Dieser Automobilclub war glaubwürdiger als der Papst. Seine Zeitschrift erreichte deutschlandweit die größte Auflage – und bot die meisten Inserate für Treppenlifte und Rollatoren.

Dann aber kamen die Skandale. Und jetzt? Wir rechnen damit, dass in der “Motorwelt” nur noch schadstoffarme Kleinwagen getestet werden. Gelbe Engel werden jede Reparatur mit einem Gebet beginnen. Stauberater werden nicht mehr auf Motorrädern, sondern auf windgetriebenen Bambus-Fahrrädern daherkommen.  Die Piloten am Norisring werden in Kettcars herumdüsen.

Fazit: Was Jorge Mario Bergoglio für den Vatikan, ist für den ADAC der neue Präsident August Markl. Und: Klingt sein  Name nicht wie dieses Städtchen am Inn? Ja, es stimmt: Großmannssucht und Geldgier waren gestern. Wir sind Autopapst!

Die Buß-Fahrt der Bayern zum Papst

Ach wunderbar! Welch Ehre! Der FC Bayern München wird am Mittwochvormittag von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen. Die Vereins-PR und alle gierigen Abnehmer ihrer Produkte vermitteln uns das Bild einer harmonischen Begegnung, nach deren Ende man sich mit Handkuss und La-Ola-Welle verabschieden wird. Die Wahrheit jedoch ist eine andere. Beim Abstecher in den Vatikan handelt es sich um eine Buß-Fahrt mit kollektiver Beichte. Gründe gibt’s genug.

Die ehrliche Begeisterung des Heiligen Vaters für den mehrfachen argentinischen Meisters Atletico San Lorenzo de Almagro vermag nur schwer zu kaschieren, dass es an diesem Mittwoch zuvörderst um Seelenreinigung gehen wird. So ist der FC Bayern die zurzeit wohl härteste Inkarnation des vom Papst so heftig kritisierten Kapitalismus. Eine Geldmaschine in gestreiften Trikots, die es sich zum Prinzip gemacht hat, Konkurrenten kaputtzukaufen. “Du sollst nicht begehren deines Nächsten Spieler, Trainer, falsche Neun, Doppelsechs, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat” – das zehnte Gebot interessiert diese Bayern nicht.

Das Wirken ausgewählter Persönlichkeiten kommt hinzu. Ex-Präsident Uli Hoeneß hat der Gesellschaft viele Millionen Euro an Steuergeldern vorenthalten. Karl-Heinz Rummenige ist wegen einer nicht verzollten Uhr vorbestraft, Franck Ribery ist wegen, na ja, irgendwas mit einer Minderjährigen mit Schuld beladen. Und es gibt diese Lichtgestalt, die zwecks Steuerflucht ins Ausland gezogen ist und noch nie einen Sklaven in Katar gesehen hat.

Genug Stoff für eine tagfüllende Beichte. Doch all dies ist nichts gegen die Sache mit der falschen Neun. Es kann den argentinischen Papst nicht ruhen lassen, dass ein Götze die Siegesträume seiner Nation ausgelöscht hat. Er kann nicht hinnehmen, wie sehr Götzenverehrung in Deutschland normal geworden ist.

Wenn also nach der Audienz ein bislang unentdeckter Kreuzbandriss beim jungen Mario gemeldet wird, glauben wir es nicht: Er ist an die Abteilung Inquisition, Exorzismus und verwandte Randgebiete des ehemaligen Regensburger Bischofs Müller überwiesen worden.

Dort wird man ihn reinigen und läutern, bis er ein Fräulein Engel heiratet, deren Namen annimmt und sich fortan beim Torjubel bekreuzigt. Ja, diese Papst-Audienz ist wichtig. Amen!

 

Raubtierkapitalisten fürchten nur Schnee

Sicher, Habgier zählt zurecht zu den Todsünden. Aber es ist verkehrt, den Kapitalismus für alles Schlechte in der Welt verantwortlich zu machen.

Wir sollten da auch unseren Lieblingspapst Franziskus zur Ordnung rufen, der diese Wirtschaftsordnung als “an der Wurzel ungerecht” bezeichnet hat. Denn rein materiell haben von diesem System auch die Beschäftigten profitiert. Der Unterschied zwischen sozialer Marktwirtschaft und real existierendem Sozialismus lässt sich so darstellen: VW Golf statt Trabant und Doppelhaushälfte statt Plattenbau.

Bei dieser Betrachtung darf allerdings das Wort “sozial” nicht übersehen werden. Es soll Unternehmer gegeben haben oder noch geben, die es gut und richtig fanden, dass die Beschäftigten am Erfolg der Firma teilhaben. Also war man Lohnforderungen gegenüber  aufgeschlossen, Verhandlungen über Tarife wurden mit dem Willen geführt, zu einer Einigung zu kommen. Zusätzliche Urlaubstage oder verrückten Ideen wie das Weihnachtsgeld ließ man sich durch Streiks abringen. Aber hinterher herrschte Frieden.

Das hat sich vielfach geändert. Spendabel sind Unternehmen heutzutage vor allem bei den Gehältern der Chefs. Oder bei deren Abfindungen. Ansonsten sitzen die Controller derart auf dem Geld, dass unser Euro-Adler quietscht. Das Humankapital ist in jedem Fall negativ zu bewerten. Nur Lohnverzicht kann uns retten. Zumal er auf lange Sicht in den wohltuenden Rentenverzicht mündet. Die Senioren der nicht mehr so sozialen Marktwirtschaft werden ihre Kreuzfahrt nicht mehr in die Karibik oder ans Nordkap unternehmen. Sie werden, begleitet von mittelmäßigen Blaskapellen, über unsere Binnengewässer gondeln.

Das ist die Zukunft. Aber wer, bitteschön, ist denn zurzeit der größte denkbare Renditeheld? Wer ist das ultimative Raubtier unter den Kapitalisten? Antwort: Es ist der Inhaber einer Firma für Schneeräumdienste. Monat für Monat bekommt er die Überweisung seiner Kunden aufs Konto. Tun muss er dafür Null und Nix.

Kein Aufwand, hoher Ertrag. 97 Prozent Umsatzrendite, im Zweifelsfall ohne jede Habgier. Dieser Mann ist unser Vorbild, unser Held. So lange das Wetter eben hält…

 

 

 

Limburgs Bischof und sein Bobby-Car

Geht das immer so weiter? Hört das nie auf? Müssen wir uns für alle Zeiten mit Nebensächlichem befassen, anstatt über wirklich wichtige Probleme zu diskutieren? Ja, es ist so. Das zeigt die Aufregung um den klapperdürren Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst.
Man hatte doch hoffen dürfen, dass das mediale Aufblasen von Kleinkram wenigstens nach den Wahlen aufhören würde. Stattdessen wird ganz Deutschland mit den Verfehlungen eines katholischen Provinzfürsten medial befeuert. Sicher, die Ausgangsposition für einen Skandal ist wie gemalt. Hier die heilige katholische Kirche, die unter dem neuen Papst aus Argentinien die reinigende Kraft der Armut entdeckt. Da der unheilige Verschwender, der in der Luxusklasse in indische Slums fliegt. Das passt, das Böse in der Kirche ist ein seit Jahrhunderten beliebtes Thema, das ganze Biblio- und Videotheken zu füllen vermag.
Doch seht, liebe Leute: Der Nachweis, dass die von Franziskus ausgerufene Bescheidenheit am Ende mehr sein wird, als eine clevere PR-Aktion, muss erst noch erbracht werden. Und wo wären wir, wenn die katholische Kirche niemals verschwendet hätte? Wir hätten ein paar Sehenswürdigkeiten und Kunstschätze weniger. Früher litten die Menschen unter der Ausbeutung, aber sie waren dann doch stolz, wenn mit ihrem Geld zum Ruhme Gottes der höchste Kirchturm der Region aufgeschichtet wurde. Wo Macht ist, wird verschwendet. Das wissen wir doch.
Und so ist der Amtssitz des Limburger Bischofs kaum etwas anderes als der Mittelfinger von Peer Steinbrück, das vegetarische Kantinen-Essen der Grünen oder das Bobby-Car von Christian Wulff. Es ist die Aufarbeitung des vermeintlich Unfassbaren, das am Ende schnurzegal ist. Weil nichts leichter ist als die Empörung über einen folgenlosen Skandal. Denn Limburg wird in einem halben Jahr in den überregionalen Medien wieder ähnlich selten vorkommen wie Unterschlauersbach oder Ouagadougou.
Dass Geistliche nicht ausschließlich erleuchtet sind, hat der französische Philosoph Denis Diderot blendend beschrieben: “Der Priester, ob gut oder schlecht, ist immer ein zweideutiges Geschöpf, ein zwischen Himmel und Erde schwebendes Wesen.” Alsdenn, Herr Papst. Befreien Sie Limburg, versetzen Sie diesen Tebartz-van Elst in eine Missionsstation in Afrika. Aber wehe, er fliegt Erster Klasse.

Ausbeuter kommen in den Himmel

Es ist wieder an der Zeit für eine theologische Betrachtung. Eigentlich scheint die Sache klar zu sein: Wer nur Geld zusammenrafft und andere ausnimmt oder sie gar nach Strich und Faden betrügt, muss in Satans Sauna schmoren. Ich habe über diese These nachgedacht – und massive Zweifel bekommen.

Der neue Papst, Franziskus, sensibilisiert uns gerade für das Thema Armut und Gerechtigkeit. Er trägt ausschließlich seine reinweiße Kutte, wohnt auf vergleichsweise erbärmlichem Niveau (Referenz: Vorgänger, Fürsten und Könige) und hat von seinem Papa-Mobil das Glasdach abschrauben und vielleicht an die Ludolfs verscherbeln lassen. Arm wünscht er sich seine Kirche. Die Masse jubelt ihm zu. Weil keiner dran denkt, wer zum Beispiel in Zukunft die Unterhaltskosten für das Nürnberger Männleinlaufen tragen soll.

Es naht demnach das Ende von Aravatia, dem Hauptlaster der Habgier. Wer ihm verfallen ist, kann zum Todsünder werden und muss auf dem Weg ins Paradies mindestens eine Ehrenrunde drehen. Ehe er – möglicherweise mit irreparablen Brandverletzungen – auf Wolke 14 die Schalmei spielen darf. Man kann auch mit prämortaler Unzucht nach unten rauschen, aber das dürfte angesichts des heutigen Altersdurchschnitts der Bevölkerung der seltenere Fall sein.

Aber kann ein Ausbeuter tatsächlich nicht zum Engel werden? Sehen wir es doch mal so: Wer andere, zum Beispiel als Arbeitgeber, so mies bezahlt, dass sie kaum über die Runden kommen, sorgt dafür, dass sie zu den Seligen gehören. Er hilft Menschen, ihre Habgier zu überwinden. Hartz-IV-Aufstocker sind dem Papst – und somit wahrscheinlich auch dem Herrn – ein Wohlgefallen. Sie tun der Spitze der Großabteilung Seelenheil so richtig gut.

Wir folgern: Wer ganz privat seiner Habgier frönt, kann als Todsünder bestraft werden. Wer aber auf Kosten anderer reich wird, tut Gotteswerk. Versprechen wir uns also nicht zu viel vom Paradies. Die Begrüßungsformel “Guten Morgen, Herr Abteilungsleiter” kann es auf dort geben. Amen!

Prima, wir sind alle reich!

Haben Sie schon bemerkt? Wir sind reich, jawohl! Und werden immer reicher. Um sagenhafte 52 Milliarden Euro ist nach offiziellen Angaben das Geldvermögen der Menschen in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres gewachsen. Also: Seien wir dankbar. Machen wir Schluss mit unserem Gejammer.

Mit 4992 Milliarden Euro hat unser Vermögen einen neuen Rekordwert erreicht. Das meldet nicht etwa die Propagandaabteilung der Bundesregierung, sondern die selbstverständlich in jeglicher Hinsicht unabhängige und vertrauenswürdige Bundesbank. Im Vergleich dazu nehmen sich die Schulden mit 1594 Milliarden Euro absolut überschaubar aus. Es geht aufwärts. Wohin auch immer.

Wir könnten jubeln, wenn diese famose Statistik nicht kleine Widerhaken hätte. Das Geldvermögen ist im Quartal um 1,1 Prozent gestiegen. Das ist zwar ein Vielfaches dessen, was es auf das Sparbuch gibt. In der Rechnung berücksichtigt sind aber zum Beispiel auch die Ansprüche gegenüber Versicherungen. 4,4 Prozent jährliche Rendite erwarten wir da schon. Zudem existiert dieses Phänomen namens Inflation. Das frisst uns ein knappes Prozentchen weg. Bei Nahrungsmitteln, die für das Überleben nicht unwichtig sind, lag die Preissteigerungsrate zuletzt bei 5,7 Prozent. Wenn wir schließlich ans Gesamtvermögen denken, spielen auch Immobilien eine Rolle. Wenn deren Marktwert steigt, erhöht das den allgemeinen Reichtum, ohne dass der Mensch, der die nächsten 20 Jahre seine Wohnung abzuzahlen hat, auch nur einen Cent mehr in der Tasche hat.

Statistik besteht immer aus objektiver Wahrheit und mehr oder weniger stark gesteuerter Lüge. Wer etwa die Zahl der Hartz-IV-Aufstocker kennt, wird das deutsche Jobwunder kaum noch mit Verklärung anbeten. Wer liest, dass die deutsche Wirtschaft neuerdings den älteren Arbeitnehmern zu Füßen liegt, mag bejubeln, dass ein wachsender Anteil der 60-Jährigen noch täglich seinen Job ausübt. Wenn es darum geht, wie viele Menschen das tatsächliche Rentenalter als Arbeitnehmer erreichen, ist die Quote aber nach wie vor erbärmlich.

Ihre Stimmung ist jetzt erfolgreich versaut? Grämen Sie sich nicht. Denken Sie an Papst Franziskus und daran, wie sehr diesen frommen Mann sein eigener Reichtum ankotzt. Ihm reicht es völlig, wenn jemand da ist, der ihm zuverlässig das weiße Gewand bügelt. Mehr braucht er nicht. Von ihm lernen wir: Selig sind die zufriedenen Armen. Denn sie machen den Reichen das Leben leicht.