Pessimismus abspecken als 11. Gebot

Die Fastenzeit erscheint uns stets als schwierig. Wir rechnen mit der Auffordeurng zur Selbstkasteiung, wir sollen das beiseite lassen, was uns in fröhlicher Stimmung krank macht. Für 2020 jedoch hat sich die evangelische Kirche etwas Freudiges ausgedacht: Ihr Fastenmotto lautet „Sieben Wochen ohne Pessimismus“. Wie bitte? Wie soll das gehen?

Schauen wir doch bloß auf den Beginn des Jahres 2020. Dieser hatte durch die vorzügliche Lage der Feiertage alles Potenzial für einen geruhsamen Start. Wir ließen ein paar Versprengte arbeiten und hätten ansonsten auf dem Sofa der Frage nachhängen können, ob der Geigers Karl besser als der Kobayashi fliegt.

Und dann kommt, wer auch sonst, dieser Donald Trump. Er lässt einen führenden iranischen General ermorden, sorgt für Hass und Racheschwüre, um dann im Wahlkampf zu erklären, dass die USA ein friedliebendes Land seien, das mit dem Rest der Welt in Harmonie leben wolle. Wir indes schauen pessimistisch auf das, was in den nächsten Wochen kommen mag.

Das ist Weltpolitik. Aber auch ansonsten haben wir genug Stoff zum Grübeln. Wird die Miete wieder steigen? Wird der Stress im Job noch größer? Wird die Rente später reichen? Legt der streitsüchtige Nachbar bald so richtig los? Werden wir, trotz allerbester Vorsätze, weiter zunehmen? Und wird unser liebster Verein, der 1. FC Nürnberg alias Glubb, nochmal absteigen?

Auch unsere kommunalpolitischen Wahlkämpfer blicken skeptisch nach vorne. Erweist sich die Gegegenkandidatin am Ende doch als beliebter? Komme ich wieder in den Stadtrat? Wird meine Partei nicht mehr gemocht?

Unsere Welt ist also voller Sorgen und Zweifel. Zum Pessimisten wird man durch Lebenserfahrung.

Trotzdem: Wäre es nicht gut, zumindest zeitweise anzuerkennen, dass Optimismus alternativlos ist? Vieles kommt unverhofft. Warum sollte es nicht etwas Schönes sein?

Na dann, grübeln wir noch ein bisschen, und fasten dann, mit purer Lebensfreunde. Zumal die Frohgemuten unter uns sind, wie eine Zwischenüberschrift in einem Artikel aus einer wissenschaftlichen Zeitschrift zeigt: „Schnelles Radeln verlängert das Leben.“ Wie uns die Kirche immer lehrt: Man muss bloß glauben können.