Ein Piepmatz stiehlt die Langeweile

Wie öde und beruhigend zugleich war es doch damals. Man stand auf Bahnsteig 9, wartete auf den Zug – und guckte in die Luft. Der moderne Mensch kennt diese gepflegte Langeweile nicht mehr. Er beugt sich nach vorne, schaut auf sein Smartphone, grinst, schüttelt den Kopf oder tippt etwas. Schuld ist Larry, ein nach dem Basketballer Larry Bird benannter kleiner Vogel auf blauem Grund.

Seit dem 21. März 2006, also seit genau zehn Jahren gibt es den Kurznachrichtendienst Twitter. Er ist schon deshalb ein Phänomen, weil man gemeinhin davon ausgeht, dass es wirtschaftlicher Stärke bedarf, damit ein Unternehmen die Welt verändern kann. Die Zwitscher-Firma indes ist notorisch in den roten Zahlen. 2013 wurde bei einem Umsatz von 665 Millionen Dollar ein Verlust von 645 Millionen Dollar „erwirtschaftet“. Freude macht sie ihren Aktionären nur dann, wenn sie wieder mal gerüchteweise aufgekauft wird.

Trotzdem hat Twitter unser Leben verändert. Auch weil es die meisten interessanten Leute tun. Obama twittert, der Papst, Lukas Podolski und Markus Söder.  Wobei sich der wahre Erfolg an der Zahl der Follower bemisst, also an jenen Menschen, die keine Ereignis im Leben ihres Idols verpassen wollen. Königin der Welt in diesem Sinne ist eine notorisch fröhliche US-Sängerin namens Kate Perry. Ihr folgen 84 Millionen Menschen, ihr Kollege Justin Bieber ist von 76 Millionen abonniert. Die deutsche Twitterkönigin ist Heidi Klum. Sie hat 3,5 Millionen Follower, Ilse Aigner bloß 1500.

Womit sich zeigt, dass die Wege der Popularität seltsam sein können. So wie die Wege von Twitter selbst. Es gibt gelogene Tweets, Hasserfülltes und ganz gar Blödes. Aber: Man lernt virtuell viele nette und kluge Leute kennen. Manche trifft man zum Twabendessen, andere zum #Tatort-Gucken, wieder andere zu einer Revolution.

Und die Langeweile und die Faulheit? Sind die wirklich ganz und gar weggezwitschert? Ganz sicher nicht. Denn 44 Prozent der 320 Millionen Twitter-Nutzer haben noch nie einen Tweet geschrieben. Worauf der Volksmund zwitschert: Faulheit ist der Schlüssel zur Armut.

Twitter lebt von Tweets, weshalb dieser Beitrag mit einem Solchen endet: Wenn alles immer so bleibt, wie es immer war, wird nichts so sein, wie es eigentlich auch sein könnte. #HimmelHerrgottjetztzwitschertdochmal

Angela Merkel ist die Supermacht

Der Zusammenbruch der großen deutschen Institutionen erschien in letzter Zeit unaufhaltsam, ja geradezu alternativlos. Unsere famose Autoindustrie, unsere Ingenieurskunst überhaupt, unser wunderbarer DFB – alles schien vom Niedergang bedroht. Jedoch, wir sind wer. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel ist so mächtig wie kaum jemand anderer auf diesem Planeten. So behauptet es die US-Zeitschrift „Forbes“.

Demnach gibt es neben Gott, Allah und den anderen höheren Wesen nur einen, der ihr das Wasser reichen kann: Wladimir Putin, der vielseitig tätige Kriegsherr aus Moskau. Nun gut, er hat ein Riesenreich im Rücken und hat Olympische Spiele und Fußball-WM gleichermaßen eingekauft. Dieser Mann geht seinen Weg. Wenn es sind muss, auch brutal.

Die Kanzlerin wiederum ist schon seit Jahren hoch gelistet. Das macht uns stolz, schließlich würde für unsere 80 Millionen Einwohner im Weltmaßstab des globalen Dorfes eine untergeordnete Seitenstraße reichen. Aber diese Frau hat erkannt, womit auch Unternehmer heutzutage am erfolgreichsten sind. Es kommt nicht darauf an, klare Positionen zu beziehen und entsprechende Anweisungen zu geben. Sondern darauf, irgendwie da zu sein und einen Satz wie „Wir schaffen das“ zu sagen. Dann krempeln die Untergebenen die Ärmel hoch und strengen sich an, um die Herausforderung zu bewältigen. Geht es schief, lag es nicht an der Chefin. So läuft das. Da mögen die Seehofers noch so bellen.

Aber Merkel mächtiger als der auf Platz 3 abgerutschte Barack Obama? Mag sein, dass mancher diese Einschätzung für verschroben hält. Andererseits ist es so: Die Amtszeit des US-Präsidenten ist absehbar endlich, für die Kanzlerin ist noch lange nicht Schluss.

Romantisch ist die „Forbes“-Liste allerdings auch. Platz 4 von Papst Franziskus ist bei vernünftiger Betrachtung nicht zu belegen. Dieser Mann ist großartig. Er sagt wunderbare Dinge, die allerdings in seinem eigenen Laden zumindest bisher nicht sonderlich interessieren. Und auch sonst liegen die Analytiker wohl falsch. Unter den mächtigsten Zehn der Welt werden sieben Staatschefs aufgeführt, die Lenker weltweit operierender Konzerne kommen erst auf hinteren Plätzen.

Wir wissen, dass das eher umgekehrt ist. Aber das Ganze stammt ja auch von einem Magazin. Darin steht nie bloß, was ist. Sondern auch, was die Leute gerne lesen wollen. Wir jedenfalls nutzen die Chance, vergessen Winterkorn und Niersbach für den Moment und sagen: Danke, Forbes. Danke, danke, danke!

 

In der Hand liegt die Wahrheit

Gönnen wir uns eine Verschnaufpause. Die Krisen mögen zahlreich sein. Aber wenn wir daran denken, wie wir diese vor 25 Jahren ziemlich ungeplante deutsche Einheit hinbekommen haben, dürfen wir uns auch einmal mit einem wohligen Seufzer zurücklehnen. Und uns daran freuen, dass unsere  Wissenschaft trotz alledem unbeirrt nach Antworten auf die wirklich großen Fragen des Daseins sucht.
So haben Psychologen aus Münster und Dresden erforscht, wie sich die Handposition auf das Lösen von Aufgaben am Computer auswirkt. Dabei stellten sie fest, dass es ein Unterschied ist, ob jemand ein Rechenproblem löst oder ob er ein Flugzeug steuern will. Manchmal sei es besser, wenn die Hand nahe am Bildschirm sei, in anderen Fällen sei es andersrum.
Nun ist die Erkenntnis, dass das Leben stets ein „Einerseits, Andererseits“ sei, bereits in der Epoche des Mittelhochdeutschen, mutmaßlich von christlichen Mönchen formuliert worden. Juristen wiederum beantworten die Bitte um eine klare Rechtsauskunft gerne mit dem Satz „Es kommt darauf an“.
Bei unseren Forschern lautet diesselbe Aussage so: „Wir haben ein in der Psychologie bekanntes Phänomen im Kontext der modernen Informationstechnologie erforscht.“ Wenn sich Menschen für Dinge interessierten, nähmen sie diese in die Hand. Dies sei beim Nutzen von Computern nicht wesentlich anders. Der Lehrsatz lautet: Je näher die Hand, desto größer der Reiz.
So gesehen verheißt die Anbahnungsphase des jüngsten Händedrucks zwischen Barack Obama und Wladimir Putin nichts Gutes. Der US-Präsident hat sich erkennbar stärker für seinen Kollegen interessiert als dieser für ihn. Fatalerweise entspricht das auch der ersten Nachrichtenlage aus Syrien.
Aber bleiben wir im Lande. Von der Handposition hing es entscheidend ab, ob man in einer zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit gratis gelieferten Zeitung mit den bekannt großen Bildern blätterte oder ob man sie ohne Umweg in die Papiertonne beförderte. Uns wurde klar: Manche Entscheidung lässt sich getrost auch ohne Hilfe der hohen Wissenschaft treffen.

G7: Die Welt dankt den Gebirgsindianern

Na gut. Vielleicht waren wir in Sachen G7-Gipfel allzu kritisch. Das Ganze kostet wahnsinnig viel Geld. Aber es lohnt sich. Denn es gibt prima Bilder.

Oberbayern musste sein. Denn wo sonst findet sich in Deutschland ein Landstrich, wo Menschen seltsame Gewänder anziehen und dabei auch noch stolz und vergnügt aussehen? Man nehme nur die kräftigen Mannsbilder, der im Angesicht des US-Präsidenten Obama ihren Gamsbart stramm nach oben recken. Winnetou ist tot – aber der Gebirgsindianer lebt. Komme wer wolle, it’s always Oktoberfest.

Die Mega-Super-Joker-Karte hat indes die Brauerei Karg gezogen. Ihr Wappen prangte auf dem Glas, mit dem der strahlende Allermächtigste den Fotografen zuproteste. Zwar war, wie man hörte, alkoholfreies Bier beziehungsweise garantiert unvergiftetes Gebräu eines amerikanischen Unternehmens in Obamas Trinkgefäß. Doch das wird das Management der Brauerei aus Murnau am Staffelsee leidlich egal sein, wenn es seine groß angelegte Werbekampagne durchzieht.

„Wir setzen uns für einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol ein“, steht auf der Karg’schen Homepage. Womit wir definitiv beim Gipfel sind. Denn natürlich geht es hier um die Verantwortung für Renditen, Zinsen, Aktienkurse und um den Weltfrieden im Besonderen und im Allgemeinen. Ein Aspekt dabei ist der Klimawandel. Und auch in dieser Hinsicht ist Elmau gut gewählt. Denn unsere Staatenlenker werden später ihren Enkeln Fotos zeigen und sagen können: „Schaut mal, da war Schnee im Juni. Wenn wir energischer gehandelt hätten, gäb’s das heute noch.“

Überschätzen sollten wir die Gipfel-Akteure aber sowieso nicht. Diese geben ja vor, in Sachen Weltwirtschaft alles im Griff zu haben. Was natürlich kompletter Unsinn ist. China ist ja ökonomisch ziemlich erfolgreich, ist aber nicht vor Ort. Ein Kontinent wie Afrika fehlt komplett. Auch Südamerika ist außen vor. Vom russischen Bösewicht Wladimir P. aus M. ganz zu schweigen.

Und noch einen haben sie vergessen. Den Mann, der gerade die meisten Wolkenkratzer, die längsten Brücken und die größten Flughäfen der Welt bauen lässt, den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Ja, er hätte den anderen erklärt, wie man im 21. Jahrhundert auch als unmittelbarer Nachbar von Griechenland den totalen Boom erzeugt. Aber gut, er konnte nicht, weil bei ihm zuhause gerade Wahl ist. So wichtig ist der Elmauer  Güpfel eben auch nicht…

PS/Nachtrag: Angesichts seines Wahlergebnisses hätte Erdogan auch wegfahren können

Obama, Castro und der schweigsame Vatikan

Große historische Gesten können schlicht sein. Unvergessen ist der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt in Warschau. Auch US-Präsident Barack Obama dürfte sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert haben: Er hat seinem kubanischen Amtskollegen Raúl Castro die Hand gegeben. Auf dass Friede sei zwischen dem renitenten Inselstaat und dem ganz großen Bruder.

Klar, dass die Feindbild-Bewahrer in beiden Staaten motzen. Das war bei uns damals nicht anders. Doch  längst dürfte durchgerechnet sein, dass der Nutzen der Annäherung für die USA größer sein dürfte. Schließlich ist Kuba ein ungesättigter Markt für wunderbare Artikel des täglichen Lebens, wie Telefone, Elektrogeräte und Handfeuerwaffen. Die sozialistische Insel dürfte auch eines der letzten Gebiete weltweit sein, die Produkte von McDonald’s gut finden.

Wir werden sehen: Es lohnt sich, dem Bösen die Hand zu reichen.

Schwierig ist ein solcher Schritt allemal. Wie uns gerade in absurder Weise der Vatikan vorführt. Die französische Regierung hat einen neuen Botschafter für den Kirchenstaat benannt. Er heißt Laurent Stéfanini und bekennt sich offen zu seiner Homosexualität.

Wie reagiert man in Rom auf die geplante Akkreditierung? Man sagt gar nichts, man schweigt beharrlich. Und dies gilt nach den Regeln der klerikalen Diplomatie als eindeutige Ablehnung der betreffenden Person. Man erwartet, das der andere Staat den Vatikan in keine Erklärungsnöte stürzt und stattdessen jemand benennt, der aus amtlicher katholischer Sicht in ordentlichen Verhältnissen lebt.

Halt, denkt man da? Handelt hier nicht der eigentliche Weltmarktführer für Versöhnung? Hat nicht Papst Franziskus höchstselbst erklärt, dass Schwule schwul sein dürfen, wenn sie ansonsten einen festen Glauben haben? Schon, aber er ist ja nur der unfehlbare Chef, im Hintergrund regiert der Apparat.

Diesen wiederum gibt es in jedem Staat. Danken wir also Barack Obama für den Händedruck. Was wirklich daraus wird, muss sich aber erst noch zeigen…

Obamas Ehestress ist unser Trost

Er ist schon ein Pechvogel, dieser Barack Obama. Einst lagen wir ihm zu Füßen, weil wir glaubten, dass er damit über’s Wasser laufen könnte. Inzwischen hat er sich selbst weitestgehend entzaubert. Und jetzt hat er nicht mal mehr seine Ehe im Griff.

Hätte er bloß nicht dieses Foto mit der blonden Dänin gemacht. Noch dazu vor all den Leuten. Das kränkt die stolze First Lady grässlich. Zumal sich der Rest der Welt köstlich über ihren grantigen Blick amüsiert.

Andererseits: Das lustige „Selfie“ war kein wirklich schlimmer Fehltritt. Sowas passiert. Barack Obama ist mit 52 im besten Midlife-Crisis-Alter. Das Fahren von Harley Davidsons ist ihm aus Sicherheitsgründen verwehrt, für Triathlon fehlt ihm die Zeit. Dafür fristet er – bei aller Macht, die er hat – ein recht freudloses Dasein. Seinem Staat fehlt das Geld, böse Konservative funken ihm dauernd dazwischen, alle paar Tage muss er mutmaßliche Terroristen töten lassen. Und: Nicht mal die Deutschen mögen ihn mehr, seitdem sein Geheimdienst unbedingt wissen will, wer sich online welche Liebesromane bestellt.

So ein Leben im Weißen Haus ist bestimmt aucch nicht so prickelnd. Sicher, es gibt immer eine warme Mahlzeit. Auch die Betten werden wohl gemacht. Aber was soll schön daran sein, wenn unter jedem Türrahmen ein breitschultriger Bauernschrank vom Sicherheitsdienst steht? Vielleicht kümmert sich Obama aus Trotz so wenig um die überfüllten US-Gefängnis oder um Guantanamo. Er ist ja selbst eingesperrt, wenngleich aus freiem Willen.

Wie schön wäre da wenigstens ein harmonisches Eheleben. Aber Pustekuchen, die Welt ist grausam. Und: Tut uns Barack Obama jetzt leid? Nein, das nicht. Wir sind neugierig. Wir freuen uns diebisch. Vor allem aber trösten wir uns. Denn wenn selbst das mächtigste Paar der Welt massivsten Beziehungsstress erlebt, geht es uns nicht schlechter. Oder sogar noch viel, viel besser…

 

 

 

Vergessen heilt nicht alle Wunden

Als Journalist sollte man die Finger von Sprichwörtern und Binsenweisheiten lassen. Aber oft ist was dran. Nehmen wir den Spruch „Die Zeit heilt alle Wunden“. Und blicken wir in die USA.

Dort ist der frühere Präsident George W. Bush in Umfragen inzwischen beliebter als Barack Obama. Bush, das war doch dieser texanische Stammler,  der für das alte Europa die Inkarnation des dummen Amerikas darstellt. Also jener US-Bürger, die auf der Landkarte Frankreich nicht von Indien unterscheiden können, die Bücher beim Lesen verkehrtherum halten, sogar zu ihrer Mülltonne mit dem Auto fahren und zwischenmenschliche Probleme eher mit dem Gewehr als mit einem Gespräch lösen. Genau so war sein Regierungsstil.

Lustige Versprecher gehörten bei ihm dazu. Weshalb wir ihn nicht wirklich ernstnehmen wollten. Bloß: Schon die Zahl der Todesurteile, die er als Gouverneur von Texas vollstrecken ließ, hätte ausreichen müssen, um zu erkennen, dass da kein tapsiger Cowboy, sondern ein höchst gefährlicher Politiker am Werk war.

Wie auch immer, wir haben diesen Mann so ehrlich gehasst, dass wir selbst Ronald McDonald an der Berliner Siegessäule zugejubelt hätten. So kam Barack Obama. Er hat sich seinen Popularitätsverlust redlich verdient, er hat aber auch ein fürchterliches Erbe seines Vorgängers angetreten.

Der sitzt daheim, malt Bilder, klopft Sprüche in Talk-Shows und profitiert jetzt von der menschlichen Eigenschaft, dass das Unangenehme in unserer Erinnerung mit der Zeit verblasst. „Lass Vergang’nes vergessen sein“, riet schon Friedrich Schiller. Uns tut es gut. Alle Wunden heilt es aber ganz bestimmt nicht.

 

 

 

 

 

 

Obama – unser großer Irrtum

Hiermit stelle ich Folgendes fest: Berti Vogts versteht mehr von Fußball als Pep Guardiola. Ja, ich spüre ihn, Euren Aufschrei. Rund 101 Prozent meiner Leser/-innen fragen soeben, ob ich über’s Wochenende irre geworden bin oder eine Drogenkarriere begonnen habe. Nein, keineswegs. Mir geht es um etwas anderes. Wir neigen dazu, uns in anderen Erdbewohnern zu täuschen. Und leiden an der Wahrheit.

Nehmen wir die Erdmännchen. In jedem Tiergarten gehören sie zu den Stars. Weil sie so süß, so irgendwie menschlich sind. Wenn sie durch die Gegend wuseln und sich wachsam aufrichten, denkt keiner daran, dass es sich um Raubtiere handelt, die bei passender Gelegenheit kräftig zubeißen. Oder Eisbärenbabys. Das so genannte Kindchenschema verführt uns dazu, dass wir gegenüber diesen weißen Knäueln Eltern-Gefühle entwickeln. Würde uns nicht unser Resthirn davon abhalten, wir würden die Streichelhand auch einem erwachsenen Eisbären entgegenstrecken – und nach dieser Begegnung allenfalls froh sein, dass die ungeschicktere der beiden Hände weg ist.

Womit wir bei Barack Obama wären. Was haben wir nicht in diesen Mann hineinprojeziert? Schon als Kandidat war er für uns das andere Amerika. Der perfekte Gegenentwurf zum tumben George W. Bush. Dunkelhäutig, jung, lässig, rhetorisch hochbegabt, zudem Ernährer einer Musterfamilie. Ein Bill Cosby der Weltpolitik, bei dem nur noch gefehlt hat, dass bei seinen launigen Reden an den richtigen Stellen die Lacher eingeblendet werden. Wer nach seiner Vereidigung mahnte, dass auch dieser US-Präsident nicht über’s Wasser gehen könne, galt als schlecht gelaunter Miesmacher. Stattdessen hat man ihm den Nobelpreis verliehen.

Was aber haben wir gelernt? Dieser Barack Obama ist kein Erdmännchen, wie wir es gerne hätten. Er ist ein Machtpolitiker, der weder Tod noch Teufel kennt, wenn es darum geht, seiner Nation Vorteile zu verschaffen. Der US-Präsident tut all das, was wir eigentlich vom skrupellosen Russen Wladimir Putin erwarten. Was stören könnte, wird ausgehorcht.

Tja, es gibt eben auch das wohlmeinende Vorurteil. Genauso wie das andere. War Guardiola jemals Europameister? Man sieht, auch im Fußball wird gerne überschätzt.

Merkelgate? Die Leiden des NSA-Manns

Abhängig Beschäftigte wissen es: Nichts beschleunigt Veränderungen mehr, als wenn auch Chef oder Chefin betroffen sind. Somit können wir sicher davon ausgehen, dass nach dem Anzapfskandal um Angela Merkels Handy das Thema Datenschutz mit Macht auf die politische Agenda kommt. Bis hin zum Verbot von Smartphones – man denke an Fukushima – scheint derzeit alles möglich zu sein. Schließlich leben wir in einem Land, dem das Abhören befreundeter Mächte ganz und gar fremd ist. Das macht kein BND nicht, oder????

Aber hier geht es um etwas anderes, nämlich um Mitgefühl. Der NSA-Skandal sollte uns auch an jene Menschen denken lassen, die diesen dreckigen Job erledigen. Da wird also dieser kurzgeschorene Jüngling, den Sie bei den Marines wegen einer Bandscheibenverkrümmung aussortiert haben, an seinen neuen Arbeitsplatz geführt. Der Dschennerell ruft ihn und bellt: „Constable, are you ready to attack Germany?“ „Sir, yes, sir, yes!“ „Are you ready to späh out the migthiest women of this world?“ „Sir, yes, sir, yes.“ „So do it!“ „Sir, yes, Sir, yes!“.

Und dann geht es los. Da hört dieser junge Mann 26 Mal pro Tag den Satz „Deutschland geht es gut“. Oder diesen: „Man kann sich nicht darauf verlassen, dass, was vor den Wahlen gesagt wird, auch wirklich nach den Wahlen gilt, und wir müssen damit rechnen, dass sich das in verschiedenen Weisen wiederholen kann.“ Oder: “Insofern werden wir Wege finden, die parlamentarische Mitbestimmung so zu gestalten, dass sie trotzdem auch marktkonform ist, also dass sich auf den Märkten die entsprechenden Signale ergeben.” Oder: „Die Beschäftigung mit nicht vorrangigen Dingen darf aber kein Ersatz dafür sein, dass wir auf die eigentlich bedrängenden Fragen keine Antwort haben.“ Oder: „Seehofer ist ein Arsch.“

Am Abend schließlich muss der kurzgeschorene Ex-Marine zum Chef. Er soll die aktuellen weltpolitischen Pläne Deutschlands erklären, aber er wird sich fühlen wie Maybritt Illner, Anne Will, Peter Klöppel und Stefan Raab zusammen. Auf die entscheidende Frage seines Chefs wird er sagen. „Sir, sorry, Sir. I don’t know. And who the fuck is Seehofer?“

Wie der BND soeben meldet, hat sich ein NSA-Mitarbeiter freiwillig für Guantanamo gemeldet. Als Häftling.

Das mörderische Erbe eines Dummkopfs

George W. Bush: Hätte er doch immer bloß gemalt.

Herr Bush: Hätte er doch immer bloß gemalt.

Warum Barack Obama im Jahr 2009 den Friedensnobelpreis bekommen hat, haben die meisten Menschen schon damals nicht kapiert. Einige gute Reden über die Versöhnung der Kulturen und der Welt als solcher haben seinerzeit genügt. Heute zeigt sich mehr denn je: Man hätte dem  US-Präsidenten diesen Preis besser erspart. Denn es war klar, dass er nicht als neuer Messias in die Geschichte würden eingehen können. Dafür war schon zuviel passiert.

Gerade muss sich Obama am Stichwort „Rote Linie“ abarbeiten. Diese wäre überschritten, sagte er, falls das Assad-Regime in Syrien Giftgas gegen die rebellische Bevölkerung einsetzen würde. Inzwischen sind viele hundert Menschen durch chemische Waffen ums Leben gekommen. Der Präsident steckt nun in jenem Dilemma, das normale Menschen  aus der Erziehung kennen: Leere Drohungen machen die Sache oft nur noch schlimmer. Also bombardieren, einmarschieren, in einem weiteren Krieg mitmischen? Oder zusehen? Es geht es um zig-tausende Menschenleben. Ein irrwitziges Dilemma für den, der hier entscheiden muss. Es sei denn, die Opfer interessieren ihn nicht.

Es wäre also der ideale Job für einen dummen Psychopathen. Und den hatten wir ja. Nämlich George W. Bush, jenen US-Präsidenten, von dem wir zunächst geglaubt hatten, dass er vor allem ein Fall für’s Kabarett wäre. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, diesen unter halbseidenen Umständen ins Amt gekommenen „mächtigsten Mann der Welt“ auch nur annähernd mit Intelligenz in Verbindung zu bringen. Er war für uns der Protoyp des US-Bürgers, der auf seiner Ranch Kühen hinterherreitet, Nachbarschaftkonflikte mit dem Gewehr erledigt, aber auf der Landkarte Frankreich nicht von Indien unterscheiden kann.

Möglicherweise hat er im Oktober 2001 in einem Anflug von prophetischer Gabe zur weiteren Regierungsarbeit nach den Terroranschlägen dieses erklärt: “There’s no doubt in my mind, that we will fail.” – “Es gibt in mir keinen Zweifel, dass wir scheitern werden.” Danach hat er einen mit Lügen begründeten Irak-Krieg vom Zaun gebrochen und die komplette Region in Aufruhr versetzt.. Die Politik des Missionars Bush, der den Arabern – angeblich – die Demokratie beibringen wollte, hat Hunderttausenden das Leben gekostet. Und sein Nachfolger kann sich nun überlegen, welcher seiner künftigen Fehler der kleinere sein wird.

George W. Bush wiederum sitzt auf seiner Ranch und malt Bilder von Hundebabys. Schön kindlich-naiv, ganz so, wie wir ihn in unseren fröhlichen Momenten angeschaut haben. Politisch hat er nichts mehr zu melden. Das ist der einzige, winzig kleine Trost. Sein Erbe hingegen ist unterträglich.