Kauf-Getümmel hilft uns gegen Seelennot

Wir leben in schweren Zeiten. Das hat uns unser ranghöchster Weihnachtsredner, Bundespräsident Joachim Gauck, in sorgsam gesetzten Worten nähergebracht. Doch wir spüren es auch selbst. Es geht uns gut, aber die Not ist nah. Also brauchen wir Vorräte.

Und nun ist uns aufgefallen, dass die normalen Geschäfte seit Heiligabend-Nachmittag für drei Tage geschlossen haben. Drei Tage ohne Nachschub! Wie soll das gehen? Doch seit diesem Jahr gibt es in Nürnberg die Rettung: Den Lidl-Markt im Untergeschoss des Hauptbahnhofes. Dieser hat täglich geöffnet, von früh bis spät, bei Sonne, Wolken, Schnee und Eis.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag explodierte dort die Nachfrage. Kaufhungrige Menschen bildeten eine lange Schlange. Der Laden war derart voll, dass die Sicherheitskräfte die Ampeln auf Rot stellten. Wer zu Cola, Chips oder abgepacktem Hackfleisch wollte, musste warten, ganz wie damals im Osten.

Wundern muss man sich nicht. Der zunächst umstrittene Lidl im Hauptbahnhof hat sich als Geschenk an die Nürnberger Stadtgesellschaft erwiesen. Dem Vernehmen nach liegt sein Umsatz um 30 Prozent über dem Durchschnitt der anderen Lidl-Filialen. Der Laden hat 60 Beschäftigte und produziert mehr Brot und Brötchen als ein halbes Dutzend handwerkliche Bäcker zusammen. Wahnsinn ist dort oft.

Aber warum an Weihnachten zu Lidl? Vielleicht muss man die Sache philosophisch betrachten. Im Dezember ist es uns nicht nach Autowaschen, der Samstag als Badetag ist zusammen mit anderen Traditionen verschwunden. Heimwerken geht am Feiertag zwecks lärmempfindlicher Nachbarn nicht, die Fußball-Bundesliga ist in der Winterpause. Und: Die Begegnungen mit der Verwandtschaft sind überstanden.

Ereignislosigkeit jedoch ist für den digital beschleunigten Menschen das größte denkbare Gift. In der Ruhe begegnet er zunächst sich selbst und dann seiner eigenen Endlichkeit. Er wird mit dem undenkbaren Gedanken an sein unweigerlich kommendes Nicht-Sein konfrontiert.

Das hält nicht jeder aus. Wann aber lebt der Mensch im real existierenden Kapitalismus mehr, als in Momenten des gemeinsamen Konsums? Also geht es rein ins Getümmel – und wir sollten das verstehen. Gut, es gibt auch diesen Satz: „Die Langeweile ist die Not derer, die keine Not kennen.“ Aber das ist ein deutsches Sprichwort, aus der Vor-Computer-Zeit. Also einfach bloß analog. Pfui!

Sie träumen vom Glück? Wir schaffen das!

In angenehmeren Zeiten, sagen wir, während Angela Merkels erster Amtsperiode, hatten wir Zeit und Muse, um uns um wirklich wichtigen Dinge zu kümmern. Nämlich um die Frage, ob dieses, unser Dasein gelingen würde. Ob wir Glück hätten, ob es uns wie ein Blitz träfe oder ob wir sein eigener Schmied sein könnten.

Klar war uns allen, dass das Glück ein flüchtig Ding ist. Wie in diesen Tagen. Zwar steht es mit 80,5 Millionen Ergebnissen bei Google noch weit oben. Aber das Thema Flüchtlinge holt auf. Innerhalb von nur von fünf Tagen ist die Zahl der Google-Einträge von 30,5 auf 35,5 Millionen Einträge gestiegen. Geht es in diesem Tempo weiter, ist Glück in gut sechs Wochen nach unten durchgereicht. Der einstmals weltberühmte Glücks-Ratgeber von Eckart von Hirschhausen ist heute beim Internet-Händler ab 13 Cent zu haben. Auch das ist ein Zeichen.

Insofern sollten wir dankbar für Initiativen sein, die unser großes Daseinsthema im Blickfeld halten. So hat die Stadt Nürnberg untersucht, in welchem ihrer Wohngebiete die glücklichsten Menschen leben. Gewonnen haben Katzwang und Kornburg, also eingemeindete Dörfer, die sich vor allem durch Einfamilienhäuser und akkurat geschnittene Hecken auszeichnen. Man grüßt sich auf der Straße und singt im Verein. Und oft wissen die Nachbarn mehr über einen als Facebook und NSA zusammen.

So also sind die Bedingungen, damit 64 Prozent der Menschen glücklich sind. Mein Wohngebiet, die Südstadt, rangiert auf Platz 16 – von 17 untersuchten Quartieren. Angeblich gibt es hier bloß 40 Prozent glückliche Leute. Wenn ich die rauchenden Männer vor den Spielsalons sehe, glaube ich das. Aber ich könnte nicht sagen, dass mich das vergleichsweise große Chaos in meiner Gegend trübselig macht. Ich finde mein Umfeld spannend und interessant und habe Spaß an Menschen, die anders sind, als es sich gehört.

Was wieder zeigt, dass Glück etwas sehr Individuelles ist. Mancher freut sich, wo andere hadern. Wobei unser mutmaßlich überragendes Thema laut Google auch nicht so wahnsinnig aufregend ist.

Zwar liegt es meilenweit vor einem wichtigen Thema, der Energiewende. Diese kommt aktuell auf 4,65 Millionen Google-Ergebnisse. Was immerhin etwas mehr sind als Franziskus. Für den Papst, der so unendlich viele richtige Dinge sagt, aber trotzdem recht wenig erreicht, meldet die Suchmaschine 4,3 Millionen Einträge. Das Glück liegt nur knapp vor dem Suchbegriff „Klopp“. Dieser republikflüchtige Fußballtrainer kommt gerade auf 33,8 Millionen Klicks. Er fährt allerdings Opel, weshalb er dem derzeitigen Skandal-Konzern Volkswagen mit dessen 453 Millionen Klicks nicht das Wasser reichen kann.

Ach so, Angela Merkel gibt es auch noch. Sie liegt mit 87,5 Millionen Ergebnissen sozusagen über-glücklich im Rennen. Ihr wollt ein schönes Leben? Fürchtet Euch nicht! Wir schaffen das!

 

 

Am Sterbebett von „Wetten, dass…?“

Donnerwetter! Nürnberg schreibt Fernsehgeschichte. Eine der erfolgreichsten Sendungen aller Zeiten hat sich hier verabschiedet. „Wetten, dass…?“ ist nicht mehr.

Die gerne als „Lagerfeuer der Nation“ bezeichnete ZDF-Show war auch in diesem Blog etliche Male eine Thema. Besonders heftig Anfang 2011, als Thomas Gottschalk seinen Abschied erklärte. Die Suche nach seinem Nachfolger zog sich wie Kaugummi. Niemand wollte wirklich. Klarer Favorit meiner Leser/-innen war Hape Kerkeling.

Man hatte den Eindruck, hier würde in Job mit garantiertem Scheitern vergeben. Ich habe zur Abschieds-Show von Thomas Gottschalk geschrieben: „Jede/r Nachfolger/in wird scheitern. Die Frage ist nur, mit welcher Wucht. Das Konzept und die Präsentation von Wetten, dass…? sind derart verstaubt, dass es nur durch und mit Gottschalk funktioniert hat. Seine Abschieds-Show zeigte das. Gäste oder Wetten waren völlig nebensächlich. Es ging nur um den Chef…”

Nicht absehbar war, dass der neue Moderator Markus Lanz derart unbegabt und überfordert sein würde. Das ganze Grauen seines Interviewstils zeigte sich im Gespräch mit dem seinerzeit schwer verunglückten Kandidaten Samuel Koch. Es ist eben nicht notwendig mit einem körperlich gehandicapten Menschen betont langsam zu reden oder sich mit extra-fürsorglicher Körpersprache zu ihm hinzusetzen. Und die Frage, ob sein Unfall eine „Sinnhaftigkeit“ gehabt habe: Wahrscheinlich hat sie ein ZDF-Redakteur seinem Moderator aufgeschrieben. Aber wir blöd ist das? Welchen Sinn soll es bitteschön haben, wenn ein junger Mensch zum Krüppel wird?

Immerhin: Unser lokaler Stolz wurde genährt. Der fränkische Parkhauskletterer aus Büchenbach bot eine der spannendsten Fernseh-Wetten seit langer Zeit. Und Hollywood-Star Ben Stiller konnte „Christkindlesmarkt“ nahezu akzentfrei aussprechen.

Das salbt unsere Nürnberger Seelen. Wir werden daran denken. An „Wetten, dass…?“ bestimmt auch mal wieder. Wir waren ja am Sterbebett ganz nah.

 

Opernball futsch. Wer wird nun unsere Seele streicheln?

Armes Nürnberg! Nur zu gerne hätten deine Menschen ein bisschen mehr Glamour. Wenigstens etwas Glanz, der über das Funkeln der Rauschgoldengel auf dem Christkindlesmarkt hinausgeht. Und nun dieses: Der Opernball, einst großer Stolz der Kommunalpolitik, des Bildungsbürgertums und des neureichen Mittelstands, steht vor dem Aus.

Das ist kein wirkliches Wunder, denn der Opernball war seinem Wesen nach immer sinnlos. Schon vom Publikum her gab es zumeist zu wenig große Oper. Selbst ein Günther Beckstein als bayerischer Ministerpräsident war bestenfalls Operette – wenn überhaupt. Aber Sinnlosigkeit allein ist kein Grund für Misserfolge. Den größten Teil der Fernseh-Unterhaltung braucht niemand – und trotzdem gefällt sie vielen Menschen. Kartoffel- oder Weißkohl-Könginnen müssten angesichts der weltpolitischen Lage nicht sein. Aber sie sind eben doch schön anzuschauen. Wir Nürnberger freuen uns sogar darüber, dass die deutschen Nationalelf in unserem Stadion gegen Gibraltar spielt. Als ob das spannender Sport wäre.

Aber nicht nur für Fußball-Länderspiele gilt: Überflüssiges wird wertvoll, wenn es etwas Seltenes bietet. Und das waren beim Opernball die auswärtigen Promis. Es streichelte die vom Minderwertigkeitskomplex geplagte Nürnberger Seele, wenn man wusste, dass sich eine durch eine verkorkste Ehe mit Dieter Bohlen und durch Spinatwerbung berühmt gewordene Schönheit hier bei uns aus einem Luxusauto schälen würde. Uns entzückte die Anwesenheit von Schauspielern, wenngleich wir kaum sagen konnten, für welche Streifen sie für den Bayerischen Filmpreis nominiert waren.

Verona Pooth und Co. waren da. Wir aber waren kollektiv geadelt, und nutzten unsere Flanierkarten noch eifriger als die Läufer beim Indoor-Marathon in der Landesgewerbeanstalt.

Doch seit Jahren bleiben die Promis weg. Nicht mal Roberto Blanco mochte mehr kommen. Und so ist der Opernball als „gesellschaftliches Ereignis“ kaum bedeutsamer als ein mit rotem Plüsch veredelter Ball der Bäcker-Innung.

Wir sagen also „Ganz schee wor’s, oba rumm is rumm“ und vergessen das Ganze leichten Herzens. Doch: Was kann unser Rettungsanker sein. In diesen Zeiten, wo sie unseren 1. FC Nürnberg sogar in einem Kaff wie Heidenheim verhöhnen? Na klar, es ist der Tatort. Er kann unsere Seele streicheln. Aber nur, wenn die Einschaltquoten höher sind als beim München-Krimi. Hoffen wir das Beste…

Ob Krisenherd oder Lotto: Hohe Bälle machen glücklich

Ob man sich glücklich oder niedergeschlagen fühlt, hat immer mit der persönlichen Wahrnehmung zu tun. Pickel auf der Seele verursacht uns etwa das Gefühl, dass uns Informationen  intellektuell überfordern. Und dazu genügt mitunter die Lektüre einer einzigen Tageszeitung.

Darin steht beispielsweise, dass die Wirtschaft die Krisenherde spürt. Sofort fragt man sich, ob diese gegen die kalte Progression helfen, die uns ja gräßlich frösteln lässt. Man erfährt aber auch, dass sich die Chefin der bayerischen Staatskanzlei, Christine Haderthauer, wegen einer Modellauto-Affäre im Kampfmodus befinde. Ihr Vorbild dabei sei die Superheldin Lara Croft.

Diese ist virtuell, wird aber leibhaftig von Angelina Jolie gespielt. Fragt sich also, wer Frau Haderthauers Brad Pitt ist. Horst Seehofer wäre – bei allem Respekt – für diese Rolle fehlbesetzt. Bleibt als hochrangiger Parteifreund Finanzminister Dr.Markus Söder. Und dieser wagt sich tatsächlich an schier übermenschliche Aufgaben. Ihm wird es zu verdanken sein, wenn Westmittelfranken in eine „neue Förderkulisse“ aufsteigen wird. Dank „dezentraler  Entwicklungsachsen“.

Wir wissen nicht, was das ist. Aber hier handelt ein Held. Oder? Gleichfalls lesen wir nämlich, dass der von ihm geschaffene Sandstrand am Wöhrder See in Nürnberg von Enten und Gänsen erobert wurde und gnadenlos zugekackt wird. Dieser Mann, der mit der geballten Landtags-Opposition je nach Lust und Laune mehr oder weniger heftig Schlitten fährt, kapituliert vor einer Ansammlung von Stadtgeflügel?

Wer soll sich da glücklich und geborgen fühlen? Letztlich sind wir – wie bei verrückten Lottozahlen – dem Zufallsgenerator des Lebens ausgeliefert. Doch wir resignieren nicht. Haben doch die deutschen U-19-Fußballer ihre  Europameisterschaft gewonnen. „Gegen tief stehende Portugiesen“, wie die Zeitung schreibt. Unsere Wahrnehmung ist eindeutig: Hohe Bälle machen glücklich.

Betende Hände für den Flughafen

Dem Wesen nach ist ein Flughafen nichts anderes als ein Bahnhof oder eine Bushaltestelle. Man geht hin, um möglichst schnell von einem Ort zu einem anderen zu kommen. Hier und dort sind Airports auch noch etwas anderes: Letzte Biotope der Heldenverehrung, des Sich-Verneigens vor großen Söhnen. So kommt es jetzt auch bei uns in Nürnberg. Die hiesige Abflugstelle wird nach dem Maler Albrecht Dürer benannt. Die damit verbundene Hoffnung: Es möchten doch bitteschön wieder ein paar Menschen mehr landen und starten.

Unser Finanzminister Markus Söder hat als Initiator bei diesem Thema durchaus listig gedacht. Albrecht Dürer zieht auch 486 Jahre nach seinem Tod große Besuchermassen in Ausstellungen seiner Werke. Warum also sollte man diese Attraktivität nicht für einen Flughafen nutzen, der in den vergangenen Jahren stark an Publikum verloren hat und – gemessen an den Passagierzahlen – nur noch auf Platz 10 in Deutschland rangiert?

Die Frage ist bloß: Wen juckt der Name? Der Münchner Airport heißt Franz-Josef Strauß, aber es ist nicht überliefert, dass er deshalb überproportional stark von CSU-Anhängern genutzt und von Sozialdemokraten gemieden würde. Fliegt man als Berliner nach New York, weil man John F. Kennedy posthum für seine berühmte Rede danken möchte? Findet man die Landung in Berlin-Tegel besonders spannend, weil er (was kaum einer weiß) nach dem verwegenen Flugpionier Otto Lilienthal benannt ist? Zieht es die Feministinnen nach Neu-Delhi, weil wenigstens dort ein Flughafen einer Frau, nämlich Indira Gandhi, gewidmet ist?

Kaum, aber immerhin: Unser Dürer sorgt nicht für internationale Missverständnisse. So wie etwa der Moron Airport in der Mongolei, dessen Name auf Englisch „Idiot“ bedeutet. Man muss sich nicht vor schlechten Gedanken hüten, wenn man vom Flughafen Fak Fak in Indonesien spricht. Dass es einen Rifle Airport (also Flinten-Flughafen) in den USA gibt, wundert niemand. Dagegen klingt der Mafia Airport in Tansania anrüchig. Er heißt aber bloß so, weil er sich auf einer Insel dieses Namens befindet.

Fassen wir zusammen: Dürer ist nett. Er macht nichts kaputt. Er ist aber im Reigen der berühmten Flughafen-Namensgeber keine wirklich große Nummer. Nürnberg wird durch ihn ebenso wenig zum bedeutenden Flughafen werden wie der Salzburger Airport durch seinen Namensgeber Wolfgang Amadeus Mozart. Das dortige Geschehen wird eher malerisch bleiben. Passagiere dürfen sich weiterhin freuen, dass sie mit minimalen Wartezeiten abheben können. Was den großen Aufschwung angeht, dürften die „Betenden Hände“ ähnlich gut helfen wie der Name ihres Schöpfers..

1. Mai: Rituale können sinnvoll sein

Es ist seltsam: Als dem modernen Leben zugewandter Mensch kannst du an einem 1. Mai alles machen. Den Rausch der Walpurgisnacht ausschlafen, Rasen mähen, im Wildgehege Rehe füttern, Schweinebraten mit Kloß wegschaufeln oder auf einer Wiese im Stadtpark neuartige meditativ-gymnastische Übungen ausprobieren. Aber auf eine Gewerkschaftskundgebung gehen? Da reagieren manche Leute so: „Ist ja gut, dass wenigstens du da hingehst. Ich hab‘ für sowas keine Zeit.“

Gleich wird auf das Motto verwiesen. „Gute Arbeit. Soziales Europa“. Wie wolle man denn, heißt es, mit einem derart drögen Spruch Menschen auf die Straße locken? Das sei doch einfallslos, miefig, komplett prickelfrei. Stimmt schon. Aber andere machen es auch nicht besser. Ein CDU-Slogan zur Europawahl lautet „Damit ein stabiler Euro allen hilft“. Das allerdings reicht für knapp 40 Prozent bei 40 Prozent Wahlbeteiligung.

Erstaunlich ist die Leichtigkeit, mit der die gewerkschaftliche Maifeier zum langweiligen, also verzichtbaren Ritual erklärt wird. Tatsächlich, sie ist ein Ritual, weil sich der Ablauf alljährlich wiederholt und weil lediglich einige Akteure wechseln. Aber: Bei anderen Institutionen wird genau dies als Stärke wahrgenommen. Als die katholische Kirche jetzt zwei ihrer früheren Chefs die Ehrenmitgliedschaft im Paradies zugesprochen hat, geschah diese Heiligsprechung in einem – objektiv betrachtet – langweiligen Ritual. Millionen haben die Veranstaltung gleichwohl als erhebend wahrgenommen.

Der größte Irrtum ist aber, dass es das Arbeitnehmer-Brimborium sowieso nicht bräuchte. Die Wirtschaft boome doch, die Erwerbslosenquote sei niedrig und sinke weiter. Die Menschen seien doch bei ihren Bossen in guten Händen.

Wirklich? Dann fragen wir doch mal anders: Warum gibt es immer mehr Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen? Warum werden junge Menschen in befristeten Jobs weichgekocht und von einer verlässlichen Zukunftsplanung ferngehalten? Warum müssen wir einen Mindestlohn von im Grunde läppischen 8,50 Euro als Erfolg feiern? Warum gibt es auf der Bank keine Zinsen mehr?

Die Reihe der offenen Fragen ließe sich problemlos fortsetzen. Es gibt also allen Grund für Arbeitnehmer/-innen, sich am Tag der Arbeit zu versammeln. Und wenn es auch nur die sind, die Ungerechtigkeit nicht akzeptieren wollen. Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly hat diese Menschen auf der Kundgebung „Stolze Stellvertreter“ genannt. Alsdenn, wir waren da. Den Schweinebraten holen wir uns später.

 

 

Wählen kann auch sexy sein

Absolute Mehrheit für die Nichtwähler! Nach der Kommunalwahl herrschte nicht nur bei uns in Nürnberg unter Politikern und politisch Interessierten totales Unverständnis, wieder einmal. Woher in aller Welt komme diese Wurstigkeit? Was erlaube Wahlvolk?

Wundern kann man sich schon. Das bayerische Kommunalwahlrecht ist Demokratie pur. Man ist an keine Partei gebunden. Man kann einzelne Kandidaten favorisieren oder streichen. Ganz wie man will. Bei uns hatten die Menschen 70 Stimmen zum persönlichen Jonglieren. Das Jammern, dass man ganz und gar den Vorgaben der Parteien ausgeliefert sei, passt hier nicht. Trotzdem lag die Wahlbeteiligung nur bei 44 Prozent.

Wundern muss man sich nicht. Eine hohe Wahlbeteiligung entsteht durch Spannung. Wenn kontroverse Themen fehlen, wenn sich die Stadtbewohnern wohlfühlen, anstatt zu diskutieren, fehlt das Gefühl, dass man als Nichtwähler etwas verpassen könnte. Wenn dann auch noch Sofawetter herrscht, panaschiert man eben lieber mit Kaffee, Chips und Bienenstich.

Wundern muss man sich nicht. Denn wir sind gar nicht so interessiert daran, was vor unserer Haustüre passiert. Wenn der Schnee zuverlässig von der Straße geräumt wird, ist schon viel errreicht. Wir schimpfen über Hundekot, Ratten, Tauben, Müll auf den Straßen, Spielsalons und benzingetriebene Laubbläser. Für die wirklich großen Probleme fehlt uns die Zeit. E läuft ja Bundesliga.

Freuen darf man sich doch. Ein aus Afrika stammendes Ehepaar wählt, frisch eingebürgert, zum ersten Mal. Mit Stolz und strahlenden Gesichtern. Wählen kann also sexy sein. Man muss es nur zu schätzen wissen.

Vertrauen ehrt, aber bringt nicht viel

Wir sind eine merkwürdige Gesellschaft. Wir verehren die edlen Gemüter, die sich ohne Interesse an eigenem Ruhm für andere Menschen einsetzen. Aber mit Geld überschütten wir jene, die uns suspekt oder vielleicht sogar zuwider sind.

Dies ergibt sich aus einer Rangliste der GfK-Marktforschung. Diese hatte in einer Studie  nach den vertrauenswürdigsten Menschen gefragt. Und wie fast  überall auf der Welt liegen auch bei uns die helfenden Berufe vorne. Wir heben den Daumen für Feuerwehrleute, Sanitäter und Krankenpfleger. Wir mögen Lokführer, Polizisten oder Bauern. Über 80 Prozent der Befragten haben solche Menschen für nicht hinterfotzig erklärt.

Auf der anderen Seite schaffen die Mächtigen der großen Politik, wie auch die Stars, die Profifußballer, Fernsehmoderatoren und Schauspieler, nicht einmal die 50-Prozent-Vertrauensquote. Was lehrt uns das? Vielleicht ist Mitleid im Spiel. Die aufrichtigen Helfer wirken auf uns, bei aller Zuneigung, letztlich uninteressant. Wir bedauern sie dafür, dass sie sich ihre schwierigen Jobs für so wenig Geld antun.  Also heucheln wir wenigstens Respekt und Sympathie.

Vielleicht spielt auch unser schlechtes Gewissen eine Rolle. Denn es fällt doch auf, dass die Berufe mit dem größten Sympathievorschuss auch schlecht bezahlt sind. Bei rationaler Betrachtung ist jede Altenpflegerin wichtiger als eine Schlagersängerin. Aber: Feuerwehrleute werden selten reich, Krankenpfleger bekommen eher ein kaputtes Kreuz als eine hohe Rente. Und wenn, wie gerade erneut wissenschaftlich belegt, die extrem ungerechte Verteilung der Vermögen in Deutschland aufgezeigt wird, dann sind die Guten ganz überwiegend bei denen, denen es schlecht geht.

Vertrauen ehrt. Aber es bringt nicht viel. Keine schöne Botschaft. Aber wahr.

 

Wir Franken und die Suche nach Glück

Zwei Aspekte treiben jeden modernen Menschen um: Die Suche nach dem Glück und das so genannte Benchmarking. Wir wollen unseren Sorgen die lange Nase zeigen. Wir wollen aber auch wissen, wie wir im Vergleich mit anderen dastehen. So gesehen hat es uns Franken zuletzt böse erwischt. Laut einer wissenschaftlichen Studie sind wir die unglücklichsten Menschen in Westdeutschland.

Die Ossis der alten Bundesländer möchten wir nicht gerne sein. Aber so haben sie uns eben eingestuft, die Macher/-innen des „Glücksatlas 2013“. Tja, woran kann es liegen? Zunächst ist festzuhalten, dass die Daten für die Studie vor dem Beschluss für Markus Söders Heimatministerium gesammelt wurden. Der davon ausgehende Glücksschub sollte nicht unterschätzt werden. Der Umstand, dass Greuther Fürth mit einer tragischen Bilanz abgestiegen ist, kann ganz Franken nicht unglücklich machen. Ebenso wenig die ständige Krise beim 1. FC Nürnberg. Die kennt man.

Oder lag es daran, dass die Forscher/-innen aus Freiburg vor Ort recherchiert haben? Wer unsere Stimmung erkunden möchte, und sich zu diesem Zweck ohne schlüssige Begründung an einen mit einem Einheimischen besetzten Wirtschaftstisch setzt, wird keine Glückgefühle erspüren. Wer wiederum beim Biohändler die für uns typische Konsumenten-Frage „Gell, an Sellerie hamm Sie heid net?“ hört, macht schnell den Haken im Kästchen „Volksgruppe hadert mit gesundem Essen“. Warum am Ende die Schleswig-Holsteiner als glücklichste Volksgruppe im deutschen Glücksatlas stehen, ist indes erklärbar. Die Einheimischen sind notorisch schweigsam und somit komplett undurchsichtig. Auskünfte haben lediglich Dänen auf Durchreise gegeben, ihres Zeichens Spitzenmenschen im Weltglücksverzeichnis.

Was aber helfen uns diese Erkenntnisse? Eigentlich nichts. Denn es gibt auch anderslautende bis verwirrende Erkenntnisse. Nach einer ganz frischen Untersuchung hat Franken – wenn auch dank der Innovationskraft in Erlangen – gute Zukunftschancen. Die Versorgung mit Prostituierten ist in Nürnberg auffällig hoch. Wir haben ja auch die Internationale Waffenmesse. Dramatisch verbessert, nämlich von Platz 19 auf 13, hat sich Nürnberg im europäischen Zoo-Ranking. Obwohl das Lieblingstier der Deutschen, der Elefant, bei uns nicht herumsteht. Im „Niveau-Ranking'“ der unsäglichen Initiative Soziale Marktwirtschaft wiederum landet Nürnbergauf Platz 11 von 50.

Aufschlussreich auch das Städteranking der Zeitschrift „Wirtschaftswoche“. 94,7 Prozent der Befragten bewerteten dabei die öffentliche Sicherheit positiv. Wenn man nun noch sieht, dass im nationalen Faulheits-Ranking Nürnberg auf Platz 40 von 50 gelistet ist, kommen wir zu folgendem Fazit: Wir leben langweilig, aber wir arbeiten hart dafür.

Die Städter mit dem größten Drang zum Totschuften sind übrigens die Münchner. Da sagt der Franke „Das gönnen wir denen“, grinst zufrieden – und hat auf der Stelle einen Glückspunkt mehr. Man sieht, es geht doch.