Posts Tagged ‘Nürnberg’

April 15th, 2013

WIR ist nett – aber SIE gewinnt

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Wahlkampf wird’s. Also beginnt wieder das große Leiden der Parteien. Sie müssen plakattaugliche Sprüche erfinden, die zu ihrer Identität und zum Wahlprogramm passen. Slogans, mit denen eine massentaugliche Balance zwischen klug, blöd und nichtssagend gelingt. Die SPD probiert es mit “Das WIR entscheidet!”.

Es ist das Schicksal der großen sozialen Volkspartei, dass sie immerzu Gemeinschaft muss gebären. Nun wird gesagt, dass der neue Spruch bereits von einer bayerischen Zeitarbeitsfirma verwendet werde. Dumm gelaufen. Andererseits gelingt den Sozialdemokraten mit diesen Worten wieder eine engere Verbindung zu den Gewerkschaften. Ver.di zum Beispiel ehrt erfolgreiche Mitgliederwerber unter dem Motto “Mehr wir. Dank dir”. Der neue Slogan folgt zudem einer langen Tradition. 1949 warb die SPD mit “In der Eintracht liegt die Macht”, 1961 mit “Hand in Hand – gemeinsam geht es besser”. Peer Steinbrück und seine Helfer folgen also dem üblichen Repertoire.

Dabei schlummern in den Parteien ungeahnt kreative Kräfte. Vor allem an der Basis. So feuert die Junge Union Nürnberg gerade mit folgenden Worten auf den dortigen SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly: “Genug von MiniMalystischer Politik”. Das ist famose Sprachkunst, die freilich nur der Name des Rathauschefs möglich macht. Ein Name, der seinen Gegnern auch Ausbrüche von Pazifismus ermöglicht: “Keine Bratwürste für Maly-Einsatz”. Es ginge auch “SPD? MalyFitz” oder “Für eine Stadt ohne KaMalytäten”.

Doch die SPD könnte kontern. Der CSU-Kandidat heißt Sebastian Brehm und somit wie der Namenspatron von Nürnbergs traditionsreichstem Altenheim, dem Sebastiansspital. Warum also nicht den Slogan wagen: “Unser Rathaus ist kein Wastl”? Oder man holt zum Schlag gegen Finanzminister Markus Söder aus, welcher ja gerade dabei ist, den Wöhrder See in ein Bade- und Surfparadies verwandeln zu lassen. Man nehme ein Foto der dortigen grün-schleimigen Algenpest und verkünde: “Brehms Tierleben. Nicht mit uns!”. Und wenn es ganz hart kommt, zeigt man auf die Zukunft. “Wir lassen uns den Fortschritt nicht brehmsen. SPD”. Das haut rein.

Wozu diese Qualen, fragt man vielleicht bei den kleineren Parteien. Sie dürfen, was Peer Steinbrück nicht darf. Frech sein. Von den Grünen darf man durchaus einen neuen witzigen Slogan wie “Brüder durch Sonne zur Arbeit” erwarten. Und bei der FDP sind, seitdem sich Guido Westerwelle sein Wunschwahlergebnis an die Schuhsohlen genagelt hat, die Spaßvögel sowieso von der Leine. Die Linken dagegen stecken bei aller Suche nach Originalität ebenfalls in der linken Solidaritätsfalle.

Was aber macht die CDU im Bund? Sie, die Partei der unantastbaren, unschlagbaren, unverzichtbaren, unübertrefflichen Eurobewahrerin Angela Merkel? Sie wird Plakate weglassen, sie wird auf Sprüche und Versprechen ganz verzichten. Denn es gibt SIE. Und SIE weiß, dass jede klare Aussage ein falsches Wort zuviel sein kann. Deshalb wird man am Brandenburger Tor eine der Tschenstochauer Papststatue nachempfundene Merkel-Plexiglasskulptur aufstellen. Mit zirka 15 Metern Höhe.

Diese wird dann unter dem Motto “Macht Angie” von den örtlichen Laubsäge-Arbeitsgemeinschaften der Jungen Union in kaum geringerer Größe nachgebaut und sodann durch Städte und Dörfer gerollt. Und die Bild-Zeitung, allzeit treu auf der Schleimspur der Unbeschreiblichen, wird in großen Buchstaben vermelden: “Deutschland liegt Merkel zu Füßen”. So wird es sein. SIE gewinnt. WIR ist wurscht.

Dezember 2nd, 2012

Frisierte Bilanzen regieren die Welt

Lange ist’s her, dass wir den Hütern des Geldes bedingungslos vertraut haben. Damals, als wir in demütiger Haltung an den Tresen des “Herrn Bankbeamten” getreten sind, um mit leichter Gesichtsröte einen kleinen Teil unseres Sparguthabens zurückzufordern. Damals, als wir den Buchhalter unserer Firma zwar als einen strohtrockenen, aber eben auch unbestechlichen Typen eingeschätzt haben. Das Geld war bei diesen Menschen in guten, wenn nicht gar in allerbesten Händen. Bilanzen könnten auch frisiert werden? Nein, diese Zweifel hatten wir nicht.

Das hat sich dramatisch geändert. Und das Üble ist, dass uns immer wieder Beispiele geliefert werden, die uns in unserer Skepsis bestätigen.

Nehmen wir den Nürnberger Opernball. In meiner Zeit als Gesellschaftsreporter war diese Veranstaltung für mich ein absolutes Muss. Die Prominenz aus Politik, Selbstdarsteller-Industrie und Mittelstand durfte sich dort eine Nacht lang so wichtig geben, wie sie es nach eigener Einschätzung war. Ich wiederum durfte zum Beispiel die zarte Hand von Verona Pooth drücken. Was ja früher als toll empfunden wurde. Oder Reiner Calmund und Gotthilf Fischer gleichzeitig interviewen.

Der Ball als solcher war für sich betrachtet nicht unbedingt notwendig. Aber es war immer ganz nett dort. Vor allem aber hat er keinen Schaden angerichtet. Glaubte man. Bis jetzt.

Denn in allen Pressegesprächen und -informationen war davon die Rede, dass dieser nach Albrecht Dürer benannte Ball (war dieser große Maler überhaupt ein guter Tänzer?) eine regelrechte Geldmaschine sei. Jedes dieser Feste finanziere eine Opern-Inszenierung im Gegenwert von einer halben Million Euro. Also dachten alle: Ist doch prima, wenn das ansonsten hoch subventionierte Bildungsbürgertum den Geldbeutel aufmacht und zum kulturellen Selbstversorger wird. Aber falsch gedacht. Heute wird von einem über mehrere Jahre aufgelaufenen Defizit in stolzer sechsstelliger Höhe geredet.

Wurden also die Presse, wurde die Öffentlichkeit belogen? Das glaube ich nicht mal. Es hat sich wohl nur im Theater die Meinung durchgesetzt, dass es diesen Ball nicht mehr braucht. Man legt das also politisch fest – und schaut sich die Bilanz an. Da findet man leicht Dienstleistungen, die man bisher auf einer anderen Position verbucht hat. Die schlägt man der Walzernacht zu. Und schon sieht die Sache anders aus.

Es ist ein typisches Verfahren. Frisierte Bilanzen gibt es beim Bundeshaushalt, bestimmt bei der Euro-Rettung, aber auch in Firmen, die entweder Aktionäre für sich begeistern wollen oder ihrer Belegschaft klarmachen wollen, warum sie auf’s Weihnachtsgeld verzichten soll. Mit Kohle wird Politik gemacht. So oder so. Was bekanntlich bedeutet: Glaube nie einer Bilanz. Es sei denn, du hast sie selbst gefälscht.

 

 

Oktober 17th, 2012

Dem Franken-Tatort auf der Spur

Franken bekommt endlich seinen Tatort. Und dieser Krimi wird bestimmt in düsteren Ecken spielen? Wer aber soll die wichtigsten Rollen übernehmen? Welche Todesart wird dem ersten Opfer zugedacht sein? Eine erste Spurensuche per Video – natürlich mit Ermittler-Hut…

September 22nd, 2012

Keine Herzens-Demo zum Opernball

Einmal im Jahr, irgendwann zwischen Volksfest und Christkindlesmarkt, gibt sich Nürnberg glamourös. Beim Opernball, der nach dem berühmtesten Maler und dem möglichen künftigen Flughafen-Namenspatron Albrecht Dürer benannt ist, werden die teuersten Abendkleider der Stadt vorgeführt. Sogar echte Stars wurden hier schon gesichtet, wenngleich es im Laufe der letzten Jahre zusehends weniger geworden sind.

Gleichwohl: Der Opernball ist das Allerheiligste der besseren Nürnberger Gesellschaft. Kann es sein, dass in diesem Umfeld demonstriert wird, wenn es einem wichtigen Gast missfallen könnte. Nein, es geht nicht.

Akut bedroht ist die Nürnberger Abendzeitung. Das “8-Uhr-Blatt” wurde 1919 gegründet und ist somit Deutschlands älteste Boulevardzeitung. Ihr derzeitiger Verleger ist der heimische Medienunternehmer Gunther Oschmann. Er hat jedoch die Freude an diesem Blatt verloren, da es laufend hohe Verluste schreibt. Noch im September soll die AZ an einen mutmaßlich interessierten Investor verkauft werden. Ansonsten droht das Aus.

Die beiden Journalisten-Gewerkschaften, die Deutsche Journalistinnen- und -Journalisten-Union (dju) sowie der Bayerische Journalistenverband (BJV) wollten verhindern, dass diese Zeitung geräuschlos verschwindet. Sie wollten Lebkuchenherzen mit der Aufschrift “Ein Herz für die AZ” verteilen.

Gepasst hätte es. Der Opernball ist der wichtigste Treffpunkt der Schönen und/oder Reichen der Region und somit auch die Zielgruppe des Boulevards. Zudem sitzt Gunther Oschmann – als unbestritten großzügiger Mäzen des Hauses – im Stiftungsrat des Staatstheaters.

Doch die Veranstalter sagten Nein, und auch das städtische Liegenschaftsamt soll sich gegen eine Herzensdemo gewehrt haben. Schade drum. Die AZ-Lebkuchen werden ihre Abnehmer finden. Wie es mit der Zeitung weitergeht, wird man in Kürze wissen.

Sollte sie sterben, dürfte sich nicht einmal die anderen Zeitungen freuen. Entsprechende Untersuchungen beweisen, dass die Zahl der Zeitungskäufer dort am größten ist, wo journalistische Vielfalt am größten ist. So etwa in München. Konkurrenz belebt das Geschäft – und ein Farbtupfer im örtlichen Pressemarkt ist auch eine in Auflage und Bedeutung geschrumpfte Abendzeitung allemal.

 

 

August 5th, 2012

Gegen Nazis hilft nur die klare Kante

Neonazis stellen sich ihren Gegnern.

Neonazis stellen sich ihren Gegnern. Foto: Wraneschitz

Vor ein paar Tagen haben Neonazis Nürnberg “beglückt”. Sechs NPD-Funktionäre haben mehr als hundert Mal so viele Gegner auf die Beine gebracht. Und mancher fragt: Musste das sein? Das Geschrei? Die Konfrontation mit der Polizei? Ich finde: Ja, es musste sein.

Sicher, unsere Sehnsucht ist eine andere. Wir würden lieber die NPD-Gestalten auf einem Platz ohne jedes Publikum herumschreien lassen und unser Bekenntnis zur Demokratie ganz friedlich an einem anderen Treffpunkt abgeben. Aber so kann man Neonazis nicht beeindrucken. Wo man sie machen lässt, kommen sie wieder. Über schöne Reden ein paar Häuserblocks weiter lachen sie bloß.

Deshalb war es großartig, dass ein Infostand von Demonstranten komplett verhindert und das Verbreiten rechter Parolen in Langwasser praktisch unmöglich gemacht wurde. Die selbst ernannten Retter des Vaterlandes gaben sich dabei ziemlich feige. Obwohl durch die Polizei beschützt, verschanzten sie sich – wie das Bild aus Nürnberg-Langwasser zeigt – hinter ihrem Werbe-Lkw. So wollen sie bestimmt nicht gesehen werden.

Absurd erscheint mir die Verhaftung des stellvertretenden ver.di-Geschäftsführers von Mittelfranken, Ulli Schneeweiß. Ich kenne ihn persönlich. Schneeweiß ist in seiner Haltung gegen Neonazis klar und strikt. Er steht aber auch für gewaltfreien Protest und hat immer wieder entsprechend auf andere Demonstranten eingewirkt. Für mich gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder es war ein Missverständnis. Oder jemand anders steht auf der falschen Seite.

 

August 2nd, 2012

Neue Heimat für die Kaufhof-Zecher

Südstadt-Idylle: Der Biergarten der "Silbernen Kanne".

Südstadt-Idylle: Der Biergarten der "Silbernen Kanne".

Als bekannt wurde, dass der Kaufhof in der Nürnberger Südstadt schließen wird, war ich wirklich traurig. (siehe hier) Nun soll der große Betonklotz am Aufseßplatz abgerissen und durch etwas Neues ersetzt werden. Irgendwann. Aber wohin hat es das Stammpublikum des alten Kaufhauses verschlagen? Eine Stück neue Heimat gibt es: Das Gasthaus “Silberne Kanne” in der Breitscheidstraße.

An der Fassade prangt noch immer der stolze Schriftzug „Speisehaus“. Doch das ist Vergangenheit. Die “Silberne Kanne“ nennt sich jetzt “Sportsbar” und ist seit ihrer Wiedereröffnung vor vier Wochen ganz auf den „Glubb“ eingestellt. Und sie ist ein Asyl für besondere Heimatvertriebene.

Wirtin Sandy Schmalfuß (32) hatte zuletzt im “Dinea”-Restaurant im 200 Meter Luftlinie entfernten Kaufhof am Aufseßplatz gearbeitet. Sie kannte auch die Stammkunden der dortigen “Franeknstube”. Diese war Treffpunkt von Clubfans und hatte daneben immer auch die Funktion und das Flair einer Wärmestube. Auch wer sonst keine recht Heimat hatte, war dort willkommen.

Noch vor der Schließung des Kaufhofs entschloss sich Schmalfuß, ihrem Stammpublikum ein neues Nest zu bauen. Sie wurde sich mit den Eigentümern der seit zirka eineinhalb Jahren geschlossenen Lokals einig. Ihre Mutter Annette Basse kündigte ihren ungeliebten Job an der Kasse eines Discounters – fertig war die Wirtschafts-Gründung.

Montags bis samstags ist von 11 bis 22 Uhr geöffnet. Das rustikale Mobiliar des ehemaligen Speiselokals ist mit Devotionalien des ruhmreichsten aller fränkischen Fußballvereine geschmückt. Alle Spiele des 1. FC Nürnberg werden live zu sehen sein. Dazu gibt es Faß- und Flaschenbiere zu Preisen zwischen zwei und 2,60 Euro. Die Hauptgerichte sind Schnitzel mit Beilage oder drei Bratwürste mit Kraut für jeweils 5,90 Euro.

Eine Attraktion für sich ist der Biergarten. Gäste sitzen dort unter sechs mächtigen Kastanien. Ein unerwartetes Ambiente an dieser Stelle der Südstadt. Die Nachbarschaft wird dessen Existenz spätestens am Samstag, 4. August, registrieren: Dann ist Sommerfest mit Live-Musik.Das gab’s nicht mal im Kaufhof.

 

Mai 23rd, 2012

Eurovison Song Contest – die ganze Wahrheit

Der Eurovision Song Contest in Aserbaidschan war mein Thema bei der jüngsten PechaKucha-Nacht im Neuen Museum in Nürnberg. Vor über 200 Zuhörern durfte ich den famosesten Gesangswettbewerb der Welt knapp sieben Minuten lang beleuchten. Mein Kollege Thomas Gerlach hat den Auftritt dokumentiert. Hier ist er – ungeschnitten, werbefrei, also praktisch wie live. (Zur Erläuterung: Bei PechaKucha werden 20 Bilder jeweils 20 Sekunden lang besprochen)
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Februar 20th, 2012

Glückwunsch an “unsere” First Lady

Daniela Schadt ist die neue First Lady.

Daniela Schadt ist die neue First Lady.

Achtung, hier kommt Nürnberg! Jetzt, wo es so gut wie sicher ist, dass Joachim Gauck neuer Bundespräsident wird, steht es wohl auch fest, dass die neue First Lady aus unserer Stadt kommt. Ich gratuliere meiner Kollegin Daniela Schadt und wünsche ihr für die kommenden fünf Jahre viel Glück und vor allem gute Nerven.

Joachim Gauck ist seit zirka zwölf Jahren mit Daniela Schadt liiert. Bei der „Nürnberger Zeitung“ leitet sie das Ressort  Innenpolitik. Zwar verfügt die 51-jährige einen hessischen Migrationshintergrund, hat aber längst bedeutende fränkische Eigenschaften angenommen.

Als da wären ein großer Fleiß sowie die Fähigkeit, widrige äußere Umstände bei Bedarf zu ignorieren. Vor allem aber auch ein feiner, hintersinniger Humor. Ich selber habe Daniela Schadt als offen, interessiert, schlau und richtig nett erlebt. Ihre unmittelbaren Kolleginnen und Kollegen loben ihre Fähigkeit, herzlich zu lachen und heben ansonsten ihre Freude an klassischer Musik sowie ihren enormen Hunger auf Bücher hervor.

Sollte Joachim Gauck gewählt werden, wäre sie die erste „Präsidentengattin“ ohne Trauschein. Auch ansonsten dürfte sie lockerer auftreten als ihre Vorgängerin. Edle Kostümchen oder Fototermine mit Glamour-Bekanntschaften sind nicht so ihr Ding. Die Gesellschaftsreporter werden es bei ihr nicht so ganz leicht haben.

Schade ist aus hiesiger Sicht, dass Daniela Schadt ihren Job vermutlich aufgeben muss. Es ist ja schwer vorstellbar, dass die First Lady die deutsche Innenpolitik kommentiert. Sollte sie ihre Beziehung zum künftigen Präsidenten unkonventionell fortsetzen wollen, bliebe wohl bloß der Wechsel ins weitestgehend politikfreie Sportressort.

Vielleicht hieße es dann der Fußball-EM nicht mehr “Was sagt der Kaiser?”, sondern “Was denkt die First Lady?”. Eigentlich ist das gar kein dummer Plan…

Februar 9th, 2012

Sture Münchner? Dürer hängt auch in Hamburg

So hängt unser Albrecht mitten in Hamburg.

So hängt unser Albrecht mitten in Hamburg.

Haben Sie’s gewusst? Im Jahr 2011 wurde das im holländischen Eindhoven beheimatete, millionenteure Picasso-Gemälde “Buste de Femme” in einer Ausstellung in Ramallah präsentiert Also in Palästina, einem Land ohne gewählte Regierung, ohne gesicherten Frieden, mit großer Hitze und reichlich Staub.
Warum ich das schreibe? Weil die Idee, eines der berühmtesten Dürer-Gemälde in Nürnberg auszustellen, auf scheinbar unüberwindliche Hindernisse trifft. Weil man uns Franken nicht zutraut, das Werk unseres großen Landsmannes anständig zu behandeln.
Liebe Münchner, vielleicht könnt Ihr es akzeptieren, dass Ihr es nicht mit hochkultur-fernen Südsee-Insulanern zu tun habt. Dürers Bild heißt nicht “Selbstbildnis im Bastrock”, sondern “im Pelzrock”. Hinter diesem Titel darf Wohlstand vermutet werden.

 

Es gab nämlich eine Zeit, in der Nürnberg erheblich bedeutender war, als Eure “Weltstadt mit Herz”. München war nicht wichtig genug, um es mit Stadtmauern und Burg vor bösen Feinden zu schützen. Deshalb ist die bayerische Landeshauptstadt bis heute eher eine Ansammlung von Dörfern, in denen die Wohnungsmieten alerdings irreal überhöht sind.

Wir Nürnberger verwenden seit jeher in unserer Bratwurst das edle Gewürz Majoran. Während Ihr in Eurer Weißwurst gerade mal ein bisschen Petersilie unterbringt. Bei uns fuhr die erste Eisenbahn im Jahr 1835, während bei Euch die erste Straßenbahn 1876 in Betriebs genommen wurde. Als Pferdebahn, deren vierbeinige Lokomotiven nach Feierabend im Englischen Garten, den Jagdgründen der Wittelsbacher, grasen durften.

Womit wir bei den Wittelsbachen wären. Die Landesstiftung der ehemaligen bayerischen Könige ist die Eigentümerin des Dürer-Selbstbildnisses. Dass sie durch einen Betrüger und Fälscher in den Besitz des Werkes kam, passt ins Bild. Wissen wir doch, dass der Adel durch schamlose Raffsucht zu dem wurde, was er war. Und je schamloser und raffsüchtiger, desto höher wurde der Adel, der sich fortan Hochadel nannte.

Die “Süddeutsche Zeitung” nun hat den fränkischen Bürgern und ihren Politikern empfohlen, den sinnlosen Streit um den Pelzrock-Dürer aufzugeben und diesen stattdessen in der Alten Pinakothek in München zu besichtigen. Dazu sagen wir: Beutekunst bunkern und dann auch noch Geld von Tagestouristen kassieren? Nix, da bleibt Euch der Schnabel trocken.

Wir fahren nach Hamburg. Denn dort, genauer am Haus Neuer Pferdemarkt 21, hängt unser Albrecht auch. Leicht verrückt wirkt das Dürer-Bildnis an dieser Stelle schon. Aber das passt, schließlich beherbergt das Gebäude eine Handelsfirma für Hanfzüchterbedarf.

Und da sagen wir Franken: Lieber ein hanseatischer Kiffer, als ein oberbayerischer Schnupftabak-Grantler. Hamburg, wir kommen!

November 1st, 2011

Das unfassbare Sieben-Milliarden-Kind

Ja, ich hab’s kapiert. Ein erheblicher Teil unsere Daseins besteht daraus, dass uns jemand verarscht. Mal übel, mal nett. Jetzt waren es die Vereinten Nationen, die uns mitgeteilt haben, dass ein neugeborenes Mädchen namens Danica aus Manila der siebenmilliardste Mensch auf unserem Planeten sein soll. Das ist doch Krampf.

Mit dieser Botschaft begibt sich der gewiss seriöse UN-Generalsekretär Ban Ki Moon auf das Niveau der Leiters eines Provinz-Supermarktes, der sich korrekt gescheitelt, mit Anzug und Krawatte, einem lapprigen Blumenstrauß und seiner hübschesten Verkäuferin vor den Laden stellt, um der angeblich 10.000. Kundin ein ausgefülltes Rabattmarken-Heft ins Konsumentenhändchen zu drücken.

Weil die Volkszählung schon lange her ist, wissen wir doch nicht mal genau, wie viele Menschen in Deutschland leben. Woher also will die Uno wissen, wie viele Leute tatsächlich in einer ostasiatischen Mega-City unter den Brücken schlafen? Und woher wollen die Statistiker wissen, dass es 1804 die erste, 1927 die zweite, 1960 die dritte und jetzt die siebte Milliarde Mensch gegeben hat?

Schon klar. Hier geht es nicht um exakte Daten, sondern um das große Ganze. Und da muss ich zugeben, dass ich mir eine Milliarde Menschen ähnlich schlecht vorstellen kann, wie die 55,5 Milliarden Euro, die bei Hypo Real Estate völlig überraschend nicht verschwunden ist. Ich kann mir überlegen, dass diese Menschen, sauber aufeinandergestellt, ungefähr die halbe Strecke bis zum Mars ausmachen.

Ich kann es auch mit meiner engen fränkischen Sicht versuchen und diese Zahl auf Nürnberg übertragen. Eine Milliarde Menschen sind die 2000-fache Einwohnerzahl von Nürnberg. Um sie zu versorgen, bräuchte es also 6000 U-Bahn-Linien, 2000 Opernhäuser, zirka 50000 Brezen- und 800000 Dönerbuden. Unsere Standesämter müssten 4,4 Millionen Paare trauen, Krematorien und Friedhöfe müssten jedes Jahr 10,7 Millionen Leichen bestatten, durch den Tiergarten würden sich 118 Millionen Besucher drängen. Und, und, und…

Ich gebe zu, dass mich solche Zahlen beunruhigen. Einerseits. Und traurig machen. Andererseits.

Denn wieder einmal frage ich mich: Warum bin ich Journalist geworden? Und nicht doch der Weltmarktführer für Babyschnuller? Was wär das doch für ein Markt.

Oktober 9th, 2011

Schöne Zeiten enden – bei ZDF und CSU

Die Zukunft ruft. Sie lockt mit stetem Wandel und der Verheißung auf immer neue Rettungsschirme. Bloß: Viele hören nicht hin. Sie wollen, dass alles bleibt wie es ist. Oder das es wieder so wird, wie es einmal war. Zu erleben war dies am Wochenende gleich bei zwei Veranstaltungen im Nürnberger Messezentrum: beim CSU-Parteitag und bei “Wetten. dass….?”.

Erstmal zeigte sich der Hang zum Immergleichen am Beispiel der Show. Obwohl Moderator Thomas Gottschalk inzwischen als Auslaufmodell antritt, war er mit 9,06 Millionen Zuschauern der Sieger des Samstagsabends. Konkurrent Dieter Bohlen kam mit seinem “Supertalent” nur auf 6,58 Millionen Fans.

Wie kann das sein? Ein paar bekannte Showgrößen lümmeln auf einer Couch, dürfen kostenlose Werbung für ihre neuen Produkte machen. Dazwischen gibt es abstruse Wetten und ein bisschen Musik. Neu ist das alles nicht, aber “Wetten, dass…?” hat eben den Status von Tagesschau, Tatort oder Neujahrs-Skispringen. Es war irgendwie immer da und wird deshalb auch geguckt.

Allerdings: Gerade diese Show wird heftigst mit ihrem Moderator indentifiziert. Wer immer für Gottschalk kommt, wird es schwer haben oder wird schon bald das Comeback seines Vorgängers ankündigen. Ein ganz neues Gesicht, also einen großen Wandel, hält “Wetten, dass…?” nur schwer aus.

Nicht viel anders geht es der CSU. Früher war diese Partei ein echter Machtfaktor. In der alten Bundesrepublik schaute man nach Bayern, die Gamsbartträger am alpenländischen Sonntags-Stammtisch konnten die Weltpolitik in der Überzeugung diskutieren, dass die Oberen ihrer Partei in Bonn für Zucht und Ordnung sorgen würden.

Heute muss die CSU das tun, was eine ostdeutsche Pfarrerstochter will. Und so hatten beim Parteitag fast die hälfte der Delegierten Lust auf den Anti-Euro-Illusionisten Peter Gauweiler. Kein Seehofer-Stellvertreter hebt die Welt aus den Angeln. Das weiß man. Aber da wäre wenigstens wieder einer gewesen, der so redet wie damals.

Das Signal von Nürnberg von Anfang Oktober lautet also: Es ist nicht leicht, wenn schöne Zeiten zu Ende gehen. Ob beim ZDF – oder bei der CSU.

August 10th, 2011

Wer streikt, darf nicht in die Straßenbahn

Die VAG und ihre Straßenbahnen: Wichtig ist, wer drinsitzt.

Die VAG und ihre Straßenbahnen: Wichtig ist, wer drinsitzt.

Um 30 Prozent wollen die städtischen Verkehrsbetriebe in Nürnberg (VAG) ihre Fahrpreise erhöhen. Oberbürgermeister Ulrich Maly sprach in diesem Zusammenhang von einer der schwersten Entscheidungen seiner Amtszeit. Dem Unternehmen fehlt demnach das Geld. Aber nimmt es deshalb zahlende Kundschaft an? Nicht immer.

Da gehen also in der kommenden Woche die Tarifverhandlungen für die Zeitungsredakteure/-innen in die vielleicht entscheidende Runde. Die ver.di-Gewerkschaft, die Deutsche Journalisten-Union, wollte aus diesem Anlass mit einer Straßenbahn durch die Stadt fahren und Passanten auf ihre Forderungen aufmerksam machen. 540 Euro wäre der Gewerkschaft eine zweieinhalbstündige Fahrt wert gewesen.

Das Problem: Sie kriegt keine Straßenbahn. Das zuständige Vorstandsmitglied hat nämlich entschieden, dass das Ganze “zu politisch” sei. Oder wie es sein Mitarbeiter dem potenziellen Kunden erklärte: “Wir sind eben ein besonderes Unternehmen.” Und berichtete, dass er habe “antreten” müssen, nachdem er eine Straßenbahn an die CSU vermietet hatte.

Jedenfalls zeigt sich an dieser Stelle, dass so etwas wie ein Streik für manche Menschen etwas höchste Bedrohliches ist. Wer die Arbeit verweigert, um bessere Konditionen am Arbeitsplatz zu erreichen, gilt als destruktives und mutmaßlich gewalttätiges Element. Es könnte ja was passieren.

Übersehen wird dabei Folgendes: Gewerkschaften sind vom Grundsatz her parteipolitisch neutral. Und außerdem ist das Streikrecht ein Grundrecht. Es gehört also zu den höchsten Gütern unserer Verfassung.

Aber erkläre man das mal einem Bürokraten, der vor allem seine Ruhe haben will…

Juli 26th, 2011

Kaufhof-Rettung? Da hilft nur Geld.

Kennen Sie den? Den Primat der Politik? Dieser Begriff steht für die Meinung, dass bei wichtigen Entscheidungen der politische Wille Vorrang vor allen anderen Interessen, insbesondere vor wirtschaftlichen, haben sollte. Manchmal aber ist dieser Primat ein Witz. Aus gutem Grund.

Namhafte Gelehrte bezweifeln ohnehin längst, dass eine Welt funktionieren kann, in der die Politiker/-innen stets zuallererst den Ton angeben. Sie beschäftigen sich dabei gerne mit der Globalisierung. Ich nehme ein Nürnberger Thema. Den Kaufhof.

Jüngst hatte ich geschildert, dass mich das für 2012 geplante Aus für das traditionsreiche Nürnberger Südstadt-Kaufhaus richtig traurig macht. Mich verbinden damit viele persönliche Erinnerungen. Auch zahlreiche andere Menschen zeigten sich geschockt.

Alle, die in dieser Gegend Verantwortung tragen, sollten daher schleunigst gemeinsam nach der besten Lösung für die Zukunft suchen. Meint man. Aber das gelingt nicht. Zurzeit jedenfalls sucht offenbar jede Partei nach einer eigenen Lösung, die Einzelhändler-Vereinigung “Südstadt Aktiv” verbündet sich ganz offiziell mit der CSU,  bedient sich aber auch bei Ideen bei der SPD. Aus Sicht der Bürger entwickelt sich ein “Herr-Lehrer-ich-weiß-was-Spiel”. Am vergangenen Samstag waren auf dem Aufseßplatz zwei Stände zum Thema Kaufhof aufgebaut. Ein seltsames Bild.

So werden die Akteure nicht zum Ziel kommen. Den Primat der Politik kann man vergessen. Es hilft nur jemand, der den Mut hat, in diesen grauen Kasten viel Geld zu investieren. “It’s the econonmy, stupid” – es kommt darauf an, was die Wirtschaft sagt. Der frühere US-Präsident Bill Clinton hat mit seinem berühmten Satz in Sachen Nürnberger Südstadt recht. Und das ist ja auch ein globaler Aspekt.

 

 

 

 

 

Juni 12th, 2011

Ich werde alt. Ich trauere um ein Kaufhaus

“Ach, das ist doch bloß ein schlecht besuchtes Kaufhaus. Und sieht auch noch beschissen aus.” Da schließt also die Kaufhof AG Mitte 2012 ihre Filiale in der Nürnberger Südstadt – ich erwarte auch Kommentare dieser Sorte, finde das selber aber wirklich schlimm. Wahrscheinlich merke ich bei dieser Gelegenheit nur mal wieder, wie alt ich inzwischen geworden bin.

So lange ich zurückdenken kann, war dieser merkwürdige Betonwürfel mit seiner Bienenwaben-Fassade für mich so etwas wie das Herz der Südstadt. Mal hieß das Kaufhaus Merkur, dann Horten, dann Kaufhof – aber immer stand es da, als wäre sein Grundstück extra dafür geschaffen worden. Ich habe dort in den letzten 40 Jahren alles mögliche Zeug gekauft. Klamotten, Schreibmaschinen, Sektgläser, Zeitschriften, Parfüm, Lebensmittel, jede Menge Geschenke. Ich bin gerne die denkmalgeschützte Wendeltreppe rauf- und runtergelaufen, habe mir dort die Haare schneiden lassen und habe in der Fernsehabteilung die ersten Bilder von der Ratzinger-Papstwahl gesehen.

Da ich sicher bin, dass viele andere Menschen ähnliche persönliche Erlebnisse gehabt haben, mag ich mir nicht vorstellen, dass dort eine Reste-Rampe oder ein großer Elektromarkt einziehen. Gerade eine Gegend, in der 30.000 Menschen aus allen Teilen der Welt ganz überwiegend in Mietshäusern und oft genug alleine leben, braucht Kristallisationspunkte wie ein ordentlich bestücktes Kaufhaus. Und auch andere Händler und Dienstleister leben davon. Denn rund um den Magneten sammeln sich andere, die von und mit ihm profitieren. Die Experten reden da von “Clustern”.

Aber der Umsatz? Haben nicht einfach zu wenige Menschen beim Kaufhof Geld gelassen? Handel ist Wandel, schon immer gewesen.

Tja, wenn das so ist, dann bin ich bei diesem Thema vielleicht doch bloß ein weinerlicher Nostalgiker. Der noch nicht kapiert hat, dass heute diese Sätze stimmen: “Wir brauchen keine alten Kaufhäuser. Wir haben Amazon und Ebay.”

November 28th, 2010

Street View: Hurra, ich bin dabei!

Was verbindet Menschen in der realen und der virtuellen Welt? Richtig ! Der Satz “Dabeisein ist alles”. Aus diesem Grund habe ich die aufgeregte Ablehnung von Google Street View nie geteilt. Schließlich bietet dieser Dienst Menschen die Chance, auf viele Jahre hinaus im meist besuchten Ort unseres Globus`, also des Internets, vertreten zu sein.

Größere Kartenansicht

Ich habe das blaue Google-Auto vor zwei Jahren auf dem Weg in der Nürnberger Südstadt gesehen. Damals wurde über Street View noch gar nicht groß diskutiert. Zunächst dachte ich mir “Seltsames Fahrzeug”, ehe mir schlagartig bewusst wurde, wer da unterwegs war. Und welche Chance das bedeutet. Also habe ich mich – da ich gerade ein Rennrad unter mir hatte – auf die Verfolgung gemacht.