1. Mai: Rituale können sinnvoll sein

Es ist seltsam: Als dem modernen Leben zugewandter Mensch kannst du an einem 1. Mai alles machen. Den Rausch der Walpurgisnacht ausschlafen, Rasen mähen, im Wildgehege Rehe füttern, Schweinebraten mit Kloß wegschaufeln oder auf einer Wiese im Stadtpark neuartige meditativ-gymnastische Übungen ausprobieren. Aber auf eine Gewerkschaftskundgebung gehen? Da reagieren manche Leute so: “Ist ja gut, dass wenigstens du da hingehst. Ich hab’ für sowas keine Zeit.”

Gleich wird auf das Motto verwiesen. “Gute Arbeit. Soziales Europa”. Wie wolle man denn, heißt es, mit einem derart drögen Spruch Menschen auf die Straße locken? Das sei doch einfallslos, miefig, komplett prickelfrei. Stimmt schon. Aber andere machen es auch nicht besser. Ein CDU-Slogan zur Europawahl lautet “Damit ein stabiler Euro allen hilft”. Das allerdings reicht für knapp 40 Prozent bei 40 Prozent Wahlbeteiligung.

Erstaunlich ist die Leichtigkeit, mit der die gewerkschaftliche Maifeier zum langweiligen, also verzichtbaren Ritual erklärt wird. Tatsächlich, sie ist ein Ritual, weil sich der Ablauf alljährlich wiederholt und weil lediglich einige Akteure wechseln. Aber: Bei anderen Institutionen wird genau dies als Stärke wahrgenommen. Als die katholische Kirche jetzt zwei ihrer früheren Chefs die Ehrenmitgliedschaft im Paradies zugesprochen hat, geschah diese Heiligsprechung in einem – objektiv betrachtet – langweiligen Ritual. Millionen haben die Veranstaltung gleichwohl als erhebend wahrgenommen.

Der größte Irrtum ist aber, dass es das Arbeitnehmer-Brimborium sowieso nicht bräuchte. Die Wirtschaft boome doch, die Erwerbslosenquote sei niedrig und sinke weiter. Die Menschen seien doch bei ihren Bossen in guten Händen.

Wirklich? Dann fragen wir doch mal anders: Warum gibt es immer mehr Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen? Warum werden junge Menschen in befristeten Jobs weichgekocht und von einer verlässlichen Zukunftsplanung ferngehalten? Warum müssen wir einen Mindestlohn von im Grunde läppischen 8,50 Euro als Erfolg feiern? Warum gibt es auf der Bank keine Zinsen mehr?

Die Reihe der offenen Fragen ließe sich problemlos fortsetzen. Es gibt also allen Grund für Arbeitnehmer/-innen, sich am Tag der Arbeit zu versammeln. Und wenn es auch nur die sind, die Ungerechtigkeit nicht akzeptieren wollen. Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly hat diese Menschen auf der Kundgebung “Stolze Stellvertreter” genannt. Alsdenn, wir waren da. Den Schweinebraten holen wir uns später.

 

 

Wählen kann auch sexy sein

Absolute Mehrheit für die Nichtwähler! Nach der Kommunalwahl herrschte nicht nur bei uns in Nürnberg unter Politikern und politisch Interessierten totales Unverständnis, wieder einmal. Woher in aller Welt komme diese Wurstigkeit? Was erlaube Wahlvolk?

Wundern kann man sich schon. Das bayerische Kommunalwahlrecht ist Demokratie pur. Man ist an keine Partei gebunden. Man kann einzelne Kandidaten favorisieren oder streichen. Ganz wie man will. Bei uns hatten die Menschen 70 Stimmen zum persönlichen Jonglieren. Das Jammern, dass man ganz und gar den Vorgaben der Parteien ausgeliefert sei, passt hier nicht. Trotzdem lag die Wahlbeteiligung nur bei 44 Prozent.

Wundern muss man sich nicht. Eine hohe Wahlbeteiligung entsteht durch Spannung. Wenn kontroverse Themen fehlen, wenn sich die Stadtbewohnern wohlfühlen, anstatt zu diskutieren, fehlt das Gefühl, dass man als Nichtwähler etwas verpassen könnte. Wenn dann auch noch Sofawetter herrscht, panaschiert man eben lieber mit Kaffee, Chips und Bienenstich.

Wundern muss man sich nicht. Denn wir sind gar nicht so interessiert daran, was vor unserer Haustüre passiert. Wenn der Schnee zuverlässig von der Straße geräumt wird, ist schon viel errreicht. Wir schimpfen über Hundekot, Ratten, Tauben, Müll auf den Straßen, Spielsalons und benzingetriebene Laubbläser. Für die wirklich großen Probleme fehlt uns die Zeit. E läuft ja Bundesliga.

Freuen darf man sich doch. Ein aus Afrika stammendes Ehepaar wählt, frisch eingebürgert, zum ersten Mal. Mit Stolz und strahlenden Gesichtern. Wählen kann also sexy sein. Man muss es nur zu schätzen wissen.

Vertrauen ehrt, aber bringt nicht viel

Wir sind eine merkwürdige Gesellschaft. Wir verehren die edlen Gemüter, die sich ohne Interesse an eigenem Ruhm für andere Menschen einsetzen. Aber mit Geld überschütten wir jene, die uns suspekt oder vielleicht sogar zuwider sind.

Dies ergibt sich aus einer Rangliste der GfK-Marktforschung. Diese hatte in einer Studie  nach den vertrauenswürdigsten Menschen gefragt. Und wie fast  überall auf der Welt liegen auch bei uns die helfenden Berufe vorne. Wir heben den Daumen für Feuerwehrleute, Sanitäter und Krankenpfleger. Wir mögen Lokführer, Polizisten oder Bauern. Über 80 Prozent der Befragten haben solche Menschen für nicht hinterfotzig erklärt.

Auf der anderen Seite schaffen die Mächtigen der großen Politik, wie auch die Stars, die Profifußballer, Fernsehmoderatoren und Schauspieler, nicht einmal die 50-Prozent-Vertrauensquote. Was lehrt uns das? Vielleicht ist Mitleid im Spiel. Die aufrichtigen Helfer wirken auf uns, bei aller Zuneigung, letztlich uninteressant. Wir bedauern sie dafür, dass sie sich ihre schwierigen Jobs für so wenig Geld antun.  Also heucheln wir wenigstens Respekt und Sympathie.

Vielleicht spielt auch unser schlechtes Gewissen eine Rolle. Denn es fällt doch auf, dass die Berufe mit dem größten Sympathievorschuss auch schlecht bezahlt sind. Bei rationaler Betrachtung ist jede Altenpflegerin wichtiger als eine Schlagersängerin. Aber: Feuerwehrleute werden selten reich, Krankenpfleger bekommen eher ein kaputtes Kreuz als eine hohe Rente. Und wenn, wie gerade erneut wissenschaftlich belegt, die extrem ungerechte Verteilung der Vermögen in Deutschland aufgezeigt wird, dann sind die Guten ganz überwiegend bei denen, denen es schlecht geht.

Vertrauen ehrt. Aber es bringt nicht viel. Keine schöne Botschaft. Aber wahr.

 

Wir Franken und die Suche nach Glück

Zwei Aspekte treiben jeden modernen Menschen um: Die Suche nach dem Glück und das so genannte Benchmarking. Wir wollen unseren Sorgen die lange Nase zeigen. Wir wollen aber auch wissen, wie wir im Vergleich mit anderen dastehen. So gesehen hat es uns Franken zuletzt böse erwischt. Laut einer wissenschaftlichen Studie sind wir die unglücklichsten Menschen in Westdeutschland.

Die Ossis der alten Bundesländer möchten wir nicht gerne sein. Aber so haben sie uns eben eingestuft, die Macher/-innen des “Glücksatlas 2013″. Tja, woran kann es liegen? Zunächst ist festzuhalten, dass die Daten für die Studie vor dem Beschluss für Markus Söders Heimatministerium gesammelt wurden. Der davon ausgehende Glücksschub sollte nicht unterschätzt werden. Der Umstand, dass Greuther Fürth mit einer tragischen Bilanz abgestiegen ist, kann ganz Franken nicht unglücklich machen. Ebenso wenig die ständige Krise beim 1. FC Nürnberg. Die kennt man.

Oder lag es daran, dass die Forscher/-innen aus Freiburg vor Ort recherchiert haben? Wer unsere Stimmung erkunden möchte, und sich zu diesem Zweck ohne schlüssige Begründung an einen mit einem Einheimischen besetzten Wirtschaftstisch setzt, wird keine Glückgefühle erspüren. Wer wiederum beim Biohändler die für uns typische Konsumenten-Frage “Gell, an Sellerie hamm Sie heid net?” hört, macht schnell den Haken im Kästchen “Volksgruppe hadert mit gesundem Essen”. Warum am Ende die Schleswig-Holsteiner als glücklichste Volksgruppe im deutschen Glücksatlas stehen, ist indes erklärbar. Die Einheimischen sind notorisch schweigsam und somit komplett undurchsichtig. Auskünfte haben lediglich Dänen auf Durchreise gegeben, ihres Zeichens Spitzenmenschen im Weltglücksverzeichnis.

Was aber helfen uns diese Erkenntnisse? Eigentlich nichts. Denn es gibt auch anderslautende bis verwirrende Erkenntnisse. Nach einer ganz frischen Untersuchung hat Franken – wenn auch dank der Innovationskraft in Erlangen – gute Zukunftschancen. Die Versorgung mit Prostituierten ist in Nürnberg auffällig hoch. Wir haben ja auch die Internationale Waffenmesse. Dramatisch verbessert, nämlich von Platz 19 auf 13, hat sich Nürnberg im europäischen Zoo-Ranking. Obwohl das Lieblingstier der Deutschen, der Elefant, bei uns nicht herumsteht. Im “Niveau-Ranking’” der unsäglichen Initiative Soziale Marktwirtschaft wiederum landet Nürnbergauf Platz 11 von 50.

Aufschlussreich auch das Städteranking der Zeitschrift “Wirtschaftswoche”. 94,7 Prozent der Befragten bewerteten dabei die öffentliche Sicherheit positiv. Wenn man nun noch sieht, dass im nationalen Faulheits-Ranking Nürnberg auf Platz 40 von 50 gelistet ist, kommen wir zu folgendem Fazit: Wir leben langweilig, aber wir arbeiten hart dafür.

Die Städter mit dem größten Drang zum Totschuften sind übrigens die Münchner. Da sagt der Franke “Das gönnen wir denen”, grinst zufrieden – und hat auf der Stelle einen Glückspunkt mehr. Man sieht, es geht doch.

 

 

WIR ist nett – aber SIE gewinnt

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Ein Hoch auf politische Sprachkunst.

Wahlkampf wird’s. Also beginnt wieder das große Leiden der Parteien. Sie müssen plakattaugliche Sprüche erfinden, die zu ihrer Identität und zum Wahlprogramm passen. Slogans, mit denen eine massentaugliche Balance zwischen klug, blöd und nichtssagend gelingt. Die SPD probiert es mit “Das WIR entscheidet!”.

Es ist das Schicksal der großen sozialen Volkspartei, dass sie immerzu Gemeinschaft muss gebären. Nun wird gesagt, dass der neue Spruch bereits von einer bayerischen Zeitarbeitsfirma verwendet werde. Dumm gelaufen. Andererseits gelingt den Sozialdemokraten mit diesen Worten wieder eine engere Verbindung zu den Gewerkschaften. Ver.di zum Beispiel ehrt erfolgreiche Mitgliederwerber unter dem Motto “Mehr wir. Dank dir”. Der neue Slogan folgt zudem einer langen Tradition. 1949 warb die SPD mit “In der Eintracht liegt die Macht”, 1961 mit “Hand in Hand – gemeinsam geht es besser”. Peer Steinbrück und seine Helfer folgen also dem üblichen Repertoire.

Dabei schlummern in den Parteien ungeahnt kreative Kräfte. Vor allem an der Basis. So feuert die Junge Union Nürnberg gerade mit folgenden Worten auf den dortigen SPD-Oberbürgermeister Ulrich Maly: “Genug von MiniMalystischer Politik”. Das ist famose Sprachkunst, die freilich nur der Name des Rathauschefs möglich macht. Ein Name, der seinen Gegnern auch Ausbrüche von Pazifismus ermöglicht: “Keine Bratwürste für Maly-Einsatz”. Es ginge auch “SPD? MalyFitz” oder “Für eine Stadt ohne KaMalytäten”.

Doch die SPD könnte kontern. Der CSU-Kandidat heißt Sebastian Brehm und somit wie der Namenspatron von Nürnbergs traditionsreichstem Altenheim, dem Sebastiansspital. Warum also nicht den Slogan wagen: “Unser Rathaus ist kein Wastl”? Oder man holt zum Schlag gegen Finanzminister Markus Söder aus, welcher ja gerade dabei ist, den Wöhrder See in ein Bade- und Surfparadies verwandeln zu lassen. Man nehme ein Foto der dortigen grün-schleimigen Algenpest und verkünde: “Brehms Tierleben. Nicht mit uns!”. Und wenn es ganz hart kommt, zeigt man auf die Zukunft. “Wir lassen uns den Fortschritt nicht brehmsen. SPD”. Das haut rein.

Wozu diese Qualen, fragt man vielleicht bei den kleineren Parteien. Sie dürfen, was Peer Steinbrück nicht darf. Frech sein. Von den Grünen darf man durchaus einen neuen witzigen Slogan wie “Brüder durch Sonne zur Arbeit” erwarten. Und bei der FDP sind, seitdem sich Guido Westerwelle sein Wunschwahlergebnis an die Schuhsohlen genagelt hat, die Spaßvögel sowieso von der Leine. Die Linken dagegen stecken bei aller Suche nach Originalität ebenfalls in der linken Solidaritätsfalle.

Was aber macht die CDU im Bund? Sie, die Partei der unantastbaren, unschlagbaren, unverzichtbaren, unübertrefflichen Eurobewahrerin Angela Merkel? Sie wird Plakate weglassen, sie wird auf Sprüche und Versprechen ganz verzichten. Denn es gibt SIE. Und SIE weiß, dass jede klare Aussage ein falsches Wort zuviel sein kann. Deshalb wird man am Brandenburger Tor eine der Tschenstochauer Papststatue nachempfundene Merkel-Plexiglasskulptur aufstellen. Mit zirka 15 Metern Höhe.

Diese wird dann unter dem Motto “Macht Angie” von den örtlichen Laubsäge-Arbeitsgemeinschaften der Jungen Union in kaum geringerer Größe nachgebaut und sodann durch Städte und Dörfer gerollt. Und die Bild-Zeitung, allzeit treu auf der Schleimspur der Unbeschreiblichen, wird in großen Buchstaben vermelden: “Deutschland liegt Merkel zu Füßen”. So wird es sein. SIE gewinnt. WIR ist wurscht.

Frisierte Bilanzen regieren die Welt

Lange ist’s her, dass wir den Hütern des Geldes bedingungslos vertraut haben. Damals, als wir in demütiger Haltung an den Tresen des “Herrn Bankbeamten” getreten sind, um mit leichter Gesichtsröte einen kleinen Teil unseres Sparguthabens zurückzufordern. Damals, als wir den Buchhalter unserer Firma zwar als einen strohtrockenen, aber eben auch unbestechlichen Typen eingeschätzt haben. Das Geld war bei diesen Menschen in guten, wenn nicht gar in allerbesten Händen. Bilanzen könnten auch frisiert werden? Nein, diese Zweifel hatten wir nicht.

Das hat sich dramatisch geändert. Und das Üble ist, dass uns immer wieder Beispiele geliefert werden, die uns in unserer Skepsis bestätigen.

Nehmen wir den Nürnberger Opernball. In meiner Zeit als Gesellschaftsreporter war diese Veranstaltung für mich ein absolutes Muss. Die Prominenz aus Politik, Selbstdarsteller-Industrie und Mittelstand durfte sich dort eine Nacht lang so wichtig geben, wie sie es nach eigener Einschätzung war. Ich wiederum durfte zum Beispiel die zarte Hand von Verona Pooth drücken. Was ja früher als toll empfunden wurde. Oder Reiner Calmund und Gotthilf Fischer gleichzeitig interviewen.

Der Ball als solcher war für sich betrachtet nicht unbedingt notwendig. Aber es war immer ganz nett dort. Vor allem aber hat er keinen Schaden angerichtet. Glaubte man. Bis jetzt.

Denn in allen Pressegesprächen und -informationen war davon die Rede, dass dieser nach Albrecht Dürer benannte Ball (war dieser große Maler überhaupt ein guter Tänzer?) eine regelrechte Geldmaschine sei. Jedes dieser Feste finanziere eine Opern-Inszenierung im Gegenwert von einer halben Million Euro. Also dachten alle: Ist doch prima, wenn das ansonsten hoch subventionierte Bildungsbürgertum den Geldbeutel aufmacht und zum kulturellen Selbstversorger wird. Aber falsch gedacht. Heute wird von einem über mehrere Jahre aufgelaufenen Defizit in stolzer sechsstelliger Höhe geredet.

Wurden also die Presse, wurde die Öffentlichkeit belogen? Das glaube ich nicht mal. Es hat sich wohl nur im Theater die Meinung durchgesetzt, dass es diesen Ball nicht mehr braucht. Man legt das also politisch fest – und schaut sich die Bilanz an. Da findet man leicht Dienstleistungen, die man bisher auf einer anderen Position verbucht hat. Die schlägt man der Walzernacht zu. Und schon sieht die Sache anders aus.

Es ist ein typisches Verfahren. Frisierte Bilanzen gibt es beim Bundeshaushalt, bestimmt bei der Euro-Rettung, aber auch in Firmen, die entweder Aktionäre für sich begeistern wollen oder ihrer Belegschaft klarmachen wollen, warum sie auf’s Weihnachtsgeld verzichten soll. Mit Kohle wird Politik gemacht. So oder so. Was bekanntlich bedeutet: Glaube nie einer Bilanz. Es sei denn, du hast sie selbst gefälscht.

 

 

Dem Franken-Tatort auf der Spur

Franken bekommt endlich seinen Tatort. Und dieser Krimi wird bestimmt in düsteren Ecken spielen? Wer aber soll die wichtigsten Rollen übernehmen? Welche Todesart wird dem ersten Opfer zugedacht sein? Eine erste Spurensuche per Video – natürlich mit Ermittler-Hut…
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Keine Herzens-Demo zum Opernball

Einmal im Jahr, irgendwann zwischen Volksfest und Christkindlesmarkt, gibt sich Nürnberg glamourös. Beim Opernball, der nach dem berühmtesten Maler und dem möglichen künftigen Flughafen-Namenspatron Albrecht Dürer benannt ist, werden die teuersten Abendkleider der Stadt vorgeführt. Sogar echte Stars wurden hier schon gesichtet, wenngleich es im Laufe der letzten Jahre zusehends weniger geworden sind.

Gleichwohl: Der Opernball ist das Allerheiligste der besseren Nürnberger Gesellschaft. Kann es sein, dass in diesem Umfeld demonstriert wird, wenn es einem wichtigen Gast missfallen könnte. Nein, es geht nicht.

Akut bedroht ist die Nürnberger Abendzeitung. Das “8-Uhr-Blatt” wurde 1919 gegründet und ist somit Deutschlands älteste Boulevardzeitung. Ihr derzeitiger Verleger ist der heimische Medienunternehmer Gunther Oschmann. Er hat jedoch die Freude an diesem Blatt verloren, da es laufend hohe Verluste schreibt. Noch im September soll die AZ an einen mutmaßlich interessierten Investor verkauft werden. Ansonsten droht das Aus.

Die beiden Journalisten-Gewerkschaften, die Deutsche Journalistinnen- und -Journalisten-Union (dju) sowie der Bayerische Journalistenverband (BJV) wollten verhindern, dass diese Zeitung geräuschlos verschwindet. Sie wollten Lebkuchenherzen mit der Aufschrift “Ein Herz für die AZ” verteilen.

Gepasst hätte es. Der Opernball ist der wichtigste Treffpunkt der Schönen und/oder Reichen der Region und somit auch die Zielgruppe des Boulevards. Zudem sitzt Gunther Oschmann – als unbestritten großzügiger Mäzen des Hauses – im Stiftungsrat des Staatstheaters.

Doch die Veranstalter sagten Nein, und auch das städtische Liegenschaftsamt soll sich gegen eine Herzensdemo gewehrt haben. Schade drum. Die AZ-Lebkuchen werden ihre Abnehmer finden. Wie es mit der Zeitung weitergeht, wird man in Kürze wissen.

Sollte sie sterben, dürfte sich nicht einmal die anderen Zeitungen freuen. Entsprechende Untersuchungen beweisen, dass die Zahl der Zeitungskäufer dort am größten ist, wo journalistische Vielfalt am größten ist. So etwa in München. Konkurrenz belebt das Geschäft – und ein Farbtupfer im örtlichen Pressemarkt ist auch eine in Auflage und Bedeutung geschrumpfte Abendzeitung allemal.

 

 

Gegen Nazis hilft nur die klare Kante

Neonazis stellen sich ihren Gegnern.

Neonazis stellen sich ihren Gegnern. Foto: Wraneschitz

Vor ein paar Tagen haben Neonazis Nürnberg “beglückt”. Sechs NPD-Funktionäre haben mehr als hundert Mal so viele Gegner auf die Beine gebracht. Und mancher fragt: Musste das sein? Das Geschrei? Die Konfrontation mit der Polizei? Ich finde: Ja, es musste sein.

Sicher, unsere Sehnsucht ist eine andere. Wir würden lieber die NPD-Gestalten auf einem Platz ohne jedes Publikum herumschreien lassen und unser Bekenntnis zur Demokratie ganz friedlich an einem anderen Treffpunkt abgeben. Aber so kann man Neonazis nicht beeindrucken. Wo man sie machen lässt, kommen sie wieder. Über schöne Reden ein paar Häuserblocks weiter lachen sie bloß.

Deshalb war es großartig, dass ein Infostand von Demonstranten komplett verhindert und das Verbreiten rechter Parolen in Langwasser praktisch unmöglich gemacht wurde. Die selbst ernannten Retter des Vaterlandes gaben sich dabei ziemlich feige. Obwohl durch die Polizei beschützt, verschanzten sie sich – wie das Bild aus Nürnberg-Langwasser zeigt – hinter ihrem Werbe-Lkw. So wollen sie bestimmt nicht gesehen werden.

Absurd erscheint mir die Verhaftung des stellvertretenden ver.di-Geschäftsführers von Mittelfranken, Ulli Schneeweiß. Ich kenne ihn persönlich. Schneeweiß ist in seiner Haltung gegen Neonazis klar und strikt. Er steht aber auch für gewaltfreien Protest und hat immer wieder entsprechend auf andere Demonstranten eingewirkt. Für mich gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder es war ein Missverständnis. Oder jemand anders steht auf der falschen Seite.

 

Neue Heimat für die Kaufhof-Zecher

Südstadt-Idylle: Der Biergarten der "Silbernen Kanne".

Südstadt-Idylle: Der Biergarten der "Silbernen Kanne".

Als bekannt wurde, dass der Kaufhof in der Nürnberger Südstadt schließen wird, war ich wirklich traurig. (siehe hier) Nun soll der große Betonklotz am Aufseßplatz abgerissen und durch etwas Neues ersetzt werden. Irgendwann. Aber wohin hat es das Stammpublikum des alten Kaufhauses verschlagen? Eine Stück neue Heimat gibt es: Das Gasthaus “Silberne Kanne” in der Breitscheidstraße.

An der Fassade prangt noch immer der stolze Schriftzug „Speisehaus“. Doch das ist Vergangenheit. Die “Silberne Kanne“ nennt sich jetzt “Sportsbar” und ist seit ihrer Wiedereröffnung vor vier Wochen ganz auf den „Glubb“ eingestellt. Und sie ist ein Asyl für besondere Heimatvertriebene.

Wirtin Sandy Schmalfuß (32) hatte zuletzt im “Dinea”-Restaurant im 200 Meter Luftlinie entfernten Kaufhof am Aufseßplatz gearbeitet. Sie kannte auch die Stammkunden der dortigen “Franeknstube”. Diese war Treffpunkt von Clubfans und hatte daneben immer auch die Funktion und das Flair einer Wärmestube. Auch wer sonst keine recht Heimat hatte, war dort willkommen.

Noch vor der Schließung des Kaufhofs entschloss sich Schmalfuß, ihrem Stammpublikum ein neues Nest zu bauen. Sie wurde sich mit den Eigentümern der seit zirka eineinhalb Jahren geschlossenen Lokals einig. Ihre Mutter Annette Basse kündigte ihren ungeliebten Job an der Kasse eines Discounters – fertig war die Wirtschafts-Gründung.

Montags bis samstags ist von 11 bis 22 Uhr geöffnet. Das rustikale Mobiliar des ehemaligen Speiselokals ist mit Devotionalien des ruhmreichsten aller fränkischen Fußballvereine geschmückt. Alle Spiele des 1. FC Nürnberg werden live zu sehen sein. Dazu gibt es Faß- und Flaschenbiere zu Preisen zwischen zwei und 2,60 Euro. Die Hauptgerichte sind Schnitzel mit Beilage oder drei Bratwürste mit Kraut für jeweils 5,90 Euro.

Eine Attraktion für sich ist der Biergarten. Gäste sitzen dort unter sechs mächtigen Kastanien. Ein unerwartetes Ambiente an dieser Stelle der Südstadt. Die Nachbarschaft wird dessen Existenz spätestens am Samstag, 4. August, registrieren: Dann ist Sommerfest mit Live-Musik.Das gab’s nicht mal im Kaufhof.