Kauf-Getümmel hilft uns gegen Seelennot

Wir leben in schweren Zeiten. Das hat uns unser ranghöchster Weihnachtsredner, Bundespräsident Joachim Gauck, in sorgsam gesetzten Worten nähergebracht. Doch wir spüren es auch selbst. Es geht uns gut, aber die Not ist nah. Also brauchen wir Vorräte.

Und nun ist uns aufgefallen, dass die normalen Geschäfte seit Heiligabend-Nachmittag für drei Tage geschlossen haben. Drei Tage ohne Nachschub! Wie soll das gehen? Doch seit diesem Jahr gibt es in Nürnberg die Rettung: Den Lidl-Markt im Untergeschoss des Hauptbahnhofes. Dieser hat täglich geöffnet, von früh bis spät, bei Sonne, Wolken, Schnee und Eis.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag explodierte dort die Nachfrage. Kaufhungrige Menschen bildeten eine lange Schlange. Der Laden war derart voll, dass die Sicherheitskräfte die Ampeln auf Rot stellten. Wer zu Cola, Chips oder abgepacktem Hackfleisch wollte, musste warten, ganz wie damals im Osten.

Wundern muss man sich nicht. Der zunächst umstrittene Lidl im Hauptbahnhof hat sich als Geschenk an die Nürnberger Stadtgesellschaft erwiesen. Dem Vernehmen nach liegt sein Umsatz um 30 Prozent über dem Durchschnitt der anderen Lidl-Filialen. Der Laden hat 60 Beschäftigte und produziert mehr Brot und Brötchen als ein halbes Dutzend handwerkliche Bäcker zusammen. Wahnsinn ist dort oft.

Aber warum an Weihnachten zu Lidl? Vielleicht muss man die Sache philosophisch betrachten. Im Dezember ist es uns nicht nach Autowaschen, der Samstag als Badetag ist zusammen mit anderen Traditionen verschwunden. Heimwerken geht am Feiertag zwecks lärmempfindlicher Nachbarn nicht, die Fußball-Bundesliga ist in der Winterpause. Und: Die Begegnungen mit der Verwandtschaft sind überstanden.

Ereignislosigkeit jedoch ist für den digital beschleunigten Menschen das größte denkbare Gift. In der Ruhe begegnet er zunächst sich selbst und dann seiner eigenen Endlichkeit. Er wird mit dem undenkbaren Gedanken an sein unweigerlich kommendes Nicht-Sein konfrontiert.

Das hält nicht jeder aus. Wann aber lebt der Mensch im real existierenden Kapitalismus mehr, als in Momenten des gemeinsamen Konsums? Also geht es rein ins Getümmel – und wir sollten das verstehen. Gut, es gibt auch diesen Satz: „Die Langeweile ist die Not derer, die keine Not kennen.“ Aber das ist ein deutsches Sprichwort, aus der Vor-Computer-Zeit. Also einfach bloß analog. Pfui!