Ein Land unter Narkose

Irgendwie geht man in diesen Tagen mit einer speziellen Erwartung durch die Straßen: Man rechnet damit, Menschen zu begegnen, die einen großen roten Fleck auf der Stirn tragen. Weil sie über den Wahlkampf nachgedacht haben, dabei eingedöst und schließlich mit dem Kopf auf die Tischplatte geknallt sind. Wo um Stimmen gestritten werden sollte, ist nichts. Deutschland ist ein Land unter Narkose.

Wären da nicht ein paar Plakate, man wüsste nicht, dass in Kürze ein neuer Bundestag zu bilden ist. Ansonsten scheint es so, als sei für alle Beteiligten der Kuchen schon verteilt. Und als wären alle auch zufrieden damit.

Die Kanzlerin steht samt der CSU da wie der FC Bayern München in seinen besten Zeiten. Zwar ohne absolute Mehrheit, aber doch uneinholbar, alternativlos sowieso. Früher hätte man es einem Regierungschef als Arroganz ausgelegt, wäre er wenige Wochen vor einer Wahl in den Urlaub gefahren. Bei Angela Merkel ist das nicht so. Ihre Quoten steigen noch. Man kennt sie ja.

Bei Martin Schulz läuft es anders. Es wirkt, als wäre der SPD-Spitzenkandidat bei tiefstehender Sonne gestartet, hätte einen langen Schatten geworfen, um als Scheinriese entlarvt zu werden, je näher die Sonne dem Zenit kommt. Gerechtigkeit schien das große Thema des Wahlkampfes zu werden. Aber was hilft die schönste Parole, wenn dazu keine zündende Idee kommt? Mutige Ideen? Wozu? In der GroKo ist dabei sein alles.

Alles Weitere erscheint geregelt. Die anderen Parteien liegen um die acht Prozent. Und somit ist, wie in der Fußball-Bundesliga zurzeit die spannendste Frage, welcher kleine Polit-Club auf welchem Platz landet, ob also die Grünen oder die FDP die besseren Chancen auf das große nationale Geschäft hat. Die Linke hat keine Partner. Die AfD ist leise geworden, wird aber ihre Sitze im Bundestag kriegen.

Draußen tobt die Welt. Ega, die Bundestagswahl kommt. Und hinterher wird es sich anfühlen, als wäre nie etwas gewesen. Schlaf gut, Demokratie!