Unser Leben klingt in Moll

Manchmal fragen wir uns: Wie kann es sein, dass es Menschen in anderen Ländern so vergleichweise mies geht und sie trotzdem so vergleichsweise fröhlich sind? Es liegt bestimmt auch an unserer Musik. Wer heute einen populären Radiosender einschaltet, dem springt das Leiden dieser Welt ins Ohr. Wir führen ein Leben in Moll.

Dieser Eindruck ist nun auch wissenschaftlich belegt. Die Wissenschaftler des Exzellenzclusters „Language of Emotion“ der Freien Universität Berlin haben heutige Top-Hits mit erfolgreichen Liedern aus den 60-er Jahren verglichen. Und tatsächlich klang Erfolg damals anders, nämlich überwiegend in Dur. In Deutschland etwa waren vor genau 50 Jahren „Zwei kleine Italiener“ , der  „Peppermint Twist oder der absolute Frohsinnsunfug  „Auf meiner Ranch bin ich König“ hervorragend in der Hitparade platziert. Spaß war ausdrücklich erlaubt.

Heute jedoch ist es so: Der junge Mensch der Neuzeit liebt nicht mehr fröhlich in den Tag hinein. Nein, er hofft, bangt, bebt, leidet, hasst, liebt, verzehrt sich – um schließlich festzustellen, dass sich der/die Angebete jemand anderem an den Hals wirft. Und wenn es doch klappt, dann nur im festen Bewusstsein, dass jede Beziehung wohl nur befristet sein wird. So, wie er es aus der Arbeitswelt kennt.

Den dazugehörigen Klangteppich liefern Stars wie,  Adele , Silbermond , Xavier Naidoo Xavier Naidooo und viele weitere Abgesandte der Depropop-Industrie. Wir lernen, dass unser Weg kein leichter sein wird. Während lachende Leute auf Karibikinseln ihren Hunger mit Salsa wegtanzen.

Wahrscheinlich ist grundlose Melancholie Teil unseres Wohlstands. Ohne Trübsinn fehlt uns was. Trotzdem sollten wir es uns gönnen: Und wenn ein Lied seine Lippen verlässt, dann schalten wir ruhig mal ab, wechseln den Sendern, laufen wir davon. Und summen wir ein Lied. In Dur.