„Beste Freunde“ können eklig sein

Seine Verwandtschaft kann sich niemand aussuchen. Es gibt nette Tanten, nervende Schwager oder hyperaktive Nichten. In der großen Politik ist das nicht anders. So genannte Verbündete hat man nicht unbedingt, weil man die anderen sympathisch findet. Es geht um das Sichern von Mehrheiten, um das Verwirklichen der eigenen Ziele, um billige Rohstoffe oder auch darum, unliebsame Neuankömmlinge fernzuhalten.

Angela Merkel kann davon ein Lied singen. Sie hat alles, zum Beispiel den Verbündeten vom Typ trotziges Kind. Dieser, nennen wir ihn Horst, kann  lieb sein, wenn ihm Mutti einen bösen Blick zuwirft. Sobald sie jedoch außer Reichweite ist, stampft er wütend auf den Boden. Und ruft „Obergrenze“, Obergrenze“ oder „Maut, Maut, Maut“. Eine Kanzlerin kann ihn ertragen. Er nervt zwar, richtet aber letztlich keinen Schaden an.

Weitaus komplizierter wird es beim Typ brutaler Zyniker. Er, nennen wir ihn Wladimir, kann bei Bedarf charmant flüstern. Er geht von seiner überragenden Bedeutung aus. Und wenn er sich zurückgesetzt sieht,  provoziert er, indem er anderen etwas wegnimmt. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen, weil er richtig gefährlich werden kann. Geld wegnehmen, das geht noch. Auf die Finger klopfen aber nicht.

Und es gibt den perversen Onkel. Nennen wir ihn Salman ibn Abd Al-Aziz. Er hat Dinge, auf die auch für eine Kanzlerin wichtig sind. Erdöl etwa oder jede Menge Geld für den Kauf famoser Waffen. Wer unter seinem Einfluss lebt, muss strengsten Regeln folgen, über die noch nicht einmal laut nachgedacht werden darf. Er geht über Leichen. Trotzdem helfen wir ihm, dass er seine Macht über andere Menschen verteidigen kann.

Unser Horst übrigens hat im April letztes Jahr über den Regenten von Saudi-Arabien Folgendes gesagt: „König Salman ist eine beeindruckende Persönlichkeit… Er hat uns überzeugend dargelegt, dass es sein Hauptziel ist, dass die Menschen friedlich zusammen leben.“

Der perverse Onkel wird also hofiert. Er wird weiter zur Familienfeier eingeladen, er bekommt einen besonders schönen Sessel und ein extra großes  Stück vom Kuchen. Man muss bloß den Brechreiz unterdrücken. Aber keine Sorge: Wer Politik macht, lernt das irgendwann.

 

Angela Merkel: Sie schafft uns alle

Man kann sagen, was man will. Aber sie hat uns wieder überrascht. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist vom renommierten Time-Magazin zur „Person of the year“ ernannt worden. Und das gerade jetzt, wo ihre Umfragewerte immer mehr nach unten gehen.

Diese US-Journalisten scheuen die Extreme wahrhaftig nicht. Sie haben Angela Merkel als vierte deutsche Politikerin nach Willy Brandt, Konrad Adenauer und, nun ja, Adolf Hitler auf ihr Jahresrückblicks-Titelblatt gehoben. Weil sie finden, dass es unsere Kanzlerin versteht, ohne funkelndes Bling-Bling oder sonstiges Brimborium die Welt zu bewegen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erstaunt das.

Und das kann sie. Das wird spätestens dann deutlich, wenn man daran zurückdenkt, welche zuvor hoch eingeschätzten männlichen Leichen ihren Weg pflastern. Jeder, der sie wie ein gewisser Friedrich Merz in Frage stellte und irgendwie ernst zu nehmen war, ist der Vergessenheit anheim gefallen. Einen Horst Seehofer lässt sie (noch) gewähren. Dieser mault viel und ist obendrein unhöflich – letztlich ist der Ober-Bayer aber harmlos. Beispiel: Seitdem die Horst-Show auf dem CSU-Parteitag gelaufen ist, ist das Wort „Transitzone“ wieder aus dem Sprachgebrauch verschwunden.

„Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“, hatte ihr Vor-Vorgänger Helmut Kohl in einer Stunde empfundener Macht getönt. Bei ihr ist es so. Aber man merkt es eben nicht.

Und das macht die Faszination aus, welche ausreicht, durchgeknallte Zeitgenossen wie IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi und den republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump auf die Plätze zu verweisen. Da wiederum möchte man ihr zurufen: „Angela, zeig‘ Deine Macht“. Mach‘ den Bagdadi zum Guttenberg, den Trump zum Schröder.“

Dann, da sind wir sicher, winkt Dir die ultimative Krone des weltweiten Journalismus. Die Titelseite des Jahresrückblicks im Bayernkurier. Mehr Rache an Seehofer ginge wirklich nicht. Alsdenn.

 

 

 

Was würde Helmut Schmidt tun?

Was würde Helmut Schmidt tun? In diesen Tagen ist diese Frage erlaubt. Könnte ein zupackender Krisenmanager wie er unsere aktuellen Probleme in den Griff bekommen? Könnte er uns die Gewissheit vermitteln, dass alles nicht so schlimm ist und – vor allem – am Ende gut wird?

Angela Merkel ist uns menschlich sympathisch geworden, weil sie angesichts der Flüchtlings-Schicksale Gefühle gezeigt hat. Aber auf eine wachsende Zahl von Menschen wirkt sie allzu zaudernd, wenn sie lächelnd ihre Raute formt. Flankiert wird sie von „Freunden“, die abwechselnd „Transitzone“, „Griechenland“, „Flut“ oder „Lawine“ bellen, weil sie wenigstens so tun wollen, als ob sie Lösungen hätten. Vertrauen stärkt das nicht.

Also sehnt man sich nach der ordnenden Kraft der alten Männer. Nelson Mandela und Helmut Schmidt waren in diesem Sinne überragende Hoffnungsträger. Beide sind tot, Franz Beckenbauer und Hartmut Mehdorn haben dem Nimbus geschadet. Aber bei Papst Franziskus, dem Dalai Lama oder Heiner Geißler leuchten unsere Augen weiterhin.

Alsdenn, was würde der Altkanzler jetzt tun? Er würde, vermutlich, improvisieren und rasche Entscheidungen treffen, von denen man zwei bis drei Jahre später weiß, ob sie richtig oder falsch waren. Weisheit ist langsam, aber viel Zeit haben wir gerade nicht. Wir sollten auch nie vergessen, dass auch ein Kanzler Schmidt nicht alles richtig gemacht hat. Er hat sich sogar von der FDP stürzen lassen – was aus heutiger Sicht undenkbar erscheint.

Wenn wir über aktuelle Krisen reden, ist die eigentliche Frage aber doch: Hätte Helmut Schmidt den Irak-Krieg verhindert? Hätte er George W. Bush treffen und dessen Kriegslust durch den Dampf seiner Menthol-Zigaretten derart schwächen können, dass aus diesem ein Friedenspräsident geworden wäre?

Kann sein. Muss nicht. Ist leider nicht passiert. Aber hätte Helmut Schmidt damals gewusst, was alles kommt, dürfen wir sicher sein: Er hätte das, genau das, mit Genuss getan.

Angela Merkel ist die Supermacht

Der Zusammenbruch der großen deutschen Institutionen erschien in letzter Zeit unaufhaltsam, ja geradezu alternativlos. Unsere famose Autoindustrie, unsere Ingenieurskunst überhaupt, unser wunderbarer DFB – alles schien vom Niedergang bedroht. Jedoch, wir sind wer. Unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel ist so mächtig wie kaum jemand anderer auf diesem Planeten. So behauptet es die US-Zeitschrift „Forbes“.

Demnach gibt es neben Gott, Allah und den anderen höheren Wesen nur einen, der ihr das Wasser reichen kann: Wladimir Putin, der vielseitig tätige Kriegsherr aus Moskau. Nun gut, er hat ein Riesenreich im Rücken und hat Olympische Spiele und Fußball-WM gleichermaßen eingekauft. Dieser Mann geht seinen Weg. Wenn es sind muss, auch brutal.

Die Kanzlerin wiederum ist schon seit Jahren hoch gelistet. Das macht uns stolz, schließlich würde für unsere 80 Millionen Einwohner im Weltmaßstab des globalen Dorfes eine untergeordnete Seitenstraße reichen. Aber diese Frau hat erkannt, womit auch Unternehmer heutzutage am erfolgreichsten sind. Es kommt nicht darauf an, klare Positionen zu beziehen und entsprechende Anweisungen zu geben. Sondern darauf, irgendwie da zu sein und einen Satz wie „Wir schaffen das“ zu sagen. Dann krempeln die Untergebenen die Ärmel hoch und strengen sich an, um die Herausforderung zu bewältigen. Geht es schief, lag es nicht an der Chefin. So läuft das. Da mögen die Seehofers noch so bellen.

Aber Merkel mächtiger als der auf Platz 3 abgerutschte Barack Obama? Mag sein, dass mancher diese Einschätzung für verschroben hält. Andererseits ist es so: Die Amtszeit des US-Präsidenten ist absehbar endlich, für die Kanzlerin ist noch lange nicht Schluss.

Romantisch ist die „Forbes“-Liste allerdings auch. Platz 4 von Papst Franziskus ist bei vernünftiger Betrachtung nicht zu belegen. Dieser Mann ist großartig. Er sagt wunderbare Dinge, die allerdings in seinem eigenen Laden zumindest bisher nicht sonderlich interessieren. Und auch sonst liegen die Analytiker wohl falsch. Unter den mächtigsten Zehn der Welt werden sieben Staatschefs aufgeführt, die Lenker weltweit operierender Konzerne kommen erst auf hinteren Plätzen.

Wir wissen, dass das eher umgekehrt ist. Aber das Ganze stammt ja auch von einem Magazin. Darin steht nie bloß, was ist. Sondern auch, was die Leute gerne lesen wollen. Wir jedenfalls nutzen die Chance, vergessen Winterkorn und Niersbach für den Moment und sagen: Danke, Forbes. Danke, danke, danke!

 

Sie träumen vom Glück? Wir schaffen das!

In angenehmeren Zeiten, sagen wir, während Angela Merkels erster Amtsperiode, hatten wir Zeit und Muse, um uns um wirklich wichtigen Dinge zu kümmern. Nämlich um die Frage, ob dieses, unser Dasein gelingen würde. Ob wir Glück hätten, ob es uns wie ein Blitz träfe oder ob wir sein eigener Schmied sein könnten.

Klar war uns allen, dass das Glück ein flüchtig Ding ist. Wie in diesen Tagen. Zwar steht es mit 80,5 Millionen Ergebnissen bei Google noch weit oben. Aber das Thema Flüchtlinge holt auf. Innerhalb von nur von fünf Tagen ist die Zahl der Google-Einträge von 30,5 auf 35,5 Millionen Einträge gestiegen. Geht es in diesem Tempo weiter, ist Glück in gut sechs Wochen nach unten durchgereicht. Der einstmals weltberühmte Glücks-Ratgeber von Eckart von Hirschhausen ist heute beim Internet-Händler ab 13 Cent zu haben. Auch das ist ein Zeichen.

Insofern sollten wir dankbar für Initiativen sein, die unser großes Daseinsthema im Blickfeld halten. So hat die Stadt Nürnberg untersucht, in welchem ihrer Wohngebiete die glücklichsten Menschen leben. Gewonnen haben Katzwang und Kornburg, also eingemeindete Dörfer, die sich vor allem durch Einfamilienhäuser und akkurat geschnittene Hecken auszeichnen. Man grüßt sich auf der Straße und singt im Verein. Und oft wissen die Nachbarn mehr über einen als Facebook und NSA zusammen.

So also sind die Bedingungen, damit 64 Prozent der Menschen glücklich sind. Mein Wohngebiet, die Südstadt, rangiert auf Platz 16 – von 17 untersuchten Quartieren. Angeblich gibt es hier bloß 40 Prozent glückliche Leute. Wenn ich die rauchenden Männer vor den Spielsalons sehe, glaube ich das. Aber ich könnte nicht sagen, dass mich das vergleichsweise große Chaos in meiner Gegend trübselig macht. Ich finde mein Umfeld spannend und interessant und habe Spaß an Menschen, die anders sind, als es sich gehört.

Was wieder zeigt, dass Glück etwas sehr Individuelles ist. Mancher freut sich, wo andere hadern. Wobei unser mutmaßlich überragendes Thema laut Google auch nicht so wahnsinnig aufregend ist.

Zwar liegt es meilenweit vor einem wichtigen Thema, der Energiewende. Diese kommt aktuell auf 4,65 Millionen Google-Ergebnisse. Was immerhin etwas mehr sind als Franziskus. Für den Papst, der so unendlich viele richtige Dinge sagt, aber trotzdem recht wenig erreicht, meldet die Suchmaschine 4,3 Millionen Einträge. Das Glück liegt nur knapp vor dem Suchbegriff „Klopp“. Dieser republikflüchtige Fußballtrainer kommt gerade auf 33,8 Millionen Klicks. Er fährt allerdings Opel, weshalb er dem derzeitigen Skandal-Konzern Volkswagen mit dessen 453 Millionen Klicks nicht das Wasser reichen kann.

Ach so, Angela Merkel gibt es auch noch. Sie liegt mit 87,5 Millionen Ergebnissen sozusagen über-glücklich im Rennen. Ihr wollt ein schönes Leben? Fürchtet Euch nicht! Wir schaffen das!

 

 

Wenn Merkel zu Mutti Teresa wird…

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ Diese Sätze aus der Erzählung „Der kleine Prinz“ vermitteln uns,  dass Menschlichkeit besser ist als kalter Egoismus. Die vergangenen Tage haben uns gezeigt: Es geht. Es kann mühsam sein. Aber es kann sich lohnen.

Angela Merkel hat es probiert. Getragen von der Offenheit vieler Menschen, die vor allem in München Flüchtlinge einfach als Menschen begrüßt haben, verhielt sie sich gegen ihre Gewohnheiten. Überraschend unbürokratisch hat sie Deutschland für einige Tage geöffnet. Sie wurde zu „Mutti Teresa“, wie es die „heute-show“ karikiert hat.

Die CSU hat das deutlich kritisiert. Das war zu erwarten. Was aber treibt diese Partei dazu, sich mit Viktor Orbán, dem widerlichsten Regierungschef der EU, an einen Tisch zu setzen. Macht man es, weil der Mann das sagt und vertritt, was man selbst aus Gründen der politischen Korrektheit nicht selber darf? Geht es, wie früher in der Ostpolitik um „Wandel durch Annäherung“? Will man ihn gar zum Christlichen und zum Sozialen bekehren?

Wäre das Thema Flüchtlinge nicht so bitter, könnte man Parteitaktik vermuten. Kanzlerin Merkel verhält sich entsprechend der Stimmung im Sinne der Mehrheit der Bevölkerung. Die CSU wiederum glänzt in ihrer Paraderolle, nämlich als Opposition in der Regierung. Gemeinsam decken die Schwesterparteien das breitest mögliche Meinungsspektrum ab. Ein Wahlergebnis 40 Plus Prozent wird auf diese Weise abgesichert.

Doch lassen wir solche Überlegungen beiseite. Dann erkennen wir, dass das Herz zwar anders sieht, aber keineswegs doof ist. Nehmen wir an, in Syrien und anderen Krisenstaaten würden irgendwann vernünftige Menschen an die Macht kommen. Könnte es sein, dass sich diese an das Deutschland des Jahres 2015 erinnern und sich dankbar zeigen? Ist ein Land im Wiederaufbau kein lohnendes Thema für eine Exportnation? Ist nicht davon die Rede, dass Afrika der nächste große Markt wird?

Mutige Großzügigkeit hat das Risiko, dass es schiefgeht. Aber sie kann sich lohnen. Träumen darf man.

 

Die böse Krise lauert überall

Sie belagert uns, belastet uns, zerfrisst uns: Die Krise ist immer und überall. Nehmen wir einen ganz normalen, entspannten Abend. Eigentlich ein Termin zum Entspannen. Aber dann googeln wir „Krise“.

Wir erfahren vorneweg von der Allerneuesten, der Subway-Krise. Ein Anbieter von Fast-Food der australischen Art ist in Turbulenzen geraten, obwohl er Qualität hoch gehalten hat. Unmittelbar darauf folgt die Ukraine-Krise. Merkel und Hollande haben mit Wladimir Putin telefoniert. Man setzt also wieder auf Zuhören, wo man doch dank Abhören alles voneinander weiß.

Während Stuttgart, in diesem Fall der dortige Verein für Bewegungsspiele, in der Krise steckt, was sich ohne Einsatz journalistischen Sachverstands mit dem Nichtvorhandensein von Punkten erklärt, verweist ein Fachverlag für Gebrauchspsychologie darauf, dass Krisen „nicht nur negativ“ sind. Richtig, denn jede Krise entdet irgendwann. Und sei es mit einem Abstieg.

Die Euro-Krise ist, anders als BSE, tatsächlich noch da. Sie wird aber zurzeit überlagert durch die Flüchtlingskrise, welche sich zusammenfassend in einer Flüchtlings-Krisen-Karte darstellen. Mit dabei ist, ansonsten wenig diskutiert, der Brenner.

Mit Blick auf die Griechenland-Krise mahnt ein Kommentator zum Verzicht auf Utopien. Dafür erklärt ein Börsenexperte die China-Krise für nicht vorhanden. Was diejenigen nicht trösten wird, die wegen dieses Nichts gerade Geld verloren haben. Ach so, auch „Gladbach“ und Paderborn sind in einer Krise. Ob die als Gegenmittel gepriesene Yoga-Vidya-Anti-Krisen-Therapie in diesem Fall hilft, darf als fraglich gelten. Torhüter im Lotussitz sind leicht zu überwinden.

Der Berliner Frauenchor betrachtet die Sache menschlich und widmet ein ganzes Abendprogramm „Judiths Krise“. Der  Verlag Westfälisches Dampfboot macht Interessierten das Angebot, der krisenbezwingenden Regulationstheorie durch die Lektüre eines 399 Seiten starken Buches auf die Spur zu kommen.

Da freut es uns, dass das hessische Altenburschla und das thüringische Großburschla vor 25 Jahren durch den Abbau des Grenzzaunes die jahrzehntelange Ost-West-Krise überwunden haben. Allerdings: Heute mag in beiden Orten niemand mehr wohnen. Sie sind – jawohl – in der Krise. Böse, böse Welt.

 

Abweichler? Streitet nicht, wir sitzen lieber auf dem Sofa

Es liest sich so einfach: „Jedes Mitglied des Bundestages folgt bei Reden, Handlungen, Abstimmungen und Wahlen seiner Überzeugung und seinem Gewissen“.  So steht es in der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages. Aber wie ist die Wirklichkeit – in Zeiten der Euro-Hilfspakete?

Jedenfalls nicht so einfach. Man könnte anmerken, dass zum Erfüllen dieses Anspruches eine eigene Überzeugung überhaupt vorhanden sein müsste. Das klingt zynisch, aber andererseits: Nicht jeder Abgeordnete kann sich so tief in sämtliche Themen arbeiten, dass er jeweils frei und unbelastet entscheiden könnte. Er braucht jemand, der ihm die Richtung weist. Seien es nun die Kanzlerin, der Fraktionschef oder der Lobbyist mit dem großen Bewirtungs-Etat.

Gewissen? Auch das muss man erst einmal haben. In der realen Politik werden es vor allem redliche Menschen nur selten erleben, dass sie eine Entscheidung mit frohem Herzen zu 100 Prozent mittragen können. Jedes Gesetz ist ein Kompromiss, an dem bis zur Abstimmung alle möglichen Interessierten herumgeschraubt haben. Und es geht immer auch um Macht. Wer nur seinem Gewissen folgt, streut Sand ins Getriebe, legt sich mit seinem Freunden an und ist bald selber weg.

In der Öffentlichkeit wird der Aufrechte selten gelobt. Eher schon winken ihm abschätzige Bezeichnungen wie „Abweichler“. So, wie wir das gerade in Sachen Griechenland-Hilfspakete erleben.

Wie eigentlich, so fragt man sich, ist es um unser Land und um seine Demokratie bestellt, wenn das Vertreten einer zwecks Fraktionsdisziplin nicht genehmen Meinung als lästig oder störend empfunden wird? Warum sind Querdenker unbeliebt? Wie kann es sein, dass wir alle so tun, als wäre es mega-spannend, ob Mutti Merkel bei einer Entscheidung 50, 60 oder 70 Stimmen aus dem Lager fehlen? Obwohl wir wissen, dass es bei der Abstimmung immer noch locker zum Sieg reicht.

Vielleicht liegt es an unserer eigenen Müdigkeit. Wir möchten, dass der Laden läuft. Egal, was hinten rauskommt. Lasst uns in Ruhe mit eurer anstrengenden, hässlichen Politik. Zuviel Streit belastet nur, wir sitzen lieber gemütlich auf dem Sofa. Dass wir dabei manchmal ein schlechtes Gewissen haben, stimmt auch. Aber das ist ein anderes Thema…

 

Merkel zeigt: Politik ist kein Job für große Gefühle

Zu den größten Belastungen für menschliche Beziehungen zählt der so genannte Forderungsüberschuss. Man hofft, dass sich Partner oder Partnerin in jeder Situation gemäß der eigenen Ideale verhalten. Man erwartet, dass sie reges Interesse für all das zeigen, was einem selbst wichtig ist. Anders kommt es oft.  Wenn aber die Wunschvorstellung gar nicht klappt, ist die Enttäuschung riesengroß.

In eine solche Situation ist Angela Merkel hineingeraten. Ein weinendes Flüchtlings-Mädchen aus Rostock namens Reem hat sie aus der Fassung gebracht. Die Inszenierung einer Schülersprechstunde hat nicht nach Plan geklappt. Die Bundeskanzlerin streichelte das Mädchen unbeholfen – und wird nun der emotionalen Eiseskälte verdächtigt. Unter dem Hashtag #merkelstreichelt tobte im Internet rasch der Shitstorm. Ist Angela Merkel also böse?

Von Joschka Fischer stammt der Satz: „Das Amt verändert den Menschen mehr als der Mensch das Amt.“ Das gilt nicht nur für Spitzenpolitiker, das gilt bis hin zum ehrenamtlichen Vereinsvorstand. Wer zeit- und arbeitsintensive Aufgaben übernimmt, wird nur selten den offenen und freundlichen Blick für seine Umgebung bewahren können. Wer selbst Teil des Programms ist, wer die Erwartungen des Publikums/der Kundschaft kennt, wird seine Rolle spielen. Je höher das Amt, desto kälter wird es. Selbst der Papst hat nicht immer gute Laune.

Also sollten wir nicht zu anspruchsvoll sein. Wer von Politikern spontane – und glaubwürdige – Empathie verlangt, fordert Übermenschliches. Echte Gefühle sind in diesem Geschäft die ganz große Ausnahme.

Immerhin: Ein gewisser Dirk W. Eilert, Berufsbezeichnung Gesichterleser, erklärte zur Begegnung von Reem und Kanzlerin: „Merkel neigt den Kopf leicht zur Seite, die Augenbrauen-Innenseiten zieht sie hoch. Dies ist der kulturübergreifende Gesichtsausdruck für Mitgefühl und zeigt, dass sie entgegen der Meinung der meisten Menschen in den sozialen Medien nonverbal empathisch reagiert hat.“

Ist doch schön. Und die Umfragewerte für die CDU sind über’s Wochenende auch gestiegen.

Griechenland, die Krönungskrise für die CSU

Ach, hätten unsere Politiker doch mehr Mut. Der Nicht-Grexit würde anders ausfallen. Nehmen wir bloß die CSU: Sie hätte die Chance gehabt, ihren Ur-Traum zu verwirklichen, unmittelbar in die Fußstapfen der Wittelsbacher zu treten und eine nach-parlamentarische Monarchie zu errichten. Mit König Horst, Prinz Markus und Prinzessin Ilse. Aber nix war’s.

Gerade Bayern hat Hellas viel gegeben. Nachdem ein damals 16-jähriger Wittelsbacher-Spross im Jahr 1832 als Otto I. König von Griechenland gekrönt worden war, gab es zahlreiche Veränderungen. Das Bayerische Reinheitsgebot wurde eingeführt, weshalb die Griechen bis heute ein ordentliches Bier brauen. Die weiß-blaue Flagge folgte farblich dem freistaatlichen Vorbild, die originellen Trachten der Athener Palastwachen wurden von Ottos Gemahlin Amalia entworfen.

Es geht sogar die Sage, dass das damals gängige Wort „Baiern“ wegen der königlichen Beziehungen nach Griechenland geändert wurde. Das „i“ kommt im griechischen Alphabet nicht vor, das „y“ sehr wohl.

Und in diesen Jahren der Euro-Krise regiert eine Partei in Bayern annähernd monarchisch. Ohne die CSU geht nichts, Opposition wird mit erledigt.  Also sieht man sich gewiss in der Nachfolge des alten Herrschergeschlechts. Aber taugt man auch dazu? Eine wenigstens zeitweise Wieder-Übernahme Griechenlands, der „GrEnter“, wäre als Lackmus-Test für dieses Projekt ideal gewesen.

Doch nicht einmal der ansonsten so zupackende Finanz- und Heimatminister Markus Söder hat hierfür den Mut. Er, der Herr über die bayerischen Schlösser und Seen ist und er, der sich energisch an die Wiederbelebung des seit vielen Jahren stillgelegten Nürnberger Fernsehturm-Restaurants macht, zeigt den Hellenen die kalte Schulter. Lieber verteilt er Schulnoten für deren Reformbemühungen – in einer Bandbreite zwischen Fünf minus und Sechs.

Ich hatte ihn in diesem Blog vor knapp drei Jahren, am 7. August 2012, als König von Griechenland vorgeschlagen. Söder jedoch wählte die Rolle des großtmöglichen Grexit-Propheten. Mit den unvergessenen Sätzen „Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen” und “Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Tja, es kommt anders. Tsipras sitzt wieder am Tisch von Mutti. Die CSU aber mault und mault und mault. Sie ist eben doch nur christsozial und gar nicht königlich.

PS.: Der Ausgewogenheit halber sei angemerkt: Nach König Ottos Sturz im Jahr 1862 beliefen sich die Schulden Griechenlands gegenüber dem Staat Bayern auf 1.933.333 Gulden und 20 Kreuzer oder 4.640.000 Drachmen. Ohne das letzte Darlehen von einer Million Gulden, das König Ludwig ermöglichte, hätte Griechenland den Staatsbankrott anmelden müssen. Die Nicht-Rückzahlung der Darlehen belastete bis zu der abschließenden Verhandlungslösung 1881 die griechisch-bayerischen Beziehungen sehr…