Lobet den Herrn! Die Retterin bleibt

Wir preisen den Herrn und alle guten Mächte dieser Welt. Sie bleibt! Angela Merkel, Bewahrerin des Guten und Schönen, Retterin der Demokratie, Schutzheilige der Nicht-Populisten, möchte auch nach dem Jahr 2017 Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzende sein. Die Welt atmet auf.

Schließlich hat sie unser Lieblings-US-Präsident erst vor wenigen Tagen in der Rang der Alternativlosigkeit erhoben. Barack Obama ließ uns wissen, dass seine verlässlichste Partnerin weiterhin gebraucht würde. Wäre er Deutscher, wäre er Merkel-Anhänger. Das macht Eindruck.

Angesichts der Sonntags-Top-Nachricht von der nächsten Spitzen-Kandidatur darf man allerdings auch fragen: Wer hätte es denn sonst sein sollen? Jens Spahn, der eifrige Warner vor allzu verwöhnten Rentnern? Thomas de Mazière, der trübäugige Sicherheits-Herbeiredner oder Ursula von der Leyen, die Frau mit der Beton-Frisur, die trotzdem keine Mauern baut? Wolfgang Schäuble, der immer möglicher Kandidat für alles Mögliche war, aber darüber 74 Jahre alt geworden ist? Oder gar Markus Söder, der auf seinem langen Weg zum Bayerischen Ministerpräsidenten in ein paar Monaten dermaßen abserviert ist, dass er zur Not den Bundeskanzler macht?

Nichts von alledem. Angela Merkel hat die Reihen möglicher Konkurrenten dermaßen gelichtet, dass uns klar sein sollte, dass nur sie allein entscheiden wird, ob sie kandidiert oder nicht. Die Bewerbung für eine Amtszeit bis 2021 ist sowieso politisch korrekt. Denn so gibt die im Jahr 1954 geborene Kanzlerin der Rente mit 67 ein Gesicht.

Zusammengefasst bedeutet das: Die überragende Neuigkeit ist gar keine, der Überraschungswert geht gegen Null.

Und genauso wenig sollte es uns verwundern, dass es nach der nächsten Wahl eine neue GroKo geben wird. Das ist zugegebenermaßen außerordentlich öde. Andererseits: Vielleicht mögen wir gerade Langeweile – in diesen seltsamen Zeiten.

 

 

 

 

Vorhang auf! Es wird gerecht

Vorhang auf! Jetzt rollt die Welle der Gerechtigkeit. Nach neuesten Bekundungen hat Bundeskanzlerin Angela Merkel erkannt, wie wichtig dieses Thema für sie ist. Wir möchten es gerne glauben. Allein: Wir schaffen es (noch) nicht.

Die Menschen vermuten, dass unsere Politik mehr für Unternehmen, Banken und ganz einfach Reiche tut als für den Großteil der Bevölkerung. Ein Indiz dafür ist die Sprache, in der sie die großen Themen ans Volk sendet. Elektroautos aus deutscher Produktion sind Zukunft. Sie dürfen bedenkenlos subventioniert werden. Firmenerben sollen keine Steuern zahlen. Es geht schließlich um Arbeitsplätze.

Ist dagegen von sozialer Grundsicherung, von Renten oder von der Gesundheitsversorgung die Rede, stehen an erster Stelle stets „die Kosten“. Weil wir lernen sollen, dass diese Themen die Gesellschaft belasten. Vor allem profitieren ja die „sozial Schwachen“. Das sollen wir nicht einfach hinnehmen, wenngleich diese bei näherem Hinsehen bloß Kapitalschwache sind. Wer wenig Geld hat, ist deswegen kein schlechterer Mensch.

Wenn nichts passiert, wird diese Gruppe mächtig wachsen. Wer heute 2500 Euro brutto verdient und auf diesem Niveau 40 Jahre lang arbeitet, darf später eine Rente von rund 900 Euro erwarten. Von der früheren Idee, dass am Ende eines Arbeitslebens ein sorgenfreier Ruhestand stehen sollte, ist nicht mehr viel übrig.

Die Regierenden lenken deshalb ab. Aus ihren Reihen wurde gerade angemerkt, dass es für Geringverdiener gut sei, private Altersvorsorge zu betreiben. Man nehme also Geld, dass man nicht hat und gebe es einem Versicherungskonzern, der kaum Ertrag erwirtschaft, aber immerhin Gebühren bekommt. Objektiv geht das nicht, außer in der globalen Finanzwirtschaft. Deren größte Stars operieren seit jeher mit Geld, das ihnen nicht gehört.

Unseren Normal-Rentnern hilft das nicht. Sie brauchen gut Argumente, am besten wirtschaftsfreundliche. Etwa jenes, dass die Kaufhäuser endgültig am Ende sind, wenn nicht wenigstens die online-skeptischen Alten dort einkaufen können. Oder eben jenes: Menschenwürde. Aber das ist für Realpolitik natürlich sehr abstrakt…

 

 

 

US-Fernsehduelle: Gebt uns Muhammad Ali zurück

Die USA waren auch schon mal spannender. Nächte haben wir uns um die Ohren geschlagen, um Mondlandungen oder famose Boxkämpfe zu verfolgen. Heute bekommen wir Magerkost – in Form von Fernsehduellen zwischen Hillary Clinton und Donald Trump.

Wer uns den so genannten Schlagabtausch als Ereignis verkaufen möchte, verwendet gerne das Wort „historisch“. Das sind Fernsehduelle wahrlich nicht. Wir müssen uns nur an die vorab als famos angekündigten Redegefechte zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück erinnern. Jeglicher Anflug von Attacke wurde als grandioser Höhepunkt verbucht, jedes 0:0 im Bezirksliga-Fußball wäre spannender gewesen. Als Extrakt der Diskussionen ist heute Merkels Satz „Sie kennen mich“ überliefert. An alles andere denken nur engagierteste Beobachter.

Und nun sollen wir nach Amerika schauen. Dort, wo sich eine außerordentlich unsympathische Frau mit einem ausgewiesenen Ekelpaket auseinandersetzt. Diese streiten also über den im neoliberalen Finanzkapitalismus verschwindenden Mittelstand, über Chancengleichheit für weiße Automobilarbeiter, Mittelstandfrauen jeglicher Herkunft und Transgender sowie über den Rest der Welt, den Hillary Clinton von vielen roten Teppichen und Donald Trump von Begegnungen mit osteuropäischen Schönheitsköniginnen kennt.

Man wird das Gefühl nicht los, dass Barack Obama villeicht kein ganz großer, aber jedenfalls ein besonderer US-Präsident war, den wir schon bald vermissen werden. Klar, wir in Deutschland bevorzugen die Kandidatin des Establishments. Weil sie wohl weiß, wie es sich regiert. Aber die Zahl der Amerikaner, die daran glauben, dass ein Milliardär, der offenbar keine Steuern zahlt, ihre Rettung ist, ist offensichtlich nicht unerheblich.

Absurdes Theate. Also muss es erlaubt sein „Wählt doch, wen Ihr wollt“ zu sagen. Zumal das so stimmt. Die Nacht ist zum Schlafen da. Und wenn Ihr uns vom Gegenteil überzeugen wollt, dann bringt – zur Original-Sendezeit – einen WM-Kampf mit Muhammad Ali. Ansonsten: Gute Nacht. Langweilige Fernsehduelle haben wir bald selber wieder.

 

 

Kurskorrektur: Was bedeutet das eigentlich?

„Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt’s einen, der die Sache regelt.“ Mit diesen Versen untermauerte Guido Westerwelle im Jahr 2001 seinen Anspruch auf die Führung der FDP. Zehn Jahre lang war er Kapitän der Liberalen, ehe er von seinen Parteifreunden zum Verzicht gedrängt wurde. Angela Merkel befindet sich im elften Jahr ihrer Kanzlerschaft. Und auch ihre Matrosen machen ihr zusehends das Leben schwer. „Kurskorrektur, Kurskorrektur!“ rufen sie immer lauter.

An die Spitze der Meuterer hat sich – und das erst nicht seit gestern – Horst Seehofer gesetzt. Er und seine CSU bringt beim Thema Flüchtlinge immer wieder griffige Schlagworte in die öffentliche Diskussion ein. Ob das nun Transitzonen sind, Obergrenzen oder Rechtsbruch. Man muss die Kanzlerin fragen, warum sie bei diesen notorischen Attacken so sehr Mutti und so wenig Chefin ist. Müssten in ihrem Kabinett im Falle eines kleinen Koalitionsbruches mit der CSU Entwicklungshilfe-, Agrar- und Mautminister ersetzt werden -wo wäre das Problem?

Stattdessen springt uns die neueste Anti-Merkel-Parole über alle Kanälen entgegen. Eine Kurskorrektur, einen Kurswechsel soll es geben. Nur wohin? Und mit welchem Personal?

Man stelle sich vor, der für seine schnellen Meinungsänderungen berühmt-berüchtigte Horst Seehofer würde gemeinsam mit dem ebenfalls wenig geradlinigen Sigmar Gabriel auf der Brücke stehen. Würde dies Schiff dann in einem zackigen Links-Rechts-Kurs über das Wasser schlingern, um am Ende im selben Hafen anzukommen, den Angela Merkel angesteuert hat? Oder würde es wegen eines ständigen Kurswechsels in einem rechtsdrehenden Strudel in der Ostsee vor Schwerin  versinken?

Gab es denn nicht schon Kurswechsel? Fragwürdige Staaten wurden zu sicheren Herkunftsländern erklärt. Asylgesetze wurden verschärft, der Familien-Nachzug wurde ausgesetzt. Die Balkan-Route wurde dichtgemacht und mit einem Rücknahme- und Abhalte-Abkommen mit der Türkei gekoppelt. Deren Präsident Erdogan ist immer wichtiger geworden und wir hofiert. Die Botschaft ist doch sonnenklar: Fremde und vor allem Muslime sind unerwünscht. Alles Nähere regelt ein Gesetz.

Eine Kurskorrektur würde demnach bedeuten, dass man sich wieder den Flüchtlingen zuwendet. Was Angela Merkel in ihrer aktuellen Regierungserklärung auch getan hat. Dank des Abkommens mit der Türkei seien in der Ägäis deutlich weniger Menschen ertrunken, sagte sie. Anderswo im Mittelmeer waren es mehr, das sagte sie nicht.

Laut Unicef sind weltweit 50 Millionen Kinder auf die Flucht. Tja, falls uns diese Nachricht berührt, haben wir das Herz am rechten Fleck. Falls nicht, ist es uns in die Hose gerutscht. Die Kurskorrektur wäre dann vollstreckt.

 

 

 

 

Macht ist hässlich. Aber sie gehört zum Leben

Macht ist uns zuwider. Als gute Demokraten möchten wir Andersdenkende ausschließlich mit Argumenten von unserer Meinung überzeugen. Die Idee, uns mit mehr oder weniger sanfter Gewalt durchzusetzen, gefällt uns nicht. Jedenfalls würden wir das von uns behaupten. Das Problem: Macht gehört zum Leben.

Das erleben wir gerade aus einer Richtung, die wir bis vor kurzem nicht gekannt haben. Die Türkei hat erreicht, dass sich die Bundesregierung von der Armenien-Resolution des Bundestages distanziert hat. Jedenfalls hat diese festgestellt, dass dieser Beschluss keine rechtlichen Folgen hätte. Das passt uns gar nicht. Dieses in unseren Augen immer noch rückständige Land mit seinen Macho-Politikern, will uns vorschreiben, was Meinungsfreiheit ist? Unsere Angela Merkel kuscht vor dem Wüterich vom Bosporus? Wenn hier jemand die moralische Kraft hat, andere zu belehren – dann doch wir.

Falsch gedacht. Da die Türkei bis auf Weiteres die faktische EU-Außengrenze zu Kriegsgebieten ist, hat sie hierzu die Macht. Präsident Erdogan braucht für eigene Propaganda-Zwecke ein paar nette Worte? Dann wird das gemacht.

Nehmen wir Apple. Dieser Konzern hat sich bleibende Verdienste um die Welt erworben, weil er zur rasanten Verbreitung der größtmöglichen Ablenkungs-Spielzeuge erworben hat. Dieses Unternehmen ist also schwer in Mode, weshalb es Länder gerne auf ihrem Territorium ansiedeln möchten. Apple residiert mit seiner Europa-Zentrale in Irland, seine Deutschland-Filiale hat ihren Sitz in München.

Nun hat die EU-Kommission den Konzern zu einer Nachzahlung von 13 Milliarden Euro an den irischen Staat verdonnert. Und siehe da: Irland will das Geld gar nicht, der bayerische Finanzminister Markus Söder winkt schon mal ab. Apple hat die Macht, den Standort zu wechseln. Es soll bitte bleiben, wo es ist. Wofür hat ein Gemeinwesen die arbeitende Bevölkerung?

Auch da ist sie wieder, die böse, böse Macht von oben. Wir wenden uns mit Grausen ab – und liegen falsch. Schließlich sind solche Fragen auch unser Alltag. Etwa dann, wenn wir mit einem Vorschulkind in die Quengelzone der Supermarktkasse vordringen. Auch dann geht es darum, wer sich durchsetzt.

Am Ende ist es die alte Leier. Man kann mit uns alles machen, wenn wir es uns gefallen lassen. Das Sofa ist bequem. Aber Macht entsteht dort nicht.

Wir schaffen es. Falls uns das Leben nicht schafft

Wir sind geschafft. So fühlt es sich für viele Menschen an. Der Probleme sind viele, die Veränderung ist groß. Und dann auch noch die Flüchtlinge. Hat also Bundeskanzlerin Angela Merkel innerlich hämisch grinsend „Wir schaffen Euch“ gedacht, als sie den famosesten Politiker-Satz seit „Der Islam gehört zu Deutschland“ gesagt hat? Läuft da eine Verschwörung?

Gemach, gemach. Fragen wir uns doch erst einmal, warum uns dieser schlichte Satz so tief berührt. Nein, es ist nicht Barack Obama und sein „Yes, we can“. Es ist das Alte Testament. „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, lautet dessen erster Satz. Wir machen das jetzt mal, verständigte sich der Herr damals mit dem Heiligen Geist. Das war der Anfang von VW, Airbus, Smartphones und Fußball-Bundesliga.

Zweifeln mag man am Text der Bibel-Übersetzung. Müsste es nicht „Im Anfang erschuf Gott…“ heißen? Kleine Vorsilbe, großer Unterschied. Wer etwas schafft, nimmt des Lebens Mühsal auf sich, um eine ihm gestellte Aufgabe zu erledigen. Er ist Opfer im großen Spiel und spürt sein Glück wie alte Menschen, die zufrieden sind, wenn sie trotz aller Gebrechen irgendwie doch über die Runden kommen.

Wer etwas erschafft, gestaltet die Voraussetzungen  für etwas Neues. Er bewältigt nicht nur, sondern formt die Zukunft.

Man muss allerdings befürchten, dass Angela Merkel tatsächlich eher etwas schafft. Unter ihrer Ägide hat die Regierung die bevorstehende Zuwanderung zunächst ignoriert. Man ließ die Dinge geschehen, um dann zu sehen, wie man irgendwie damit zurechtkommt. Gemäß der Devise des chinesischen Gelehrten Laoste: Nichtstun ist besser, als mit Mühe nichts zu schaffen.

Doch reicht das? Wahrscheinlich nicht. Denn so sehr die Balkan-Route verrammelt werden kann, so wenig lässt sich das Mittelmeer einzäunen. Bleiben wir bei den Gelehrten: „Sie schaffen eine Wüste und nennen es Frieden“, blickte der römische Gelehrte Tacitus erstaunlich vorausschauend auf die europäische Flüchtlingspolitik.

„Die Tränen lassen nichts gelingen. Wer schaffen will, muss fröhlich sein“, ergänzte der Dichter Theodor Fontane. Woraus wir letztlich lernen: Nichts schafft uns, wenn wir es schaffen wollen. Aber tun müssen wir schon etwas.

Angela Merkel geht – wenn sie selber mag

Macht sie weiter oder nicht? Vermutlich mangels anderer wichtiger Nachrichten wird die Zukunft unserer Kanzlerin im späten Sommerloch zur nationalen Schicksalsfrage hochstilisiert. Das Volk begehrt Auskunft: Angela, was willst Du tun?

Sie könnte aus freien Stücken aufhören. Zum Zeitpunkt der nächsten Wahl ist sie 63 Jahre alt. Schon deshalb würde die SPD ihren Renteneintritt befürworten. Für Merkel selbst gäbe es – trotz möglicher Langzeit-Aufenthalte auf Kreuzfahrtschiffen – bestimmt einige interessante Jobangebote. U-Kommisionspräsidentin, Uno-Generalsekretärin, Chefin des internationalen Flüchtlings-Hilfswerkes, Vollenderin des Berliner Flughafens – und vieles andere.

Es könnte zur Palastrevolution kommen. Laut neuesten Umfragen ist die Hälfte der Deutschen gegen eine weitere Amtszeit von Angela Merkel. Andererseits: Würde die andere Hälfte für die Amtsinhaberin stimmen, erreichte sie ein sagenhaftes und in der heutigen Zeit eigentlich völlig unmögliches Ergebnis.

Und wer wollte diesen Putsch anzetteln? In der CDU hat Angela Merkel die meisten politischen Talente neben ihr kaltgestellt. Um Ursula von der Leyen ist es ruhig geworden. Man denkt also an den Chef der Schwesternpartei.

Die AfD nähme ihn mit Handkuss als ihren Koalitions-Vorsitzenden. Bloß: Horst Seehofer ist kein Esel. Er macht kein Nein, wie es das Grautier tut. Er sagt Nein, ohne dass es große Folgen hätte. Letztlich wirkt er im großen Spiel weniger als Akteur, sondern eher als Fan, der von der Tribüne lautstark gegen die Trainerin brüllt, aber die Fliege macht, wenn er Dinge wirklich regeln soll.

Die Gegner Merkels denken, wie es der Dichter Emanuel Geibel gesagt hat: „Klug ist, wer stets zur rechten Stunde kommt, doch klüger, wer zu gehn weiß, wann es frommt.“ Doch so wird es mit dieser Kanzlerin nicht laufen. Sie wird machen, was sie will und wann sie will. Oder um es mit den Worten eines anderen berühmten Mannes zu sagen: „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.“

Horst ist wieder da

Lange war er still. Doch nun hat Horst Seehofer wieder die große politische Bühne betreten. Allerdings nicht mit einem neuen Thema. Er unkt, mahnt, warnt – über die Gefahren durch Islam, Flüchtlinge und Terroristen. Er verspricht, die Bevölkerung zu schützen. Wie genau, sagt er nicht.

Gehen wir davon aus, dass der CSU-Chef durch die Anschläge von mutmaßlichen Islamisten in Würzburg und Ansbach und einem wahrscheinlich rechtsextremen jungen Mann mit Migrationshintergrund in München ehrlich erschüttert ist. Wer im Freistaat lebt, hat erfahren müssen, dass es auch unter dem weiß-blauen Himmel keinen absoluten Schutz vor irre gewordenen jungen Männern gibt. Das kann dem Ministerpräsidenten nicht gefallen.

Warum aber reibt sich Seehofer so an Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“? Es mit diesen Worten zu sagen, bedeutet ja gerade nicht, dass man die Dinge treiben lässt und naiv optimistisch ist. Wer etwas schaffen will, geht Probleme an, er versucht, das Geschehen zum Besseren hin zu verändern.

Wäre Barack Obama mit dem Slogan „No, we can’t“ US-Präsident geworden? Sicher nicht, aber diese Aussage ist das Gegenteil von Merkels Botschaft. Was also treibt Horst Seehofer dazu, den Menschen zu suggerieren, dass wir es nicht schaffen. Er wolle dem Volk die Wahrheit sagen, meinte er im ZDF-Sommerinterview. Wäre diese Wahrheit aber dann nicht eine Bankrotterklärung, gerade von ihm und seiner Partei?

Oder ist Seehofers Wunsch-Botschaft eine andere? Möchte er durch die Blume mitteilen, dass die Probleme des Landes nicht zu lösen sind, so lange es Flüchtlinge gibt? Falls ja, was unterscheidet ihn gedanklich noch von den fragwürdigen AfD-Größen?

Vielleicht werden wir noch erfahren, welche Motive den CSU-Chef tatsächlich antreiben. Bis dahin ein kleiner Denk-Schwenk: In einem Zeitungsinserat wurde dieser Tage ein SUV Marke Audi dort zu einem „knallhart kalkulierten Hauspreis“ angeboten, nämlich zu 85.000 €. Viele werden sagen, wer sich dieses Auto kaufen könne, habe es geschafft. Denn Konsum istLebensinhalt, ist Beweis des eigenen Erfolgs.

Nehmen wir an, die Gesellschaft denkt so und behält dieses Denken bei. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Flüchtlingen? Werden wir offen sein oder müssten wir nicht viel mehr Zäune und Mauern bauen? Schaffen wir es so tatsächlich besser?

Merkel und Seehofer – am Ende hilft die Biologie

„Wir haben wirklich alles versucht. Aber es ging nicht mehr.“ So äußern sich frisch getrennte Menschen, wenn sie ihren Bekannten davon erzählen, warum ihre Beziehung auseinander gegangen ist. Was aber würden Angela Merkel und Horst Seehofer sagen? Vielleicht das? „Wir haben uns beschimpft, beleidigt und verhöhnt. Aber wir können nicht ohne einander.“

Wer nun den Spruch „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ aus seiner Zitatensammlung holt, liegt daneben. Es geht hier um die Welt der Politik. Und diese dreht sich nach anderen Regeln als ein normaler Planet. Es geht manchmal um die Sache, immer aber um die Macht. Was bedeutet, dass sich die angeblich befreundeten Akteure noch nicht einmal mögen müssen. Die Steigerungsformel „Feind – Todfeind – Parteifreund“ trifft in vielen Fällen zu. Bei unserem Traumpaaar der konservativen Politik sowieso.

Aber lässt sich dieses Zerwürfnis jemals kitten? Vermutlich nicht. Zwar hat Horst Seehofer gerade beteuert, dass er die Versöhnung mit Angela Merkel als „Chefsache“ betrachtet. Er will also auf Ilse Aigner als Paartherapeutin verzichten. Aber ganz ehrlich: Der CSU-Chef müsste schon ein ganz besonderer Mann sein, würde er sich nachhaltig um seine Beziehungskrise kümmern. Noch dazu mit dem Ziel, sich selbst zu ändern. Zumindest der private Seehofer hat sich auf diesem Feld bisher als Normalo erwiesen.

Und Angela Merkel? Sie wurde von ihrem bayerischen Freund auf offener Bühne abgekanzelt. Wobei das angesichts der tatsächlichen Bedeutung beider Personen so ist, als würde die Kapitänin eines Hochsee-Dampfers von einem Binnenschiffer degradiert. Sie muss das nicht akzeptieren.

Doch sie muss damit leben, dass er ihr erhalten bleibt. Die GroKo ist zur MiKo, zur mittelgroßen Koalition geschrumpft, weshalb die Kanzlerin nur darauf hoffen kann, dass ihre jetzige Koalition gerade so über die Ziellinie robbt und vier Jahre weitermachen darf.  Seehofer wäre nur noch als biologisches Problem vorhanden.

Es gibt Hoffnung. Doch schon jetzt fragt die Physikerin Merkel ihren Physik-Professor Sauer: „Schatz, kann man Zeitmaschinen wirklich nicht bauen?“

 

Horst macht es jetzt alleine

Ruhig war es geworden um Horst Seehofer. Keine Drohbriefe, kein Koalitionsbruch, keine Verfassungsklage gegen die eigene Regierungspolitik. Doch  jetzt hat sich der CSU-Vorsitzende über die Medien zurückgemeldet. Und er droht wieder. Diesmal damit, dass die CSU anlässlich der Bundestagswahl 2017 einen ganz eigenen Wahlkampf, also ganz ohne Angela Merkel führen werde.

Für Seehofers Parteifreunde/-innen hätte dies Vorteile. Da er als CSU-Chef den Spitzenkandidaten geben müsste, müsste er zum Wechsel nach Berlin bereit sein. In Bayern hätte das Sehnen nach einem frischen Ministerpräsidenten ein vorzeitiges Ende. Sein Weggang wäre für viele eine Erlösung. Und in Berlin? Nun ja.

Bundespolitische Erfolge hätte Horst Seehofer nicht im Gepäck. Das Betreuungsgeld ist vom Bundesverfassungsgericht kassiert, die Pkw-Maut hat bei der EU keine Chance, den Milchbauern geht es trotz eigenem Minister immer schlechter. In der Flüchtlingsfrage allerdings würde die CSU dafür sorgen, dass die AfD koalitionsfähig würde. Man will ja im Wesentlichen das Gleiche. Wie weit es mit der zuverlässig koalitionstreuen SPD noch nach unten geht, weiß ja keiner.

Eine kluge Strategie sollten wir hinter Seehofers Ankündigung trotzdem nicht vermuten. Unterm Strich haben wir es doch wieder mit einer der folgenlosen Drohungen aus München zu tun. Selbst wenn sich die CSU einen eigenen Weg trauen und am glorreicher als sonst in den Bundestag einziehen würde, würde es für einen Bundeskanzler Seehofer nicht reichen. Mehr als acht Prozent bundesweit sind kaum drin. Sie bräuchte also eine geistesverwandte Partei als Partnerin – und das würde die – nach Wählerstimmen stärkere – CDU mitsamt der ungeliebten Kanzlerin sein.

Der Tiger von Ingolstadt würde also wieder laut fauchen und die Krallen zeigen, um schließlich nörgelnd am Tisch der Herrin zu sitzen. Allenfalls würde ihm gelingen, die deutsche Politik ein weiteres Stückchen nach rechts zu drängen. Dorthin, wo die AfD und ihre noch extremeren Freunde grinsend warten.

Das kann er, das hat er erfolgreich praktiziert. Horst Seehofer ist der Mann, der genau weiß, was dieses Land nicht braucht. Wer also braucht ihn in der Hauptstadt? Bitte melden.