Das beste Wissen kann auch falsch sein

Sollte Angela Merkel vor 45 Jahren West-Fernsehen angeschaut haben, dürfte ihr der Begriff “Gewissen” recht oft über den Weg gelaufen sein. In Werbespots mahnte er Hausfrauen, ausschließlich Lenor, den allerbesten Weichspüler zu verwenden. Weich und weiß sollte die dreckige Wäsche werden.

Im Jahr 2013 hatte die Kanzlerin ihren Weichspüler immer in der Nähe. Nämlich den Nasal-Akrobaten Ronald Pofalla. Ihm gelang es, die dummerweise kurz vor der Bundestagswahl aufkeimende NSA-Affäre mit allerlei Halbwahrheiten und – wie wir heute wissen – frechen Lügen  wirksam zu beendet. Merkel wurde glorreich wiedergewählt. Und Abhöraffären, mit deutscher Hilfe gar? Die gab und gibt es entweder nicht oder die Chefin wusste nichts. Schließlich agiert sie “nach bestem Wissen und Gewissen”.

Unsere Regierungschefin sagt also nichts als die Wahrheit? Nicht unbedingt. Die Sprache der Juristen meint nicht immer, was man bei flüchtigem Hinsehen zu lesen glaubt. “Grundsätzlich” etwa bedeutet nicht, dass etwas immer so gemacht wird. Ausnahmen vom Grundsatz sind immer möglich. Auch “in aller Regel” besagt letztlich nur, dass etwas oft so ist, aber auch anders sein kann.

“Nach bestem Wissen” bedeutet demnach nicht, dass dieses Wissen richtig ist. Man kann ja falsche Informationen bekommen haben oder von bösen Individuen absichtlich getäuscht worden sein. Oder man hat Zusammenhänge versehentlich falsch interpretiert. Dann handelt man auf der Basis von Unsinn, kann aber nichts dafür, weil noch besseres Wissen gerade nicht verfügbar war.

Und das Gewissen, das beste Gewissen gar? Das ist ein äußerst dehnbarer Begriff. Wir mögen romantisch davon träumen, dass Gewissen pur und rein sei. Aber auch hier gilt, was Juristen gerne sagen: Es kommt darauf an. Nämlich darauf, wem oder welcher Sache wir helfen wollen oder dienen, wenn wir unserer inneren Stimme folgen. Gerade in der komplizierten Politik sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt.

Wir folgern: Der Satz “nach bestem Wissen und Gewissen” ist nicht das Versprechen der objektiven Wahrheit, das das Volk so gerne hören möchte. Falsches sagen, ohne zu lügen, das ist vielmehr die Kunst der hohen Politik. Und Angela Merkel ist sehr begabt…

Abhören unter Freunden? Das geht sehr gut

Vor knapp zwei Jahren ging es uns besser. Wir hatten ein klares Feindbild. Der vormals nette US-Präsident, Träger des Friedensnobelpreises, war des rotzigen Großmacht-Gehabes überführt worden. Barack Obama war der böse Mann mit den großen Ohren, der uns bis in unsere privatesten Sphären nachgehorcht hat. Wir waren die Opfer und ließen dem Ami von unserer Chefin tadelnd ausrichten: “Abhören unter Freunden? Das geht gar nicht.”

Nun aber stellen wir fest: Das geht nicht nur, wir hängen voll mit drin. Auch unser Staat will wissen, was bei unseren Freunden los ist. Wahrscheinlich gemäß der Geheimdienst-Devise, dass drei fähige Spione eine ganze Armee ersetzen. Weil es Kriege verhindert, wenn man weiß, worüber man mit  potentiellen Feinden reden muss. Also wird gespitzelt. Nicht nur im Ausland, sondern auch bei uns, den Bürgern, die ja die geborenen Freunde ihres  Landes sind. Deutschland war im 20. Jahrhundert ein Kompetenzzentrum für die Themen Horch und Guck. Das jedoch haben wir ziemlich aufgegeben, seitdem die Stasi als üble Unterdrückungsbehörde entlarvt worden ist.

Somit sucht eine leistungsschwache Behörde wie der Bundesnachrichendienst den Schulterschluss mit dem großen Verbündeten. Dessen Abhörzentrale in der Wüste von Utah verfügt über Computer mit einer Speicherkapazität von mindestens einem Yottabyte. Das sind rund 500 Trillionen oder 500.000.000.000.000.000.000 Textseiten. An weiteren Standorten dienen rund 10.000 Mitarbeiter der NSA als Zulieferer von Informationen. Bei diesen technischen Möglichkeiten werden unsere fünf Millionen Selektoren, also Suchbegriffe, vermutlich lässig miterledigt. Diese Selektoren wiederum beziehen sich auf 1,3 Millionen Personen oder Institutionen in Deutschland.

Aber warum gibt es keinen Aufschrei, sondern nur ein allgemeines Grummeln? Dies ist das Verdienst von Angela Merkel und ihrer Regierung. Wenn etwas passiert ist, redet man nur so lange vom Durchgreifen und überhaupt von schärferen Kontrollen, bis das Thema wieder aus den Medien verschwunden ist. Dann wird in aller Ruhe weitergemacht, denn eigentlich ist den Regierenden das Abhören egal. Die USA sind allemal wichtiger als die eigenen Bürger.

Die Konsequenz: Abhören unter Freunden? Das geht sehr gut. Alle anderen Sprüche sind Valium für’s Volk. Dieses lässt sich Muttis Medizin bisher gerne gefallen. Aber wehe, wenn es aufwacht!

Unsere Verehrung, Frau Kanzlerin

Sehen wir den Dingen in die Augen: Es muss Liebe sein. Wir verehren unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel wie keine andere Frau. Wie nur, kann das sein?

Unsere Spitzenfrau hat ja eine ganz eigene Geschichte. Lange Zeit wurde sie als “Kohls Mädchen” belächelt. Wir waren uns einig, dass eine Frau, noch dazu eine mit dieser Frisur, nie und nimmer unsere Republik führen könnte. Aber es kam anders. Vormalige Platzhirsche der Union wurden reihenweise zusammengefaltet, eingetütet und entsorgt. Merkel beherrscht die Kunst, Macht brutal anzuwenden, dabei aber stets verbindlich zu wirken.

Das ist wichtig, denn die Sehnsucht nach Reinheit und Sanftmut ist groß in unserem Land. Der zweite Platz ging bei der Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes You Gov an die blutjunge pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai.

Wie elend ist jedoch die Lage der Männer? Sie schaffen lediglich Beliebtheits-Bronze – und zwar durch einen altersweisen Kettenraucher. Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist der Umfrage zufolge der drittmeist bewunderte Mensch in Deutschland. Nicht der wirtschaftsweise Minister Sigmar Gabriel, nicht der Erfinder der Schwarzen Null, Wolfgang Schäuble und auch auch nicht der allwissende Cem Özdemir liegen vorne, sondern ein 96-jähriger Politiker von damals.

Was läuft da schief? Gibt es keine tollen Männer mehr? Ist der famose Horst Seehofer zu bayerisch, um gesamtdeutsch zu reüssieren? Ist die Zeit gekommen, um den Weltfrauentag am 8. März in Zukunft dem neuen schwachen Geschlecht zu widmen?

Es sieht ganz danach aus. Aber eine Frage muss noch erlaubt sein: Wo bitteschön, war Papst Franziskus? Wo war Manuel Neuer? Jawohl, jetzt gibt es Blumen für Angela Merkel. Aber trotzdem, liebe Frauen. Freut Euch nicht zu früh. Der Wind dreht manchmal schneller als man denkt.

 

Baby-Namen zeigen: Uns fehlen wahre Idole

Politiker und Bürger sind sich fremd geworden. Beispielhaft zeigt sich das an den Vornamen der Neugeborenen. Vorbei die Zeiten, in denen sich Eltern bei der Namenswahl an den Reichen und Mächtigen orientiert haben. Wie der bekannteste deutsche Vornamensforscher Knud Bielefeld ermittelt haben will, waren Emma und Ben im Jahr 2014 die beliebtesten Baby-Namen.

Warum das so ist, bleibt im Dunkeln. Der Name Ben hat sicherlich den Vorteil, dass er sich für eine maßregelnde Ansprache bestens eignet. Ein Satz, der mit “Also, wennnnnn, Bennnn…” beginnt, ist antiautoritär undenkbar. Emma ist für mein Empfinden altmodisch. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch aus der Zeit vor Amazon und Ebay stamme und deshalb diesen Namen zwanghaft mit dem Zusatz “Tante” sehe.

Nun aber machen wir den Test: Gibt es namhafte Politiker/-innen, die so heißen? Nein, da ist nichts. Weder im Deutschen Bundestag, noch im Bayerischen Landtag sitzen auch nur eine Emma oder auch nur ein Ben. Die Namen des Spitzenpersonals wiederum bleiben in den Kreißsälen weitestgehend ungehört. Angela findet sich nach den Bielefeld-Charts nicht einmal unter den 500 häufigsten Vornamen. Unsere Kanzlerin rangiert also noch hinter Cassandra, Saphira und Melody. Der SPD-Spitze ergeht es nicht besser. Sigmar bleibt ebenfalls ungelistet und verliert den Kampf gegen Hussein oder Lennox.

Selbst die CSU muss die Vornamensliste mit Grausen beobachten. Zum ersten Mal seit Menschengedenken steht bei den Jungs nicht mehr Maximilian an der Spitze. Der Name, nach dem das Parlament heißt. Die meisten Baby-Bayern heißen heute Lukas oder Lucas. Tja, man hat sich das selbst zuzuschreiben. Hatte man doch früher Ministerpräsidenten mit den alpenländischen Supernamen Josef (Goppel), Franz-Josef (Strauß) und Max (Streibl). Es folgte Edmund (Stoiber), ein Name, der aus dem Englischen kommt und “Beschützer des Erbgutes” bedeutet. Schließlich der entsetzlich unbayerische, weil altgermanische Vorname Günther (Beckstein) sowie in unseren Tagen Horst (Seehofer). Einen regionalen Bezug kann man hier mit viel gutem Willen nur so ableiten, dass alpine Greifvögel in Wohnungen dieses Namens nisten.

Erstaunlicherweise zeigen unsere Eltern auch den Helden des Sports die kalte Schulter. Die beiden Ober-Weltmeister Mario (Torschütze) und Manuel (Torverhinderer) bleiben absolute Randfiguren. Vielleicht ist Jerome (263. Platz) durch die Fußball-Berichte entdeckt worden. Sollte allerdings die überraschend steile Karriere von Mats (Platz 25!) mit der erfrischenden Spielweise von Borussia Dortmund zu tun gehabt haben, dürfte sich dies in nächster Zukunft wieder legen.

Als Fazit bleibt folgende Erkenntniss: Wenn es um Vornamen geht, machen die Leute was sie wollen. Man mag das als Beweis größtmöglicher Freiheit deuten. Aber vielleicht zeigt sich unsere Sehnsucht nach Heldinnen und Helden, die wir wirklich mögen. Mal sehen, wie lange Frau von der Leyen braucht, bis sie feststellt, dass sie eigentlich Emma heißt.

Die Zwerge meckern, Merkels Karawane zieht weiter

Wenn die Sonne tief steht, werfen Zwerge lange Schatten. So funktioniert das gerade mit Hans-Peter Friedrich. Der Ex-Innen- und Agrarminister hat einen Batzen Dreck nach Mutti Merkel geworfen. Und weil innenpolitisch sonst nichts los ist, wurde das tatsächlich bemerkt.

Wirklich bedeutend war der Vize-Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion nie. Innenminister wurde er im März 2011 deshalb, weil nach dem Rücktritt des adeligen Plagiators Karl-Theodor zu Guttenberg in der CSU kein anderer protestantischer Franke greifbar war. Vom ersten Tag an war zu spüren, dass alle Beteiligten – auch er selbst – unglücklich über diesen Karriersprung waren. Daran änderte sich nichts. Große politische Entwürfe waren nicht Friedrichs Ding, v0n ihm überliefert sind eher schlichte Wahrheiten.

Als er in den Strudel der Edathy-Affäre geriet und die Verantwortung für Schweinefleisch und Kartoffeln abgeben musste, schaute die Kanzlerin seinem Abgang selbst für ihre Verhältnisse desinteressiert zu. Der ungerecht behandelte Minister freilich gab den Terminator: „Auf Wiedersehen. Ich komme wieder”, drohte er in seiner Rücktritts-Pressekonferenz.

Jetzt also ist es soweit. Und Hans-Peter Friedrich holt die große Keule heraus. Angela Merkel sei schuld am Entstehen der Pegida-Bewegung. Stimmt, es kann gut sein, dass Menschen das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse für die Regierung keine Rolle spielen. Allerdings spricht hier ein geistiger Förderer von Pegida. So erklärte er in Sachen Zuwanderungspolitik: “Wir brauchen die, die uns nutzen und nicht die, die uns ausnutzen.”Das Bild vom nützlichen, rundum integrierten Ausländers dürfte den Dresdner Demonstranten gefallen.

Hat also einer daneben gelangt und wird nun weiter degradiert? Das bestimmt nicht. Ein Hans-Peter Friedrich kann eine Kanzlerin Merkel nicht kränken. Dafür ist er zu klein. Er dient ihr vielmehr, ganz im Sinne der bayerischen Politik. wonach die stärkste Partei gut daran tut, das bisschen Opposition gleich mit zu erledigen. Einige Parteifreunde werden ihn böse anschauen, noch mehr werden ihm auf die Schulter klopfen und fragen: “Interview im Spiegel. Respekt. Wie hast Du das denn geschafft?”

Danach wird es schnell wieder ruhig werden um den Mann aus Oberfranken. Die Zwerge meckern, die Karawane zieht weiter. Es bleibt wie gehabt.

 

 

Die Hysterie um die islamistischen Warnwesten

“Wehret den Anfängen.” Keine Frage, dieser Satz ist wahr. Aber zurzeit erleben wir unter diesem Motto in Deutschland eine hochgradig hysterische Debatte, und zwar um diese Wuppertaler “Scharia-Polizei”.

Die Berichterstattung in den Medien wirkt, als hätte sich bei uns der islamistische Höllenschlund geöffnet und würden ab sofort Kopfabschneider mit Müllwerker-Warnwesten durch unsere Innenstädte marodieren. Ich habe da Zweifel, denn die Inszenierung folgt einem allzu bekannten Muster.  Zuerst, am Donnerstag und Freitag, bringt die Bild-Zeitung das Thema auf, indem sie das Gruppenbild einiger mutmaßlich salafistischer Suppenkasper zeigt. Über das Wochenende folgen dem Leitmedium vom Boulevard andere Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen. Die allgemeine Besorgnis steigert sich zur Empörung – was schließlich dazu führt, dass vor allem konservative Politikerinnen und Politikern ihr rhetorisches Beschützer-Modul aktivieren.

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann wertet das Wuppertaler Tugendschlurfen als Kriegserklärung an den deutschen Staat. Er fordert einen Sondergipfel der Innenminister. Und eine ganz große Karriere macht diese Schlagzeile: “Merkel fordert entschiedenes Vorgehen gegen die Scharia-Polizei.”

Bin ich dafür, mit den Mitteln des Rechtstaates. Wenn religiöse Eiferer meinen, anderen Menschen als “Polizei” belästigen oder gar bedrohen zu können, haben sie einen Denkzettel verdient. Aber: Fundamentalisten gibt es in jeder Religion. Und haben wir es mit den Zeugen Jehovas bisher nicht auch so einigermaßen ausgehalten? Selbst, wenn sie an der Haustüre klingeln? Auch sie sind entschieden gegen Glücksspiel, Drogen und Pornographie.

Ganz neu sind Schlagzeilen über eine Scharia-Polizei nicht. Im Juni 2010 berichtete die Tagesschau, dass islamistische Sittenwächter in Indonesien Frauenkleidung auf ausreichende Tugendhaftigkeit überprüften. Ende November letzten Jahres hat eine nigerianische Scharia-Polizei in einer öffentlichen Zeremonie 240.000 Flaschen Bier zerstört. Gibt es das bald auch bei uns?

Eher mal nicht. Zumal die Salafisten sehr wohl eine Anziehungskraft vor allem auf unzufriedene junge Männer haben. Aber trotzdem eine kleine Gruppe mit extremen Zielen bleiben.

Wichtig ist mir dieser Satz: Der Islam ist nicht böse.

Daran dürfen, daran sollten wir ruhig glauben. Den Warnwesten zum Trotz.

 

 

 

 

Hilfe, ich habe Angst vor einer Frau

Superstar zu werden, ist in diesem Land nicht die leichteste Übung. Wir haben zwei, drei Weltmeister-Fußballer, aber diese verhalten sich untypisch. Sie glitzen nicht, sondern leben nach dem Motto „Groß kassieren, leise auftreten“. Den allgemeinen Maßstab in Sachen Selbstinszenierung scheint unsere Bundeskanzlerin gesetzt zu haben. Angela Merkel protzt nicht, macht aber trotzdem, was sie denkt.

Manchmal entsteht aber doch ein bisschen Hollywood. Jemand taucht auf, dem nie und nirgends zu entkommen ist. Ja, es gibt diese Frau. Sie sieht fabelhaft aus. Als Drogeriemarkt-Mitarbeiterin für niedrigpreisiges Pafüm würde sie Umsatzrekorde bewirken. Sie hätte für jeden Versandhaus-Katalog als Top-Model getaugt und hätte bei jeder regionalen Misswahl eine Platzierung zwischen eins und drei erreicht.

Ob in Jeans, Kleid oder knappem Show-Fummel: Diese Frau sieht immer gut aus und sie gibt den Menschen Halt, weil sie deren Lebensträume in leicht verständlichen Texten besingt. Sie schildert ihnen, wie sie mit dem/der Liebsten „auf das höchste Dach der Welt steigen“ können. Sie stärkt deren Selbstvertrauen mit der Zeile „Du lässt mich so sein, so wie ich bin, mich zurechtzubiegen hätte keinen Sinn“.

Diese Frau hegt die Schlaflosen, indem sie „Lass dieses Nacht nie enden“ singt. Sie schildert die ganze Widersprüchlichkeit des Daseins mit der Zeile „Du fängst mich auf und lässt mich fliegen“. Und hinterfragt religiöse Wahrheiten mit „Ewig ist manchmal zu lang“.

Wir hören die Botschaften und wollen mehr wissen. Ist diese Frau wirklich so blond, wie sie vorgibt. Ist sie glücklich verheiratet? Ist sie schwanger? Und falls ja, wir ihr noch genug Zeit bleiben, um Nacktfotos für den Playboy zu machen?

Wir folgen dieser Frau, wir hängen an ihr. Sogar Weltmeister umkreisen sie. Atemlos.

Und ja. Ich gebe es zu: Helene Fischer macht mir Angst.

 

Europawahl – es ist ein Jammer

Es ist schon eine seltsame Zeit. Wenn du in diesen Tagen zu jemand “Denk dran, am Sonntag wird gewählt” sagst, kann es dir leicht passieren, dass du in etwa diese Antwort bekommst: “Ja, es ist im Wirtshaus immer qualvoll, diese Entscheidung zwischen Schäufele und Jägerschnitzel.” Dabei ist es doch wichtig. Es geht um das künftige Europaparlament. Um unsere Zukunft. So richtig interessiert ist kaum jemand.

Das liegt stark an den großen Parteien. Die Plakate von CDU und CSU zum Beispiel wirken, als habe man vergessen, sie nach den letzten Wahlen wegzuräumen. Angela Merkel und Horst Seehofer grinsen uns an, haben aber selbst keinerlei Ambitionen, jeden Tag in Brüssel mit Edmund Stoiber zu frühstücken. Es läuft eben nach dem Prinzip “Sie kennen mich”. Wenn uns Kanzlerin und Landesvater beistehen, wird es schon  in Ordnung sein.

Und weil die Angelegenheit nicht mal die großen politischen Akteure interessiert, schlägt die Stunde der Desinformation. Die  EU hat den  Friedensnobelpreis bekommen. Wir jedoch lieben Debatten über Kleinigkeiten. Über mutmaßlich sinnlose Verordnungen, welche von einer gigantischen Bürokratie im Minutentakt ausgestoßen werden. Da geht es um krumme Gurken, Sicherheitsvorschriften für Friseure, Stromverbrauchsgrenzen für Staubsauger oder um das Olivenölkännchen-Verbot.

Selbstverständlich macht uns die Armutszuwanderung kaputt, wir müssen wegen der EU das Sozialamt der Welt sein, müssen mit unseren hart erarbeiteten Steuergeldern kaputte Staaten retten. Und wenn das alles noch nichts hilft, halten CSU-Politiker  Kruzifixe in die Höhe und werben flehend für die Rettung des christlichen Abendlandes.

Ach ja. Man müsste den Verblödungsstrategien trotzden und richtig wählen. Wir aber lassen es uns gerne gefallen, weil uns Europa zu undurchsichtig, zu kompliziert oder einfach zu weit weg erscheint. Einziger Trost: Ganz egal ist den Parteien die Abstimmung dann doch nicht. Wenn es darum geht, die Menschen zu einer hohen Wahlbeteiligung zu bringen, wird sogar das ganz große Versöhnungswerk beschworen. Das glauben wir gerne. Aber nur, weil wir nicht wissen, dass es für jede einzelne Stimme Wahlkampfkostenerstattung gibt. Keine Wähler, kein Geld. Wehe, wenn sich das herumspricht…

 

Ruhestand mit 70? Wir sind viel zu müde

So kann es gehen: Du fährst in den Urlaub, in der sicheren Erwartung, dass ausgiebige Reisen spätestens ab deinem 63. Lebensjahr dein Alltag und Hobby zugleich sein werden. Du beginnst, an einer, allerdings noch sehr breiten Wand, die ersten Kerben für deine Rest-Arbeitstage einzuritzen. Und dann kommst du heim und liest: “Wir brauchen die Rente mit 70.”

Was ist jetzt schon wieder los? Die Turbo-Rente ist doch gerade erst beschlossen. Und sie gäbe mir doch die Möglichkeit, das zu tun, was ein schreibender Mann in meiner Situation tun muss. Entweder ein Kochbuch schreiben. Das signalisiert anderen Menschen klarstmöglich das Erreichen einer höheren Bewusstseinsstufe. Könnte klappen, sofern ich mein Wunschthema “Der beste Senf zur Rostbratwurst” durch “Glücklich mit veganen Nudeln” zu ersetzen bereit wäre. Möglichkeit Nummer zwei wäre das Verfassen eines Lokalkrimis – mit einer packenden Story aus meinem Viertel. Was bei meiner Wohngegend auf  “Mord im Spielsalon” oder “Abmursken Second Hand” hinauslaufen würde.

Aber nein, jetzt sagt uns EU-Kommissar Günther Oettinger, dass das mit dem frühen Gehen nicht ginge. Dieses Land, ja das ganze alte Europa bräuchten schließlich erfahrene Fachkräfte. Und sofort tauchen jene Propheten auf, die uns klarmachen wollen, dass die Zwangsverrentung die eigentliche Tragödie sei. In Skandinavien dürften die Menschen bleiben, so lange sie wollten. Sie seien damit viel glücklicher als unsere termingerecht Abservierten.

Schön, aber das Vorbild taugt nicht. Denn in Skandinavien sind sie uns, wenn es um das Vereinbaren von Arbeit und menschlichem Dasein angeht, um zirka 50 Jahre voraus. Wir hingegen sind ein gestresstes, erschöpftes Volk. Was sich schon daran zeigt, dass wir Politik oder Reformen satt haben. War dauernd etwas verändern will, bekommt unsere Stimme nicht. Wir hören lieber den Satz “Sie kennen mich” – und sind zufrieden. Fazit also: Eine flexible Rente bis 70 oder irgendwann taugt nichts.

Eine zweite Nachricht fällt allerdings auf. Professor Joachim Sauer ist 65 geworden, hat aber erklärt, dass er noch mindestens drei Jahre arbeiten möchte. Nun ja, es gibt wohl doch Ausnahmen. Wir wissen ja, wen er kennt.

 

 

Monstermasten? Schon lauert das Atom

Erinnern wir uns noch an ihn, den Regierungssprecher im blauen Schutzanzug? Vor knapp drei Jahren haben uns die Japaner ein verrücktes Schauspiel geboten. Es hatte eine atomare Katastrophe gegeben, aber die Retter sahen aus wie in einem Godzilla-C-Movie. Trotzdem: Wir alle, unsere Bundeskanzlerin vorneweg, haben schnell erkannt, dass es mit der Kernenergie bei uns nicht mehr weitergehen dürfe. Im Wetterbericht lernten wir die wesentlichen Winde des Pazifischen Ozeans kennen – einstige verbissene Befürworter des Atomstroms drehten sich darin in kürzester Zeit um 180 Grad. Wir wussten: Wenn eine Nation dieser Welt die Energiewende schaffen könnte, dann wir.

Was ist aber ist passiert, um dieses überragende Projekt tatsächlich zu schaffen? So viel doch nicht. Vielleicht haben wir uns eine sparsame Gefriertruhe gekauft. Vielleicht sind wir von unseren Stadtwerken zu einem mutmaßlichen Ökostrom-Anbieter gewechselt. Aber die als Fortschritt gepriesenen Elektroautos lassen uns völlig kalt. Und wenn wir ehrlich sind: So arg hat sich unser jährlicher Stromverbrauch seit Fukushima nicht verringert. Wenn überhaupt.

Somit bewegt uns – in Franken und Bayern – gerade die Frage, ob es wirklich sein muss, die Landschaft zwecks Energiewende mit so genannten “Monster-Trassen” zu durchschneiden. Mit stählernen Giganten, die unsere Felder, Wiesen, Auen und Vorgärten bis ins nächste Jahrtausend hinein mit ihrer Extrem-Verspargelung aufs Elendigste verschandeln würde. Ganz davon abgesehen, dass der durch sie geleitete Braunkohle-Gleichstrom Pflanzen mutieren lassen, Haustiere in Bestien verwandeln und Gesichter zum Vibrieren bringen würde.

All diese Last ist bei uns der CSU aufgebürdet. Die Partei, die vor allem dann für alternative Energien ist, wenn sie aus den Därmen und Blasen von Nutztieren gewonnen wird, sieht sich dem Problem gegenüber, dass viele Kommunalpolitiker gegen die Trassenmonster wettern und dafür Beifall bekommen. Normalerweise lassen aufgebrachte Sozis die Schwarzen kalt. Aber es geht auf die Kommunalwahl zu. Und da ist jeder Rathaus- und Kreistagssitz zu verteidigen.

Also stellt man die bereits beschlossenen Stromautobahnen in Frage. Als wäre man nie dabei gewesen. So gewinnt man Zeit. Oder man schafft sogar die Rückkehr zur Vernunft. Es ging ja ohne superhohe Masten. Man müsste nur die Atomkraftwerke laufen lassen. Seien wir gewiss: e.on wird gerne behilflich sein. Auch lange nach der nächsten Wahl.