Europawahl – es ist ein Jammer

Es ist schon eine seltsame Zeit. Wenn du in diesen Tagen zu jemand “Denk dran, am Sonntag wird gewählt” sagst, kann es dir leicht passieren, dass du in etwa diese Antwort bekommst: “Ja, es ist im Wirtshaus immer qualvoll, diese Entscheidung zwischen Schäufele und Jägerschnitzel.” Dabei ist es doch wichtig. Es geht um das künftige Europaparlament. Um unsere Zukunft. So richtig interessiert ist kaum jemand.

Das liegt stark an den großen Parteien. Die Plakate von CDU und CSU zum Beispiel wirken, als habe man vergessen, sie nach den letzten Wahlen wegzuräumen. Angela Merkel und Horst Seehofer grinsen uns an, haben aber selbst keinerlei Ambitionen, jeden Tag in Brüssel mit Edmund Stoiber zu frühstücken. Es läuft eben nach dem Prinzip “Sie kennen mich”. Wenn uns Kanzlerin und Landesvater beistehen, wird es schon  in Ordnung sein.

Und weil die Angelegenheit nicht mal die großen politischen Akteure interessiert, schlägt die Stunde der Desinformation. Die  EU hat den  Friedensnobelpreis bekommen. Wir jedoch lieben Debatten über Kleinigkeiten. Über mutmaßlich sinnlose Verordnungen, welche von einer gigantischen Bürokratie im Minutentakt ausgestoßen werden. Da geht es um krumme Gurken, Sicherheitsvorschriften für Friseure, Stromverbrauchsgrenzen für Staubsauger oder um das Olivenölkännchen-Verbot.

Selbstverständlich macht uns die Armutszuwanderung kaputt, wir müssen wegen der EU das Sozialamt der Welt sein, müssen mit unseren hart erarbeiteten Steuergeldern kaputte Staaten retten. Und wenn das alles noch nichts hilft, halten CSU-Politiker  Kruzifixe in die Höhe und werben flehend für die Rettung des christlichen Abendlandes.

Ach ja. Man müsste den Verblödungsstrategien trotzden und richtig wählen. Wir aber lassen es uns gerne gefallen, weil uns Europa zu undurchsichtig, zu kompliziert oder einfach zu weit weg erscheint. Einziger Trost: Ganz egal ist den Parteien die Abstimmung dann doch nicht. Wenn es darum geht, die Menschen zu einer hohen Wahlbeteiligung zu bringen, wird sogar das ganz große Versöhnungswerk beschworen. Das glauben wir gerne. Aber nur, weil wir nicht wissen, dass es für jede einzelne Stimme Wahlkampfkostenerstattung gibt. Keine Wähler, kein Geld. Wehe, wenn sich das herumspricht…

 

Ruhestand mit 70? Wir sind viel zu müde

So kann es gehen: Du fährst in den Urlaub, in der sicheren Erwartung, dass ausgiebige Reisen spätestens ab deinem 63. Lebensjahr dein Alltag und Hobby zugleich sein werden. Du beginnst, an einer, allerdings noch sehr breiten Wand, die ersten Kerben für deine Rest-Arbeitstage einzuritzen. Und dann kommst du heim und liest: “Wir brauchen die Rente mit 70.”

Was ist jetzt schon wieder los? Die Turbo-Rente ist doch gerade erst beschlossen. Und sie gäbe mir doch die Möglichkeit, das zu tun, was ein schreibender Mann in meiner Situation tun muss. Entweder ein Kochbuch schreiben. Das signalisiert anderen Menschen klarstmöglich das Erreichen einer höheren Bewusstseinsstufe. Könnte klappen, sofern ich mein Wunschthema “Der beste Senf zur Rostbratwurst” durch “Glücklich mit veganen Nudeln” zu ersetzen bereit wäre. Möglichkeit Nummer zwei wäre das Verfassen eines Lokalkrimis – mit einer packenden Story aus meinem Viertel. Was bei meiner Wohngegend auf  “Mord im Spielsalon” oder “Abmursken Second Hand” hinauslaufen würde.

Aber nein, jetzt sagt uns EU-Kommissar Günther Oettinger, dass das mit dem frühen Gehen nicht ginge. Dieses Land, ja das ganze alte Europa bräuchten schließlich erfahrene Fachkräfte. Und sofort tauchen jene Propheten auf, die uns klarmachen wollen, dass die Zwangsverrentung die eigentliche Tragödie sei. In Skandinavien dürften die Menschen bleiben, so lange sie wollten. Sie seien damit viel glücklicher als unsere termingerecht Abservierten.

Schön, aber das Vorbild taugt nicht. Denn in Skandinavien sind sie uns, wenn es um das Vereinbaren von Arbeit und menschlichem Dasein angeht, um zirka 50 Jahre voraus. Wir hingegen sind ein gestresstes, erschöpftes Volk. Was sich schon daran zeigt, dass wir Politik oder Reformen satt haben. War dauernd etwas verändern will, bekommt unsere Stimme nicht. Wir hören lieber den Satz “Sie kennen mich” – und sind zufrieden. Fazit also: Eine flexible Rente bis 70 oder irgendwann taugt nichts.

Eine zweite Nachricht fällt allerdings auf. Professor Joachim Sauer ist 65 geworden, hat aber erklärt, dass er noch mindestens drei Jahre arbeiten möchte. Nun ja, es gibt wohl doch Ausnahmen. Wir wissen ja, wen er kennt.

 

 

Monstermasten? Schon lauert das Atom

Erinnern wir uns noch an ihn, den Regierungssprecher im blauen Schutzanzug? Vor knapp drei Jahren haben uns die Japaner ein verrücktes Schauspiel geboten. Es hatte eine atomare Katastrophe gegeben, aber die Retter sahen aus wie in einem Godzilla-C-Movie. Trotzdem: Wir alle, unsere Bundeskanzlerin vorneweg, haben schnell erkannt, dass es mit der Kernenergie bei uns nicht mehr weitergehen dürfe. Im Wetterbericht lernten wir die wesentlichen Winde des Pazifischen Ozeans kennen – einstige verbissene Befürworter des Atomstroms drehten sich darin in kürzester Zeit um 180 Grad. Wir wussten: Wenn eine Nation dieser Welt die Energiewende schaffen könnte, dann wir.

Was ist aber ist passiert, um dieses überragende Projekt tatsächlich zu schaffen? So viel doch nicht. Vielleicht haben wir uns eine sparsame Gefriertruhe gekauft. Vielleicht sind wir von unseren Stadtwerken zu einem mutmaßlichen Ökostrom-Anbieter gewechselt. Aber die als Fortschritt gepriesenen Elektroautos lassen uns völlig kalt. Und wenn wir ehrlich sind: So arg hat sich unser jährlicher Stromverbrauch seit Fukushima nicht verringert. Wenn überhaupt.

Somit bewegt uns – in Franken und Bayern – gerade die Frage, ob es wirklich sein muss, die Landschaft zwecks Energiewende mit so genannten “Monster-Trassen” zu durchschneiden. Mit stählernen Giganten, die unsere Felder, Wiesen, Auen und Vorgärten bis ins nächste Jahrtausend hinein mit ihrer Extrem-Verspargelung aufs Elendigste verschandeln würde. Ganz davon abgesehen, dass der durch sie geleitete Braunkohle-Gleichstrom Pflanzen mutieren lassen, Haustiere in Bestien verwandeln und Gesichter zum Vibrieren bringen würde.

All diese Last ist bei uns der CSU aufgebürdet. Die Partei, die vor allem dann für alternative Energien ist, wenn sie aus den Därmen und Blasen von Nutztieren gewonnen wird, sieht sich dem Problem gegenüber, dass viele Kommunalpolitiker gegen die Trassenmonster wettern und dafür Beifall bekommen. Normalerweise lassen aufgebrachte Sozis die Schwarzen kalt. Aber es geht auf die Kommunalwahl zu. Und da ist jeder Rathaus- und Kreistagssitz zu verteidigen.

Also stellt man die bereits beschlossenen Stromautobahnen in Frage. Als wäre man nie dabei gewesen. So gewinnt man Zeit. Oder man schafft sogar die Rückkehr zur Vernunft. Es ging ja ohne superhohe Masten. Man müsste nur die Atomkraftwerke laufen lassen. Seien wir gewiss: e.on wird gerne behilflich sein. Auch lange nach der nächsten Wahl.

 

 

Danke, Pofalla! Du gibst uns Hoffnung!

Ist ja wieder mal typisch für diese moderne Gesellschaft: Da wird ein Bösewicht ausgemacht, an den medialen Pranger genagelt – und wird prompt zum Opfer für den Rest der Welt. Das hatten wir beim Limburger Bischof Teebürzel oder so. Jetzt hat es den ehemaligen Kanzleramtsminister Ronald Pofalla erwischt. Er gilt uns als neuester Prototyp für raffgierige Politiker. Wie ich finde, zu Unrecht. Denn dieser Mann macht Hoffnung!

Betrachten wir das Alter. Da ist es einem 54-Jährigen gelungen, seine Anschlussverwendung so zu regeln, dass er hinterher weniger Arbeit, aber mehr Geld hat. Das beweist uns doch, dass das Leben für Menschen dieser Altersgruppe selbst nach einer grandiosen Fehlleistung – vorzeitige Beendigung der NSA-Affäre – nicht vorüber sein muss. Dieser Mann steht auf, er zeigt seinen Kritikern die lange Nase. Zumal er weiß, wie sehr ihn seine Feinde um den neuen Job beneiden.

Außerdem hat Ronald Pofalla zu Protokoll gegeben, dass er sich nach seiner Zeit als Angela Merkels Wachhund verstärkt um seine junge Frau kümmern und eine Familie gründen wolle. Als Vorstand der Deutschen Bahn sollte er eine Schlafwagen-Netzkarte besitzen. Na, ist bei unserem Zorn vielleicht auch Neid im Spiel?

Aber dieser Mann macht auch Hoffnung für viele junge Menschen. Nicht nur, dass er als Sohn einer Putzfrau und eines Feldarbeiters sowieso weit gebracht hat. Nein, wegen seiner Ausbildung. Viele Eltern flehen ihren Nachwuchs an, doch bitteschön etwas Solides zu lernen und nicht irgendeiner brotlosen Kunst zu verfallen. Also nicht Geisteswissenschaftler zu werden, um schließlich Pils zu zapfen oder mit schwarzer Hornbrille “irgendwas mit Medien” zu machen.

Oder – fast noch schlimmer – Sozialpädagoge zu werden, um sich für 35.000 Euro Jahresbrutto alles Leid dieser Welt aufzuladen. Nicht so Ronald Pofalla:  Er hat sich zum Sozialpädagogen ausbilden lassen. Aber bringt es voraussichtlich auf 1,3 Millionen. Auch pro Jahr.

Dieser Mann zeigt uns: In diesem Leben ist nichts zementiert. Es gibt großartige Karrieren, auch wenn sie nicht leicht zu begreifen sind. Diese Botschaft brauchen wir alle. Deshalb sprühen wir’s an jede Wand: Danke, Pofi! Dich braucht das Land!

 

 

Die Krise beim Fliegen

Der beste Freund des Menschen ist…??? Natürlich, es ist nicht mehr der Hund. Es ist das Smartphone, unser  treuer Begleiter, der uns immer in Kontakt mit der Welt hält, der uns die Zeit vertreibt und uns zuverlässig mit nutzlosen Informationen versorgt. Falls nicht der Akku leer ist. Oder falls wir nicht abheben.

Tatsächlich, im Flugzeug ist alles anders. Hier verblasst die Flatrate zugunsten des Flugmodus. Viele Menschen sind in diesen Tagen über den Wolken unterwegs. Aber ist die Freiheit wirklich grenzenlos, wenn die Luftaufsichtsbaracke außer Sichtweite kommt? Wahrscheinlich  ist es genau andersrum. Falls Professor Dr. Tilmann Allert richtig liegt.

Der Frankfurter Soziologe hat gründlich über Flugreisen nachgedacht. Er kam zur Erkenntnis, dass es für den Menschen gar nicht so einfach ist, in einem Jet zu sitzen. Als Passagier habe dieser seine raumzeitliche Verortung verlassen. In seiner transitorischen Krise entwickle er unterschiedliche Strategien, um sich damit zu arrangieren, dass er zur Untätigkeit verdammt in einer Gruppe von wildfremden Leuten sitzen muss.

Wir kennen diese Airbus-Nebenleute (und uns selbst). Da gibt es die scheinbar Tiefenentspannten, die mit geschlossenen Augen ihren Tagträumen nachhängen. Da ist der meckernde Querulant.  Vielleicht noch schlimmer sind diejenigen, die ihre Zwangslage mit übertriebener Geschwätzigkeit. Die dir das Du anbieten, sobald nach dem Start das Anschnallzeichen ausgeschaltet wird.

Andere lassen ihren schlechten Manieren freien Lauf, pöbeln herum und saufen literweise  holländisches Industriebier anstatt Tomatensaft. Wieder andere kaufen auf ihrem Fernflug den Bordshop leer. Und schließlich gibt es, so unser Professor, die Gruppe, die wirklich Panik hat. Ihre Flugangast sieht er als Sehnsucht nach Verortung.

Es gibt aber noch einen Aspekt. Einen, der dieses Land noch massiv verändern könnte. Zum Wesen des Fliegens gehört, so Allert, “der scharfe Kontrast zwischen maximaler Überwindung von Raumgrenzen und dem Minimum an Eigenanstrengung. Kann es demnach sein, dass das böse Wort vom “anstrengungslosen Wohlstand” während eines transitorischen Tagtraumes entstanden ist? Wie wäre die Bundestagswahl ausgegangen, wenn Guido Westwelle nicht vielfliegender Außen-, sondern Justizminister gewesen wäre? Und wie viel weniger hätte die NSA über Angela Merkel erfahren, wenn sie neben Smartphones auch Hunde lieben würde?

Das Reisen in großer Höhe erscheint uns selbstverständlich. Und doch steckt es voller tiefgründiger Fragen. Wo, bitte, war nochmal der Notausgang?

 

GroKo und die weiß-blauen Bettvorleger

Als Löwen gesprungen, als Bettvorleger gelandet. Dieses Schicksal hat gerade die CSU ereilt. In der neuen Großen Koalition ist sie die neue FDP, also weitgehend überflüssig.

Vor einigen Wochen hatte das noch ganz anders ausgesehen. Absolute Mehrheit in Bayern zurückerobert, Bundeskanzlerin Angela Merkel mit einem blendenden Wahlergebnis zwischen Main und Zugspitze in die Nähe derselben gebracht. Horst Seehofer und die Seinen schwelgten im Glück, sie konnten vor Kraft nicht laufen.

Und nun? Der neue Verkehrsminister heißt Alexander Dobrindt. Der Experte für überflüssiges Getöse und schiefe Sprachbilder darf also beweisen, dass er sowohl Pkw-Maut als auch Berliner Flughafen hinbekommt. Sein Kollege Gerd Müller führt das Entwicklungshilfeministerium, dessen Existenzberechtigung ja durchaus umstritten ist.Den großartigsten Abstieg aber hat Hans-Peter  Friedrich hingelegt. Der ehemalige Innenminister, der dem Großen Verbündeten USA so mutig die Stirn geboten hat, darf in Zukunft gemeinsam mit den Imkern gegen die Verbreitung der Varroa-Milbe kämpfen und sich an der Seite des EU-Bürokratenschrecks Edmund Stoiber für den freien Verkauf krummer Salatgurken einsetzen. Da Verbraucherschutz nicht mehr zu seinem Ressort gehört, wird er sich mit seinem Staatssekretär heftig um den Posteingang balgen.

Wie aber konnte das passieren? Wer, bitteschön, hat unsere CSU geschrumpft? Antwort: Es war der Horst. Man darf davon ausgehen, dass Parteichef Seehofer die Bundespolitik egal ist. Sinnstiftend für die CSU ist die absolute Mehrheit im schönen Bayern. Und dann ist es gut, wenn man mit den wirklich kontroversen oder schmerzhaften Themen nichts zu tun hat. Eurorettung? Macht der Mann im Rollstuhl. Energiewende? Schaut Leute, der irre Gabriel schröpft die Bürger. Pflegenotstand? Den regelt der Gröhe mit der lustigen Frisur. Gäbe es ein Bundesministerium für Bedeutungslosigkeit – die CSU hätte es genommen.

Denn was immer auch in Berlin passiert: Schuld sind die anderen. Man kann das als taktisch versiert ansehen. Tatsächlich zeigt es eine feige Gesinnung. Manche Bettvorleger haben ihr Schicksal verdient…

Große Männer und die böse blonde Frau

Unfassbar, diese impertinente Person! So hätte man früher über die Fernsehjournalistin Marietta Slomka geschimpft. Unternahm sie doch den Versuch, den kommenden Vizekanzler Sigmar Gabriel am Nasenring durchs öffentlich-rechtliche Fernsehen zu führen. Mit der Frage, ob der von ihm ausgerufene SPD-Mitgliederentscheid zur Großen Koalition ein, pointiert ausgedrückt, Anschlag auf die Verfassung sei.

Stimmt schon, die Fragestellung war abseitig. Aber das erklärt nicht die irre Aufregung um das ZDF-Interview. Ich meine, es steckt mehr dahinter. Nämlich die Angst der großen Männer vor der bösen Frau.

Es hätte sich doch niemand aufgeregt, wenn ein Siegmund Gottlieb den SPD-Chef mit den identischen Fragen gemartert hätte. Man hätte “Typisch für die schwarze Föhnwelle” gesagt und das Interview abgehakt. Aber eine Frau mit stahlblauen Augen, die einen angehenden Groß-Staatenlenker vorführt? Das geht nicht. Da hebt selbst CSU-Chef Horst Seehofer schützend die bayerische Pranke über den Konkurrenten von der Magenta-Fraktion. Politiker dürften nicht wie Schulbuben dastehen, zürnt er. Wobei er sich den Hinweis, dass die oder der Slomka in Bayern fürderhin ausschließlich als Verlierer in der Arroganz-Arena gern gesehen sei, erstaunlicherweise verkniffen hat.

Die Angst funktioniert frei nach Sokrates, der seinerzeit erklärte: “Eine Frau, gleichgestellt, wird überlegen.” Und das gilt es zu vermeiden. Also ruhig mal einschüchtern, die Dame.

Und bei alldem wird übersehen, dass etwas anderes lebhafte Ablehnung verdient, nämlich komplett inhaltsleere, langweilige Interviews. Sie wissen, um wen es geht? Mag sein. Aber diese Frau M. hat ihren Sokrates längst hinter sich. Sie ist überlegen. An sie traut sich kein noch so großer Mann heran.

Große Koalition? Lasst es Liebe sein!

Mit Liebesheiraten ist es so eine Sache. Paare streifen sich die Ringe über, während sie hoch oben in der Gefühls-Stratosphäre schweben. Alles ist gut. Doch dann kommt der raue Alltag und das junge Glück landet beim Scheidungsanwalt. Ist es demnach vielleicht sogar gut, wenn sich Menschen aneinander binden, die sich gar nicht leiden können? Ist die Zweckehe überlegen? Ist die Große Koalition, anders als die als Traumehe gestartete schwarz-gelbe Beziehung, das Beste für dieses Land?

Fragen wir nach, was uns Paarbeziehungsexperten raten. Lehrsatz 1: “Was auch kommen mag. Ziehen Sie immer an einem Strang.” Vordergründig betrachtet, könnte man an dieser Stelle einen Schlussstrich ziehen. Denn wie sollte Schwarzen und Roten diese Übung gelingen? Jedoch, es ist möglich. Die Großkoalitionäre werden bestimmt an einem Strang ziehen. Wenn auch nur selten am selben Ende. Erfolgschance also 50:50

Beziehungs-Hinweis Nummer 2: “Sich ab und an zu streiten, gehört zum Lieben dazu. Aber vergessen Sie nie, dabei fair zu bleiben.” Die Prognose fällt leicht, dass unsere Spitzenpolitiker/-innen das mit dem gelegentlichen Zank sicher hinbekommen werden. Fair wird es nicht immer zugehen. Erfolgschance 50:50.

Dritter Tipp: “Verlernen Sie nicht, auch mal allein zu sein.” Dafür gibt es Parteitage, Regionalkonferenzen und Ortsvereinssitzungen. Klappt also zu 100:0 Prozent.

Vierter Tipp: “Die richtigen Worte, eine kleine Geste und Leidenschaft. Verlernen Sie nicht, sich zu überraschen.” Überraschungen wird es geben, manchmal sogar mit den richtigen Worten. Aber Angela Merkel und Leidenschaft? Sagen wir 30:70.

Fünfter Tipp: “Macken, Hobby, Eigenschaften: Tolerieren Sie weiterhin, was sie zu Beginn entzückend fanden.” Macken gibt es, wie die soziale Gerechtigkeit bei der SPD oder die Pkw-Maut bei der CSU. Allerdings hat noch niemand von der Gegenseite diese Geschichten als entzückend empfunden. Und: Alexander Dobrindt am Kabinettstisch ist für niemand tolerierbar. Erfolgschance 10:90.

Hinweis Nummer 6: “Zusammen lachen, Spaß haben, Blödsinn machen. Seien Sie manchmal unvernünftig.” Für gemeinsame Späße scheinen die Groß-Koalitionäre nicht geschaffen. Den Witz, den Andrea Nahles Horst Seehofer erzählen würde, gibt es nicht. Das gemeinsame Produzieren von Blödsinn auf der Basis unvernünftiger Beschlüsse sollte allerdings problemlos gelingen. 80:20 für die Große Koalition.

Und die siebte Kostbarkeit der Liebe: “Verlernen Sie nicht, den anderen jeden Tag aufs Neue für etwas zu bewundern.” Sicher ist, dass  erfolgreiche Politiker/-innen zuallererst und ausschließlich sich selbst bewundern. Es mag auch vorkommen, dass man am Todfeind reizvollere Eigenschaften erkennt als am Parteifreund. Aber bewundern geht kaum bis gar nicht. Erfolgschance 10:90.

Die Prognose für eine gelingende Partnerschaft liegt somit bei 330:370. Also bitte, quält uns nicht und verzichtet. Lasst es Liebe sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Große Koalition ist großer Krampf

Hollerplotz, sie haben es gemerkt! Kurz vor Toresschluss ist bis an die SPD-Spitze durchgedrungen, dass es eine Alternative zur Großen Koalition gibt. Und zwar gemeinsam mit den Bösen, den Linken. Aber werden sie sich trauen?

“Opposition ist Mist”, meinte einst der Meister des Verbal-Twitterns, Franz Müntefering. Stimmt zwar, aber Große Koalition ist es auch. Wenn die Diskussion unter den großen demokratischen Parteien zwecks gemeinsamen Regierens entfällt, hilft das vor allem seltsamen Gestalten an den Rändern. Eine AfD etwa wird für ihre europafeindlichen Thesen noch mehr Gehör finden.

Die Große Koalition ist zudem die ideale Plattform für Merkel’sche Alternativlosigkeit. Über noch weniger Themen als bisher wird diskutiert oder gar gestritten werden. Man braucht sich schließlich, im Bund und in den Ländern. Schon die Koalitionsverhandlungen zeigen doch, was uns erwartet. Weitgehend ergebnisloses Gerede mit einer Chefin, die sich fein diskret im Hintergrund hält, so dass am Ende nur diejenigen dumm aussehen, die überhaupt etwas gesagt oder versprochen haben. Es gilt die Mikado-Politik: Wer sich bewegt, hat verloren.

Es muss doch inzwischen selbst dem ministeramts-strebsamsten Sozialdemokraten klar geworden sein, dass es die Kanzlerin blendend versteht, nichts zu sagen oder zu tun, aber den Verdruss darüber an sich vorbeirauschen zu lassen.

Alsdenn, liebe SPD: Macht den Krampf nicht mit. Wenn Euch Rot-Rot-Grün zu heikel ist, dann lasst die Union regieren und stimmt von Fall zu Fall zu. Oder eben nicht. Ansonsten wird es in Zukunft heißen: Herzlichen Glückwunsch, zu etwas mehr als zwanzig Prozent.

 

 

Obama – unser großer Irrtum

Hiermit stelle ich Folgendes fest: Berti Vogts versteht mehr von Fußball als Pep Guardiola. Ja, ich spüre ihn, Euren Aufschrei. Rund 101 Prozent meiner Leser/-innen fragen soeben, ob ich über’s Wochenende irre geworden bin oder eine Drogenkarriere begonnen habe. Nein, keineswegs. Mir geht es um etwas anderes. Wir neigen dazu, uns in anderen Erdbewohnern zu täuschen. Und leiden an der Wahrheit.

Nehmen wir die Erdmännchen. In jedem Tiergarten gehören sie zu den Stars. Weil sie so süß, so irgendwie menschlich sind. Wenn sie durch die Gegend wuseln und sich wachsam aufrichten, denkt keiner daran, dass es sich um Raubtiere handelt, die bei passender Gelegenheit kräftig zubeißen. Oder Eisbärenbabys. Das so genannte Kindchenschema verführt uns dazu, dass wir gegenüber diesen weißen Knäueln Eltern-Gefühle entwickeln. Würde uns nicht unser Resthirn davon abhalten, wir würden die Streichelhand auch einem erwachsenen Eisbären entgegenstrecken – und nach dieser Begegnung allenfalls froh sein, dass die ungeschicktere der beiden Hände weg ist.

Womit wir bei Barack Obama wären. Was haben wir nicht in diesen Mann hineinprojeziert? Schon als Kandidat war er für uns das andere Amerika. Der perfekte Gegenentwurf zum tumben George W. Bush. Dunkelhäutig, jung, lässig, rhetorisch hochbegabt, zudem Ernährer einer Musterfamilie. Ein Bill Cosby der Weltpolitik, bei dem nur noch gefehlt hat, dass bei seinen launigen Reden an den richtigen Stellen die Lacher eingeblendet werden. Wer nach seiner Vereidigung mahnte, dass auch dieser US-Präsident nicht über’s Wasser gehen könne, galt als schlecht gelaunter Miesmacher. Stattdessen hat man ihm den Nobelpreis verliehen.

Was aber haben wir gelernt? Dieser Barack Obama ist kein Erdmännchen, wie wir es gerne hätten. Er ist ein Machtpolitiker, der weder Tod noch Teufel kennt, wenn es darum geht, seiner Nation Vorteile zu verschaffen. Der US-Präsident tut all das, was wir eigentlich vom skrupellosen Russen Wladimir Putin erwarten. Was stören könnte, wird ausgehorcht.

Tja, es gibt eben auch das wohlmeinende Vorurteil. Genauso wie das andere. War Guardiola jemals Europameister? Man sieht, auch im Fußball wird gerne überschätzt.