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Die Energiewende als Kreisel
Das ist es nun also: Ein Jahr Fukushima. Deutschland ist auf dem Weg zur atomkraftfreien Republik. Weil unsere Bundeskanzlerin und Physikerin damals so entschieden und aus vollster Überzeugung gehandelt hat. Aber war das wirklich so?
Heute loben viele Menschen Angela Merkel für ihren Mut, die Kernkraft zu beerdigen. Zu oft wird dabei vergessen, dass sie mit ihrer Energiewende nichts Neues hat beschließen lassen. Den Atomausstieg gab es schon vor ihrer Amtszeit. Die Kanzlerin hat nur den Mut zum Zurückrudern bewiesen. Sie hat zuerst mit den Kernkraft-Lobbyisten gekuschelt, um ihnen dann abrupt die kalte Schulter zu zeigen. Die Bezeichnung “Energiedrehung” träfe ihre Politik also besser.
Ungewöhnliche Dinge sind damals passiert. Ein Regierungssprecher trug einen blauen Schutzanzug wie aus einem Godzilla-Film. Die Fernseh-Nachrichtensendungen wurden um das “Japan-Wetter” verlängert. Damit auch die Deutschen wussten, ob wegen der jeweiligen Windrichtung Großstadtmenschen, Reisplantagen oder Pottwale besonders strahlungsgefährdet waren. Hätte es Atomausstieg II ohne Fukushima gegeben, hätte möglicherweise Schriftstellerin Charlotte Roche ein Problem gehabt. Sie hatte Christian Wulff kostenlosen Sex angeboten, falls sich dieser dem Gesetz zur Laufzeitverlängerung verweigern würde. Eine gefährliche Offerte, wie man angesichts der Vorliebe des Ex-Bundespräsidenten für Geschenktes aus heutiger Sicht weiß.
Zwei Anti-Atom-Aspekte wirken erstaunlich: Obwohl der japnische Super-Gau inzwischen ein Jahr zurückliegt, hat sich an der breiten Ablehnung der Atomenergie in Deutschland nichts verändert. Erstaunlich in einer Zeit, in der sich die Themen beziehungsweise Empörungen ansonsten sehr rasch verändern.
Erstaunlich ist aber auch, dass so wenig passiert, um das atomkraftfreie Leben wirklich zu ermöglichen. Zuletzt hat die Regierung das Umsteigen auf erneuerbare Energien eher erschwert. Die Stromkonzerne wollen ihre Aktionäre befriedigen und rufen nach dem Klimafeind Kohle. Kann es also sein, dass irgendwann wieder gerudert wird? Dass die Energiedrehung zum Energiekreisel wird? Dann wird es uns noch richtig schwindlig. Auch ohne Strahlung.
Rösler und Merkel: Da wird der Prinz zum Frosch
Im harten Alltagsgeschäft gerät allzu leicht in Vergessenheit, dass Angela Merkel eine Frau ist. Auch ihr Vizekanzler Philipp Rösler hat das gerade verdrängt. Er hat seine politische Lebensabschnittsgefährtin mit einem Frosch verglichen. Das ist heftig. So heftig, dass alles unterhalb der ewigen Feindschaft eine Überraschung wäre.
Sicher, man könnte abwinken, “Ach ja, der Rösler” sagen und einfach weitermachen. Ist doch der FDP-Chef für seine Witze berühmt-berüchtigt. Seine Ironie geht oft haarscharf am Ziel vorbei, so dass hinterher jemand beleidigt ist.
Und Verniedlichungen oder gar Kosenamen sind ohnehin so eine Sache. Man kommt sich ziemlich nahe. Nicht jede möchte sich ungefragt Hasi, Engel, Sahneschnitte, Erdbeerpfötchen oder Puddingbrumsel nennen lassen.
Unbedingt vermeiden sollte man aber Vergleiche, welche der oder die andere garantiert nicht mag. Wie das beim Frosch der Fall ist. Dieses Tier ist bestenfalls lustig (in der Inkarnationsform Kermit), sitzt aber ansonsten dumm, aufgeblasen und dick auf einem Seerosenblatt oder auf einem Stein herum, quakt und wartet darauf, dass Beute vorbeifliegt. Frösche gelten zwar als schöner als Kröten. Trotzdem haftet ihnen etwas Glitschiges an.
Selbst als Märchenfigur ist der Frosch nur zweite Wahl. Wir alle haben als Kind gelernt, dass etwas ganz Schönes herauskommt, wenn man ihn ganz lieb küsst. Was also will Philipp Rösler? Merkel küssen und Nahles bekommen? Oder Sigmar Gabriel? Oder Claudia Roth?
Wahrscheinlicher ist da schon dieser Fall: Merkel küsst Rösler und verwandelt ihn in einen Frosch. Und dann wird sie ihn kochen. Ganz langsam. Mit Genuss. Ganz bestimmt.
Da geht der Wulff – und keiner weint

Mit Heiligenschein hätte es vielleicht geklappt.
Da geht er hin. Und keiner, außer ein paar loyalen Amtssitz-Mitarbeitern, findet es zum Weinen. Ex-Bundespräsident Christian Wulff hat einen Abgang dritter Klasse bekommen. Weil er zu spät kapiert hat, dass er keine Chance hatte. Ein paar Wochen früher, man hätte ihm den Rücktritt als Zeichen eines starken Charakters ausgelegt. Jetzt aber heißt es, frei nach einem französischen Sprichwort: “Wenn der Wulff erlegt ist, beißen ihn alle Hunde.”
Der Präsident beugte sich dem Unvermeidlichen. Wobei seine Amtszeit wird auf lange Sicht nur eine kleine Randnotiz sein wird. Wulffs berühmtester Satz “Der Islam gehört zu Deutschland” dürfte gelegentlich zitiert werden. Aber ansonsten wird er als jenes Staatsoberhaupt in Erinnerung bleiben, das die Bild-Zeitung zum Opfer gemacht und der trotz anerkannter Farblosigkeit die meisten Talkshows beschäftigt hat. Jauch, Plasberg, Illner und Co. haben nun natürlich das Problem, dass sie auf die Schnelle ein zweites Thema brauchen.
Das Land braucht auf die Schnelle eine/n neue/n Präsidenten/-in. So schwierig wie bei “Wetten. dass…? wird die Suche nicht werden. Claudia Roth von den Grünen hat klargestellt, dass es kein Präsidenten-Casting geben wird. Wie zu hören ist trifft sich morgen eine Koalitions-Kungelrunde in der Besetzung Merkel, Seehofer, Rösler, Kauder, Hasselfeldt und Brüderle. Sie wird klären, was die Regierung denkt, was sie in Sachen Nachfolger denken könnte.
Ich rechne mit einem klaren Gegenentwurf zu Wulff. Also mit einer älteren Persönlichkeit mit reichlich Lebenserfahrung. Sollte Joachim Gauck noch mögen, hätte er gute Chancen. Auch Klaus Töpfer wäre nur schwer zu verhindern. Der verwegenere Plan wäre es, Margot Käßmann zu berufen. Von ihr weiß man, dass sie gegebenenfalls schnell und konsequent zurücktritt. Zudem ist das dunkelste Kapitel ihrer Lebensgeschichte schon so gut bekannt, dass sich das Recherchieren auch für “Bild” nicht mehr lohnt.
Die besoffenste Idee kam übrigens von der Jungen Union Bayern. Sie hat Edmund Stoiber vorgeschlagen. Da sage ich: Vielen Dank, dann schon lieber Hape Kerkeling.
Jetzt mehrt Euch! Oder es wird teuer

- Da ist er aber wieder mal in den Fettnapf getreten, der Bundestagsabgeordnete Wanderwitz, Marco. Für seine Idee, Kinderlose oder Einzelkinderzeuger zwecks Sicherung der Renten mit einer Demografie-Abgabe zu belegen, hat der CDU-Mann aus Chemnitz fast ausschließlich böse Kommentare geerntet. Angela Merkel hat das Projekt offiziell beerdigt. Endgültig muss das nicht sein.
Denn es gehört zu den Spielregeln der Politik, dass man ein Thema austestet. Da die Kanzlerin sowie ihre Kabinettskollegen - Ausnahme: Kristina Schröder - aus Respektsgründen auf allzu absurde öffentliche Vorschläge verzichten, werden Hinterbänkler nach vorne geschickt. Diese bringen als realpolitische Trüffelschweine revolutionäre Gedanken in die Diskussion. Und falls die öffentliche Reaktion nicht zu hundert Prozent vernichtend ausfällt, wird die Geschichte irgendwann erneut aus der Schublade geholt. Nach dem vierten Sturm der Entrüstung ist die Gesetzesreife erreicht.
In Sachen Demografie-Rücklage war Wanderwitz (drei Kinder) als Freund verrückter Ideen die Idealbesetzung. Von ihm stammte auch der Vorschlag, dass Griechenland seine Inseln verkaufen könnte, wenn es seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen könne. Ein weiterer Treppenwitz aus Chemnitz war die Idee, dicke oder fettleibige Menschen stärker zur Finanzierung der Krankenkassen heranzuziehen. Das gilt als erledigt, dürfte aber irgendwann wieder hochkommen.
Genauso wie die Kinderlosen-Steuer. Denn eigentlich ist es doch eine Ungeheuerlichkeit, wie sehr sich die junge Generation auf einen Gebärstreik verständigt hat. Milliardenbeträge sind in den vergangenen Jahren in die Finanzierung der Elternzeit gepumpt worden. Doch gereicht hat das nur für einen Geburtenanstieg von 0,05 pro Frau. Ungefähr.
Tja, und wenn das Zuckerbrot nichts bringt, greift man zur Peitsche. Dann gibt es eben keine Geschenke mehr, sondern gezielte Wohlstandsverringerung.
Aber wirklich motivieren wird das niemand. Beim Kinderkriegen geht es ja letztlich nicht ums Materielle, sondern um die Sehnsucht. Marco Wanderwitz sollte daran denken, dass in seiner Geburtsurkunde “Karl-Marx-Stadt” steht. Und da liegt die Lösung. Würde die Regierung ein Gesetz erlassen, wonach der Marx’sche Leitspruch “Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!” über allen Betten hängen muss – die Sorgen um unsere Zukunft wären schon nach wenigen Jahren nur noch ganz, ganz klein.
Guttenbergs Brief: Bis Ende 2013 gescheitert
“Vorerst gescheitert” lautet der Titel des Buches mit dem Männergespräch zwischen Karl-Theodor zu Guttenberg und Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Seit heute wissen wir, dass das Scheitern bis Ende 2013 anhalten wird. Der ehemalige Politik-Star hat den CSU-Mitgliedern einen entsprechenden Brief geschrieben. Hier ist er. Sprachanalytiker, Graphologen und sonstige Kommentatoren bitte vortreten…
Von Döner-Morden, Herdprämien und Peanuts
Erinnern Sie sich? Barack Obama hat den Friedensnobelpreis bekommen. Geholfen hat es nichts bis wenig. Aber es macht uns klar, dass Jury-Entscheidungen mitunter seltsam sind. Das Preisgericht für das „Unwort des Jahres“ hat allerdings hervorragende Arbeit geleistet. „Döner-Morde“ sind wahrhaftig ein ekliger Begriff.
Schlimm ist der Rassismus, der hier mitschwingt. Türkinnen und Türken werden mit einem bestimmten Essen identifiziert, das bei uns zudem deutlich häufiger verkauft und gegessen wird, als in deren Heimat. Man muss sich fragen: Hätte jemand „Spagehtti-Morde“ gesagt, wenn die Neonazis Italiener erschossen hätten? Wäre nach einer Anschlagsserie in Nürnberg der Begriff „Lebkuchen-Morde“ denkbar? Würde man sich in München um die Aufklärung der „Weißwurst-Morde“ bemühen? Sicher nicht, der Respekt vor den Opfern wäre zu groß. Gut, dass die Jury daran erinnert.
Aber was ist aus früheren Unwörtern geworden? Werden sie noch benutzt oder sind sie verschwunden? „Alternativlos“ wurde 2011 gewählt. Angela Merkels Politik funktioniert noch immer so. Aber sie erklärt sie heute anders.
Die Schmähung „Betriebsratsverseucht“ aus dem Jahr 2009 ist zwar nicht aus allen Querköpfen, dafür aber aus dem Sprachgebrauch verschwunden, während uns „Notleidende Banken“ (2008) als angebliche Tatsache noch länger begleiten werden. Die „Herdprämie“ aus dem Jahr 2007 ist als Begriff zu Recht geächtet. Konservative Politiker verfolgen den Plan aber weiter.
Und wie steht es um ältere Unwörter? 1991 wurde „Ausländerfrei“ gewählt. Das dazugehörige Denken ist bei den entsprechenden Fanatikern auf jeden Fall da, wir werden es bald auch auf irgendwelchen Wahlplakaten lesen. Auch für „Ethnische Säuberung“ oder „Überfremdung“ – die Unwörter von 1992 und 1993, gibt es immer Aussender und Publikum. Das “Sozialverträgliche Frühableben” aus dem Jahr 1998 wird uns in einer netteren Formulierung noch begegnen, wenn wir darüber diskutieren müssen, welche lebenserhaltende Therapien für welche Kranken wirtschaftlich zu rechtfertigen sind.
Ein Star unter den Unwörtern ist für mich aber „Peanuts“. Der Begriff, mit dem 1994 der Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper die 50 Millionen-Mark Schaden abtat, der Handwerkern durch Immobilien-Pleitier Jürgen Schneider zugefügt worden war. Aus Erdnüssen wurden lästige Kleinigkeiten. Und jeder meint das, wenn er “Peanuts” sagt. Wir gratulieren!
Gesucht: Ein alter Mann zum Anlehnen
Achtung, hier kommt ein Stoßseufzer: Dieses Land braucht Vorbilder! Dringendst! Wenn selbst der Bundespräsident, also der “Erste Mann im Staat” in merkwürdige Geschäfte und Kungeleien verwickelt ist, müssen wahre Helden her. Aber wie das so ist, in unserer schnelllebigen Zeit. Diese sind voraussichtlich nur noch zeitlich begrenzt für uns da.
Denn das Volk zieht gnadenlose Konsequenzen aus dem Scheitern der Ministerial-Praktikanten von der FDP: Es setzt auf alte Männer. Nach einer neuen Umfrage im Auftrag der Zeitschrift “stern” gilt Nelson Mandela (bald 93) den Deutschen als absolute moralische Institution. 82 Prozent nannten ihn ein “großes Vorbild”. Gleich dahinter folgt Alt-Kanzler Helmut Schmidt (im Dezember) mit 74 Prozent. Ihm wird sogar verziehen, dass er Kettenraucher ist. Der Dalai Lama alias Tendzin Gyatsho auf Platz drei bekommt 69 Prozent. Er ist ein netter Kerl – und hat eventuell den Platz von Jopi Heesters eingenommen.
Wir haben also wieder Lust auf den Opa, der uns im Lehnstuhl sitzend die Welt erklärt. US-Präsident Barack Obama, der mit 64 Prozent den vierten Umfrage-Platz erreicht, ist in diesem Sinne ein echter Ausreißer. Während der Fünfplatzierte, Günther Jauch, mit 55 Jahren unverschämt jung ist, aber eben auch Unmengen sinnlosen Wissens unter die Menschen streut.
Der Trend zur Erfahrung zeigt sich auch beim ersten Fußball-Star unter den Vorbildern. Nicht Gomez oder Götze liegen vorne, sondern Bundestrainer Joachim Löw. Mit 54 Prozent rangiert er drei Punkte vor Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Papst Benedikt XVI., der in seinem schonungslosen Kampf gegen die Überbevölkerung die Homosexuellen zur Bedrohung für die Welt erklärt hat, rangiert mit 32 Prozent schon deutlich dahinter. Und erst dann folgt unser eigentliches hauptamtliches Vorbild, Christian Wulff. Nur jede/r Fünfte erklärt ihn um Idol.
Das ist dramatisch schlecht, aber wir wollen gerne annehmen, dass Guido Westerwelle und Herr Achmedinedschad aus Teheran noch schlechter dastehen. In unserer schnelllebigen Zeit wird man eben leicht mal unpopulär.
Eine Frage aber bleibt: Wo sind unsere vorbildlichen Frauen? gut, Inge Meysel und Heidi Kabel sind tot. Aber was ist mit unserer Familienministerin? Ach so, Kristina Schröder ist zu jung. Stimmt, doch Hoffnung ist da. 93 wird sie im Jahr 2070. Bis dahin, ganz sicher, ist sie eine richtig gute Politikerin.
Merkel im Weltall, und andere große Fragen
Ist es nicht gut, dass wir unsere Politiker(innen) haben? Sie sind unsere zuverlässige Zielscheibe für Spott und Schimpf und Schande. Und sie übernehmen kraft Amtes die Verantwortung für Themen, die sie selbst kaum, wir aber schon gar nicht verstehen. Ja, sie erklären uns alles. Wir hingegen können es uns leisten, dass uns die Zukunft des Euro-Rettungsschirmes gelegentlich egal ist. Darum kümmern sich ja die Gewählten.
Aber: Steckt nicht auch in Angela Merkel ein kleiner, ganz normaler Mensch? Jemand, der sich nach Antworten auf wirklich bewegende Fragen sehnt. Warum ist der Himmel blau? Sind wir alleine im Weltall und falls nein, was ändert sich dadurch? Gibt es Äpfel, die weit vom Stamm fallen? Erschrecken Mitarbeiter der Deutschen Bahn, wenn ein Zug pünktlich ankommt? Warum wurde die Currywurst nicht vom Asiaten erfunden? Warum gerät der 1. FC Nürnberg immer dann in Abstiegsgefahr, wenn alle denken, dass es nur noch besser werden kann?
Die Kanzlerin verzichtet offenbar auf solche Gedanken. Sie tut, was sie zu tun hat: Sie gibt Antworten. Auf dem youtube-Kanal der Bundesregierung hat sie sich jetzt zu Fragen von Usern geäußert. Die wollten wissen, wie es sein kann, dass sich ausgerechnet Gut- und Großverdiener aus dem sozialen System der gesetzlichen Krankenkasse ausklinken dürfen. Oder warum die Bundestagsabgeordneten selbst über ihre Diäten bestimmen dürfen.
Ich finde das gerade sehr langweilig. Ich würde lieber wissen, warum Sekundenkleber überall klebt, bloß nicht in der Tube. Ich will auch wissen, warum am Ende meiner Supermarkt-Schlange immer die langsamste Kassiererin sitzt oder warum Ampeln immer dann auf Rot schalten, wenn ich darauf zufahre.
Gäbe es eine Partei, die sich endlich diesen existenziellen Fragen widmen würde – ich würde sie auf der Stelle wählen. Bis dahin lauschen wir eben unserer Frau Merkel…
Der Nasal-Punk und das Scheiß-Gewissen
Somit verkörpert er für uns eher den Typ des noblen Dichters, Forschers oder Künstlers. Eines Mannes, der aufgrund seiner Bildung gewohnt ist, seine Worte sorgsam zu wägen. Um sie, sobald er den Mund aufmacht, bedeutungsvoll in die Breite zu quetschen. Aber so ist er nicht.
Ronald Pofalla, der studierte Sozialpädagoge, ist in Wahrheit ein Punk. Das hat er schon mal in einem famosen Streitgespräch mit FDP-Entwicklungshelfer Dirk Niebel bewiesen. Und wenn er das richtige Opfer gefunden hat, geht er ab wie Nachbars Lumpi. Wie etwa den armen Parteifreund Wolfgang Bosbach.
Ihm hat er also wegen dessen Widerstand gegen den Euro-Rettungsschirm den Satz “Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen” um die Ohren gehauen. Und dessen Hang zur Gewissensentscheidung als “Scheiße” bezeichnet. Die allgemeine Empörung ist groß. Recht so. Aber andererseits: Glaubt jemand wirklich, dass vulgäre Beschimpfungen in Parteizirkeln ganz und gar unmöglich sind? Dass ein Strauß, ein Stoiber, ein Kohl oder ein Gerd nie übel rumgedöbert haben?
Aber Hallo! Und so wird sich die CDU-Spitze weniger Sorgen wegen ihres Pofallas, sondern wegen der Indiskretion machen, die den Ausraster publik gemacht hat. Der Kanzleramts-Näsler wiederum hat etwas geschafft, was ihm nur wenige zugetraut haben: Große Fresse ist gleich große Presse.
Putin und Medwedew: Das Prinzip Dick und Doof
Die Zirkus-, Theater-, Film-, Musik-, ja die gesamte Menschheitsgeschichte ist voll von gegensätzlichen und daher (tragi-)komischen Paaren. Denken wir nur an Dick und Doof, Pat und Patachon, Starsky und Hutch, Hänsel und Gretel, Kain und Abel, Dr. Jekyll und Mr. Hyde oder an Don Quichotte und Sancho Pansa.
Sie alle zeigten uns den Facettenreichtum des menschlichen Wesens. Wahlweise nach der Devise “Gemeinsam sind wir unerträglich” oder eben “Gemeinsam sind wir unschlagbar”.
Es war eine Frage der Zeit, bis dieses Prinzip in der Politik erprobt wurde. Nach der Endphase von Helmut Kohl und keinem anderen gaben Gerd und Joschka ein recht schlüssiges Tandem ab. Bei Angela und Philipp klappt das auch ohne Guido nicht so recht.
Ein wahrhaftiges Traumpaar gibt es dafür in Russland. Dort haben der aktuelle Präsident Dmitrij Medwedew und der derzeitige Ministerpräsident Wladimir Putin beschlossen, das Land unter sich aufzuteilen. Da das Volk das Ganze offenbar mitmachen wird, werden zu bestimmten Terminen die Paläste getauscht. Wobei der “lupenreine Demokrat” Putin sehr eindeutig das Krokodil und Medwedew der Kasper ist.
Kann ein solcher ständiger Rollentausch auch bei uns funktionieren? Und falls ja, mit wem? Bitte stimmen Sie ab.
Rösler muss sich scheiden lassen
Kann man sich Philipp Rösler mit dicken Backen und Bauch vorstellen? Schwierig, aber es ist denkbar. Denn in Berlin besteht akute Scheidungsgefahr. Also drohen ihm ein paar neue Pfunde.
Warum? Bisher galt es als ehernes Gesetz, dass Männer nur in festen Beziehungen zunehmen. Weil Frauen, die ihrerseits am Anfang gemeinsamer Lebensabschnitte runder werden, ihren Liebsten gerne füttern. Weil ihnen ein treues Dickerchen letztlich lieber ist als ein schicker Fremdgänger.
Der Wegfall der eigentlichen Ernàhrerin würde demnach, so denkt der Laie, wie eine Diät wirken. Tut es aber nicht. Nach einer Langzeit-Studie der Universität von Ohio nehmen die meisten Männer auch nach einer Scheidung zu. Der wahre Lehrsatz lautet demnach: Wer jemals in einer Beziehung war, wächst an den falschen Stellen. Egal, wie sein Leben läuft.
Soll man also Philipp Rösler zur politischen Scheidung raten? Auf jeden Fall. Denn die Krux der derzeitigen FDP-Führungsriege ist doch, dass sie alle so jung und schlank sind, dass man meint, dass sie wie aufgeputschte Windhunde jedem möglichen Thema hinterherhetzen. Dass sie heute hier und morgen da sind, dass sie unbedingt beachtet werden wollen, aber eigentlich keine Prinzipien.
Das Volk will aber auch Wohlfühl-Minister. Es sucht jemand, dem es vertrauen kann, an dem es sich ankuscheln kann. Das kann ein Brüderle gegen Westerwelle, Lindner und Bahr nicht schaffen. Rösler sollte also weg von Mutti, um dann nach einer ausgiebigen Schlemmerreise durch treudeutsche Schweinebraten-Kneipen im Genschman-Format mit gelbem Pullunder zurückzukehren.
Sie wollen Beweise für den Erfolg dieser Strategie? Schauen Sie doch mal den Gabriel an.
Putin findet Schätze – was kann Merkel?
Gut, die Mächtigen in Russland sind seit langer Zeit daran gewöhnt, ihre Untertanen mit windschiefer Propaganda zu verblöden. Das war schon lange vor dem Kommunismus so. Der Begriff “Potemkinsche Dörfer” stammt noch aus der Zarenzeit.
Wie aber können wir das auf andere Regierende übertragen? Da fällt uns schon was ein. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy etwa könnte sich perfekt inszenieren, indem er den grausligen Libyer Gaddhafi während es Zwölf-Gang-Gelages mit Beaujolais unter den Tisch säuft und so zum Amtsverzicht bewegt. Silvio Berlusconi wiederum würde seine Vitalität beweisen, indem er in einer Nacht 20 Internatsschülerinnen schwängert.
Aber Deutschland? Da hätten Helden-Storys eher zur früheren Regierung gepasst. Zu Gerhard Schröder hätte es gepsst, sich am Ende eines wüchtigen Spiels der deutschen Fußball-Nationalelf einwechseln zu lassen und unter dem Pseudonym “Acker” das entscheidende Tor zu schießen. Joschka Fischer hätte bewiesen, dass man auch mit 50 Kilo Übergewicht einen Marathon laufen kann.
Aber Angela Merkel? Das geht nicht, oder? Doch. Wie wäre es, wenn unsere gelernte Physikerin im heimischen Hobbykeller gemeinsam mit Ehemann Joachim Sauer ein bislang unbekanntes, irrsinnig energiereiches Elementarteilchen entdeckt, welches fortan alle unsere Versorgungsängste beseitigt.
Und dafür sorgt, dass wir auch das Gazprom-Gas gar nicht mehr brauchen. Dann hätte es Merkel dem Hobbytaucher Putin mal so richtig gezeigt. Da würde er staunen, der Russe.
Die Welt riecht besser – aber früher war sie cooler
Fast drei Jahre hatte bei uns ein Glaubenskrieg getobt. Seit genau einem Jahr nun gibt es die vom gesundheitsbewussten Teil des Volkes gewollten strikten Regeln. Und es hat sich viel verändert. Die Raucher sind – der billigen Schmuggelware sei Dank – zwar noch nicht zur völlig unbedeutenden Randgruppe geworden. Aber sie sind netter und rücksichtsvoller als noch vor ein paar Jahren. Sie stellen sich zum Beispiel in die Rauchfrei-Quadrate auf den Bahnhöfen und nehmen mit bewundernswertem Gleichmut in Kauf, wie bescheuert das aussieht.
Und doch fehlt etwas. Nämlich diese mit Unbelehrbarkeit und Krebsverachtung gepaarte Lässigkeit der Raucher. Es fehlen die Qualmer, die in ihrer Stammkneipe beim Abfackeln ihres Tabaks den Gang der Dinge analysierten, kreativ-sarkastisch in die Zukunft schauten, dabei ordentlich becherten und am nächsten Tag mit einem schweren Kopf und dunklen Augenringen aufwachten. Oder die sich bei einem Glas Rotwein an kubanischen Pralinen verlustierten. Menschen, die anders waren, als die heute so sehr als Vorbild gepriesenen Marathonläufer.
Kurzum, die Welt riecht besser – aber früher war sie cooler. Die Zeiten für Dichter und Denker sind schwierig geworden. Aber in einem Land, in dem sich die Leute freiwillig von Merkel, Westerwelle und Seehofer regieren lassen, muss das vielleicht so sein.
Panzer verkaufen? Gut, das es miese Vorbilder gibt
Mit Vorbildern ist das so eine Sache. Ganz absolut und völlig zweifelsfrei gibt es keine. Der eine bewundert den Freund, der es zur Doppelhaushälfte gebracht hat, während der überzeugte Mieter denselben für spießig hält. Das erfolgreiche Arbeitstier gilt manchem als Idol, während der Familienmensch meint, dass sich da jemand auf Dauer bloß unglücklich macht. Und so sucht sich jede/r seinVorbild heraus, an dem sie/er sich ganz persönlich orientiert.
Clevere Menschen wissen, dass es sinnlos ist, herausragenden Idolen zu folgen. Wer etwa meint, er könne beim Fußball jemals dribbeln wie Lionel Messi, singen wie Anna Netrebko oder kochen wie Tim Mälzer (okay, mäßiges Beispiel), legt damit den Grundstein zu dauerhaftem Unglück. Die besten Vorbilder sind jene, die man erreichen und irgendwann übertrumpfen kann. Was aber tun, wenn man gerade nicht so gut in Form ist? Antwort: Dann folgt man erstmal schlechten Vorbildern. Denn wer ganz unten ist, steigt irgendwann nach oben.
Womit wir bei unserer Bundesregierung und bei den Panzerlieferungen für Saudi-Arabien wären. Hier geht es – wie auch bei den Patrouillenbooten für Angola – sehr offensichtlich fast nur ums Geschäft und gar nicht um die Moral. Gerade Saudi-Arabien, eine Unterdrücker-Monarchie der ersten Kategorie, wird mit Stahlmonstern beliefert, die laut Hersteller bestens für “asymmetrische Einsätze” geeignet sind. Also zum Beispiel für das Niederwalzen von Demonstranten.
Das geht gar nicht, möchte man sagen. Doch zum Glück für die Händler gibt es Vorbilder, wenn auch schlechte.Das Hauptargument der Regierung für den großen Deal lautet also: “Wenn wir die Panzer nicht verkaufen, macht es jemand anders.”
Glückwunsch. Dieses Motto lässt sich nun wirklich auf nahezu sämtliche Lebenslagen übertragen. Wenn ich das Gammelfleisch nicht verkaufe, macht es meine Konkurrenz. Wenn ich der alten Frau die Tasche nicht klaue, macht es ein anderer Dieb. Wenn ich keine Steuern hinterziehe, bin ich doch bloß in der Minderheit. Wenn ich meinen Kollegen nicht wegmobbe, wird bloß ein anderer Abteilungsleiter.
So funktioniert heute Politik in unserem Namen!? Es ist grauslig. Sonst nichts.



Röttgen, oder: Wenn der Blender bleich wird
Norbert Röttgen: Schöne Brille, aber sonst?
Mit den größten Blendern der jüngeren Vergangenheit, Allzweckminister Karl Theodor zu Guttenberg oder Multimanager Thomas Middelhoff, kann Röttgen nicht mithalten. Aber so wie ihn hat man sich einen klugen Politiker schon vorgestellt. Graumeliertes, sorgfältig frisiertes Haar, Klugschau-Brille, geschliffene Rhetorik. Eben einer, der optisch auch einen Konzernmanager geben könnte und den man sich auch deshalb für die ganz großen Aufgaben (Merkel-Nachfolge?) vorstellen konnte.
Und dann versagt dieser Mensch in einem Wahlkampf von vorne bis hinten. Erklärt, dass „leider“ die Wähler/-innen und nicht die Parteifreunde über sein Schicksal entscheiden oder dass in Nordrhein-Westfalen über die Europa-Sparpolitik seiner Kanzlerin abgestimmt wird. Zudem gibt er zu erkennen, dass ihm dieses Bundesland nur dann nicht egal ist, wenn er dessen Chef wird.
Tja, heute gibt’s Blümchen von Angela Merkel. Vermutlich so ein mickriges Verlierergesteck, das Menschen beim Discounter für ihre nicht so sehr geliebten Müttern kaufen. Das haben zuletzt etliche hoffnungsvolle CDU-Politiker bekommen. Ein schöner Kranz wäre jeweils ehrlicher gewesen. Wahrscheinlich auch für Norbert Röttgen, den nächsten bald Vergessenen.