Auch in der Steppe ist man wach

Der Blick in den Spiegel ist manchmal fatal. Gerne möchten wir in Augen blicken, aus denen uneingeschränkte Tatkraft strahlt. Stattdessen sehen wir ein trübes Flimmern. Unsere Haut ist fahl statt rosig. Und das liegt nicht am schlechten Licht. Nein, wir haben, wie so oft, nicht ausgeschlafen.

In romantischen Momenten denken wir uns dann, ob es nicht besser wäre, ganz woanders zu sein. Wir erinnern uns an die fröhlichen Leute, denen wir auf unserer Safari-Tour durch Südafrika schnuckeliges Kunstgewerbe abgekauft haben. Wie gut müssen solche Menschen schlafen. Kein Stress, kein Fernseher, kein Internet – nur süße Träume, sobald die Sonne untergeht. Schön gedacht, stimmt aber nicht.

Forscher der Universität des US-Staates New Mexico haben nämlich herausgefunden, dass so genannte Naturvölker auch nicht länger schlafen als wir. Sie untersuchten die Schlummer-Gewohnheiten der Hadza in Tansania, der San in Namibia und der Tsimanen in Bolivien. Als Durchschnitt wurde eine Schlafdauer von 6,5 Stunden ermittelt. Auch wer fernab der digitalisierten Zivilisation lebt, ist bei Dunkelheit aktiv.

Warum überrascht uns das? Weil sich Menschen dort, wo sie sind, immer für die eigentliche Krone der Schöpfung halten. Das war auch bei den Naturvölkern nie anders. Als hellhäutige Europäer mit ihren Schiffen auf Südseeinseln oder anderweitigem Neuland gelandet sind, wurden sie nicht für ganz normale irdische Wesen gehalten. Sondern zum Beispiel als bleiche Gespenster ihrer gestorbenen Vorfahren. Jedenfalls waren und sind die Einheimischen immer davon überzeugt, dass sie die eigentliche Last des Daseins tragen müssten. Während Besucher ihr Grundrecht auf Faulheit verwirklichen könnten. So sehen wir das, wenn wir ehrlich sind, ja auch.

Zumindest ein zusätzliches Leid gestehen uns die US-Wissenschaftler zu: Schlaflosigkeit kennt man in den untersuchten Naturvölkern nicht, es gibt nicht mal ein Wort dafür. Wer bis tief in die Nacht vor dem Fernseher sitzt oder durch die sozialen Netzwerke surft, kommt offenbar schlechter zur Ruhe.

Lassen wir also mal die Finger von Fernbedienung oder Smartphone. Seien wir nicht atemlos in der Nacht, sondern machen wir es es bei bei den San und Hadza. Bleiben wir wach und reden wir miteinander. Unser Schlaf wird erholsam sein. Der Blick in den Spiegel wird es beweisen.