Amtliche Fake-News stinken extra-übel

Fake-News sind zurzeit das große Thema. Die Welt sei voller populistischer Bösewichte,  die uns mit dem Verbreiten von Lügen manipulieren wollen, heißt es. Zum Glück gibt es Qualitäts-Medien, die Fakten checken und Falsches aussieben. Was aber, wenn angebliche Fakten von Amts wegen gelogen sind? Nennen wir es Diesel.

Es ist noch nicht lange her, da wurde uns dieser Antrieb als umweltfreundlichste Form des Autofahrens präsentiert. Passé waren die dunklen Rußwolken, die uns im Winter rätseln ließen, ob der brave Mann vor uns vielleicht doch Heizöl getankt hat. Dieselmodelle bekamen Namen, die eher nach Ökosiegel als nach Abgas klangen. Und überhaupt: Der Verbrauch sei genial niedrig.

Das galt als nachprüfbare Wahrheit. Es kam ja von oben und zudem von der mutmaßlich besten Autoindustrie der Welt. Die Medien trugen die Botschaft weiter. Im Vertrauen, dass Minister oder Dax-Vorstände keine Gauner seien.

Die Wahrheit ist wohl eine andere. Es darf vermutet werden, dass Experten des Umweltministeriums längst wussten, dass Dieselmotoren keine Umweltengel sein können.  Aber sie saßen am Tisch mit dem Wirtschaftsministerium und Kanzler/-in, der oder die vor der Sitzung den Chef eines Autobauers am Telefon hatte.

Klimawandel  schön und gut. Aber wenn es um Arbeitsplätze und Dividenden. geht, dürfen Mensch und Natur nicht so zimperlich sein. Und die Fakten auch nicht.

Aber die Zeiten haben sich geändert. Kaum ein Tag ohne News,  wonach der Diesel schlimmer sei als jemals gedacht. Alles auf der Grundlage von Tatsachen, versteht sich.

Wir sind erleichtert.  Doch irgendetwas stört: unsere Lebenserfahrung.  Wir wissen ja, dass Industrie und Regierung mit wachsender Verzweiflung versuchen, Elektromobilität populär zu machen. Kann es sein, dass es hilft, wenn Konkurrenztechnik kaputt geredet wird?

 Lassen wir die Frage stehen. Stellen wir aber auch fest: Elektroautos sind nicht emissionsfrei. Wer das behauptet, lügt. Fake-News, nächste Runde?

Das Ratespiel der Stunde: Finde das zweite Thema

Ein spannendes Ratespiel in diesen flüchtlingsbewegten Zeiten könnte lauten: Finde das zweite Thema. Gut, wir kriegen wieder Griechenland auf den Schirm, wo doch dieser linke Hasardeur Alexis Tsipras trotz alledem kaum Stimmen verloren hat. Und natürlich Volkswagen, das zugegeben hat, dass es in den USA die Abgasmessungen von „Das Auto“ manipuliert hat. Ein Verhalten, das man bisher nur von einem Club mit gelben Engeln und von halbseidenen Autoschraubern gekannt hat.

Das könnte was werden. Aber zugleich müssen wir an die BSE denken. Diese Krankheit, die riesengroß war und dann fast schlagartig aus den Medien verschwunden ist. Gibt es möglicherweise einige unerledigte Dinge, die wir aus dem Blickfeld verloren haben? Blicken wir ein Jahr lang zurück –  stichprobenartig.

Im September 2014 wurde darüber diskutiert, dass die von den Autoherstellern gemeldeten Schadstoffwerte nicht stimmen können. Sie würden ja unter Laborbedingungen ermittelt, die mit dem normalen Straßenverkehr nichts zu tun hätten. Außerdem würden die Werte der Neuwagenflotten durch Elektroautos nach unten korrigiert, die allerdings keiner will. Tatsächlich ist gerade bekannt geworden, dass die Autofirmen mehr als die Hälfte ihrer E-Autos auf sich selber zulassen. Ist da vor einem Jahr ein US-Umweltbeamter hellhörig geworden?

Im Oktober 2014 war das Einfrieren von menschlichen Eizellen zwecks konzerngerechter Geburtenplanung ein großes Thema. Daran dürfte sich nichts ändern, zumal Hollywood-Stars (zuletzt Jennifer Aniston) der Erfolgsfrau klar machen, dass sexfreies Befruchten das Optimum ist. Wir hatten aber auch den – jawohl – Lokführer-Streik. Alleine der Gedanke, dass dieser jetzt stattfinden könnte, sollte unseren „besorgten Bürgern“ Tränen in die Augen treiben.

Zuwanderung wird von meiner Heimatstadt Nürnberg aus gesteuert. Angeblich hat ja ein unglückseliger Twitter-Beauftragter des Bundesamtes für Migration mit einer unvorsichtigen Kurzmitteilung dafür gesorgt, dass sich zurzeit die allermeisten Flüchtlinge als Syrer bezeichnen. Gerne übersehen wird allerdings der Beitrag der hier ansässigen Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Diese meldete im Oktober 2014, dass Deutschland das Land mit dem weltweit besten Image sei. Und jedes Medium hat diese Pressemitteilung aufgegriffen.

Man kommt also zur Erkenntnis, dass das jetzige einzige Thema vor einem Jahr schon da war. Irgendwie. Die Suche nach dem zweiten Thema sollten wir also weiter hinten beginnen. Vor fünf Jahren zum Beispiel. Der große Aufreger im September 2010: Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke. Sie meinen, wenigstens das sei abgehakt? Wenn wir uns da nicht täuschen. Gerade schaut ja keiner hin…

 

„Katastrophen“ im Mittelmeer? Das meiste Leid bleibt im Dunkeln

Ja, wir sind beunruhigt. Weil im Mittelmeer Boot um Boot voll ist, weil es nicht mehr zu ertragen ist, wie sich angeblich anständige Bürger in Terroristen verwandeln, Flüchtlingsheime anzünden und „Weg mit dem Dreck“ schreien. Ob es anders wäre, wenn wir den ganzen Wahnsinn kennen würden, den die Menschen durchlebt haben, wenn sie es bis zu uns geschafft haben?

Wir reden viel von den „Katastrophen im Mittelmeer“. Die gibt es täglich und wir schauen schockiert zu, weil in der Nähe der italienischen Küste genug Kamerateams sind, die uns Bilder liefern. Das Management des massenhaften Sterbens läuft dann so, wie wir es in unserem behüteten Deutschland von den Lebensmittelskandalen kennen. Es wird „Drama“ und „Skandal“ gerufen, es werden schärfere Kontrollen und entschlossene Maßnahmen gefordert. Drei Tage später ist Fußball und Kita-Streik. Das Thema gerät in Vergessenheit. Bis zum nächsten Mal.

Die allermeisten anderen Tode bleiben vor unseren Augen verborgen. Wir wissen nicht, was auf der Fluchtroute in die Türkei passiert, die Korrespondenten berichten nur selten über Assads Fassbomben und schildern den IS-Terror aus sicherer Entfernung, und sei es mit Hilfe der Propaganda-Videos. Es gibt keine Filme von den Leichen der Verdursteten in der Sahara, obwohl deren Zahl bestimmt größer ist dürfte als jene der Opfer im Mittelmeer.

Die irrwitzigen Zustände in den Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln scheinen gelegentlich. Aber wer sieht schon TV-Beiträge über die ungarischen und bulgarischen Polizisten, die Flüchtlinge von ihren scharfen Hunden mit sadistischer Gier verfolgen lassen.

Der Fußweg zuvor war lang. Aber es ist so: Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg ist ein Hit, Amir auf dem Trampelpfad durch Serbien ist eine Bedrohung. Zumal er ein Gespenst bleibt. Die Bilder für die große Masse entstehen anderswo. Die ganze Wahrheit bleibt im Dunkeln.  Würden wir sie wissen wollen? Wer mag das von sich sagen?

 

 

 

Der Wetterfrosch muss Commandante werden

Es ist wieder passiert: Ich habe lange nachgedacht, ob ich aus dem Haus gehen soll. Ich habe überlegt, ob ich das Auto stehen lassen soll. Und ob es ohne Regenjacke geht. Denn es gab eine Sturmwarnung. Passiert ist: Fast nichts. Und so geht das seit gefühlten zwei Wochen. Wir werden vor Katastrophen-Wetter gewarnt, aber die Wolken ziehen irgendwie an uns vorbei. Was ist bloß los?

Ich habe da mittlerweile meine ganz eigene Verschwörungstherie. Ich glaube, dass der Wetterbericht als verlässliche Dienstleistung ein Opfer des raubtierkapitalistischen Privatisierungswahns sowie des allgemeinen Trends zur Banalisierung geworden ist. In Italien zum Beispiel wird der Wetterbericht von einem ernst blickenden Mann vorgetragen. Dieser trägt eine blaue Luftwaffen-Uniform und hat den Dienstgrad Commandante. Auf seine Prognosen kann man gut vertrauen.

Behördliche Vorhersagen – gibt’s das nicht auch bei uns? Schon, aber die sind wohl nicht mehr zeitgemäß. Wer will sich Sonnenscheindauer und Niederschlagsmengen von einem schlecht gekämmten Amts-Meteorologen ankündigen lassen, wenn die private Konkurrenz schöne blonde Frauen und lustige Männer vor die Kamera stellt? Der Umsatzverlust kostet Planstellen, die Arbeit wird schlampig, Prognosen werden zum Orakel. Am Ende ist der Wetterbericht nur noch Show. Falsch, aber immerhin unterhaltsam.

Und dieser Trend ist so gut wie unumkehrbar. Denn traurige Profi-Meteorologen leiden selbstverständlich mehr unter der gesellschaftlichen Missachtung ihres Wissens. Sie sitzen einsam in Pilsbars oder schauen als Frührentner auf Parkbänken sitzend mit trübem Blick in den Himmel, der ihnen nicht mehr gehört. Ihre Behörde wiederum behandelt das Vorhersagewesen unter dem versicherungstechnischen Aspekt. Wer Katastrophen vorhersagt, die nicht eintreffen, kann nicht verklagt werden. Umgekehrt vielleicht schon.

Die so ausgelöste Desinformation ist gewaltig. Die Not ist groß. Wahrscheinlich bleibt nur eine Lösung: Schlagen wir die Brücke zurück zur öffentlich-rechtlichen Prognose. Fangen wir uns einen Wetterfrosch und befördern wir ihn zum Commandante. Der kann das. Mindestens besser.

 

 

Germanwings-Tragödie: Der Mord als Sehnsucht der Medien

Der Absturz der Gemanwings-Maschine in den französischen Alpen ist eine schreckliche Tragödie mit einer verrückt wirkenden Hauptperson. Sie hat unfassbares Leid ausgelöst. Aber muss die Berichterstattung deshalb ins Hysterische oder Abstoßende abgleiten? In manchen Medien geht es nicht mehr um Information, sondern um den Nachweis, dass es sich um einen geplanten Massenmord gehandelt hat. Vorneweg marschiert die Bild-Zeitung.

Beim Sammeln hilfreicher Fakten und Behauptungen bringt das Blatt ein Interview mit der Ex-Freundin des Co-Piloten ankündigt. Die darin enthaltenen Zitate vermitteln, dass Andreas L. auf seine Tat hingearbeitet hat. „Eines Tages wird jeder meinen Namen kennen“, zitiert die Frau ihren früheren Freund.

Vielleicht hat er das gesagt, aber: Es gehört zwar zu den Anforderungen an moderne Menschen, dass Trennungen so zu regeln sind, dass Ex-Verliebte Freunde bleiben. Oft klappt das aber nicht. Man kann also nicht erwarten, dass sich jemand wohlwollend an seinen Ex erinnert. Zumal dann nicht, wenn ein cleverer Interviewer die „richtigen“ Fragen stellt. Ist der ominöse Satz wirklich einer, den kein junger Mensch jemals bei irgend einer Gelegenheit sagen könnte? Als ehrlichere Variante der Befragung empfiehlt sich: „Hier sprechen die ärgsten Feinde von Andreas L.“.

Nächster „Beweis“: Andreas L. war krank geschrieben, er hat seine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zerrissen. Wer hat sich noch nie schlecht gefühlt, ist zum Arzt, dann aber trotzdem zur Arbeit gegangen, weil sich der Zustand gebessert hatte? Wer hat noch nie seine Krankheit vorzeitig beendet? Und wer hat es noch nicht erlebt, dass Kollegen hustend und schniefend zum Dienst erschienen sind, weil sie sich für unersetzbar gehalten haben? Oder weil die Abteilung wegen Krankheit oder Urlaubs dünn besetzt war? Die Absicht, einen Suizid zu begehen, gehört nicht zwingend zu einem solchen Verhalten.

Nächster „Beweis“: Andreas L. war wegen psychischer Probleme in Behandlung. In seiner Wohnung wurden Tabletten gefunden. Ja und? Die Statistiken aller Krankenkassen belegen, dass psychische Erkrankungen immer mehr zunehmen. Diese sind längst ein Massen-Phänomen. Würden alle Menschen, die an solchen Problemen leiden, ihre Arbeit einstellen oder würden diese vom Job ferngehalten, würde unsere Wirtschaft still stehen.

Auch Menschen mit Depressionen sind keineswegs per se eine Gefahr für die Umgebung. Das wissen wir auch. Oder würde man sich weigern, zu einem Bekannten ins Auto zu steigen, wenn man um dessen Leiden wüsste? Wahrscheinlich nicht, sonst könnte man als Fußgänger nur noch in heller Panik herumlaufen. Schließlich gibt es mit Sicherheit depressive Bus-, Lastwagen- und Lieferwagenfahrer.

Wahr ist: Tödlichen Unglücksfällen oder auch Amokläufen kann nicht mit hundertprozentiger Sicherheit vorgebeugt werden. Es ist einfach möglich, dass jemand scheinbar völlig grundlos durchdreht. Wer das anders sieht, träumt vom Paradies auf Erden. Aber das wurde bisher noch nirgends erreicht. Leider.

PS: Die Bild-Chefs Kai Diekmann und Julian Reichelt haben ihre Motivation, den vollen Namen des „Todespiloten“ zu nennen, auf Facebook so beschrieben: „Wir haben es mit einem Mann aus der Mitte unserer Gesellschaft zu tun, der als Figur des Grauens, als bisher größter deutscher Verbrecher des (jungen) 21. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen wird.“ Nehmen wir an, es stellte sich heraus, dass der angebliche Massenmörder – wie vielfach gemutmaßt – tatsächlich krank war, so dass ihm die für einen Mord erforderliche Heimtücke gefehlt hat. Wie wird sich Bild dann bei den Angehörigen entschuldigen? Und noch etwas: Bei einer Namensnennung kommt es nicht nur darauf an, ob man etwas macht. Sondern auch, wie man es macht. Bild macht es übel. Eben so, dass es einem übel wird.

 

"Waldi" und die Qualität der Medien

Wir sind erschüttert. Alles, woran wir geglaubt haben, siecht dahin. Es gibt immer weniger Gewissheit. Was ist passiert? Waldemar Hartmann, Reporter-Legende des ARD-Sports hat als Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“ nicht gewusst, dass Deutschland im eigenen Land Fußball-Weltmeister geworden ist. Ein Experte, der nichts weiß! Die Medien quillen über von diesem Skandal.

Jetzt aber mal langsam. Jeder Mensch haut mal daneben, erlebt mal einen brutalen Blackout. Mein persönlicher Klassiker ist es, dass mir bei Menschen, die ich schon 20 Mal gesehen habe, bei einer spontanen Begegnung der Name nicht mehr einfällt. Der lustige „Waldi“ hat zudem geltend gemacht, dass ihn die schöne Kandidatin Lene Gehrcke verwirrt habe.

Nun hält man den Hartmann gemeinhin eher für weißbier- denn hormongesteuert. Aber das Phänomen, dass hinter dem Wohlklang einer   Frauenstimme der speicherfähige Inhalt verblasst, das kennen, nun ja, auch andere.

Die „größte TV-Blamage aller Zeiten“ aber lenkt den Blick auf ein anderes Themenfeld: die Qualität des Journalismus. Niemand darf erwarten, dass sich journalistische Experten stets auf Augenhöhe mit Wissenschaftlern oder ausgewiesenen Helden des sinnlosen Spezialwissens befinden. Ein schöner Lehrsatz über das Wesen des Journalismus lautet denn auch so: „Nichts wissen und das gekonnt ausdrücken.“ Was wiederum bedeuten soll, dass gute Journalisten/-innen vor allem wissen müssen, wie und wo sie sich interessante Fakten besorgen können.

Am Bedeutungsverlust der professionellen Medienmacher/-innen ändert das nichts. Denken wir etwa an den früheren Bundeskanzler Willy Brandt, der in diesen Tagen 100 Jahre alt würde. Er selbst war Journalist, seine engsten Vertrauten übten diesen Beruf aus. Das Ergebnis war eine Politik mit wirklichen Reformen. Die Meinung von Publizisten zählte etwas.

Heute wird vor allem jungen Journalistinnen und Journalisten von interessierter Seite eingebläut, dass sie in erster Linie Kostenfaktoren sind. Sie lernen, dass es immer jemand gibt, der ihren Job billiger macht. Man sagt ihnen, dass sie dankbar sein dürfen, wenn ihre Gedanken überhaupt veröffentlicht werden. Und sei es gratis.

Die von der Umsatzrendite beseelten Verlagsgeschäftsführer fordern inzwischen sogar eine Gehaltstarifgruppe für nicht-akademische Billig-Journalisten. Haben sie damit Erfolg, wir unser Lehrsatz alsbald wie folgt lauten: „Nichts wissen und das auch noch schlecht ausdrücken.“ Schöne neue Zeiten.

 

 

 

 

Wo Respekt ein Fremdwort ist

Kennen Sie das? Respekt? Es ist ein Wesenszug, der unserer Gesellschaft mehr und mehr abhanden kommt. Besonders deutlich zeigt sich das in der Wirtschaft.
Wenn Angela Merkel die Hände vor den Kanzlerinnen-Nabel legt, spricht sie auch gerne von der sozialen Marktwirtschaft. Abhängig beschäftigte Menschen seien den Ausbeutern nicht hilflos ausgeliefert. Dies sei in vielen Jahrzehnten Demokratie erreicht worden.
Stimmt schon, bloß: Bei uns wird die Uhr zurückgedreht. Es war doch die Verheißung eines humanen Wirtschaftens, dass Arbeitnehmer/-innen keine Zukunftsangst haben müssten. Wer sich in seinem Betrieb etabliert hatte, konnte davon ausgehen, dass seine Treue geschätzt und er seinen „wohlverdienten Ruhestand“ mit einer auskömmlichen Rente verbringen konnte. Die Grundbotschaft lautete „Du bist Dein Geld wert“.
Da hat sich der Tonfall grundlegend geändert. Wer arbeitet, ist für viele Arbeitgeber in erster Linie ein Kostenfaktor, der minimiert beziehungsweise prekarisiert werden muss. Wer eine faire Bezahlung fordert, muss zumindest ein schlechtes Gewissen haben, weil er damit seine Firma ruinieren könnte. Die Botschaft 2013 lautet: „Du bist Dein Geld nicht wert. Jedenfalls nicht jetzt.“
Unter diesem Motto ist eine neue Währung entstanden, nämlich die Aussicht auf späteren Ruhm. Daran kann mit Gratis-Praktika bei öffentlichen Einrichtungen wie Kulturbüros oder bei namhaften Architekten gearbeitet werden. Oder auch mit freier Mitarbeit in der Medienbranche.
Ein gutes aktuelles Beispiel ist die gerade gestartete deutsche Ausgabe der „Huffington Post“. Diese Internet-Zeitung war in den USA entstanden, um George W. Bush und seinen konservativen Medienjüngern als Fackel der Freiheit Paroli zu bieten. Bei uns wird sie vom konservativen Burda-Verlag herausgebracht. Wobei dieser nicht die Welt verbessern, sondern möglichst schnell Geld verdienen möchte.
Das Geschäftsmodell funktioniert aus Verlagssicht so: Du gibst uns Deine Texte und Bilder gratis. Wir bekommen die Vermarktungsrechte. Falls es mit einem Text rechtliche Probleme gibt, musst Du das selber regeln. Als Gegenleistung versprechen wir, dass Dich so viele Menschen lesen werden, wie nie zuvor in Deinem Leben. Was Du schreibst, ist uns nicht so wichtig.
Ist das Respekt? Sicher nicht, denn dieser drückt sich auch dadurch aus, dass arbeitende Menschen an der Wertschöpfung ihrer Firma beteiligt werden.
Jedoch, dass das Gegenmodell funktioniert, liegt auch in unserer Natur. „Aus Angst, mit Wenigem auskommen zu müssen, läßt sich der Durchschnittsmensch zu Taten hinreißen, die seine Angst erst recht vermehren“, formulierte schon der griechische Philosoph Epikur. Womit wir auch lernen: Wer keine Achtung vor sich selbst hat, wer alles mitmacht, ist des Ausbeuters bester Freund. Wir brauchen Respekt!

CSU-Affäre, oder: Die Macht der Problembären

Wie können die bloß so blöd sein? Angesichts der Drohanruf-Affäre der CSU schießt einem diese Frage ganz zwangsläufig durch den Kopf. Spätestens seit Christian Wulffs Absturz hätte eigentlich klar sein sollen, dass derartige Aktionen gegen die Pressefreiheit äußerst gefährlich sein können. Warum ist es trotzdem passiert?

An Übereifer beim bisherigen CSU-Sprecher Hans Michael Strepp glaube ich nicht. Trotz aller Dementis. Denn der Versuch, durch „gut gemeinte Hinweise“ Einfluss auf Medien zu nehmen, ist seiner Partei keineswegs fremd. So hat Markus Söders Ex-Sprecherin Ulrike Strauß beim Bayerischen Rundfunk erfolgreich gegen einen Beitrag interveniert. Vor allem aber lokale Medien werden das bestätigen.

Dazu muss man wissen, dass die CSU ihrem Wesen nach keine Großstadtpartei ist. Typische Themen oder Probleme der Zentren – Ablehnung von Institutionen, Vereinzelung, hoher Ausländeranteil, Arbeitslosigkeit, Straßenkriminalität, unkontrollierte Kreativität – sind ihr zuwider. Toleranz steht im Wertesystem der CSU nicht ganz weit oben. Sie ist mehr die Partei des „gesunden Menschenverstandes“, der mit Geranien geschmückten Eigenheime, der eifrig genutzten Beichtstühle und der Feuerwehrfeste. Laptop ja, aber bitte mit mentaler Lederhose. Dort, wo erfolgreiche Milchviehhalter Vip-Status haben, atmet der Geist der Christsozialen besonders frei. Ihr Generalsekretär Alexander Dobrindt stammt aus Peißenberg. 12.500 Einwohner hat diese Marktgemeinde. Das passt perfekt.

In solchen Umgebungen ist es normal, dass einer Partei wie der CSU nicht nur der verfassungsgemäße Beitrag zur politischen Meinungsbildung zukommt. Vor allem dort, wo sie unangefochten regiert, bestimmt sie auch gerne mit, was in der Zeitung steht. Die Ermahnung an Journalisten, dass man doch das Wohl der Stadt sehen möge, ist wohlbekannt.

Wir haben es also mit einem Problem der Mentalität und dem Verhältnis zur Macht zu tun. Die CSU war nach ihrer Wahlpleite von 2008 bescheidener geworden. Wenn aber, wie jüngst, die Umfragewerte nachoben gehen, werden die alten Denkmuster neu stimuliert. Und dann wird es gefährlich.

Das können Menschen treffend beschreiben, die das Innenleben der CSU bestens kennen. Wie etwa die allgemein kaum mehr ernstgenommene frühere „schöne Landrätin“ Gabriele Pauli. Sie hat zum aktuellen Geschehen Pressemitteilungen verschickt. Ich leiste mir den Luxus, daraus zu zitieren:

„‚Wenn Horst Seehofer die CSU als ‚bärenstark‘ bezeichnet, fallen mir sofort die Probleme mit dem ‚Schadbären‘ Bruno aus dem Jahr 2006 wieder ein. Man weiß ja, wie die Sache damals ausging, selbst der starke Bär wurde erlegt. Die Partei lullt sich derzeit mit bestellten honigsüßen Umfragen selbst ein. Die Partei hat nach wie vor ein grosses Frauenproblem und viele männliche ‚Problembären‘. Erst maulen sie über Monate hinweg lauthals gegen Merkels Europapolitik und fordern das Zudrehen des Geldhahns für Griechenland. Aber wenn die Kanzlerin beim Parteitag im Saal spricht, wirken Seehofer, Dobrindt und Söder wie kuschelige Teddybären und tanzen nach Merkels Taktstöckchen.“

Und zur Anrufaffäre lässt Pauli verbreiten: „Die CSU von 2012 unterscheidet sie in ihrer Skrupellosigkeit nicht von der CSU unter Edmund Stoiber. Sie ist machtvergessen und machtversessen. Die DDR wurde nicht aufgelöst, in Bayern lebt sie noch.“ Paulis Fazit zum missratenen Telefonat: „Das ist der Anfang vom Ende der CSU bei der Landtagswahl 2013.“

Interessante Analyse, verwegene Prognose. Würde beides stimmen, wär’s ein Wunder.



Wie weise sind die Wirtschaftsweisen?

Jetzt fragen wir doch mal Wikipedia: „Als Weisheit wird eine transkulturell-zeitlose, universal-menschliche, reale oder ideale, entweder als reifungsbedingt erwerbbar oder aber als göttlich verliehen gedachte exzeptionelle Fähigkeit bezeichnet. Sie zeichnet sich durch eine ungewöhnlich tiefe Einsicht in das Wirkungsgefüge von Natur, Leben und Gesellschaft, besonderes Wissen, eine herausragende ethisch-moralische Grundhaltung und das damit verbundene Handlungsvermögen aus.“

Erstmal herzlichen Glückwunsch, falls Sie diese Definition stolperfrei hinter sich gebracht haben. Sie klingt herausragend. Aber passt diese Beschreibung, zu den größten ökonomischen Denkern unserer Tage, den fünf Wirtschaftsweisen? Doch eher mal nicht.

Einen Rat der Weisen stelle ich mir als eine Gruppe mehrerer alter Männer und deutlich weniger alter Frauen vor. Menschen, die Krieg und Wirtschaftsaufschwung, im Zweifel auch Gamma-Strahlung und Cholera erlebt haben – und die auf dieser Basis in aller Sorgfalt die Welt analysieren. Ich denke da an Heiner Geißler, Helmut Schmidt, Arnulf Baring, Peter Scholl-Latour und – als Gaststar – Madeleine Albright. Ihrem Urteil könnten wir trauen, weil sie ja nun rein wirtschaftlich nichts mehr zu gewinnen oder zu verlieren haben.

Aber diese Leute vom „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ nehme ich nicht ernst. Jedes Jahr wird ihr Auftritt vor der Pressekonferenz als Top-Nachricht durch die Medien genudelt. Und immer wieder stellt sich heraus, dass die Prognose des Vorjahres falsch war.

Ganz ehrlich: Ich würde bei meiner Geldanlage inzwischen eher Krake Paul, der Volksfest-Kaffeesatztante Madame Julischka oder Kater Carlo vertrauen. Aber was soll ich mich ärgern? Wut ist unweise. Da suche ich lieber Trost bei großen Denkern.

„Alle menschliche Weisheit liegt in den zwei Worten »Harren und Hoffen!«“. So sprach Alexandre Dumas. Und ein weiteres Wort zur Eurokrise stammt von Adolph Kolping: „Sich heldenmütig ins Unvermeidliche fügen ist ja auch Weisheit.“ Wer’s glaubt, wird vielleicht selig.

Mein Rat: Junge Leute in die Politik!

Das Leben könnte so einfach sein. Würde ich bloß auf die richtigen Leute hören. So etwa auf den grießgrämigen Genmanipulator Thilo Sarrazin und auf dessen Ehefrau, die fiese Lehrerin. Ich wüsste dann, dass die Jugend schlecht, faul und unfähig ist. Ich wüsste, dass sich Deutschland abschafft und dass ich froh sein darf, wenn ich später von meinem bisschen Rente leben kann.

Mein Weltbild wäre nicht wirklich schön, aber klar und somit insgesamt in Ordnung. Bloß: Ich höre nicht auf die Sarrazins. Sondern schaue selber hin. Weiter lesen