Beendet das Politbarometer!

Bei den Wahlverlierern wird aufgeräumt. Köpfe rollen, Strategiepapiere werden geschrieben. Es soll kein „Weiter so“ mehr geben, alles soll schneller, schöner und besser werden. Dabei wäre eine andere Entscheidung viel wirksamer: Beendet das Politbarometer!

SPD und Union wissen nicht mehr, was los ist. Selbst beste Beschlüsse und klügste Gesetze interessieren die Wählerschaft nicht mehr. Für die gelegentlich noch immer Volkspartei genannten Vereinigungen gibt es offenbar nur eine Richtung: Es geht nach unten, unter 40 Prozent, unter 30, 20 oder gar 10 Prozent. Diskutiert wird nur noch darüber, wer als nächstes sein Amt verliert.

Dabei geht es der Wirtschaft gut. Was also läuft schief? Meine Antwort: It’s the statistic, stupid.

Das Grauen begann vor 25 Jahren. Die 1993 gegründete Zeitung Die Woche machte die so genannte Sonntagsfrage zu ihrem Markenzeichen. Alle sieben Tage wurde auf Seite 1 prognostiziert, wie die deutschen Parteien abschneiden würden, wenn aktuell gewählt würde. Das Blatt wurde 2002 eingestellt, die Idee der wöchentlichen Nabelschau setzte sich durch und findet bis heute als Politbarometer oder Deutschlandtrend große Beachtung.

Verständlich, handelt es sich doch um leicht verdauliche Informationshäppchen. Man erfährt, dass im Falle einer Neuwahl die SPD je 0,2 Prozent an Grüne und AfD verlieren würden. Wir sehen, lesen oder hören, dass Horst Seehofer nur noch bei minus 0,8 liegt, während Sahra Wagenknecht von minus 0,7 auf 0,6 geklettert ist und damit neben Markus Söder zu den 50 unbeliebtesten Staatspolitikern gehört. Mit 1,5 ist Wolfgang Schäuble beliebtester Politiker des Landes. Er leitet seine Sitzungen auch besonders schön.

Was für ein elender Krampf, was für ein ärgerlicher dazu. Denn der Mensch lernt durch Wiederholung. Und wenn dir Woche für Woche vorgeführt wird, dass die Regierung keiner mehr mag, dann verfestigt sich ein Trend. Egal, was wirklich passiert.

Ein guter Schritt zur Erneuerung der Politik wäre also, auf die politischen Wetterberichte zu verzichten. Medien sollten stattdessen jede Woche ein neues Gesetz oder eine Verordnung klug vorzustellen und zu analysieren. Jede Wette: Die Menschen wären klüger, den Verlierern ginge es wieder besser. Jedenfalls nicht ganz so schlecht.