Ein Restbestand an Empathie

Die Verrohung dieser Gesellschaft wird vielfach beklagt. Unerhört sei es, wie sich die Menschen in diesen sozialen Netzwerken oder aber im Straßenverkehr attackierten und beleidigten. Es gibt aber auch den Effekt des Abstumpfens und des Sichgewöhnens, zu erleben an unserem gewandelten Blick auf Flüchtlinge.

Man darf davon ausgehen, dass uns jene Szenen, die uns von der griechisch-türkischen Grenze oder von der Insel Lesbos ins Wohnzimmer gesendet werden, vor diesem ominösen Jahr 2015 erschüttert hätten. Wir hätten dieses hässliche Geschehen schwerer zu ertragen. Es hätte Proteste gegeben. Denn Europa, das christliche Abendland, verlöre hier seine Seele.

Heute sind solche Stimmen in der Minderheit. Wir nehmen Tränengas und Blendgranaten eher als gegeben hin. Wir hören unaufgeregt zu, wenn sich Ursula von der Leyen als neue Eiserne Lady inszeniert. Selbst den Papst in Rom scheint die Kraft verlassen zu haben.

Klar, jeder Staat hat das Recht, seine Grenzen zu verteidigen. Griechenland sowieso, weil man dort weiß, dass von den meisten Mitgliedern unserer mit dem Friedensnobelpreis prämierten Staatengemeinschaft keinerlei Hilfe zu erwarten ist. Doch jedes Loch im Zaun ermuntert Menschen, die nach einem besserem Leben suchen. Das ist das große Dilemma.

Und trotzdem ist es gut, wenn nun in Deutschland bis zu 1500 Kinder und Jugendliche aufgenommen werden, die auf der Insel Lesbos ohne Familie und bis jetzt ohne jede Zukunft festsitzen. Über sie gibt es erschütternde Berichte von Ärzten und Betreuern. Manche sind teilnahmslos geworden, lassen ihr Leben bloß noch an sich vorbeiziehen.

Wird ihnen geholfen, zeigt sich wenigstens ein Rest von christlich-abendländischer Empathie. Ansonsten dürften Historiker über die Europäer des Jahres 2020 in einigen Jahrzehnten diesen Satz schreiben: „Sie hatten Geld. Aber kein Herz.“ Ein Grund, um stolz zu sein? Nein? Alsdenn…