Ob Krisenherd oder Lotto: Hohe Bälle machen glücklich

Ob man sich glücklich oder niedergeschlagen fühlt, hat immer mit der persönlichen Wahrnehmung zu tun. Pickel auf der Seele verursacht uns etwa das Gefühl, dass uns Informationen  intellektuell überfordern. Und dazu genügt mitunter die Lektüre einer einzigen Tageszeitung.

Darin steht beispielsweise, dass die Wirtschaft die Krisenherde spürt. Sofort fragt man sich, ob diese gegen die kalte Progression helfen, die uns ja gräßlich frösteln lässt. Man erfährt aber auch, dass sich die Chefin der bayerischen Staatskanzlei, Christine Haderthauer, wegen einer Modellauto-Affäre im Kampfmodus befinde. Ihr Vorbild dabei sei die Superheldin Lara Croft.

Diese ist virtuell, wird aber leibhaftig von Angelina Jolie gespielt. Fragt sich also, wer Frau Haderthauers Brad Pitt ist. Horst Seehofer wäre – bei allem Respekt – für diese Rolle fehlbesetzt. Bleibt als hochrangiger Parteifreund Finanzminister Dr.Markus Söder. Und dieser wagt sich tatsächlich an schier übermenschliche Aufgaben. Ihm wird es zu verdanken sein, wenn Westmittelfranken in eine “neue Förderkulisse” aufsteigen wird. Dank “dezentraler  Entwicklungsachsen”.

Wir wissen nicht, was das ist. Aber hier handelt ein Held. Oder? Gleichfalls lesen wir nämlich, dass der von ihm geschaffene Sandstrand am Wöhrder See in Nürnberg von Enten und Gänsen erobert wurde und gnadenlos zugekackt wird. Dieser Mann, der mit der geballten Landtags-Opposition je nach Lust und Laune mehr oder weniger heftig Schlitten fährt, kapituliert vor einer Ansammlung von Stadtgeflügel?

Wer soll sich da glücklich und geborgen fühlen? Letztlich sind wir – wie bei verrückten Lottozahlen – dem Zufallsgenerator des Lebens ausgeliefert. Doch wir resignieren nicht. Haben doch die deutschen U-19-Fußballer ihre  Europameisterschaft gewonnen. “Gegen tief stehende Portugiesen”, wie die Zeitung schreibt. Unsere Wahrnehmung ist eindeutig: Hohe Bälle machen glücklich.

Die Jobmaschine Spionage

Ein Problem dieser Gesellschaft ist der Pessimismus. Wenn es darum geht, ob eine Krise nun eine Chance oder das Verderben sei, entscheiden wir uns allzu gerne für die letztere Antwort. So ist es auch bei der aktuellen Spionage-Affäre.

Zunächst einmal: Gnadenloses Ausspähen war und ist das Wesen paranoider Staaten. Diktaturen, die vom Wesen her Politik gegen ihre Untertanen machen, sind so. Aber auch die USA. Wo der Waffenbesitz als Grundrecht gilt, muss der Verfolgungswahn gewaltig sein.

Das ist so, das ist nicht zu ändern. Wenn wir aber dieses wissen: Warum verschwenden wir so viel Energie darauf, über diesen Zustand zu jammern? Das Glas ist halbvoll! Sehen wir lieber die Chancen der aktuellen Entwicklung. Und die sind gewaltig.

Eine Dienstleistungsgesellschaft wie die unsere ist unablässig damit beschäftigt, für die in ihr lebenden Menschen mehr oder weniger sinnvolle Aufgaben zu finden. Man betrachte nur die von schnuckeliger Musik unterlegten Anstrengungen der Telekommunikations-Konzerne, uns sinnlose Tarif-Verrenkungen oder Apps als lebensnotwendig zu verkaufen.

Sehen wir also das Positive: Wenn sich eine Gesellschaft konsequent daran macht, andere Nationen, am Ende aber die eigenen Leute in jeder Lebenslage zu überwachen, generiert sie ein überragendes Beschäftigungspotential. Vermutlich 60 Prozent des Bruttosozialproduktes der DDR dürften auf die Arbeit der Stasi und ihrer Töchterunternehmen zurückgegangen sein. Und wenn die USA pro Jahr 50 Milliarden Euro für Bespitzelung ausgibt, Deutschland aber nur 800 Millionen, dann ist gewaltig Luft nach oben.

Seien wir also nicht verängstigt, und werfen wir sie an, die Jobmaschine Spionage. Denken wir daran, wie wunderbar sich dieses Projekt in unserem dualen Bildungssystem verankern lässt. Beginnend vom Hilfs-Spitzel über den dreijährig ausgebildeten Guck-und-Horch-Gesellen bis zum IHK-geprüften Master auf Spience und zum Bachelor of Späh.

Das Bruttosozialprodukt wird explodieren. Und: Dank Facebook ist der Erfolg garantiert. Denn schwer ist Bespitzeln in diesen Zeiten ja wirklich nicht mehr.

 

 

Klima wandelt sich, der Mensch nicht

„Klimawandel immer schlimmer“. So haben Schlagzeilen der vergangenen Tage gelautet. Wir haben erfahren, dass in hundert Jahren riesige Gebiete nicht mehr bewohnbar sein werden. Und dass auch wir in unserem schnuckeligen Landstrich damit rechnen müssen, dass uns zirka drei Mal im Jahr durch Regen und Sturm das Dach abgedeckt wird. Sofern unsere Häuser nicht umgeweht werden.
Und nun? Passiert was? Wird sich etwas ändern? Ich sage Nein. Denn wir sind bloß Menschen. Unsere Vorstellung von der Zukunft trügt, sie hängt auch stark von der allgemeinen Stimmung ab. Nach der Mondlandung 1968 war für uns klar, dass im Jahr 2000 die erste Mars-Kolonie Richtfest feiern und unsere Autos zehn Meter über dem Grund schweben würden. Als 1990 die Fußball-Weltmeisterschaft gewonnen wurde, glaubten wir gerne Franz Beckenbauers Prognose, dass die wiedervereinigte deutsche Nationalelf auf viele Jahre hinaus unschlagbar sein würde.
Heute sind uns Visionen jedweder Art abhanden gekommen. Bundesumweltminister Peter Altmaier etwa ließ zu den neuesten Klima-Katastrophenberichten Folgendes verbreiten: “Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, sei nur mit den richtigen Weichenstellungen zu erreichen.” Diese billige Sprechblase wird es bestimmt nicht in die Stratosphäre schaffen. Wir wissen, dass uns, spätestens aber unserer Nachfolge-Generation, kollektive Altersarmut drohen wird. Wir sehen, dass wir kein Vermögen aufbauen können, weil es keine Zinsen mehr gibt. Was sollen uns da ein paar Naturkatastrophen schrecken? Die Zukunft wird öde, wir kriegen Hartz Fünf bis Zehn. Aber das ist halt so. Sollen sich die Eisbären eben anstrengen, dass ihnen Kiemen wachsen.
Wir Menschen sind nicht für den Wandel gemacht. Wer von uns schafft es schon, Gewohnheiten ersatzlos aufzugeben? Es mag sich ja mancher Ex-Raucher die Zigaretten abgewöhnen. Aber er lutscht dann eben Bonbons und wird dick und dicker. Durch die Super-Wahnsinns-Spezial-Diät verlieren wir 30 Kilogramm. Um innerhalb von sechs Monaten 40 Kilogramm zuzunehmen. Wir sind Pendelwesen, die den Drang haben, nach einer Phase der Veränderung in die Ausgangsposition zurückzukehren.
Ist demnach alle Zukunftshoffnung dahin? Nicht unbedingt. Nehmen wir an, die Klimaforscher seien ähnlich kompetent wie die so genannten Wirtschaftsweisen. Hoch angesehene Professoren, die der Politik das Handeln diktieren, aber mit ihren Prognosen meistens falsch liegen. Dann kommt alles ganz anders und der Klimawandel macht aus dieser Erde ein Paradies für alle. Das ist die Vision. Ansonsten möchte man kein Kind sein.

Unser Wachstum wächst verkehrt

Sauber haben wir die Kurve gekriegt: Es gibt wieder Wachstum in Europa! 0,3 Prozent! Ist demnach die Eurokrise dabei, ähnlich geräuschlos zu verschwinden, wie seinerzeit der Rinderwahnsinn? Geht es endlich wieder aufwärts? Bekommen wir blühende Landschaften von Lissabon bis Mykonos?

Interessierte Kreise haben natürlich sofort den Verdacht gestreut, Angela Merkel habe die neuesten Zahlen für die Eurozone als Wahlkampfhilfe angefordert. Lassen sie sich doch so lesen, als haben die harte Hand unserer Kanzlerin die Wirtschaft unseres Kontinents wieder auf Kurs gebracht. Das ist schwer zu glauben, denn so glänzend sind die Zahlen und Perspektiven auch wieder nicht. Andererseits leben wir auch nicht in Zeiten der unbestechlichen Wissenschaft. Wer einem Universitäts-Professor eine Studie finanziert, darf auf ein Ergebnis seiner Wahl zumindest hoffen.

Mit den Zuwachsraten ist das ohnehin so eine Sache. Manche Sparbriefe früher waren wie Gelbwurst in der Landmetzgerei. Es galt das Motto “Derf’s a bissala mehr sei?”. Ja, acht Prozent pro Jahr, komplett risikofrei, hat es mal gegeben. Zwar war die Inflationsrate höher als heute, doch es war gut für’s Lebensgefühl, wenn sich Geldbeträge sichtbar vermehrt haben. Das ist vorbei, vermutlich auf ewig.

Die Sehnsucht nach Wachstum hat aber auch irrationale Züge. Ist es überhaupt gut, wenn das Bruttosozialprodukt nach oben schießt? Die Antwort lautet, wie so oft im Leben: “Es kommt darauf an.” Denn es gibt Wachstum, dass wir besser nicht haben. Wenn die Menschen rauchen oder immer dicker werden und deshalb öfter zum Arzt gehen und immer mehr Tabletten fressen, steigert das die Wirtschaftsleistung. Wenn Strom und Benzin teurer werden, passiert das auch. Wenn zehn dicke SUV’s verkauft werden, ist das gut für’s Bruttosozialprodukt, macht aber das Leben nur für wenige Menschen schöner.

So ganz wird man den Eindruck nicht los, dass das Wachstum an der falschen Stelle wächst. Sechs Prozent Inflation bei Lebensmitteln, Preiserhöhungen im Nahverkehr, immer mehr schlecht bezahlte Jobs. Wenn man dagegen hält, dass am Ende – alles in allem – 0,3 Prozent Plus herauskommt, dann ist für die große Masse wenig bis nichts erreicht. Aber wir haben es ja so gewählt/gewollt.

 

 

Prima, wir sind alle reich!

Haben Sie schon bemerkt? Wir sind reich, jawohl! Und werden immer reicher. Um sagenhafte 52 Milliarden Euro ist nach offiziellen Angaben das Geldvermögen der Menschen in Deutschland im ersten Quartal dieses Jahres gewachsen. Also: Seien wir dankbar. Machen wir Schluss mit unserem Gejammer.

Mit 4992 Milliarden Euro hat unser Vermögen einen neuen Rekordwert erreicht. Das meldet nicht etwa die Propagandaabteilung der Bundesregierung, sondern die selbstverständlich in jeglicher Hinsicht unabhängige und vertrauenswürdige Bundesbank. Im Vergleich dazu nehmen sich die Schulden mit 1594 Milliarden Euro absolut überschaubar aus. Es geht aufwärts. Wohin auch immer.

Wir könnten jubeln, wenn diese famose Statistik nicht kleine Widerhaken hätte. Das Geldvermögen ist im Quartal um 1,1 Prozent gestiegen. Das ist zwar ein Vielfaches dessen, was es auf das Sparbuch gibt. In der Rechnung berücksichtigt sind aber zum Beispiel auch die Ansprüche gegenüber Versicherungen. 4,4 Prozent jährliche Rendite erwarten wir da schon. Zudem existiert dieses Phänomen namens Inflation. Das frisst uns ein knappes Prozentchen weg. Bei Nahrungsmitteln, die für das Überleben nicht unwichtig sind, lag die Preissteigerungsrate zuletzt bei 5,7 Prozent. Wenn wir schließlich ans Gesamtvermögen denken, spielen auch Immobilien eine Rolle. Wenn deren Marktwert steigt, erhöht das den allgemeinen Reichtum, ohne dass der Mensch, der die nächsten 20 Jahre seine Wohnung abzuzahlen hat, auch nur einen Cent mehr in der Tasche hat.

Statistik besteht immer aus objektiver Wahrheit und mehr oder weniger stark gesteuerter Lüge. Wer etwa die Zahl der Hartz-IV-Aufstocker kennt, wird das deutsche Jobwunder kaum noch mit Verklärung anbeten. Wer liest, dass die deutsche Wirtschaft neuerdings den älteren Arbeitnehmern zu Füßen liegt, mag bejubeln, dass ein wachsender Anteil der 60-Jährigen noch täglich seinen Job ausübt. Wenn es darum geht, wie viele Menschen das tatsächliche Rentenalter als Arbeitnehmer erreichen, ist die Quote aber nach wie vor erbärmlich.

Ihre Stimmung ist jetzt erfolgreich versaut? Grämen Sie sich nicht. Denken Sie an Papst Franziskus und daran, wie sehr diesen frommen Mann sein eigener Reichtum ankotzt. Ihm reicht es völlig, wenn jemand da ist, der ihm zuverlässig das weiße Gewand bügelt. Mehr braucht er nicht. Von ihm lernen wir: Selig sind die zufriedenen Armen. Denn sie machen den Reichen das Leben leicht.

 

Unruhen? Wundern muss sich niemand

Revolution, Umsturz, Chaos: Böse Worte machen zurzeit in Europa die Runde. Vor allem in den südlichen Ländern der Eurozone steige die Gefahr von Unruhen, heißt es. Tja, warum eigentlich nicht?

Schließlich zeigt sich, dass für die Zukunft Europas ein wichtiges “Geschäftsmodell” fehlt. Nämlich für die Frage, wie die junge Generation sinnvoll beschäftigt werden kann. In Frankreich ist jede(r) Vierte zwischen 18 und 24 Jahren arbeitslos. In Italien jede(r) Dritte, in Spanien und Griechenland inzwischen mehr als jede(r) Zweite. “Null Bock” war im letzten Jahrtausend die Chiffre für eine Generation, die keine Lust hatte, die Zukunft nach Art ihrer Eltern und Großeltern zu gestalten. Heute steht dieser Begriff für das verkorkste Verhältnis von Staaten und Wirtschaft gegenüber jungen Leuten.

Warum eigentlich sollten die Betroffenen die derzeitige Lage akzeptieren? Warum sollten sich Menschen mit Hochschulabschluss damit abfinden, dass sie auf Arbeitssuche in ein anderes Land gehen, um dort eine lustige Pappmütze aufzusetzen und Hamburger in die Mikrowelle zu schieben? Wie fühlt man sich, wenn man erfährt, dass man für die freie Stelle an einer Discounter-Kasse 800 Mitbewerber(innen) hat? Kann es wirklich trösten, dass zumindest das Wetter gut ist, wenn man sich bei Billigwein aus der Zwei-Liter-Flasche mit Freunden auf dem Marktplatz trifft? Weil das Geld für höherwertiges Vergnügen fehlt? Und wie ist das Wohngefühl eines Menschen, der mit 40 ein Jugendzimmer voller Spanplattenmöbel sein kleines Reich nennen darf?

In Deutschland ist die Jugendarbeitslosigkeit relativ gering. Aber auch hier ist eine “Generation Altersarmut” auf dem Weg. Eine schleichende Enteignung durch Mini-Lohnabschlüsse und winzige Habenzinsen finden seit Jahren statt.

Dafür sind die Banken und das ihnen anvertraute Kapital – bei uns wie anderswo – immer noch der überragende Maßstab. Aber: Für wen wollen diese Geldinstitute in Zukunft arbeiten? Erwarten sie 20 Prozent Umsatzrendite dank des Ersparten aus leeren Taschen?

Es wäre gut, wenn die Wirtschaft begriffe, dass sie sich selbst schadet, wenn sie die Jugend ignoriert. Und die Politik? Sie ist zum Wandel fähig. Aber erst dann, wenn akut der Machtverlust droht. Nun denn…

Wenn die Bank beim Schrumpfen blutet…

“Wenn es dir gut geht, mach dir keine Sorgen. Die nächste Krise kommt bestimmt.” Angesichts dieses Sprichwortes sagen wir mit allem Nachdruck: Danke lieber Volksmund. Denn das ist selbstverständlich die Wahrheit. Der Euro schien längst sicher zu sein, da tauchte sie auf aus dem Nebel der Märkte: Zypern, die Insel des Grauens. Und mit dem neuen Stresstest schlägt wieder die Stunde der bürokratischen Sprachpanscher. Denn kapieren soll das Ganze lieber keiner.

Es ist ein Zeichen heutiger Krisen, dass man uns mit Begriffen zumüllt, die uns sofort signalisieren, dass unser Wissen und wohl auch unser Gehirn zu klein sind, um mit einer Angela Merkel geistig mitzuhalten. Die Frage, wie die EZB den ESF nutzt, um der EU zu helfen, überfordert uns schon. Aber geschenkt. Wir erfahren ja viel Schlimmeres. Etwa, dass auf eine “erzwungene Banken-Schrumpfung” ein “langer Wirtschaftseinbruch” folgt. Und wenn schon “revidiertes Hilfspaket”, dann wenigstens mit “gerechter Lastenverteilung”.

Klar, dass dann der “Rücktrittsdruck” steigt und dass das Schicksal eines Landes “auf Messers Schneide” steht. Anleger müssen “bluten”, weil der Zu- und Abfluss ausländischer Kohle in den Geldwäschereien zu unkontrolliert argelaufen ist und weil deshalb das “Geschäftsmodell” der “Finanz-Oase” kaputt ist. Blut fließt bis zu dem Zeitpunkt, an dem dieses Zypern seine “volle Schuldentragfähigkeit” wieder erreicht hat.

Denn, auch das lehren uns die Experten: “Wenn dadurch der Schulden­stand des Landes explodieren sollte, wäre auf lange Sicht keine Gesun­dung möglich.” Und an dieser Stelle würde ich intellektuell endgültig aussteigen. Weil ich meine, dass eine Explosion zwar eine Verwüstung hinterlässt, dass aber das Problem nach dem großen Knall nicht mehr da ist. Man könnte es Insolvenz nennen. Ich steige aber nicht aus – weil ich vor lauter Krisengipfel-Sprachschaum gar nicht ins Thema eingestiegen bin. Ich schaue lieber “Schwiegermutter gesucht” und denke mir: Ist doch alles egal. Die Angie wird’s schon richten…

Die Eurokrise und der verstrahlte Sparstrumpf

Die Eurokrise war mal etwas Großes. Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland, Portugal, Irland – das waren richtige Länder. Entweder wirtschaftlich bedeutend, kulturell überragend, als ehemalige Kolonialmacht prägend für die Weltgeschichte oder wenigstens schön grün, hoch musikalisch und sympathisch versoffen. Aber Zypern! Ja Himmel, was soll denn das jetzt?

Da muss also die gesamte europäische Krisenbewältigungs-Maschinerie angeworfen werden, um eine Mittelmeer-Insel mit 860.000 Einwohnern zu retten. Das entspricht ungefähr dem engeren Ballungsraum Nürnberg. Selbst der bei absurden Vergleichen gerne benutzte Operettenstaat Saarland zählt mehr Menschen. Und wegen dieser paar Leute muss sich unsere Kanzlerin hinstellen und dem zyprischen Volk den vollsten Respekt der Deutschen aussprechen? Während bei einer für Geldvernichtung zuständigen US-Ratingagentur die unvermeidbare Abstufung dieses Staates auf Triple-Ramsch vermutlich von einem nachgeordneten Sachbearbeiter erledigt wird?

Kann eigentlich nicht sein. Doch über allem schwebt eine große Parole: Zypern sei deswegen pleite, weil zu viel Geld von stinkreichen Russen zu aberwitzigen Konditionen auf dessen Banken gelagert sei. Da sei ein “Geschäftsmodell” grandios gescheitert.

Abgesehen davon, dass es sich bei diesem Begriff bei weiterhin inflationärer Anwendung durch unsere Volksvertreter um ein kommendes “Wort des Jahres” handelt, muss es uns tatsächlich Angst machen, dass inzwischen selbst Kleinstaaten für den Euro “systemrelevant” sind. Normalerweise müsste die zweitwichtigste Währung dieser Welt eine solche Inselpleite rückstandsfrei verdauen.

Stattdessen wollte man direkt auf die Konten der Bankkunden zugreifen. Wenn das so weitergeht, kommt der Sparstrumpf wieder in Mode. Zurecht: Die Guthabenzinsen sind eh nur noch knapp über Null, und was dem Volk gebührt sehen gerade die West-Rentner, denen famosen 0,25 Prozent Rentenerhöhung winken. Stopfen wir das Geld also lieber unter die Matratze, achten wir aber auf eine abschreckende Wirkung. Der Strumpf sollte ungewaschen oder radioaktiv verstrahlt sein.

Denn viele Gefahren für unser Esperanto-Geld lauern noch. Zur Eurozone gehören durch entsprechende Abkommen auch San Marino mit seinen knapp 30.000 Einwohnern sowie die vor Kanada gelegenen fränzösischen Inseln Saint-Pierre und Miquelon mit zusammen 6300 Einwohnern. Und schließlich gibt es da noch den Vatikan. Läppische 800 Einwohner, aber in sämtlichen dies- und jenseitigen Fragen hundertprozentig systemrelevant. Inszeniert sich da nicht gerade ein gewisser Franziskus als “Papst der Armen”? Die Ratingagenturen lauern schon…

Arme Heidi Klum: Die Krise vermiest uns die Bulimie

Sie ist schon arm dran, unser Germany’s First Top-Model, Heidi Klum. Nicht nur ihr Ehemann, sondern auch scharenweise Fernsehzuschauer sind ihr davongerannt. Und bestimmt fragt sich die gestrenge Modetante: Was ist bloß in diesem Land? Die Antwort kommt aus London. Schuld sind die Griechen, Spanier, Italiener und andere. Denn in der Wirtschaftskrise erstirbt der geheime Charme der Bulimie.

Forscher der Westminister-Universität haben das Phänomen in einer Studie mit dem Titel “The Impact of Psychological Stress on Men’s Judgements of Female Body Size” untersucht. Es geht also darum, wie Psychostress das Beuteschema von Männern verändert. Normalerweise sind Heidis zarte Wesen in ihren Kleidchen in Größe 34 und darunter die Inkarnation des Glamourösen. Entsprechend viele Männer träumten davon, mit einer solchen Begleiterin auf einer Party aufzutauchen. Sie waren bereit, dafür so richtig Geld rauszuhauen.

Doch das gilt nur, wenn ihre Seele  intakt ist und wenn die Zukunftsperspektiven stimmen. Doch heute wirkt die Finanzkrise als purer Stress, die Angst vor Geld- und Jobverlust macht Männer fertig. Dann heißt es:  Ade, schöne Zicke. Hallo, Mama. Im wissenschaftlichen Versuch bedeutete das, dass die unter Stress gesetzten Probanden üppige Frauen auf vorgelegten Fotos attraktiver fanden.

Damit bestätigten die Forscher die Hypothese, dass Menschen wie auch Tiere in Stresssituationen einen erhöhten Bedarf an Sicherheit haben. Evolutionsgeschichtlich gesehen signalisieren rundere weibliche Formen ausreichenden Zugang zu Nahrung, eine bessere Gesundheit und einen stabileren weiblichen Zyklus als dünne Frauenkörper, erläuterten die Forscher.

Und damit drohen Heidi Klum ganz schwere Zeiten. Sie hat das bereits gemerkt, und zu einem der letzten Mittel gegriffen. Sie ließ sich unter den Rock fotografieren und präsentierte lachend ihr mit Photoshop bearbeitetes Hinterteil.

Hilft bloß nix. Denn die Krise wird noch stärker werden. Also, Heidi: Lerne endlich, was es heißt, anständig zu essen. Oder gib deinen  Sendeplatz an ein erfolgversprechenderes Format ab: Tine Wittler und Dirk Bach präsentieren “Germany’s Next  Top-Moppel”.  Wir werden uns auf dem Sofa amüsieren und noch mehr Chips und Nüsse futtern als bisher. Denn das Signal zum unbegrenzten  Zugang zu Nahrung gefällt uns – in diesen schweren Zeiten.

Markus Söder, unser neuer König von Griechenland

Mal Baggerfahrer, mal Bergsteiger: Markus Söder

Mal Baggerfahrer, mal Bergsteiger: Markus Söder. Foto: Gerullis

Von Joschka Fischer stammt die Erkenntnis, dass ein Amt den Menschen mehr verändert als der Mensch das Amt. Bei Markus Söder hat man sich das erhofft. Man hätte meinen können, dass er als Herr über die bayerischen Schlösser und Seen sukzessive königlichen Sanftmut entwickelt. Aber Nein. Söder bleibt ein Haudrauf. Zurzeit knöpft er sich die Griechen vor.

Die Hellenen müssten, so meint er, schleunigst raus aus der Eurozone. Das sei wie beim Bergsteigen: “Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen.” Überhaupt müssten die Griechen selbstständiger werden. Denn “irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Aber macht sich Markus Söder nicht bloß ehrliche Sorgen um sein Franken- und Bayernland? Quatsch, er macht sich Sorgen um seine Partei. Die Dominanz der CSU im Freistaat ist gefährdet, und deshalb besinnen sich ihre Strategen auf alte Traditionen. Nämlich darauf, dass die Partei immer dann am erfolgreichsten war, wenn sie vorgeben konnte, das Land gegen einen bösen Feind zu verteidigen. Egal, ob von innen oder außen. Hauptsache, es galt das “mir san mir”.

Kostproben gefällig? 1949 wurde  der Slogan “Ich bin Christ, bin Bayer und Deutscher. Darum wähle ich CSU” plakatiert. 1953 hieß es: “Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau!”. 1957 kam der Spruch “Denkt an Ungarn: Seid wachsam!”. Weiter ging es mit “Setzt Deutschland nicht aufs Spiel” (1961), “Die Enteignung ist bei der SPD einkalkuliert!” (1972) und dem legendären “1976 Jahr der Entscheidung Freiheit oder Sozialismus”. 1980 warb die CSU mit dem Spruch “Endstation Volksfront”, 1986 mit  “Gegen Terror und Gewalt. Den inneren Frieden sichern” und 1990 mit “Schluss mit dem Asylmissbrauch”.

Mal waren es die Kommunisten und Sozialisten, dann die Ausländer, die Sozialhilfeempfänger und später die Islamisten. Immer war das weiß-blaue Biotop für Laptop und Lederhosen bedroht. Und immer gab es nur eine Rettung: Die CSU.

Jetzt also leben die Monster im Süden Europas. Die Griechen, die mit ihrer unfassbaren Faulheit, ihren falschen Zahlen und ihrer grundsätzlichen Unfähigkeit die bayerische Idylle und das christliche Abendland insgesamt in den Abgrund ziehen. Da kappen wir das Seil. Sollen sie doch samt ihren Faulenzer-Inseln in den Fluten der Ägäis versinken.

Wie es richtig geht, wüsste unser Finanzminister, wenn er nur einen Funken Geschichtsbewusstsein hätte. Seit 1826 war Griechenland völlig überschuldet. Und um Kredite von 472.000 britischen Pfund sowie 60 Millionen Drachmenedit durch England, Frankreich und Russland politisch abzusichern, haben die europäischen Großmächte von außen eine Monarchie installiert. 1832 wurde der bayerische Prinz  Otto, Sohn von König Ludwig I. von Bayern, als Otto I. König von Griechenland.

Was damals funktioniert hat, kann heute nicht schlecht sein. Es wäre doch wunderbar, wenn König Markus I. bei Heimweh auf der Akropolis den Frankenrechen hissen ließe. Mit der Verwaltung von Schlössern kennt er sich ja schon mal aus.