Uns Donald und die zwei Prozent

Zahlen, Quoten, Kennziffern: Statistiken informieren uns, sie lenken uns und sorgen, je nachdem, für Freude oder Frust. Gerade passiert Letzteres bei den versammelten Europäern. Denn US-Präsident Donald J. Trump hat sie kollektiv abgewatscht. Zwei Prozent mehr für den Militärhaushalt hätten sie versprochen. Geschehen sei fast durchwegs nichts.

Mag ja sein, aber der Zorn des großen Egomanen sollte nicht verdecken, dass Zahlenspiele immer relativ sind. So arbeiten sich Arbeitgeber und Gewerkschaften vorausschauend an den Folgen der Digitalisierung ab. Was bedeutet das für die Arbeitsbedingungen? Wird noch genug Geld verdient? Sind die Renten sicher? Fragen, die diskutiert werden, weil Experten geschätzt haben, dass bis 2030 die Hälfte der heutigen Arbeitsplätze wegfällt. Sie haben geschätzt, wohlgemerkt. Es kann also auch anders kommen.

Publiziert wurde jüngst das Ergebnis einer Studie zur Prostitution in Deutschland. Demnach nähmen eine Million Männer täglich diese Dienstleistung in Anspruch, 400.000 Frauen stünden zwecks Anbahnung auf der Straße. Wenn man männliche Deutsche im nicht-prositutionsfähigen Alter abzieht, wird klar, dass es sich hier um eine der größten Branchen dieser Republik handeln muss. Männer sähen demnach die Hure ihrer Wahl öfter als ihre Fleischereifachverkäuferin.

Doch zurück zu Donald Trump. Bei diesen ominösen zwei Prozent sollte es nicht nur darum gehen, dass sie geleistet werden, sondern auch wofür. Der Präsident dürfte hier klare Prioritäten haben: Es geht darum, mit schönen Waffen gute Jobs zu schaffen. Frieden entsteht dadurch, dass man jemand ein High-Tech-Mündungsrohr vor die Nase hält. Wer dann nicht spurt, wird weggepustet.

Uns wurde erklärt, dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt wird. Wenn das aber so ist, geht es nicht nur darum, möglichst viele Einheimische zu bedrohen oder zu töten. Auch konkrete Hilfe vor Ort ist Landesverteidigung. Sie wird aber kaum im Verkauf von guten US-Waren bestehen. Ob ein Mister Trump das kapiert? Ungewiss. Sehr Ungewiss.

 

Donald Trump: Er bleibt ein Typ zum Fürchten

Es ist doch alles gar nicht so schlimm. So seufzt mancher erleichtert nach 100 Tagen Donald Trump. Der nach eigener Einschätzung tollste US-Präsident aller Zeiten habe einige Dämpfer bekommen. Manches an seiner Politik wirke schon sehr normal. So werde das auch weitergehen. Wenn wir uns da bloß nicht täuschen.

Richtig ist, dass Donald Trump einige Aha-Erlebnisse gehabt hat. Weder ist es leicht, per Dekret Muslime von den USA fernzuhalten oder eine Krankenversicherung zu zerstören. Die von Mexiko bezahlten Mauer bleibt wohl auch eine Illusion. Und setzt der Präsident nicht wunderbare Zeichen, indem er in Sachen Berater den Widerling Bannon abserviert und dafür seine hübsche Tochter hinaus in die Welt schickt?

Trotzdem haben wir allen Grund, uns vor diesem Mann zu fürchten. Er entdeckt nämlich nach und nach, wie er seine Macht wirksam anwenden kann. Und er hat gelernt, dass auch der größte Versager an der Spitze der Weltmacht USA die Menschen hinter sich bringt, wenn er Marschbefehle für Atom-U-Boote gibt, Raketen abschießen oder Bomben abwerfen lässt. Hinter einem Kriegsherrn schart sich das Volk zuverlässig.

Tabus sind nicht sein Ding. Oder hätte er sonst die „Mutter aller Bomben“ über dem Territorium eines verbündeten Staates abwerfen lassen? Fragen wir uns doch, was in Deutschland los wäre, wenn dieses Zerstörungs-Monstrum nach Evakuierung der Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern aufschlagen würde, weil die USA dort ein Terroristen-Nest vermutet haben?

Wir würden es kaum so gelassen sehen wie jetzt, wo es bloß um dieses Afghanistan geht.

Dieser US-Präsident wirkt auf uns manchmal wie ein schlechter Soap-Darsteller oder eine Karikatur. Harmlos doof ist er deswegen nicht. Auch Clowns können der Horror sein.

Ein Text für Franziskus: „Ihr könnt mich mal!“

Am Ostersonntag kommt es, das schöne Ritual: Der Papst tritt auf die Empore des Petersdoms, schaut auf die ergriffene Menge, die seinen Segen erwartet. Was aber wäre die derzeit treffendste Botschaft von Franziskus an die Menschheit? Vier Worte: „Ihr könnt mich mal!“.

So zwischendurch, nach einem guten Glas Wein, möchte man glauben, dass menschliche Evolution und Fortschritt dasselbe Ding seien. Tatsächlich könnten wir diese Welt zu einem richtig schönen Ort machen. Was damit begänne, dass wir andere Artgenossen respektvoll und mit Zuneigung behandeln. Stattdessen wird gemordet und gemordet und gemordet.

Die für uns schlimmsten Verbrecher sind, ganz klar, die Terroristen. Man fragt sich, was Menschen stolz macht, wenn sie unschuldige Zufallsopfer in den Tod reißen, um am Ende nichts zu erreichen, als dass Angst und Misstrauen wachsen? Was macht so ein famoser Kalif, wenn er hört, dass wieder erfolgreich Körper zerfetzt wurden? Beten? Onanieren?

Es gibt aber auch die Auftragskiller in Uniform, die immer nur ihre Pflicht tun. Wie lebt es sich als Kampfpilot, der zuerst ein Wohnviertel verwüstet hat, um nach dem Duschen seinen kleinen Kindern die Raupe Nimmersatt vorzulesen? Wie fühlt sich der Drohnen-Lenker, der am Joystick seiner Vernichtungs-Playstation abrutscht und deshalb statt einer Mörderbande eine Hochzeitsgesellschaft auslöscht?

Und wie geht es Richtern, die das Leben von Menschen für demnächst beendet erklären? Amnesty international hat gerade vorgerechnet, dass Todesurteile wieder in Mode kommen. In China, dem riesigen Reich mit den vielen schönen Lifestyle-Produkten, wurden im vergangenen Jahr weit über  tausend, vielleicht tausende Delinquenten ganz legal gemeuchelt. Im Iran, einem eigentlich wunderbaren Land, sind 567 Hinrichtungen amtlich verbürgt. In Saudi-Arabien, dem besten Stammkunden unserer Waffenfabriken, stirbt alle zweieinhalb Tage ein Mensch durch den Henker. In den USA herrscht aktuell Zurückhaltung, weil „humane Chemikalien“ für Todesspritzen schwer zu beschaffen sind.

Fraziskus redet über Auferstehung und Bergpredigt, während an vielen Ecken der Welt der Marsch zurück ins Alte Testament läuft.

Er sollte ruhig sagen, was er von dem Ganzen hält. Und falls er richtig sauer ist, würden auch zwei Worte genügen. Aber das wäre dem feierlichen Anlass gegenüber wohl doch zu unangemessen.

 

 

Nach den Bomben fehlen die Worte

Aleppo. Es gibt diesen Drang, etwas zu dieser Tragödie zu sagen. Besser noch, herauszuschreien. Aber die Worte fehlen. Warum ist es so?

Ein Stück weit ist es Fassungslosigkeit. Es passt nicht in meine Vorstellung von der Welt im Jahr 2016, dass eine bewohnte Stadt ohne Rücksicht auf die in ihr lebenden Menschen in Schutt und Asche gelegt wird. Totaler Krieg, das sollte doch seit 1945 vorbei sein.

Ein Stück weit ist es empfundene Sinnlosigkeit. Die Regierungen von Syrien und Russland haben ihre Soldaten reihenweise Kriegsverbrechen gegen Unschuldige begehen lassen. Bestrafen wird sie dafür niemand. Auch Mörder auf der Gegenseite werden einfach so davonkommen. Zu viele töten ohne eigene Angst.

Was bleibt? Die Frustration darüber, elend lange hilflos zugeschaut zu haben.

Schließlich die Hoffnung, dass es wenigstens jetzt besser wird. Dass möglichst viele Menschen, vor allem Kinder, gerettet und versorgt werden und irgendwann in ihrer Stadt neu beginnen können.

Daran möchte man glauben. Schweigend. Mehr geht gerade nicht.

 

 

 

 

 

 

Donald Trump – Der Film

Hollywood hat uns gelehrt, dass die US-Präsidentschaft zu den aufregendsten Jobs mit den eigenartigsten Besetzungen zählt. Man ist mächtigster Mann der Welt, man lehrt sogar feindseligen Außerirdischen das Fürchten. Man kann heroisch, aber auch trottelig sein. Die Karriere dieses Donald Trump erscheint uns trotzdem in ihrem Irrsinn unbegreiflich und noch nicht verfilmt. Wer also dreht hier gerade? Quentin Tarantino, Roland Emmerich, George Lucas oder Michael Moore?

Für die Präsidenten-Filme gelten zwei Leitgedanken. Entweder ist der Bewohner des Weißen Hauses ein hoch moralischer Held wie George Harrison in Air Force One. Oder es handelt sich um einen politisch unbedarften Darsteller, der – wie Kevin Kline in Dave – ins Amt hineinstolpert, dann aber einen richtig guten Job macht. Einen Schauspieler im Weißen Haus hatten wir schon. Ronald Reagan hat bis heute viele Fans.

Was aber erwartet uns bei „Donald Trump – Der Film“? Zunächst einige Hinweise zur Besetzung. Der Meister spielt sich selbst, klar. Gattin Melania wird bei Bedarf durch Miley Cyrus, Selena Gomez oder eine bislang unbekannte aserbaidschanische Daily-Soap-Schönheit ersetzt.  Für die Rolle der Clintons kommen nach Lage der Dinge Hellen Mirren und Richard Geere in Frage. Die Nebenrolle von Bernie Sanders übernimmt Woody Allen.

Die Geschichte geht so. Der verrückte neue Präsident nervt schon bald Gott und die Welt. Der CIA-Chef, gespielt von Jack Nicholson, weigert sich jedoch, zum Äußersten zu gehen. Aus Dankbarkeit dafür, dass Trump seinen Mitarbeitern das Waterboarding bei Ladendieben mexikanischer Herkunft oder islamischen Glaubens erlaubt hat. Also wird Trump entführt und auf eine von ihm selbst gebaute, aber unverkäufliche Bungalow-Siedlung in Florida gebracht. Diese wird von militärisch ausgebildeten Kampf-Alligatoren bewacht. Ein vom Establishment geschulter Doppelgänger (gespielt vom famosen Engländer Boris Johnson) führt derweil die Regierungsgeschäfte.

Allerdings gelingt es Donald Trump, eine temporäre WLan-Verbindung zu seinem langjährigen Männerfreund Waldimir Putin aufzubauen. Dieser lässt durch seinen Geheimdienst ein Klein-U-Boot namens „Rosa Oktober“ nach Florida schmuggeln. Und während der Vertretungs-Präsident bei einer Pokerrunde mit Erdogan, Orbàn, Le Pen und Berlusconi in eine Schlägerei verwickelt und K. O. geschlagen wird, taucht Trump mit durchgedrücktem Kreuz und frisch blondiertem Toupet im Oval Office auf.

Aus Rache für sein verletztes Ego will er einen Atomschlag gegen alles Nicht-Amerikanische starten. Weil er jedoch im entscheidenden Moment von Gaststar Lassie verbellt wird, drückt er den falschen Knopf. Dadurch wird das durch Fracking in Nord-Wisconsin gewonnene Friedens-Gas freigesetzt und über die ganz Welt verteilt. Alle Menschen werden Brüder. Trump schreit laut auf, fällt um und bleibt regungslos liegen (Option für Teil zwei).

Sie finden diesen Text albern? Schon, aber es wäre ungemein beruhigend, wenn alles bloß ein Film wäre. Die Kombination aus tumbem Denken und Fanatismus gefährdet hunderttausende Menschenleben. Das wissen wir seit George W. Bush. Hoffentlich erinnert man sich noch daran. Einen Oscar kann Donald T. sehr gerne haben.

 

„Beste Freunde“ können eklig sein

Seine Verwandtschaft kann sich niemand aussuchen. Es gibt nette Tanten, nervende Schwager oder hyperaktive Nichten. In der großen Politik ist das nicht anders. So genannte Verbündete hat man nicht unbedingt, weil man die anderen sympathisch findet. Es geht um das Sichern von Mehrheiten, um das Verwirklichen der eigenen Ziele, um billige Rohstoffe oder auch darum, unliebsame Neuankömmlinge fernzuhalten.

Angela Merkel kann davon ein Lied singen. Sie hat alles, zum Beispiel den Verbündeten vom Typ trotziges Kind. Dieser, nennen wir ihn Horst, kann  lieb sein, wenn ihm Mutti einen bösen Blick zuwirft. Sobald sie jedoch außer Reichweite ist, stampft er wütend auf den Boden. Und ruft „Obergrenze“, Obergrenze“ oder „Maut, Maut, Maut“. Eine Kanzlerin kann ihn ertragen. Er nervt zwar, richtet aber letztlich keinen Schaden an.

Weitaus komplizierter wird es beim Typ brutaler Zyniker. Er, nennen wir ihn Wladimir, kann bei Bedarf charmant flüstern. Er geht von seiner überragenden Bedeutung aus. Und wenn er sich zurückgesetzt sieht,  provoziert er, indem er anderen etwas wegnimmt. Man muss vorsichtig mit ihm umgehen, weil er richtig gefährlich werden kann. Geld wegnehmen, das geht noch. Auf die Finger klopfen aber nicht.

Und es gibt den perversen Onkel. Nennen wir ihn Salman ibn Abd Al-Aziz. Er hat Dinge, auf die auch für eine Kanzlerin wichtig sind. Erdöl etwa oder jede Menge Geld für den Kauf famoser Waffen. Wer unter seinem Einfluss lebt, muss strengsten Regeln folgen, über die noch nicht einmal laut nachgedacht werden darf. Er geht über Leichen. Trotzdem helfen wir ihm, dass er seine Macht über andere Menschen verteidigen kann.

Unser Horst übrigens hat im April letztes Jahr über den Regenten von Saudi-Arabien Folgendes gesagt: „König Salman ist eine beeindruckende Persönlichkeit… Er hat uns überzeugend dargelegt, dass es sein Hauptziel ist, dass die Menschen friedlich zusammen leben.“

Der perverse Onkel wird also hofiert. Er wird weiter zur Familienfeier eingeladen, er bekommt einen besonders schönen Sessel und ein extra großes  Stück vom Kuchen. Man muss bloß den Brechreiz unterdrücken. Aber keine Sorge: Wer Politik macht, lernt das irgendwann.

 

Die Sehnsucht nach der besseren Welt

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Seitdem Krisen in unserem Umfeld unaufhaltsam zunehmen, mehren sich die Berichte in Sachen Weltall. Als hätten wir hier auf der Erde nicht genug zu tun, lesen und sehen wir zusehends Texte und Bilder rund um die Frage, ob es da draußen andere Lebewesen gibt und ob sich ein Umzug für die Menschheit lohnen könnte.

Wir erfahren von einem deutschen Astronauten und einem fahrbaren Roboter aus Berliner Produktion, die demnächst zum Mond fliegen könnten. Eine Forscherin erprobt im Zuge einer wissenschaftlichen Simulation das Leben auf dem Mars. Die ganz Verwegenen lockt der Planet 452 b als möglicher neuer Lebensraum.

Warum faszinieren uns solche Gedankenspiele so sehr? Nennen wir es romantische Sehnsucht. Wir wissen zwar, dass das Weltall ein überwiegend tödliches Umfeld ist und dass alle für uns erreichbaren Planeten außer Steinen und Staub nichts zu bieten haben. Aber trotzdem wäre es doch schön, einen Planeten ohne unsere Probleme zu finden. Ohne Kriege, verzweifelte Flüchtlinge, kriselnde Währungen, ohne Klimawandel, Pflegenotstand und ohne Lieder von Helene Fischer.

Wenn schon fast alle unsere Versuche, das Paradies auf Erden zu schaffen, in Diktaturen geendet sind, wenn das eigentliche Paradies – je nach Glaubensrichtung – ungewiss oder nur durch Mord und Totschlag zu erreichen ist: Ist es da nicht allzu verständlich, dass man wegmöchte? Wer ins Weltall fliegen kann, hat die Macht, den ganzen Mist zurückzulassen. Und wird vielleicht eine viel bessere Welt mit viel besseren Lebewesen finden. Welch eine Verheißung!

Nun ist irdisch-rationales Denken dem Galaktischen und Intergalaktischen vielleicht nicht angemessen. Tun wir es trotzdem, müssen wir davon ausgehen, dass es kaum einen bewohnten Planeten geben dürfte, auf dem sich Lebewesen nicht von anderen Lebewesen ernähren. Selbst eine rundum vegan organisierte Gesellschaft würde auf diesem Prinzip beruhen. Wenn aber der Vorteil auf Kosten anderer erworben wird, ist das Böse auch in dieser fremden Welt.

Und was könnte wohl passieren, wenn wir in Richtung Planet Sorgenfrei davonflögen? Entweder wir treffen auf eine überragend kluge Spezies, welche vorab wissen würde, was für seltsame Asylbewerber im Raumschiff daherkommen. Oder wir würden Leuten begegnen, deren geistige Entwicklung irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter angekommen ist. Also auf IS-Truppen oder auf Neonazis aus Ostsachsen.

In beiden Fällen würde die Ankunft unserer Abgesandten doch so aussehen: Die Rampe geht herunter, sie treten in ihrem Raumanzügen nach außen, heben freundlich grüßend die rechte Hand – und werden erschossen.

Wir sollten also begreifen: Das Weltall lohnt sich nicht. Unser Platz ist hier. Mit all seinen Problemen. Leben wir unsere Sehnsucht. Lösen wir sie!

 

 

 

 

 

Ein Gedenktag ist wieder wichtig – leider

„Nie wieder Krieg!“ So wichtig und zugleich so utopisch war dieser Aufruf schon lange nicht mehr. Rund um diesen Antikriegstag, dem 1. September 2014, scheint alles in die andere Richtung zu laufen. „Überall Krieg“ ist unser Gefühl.

Der plötzlich wieder wichtige Gedenktag hat seinen Ursprung im Osten. 1950 wurde er erstmals in der DDR als „Weltfriedenstag“ gefeiert, damals zur Erinnerung an den Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen. Jahre später wurde in Westdeutschland vom Deutschen Gewerkschaftsbund zum Antikriegstag aufgerufen. Zuletzt haben ihn viele Menschen als überflüssiges Ritual von notorisch Friedensbewegten belächelt.

Und jetzt erleben wir fassungslos, wie uns der Krieg ganz nahe kommt. Auch, weil er uns eifrig nähergebracht wird. Die „Bild“-Zeitung hetzt gegen Putin und zieht über die westlichen Politiker her, die nach ihrer Wahrnehmung nur reden, reden und reden. Bundeskanzlerin Angela Merkel stimmt die Menschen darauf ein, dass nicht nur Deutschland am Hindukusch verteidigt wird, sondern dass die Terroristen des so genannten „Islamischen Staat“ schon in Kürze in unseren Städten auftauchen werden. Falls man sie nicht mit deutschen Waffen stoppt.

Und so nimmt der Wahnsinn seinen Lauf. Man schickt Kriegsgerät an üble, korrupte Gestalten, um den Blutrausch der vermeintlich komplett Irren vom „Islamischen Staat“ zu stoppen. Deren reiche Freunde in Katar reden mit uns  derweil lieber vom Fußball. Und wahrscheinlich wird es nicht mehr lange dauern, ehe „der Westen“ den syrischen Giftgas-Mörder Assad zum Verbündeten erklärt. Was wiederum den russischen Präsidenten mit den kalten Augen mittelbar zum Freund macht.

Ja, man sieht mit hilfloser Wut, dass es tausende Menschen gibt, deren Erfüllung es zu sein scheint, Herr über Leben und Tod zu sein. Deshalb fällt es schwer, zu bedenken, wem all die Waffen in ein paar Jahren gehören und welche Verbündeten die Feinde von morgen sein werden. Die Frage ist zurzeit nur, wie man sich weniger falsch verhält. Für Frieden zu werben, ist aber wieder richtig wichtig. Und richtig- Trotz alledem.

 

 

 

 

 

 

 

Das mörderische Erbe eines Dummkopfs

George W. Bush: Hätte er doch immer bloß gemalt.

Herr Bush: Hätte er doch immer bloß gemalt.

Warum Barack Obama im Jahr 2009 den Friedensnobelpreis bekommen hat, haben die meisten Menschen schon damals nicht kapiert. Einige gute Reden über die Versöhnung der Kulturen und der Welt als solcher haben seinerzeit genügt. Heute zeigt sich mehr denn je: Man hätte dem  US-Präsidenten diesen Preis besser erspart. Denn es war klar, dass er nicht als neuer Messias in die Geschichte würden eingehen können. Dafür war schon zuviel passiert.

Gerade muss sich Obama am Stichwort „Rote Linie“ abarbeiten. Diese wäre überschritten, sagte er, falls das Assad-Regime in Syrien Giftgas gegen die rebellische Bevölkerung einsetzen würde. Inzwischen sind viele hundert Menschen durch chemische Waffen ums Leben gekommen. Der Präsident steckt nun in jenem Dilemma, das normale Menschen  aus der Erziehung kennen: Leere Drohungen machen die Sache oft nur noch schlimmer. Also bombardieren, einmarschieren, in einem weiteren Krieg mitmischen? Oder zusehen? Es geht es um zig-tausende Menschenleben. Ein irrwitziges Dilemma für den, der hier entscheiden muss. Es sei denn, die Opfer interessieren ihn nicht.

Es wäre also der ideale Job für einen dummen Psychopathen. Und den hatten wir ja. Nämlich George W. Bush, jenen US-Präsidenten, von dem wir zunächst geglaubt hatten, dass er vor allem ein Fall für’s Kabarett wäre. Niemand wäre je auf die Idee gekommen, diesen unter halbseidenen Umständen ins Amt gekommenen „mächtigsten Mann der Welt“ auch nur annähernd mit Intelligenz in Verbindung zu bringen. Er war für uns der Protoyp des US-Bürgers, der auf seiner Ranch Kühen hinterherreitet, Nachbarschaftkonflikte mit dem Gewehr erledigt, aber auf der Landkarte Frankreich nicht von Indien unterscheiden kann.

Möglicherweise hat er im Oktober 2001 in einem Anflug von prophetischer Gabe zur weiteren Regierungsarbeit nach den Terroranschlägen dieses erklärt: “There’s no doubt in my mind, that we will fail.” – “Es gibt in mir keinen Zweifel, dass wir scheitern werden.” Danach hat er einen mit Lügen begründeten Irak-Krieg vom Zaun gebrochen und die komplette Region in Aufruhr versetzt.. Die Politik des Missionars Bush, der den Arabern – angeblich – die Demokratie beibringen wollte, hat Hunderttausenden das Leben gekostet. Und sein Nachfolger kann sich nun überlegen, welcher seiner künftigen Fehler der kleinere sein wird.

George W. Bush wiederum sitzt auf seiner Ranch und malt Bilder von Hundebabys. Schön kindlich-naiv, ganz so, wie wir ihn in unseren fröhlichen Momenten angeschaut haben. Politisch hat er nichts mehr zu melden. Das ist der einzige, winzig kleine Trost. Sein Erbe hingegen ist unterträglich.

Wie war mein 11. September?

In diesen Tagen lese, höre und sehe ich kreuz und quer, hinauf und hinunter, Beiträge zum Thema: „Wie war Ihr 11. September?“ Heute, am Vortag des ominösen Datums, bin ich intellektuell ausreichend weichgeklopft, um mir diese Frage selbst zu stellen. Ich befrage also mein Langzeit-Gedächtnis.

Am 11. September 2001 war ich noch recht neu als Redakteur beim „Sonntagsblitz“, der kostenlosen Sonntagszeitung von „Nürnberger Nachrichten“ und „Nürnberger Zeitung“. Es war ein Dienstag, und somit der adrenalinfreieste Wochentag überhaupt.

Meine Dienstage beim Sonntagsblatt bestanden vor allem im Erledigen administrativer Aufgaben und im Durchforsten der Agenturmeldungen auf sonntagstaugliche Beiträge. Selbst Nachdenken war an einem solchen Tag immer möglich. Ansonsten ist das in einer Redaktion Luxus.

Ich saß gerade über einem Manuskript, als auf dem Flur aufgeregte Stimmen zu hören waren. „Habt Ihr das gesehen? Das gibt es nicht.“ Schon kurz darauf waren die Fernsehgeräte in unserer Redaktion belagert.

Es entwickelte sich aber keine aufgeregte Diskussion, viel eher herrschte fassungsloses Staunen, eine eigenartige Stille. Vielleicht, weil es schwer zu begreifen war, dass hier Bilder wie aus einem Katastrophenfilm völlig real waren. Wahrscheinlich aber, weil wir instinktiv gespürt haben, dass es hier ein tiefgreifendes, wahrscheinlich einmaliges Ereignis gegeben hat, das nicht folgenlos bleiben würde.

Heute frage ich mich, wie es mit der Welt weitergegangen wäre, wenn ein Anschlag auf zwei Hochhäuser in einem anderen Land als in den USA stattgefunden hätte. Ich frage mich auch, was passiert wäre, wenn die Vereinigten Staaten eine Regierung/einen Präsidenten gehabt hätten, die/der den Terroranschlag einen Terroranschlag und nicht einen kriegerischen Akt genannt und entsprechend verfolgt hätten.

Es wären viele tausend Menschen weniger in den nachfolgenden Kriegen gestorben. Und auch uns in Deutschland wäre viel erspart geblieben. Die Täter des 11. September haben ein Teil unserer Freiheit und unseres Wohlstandes weggesprengt. So gesehen, waren sie erfolgreich. Leider.