Gerecht geht anders

Unser Kapitalismus hat ein großes Versprechen gegeben: Er werde, jedenfalls in Deutschland, sozial, also im Großen und Ganzen gerecht sein. Würde also die Wirtschaft florieren, würde es eine geringe Arbeitslosigkeit geben, dann müsste der Wohlstand auch bei armen Menschen ankommen. Leider ist es gelogen.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat statistische Zahlen gewälzt und  festgestellt, dass das durchschnittliche Nettoeinkommen von armen Familien im Jahr 2013 bei 1550 Euro gelegen habe.  Preisbereinigt seien das 3,2 Prozent weniger als im Jahr 2003. Es geht also eher bergab. Und wer die Entwicklung der Mieten der letzten Jahre dazudenkt, erwartet keine Verbesserung.

Die Situation schreit nach fürsorglicher Kapitalismuskritik. Geld sei doch, sagen die gut situierten Tonangebenden, nicht wirklich wichtig. Auch Menschen ohne Geld seien in der Lage, ihre Kinder gut zu erziehen. Reichere Leute hingegen seien verbissen, nie daheim und hätten viel zu wenig Zeit für die Kleinen.

Und ist es nicht so, dass es Kindern zu gönnen ist, dass sie Gleichaltrige auf dem Bolzplatz treffen, während die schwerstmöglich geförderten Neureich-Kinder ab dem vierten Lebensjahr die zweite Fremdsprache lernen, dann ins Ballett gehen und Flöte spielen müssen, um schließlich irgendein geliehenes Reitpferd zu striegeln? Birgt nicht die Armut die  Chance auf tatsächliche Freiheit?

Mag sein, bloß: Der Lebensstil des Geld-Adels ist in unserer Gesellschaft das Vorbild. Es kommt nicht darauf an, dass man in die Gesellschaft integriert ist oder sparsam mit Ressourcen umgeht.  Man ist wer, wenn man hat.  Umgekehrt stimmt’s auch.

Was bedeutet: Die Märkte geben uns vor, wie wir als Menschen wertvoll sind. Aber sie geben vielen nicht die Chance, diese Ziele zu erreichen.

Das macht unglücklich, verbissen oder gar aggressiv. Die soziale Marktwirtschaft ist eine gute Idee. Doch sie sollte es auch sein. Gerecht ist gut. Aber es geht anders.