Gabriel geht. Merkel gewinnt.

In der Politik gibt es den Begriff des Parteisoldaten. Er steht für einen Menschen, der sich für seine Organisation ohne Rücksicht aufs eigene Schicksal in die Schlacht schmeißt. Einer, der am Ende entweder als strahlender Held oder als geprügelter Hund dasteht. Die meisten Parteisoldaten marschieren um der Sache willen in den Untergang. Einer hat es jetzt nicht getan.

Der bisherige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat vielleicht an einen berühtem Satz aus einer Zentralen Dienstvorschrift der Bundeswehr gedacht: „Bei zunehmender Dämmerung hat der Soldat alsbald mit Dunkelheit zu rechnen.“ In der Tat: Die jüngsten Umfragen fielen zappenduster aus.

Eine andere Vorschrift lautet: „Bei Erreichen der Baumspitze hat der Soldat die Kletterbewegung selbständig einzustellen.“ Passt auch. Denn was immer Gabriel erreicht hat – sei es Mindestlohn, Jobrettung im Einzelhandel, Sichern des Bundespräsidenten-Amtes für die SPD -, ihm selbst hat es nichts genutzt. Sein Wahlkampf wäre bis zuletzt von mehr oder weniger lauten Zweifeln begleitet gewesen, ob er denn der Richtige sei. Die sichere Niederlage wäre seine persönliche Pleite gewesen.

Nun hat Martin Schulz das Vergnügen. Die wahrscheinliche Gewinnerin des Personalwechsels bei der SPD ist aber Angela Merkel. Sigmar Gabriel bekommt das Wohlfühl-Amt des Außenministers. Das wird er behalten wollen. Der neue Spitzenkandidat könnte Wirtschaftsminister werden, was für ihn als „Europäer“ passt. Warum sich also mit den Linken abkarpfen?

Die Weichen sind klar auf eine neue GroKo gestellt. Merkel hat bleibt im Amt. Die SPD darf hoffen, dass das Wahlergebnis erträglich ausfällt.

Rechnen wir also mit fortgesetzter Langeweile. Aber vielleicht ist das in diesen Zeiten nicht einmal das Schlechteste.

 

Sigmar, wir brauchen Dich!

Immer mehr Menschen verachten politische Rituale. Aktionen, bei denen Parteistrategen mutmaßlich Hand in Hand mit den  verbündeten Medien den Menschen inhaltsleeres Geschehen als spannend vorgaukeln. Die Kür des SPD-Kanzlerkandidaten ist so ein Fall.

Angela Merkel hat Ja gesagt. Und nun ist die vereinigte Presse hinter den Sozialdemokraten her. Diese können noch so sehr beteuern, dass sie ihren Spitzenmann erst Ende Januar küren wollen. Es wird ihnen nichts helfen. Schon bald wird man bei der SPD einsehen, dass eine Kandidatenkür zwar Interesse erzeugt, dass sich dieses aber schnell abnutzt, wenn die Sache offensichtlich geregelt ist.

Der Kanzlerkandidat wird Sigmar Gabriel heißen. Er hat das Feld für sich bereitet, indem er den beliebtesten Politiker seiner Partei, Frank-Walter Steinmeier, als künftigen Bundespräsidenten aufs realpolitische Altenteil bugsiert hat. Martin Schulz wäre als neuer Außenminister einer Großen Koalition mit seiner umfassenden EU-Erfahrung adäquat versorgt. Trotzdem wurde ein scheinbar ernsthaftes Bewerbungsrennen um die Kanzlerkandidatur inszeniert.

Weil aber Martin Schulz offenbar doch Blut geleckt hat, bringt der Parteitaktiker Gabriel mit dem Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz einen weiteren Kandidaten ins Gespräch. Scholz gegen Schulz – das müsste sich doch neutralisieren.

Wird es auch, denn es wäre irrational, würde Gabriel erneut verzichten. Er hat es ungewöhnlich lange an der SPD-Spitze ausgehalten. Er hat eine bisher alternativlose Gegnerin, welche in diesen Tagen müde und ideenlos wirkt. Wenn er Erfolg haben will, und sei es nur durch ein relativ gutes Ergebnis, dann bei der kommenden Wahl.

Warum also zögert er, zumindest nach außen? Wahrscheinlich weil er gerufen werden will. Dieser Mann braucht Liebe, er möchte gerufen werden. Also, Ihr Genossinnen und Genossen, reißt Euch zusammen, reicht Euch die Hände und ruft: „Sigmar, wir brauchen Dich!“ Ihr werdet sehen, dann wird alles gut. Oder wenigstens ein bisschen besser…

 

 

Auch bei der SPD: Tränen lügen nicht

Manchmal ist es der letzte Versuch: Ein Mann muss tun, was er tun muss. Gelegentlich auch etwas Ungewöhnliches. Zum Beispiel Gefühle zu zeigen, wenn es niemand erwartet. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat es gemacht. Helfen wird es nicht.

Weinen ist für Männer im Rentenalter (Steinbrück ist 66) gar nicht so einfach. Einerseits macht das Leben Männer mit den Jahren immer härter. Zudem lässt die natürliche Produktion von Tränenflüssigkeit nach. Senioren haben eher trockene Augen.

Der Kanzlerkandidat hat trotzdem geweint. Aber worüber? Hat ihn tatsächlich die Rede seiner Frau so tief berührt? Oder ist ihm einfach bewusst geworden, in welch verkorkstes Projekt er momentan verstrickt ist. Die SPD als Partei, die unbedingt an die Macht möchte, ist tatsächlich schwer wahrnehmbar. Sie müsste wie Borussia Dortmund auftreten, wirkt aber wie Bochum oder Duisburg.

Im Bund mit einem Spitzenkandidaten, dessen Entdecker, der ansonsten allwissende Helmut Schmidt, sich mit Blick auf seinen Kandidaten tendenziell auf Altersdemenz beruft. In Bayern einem Anführer namens Christian Ude. Er ist der berühmteste linkshändige Bierfass-Anzapfer der Welt. Er ist auch ein vielfach gewählte Münchner Oberbürgermeister.

Aber er leidet auch unter dem Schicksal, dass sein Witz in seinen Büchern viel mehr zu erleben ist als in seinen bräsigen Reden. Wenn man ihn wenigstens nicht so arg frühzeitig ins Rennen geschickt hätte – man hätte es nicht gemerkt.

Alles in allem kann man Peer Steinbrücks Tränen auf dem Parteikonvent absolut verstehen. Seine Partei liegt aktuell bei 22 Prozent – mehr als das Amt des Vizekanzlers wird für ihn nicht herausspringen.

Und Christian Ude? Steht auch nicht gut da, könnte es aber mit einer Mehrparteien-Koalition schaffen. Dazu jedoch bräuchte es ein Ereignis oder einen Skandal, der sowohl der CSU schadet als auch der SPD nützt. Nach allem was schon war, erscheint so etwas völlig undenkbar.

Also weinen alle, die Genossen sind oder die Genossen mögen. „Tränen stillen keine Not“, heißt ein russisches Sprichwort. „Tränen reinigen das Herz“. sagt Dostojewskij. Na, immerhin.

Ein Sozi darf nicht reich sein

Ich stelle fest: Wir wissen nicht, was wir wollen. Da wird darüber gejammert, dass sich speziell junge Leute viel zu lasch durch das Leben treiben lassen. Da wird gepredigt, dass sich Leistung endlich wieder lohnen muss. Und dann arbeitet sich diese Republik an Vortragshonoraren und sonstigen Nebeneinkünften ihrer Volksvertreter ab. Das passt nicht zusammen.

Sicher ist, dass sich das Maß der Empörung über Nebenjobs unmittelbar an der jeweiligen Person beziehungsweise Personengruppe bemisst. Wenn etwa jüngere Unions-Abgeordnete verlangen, dass in Zukunft private Zusatzvorsorge für das Rentenalter verpflichtend werden muss, zwingt das viele Menschen zu einer Zusatzbeschäftigung. Denn die zehn Euro pro Monat, die sich ein Niedriglöhner nach seiner Arbeitswoche noch vom Mund absparen könnte, reißen es später auch nicht heraus. Also gilt in diesem Fall: Wer Nebenjobs ablehnt, ist ein Sozialschmarotzer.

Gering wird die Aufregung um die Nebenverdienste von FDP-Generalsekretär Patrick Döring ausfallen. Weil uns sowieso klar ist, dass sich ein Liberaler von der Wirtschaft schmieren lässt. Und seine Tätigkeit als Vorstand einer Haustierkrankenversicherungs-AG passt ins politische Bild. Denn es ist ja klar, dass künstliche Hüftgelenke für vergreiste Rauhaardackel ohne private Vorsorge nicht zu machen sind. Dass Döring als Aufsichtsrat der Bahn für Verspätungen steht, weil er das Aufpolieren der Bilanz für den Börsengang bestimmt als wichtiger ansieht als ICE-Instandsetzungsarbeiten, ist für uns unerheblich.

Ein Peer Steinbrück hingegen eignet sich als Zielscheibe. Uns interessieren ja immer die Gegensätze. Wir horchen auf, wenn etwas scheinbar nicht zusammenpasst.  „Lothar Matthäus spricht Hochdeutsch“ wäre eine entsprechende Schlagzeile. Oder eben „Sozi schwimmt im Geld“.  Da ist allen klar, dass sich das nicht gehört. Wer reich ist, kann sich nicht um die Bedürftigen kümmern. Onkel Dagobert könnte nie der Willy Brandt von Entenhausen sein. Also fordern wir Transparenz.

Gut, es mag uns helfen, wenn wir wissen, wer wen für was bezahlt. Aber für mich sind Steinbrücks Honorare auch ein Stück freie Marktwirtschaft. Wenn es Firmen gibt, die ihn für eine Rede hoch bezahlen – dann soll er es nehmen. Würde ich ja auch tun.

Mich stört am neuen SPD-Star etwas ganz anderes: Beim Verhör durch Günther Jauch hat er auf die Frage nach den beiden größten deutschen Bundeskanzlern Gerhard Schröder genannt. Und das halte ich nun wirklich für beunruhigend.