Der Latin Lover ist ein Muttersöhnchen

Wie stellen wir uns den jungen Italiener vor? Am ehesten so: Dunkelhaarig, glutäugig, gepflegt, vielleicht ein bisschen klein geraten, dafür aber mit geschmeidigen Bewegungen und einem Charme, dem keine Frau lange widerstehen kann. Ein Latin Lover eben. Aber dieses Klischee stimmt nicht – sofern diese Nachricht stimmt: Die Zahl der Muttersöhne in Italien steigt alarmierend.

Laut einer offiziellen Studie ist in Italien der Anteil der jungen Menschen zwischen 15 und 29 Jahren, die weder arbeiten noch studieren, auf 22,1 Prozent gestiegen. Der europäische Schnitt liegt bei 14,7 Prozent. Unser südlicher Nachbar ist somit das einzige Land, in dem es mehr Inaktive als Arbeitslose gibt.

Das ist überraschend, aber es gibt Gründe. Da ist die italienische Mama als solche. Keine andere weltweit ist derart fürsorglich wie sie, keine andere vertsteht sich so gut auf die Zubereitung der drei großen P’s (Pasta, Pizza und Polenta). Auf der anderen Seite gibt es für junge Italiener kaum angemessene Partnerinnen. Jene Grazien, die das Frauen-Wunschbild prägen, indem sie durch die Programme der privaten TV-Sender tänzeln, sind derart schön und derart auf Drei-Wetter-Taft de Luxe gestylt, dass im realen Leben nichts Vergleichbares anzutreffen ist.

Und schließlich: Silvio Berlusconi lehrt den jungen Männern, dass es für Amore vor allem und zuallererst eine dicke Brieftasche braucht. Für berufliche Perspektiven hat er allerdings weniger gut gesorgt. Kein Job, kein Geld. Also bleiben viele lieber gleich daheim und ruhen sich vorsorglich aus für den Tag, an dem ihnen bezahlte Arbeit zufliegt.

Sie meinen, dass das bei uns ganz anders ist? Noch ist es so, aber wir sind auf dem Weg dorthin. Wenn sich der Trend zu immer mehr Praktika, Leiharbeit und befristeten Jobs fortsetzt, wird der Mut, auf eigenen Füßen zu stehen, entsprechend nachlassen. Wir wären dann so verzagt wie die Italiener – höchstwahrscheinlich aber weniger chic.