Ein kühler Kopf wär‘ gut

Beim Umgang mit schwierigen Thema wä#re ein kühler Kopf nicht das Verkehrteste. In unserer digitalisierten Welt klappt das aber nicht mehr so. Stattdessen erleben wir zwei Extreme: Den Ausbruch von spontaner Extrem-Empörung oder aber das hartnäckige Anzweifeln von Fakten.

Letzteres gibt es im Fall des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Die staatlichen Behörden haben über viele Jahre hinweg die rechtsextreme Terrorgefahr heruntergespielt. Jetzt hat es eine klare Aussage der Bundesanwaltschaft gegeben,  wonach der Tatverdächtige bekennender Neonazi sei. 

Aber schon läuft die Beschwichtigungs-Maschinerie. Der Mann sei doch bloß ein verblendeter Dummkopf. Rechte Netzwerke im Hintergrund seien eine Erfindung linker Kreise und der sie unterstützenden Medien. Oder wie es der in der so genannten „Werteunion“ angesiedelte CDU-Politiker Max Otte via Twitter formuliert hat: „#Lübcke – endlich hat der #Mainstream eine neue #NSU-Affäre und kann hetzen. Es sieht alles so aus, dass der #Mörder ein minderbemittelter #Einzeltäter war, aber die #Medien hetzen jetzt schon gegen die „rechte Szene“, was immer das ist. #Rechtsextremismus.“

Aus diesem Blickwinkel hetzen also diejenigen, die mit dem Mord garantiert nichts zu tun haben. Und nicht jene, die durch ihre Hetze gegen Walter Lübcke möglicherweise einen eventuellen Idioten zu seiner Tat getrieben haben.

Schwierig ist dieser Mord auch für den früheren Bundespräsidenten Joachim Gauck. Anlässlich eines von ihm verfassten Beitrag in der Wochenzeitung Die Zeit wurde ihm vorgehalten, eine größere Toleranz gegenüber rechten Kreisen gefordert zu haben. Viele Kommentoren in den sozialen Netzwerken waren sich einig: „Der Alte spinnt!“

Wenn man das Interview liest, tut man sich schwer, sich der Empörungswelle anzuschließen. Gauck analysiert in seinem Text, warum es neben den offenen und toleranten Weltbürgern eher seßhafte Menschen gibt, die sich bei manchen gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Entscheidungen nicht mitgenommen fühlen. Für deren Empfinden äußert er Verständnis.

Kein Grund also für die zum Teil sehr heftigen Kommentore. Genauso wenig im Übrigen, wie es sie nach einem Zeit-Interview mit Juso-Chef Kevin Kühnert gegeben hatte. 

Aber so ist es eben: Das Reizwort wird herausgefiltert, der Urheber wird eiligst an den digitalen Pranger gestellt. Erstmal nachdenken, und möglichst viele Fakten anschauen – das wäre ein wirklich guter Weg. Denn leicht sind diese Themen wahrlich nicht.