Facebook: Ein Mega-Staat ohne Verfassung

Was ist sehr, sehr böse? Antworten auf diese Frage fallen naturgemäß unterschiedlich aus. In Deutschland gibt es aber eine weit verbreitete Vermutung. Es ist das Internet im Allgemeinen und es sind die Sozialen Netzwerke im Besonderen.

Man muss das verstehen. Schließlich ist die virtuelle Welt für viele Menschen immer noch Neuland. Und da weiß man nie, was einen erwartet. Nehmen wir nur an, Winnetou, Sitting Bull und ihre Blutsbrüder hätten seinerzeit mit Präsizisionsgewehren und Drohen-Tomahawks besessen. Wahrscheinlich wäre Donald Trumps Opa Friedrich daheim geblieben, wäre nie Puff-Betreiber in Kanda geworden und sein Enkel würde heute versuchen, durch den Bau von Mehrzweckhallen die Ost-Pfalz wieder groß zu machen.

Doch bleiben wir beim Thema. Justizminister Heiko Maas hat ein Netzwerkdurchsetzungsgesetz auf den Weg gebracht. Er möchte erreichen, dass – unter anderem – in Facebook weniger Gift verspritzt wird. Hass-Posts, Lügen, Pornographie und Mordaufrufe sollen damit eingedämmt werden. Die Kritik an seinem Vorstoß ist groß. Skeptiker befürchten, dass die Meinungsfreiheit Schaden nimmt, weil Beiträge gelöscht werden, die zwar eine klare politische Meinung ausdrücken, aber eigentlich in Ordnung sind.

Diese Sorge ist berechtigt. Handelt es sich doch bei Facebook um eine seltsame Welt, in der die Abbildung nackter weiblicher Brüste als Gefahr für die Menschheit gilt. In der, gemäß der von der britischen Zeitung The Guardian recherchierten internen Anweisungen, Posts mit Tierquälereien aber nur dann zu beseitigen sind, wenn sie als „extrem verstörend“ angesehen werden können. Beurteilen müssen das die Mitarbeiter, die im ständigen Datenstrom ihre Stichproben nehmen oder Beschwerden von Nutzern aufgreifen. Ob diese dafür ausgebildet sind, weiß man nicht.

Wir brauchen Neuland-Denken. Begreifen wir Facebook doch einmal als Staat. Es bietet 2,2 Milliarden Menschen eine Heimat, das sind jeweils 800 Millionen Menschen mehr als in China oder Indien. Würden wir dieses Land in die Uno aufnehmen und es – das Ganze soll ja jung und  fortschrittlich sein – auf internationale Verträge verpflichten, ergäbe sich einiger Handlungsbedarf.

Wir würden feststellen, dass es an demokratischen Grundregeln fehlt. Ethische Grundsätze oder auch bloß Nutzungsbedingungen regelt letztlich der Chef. Wir würden sehen, dass die Bewohner*innen von Facebook in einer selbst gewählten Sklaverei leben. Mit ihrer Kreativität sorgen sie dafür, dass Milliarden und Abermilliarden verdient werden, bekommen aber selbst für die besten Beiträge keinen müden Cent. Und warum gibt es kein Netzwerk-Gericht, welches Beiträge ab einem gewissen Maß an Idiotie mit der Höchststrafe, nämlich lebenslangem Ausschluss, bestraft?

Das Leben in den virtuellen Netzwerken ist inzwischen ganz realer Alltag. Regeln sind somit sinnvoll. Wir brauchen eine digitale Verfassung. Dann wir das Internet viel weniger böse sein.

 

 

 

 

 

Das Smartphone macht uns froh – und dümmer

Fünfzehn Jahre des neuen Jahrtausends sind vorüber. Und hervorgebracht haben der geballte globale Konstrukteursgeist vor allem ein ungefährt zirka 15 mal 7 Zentimeter große Geräte aus Hartplastik und Plexiglas: Das Smartphone wird von den Menschen als wichtigste Erfindung des 21. Jahrhunderts angesehen. Mächtige 45 Prozent haben dies bei einer Umfrage des Internetportals yougov.de so gesehen.

Tatsächlich ist das Smartphone zum externen Sinnesorgan des Menschen geworden. Das leuchtende Rechteck mit den vielen bunten Symbolen verbindet uns mit dem Rest der Welt. Wir lesen Informationen, schauen uns Bilder an, treffen beste Freunde, die wir gar nicht kennen und organisieren bei Bedarf eine Revolution. Nur zum Telefonieren benutzen wir es kaum.

Das Gerät ist so wichtig geworden, dass wir bei Spaziergängen den aufrechten Gang aufgeben. Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit gegen Laternenmasten prallen, lächeln wir nur.

So spannend es allerdings auch ist, das komplette Internet in der Hosentasche zu haben und es jederzeit – so der Akku will – aktivieren zu können, so ist das Smartphone doch auch Symbol unserer Bequemlichkeit. Mehr und mehr setzen wir auf Maschinen, die uns anstrengende Aufgaben abnehmen. Wer merkt sich noch einen Termin? Es gibt doch den Organizer. Kopfrechnen? Schon lange passé. Wir fahren zum schwedischen Möbelhaus? Wir wissen, welche Autobahn-Ausfahrt wir nehmen müssen. Aber zur Sicherheit lassen wir das Navi mitlaufen. Wir haben Lust auf Pizza und Döner? Die App erledigt die Bestellung.

Viele alltägliche Dinge könnten wir in Frage stellen. Die Fernbedienung erscheint zwar unverzichtbar, seit wir 599 Fernsehkanäle haben. Andererseits nutzen wir von diesen nur fünf oder sechs. Zudem müssen wir die durch konsequentes Sofasitzen erworbenen Fettzellen entweder akzeptieren oder anderweitig mühsam abtrainieren. Beim Einparken blinkt und quietscht unser Auto wie wild, weil es uns vor Hindernissen warnt. Sich umdrehen ist sowas von Retro.

Ein einziger großer Selbstbetrug ist schließlich das E-Bike. Steigungen sind uns egal, Muskelkater war einmal, Rennradfahrer beißen wütend ins Gras, wenn wir mit sechs Bierflaschen im aufgepflanzten Einkaufskorb an ihnen vorbeischweben.

Über alldem verlieren wir einige unserer besten Fähigkeiten: Mut, Kraft, Lust zum Improvisieren, die Spannung, auch scheitern zu können. Smartphone und Co. sind somit auch ein Fluch. Vergessen wir nie: Nicht nur die Leber wächst mit ihren Aufgaben.

 

 

Im Internet tobt kein Fest der Liebe

Dieses Leben ist ein Fest der Liebe. Denn alleine bei Parship, einer in Fernseh-Werbepausen stark vertretenen Online-Partnerbörse, verliebt sich „alle 11 Minuten  ein Single“. Mögen andere Tiere aussterben, unsere Schmetterlinge im Bauch sättigen uns in hellen Scharen. Oder doch nicht?

Vor einiger Zeit hatte schon das Satire-Portal „Postillon“ besorgt auf Parship geblickt. Es hatte die Frage aufgeworfen, ob dieser Single, der sich fast sechs Mal pro Stunde verlieben muss, nicht irgendwann überfordert sein könnte. Tatsächlich kann ein Übermaß an Glückshormonen die Lebensfähigkeit beeinträchtigen. Wer immer nur mit dem Herzen gut sieht, läuft Gefahr, beim Überqueren einer Straße bei Rot vom SUV eines unverliebten Sanitärgroßhändlers vom Asphalt geräumt zu werden.

Und wenn es anders gemeint ist? So, dass sich alle 11 Minuten ein Parship-Paar findet? Dieser Frage ist das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsinstitut mittels Wahrscheinlichkeitsrechnung nachgegangen. Und zeigt sich wenig beeindruckt.

Wenn sich nämlich, so das RWI, bei geschätzten fünf Millionen Mitgliedern in Deutschland sogar alle zehn Minuten zwei davon ineinander verlieben, damit aus dem Sucherpool ausscheiden und durch zwei neue Singles ersetzt werden, beträgt für ein zufällig ausgewähltes Mitglied die Wahrscheinlichkeit einer neuen Liebe pro Jahr kaum mehr als zwei Prozent.

Die neue Liebe ereignet sich unter dieser Annahme sechs Mal in der Stunde, 144 Mal am Tag oder 52.560 Mal im Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, an einem beliebigen dieser 52.560 Zeitspannen von 10 Minuten Erfolg zu haben, beträgt 2 zu 5.000.000. Die anderen 4.999.998 Mitglieder müssen also weitersuchen. Selbst wenn nur 750.000 Mitglieder auf aktiver Partnersuche waren, steigt für diese die Erfolgswahrscheinlichkeit auf gerade mal 13 Prozent in einem ganzen Jahr.

Würde es angesichts solche Zahlen stimmen, dass die Wahrscheinlichkeit, einen Partner zu finden, extrem höher als im Alltag sei, dann wäre das analoge Verlieben eine absolute Rarität. Wahre Eheleute wissen es: Einmal Verlieben reicht völlig. Und Parship? Diese Firma lehrt uns mit seiner Werbung das Wunder der Monogamie. Tja, wer hätte das gedacht?

 

 

 

Kommt, wir drucken das Internet

In welcher langen Partynacht ist diese Idee entstanden? Zwei englische Studenten aus Leicester haben ihren Forschergeist zusammengenommen und sich folgende Frage gestellt: Wie viel Kopierpapier bräuchte man, um das komplette Internet auszudrucken?

Gedanklich klingt das fatal nach der Sekretärin, die einen Brief vorsichtshalber kopiert, bevor sie ihn ins Faxgerät schiebt. Es hat keinen Sinn. Aber andererseits: Das Internet lebt. Nur virtuell zwar, aber oft mit schweren Folgen in der realen Welt. Also liegt Kontrolle nahe – und die funktioniert am besten mit Lochen und Heften. Dann weiß man Bescheid, auch wenn der Strom mal weg ist. Alsdenn.

Wollte man die NSA analog toppen, müssten nach den Erkenntnissen der beiden Studenten rund 4,5 Milliarden Webseiten vervielfältigt werden. Dies wären, bei vorsichtig kalkulierten 30 Seiten pro Webseite rund 136 Milliarden DIN-A-4-Blätter. Aufeinander gelegt wäre dieser Stapel 13.357 Kilometer hoch. -Das entspricht 9,2 Millionen aufeinander gestellten VW Golf oder 5,5 Millionen aufrecht gestapelten Fußball-Toren. Das ausgedruckte Internet wäre also viel zu groß für jede Bibliothek dieser Welt.

Andererseits wissen wir, dass weite Teile des Internets auf keine Kuhhaut passen. Es enthält nicht nur – je nach Bildformat – etliche Millionen Seiten an Pornofotos, sondern auch mehr unnützes Wissen als 500.000 Sendungen von „Wer wird Millionär?“. Insbesondere hier erfährt man superschnell, dass der westliche Mensch pro Dusche 62 Liter Wasser verbraucht, dass bei Seepferdchen die Männchen die Kinder austragen, dass Angela Merkel als Kind Eiskunstläuferin werden wollte und dass manche Ameisenarten tauchen können.

Ja, die Informationsflut in der virtuellen Welt ist gewaltig. Aber Angst haben wir nicht. Denn es gibt ja Google. Da schrumpft das Internet auf eine überschaubare Größe, so sehr es sich ansonsten galaxiengleich ausdehnt. Oder wann haben Sie zuletzt auf die zweite Suchmaschinen-Seite geschaut? Vielleicht versehentlich nach einer Party. Ansonsten aber nicht.

 

Warten kann so schön sein…

Wie uns die Bibel lehrt, steht der Mensch hier auf Erden über allem. Er ist die Krone der Schöpfung. Und vermutlich hat sich Gott seinerzeit vorgenommen, dass sich sein Ebenbild entwickelt und immer besser wird. So, wie das Heidi Klum von ihren dürren Mädels erwartet. Doch hat er mit dem Smartphone gerechnet? Zweifel sind erlaubt.

Die mobilen Informations- und Kommunikations-Zentralen drohen uns zurückzuwerfen. Sie wirken dem aufrechten Gang entgegen, weil Menschen selbst während eines Spaziergangs auf das Display schauen. Sie rauben uns unsere Aufmerksamkeit für die Umgebung und unsere Beobachtungsgabe. Stellen wir uns vor, ein eintreffender U-Bahn-Zug würde von einem weißen Einhorn gezogen. Wer auf dem Bahnsteig würde das bemerken? Jeder Zehnte, jeder Zwölfte, gar keiner?

Neben Fähigkeiten wie intuitives Navigieren, Kopfrechnen und Telefonnummern-Merken verlernen wir durch moderne Technik das gediegene Warten. Im unablässigen Nachrichtenfluss können wir es nicht mehr ertragen, gar nichts zu tun. Mal nur so gegen die Wand zu starren, Momente der Langeweile hinzunehmen.

Dabei schadet das nicht. Der Akku muss bloß leer sein. Und schon beginnt man – zum Beispiel im Wartezimmer – zu erkennen, dass Herr Doktor bei Wandbildern einen extrem biederen Geschmack hat. Wir amüsieren uns über die sedierende grüne Wandfarbe. Wir betrachten unsere Mitmenschen, die zwischen hypernervös, demonstrativ entspannt oder aufrichtig kaputt alle Facetten zeigen. Wir sehen mehr, weil im Gehirn ansonsten wenig los ist.

Und wir öffnen uns für das Sinnlose. Wir greifen zu einem Magazin und erfahren alles über die Liebschaften uns unbekannter Menschen. Wie geht es Riley Keough, Sandy Mölling und Elizabeth Olsen? Was bewegt Prinzessin Margrethe von Schaumburg-Lippe-Hohenzollern-und-Welfenstein?

Ja, so sind wir es von früher gewohnt. Lesen, in gekrümmter Haltung, den Kopf nach vorne gebeugt.

Ähm, verhalten wir uns da wirklich so ganz anders als heute? Tja, eher nicht. Der Lesezirkel ist bloß das Smartphone des letzten Jahrtausends. Aber bitte, nichts sagen. Denn früher war schließlich alles besser.

 

 

 

Wir werden angefüttert – analog und digital

Es soll immer noch Leute geben, die an das Gute im Kapitalismus glauben. Die meinen, dass unsere versammelten Weltmarktführer und sonstigen Großunternehmen vor allem das Wohl der Menschen im Auge haben. Welch ein Irrtum!

Jüngster Beweis: Aldi hat die Preise für Pommes frites, Kroketten und Zucker dramatisch gesenkt. Der Discounter setzt damit einen Trend, dem sich, nach allem was wir wissen, die anderen Händler anschließen werden.

Ausgerechnet Pommes! Ausgerechnet Zucker! Diese Preissenkungen bedeuten doch nichts anderes, als dass die Lebensmittelhändler die Zeit des Abnehmens für beendet erklären. Man will uns anfüttern für die beginnende Vorweihnachtszeit. Wir sollen uns mit billigen Kohlehydraten zudröhnen, wir sollen Lust auf Süßes bekommen, sollen bereit sein für Kroketten, Nuss  und Mandelkern.

Derart auf Kalorienzufuhr konditioniert werden wir an Gewicht zulegen – um dann nach den Festtagen wieder in eine der zahllosen Diät-Programme einzusteigen.

Jede Wette: Aldi und Co. werden uns ab Februar mit stark verbilligten Sportklamotten überraschen. Vielleicht stellen sie selbst Fatburner in Dosen ins Regal. Oder sie bekommen Erfolgsprämien von Apotheken und halbseidenen Eiweiß-Versendern.

Womit wir bei Jaron Lanier wären. Der Web-Pionier und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels prangert die Auswüchse in der digitalen Welt an. Insbesondere kritisiert er, dass die großen Internetkonzerne schamlos Geld mit Daten verdienen, die ihnen eigentlich nicht gehören. Indem sie unsere Bedürfnisse ausforschen und dieses Wissen an Verkäufer aller Art weitergeben.

Ja, empören wir uns ruhig über die üblen Machenschaften der Googles und Facebooks. Denken wir aber auch daran: Verarsche funktioniert nicht nur über Algorithmen. Sondern auch über Essbares, das in Pappkartons in Blechregale gestellt ist.

Was bleibt, ist eine ewige Wahrheit. Die Händler dieser Welt, ob analog oder digital, wollen immer unser Bestes: unser Geld.

Schlechtes Wetter, ganz übler Bericht

Über das Wetter reden – lohnt sich das überhaupt noch? Dieser Un-Sommer mag uns noch ein paar schöne Tage bringen. Aber eigentlich rechnen wir eher mit einem nahtlosen Übergang in den Winter. Der eigentliche Skandal ist aber nicht das Nieselwetter. Es sind die Wetterberichte.

Seit vielen Wochen ist es das immergleiche Ritual: Man verspricht uns, dass sich die Wolken innerhalb der nächsten Tagen verziehen und dass aus 15 zwischen 25 und 27 Grad werden. Und was passiert? Die Sonne bleibt verdeckt, Heizungen werden eingeschaltet, die Hitzeprognose wird jeweils einen Tag nach hinten verschoben.

Der Wetterbericht stimmt nie, zumindest nach unserer Empfindung. Jedenfalls ist er öfter falsch als früher. Woran aber liegt das? Daran, dass Jörg Kachelmann von der Bildfläche verschwunden ist? Jener Mann, der wahrhaft zuverlässig den Draht nach oben hatte? Oder ist es der Internet-Effekt, ausgelöst durch Gratis-Wetter-Apps?

Ist ein zuverlässiger Wetterbericht zu teuer geworden? Wird er von billigen Praktikanten/-innen erstellt, die für Nachrichtensendungen, Zeitungen und Magazine nebenbei auch noch die Horoskope schreiben?

Handelt es sich gar um gezielte Desinformation? Es ist noch in guter Erinnerung, wie der frühere rumänische Präsident Nicloae Ceausescu in harten Wintern den Wetterbericht fälschen ließ, damit sich das Volk mit blaugefrorenen Lippen entweichlichen konnte. Läuft gerade etwas Ähnliches ab? Scheut man die Nachricht, dass es mit dem Klimawandel ganz anders als versprochen läuft? Dass unsere Kiefernwälder eben nicht durch Palmenhaine ersetzt werden, sondern dass es so viel regnet, dass unsere Kartoffeln in der Erde faulen?

Wir wissen es (noch) nicht. Was wir aber wissen, ist: Wir wollen wenigstens ein Mal in der Woche sicher erfahren, ob wir einen Regenschirm brauchen oder nicht. Und ein bisschen Sonne? Ja, das möchten wir auch.

Wo ist Röslers Grab auf Facebook?

In diesen virtuellen Zeiten ist das der schlimmste Tod überhaupt. Der zurückgetretene FDP-Vorsitzende Philipp Rösler und sein Ex-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sind auf Facebook verschwunden. Einfach weg. Sie hinterlassen eine kleine, aber umso ratlosere Fangemeinde.
Praktisch ist das Verschwinden der gewesenen Spitzenpolitiker leicht zu erklären. Man kann von keiner Partei-Mitarbeiterin und keinem –Mitarbeiter verlangen, dass sie/er noch das Hohelied der liberalen Großpolitiker singt. Diese Menschen sind frisch arbeitslos geworden. Die Suche nach einer Anschlussverwendung hat selbstverständlich Vorrang.
Das mysteriöse Ende der beiden Liberalen wirft aber auch ein Schlaglicht auf ein ganz anderes Problem: Diesem Internet fehlt die Bestattungskultur. Wer von unseren 2000 Twitter-Followern wer von unseren 1000 Facebook-Freunden erfährt es eigentlich, wenn wir das Zeitliche gesegnet haben? Der Betrieb läuft doch weiter. Und nicht wenige soziale Netzwerker kennen das Phänomen, dass die Zahl ihrer Freunde eher steigt, wenn sie einmal vier Wochen lang den Mund halten. Was wiederum erst recht als Lebenszeichen aufgefasst wird.
Die virtuelle Nachsorge ist bislang völlig vernachlässigt worden. Ein Problem, das auch unsere Geheimdienste umtreiben sollte. Wenn einer drei Jahre lang den Staat beschimpft hat, und dann plötzlich wie abgetaucht ist: Kann so einer einfach als tot abgehakt werden. Oder ist er nicht eher zum Schläfer geworden, der bei passender Gelegenheit umso härter zuschlägt?
Womit wir wieder bei Rösler und Brüderle angekommen sind. Ja, sie sind verschwunden. Aber wir alle wissen auch: Das Internet vergisst nichts. Facebook schon gar nicht. Was letztlich bedeutet, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende ist. Muhammed Ali, Silvio Berlusconi, Terminator und Howard Carpendale. Sie alle haben famose Comebacks gefeiert. Heben wir uns also unsere Trauer noch ein bisschen auf.

Von der Smartwatch zum Apple-Implantat

Das Internet am Handgelenk. Ein Traum wird wahr.

Das Internet am Handgelenk. Ein Traum wird wahr.

Und hier ein Tusch: Ab sofort gibt es eine Armbanduhr, die uns allzeit bereit die überlebenswichtigen Informationen aus dem Internet liefert. Endlich wieder eine revolutionäre Innovation, möchte man sagen. Aber was ist wirklich los? Samsungs neue Smartwatch steht auch für einen sinnentleerten Kapitalismus.

Die weitere Digitalisierung unseres Daseins wird uns neue Probleme schaffen. Nehmen wir Googles Daten-Brille:  Wer in der U-Bahn auf einer Scharfe-Bräute-Seite surft und zu schwer atmet, könnte mit Frau Nachbarin Probleme kriegen. Wer mit dem Tunnelblick auf“s den Online-Stadtplan schaut, wird feststellen, dass Straßenlaternen dort nicht eingezeichnet sind.

Die intelligente Armbanduhr wiederum wird das medizinische Phänomen des Tennis-Arms vergessen lassen. Der Ellbogen wird zum früh verschlissenen Smart-Gelenk. Und die Turnhallen dieser Republik werden anlässlich der Abiturprüfungen gegen das Internet abgeschirmt. Denn sonst läuft Wikipedia mit.

Aber was ist eigentlich der tiefere Sinn solcher Erfindungen? Dass uns sinnvolle Produkte das Leben leichter machen? Dass sie gar ordentlich bezahlte Arbeitsplätze schaffen? Nein, dieses schlichte Denken hat unsere Wirtschaft längst überwunden. Oder überwinden müssen. Die Firmen brauchen immer neue Umsatz-Bringer, damit sie ihre Kosten knapp halten und ihre Schulden abbezahlen können. Und speziell die Internet- und Telekommunikationskonzerne leben davon, dass wir immer und überall für Werbebotschaften und für das Absaugen vermarktungsfähiger Daten auf Empfang sind.

Was also tun? Sich einfach verweigern? Nein, denn die Welt des Großkapitals muss sich weiter drehen.

Wo es hingeht ist eh klar: Effizienter als eine Armbanduhr oder eine Datenbrille sind wohl nur noch Implantate. Sie würden sich so etwas nie im Leben einpflanzen lassen? Warten wir mal ab, bis es Chips von Apple gibt. Dann reden wir weiter.

 

Telefon: Die Doktorarbeit im Beipackzettel

Was ist Humor? Doch vor allem, wenn das, was man von jemand erlebt, nicht mit den Erwartungen übereinstimmt. Würde bekannt, dass Uli Hoeneß Steuern zahlt, wäre das doch zum Wiehern. Wissenschaftler der Universität Hohenheim haben nun eine richtig kuriose Erkenntnis hervorgebracht: Die Kundenkommunikation von Telekommunikationsunternehmen ist besonders unverständlich.

Glauben mögen wir das nicht. In den Werbespots der Telefonanbieter sieht man doch nur glückliche Menschen. Jung und schick sind sie, tippen tanzend auf ihre Smartphone-Tastaturen. Und wenn sie mal älter sind, sind sie an der Grenze zu sympathisch doof. Aber auch die Musik, die heute  für Handy-Läden wie für Hitparaden gleichermaßen komponiert zu sein scheint, vermittelt uns diese Botschaft: Nimm uns – und dein Leben wird leicht und leichter.

Eben nicht.Wie die Forscher herausgefunden haben, verfehlen die von ihnen untersuchten Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGBs) für Mobilfunk sowie die „häufig gestellte Fragen“ (FAQs) zum Thema Festnetzportierung, der Mitnahme der Telefonnummer, die Zielwerte für verständliche Kommunikation teilweise sehr deutlich. Einige von ihnen befinden sich auf dem sprachlichen Schwierigkeits-Niveau einer Doktorarbeit.

Die Kommunikationsexperten nennen ein Negativ-Beispiel aus einer Allgemeinen Geschäftsbedingung (AGB) eines Mobilfunkanbieters: „Macht der Kunde von seinem Widerrufsrecht im Hinblick auf die Lieferung von Waren Gebrauch, so hat er die Kosten für die Rücksendung zu tragen, wenn die gelieferte Ware der bestellten entspricht und wenn der Preis der zurückzusendenden Sache einen Betrag von 40 Euro nicht übersteigt oder wenn der Kunde bei einem höheren Preis der Sache zum Zeitpunkt des Widerrufs noch nicht die Gegenleistung oder eine vertraglich vereinbarte Teilzahlung erbracht hat.“ Hinzu kommen Monster-Wörter wie „Verzichtserklärungs-Assistent“ oder „Festnetz-Rufnummernmitnahme“ sowie Anglizismen wie „Simple Service Discovery Protocol“. Davon haben wir bekanntlich schon als Kind geträumt.

Aber woran liegt es? Ein Grund könnte sein, dass die Beipackzettel der Telekommunikationsprodukte von Chinesen geschrieben werden, die sich dabei auf Übersetzungsprogramme stützen. Oder – und das ist die wahrscheinlichere Variante – die Produkte und Preise sind einfach so mittelmäßig bis schlecht, dass man sprachliche Nebelkerzen zünden muss. Man kennt das auch aus der Politik. Hier ist es Konzernpolitik. Und wer diese  wählt, ist selber schuld.