Der Trend der Jahres: Macht ist unsexy

Frau Merkel, geben Sie Acht. Es mag ja sein, dass die Koalition mit dem Sozi-Siggi klappt, aber die Gesellschaft treibt in eine andere Richtung. Geliebt wird nicht, wer regiert. Die Idole unserer Zeit sind die sanften Querköpfe. Wie der neue Papst oder der Enthüller Edward Snowden.

Aufgezeigt hat das das US-Magazin „Time“. Dieses ernennt seit 1927 den „Menschen des Jahres“. Also sozusagen den Helden der Welt. Und früher waren das die großen Männer. Die Ahnenreihe beginnt mit dem fliegenden Atlantiküberquerer Charles Lindbergh und wird fortgesetzt mit dem Automobilpionier Walter Percy Chrysler. US-Präsident Franklin D. Roosevelt ist dabei, Äthiopiens Kaiser Haile Selassie, Adolf Hitler (upps!), Josef Stalin (doppel-upps), George W. Bush (Allmächd) und Barack Obama. Von den 20 letzten Top-Personen waren 19 Männer.

Eigentlich eine depperte Liste, aber sie sagt etwas über die Stimmung der Menschen aus. Früher war es wohl tatsächlich so, dass man zu den Weltenlenkern aufgeschaut hat. In meiner Anfangszeit bei einer Lokalzeitung war die Rede eines einfachen Bundestagsabgeordneten ein Ereignis. Bei Staatssekretär-Visiten wurde die Redaktionsleitung nervös. Beim Besuch von Franz-Josef Strauß streiften selbst die hartgesottenen Investigativ-Schlurfer ein Sakko über.

Das alles ist erstmal vorbei. Aktuell haben die Menschen die Zampanos satt. Sie lieben Personen, die Macht freiwillig hergeben. Oder die den Mächtigen Probleme machen, Da ist Papst Franziskus, der sein brokatbehängten Amtsbrüder derart mit seinen Armutsparolen nervt, dass sie in Rom inzwischen schon darüber spekulieren, wie sich Tee rückstandsfrei vergiften lässt, Möge es Gott verhüten. Und Snowden? Der US-Staat hasst ihn, unsere Regierenden würden seine Existenz am liebsten  ignorieren. Trotzdem landete er auf Platz zwei.

Die Time-Liste ist an dieser Stelle ausgesprochen  sympathisch. Man möchte hoffen, dass sie nicht nur einen kurzlebigen Zeitgeist widerspiegelt. Wer den Mächtigen das Leben schwer macht, tut ein gutes Werk. Und verdient es, ein Idol zu sein.

Allerdings: Auch Gandhi war „Person des Jahres“. Das war 1930. Später kam Hitler…