Merkel und Trump: Szenen keiner Ehe

Wie riecht Donald Trump? Angela Merkel muss es seit diesem Wochenende wissen. Denn geht es nach den bedeutendsten Politik-Beobachtern dieses Landes, hatte die erste Begegnung der beiden Anführer der westlichen Welt vor allem diesen Zweck: Man sollte sich beschnuppern.

Was gar nicht so einfach war. Beim offiziellen Fototermin standen die Sessel weit auseinander, zu erleben war eine Szene, wie man sie aus sehr langjährigen Beziehungen kennt. Unsere Mutti amüsierte sich dezent über den grantigen alten Mann neben ihr, zeigte sich aber von der Körpersprache zugewandt. Mr. President wiederum saß da wie Opa Paul, der wegen einer lästigen Familienangelegenheit das Endspiel des DFB-Pokals verpasst.

Was peinlich und extrem unhöflich wirkte, hat das Weiße Haus inzwischen erklärt. Donald Trump habe die leisen Hinweise der Kanzlerin und die lauten Aufforderungen der Fotografen schlicht und ergreifend überhört. Absicht habe keinesfalls vorgelegen, erklärte sein Sprecher Sean Spicer auf Nachfrage des Spiegel. Vielleicht versteckt sich ja unter dem dichten Blondhaar ein Hörgerät, dessen Akku gerade leer war.

Möglicherweise war der Präsident einfach abgelenkt und in Gedanken schon beim nächsten Dekret. Er hat ja viel zu tun. Er muss zum Beispiel die Betonmischung für seine Mauer festlegen und darüber nachdenken, wie viele muslimische Staaten  mit einem Einreisebann zu belegen sind, damit auch die höchsten Richter der USA zustimmen. Oder hat er überlegt, wie er es mit Angela Merkels Hilfe erreichen kann, dass im Kaufhaus des Westens eine Vitrine mit Tochter Ivankas Modekreationen aufgestellt wird? Hat Ehefrau Melania aus Langeweile ihr Haushaltsgeld für März bereits verprasst und fordert einen Nachschlag, für den das karge Präsidenten-Gehalt nicht reicht?

Solche Probleme vermutet man bei Donald Trump. Vielleicht aber war die Szene pure Strategie, nämlich im Sinne eines Versöhnungssignals an die Adresse radikaler Muslime. Er hat, immerhin, einem unreinen Weib den Handschlag verweigert. Vielleicht hat er diese Chance erschnuppert.

Wir warten auf das Lob des Kalifen. Um dann zu wissen: Unser großer Verbündeter ist mehr Profi als wir alle denken.

Beim Selfie ist die Laus nicht weit

Andere Zeiten, andere Gefahren. Innerhalb weniger Jahre ist das Smartphone für viele Menschen zum treuesten und lebendigsten Begleiter geworden. Die mit den famosen Geräten verbundenen Risiken sind uns aber zu wenig bewusst. Die neueste Entdeckung: Selfies fördern die Verbreitung von Kopfläusen.

Dies behauptet zumindest Professor Hermann Feldmeier vom Institut für Mikrobiologie und Hygiene an der Berliner Charité. In der Zeitschrift Apotheken Umschau weist er darauf hin,  dass weibliche Teenager immer häufiger befallen würden. Die naturgemäß mit dichtem Haar gesegneten Mädchen steckten beim Selfie fröhlich die Köpfe zusammen. Dies nutzten clevere Läuse zur Übersprungshandlung.  Sollten die Tiere allerdings daneben springen, ist gemäß den Erkenntnissen der Zoologie ihr Schicksal besiegelt. Vier Stunden ohne Blut – und die Laus ist tot.

Die Erkenntnisse des Professors mögen ein Trost für alle Männer seien, die eine Frisur vom Typ Namib-Wüste tragen. Sie haben neuerdings mehr Bärte als früher, sind aber bei Selfies wohl weniger gefährdet. Dafür dürfte bei ihnen Handy-Hygiene das größere Problem sein. Smartphone-Displays sind, wie auch PC-Tasturen, in der Regel mit mehr Keimen behaftet als jede professionell gewartete Ratsstätten-Toilette. Und ein echter Mann stört sich nicht an den Currywurst-Fettschlieren vom Vortag.

Doch es gibt noch mehr Gefahren. Die für Gesundheit im Job zuständige Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin warnt vor schädlichen Beanspruchungen des Muskel- und Skelettsystems der Menschen durch Handys und Tablets. Wer sie allzu exzessiv verwende, bezahle mit Schmerzen in Daumen und Nacken. Beansprucht würden die Augen, weil sie bei schlechten Lichtverhältnissen überanstrengt oder durch Reflexionen geblendet würden. Schließlich führe der Versuch, das Display gegen Sonneneinstrahlung „abzuschatten“, zu ungünstigen Körperhaltungen. Der Smartphone-Mensch verhält sich somit wider die Evolution oder steckt in einem Prozess der Fortentwicklung.

Man sieht: Oft hat ein vermeintlicher Segen eine Kehrseite. Wir sollten also Smartphones und Tablets nie als unser Gehirn betrachten. Sondern als unseren Blinddarm. Und der ist im Zweifel verzichtbar. Weglegen ist erlaubt. Den Läusen hilft das nicht. Aber sie werden, ganz sicher, trotzdem überleben.

 

 

Die Kanzlerin wartet, aber Schützen werden tolerant

Was haben die Sportfreunde Lotte und Angela Merkel gemeinsam? Beide müssen wegen schlechten Wetters auf die Begegnung mit einem übermächtigen Kollegen warten. Hoffen wir für die Kanzlerin, das bis dahin die Frisur und auch die Raute hält.

Ungeduldig sind wir allerdings. Denn Angela Merkels Reise verspricht reichen Erkenntnisgewinn. Sie kann dann aus eigener Erfahrung bewerten, welches Mitglied des „Trio Totalitare“ der schlimmste Schrat unter der Sonne ist. Und wer am ehesten als Herzblatt in Frage kommt. Recep Tayyip, der charismatische Schnauzer, der jeden als Terroristen anschaut, der ihm Parkplatz oder Vorfahrt nimmt? Wladimir, der kompakte Herrenreiter, der keine Eroberung auslässt? Oder doch Donald, der immer der Erste ist, auch wenn man davon ausgehen muss, dass seine Frisur früher auf einem anderen Tier gelebt hat.

Wir wollen es erfahren. Aber ob uns das hilft, ist eine ganz andere Frage. Zu sehr scheinen zurzeit Rache, Aufrüstung, Hass und Intoleranz den Zeitgeist zu bilden.  Es kracht an allen Ecken und Enden.

Alle Liebe scheint auf dieser Welt zu vergehen. Und dann gibt es diese Nachricht: Der katholische Bund der Historischen Deutschen Schützenvereine will in Zukunft auch Homosexuellen und Muslimen die aktive Mitgliedschaft in seinen 1200 angeschlossenen Bruderschaften erlauben. Das beinhaltet die Möglichkeit, die Königswürde zu erringen.

Respekt, mein lieber Schützenbruder, denkt man sich da. Und fragt sich gleichzeitig, was es uns sagt, wenn ausgerechnet die Hüter einer urdeutschen Tradition  zeigen, wie Toleranz geht. Wir freuen uns ehrlich, weil gute Nachrichten rar geworden sind. Und halten fest: Offenheit ist leicht, wenn man sie bloß will. Salut!

Bleibt lässig, auch wenn die Roboter kommen

860.000.000. Eine gewaltige Zahl. So viele Überstunden wurden im vergangenen Jahr von den abhängig Beschäftigten in Deutschland geleistet. Wir haben Arbeit, aber unsere Zeit dafür scheint zu kurz zu sein.

Knallharte Controller oder auch Kampagnentexter der so genannten Initative Soziale Markwirtschaft werden sofort Einspruch einlegen. 860 Millionen Überstunden seien doch lächerlich wenig. Das seien pro Kopf bloß rund 20 Stunden Zusatzarbeit. Und das pro Jahr. Davon gehe niemand kaputt. Wer hieraus ein Problem mache, sorge dafür, dass unser Exportweltmeister-Land wieder zum kranken Mann Europas werde.

Dumm ist bloß: Diese Überstunden sind von seriösen Unternehmen seriös registriert und seriös in Freizeit oder Geld ausbezahlt worden. Das, was in irgendwelchen Ausbeuter-Klitschen zum Nulltarif heruntergeklopft worden ist, ist in dieser Statistik nicht enthalten. Man kennt die Zahlen nicht. Man soll ja nicht darüber reden. Und außerdem: Wer als Mitarbeiter einer Firma immer noch meint, dass es in Ordnung sei, zwischen Freitagnachmittag und Montagfrüh völlig unproduktiv zu existieren, der hat „die Welt da draußen“ noch nicht verstanden. Für jeden Spezialisten, den eine Firma für teures Geld beschäftigt, sitzt in der Internet-Cloud ein anderen, der denselben Job für ein Drittel des Geldes erledigt.

Aber diese armen Schlucker werden schon bald das kleinere Problem sein. Die Ära der Industrie 4.0 ist angebrochen. Roboter greifen ins Geschehen ein und werden uns Menschen mehr und mehr den Takt vorgeben. Mehrere Studien prophezeien, dass bis zum Jahr 2030 in Deutschland die Hälfte der heutigen Jobs aufgrund von Digitalisierung wegfallen wird. Der einst stolze Facharbeiter wird dann seinen Tag damit verbringen, als Maschinentherapeut der Maschinen beim Arbeiten zuzusehen und nur dann eingreifen, wenn es irgendwo hakt. An die Computerstimme der Service-Hotline haben wird uns schon gehört. Auch einen Beitrag wie diesen schreibt ein Roboter schneller.

Was bleibt dem Menschen? Er wird sich in einer auf Präzision und Produktivität getrimmten Arbeitswelt zurechtfinden müssen. Alles muss stimmen, Kollege Roboter zeigt uns, wie das geht. Trödeln schadet dem Standort. Versagen waren gestern.

Aber Stopp! Ist das wirklich so erstrebenswert? Der kunstvoll gezirkelte Freistoß beim Fußball sorgt selten für genauso lebendige Diskussionen wie der zu Unrecht gegebene Elfmeter. Der menschliche Fehler ist nicht nur charmant. Er treibt uns auch an. Denn wer kann in einer von Maschinen global optimierten Welt besser sein als andere?

Was also tun? Sollen wir ohne Pause schuften, damit wir noch besser als die Roboter sind? Falscher Weg, denn der Mensch ist nie eine Maschine.  Bleiben wir gelassen. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Und das macht selten Überstunden.

 

 

Denk‘ ich an Schweden in der Nacht…

Wir sollten Donald Trump dankbar sein. Richtete er doch den Schweinwerfer auf ein famoses, aber im Allgemeinen ziemlich vergessenes Nachbarland. Der US-Präsident hat Schweden entdeckt. Und er hat – Fak, Fake, Fake – öffentlich behauptet, dass dort nachts etwas passiert.

Das ist, statistisch betrachtet, ziemlich unwahrscheinlich. Schweden ist mit 450.000 Quadratkilometern fast 30 Prozent größer als Deutschland. Es hat aber nur zehn Millionen Einwohner, mithin nicht einmal ein Achtel der Bevölkerungszahl unseres Landes. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schwede zufällig einen Schweden trifft, um gemeinsam Unsinn zu machen, ist also relativ gering. Vermutlich deshalb gibt es hier bloß 18.000 Polizisten. Alleine in Bayern sind es 41.000.

Die Schweden gelten uns als ein Volk, in dem die Frauen blond sind und trotzdem nicht mehr Elternzeit als ihre Männer nehmen. Ein bedeutendes Unternehmen von dort hat es geschafft, dass Kinder Kötbullar statt Frikadelle oder Fleischküchle sagen. Schweden hat sechs Mal den Eurovision Song Contest gewonnen, drei Mal so oft wie Deutschland. Dieses Land kann Popkultur. Seine Designer verzieren Kerzenhalter, Serviettenständer oder  Weinkorken mit Elchen und nennen Hängeleuchten Söder.

Doch genug der Länderkunde. Was war los Freitagnacht in Schweden? Der Witze gibt es viele, Tatsache ist aber, dass der 87-jährige Sänger Owe Thörnquist bei seinen Proben zum Vorentscheid für den Eurovision Song Contest technische Probleme hatte. Wegen Sturm und Schnee wurde die Straße E 10 wegen Schnee und Sturm zwischen Katterjak und Riksgränsen gesperrt. In Stockholm beendete die Polizei eine Trunkenheitsfahrt. Später am Wochenende schießt der migrationshintergründige Schwede Imbrahimovic ein tödliches Tor. Aber das war im englischen Blackburn.

Der Präsident hat inzwischen eingeräumt, dass sein angeblich schlimmer Vorfall aus einer Fernsehsendung stammt, die er allerdings falsch verstanden hat. Unser Fazit: Laut einer Studie der Barmer Ersatzkasse hatten im Jahr 2015 rund 9,3 Prozent der Deutschen regelmäßig Kopfweh. Seit dem Erscheinen von Donald Trump dürften es stetig mehr werden.

Tatsächlich, es ist Zeit für Mut

„Lasst uns mutig sein!“ Zum Start ins Amt des Bundespräsidenten hat Frank-Walter Steinmeier diese schöne Botschaft in die Welt gesetzt. Denn Mut ist zeitgemäß. Die Welt um uns herum ist derart voller verrückter Zeitgenossen und Ereignisse, dass diese menschliche Regung alternativlos erscheint. Oder wie William Shakespeare dichtete: „Es steigt der Mut mit der Gelegenheit.“

Aber ist Steinmeiers Aufruf ein kluger Rat für alle Lebenslagen? Nehmen wir also an, es gäbe da einen Arbeitnehmer, der sich entschlösse, fortan nur noch mutig zu sein. Er würde keine unbezahlten Überstunden mehr leisten und eine angemessene Bezahlung fordern. Er würde auf Missstände oder Mängel am Arbeitsplatz mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen regieren. Er würde seinem Chef immer offen und ehrlich seine Meinung sagen – auch wenn diese unangenehm oder lästig ist.

Würde dieser Mensch alsbald als „Mitarbeiter des Monats“ im Foyer präsentiert? Oder würde seine Karriere weniger glatt laufen oder gar scheitern?

Realisten werden Letzteres vermuten. Zumindest dann, wenn sie die Bosse kennen. Das Wochenblatt Die Zeit hat jetzt den 30 Chefs der im Dax notierten Unternehmen gefragt, welches Gehalt sie für angemessen haltenund ob sie Verständnis hätten, falls der Staat die Spitzengehälter deckeln würde. Das Ergebnis: Unsere geballte Wirtschaftselite verstummte auf der Stelle. Ob Joe Kaeser von Siemens (6,3 Millionen € Jahresgehalt), Bill McDermott von SAP (9,3 Mio. €) oder Daimler-Chef Dieter Zetsche (9,8 Mio. €) – fast alle wollten sich nicht äußern.

Andere, wie Kurt Bock von BASF (5,0 Mio. €), ließen anklingen, dass sie von den Aufsichtsräten beglückt würden, deren Gehalts-Entscheidung sie selbstverständlich respektierten. Von den Höchstverdienern traf immerhin Bernd Scheifele von Heidelberger Cement (7,3 Mio. €) die Aussage, dass es in seinem Unternehmen „angemessene Vorstandsvergütungen“ gebe. Nikolaus von Bomhard von der Münchener Rück bezeichnete seine 4,3 Mio. € als „moderat“.

Das hätten, Steinmeier’scher Mut vorausgesetzt, alle Konzernlenker so erklären können. Aber vielleicht ist es ihnen selbst peinlich, wenn der Boss  von Daimler das 300.000-Euro-Jahresgehalt der Bundeskanzlerin bereits nach zwei Wochen erreicht. Oder die Tatsache, dass Topmanager vor 25 Jahren das 25-Fache eines Durchschnitts-Arbeitnehmers verdient haben, während es heute das 83-Fache ist.

Uns macht das wütend? Und wir finden, dass dieser Abstand auf gar keinen Fall noch größer werden darf?

Dann seien wir mutig. Tun wir uns zusammen und starten unsere Aufholjagd. Bloß keine Scham, der Präsident hat es schließlich so gewollt.

 

 

 

Mein Wunsch für Flüchtlinge: Solidarität wie damals

In diesen Zeiten, in denen Menschen vor Krieg und Terror flüchten – müsste es da nicht Solidarität durch jene geben, die das alles selbst erlebt haben? Müssten die Heimatvertriebenen von damals nicht ihren Leidensgenossen die Hand reichen? Viele tun es nicht. Schon gar nicht die langjährige Galionsfigur unserer Vertriebenen, die Politikerin Erika Steinbach. Mit Mords-Getöse ist sie aus der CDU ausgetreten, weil ihr die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu weich erscheint.

Vielleicht ist nur ein ganz profaner Zickenkrieg mit Angela Merkel eskaliert. Möglicherweise fehlt Erika Steinbach aber auch das wahre Flüchtlings-Gen. Der Herkunft nach ist sie keine Vorzeige-Vertriebene. Ihr Vater stammte aus Hanau, die Mutter aus Bremen. Nach Westpreußen kamen die Eltern erst während des Zweiten Weltkriegs.

Erika Steinbach war bei der Flucht ihrer Familie eineinhalb Jahre alt. Zu jung, um in dieser Heimat verwurzelt zu sein. Das sollte zumindest jenen Blut-und-Boden-Theoretikern am rechten Rand zu denken geben, die ihr nun begeistert zujubeln.

Mit ihrer Meinung ist sie aber kein Einzelfall. Aus nächster Nähe kenne ich Geflüchtete, die Asylbewerber aus Syrien oder Afghanistan kritisch sehen. Sie selbst sind durch Schnee und Eis gestapft, in der Hoffnung nicht verwundet oder vergewaltigt zu werden oder elend zu erfrieren. Sie waren, weil sie wohnen und essen mussten, in der neuen Heimat nicht willkommen. Sie waren ganz unten angekommen.

Die Politik steuerte damals energisch dagegen. „Helft den Flüchtlingen!“ plakatierte im Bundestagswahlkampf 1949 die CDU. „Vertriebene! Eure Not ist unsere Sorge“, die CSU. Die Anstrengung hat sich gelohnt.

Ich habe einen Flüchtling von damals gefragt, was ihn von den Flüchtlingen von heute unterscheide. Seine Antwort: „Ich habe Arbeit gesucht und mich nicht ausgeruht!“ Wahrscheinlich verblasst, was tröstlich ist, mit den Jahren die Erinnerung an das Böse. Sicher ist aber: Ein bisschen Solidarität wie damals – es würde uns allen gut tun.

Die Obergrenze als Quengelzone

Die Quengelzone ist das Grauen aller Eltern. In der Nähe der Supermarktkassen sind all die Dinge aufgebaut, die Kinder lieben, obwohl sie ziemlich sinnlos oder ungesund sind. „Will haben, will haben“ schluchzen die Kleinen, bis man um des lieben Friedens nachgibt. Unser aller Mutti, Angela Merkel, hat so ein Problem. „Obergrenze, Obergrenze, Obergrenze“, ruft der trotzige Horst. Vermutlich wird er seinen Willen kriegen.

Die Quengelzone der Bundespolitik lautet Franz-Josef-Strauß-Haus, Mies-van-der-Rohe-Straße 1, 80807 München. Es ist die Adresse der CSU-Zentrale. Von dort aus wird das Quengeln als bewährte Taktik zur Durchsetzung politischer Ziele zelebriert. Auf diese Weise wurden zum Beispiel Betreuungsgeld und Pkw-Maut durchgesetzt.

Und nun die Obergrenze. So wichtig ist sie Parteichef Horst Seehofer, dass er ankündigt, seine Partei in Berlin lieber in die Opposition zu führen, anstatt auch nur über einen Kompromiss nachzudenken. Was soll Angela Merkel tun? Entweder sie zuckt mit den Schultern und muss dann in ihrer nächsten Regierung jemand anders finden, der sich um Schnitzel aus echtem Fleisch kümmert. Das sollte machbar sein. Der Vorteil: Die kleinste Fraktion im Parlament müsste ihre Forderungen ohne Zugang zur Macht stellen. Der Nachteil: Das Quengeln nähme kein Ende, Wahlkampf und Talk-Shows hätten bis zur Wahl nur selten ein zweites oder gar drittes Thema.

Variante 2: Man stellt den Mann ruhig, indem man ihm sein Willen lässt. Die Obergrenze wäre da, ihre Nachteile auch. Sollte sie sich in den Herkunftsländern der Flüchtlinge herumsprechen, könnte es zu einem Ansturm führen, da man ja zusehen muss, noch in Deutschland unterzukommen. Die Politik bekäme auch eine Frage gestellt, auf die bisher bloß die AfD eine Antwort hat: Was ist zu tun, wenn Asylbewerber Nummer 200.001 an der Grenze steht? Schießen?

Andererseits: Im Idealfall ist Horst Seehofer ruhig gestellt. Volk, Politiker*innen, Medien und Gelehrte könnten beginnen, über wichtigere Themen zu diskutieren. Sicherung der Demokratie, Zukunft der Arbeit, gerechte Verteilung des Wohlstands, Beendigung von Kriegen, erfolgreiche Bildung, lebenswertes Altern, und, und, und…

Manchmal braucht man die Kraft, Dinge zu ertragen, die man nicht verhindern kann. In der Quengelzone ist das öfters so. Eine Mutti weiß das.

 

 

Wir rennen in das neue Jahr

So, jetzt aber: Kramen wir die Mottenkugeln aus den Taschen unseres Trainingsanzuges, lüften wir die Tennissocken und schnüren wir die Glitzerschuhe. 2017 ist da. Ab jetzt wird Sport gemacht. So zumindest haben sich die Teilnehmer*innen einer Umfrage der Meinungsforscher von YouGov geäußert. 50 Prozent der Befragten wollen ihren Körper stählen. Eine stolze Zahl.

Glücksumfragen zum Jahreswechsel sind natürlich mit Vorsicht zu genießen. Es macht einen Unterschied, ob man die angeblich werberelevante Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen oder ob man Senioren befragt. Orientiert man sich etwa an der Werbung im ZDF-Vorabendprogramm, dürften sich 85 Prozent ein Jahr mit weniger Rücken- oder Gliederschmerzen erhoffen. Weniger müssen müssen ist auch das Ziel der Nerds einer großen Computer-Zeitschrift. 62 Prozent nannten bei einer Umfrage diesen Wunsch, womit sie allerdings Stressvermeidung meinten. Abnehmen wollten hier nur 33 Prozent.

Doch halten wir uns an YouGov. Das 50-Prozent-Votum für den Sport stand möglicherweise in einem engen Zusammenhang mit der gerade beendeten Dart-WM. Da nämlich auch 46 Prozent der Antworten (Mehrfachnennungen waren möglich, sagt jetzt der Demoskope) auf „Abnehmen“ lautete, darf man davon ausgehen, dass es sich um ein Publikum handelt, welches von der Körperfülle eher nicht für Skispringen taugt. Gut, auch Hummeln können fliegen. Aber das ist ein Sonderfall.

41 Prozent gaben an, sich gesünder ernähren zu wollen. Andererseits fanden es nur 11 Prozent angebracht, die Alkoholmenge zu reduzieren. Ein Glas Wein ist eben nie verkehrt.

Wer aber wollte den Menschen die Sportlust ausreden? Niemand, wobei es schön wäre, wenn unser Trainieren nicht so humorlos wäre. Wer in die Kraftmaschinen-Abteilungen der Fitnesscenter schaut, blickt in oft schmerzverzerrte, aber selten lächelnde Gesichter. Schmunzeln über die Bauchwölbung beim Blick in den Spiegel? Sonst schon, aber nicht hier.

Und dann ist da noch die Lust auf Statistik. Vor allem Männer sind davon beseelt. Ihr Interesse an Alkoholverzicht sinkt vermutlich auf unter fünf Prozent, wenn sie nicht nach sechs Monaten leichtem Morgenjogging ihren ersten Halbmarathon geschafft haben.

Wie sehr es in Sachen Leistungsmessung ins Detail geht, zeigte sich gerade beim Nürnberger Silvesterlauf. Dort wurde allen Ernstes diskutiert, ob dem Läufer mit der besten Bruttozeit der Siegerpokal gebührt oder ob dieser doch dem Läufer mit der Top-Nettozeit zusteht. Der Unterschied? Letzterer ist beim Losrennen vor dem Brutto-Jogger auf eine Zeitmessmatte gestiegen. Am schnellsten war vermutlich der Läufer mit der Tarazeit.

Wenn es so weit gediehen ist, ist klar: Sport tut gut. Aber er kann auch unglücklich machen. Wir sollten also bei guten Vorsätzen fröhlich bleiben. Verbissen ist schlecht. Und das nächste neue Jahr kommt schon in knapp 52 Wochen.

 

 

Meine Jahrescharts: Bier, Parteien und eine Überdosis Fremdenhass

Ich gehe davon aus, dass erste Entzugserscheinungen wegen nicht mehr stattfindender Jahresrückblicke um sich greifen. Hier möchte ich helfen – mit meinen Top 10 für 2016.

Selbstverständlich ist die Essenz aus 110 Beiträgen nicht absolut aussagekräftig. Früh im Jahr veröffentlichte Texte bekommen immer wieder einmal Klicks, haben also am Jahresende sozusagen naturgemäß einen Vorsprung. Ich scheue aber die Wissenschaft und insbesondere die höhere Mathematik, um diesen Umstand zu kumulieren. Alsdenn: Stichtag Neujahr – und dann schauen wir mal.

Auf Rang 10 landete der Beitrag „Der Tod aus dem Zapfhahn“. Ausgelöst wurde er durch den Nachweis von Glyphosat im mutmaßlich allerreinsten Getränk, also dem Bier:

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/26/der-tod-aus-dem-zapfhahn/

Platz 9 für eine Betrachtung zu der widerlichen Bedrohung von Flüchtlingen durch Einheimische im sächsischen Clausnitz.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/20/sein-volk-macht-sich-jeder-selber/

Passend dazu, auf Position 8: „Was ist deutsch?“. Hier geht es um die sehr schwierige, für manche Menschen aber sehr einfache Suche nach der Leitkultur.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/01/22/was-ist-deutsch/

In Bayern habe ebendiese Leitkultur inzwischen Gesetzesrang. Insofern auf Platz 6 Bühne frei für CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/09/19/andreas-scheuer-der-hassprediger-mit-der-foehnfrisur/

Der 6. Platz ist ebenfalls für das unerschöpfliche Thema Fremdenhass und verwandte Denkstrukturen gewidmet. „Petry Heil auf Lesbos“ befasst sich mit dem Schießbefehl, über den die AfD-Chefin dahergeredet hatte.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/01/31/petry-heil-vor-lesbos/

Zum Glück gibt es noch andere viel gelesene Themen. Auf Rang 5 steht mein Beitrag über den Umstand, dass Bauern mit getrocknetem Kuhmist mehr Geld verdienen können als mit Vollmilch.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/03/26/das-neue-wunder-scheisse-wird-zu-gold/

Platz 4 für meine Hommage an die digitale Umwälzung, Ich sage, dass uns das Smartphone froh, aber eben auch dümmer macht.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/03/das-smartphone-macht-uns-froh-und-duemmer/

2016 wurden Faschingszüge wegen Sturmwarnungen abgesagt. Mancherorts blieb es windstill, weshalb „Lügenmeteorologen“ zu Hass-Subjekten wurden. Dafür Platz 3.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/09/jetzt-neu-hass-auf-die-luegenmeteorologen/

„Nur die dümmsten Kälber…“ lautete die Überschrift über den in meiner Klickparade zweitplatzieren Beitrag. Weitergedacht lautet der Satz „…wählen ihre Metzger selber“. Es geht um die AfD und deren Ziele.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/03/12/nur-die-duemmsten-kaelber/

Das größte Interesse hat der Beitrag „Jede Geschichte kann auch anders sein“ gefunden. Geschrieben habe ich ihn nach der Terror-Attacke von Würzburg. Nach allem, was wir inzwischen wissen, kann man ihn als zu täterfreundlich anschauen. Trotzdem: Wir sollten nicht nur nach Rache rufen, sondern nachdenken, woher der Terror kommen könnte.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/07/20/jede-geschichte-kann-auch-anders-sein/

Mein Fazit und Neujahrswunsch zugleich: 2017 darf ruhig lustiger werden.