Denk‘ ich an Schweden in der Nacht…

Wir sollten Donald Trump dankbar sein. Richtete er doch den Schweinwerfer auf ein famoses, aber im Allgemeinen ziemlich vergessenes Nachbarland. Der US-Präsident hat Schweden entdeckt. Und er hat – Fak, Fake, Fake – öffentlich behauptet, dass dort nachts etwas passiert.

Das ist, statistisch betrachtet, ziemlich unwahrscheinlich. Schweden ist mit 450.000 Quadratkilometern fast 30 Prozent größer als Deutschland. Es hat aber nur zehn Millionen Einwohner, mithin nicht einmal ein Achtel der Bevölkerungszahl unseres Landes. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Schwede zufällig einen Schweden trifft, um gemeinsam Unsinn zu machen, ist also relativ gering. Vermutlich deshalb gibt es hier bloß 18.000 Polizisten. Alleine in Bayern sind es 41.000.

Die Schweden gelten uns als ein Volk, in dem die Frauen blond sind und trotzdem nicht mehr Elternzeit als ihre Männer nehmen. Ein bedeutendes Unternehmen von dort hat es geschafft, dass Kinder Kötbullar statt Frikadelle oder Fleischküchle sagen. Schweden hat sechs Mal den Eurovision Song Contest gewonnen, drei Mal so oft wie Deutschland. Dieses Land kann Popkultur. Seine Designer verzieren Kerzenhalter, Serviettenständer oder  Weinkorken mit Elchen und nennen Hängeleuchten Söder.

Doch genug der Länderkunde. Was war los Freitagnacht in Schweden? Der Witze gibt es viele, Tatsache ist aber, dass der 87-jährige Sänger Owe Thörnquist bei seinen Proben zum Vorentscheid für den Eurovision Song Contest technische Probleme hatte. Wegen Sturm und Schnee wurde die Straße E 10 wegen Schnee und Sturm zwischen Katterjak und Riksgränsen gesperrt. In Stockholm beendete die Polizei eine Trunkenheitsfahrt. Später am Wochenende schießt der migrationshintergründige Schwede Imbrahimovic ein tödliches Tor. Aber das war im englischen Blackburn.

Der Präsident hat inzwischen eingeräumt, dass sein angeblich schlimmer Vorfall aus einer Fernsehsendung stammt, die er allerdings falsch verstanden hat. Unser Fazit: Laut einer Studie der Barmer Ersatzkasse hatten im Jahr 2015 rund 9,3 Prozent der Deutschen regelmäßig Kopfweh. Seit dem Erscheinen von Donald Trump dürften es stetig mehr werden.

Tatsächlich, es ist Zeit für Mut

„Lasst uns mutig sein!“ Zum Start ins Amt des Bundespräsidenten hat Frank-Walter Steinmeier diese schöne Botschaft in die Welt gesetzt. Denn Mut ist zeitgemäß. Die Welt um uns herum ist derart voller verrückter Zeitgenossen und Ereignisse, dass diese menschliche Regung alternativlos erscheint. Oder wie William Shakespeare dichtete: „Es steigt der Mut mit der Gelegenheit.“

Aber ist Steinmeiers Aufruf ein kluger Rat für alle Lebenslagen? Nehmen wir also an, es gäbe da einen Arbeitnehmer, der sich entschlösse, fortan nur noch mutig zu sein. Er würde keine unbezahlten Überstunden mehr leisten und eine angemessene Bezahlung fordern. Er würde auf Missstände oder Mängel am Arbeitsplatz mit Kritik und Verbesserungsvorschlägen regieren. Er würde seinem Chef immer offen und ehrlich seine Meinung sagen – auch wenn diese unangenehm oder lästig ist.

Würde dieser Mensch alsbald als „Mitarbeiter des Monats“ im Foyer präsentiert? Oder würde seine Karriere weniger glatt laufen oder gar scheitern?

Realisten werden Letzteres vermuten. Zumindest dann, wenn sie die Bosse kennen. Das Wochenblatt Die Zeit hat jetzt den 30 Chefs der im Dax notierten Unternehmen gefragt, welches Gehalt sie für angemessen haltenund ob sie Verständnis hätten, falls der Staat die Spitzengehälter deckeln würde. Das Ergebnis: Unsere geballte Wirtschaftselite verstummte auf der Stelle. Ob Joe Kaeser von Siemens (6,3 Millionen € Jahresgehalt), Bill McDermott von SAP (9,3 Mio. €) oder Daimler-Chef Dieter Zetsche (9,8 Mio. €) – fast alle wollten sich nicht äußern.

Andere, wie Kurt Bock von BASF (5,0 Mio. €), ließen anklingen, dass sie von den Aufsichtsräten beglückt würden, deren Gehalts-Entscheidung sie selbstverständlich respektierten. Von den Höchstverdienern traf immerhin Bernd Scheifele von Heidelberger Cement (7,3 Mio. €) die Aussage, dass es in seinem Unternehmen „angemessene Vorstandsvergütungen“ gebe. Nikolaus von Bomhard von der Münchener Rück bezeichnete seine 4,3 Mio. € als „moderat“.

Das hätten, Steinmeier’scher Mut vorausgesetzt, alle Konzernlenker so erklären können. Aber vielleicht ist es ihnen selbst peinlich, wenn der Boss  von Daimler das 300.000-Euro-Jahresgehalt der Bundeskanzlerin bereits nach zwei Wochen erreicht. Oder die Tatsache, dass Topmanager vor 25 Jahren das 25-Fache eines Durchschnitts-Arbeitnehmers verdient haben, während es heute das 83-Fache ist.

Uns macht das wütend? Und wir finden, dass dieser Abstand auf gar keinen Fall noch größer werden darf?

Dann seien wir mutig. Tun wir uns zusammen und starten unsere Aufholjagd. Bloß keine Scham, der Präsident hat es schließlich so gewollt.

 

 

 

Mein Wunsch für Flüchtlinge: Solidarität wie damals

In diesen Zeiten, in denen Menschen vor Krieg und Terror flüchten – müsste es da nicht Solidarität durch jene geben, die das alles selbst erlebt haben? Müssten die Heimatvertriebenen von damals nicht ihren Leidensgenossen die Hand reichen? Viele tun es nicht. Schon gar nicht die langjährige Galionsfigur unserer Vertriebenen, die Politikerin Erika Steinbach. Mit Mords-Getöse ist sie aus der CDU ausgetreten, weil ihr die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu weich erscheint.

Vielleicht ist nur ein ganz profaner Zickenkrieg mit Angela Merkel eskaliert. Möglicherweise fehlt Erika Steinbach aber auch das wahre Flüchtlings-Gen. Der Herkunft nach ist sie keine Vorzeige-Vertriebene. Ihr Vater stammte aus Hanau, die Mutter aus Bremen. Nach Westpreußen kamen die Eltern erst während des Zweiten Weltkriegs.

Erika Steinbach war bei der Flucht ihrer Familie eineinhalb Jahre alt. Zu jung, um in dieser Heimat verwurzelt zu sein. Das sollte zumindest jenen Blut-und-Boden-Theoretikern am rechten Rand zu denken geben, die ihr nun begeistert zujubeln.

Mit ihrer Meinung ist sie aber kein Einzelfall. Aus nächster Nähe kenne ich Geflüchtete, die Asylbewerber aus Syrien oder Afghanistan kritisch sehen. Sie selbst sind durch Schnee und Eis gestapft, in der Hoffnung nicht verwundet oder vergewaltigt zu werden oder elend zu erfrieren. Sie waren, weil sie wohnen und essen mussten, in der neuen Heimat nicht willkommen. Sie waren ganz unten angekommen.

Die Politik steuerte damals energisch dagegen. „Helft den Flüchtlingen!“ plakatierte im Bundestagswahlkampf 1949 die CDU. „Vertriebene! Eure Not ist unsere Sorge“, die CSU. Die Anstrengung hat sich gelohnt.

Ich habe einen Flüchtling von damals gefragt, was ihn von den Flüchtlingen von heute unterscheide. Seine Antwort: „Ich habe Arbeit gesucht und mich nicht ausgeruht!“ Wahrscheinlich verblasst, was tröstlich ist, mit den Jahren die Erinnerung an das Böse. Sicher ist aber: Ein bisschen Solidarität wie damals – es würde uns allen gut tun.

Die Obergrenze als Quengelzone

Die Quengelzone ist das Grauen aller Eltern. In der Nähe der Supermarktkassen sind all die Dinge aufgebaut, die Kinder lieben, obwohl sie ziemlich sinnlos oder ungesund sind. „Will haben, will haben“ schluchzen die Kleinen, bis man um des lieben Friedens nachgibt. Unser aller Mutti, Angela Merkel, hat so ein Problem. „Obergrenze, Obergrenze, Obergrenze“, ruft der trotzige Horst. Vermutlich wird er seinen Willen kriegen.

Die Quengelzone der Bundespolitik lautet Franz-Josef-Strauß-Haus, Mies-van-der-Rohe-Straße 1, 80807 München. Es ist die Adresse der CSU-Zentrale. Von dort aus wird das Quengeln als bewährte Taktik zur Durchsetzung politischer Ziele zelebriert. Auf diese Weise wurden zum Beispiel Betreuungsgeld und Pkw-Maut durchgesetzt.

Und nun die Obergrenze. So wichtig ist sie Parteichef Horst Seehofer, dass er ankündigt, seine Partei in Berlin lieber in die Opposition zu führen, anstatt auch nur über einen Kompromiss nachzudenken. Was soll Angela Merkel tun? Entweder sie zuckt mit den Schultern und muss dann in ihrer nächsten Regierung jemand anders finden, der sich um Schnitzel aus echtem Fleisch kümmert. Das sollte machbar sein. Der Vorteil: Die kleinste Fraktion im Parlament müsste ihre Forderungen ohne Zugang zur Macht stellen. Der Nachteil: Das Quengeln nähme kein Ende, Wahlkampf und Talk-Shows hätten bis zur Wahl nur selten ein zweites oder gar drittes Thema.

Variante 2: Man stellt den Mann ruhig, indem man ihm sein Willen lässt. Die Obergrenze wäre da, ihre Nachteile auch. Sollte sie sich in den Herkunftsländern der Flüchtlinge herumsprechen, könnte es zu einem Ansturm führen, da man ja zusehen muss, noch in Deutschland unterzukommen. Die Politik bekäme auch eine Frage gestellt, auf die bisher bloß die AfD eine Antwort hat: Was ist zu tun, wenn Asylbewerber Nummer 200.001 an der Grenze steht? Schießen?

Andererseits: Im Idealfall ist Horst Seehofer ruhig gestellt. Volk, Politiker*innen, Medien und Gelehrte könnten beginnen, über wichtigere Themen zu diskutieren. Sicherung der Demokratie, Zukunft der Arbeit, gerechte Verteilung des Wohlstands, Beendigung von Kriegen, erfolgreiche Bildung, lebenswertes Altern, und, und, und…

Manchmal braucht man die Kraft, Dinge zu ertragen, die man nicht verhindern kann. In der Quengelzone ist das öfters so. Eine Mutti weiß das.

 

 

Wir rennen in das neue Jahr

So, jetzt aber: Kramen wir die Mottenkugeln aus den Taschen unseres Trainingsanzuges, lüften wir die Tennissocken und schnüren wir die Glitzerschuhe. 2017 ist da. Ab jetzt wird Sport gemacht. So zumindest haben sich die Teilnehmer*innen einer Umfrage der Meinungsforscher von YouGov geäußert. 50 Prozent der Befragten wollen ihren Körper stählen. Eine stolze Zahl.

Glücksumfragen zum Jahreswechsel sind natürlich mit Vorsicht zu genießen. Es macht einen Unterschied, ob man die angeblich werberelevante Altersgruppe der 14- bis 49-Jährigen oder ob man Senioren befragt. Orientiert man sich etwa an der Werbung im ZDF-Vorabendprogramm, dürften sich 85 Prozent ein Jahr mit weniger Rücken- oder Gliederschmerzen erhoffen. Weniger müssen müssen ist auch das Ziel der Nerds einer großen Computer-Zeitschrift. 62 Prozent nannten bei einer Umfrage diesen Wunsch, womit sie allerdings Stressvermeidung meinten. Abnehmen wollten hier nur 33 Prozent.

Doch halten wir uns an YouGov. Das 50-Prozent-Votum für den Sport stand möglicherweise in einem engen Zusammenhang mit der gerade beendeten Dart-WM. Da nämlich auch 46 Prozent der Antworten (Mehrfachnennungen waren möglich, sagt jetzt der Demoskope) auf „Abnehmen“ lautete, darf man davon ausgehen, dass es sich um ein Publikum handelt, welches von der Körperfülle eher nicht für Skispringen taugt. Gut, auch Hummeln können fliegen. Aber das ist ein Sonderfall.

41 Prozent gaben an, sich gesünder ernähren zu wollen. Andererseits fanden es nur 11 Prozent angebracht, die Alkoholmenge zu reduzieren. Ein Glas Wein ist eben nie verkehrt.

Wer aber wollte den Menschen die Sportlust ausreden? Niemand, wobei es schön wäre, wenn unser Trainieren nicht so humorlos wäre. Wer in die Kraftmaschinen-Abteilungen der Fitnesscenter schaut, blickt in oft schmerzverzerrte, aber selten lächelnde Gesichter. Schmunzeln über die Bauchwölbung beim Blick in den Spiegel? Sonst schon, aber nicht hier.

Und dann ist da noch die Lust auf Statistik. Vor allem Männer sind davon beseelt. Ihr Interesse an Alkoholverzicht sinkt vermutlich auf unter fünf Prozent, wenn sie nicht nach sechs Monaten leichtem Morgenjogging ihren ersten Halbmarathon geschafft haben.

Wie sehr es in Sachen Leistungsmessung ins Detail geht, zeigte sich gerade beim Nürnberger Silvesterlauf. Dort wurde allen Ernstes diskutiert, ob dem Läufer mit der besten Bruttozeit der Siegerpokal gebührt oder ob dieser doch dem Läufer mit der Top-Nettozeit zusteht. Der Unterschied? Letzterer ist beim Losrennen vor dem Brutto-Jogger auf eine Zeitmessmatte gestiegen. Am schnellsten war vermutlich der Läufer mit der Tarazeit.

Wenn es so weit gediehen ist, ist klar: Sport tut gut. Aber er kann auch unglücklich machen. Wir sollten also bei guten Vorsätzen fröhlich bleiben. Verbissen ist schlecht. Und das nächste neue Jahr kommt schon in knapp 52 Wochen.

 

 

Meine Jahrescharts: Bier, Parteien und eine Überdosis Fremdenhass

Ich gehe davon aus, dass erste Entzugserscheinungen wegen nicht mehr stattfindender Jahresrückblicke um sich greifen. Hier möchte ich helfen – mit meinen Top 10 für 2016.

Selbstverständlich ist die Essenz aus 110 Beiträgen nicht absolut aussagekräftig. Früh im Jahr veröffentlichte Texte bekommen immer wieder einmal Klicks, haben also am Jahresende sozusagen naturgemäß einen Vorsprung. Ich scheue aber die Wissenschaft und insbesondere die höhere Mathematik, um diesen Umstand zu kumulieren. Alsdenn: Stichtag Neujahr – und dann schauen wir mal.

Auf Rang 10 landete der Beitrag „Der Tod aus dem Zapfhahn“. Ausgelöst wurde er durch den Nachweis von Glyphosat im mutmaßlich allerreinsten Getränk, also dem Bier:

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/26/der-tod-aus-dem-zapfhahn/

Platz 9 für eine Betrachtung zu der widerlichen Bedrohung von Flüchtlingen durch Einheimische im sächsischen Clausnitz.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/20/sein-volk-macht-sich-jeder-selber/

Passend dazu, auf Position 8: „Was ist deutsch?“. Hier geht es um die sehr schwierige, für manche Menschen aber sehr einfache Suche nach der Leitkultur.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/01/22/was-ist-deutsch/

In Bayern habe ebendiese Leitkultur inzwischen Gesetzesrang. Insofern auf Platz 6 Bühne frei für CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/09/19/andreas-scheuer-der-hassprediger-mit-der-foehnfrisur/

Der 6. Platz ist ebenfalls für das unerschöpfliche Thema Fremdenhass und verwandte Denkstrukturen gewidmet. „Petry Heil auf Lesbos“ befasst sich mit dem Schießbefehl, über den die AfD-Chefin dahergeredet hatte.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/01/31/petry-heil-vor-lesbos/

Zum Glück gibt es noch andere viel gelesene Themen. Auf Rang 5 steht mein Beitrag über den Umstand, dass Bauern mit getrocknetem Kuhmist mehr Geld verdienen können als mit Vollmilch.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/03/26/das-neue-wunder-scheisse-wird-zu-gold/

Platz 4 für meine Hommage an die digitale Umwälzung, Ich sage, dass uns das Smartphone froh, aber eben auch dümmer macht.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/03/das-smartphone-macht-uns-froh-und-duemmer/

2016 wurden Faschingszüge wegen Sturmwarnungen abgesagt. Mancherorts blieb es windstill, weshalb „Lügenmeteorologen“ zu Hass-Subjekten wurden. Dafür Platz 3.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/02/09/jetzt-neu-hass-auf-die-luegenmeteorologen/

„Nur die dümmsten Kälber…“ lautete die Überschrift über den in meiner Klickparade zweitplatzieren Beitrag. Weitergedacht lautet der Satz „…wählen ihre Metzger selber“. Es geht um die AfD und deren Ziele.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/03/12/nur-die-duemmsten-kaelber/

Das größte Interesse hat der Beitrag „Jede Geschichte kann auch anders sein“ gefunden. Geschrieben habe ich ihn nach der Terror-Attacke von Würzburg. Nach allem, was wir inzwischen wissen, kann man ihn als zu täterfreundlich anschauen. Trotzdem: Wir sollten nicht nur nach Rache rufen, sondern nachdenken, woher der Terror kommen könnte.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2016/07/20/jede-geschichte-kann-auch-anders-sein/

Mein Fazit und Neujahrswunsch zugleich: 2017 darf ruhig lustiger werden.

 

 

 

 

 

 

Die Märkte mögen es charakterlos

Am Ende eines Jahres wird Bilanz gezogen. Dazu gehört stets auch die Frage, wer der Liebling „der Märkte“ ist. Welches Unternehmen also die Geldfürsten des Finanzkapitalismus am meisten begeistert. Das Geheimnis ist gelüftet, der Star der Börsianer ist gekürt: Der Apple-Konzern darf sich „wertvollstes Unternehmen der Welt“ nennen.

Das US-Unternehmen wird an den Finanzmärkten mit 625 Milliarden Dollar bewertet. Das ist mehr, als die sieben am höchsten bewerteten deutschen Firmen zusammen aufweisen. Als Mitglieder der digitalen Elite verstehen wir das.

Zwar kann ein ein iPhone kaum mehr als ein ganz offiziell in Fernost produziertes Smartphone. Aber dank neuem Wasserschutz ermöglicht es Selfies beim Schnorcheln, es hat Stereo-Lautsprecher, drahtlose Kopfhörer und ein Retina-Display mit Force Touch. Erstmals sind auch die Antennenstreifen an den Gehäusekanten effektiv getarnt. Schließlich stehen dem Quad-Core-Prozessor A10 Fusion 3 GB RAM zur Seite. Das ist, keine Frage, Fortschritt pur. Darauf hat die Welt gewartet.

Mit kühlem Kopf betrachtet, wirkt das iPhone übertrieben teuer. Aber vielleicht werden die Apple-Arbeiter besser bezahlt.  Mag sein, dass das für die Software-Entwickler, Designer und Marketing-Experten gilt. Fabrikarbeit lässt auch unser Vorzeige-Unternehmen allerdings wie alle anderen in Ostasien leisten. Zu konkurrenzfähigen, also elend schlechten Konditionen für die Menschen am Band.

Das allerdings wird gegenüber den Öffentlichkeit weggewischt. Was erst recht für die Förderung der für ein iPhone erforderlichen Rohstoffe gilt. Da sind so viele Subunternehmer, Rohstoffhändler und Milizenchefs aus unsicheren Regionen beteiligt, dass keine Verbindung zu Apple mehr hergestellt werden kann, wenn wieder einmal irgendwo in Afrika der Einsturz einer Mine ein paar Bergbau-Sklaven tötet. Und die in dreistellihger Millionenhöhe hinterzogenen Steuern von Apple lagern dem Vernehmen nach auf einer Südsee- oder Karibik-Insel. Wo jedoch, erscheint auf keinem Display.

Unser Fazit: „Die Märkte“ lieben Blender, Betrüger und eiskalte Ausbeuter. Hauptsache, man schaut gut aus. Champagner für die Märkte!

 

 

 

Die Leberwurst hat keinen Ringelschwanz

Wir alle kennen das Sommerloch. Wenn die Tage besonders arm an Nachrichten sind, nutzen ansonsten wenig beachtete Politiker die Chance, um mit originellen bis richtig blöden Vorschlägen auf sich aufmerksam zu machen. Neuerdings scheint es ein Winterloch zu geben. Jedenfalls ist Agrarminister Christian Schmidt gerade glanzvoll zur Stelle.

Der fränkische CSU-Politiker will, in persönlicher Sorge um das Wohl der Verbraucher, Fleischnamen für pflanzliche Lebensmittel verbieten lassen. Begriffe wie „vegetarisches Schnitzel“ oder „vegane Currywurst“ seien „komplett irreführend“. Also weg damit.

Den Beifall der begeisterten Fleischesser hat Schmidt sicher. Diese empfinden es als geradezu obszön, dass Freundinnen und Freunde der tierfreien Nahrung ausgerechnet ihren kulinarischen Idealen nacheifern. Wer Salat und Gemüse wolle, so deren Meinung, solle das doch bitteschön auch so verzehren, wie es sich gehört. Also in geschnipselten Blättern oder als giftgrüne Pampe. Lebensmittel seien schließlich nicht dafür da, um zwanghaft verdrängte Sehnsüchte zu befriedigen.

Aber so einfach ist es nicht. Das Schnitzel ist ja nur die Darreichungsform. Eine Ähnlichkeit mit dem an der Herstellung beteiligten Tier hat es überhaupt nicht. Es gibt keinen Bierschinken mit Rüssel und keine Leberwurst mit Ringelschwanz. Insofern stellen unsere Fleisch-Produkte eine dramatische Irreführung der Konsumenten dar.

Überhaupt hat dieses Prinzip eine lange Tradition. Mit Erbswurstsuppe wurden in Deutschland Kinder gefüttert, als italienische Salami noch weithin unbekannt war. Molekularköche, die Rinderlende als Schaum servierten, wurden als innovativ gefeiert und nicht als Postfaktiker verfemt. Völlig straffrei wurde dafür geworben, dass ein überzuckertes Kinderjoghurt „so wertvoll wie ein kleines Steak“ sei.

Und dann noch alkoholfreies Bier. Auch das ein dem Wesen nach unreiner Frevel. Wenngleich es besser schmecken soll als manch schäumende Industriepampe. Wer weiß, vielleicht ist ja das die eigentliche Angst der Menschen, die 100 Gramm totes Tier für 29 Cent verhökern. Das Veggie-Wurst lecker ist.

Sollte das der Fall sein, tolerieren wir gerne weitere einschlägige Produkte. Die längste Wurst-Praline der Welt? Warum eigentlich nicht?

Nicht ist spannender als das Andere

Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, glaubt man gerne, dass man recht gut über Gott und die Welt Bescheid weiß. Überraschende Erlebnisse sind dann besonders schön.

Bei einem Diskussionsabend sollten gehörlose Menschen schildern, wie sie sich Deutschland im Jahr 2026 vorstellen. Als einziger Gast hatte ich bis dahin nichts mit Hörgeschädigten zu tun gehabt. Umso größer war mein Erkenntnisgewinn.

Überrascht war ich darüber, dass es in Bayern rund 8000 Gehörlose gibt. Keine kleine Zahl. Mit der vom Grundgesetz eigentlich garantierten Chancengleichheit ist dennoch nicht weit her. Um in der Welt der Hörenden mitzuhalten, sind Gehörlose auf Dolmetscher angewiesen. Wie ist das bei einem Studium? Dann muss diese Unterstützung Semester für Semester aufs Neue beantragt werden.

Wie ist es mit der Politik? Es dürfte keinen Partei-Ortsverein geben, in dem Gehörlose dank Übersetzer mitreden können oder der es gar wagen würde, Nicht-Hörende als Kandidaten zu nominieren. Eine Diskussion über Quoten bei der Vergabe von Mandaten wäre nicht verkehrt.

Apropos: Eine andere Anwesende hatte einen Ausbildungsplatz deshalb bekommen, weil ihre Firma die Schwerbehindertenquote nicht erfüllt hatte. Allerdings wurde ihr vom Chef erklärt, dass man lieber eine andere Behinderung genommen hätte. Bei Gehörlosen müssten viel mehr Formulare ausgefüllt werden. Sicher nett, das so zu hören.

Eine Lehrerin fasste es so zusammen: „Ich könnte viel, aber ich komme aus meiner kleinen Gehörlosen-Welt nicht heraus.“ Anders gesagt, leistet es sich diese Gesellschaft, Fähigkeiten und Potenziale ungenutzt zu lassen, weil sie bei sozialen Fragen immer zuerst auf die Kosten schaut.

Was lernt man noch bei einer solchen Begegnung? Hörende sollten mit Gehörlosen gestenreich reden, auch wenn sie in der Gebärdensprache möglicherweise Unsinn erzählen. Man soll beim Reden den Gegenüber anschauen, damit die Lippen gelesen werden können. Ein Bart stört nicht, sofern er nicht über die Oberlippe wuchert. Man sollte deutlich, aber nicht zu langsam reden, denn dann fühlt sich der Andere doof.

Es gibt Dialekte: Die Gebärde für „Sonntag“ ist in Norddeutschland anders als im Süden. Wer mit Gehörlosen zusammenleben möchte, sollte wissen: Beim Kochen scheppern die Töpfe gewaltig. Die Geräusche stören ja nicht.

Wie aber war der Wunsch für 2026? Deutschland soll bunt sein, mit gleichen Möglichkeiten für alle Menschen. Unterschreibe ich sofort, denn ich habe erlebt: Nichts ist spannender als das Andere.