Das Ratespiel der Stunde: Finde das zweite Thema

Ein spannendes Ratespiel in diesen flüchtlingsbewegten Zeiten könnte lauten: Finde das zweite Thema. Gut, wir kriegen wieder Griechenland auf den Schirm, wo doch dieser linke Hasardeur Alexis Tsipras trotz alledem kaum Stimmen verloren hat. Und natürlich Volkswagen, das zugegeben hat, dass es in den USA die Abgasmessungen von „Das Auto“ manipuliert hat. Ein Verhalten, das man bisher nur von einem Club mit gelben Engeln und von halbseidenen Autoschraubern gekannt hat.

Das könnte was werden. Aber zugleich müssen wir an die BSE denken. Diese Krankheit, die riesengroß war und dann fast schlagartig aus den Medien verschwunden ist. Gibt es möglicherweise einige unerledigte Dinge, die wir aus dem Blickfeld verloren haben? Blicken wir ein Jahr lang zurück –  stichprobenartig.

Im September 2014 wurde darüber diskutiert, dass die von den Autoherstellern gemeldeten Schadstoffwerte nicht stimmen können. Sie würden ja unter Laborbedingungen ermittelt, die mit dem normalen Straßenverkehr nichts zu tun hätten. Außerdem würden die Werte der Neuwagenflotten durch Elektroautos nach unten korrigiert, die allerdings keiner will. Tatsächlich ist gerade bekannt geworden, dass die Autofirmen mehr als die Hälfte ihrer E-Autos auf sich selber zulassen. Ist da vor einem Jahr ein US-Umweltbeamter hellhörig geworden?

Im Oktober 2014 war das Einfrieren von menschlichen Eizellen zwecks konzerngerechter Geburtenplanung ein großes Thema. Daran dürfte sich nichts ändern, zumal Hollywood-Stars (zuletzt Jennifer Aniston) der Erfolgsfrau klar machen, dass sexfreies Befruchten das Optimum ist. Wir hatten aber auch den – jawohl – Lokführer-Streik. Alleine der Gedanke, dass dieser jetzt stattfinden könnte, sollte unseren „besorgten Bürgern“ Tränen in die Augen treiben.

Zuwanderung wird von meiner Heimatstadt Nürnberg aus gesteuert. Angeblich hat ja ein unglückseliger Twitter-Beauftragter des Bundesamtes für Migration mit einer unvorsichtigen Kurzmitteilung dafür gesorgt, dass sich zurzeit die allermeisten Flüchtlinge als Syrer bezeichnen. Gerne übersehen wird allerdings der Beitrag der hier ansässigen Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Diese meldete im Oktober 2014, dass Deutschland das Land mit dem weltweit besten Image sei. Und jedes Medium hat diese Pressemitteilung aufgegriffen.

Man kommt also zur Erkenntnis, dass das jetzige einzige Thema vor einem Jahr schon da war. Irgendwie. Die Suche nach dem zweiten Thema sollten wir also weiter hinten beginnen. Vor fünf Jahren zum Beispiel. Der große Aufreger im September 2010: Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke. Sie meinen, wenigstens das sei abgehakt? Wenn wir uns da nicht täuschen. Gerade schaut ja keiner hin…

 

Die böse Krise lauert überall

Sie belagert uns, belastet uns, zerfrisst uns: Die Krise ist immer und überall. Nehmen wir einen ganz normalen, entspannten Abend. Eigentlich ein Termin zum Entspannen. Aber dann googeln wir „Krise“.

Wir erfahren vorneweg von der Allerneuesten, der Subway-Krise. Ein Anbieter von Fast-Food der australischen Art ist in Turbulenzen geraten, obwohl er Qualität hoch gehalten hat. Unmittelbar darauf folgt die Ukraine-Krise. Merkel und Hollande haben mit Wladimir Putin telefoniert. Man setzt also wieder auf Zuhören, wo man doch dank Abhören alles voneinander weiß.

Während Stuttgart, in diesem Fall der dortige Verein für Bewegungsspiele, in der Krise steckt, was sich ohne Einsatz journalistischen Sachverstands mit dem Nichtvorhandensein von Punkten erklärt, verweist ein Fachverlag für Gebrauchspsychologie darauf, dass Krisen „nicht nur negativ“ sind. Richtig, denn jede Krise entdet irgendwann. Und sei es mit einem Abstieg.

Die Euro-Krise ist, anders als BSE, tatsächlich noch da. Sie wird aber zurzeit überlagert durch die Flüchtlingskrise, welche sich zusammenfassend in einer Flüchtlings-Krisen-Karte darstellen. Mit dabei ist, ansonsten wenig diskutiert, der Brenner.

Mit Blick auf die Griechenland-Krise mahnt ein Kommentator zum Verzicht auf Utopien. Dafür erklärt ein Börsenexperte die China-Krise für nicht vorhanden. Was diejenigen nicht trösten wird, die wegen dieses Nichts gerade Geld verloren haben. Ach so, auch „Gladbach“ und Paderborn sind in einer Krise. Ob die als Gegenmittel gepriesene Yoga-Vidya-Anti-Krisen-Therapie in diesem Fall hilft, darf als fraglich gelten. Torhüter im Lotussitz sind leicht zu überwinden.

Der Berliner Frauenchor betrachtet die Sache menschlich und widmet ein ganzes Abendprogramm „Judiths Krise“. Der  Verlag Westfälisches Dampfboot macht Interessierten das Angebot, der krisenbezwingenden Regulationstheorie durch die Lektüre eines 399 Seiten starken Buches auf die Spur zu kommen.

Da freut es uns, dass das hessische Altenburschla und das thüringische Großburschla vor 25 Jahren durch den Abbau des Grenzzaunes die jahrzehntelange Ost-West-Krise überwunden haben. Allerdings: Heute mag in beiden Orten niemand mehr wohnen. Sie sind – jawohl – in der Krise. Böse, böse Welt.

 

Abweichler? Streitet nicht, wir sitzen lieber auf dem Sofa

Es liest sich so einfach: „Jedes Mitglied des Bundestages folgt bei Reden, Handlungen, Abstimmungen und Wahlen seiner Überzeugung und seinem Gewissen“.  So steht es in der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestages. Aber wie ist die Wirklichkeit – in Zeiten der Euro-Hilfspakete?

Jedenfalls nicht so einfach. Man könnte anmerken, dass zum Erfüllen dieses Anspruches eine eigene Überzeugung überhaupt vorhanden sein müsste. Das klingt zynisch, aber andererseits: Nicht jeder Abgeordnete kann sich so tief in sämtliche Themen arbeiten, dass er jeweils frei und unbelastet entscheiden könnte. Er braucht jemand, der ihm die Richtung weist. Seien es nun die Kanzlerin, der Fraktionschef oder der Lobbyist mit dem großen Bewirtungs-Etat.

Gewissen? Auch das muss man erst einmal haben. In der realen Politik werden es vor allem redliche Menschen nur selten erleben, dass sie eine Entscheidung mit frohem Herzen zu 100 Prozent mittragen können. Jedes Gesetz ist ein Kompromiss, an dem bis zur Abstimmung alle möglichen Interessierten herumgeschraubt haben. Und es geht immer auch um Macht. Wer nur seinem Gewissen folgt, streut Sand ins Getriebe, legt sich mit seinem Freunden an und ist bald selber weg.

In der Öffentlichkeit wird der Aufrechte selten gelobt. Eher schon winken ihm abschätzige Bezeichnungen wie „Abweichler“. So, wie wir das gerade in Sachen Griechenland-Hilfspakete erleben.

Wie eigentlich, so fragt man sich, ist es um unser Land und um seine Demokratie bestellt, wenn das Vertreten einer zwecks Fraktionsdisziplin nicht genehmen Meinung als lästig oder störend empfunden wird? Warum sind Querdenker unbeliebt? Wie kann es sein, dass wir alle so tun, als wäre es mega-spannend, ob Mutti Merkel bei einer Entscheidung 50, 60 oder 70 Stimmen aus dem Lager fehlen? Obwohl wir wissen, dass es bei der Abstimmung immer noch locker zum Sieg reicht.

Vielleicht liegt es an unserer eigenen Müdigkeit. Wir möchten, dass der Laden läuft. Egal, was hinten rauskommt. Lasst uns in Ruhe mit eurer anstrengenden, hässlichen Politik. Zuviel Streit belastet nur, wir sitzen lieber gemütlich auf dem Sofa. Dass wir dabei manchmal ein schlechtes Gewissen haben, stimmt auch. Aber das ist ein anderes Thema…

 

Griechenland, die Krönungskrise für die CSU

Ach, hätten unsere Politiker doch mehr Mut. Der Nicht-Grexit würde anders ausfallen. Nehmen wir bloß die CSU: Sie hätte die Chance gehabt, ihren Ur-Traum zu verwirklichen, unmittelbar in die Fußstapfen der Wittelsbacher zu treten und eine nach-parlamentarische Monarchie zu errichten. Mit König Horst, Prinz Markus und Prinzessin Ilse. Aber nix war’s.

Gerade Bayern hat Hellas viel gegeben. Nachdem ein damals 16-jähriger Wittelsbacher-Spross im Jahr 1832 als Otto I. König von Griechenland gekrönt worden war, gab es zahlreiche Veränderungen. Das Bayerische Reinheitsgebot wurde eingeführt, weshalb die Griechen bis heute ein ordentliches Bier brauen. Die weiß-blaue Flagge folgte farblich dem freistaatlichen Vorbild, die originellen Trachten der Athener Palastwachen wurden von Ottos Gemahlin Amalia entworfen.

Es geht sogar die Sage, dass das damals gängige Wort „Baiern“ wegen der königlichen Beziehungen nach Griechenland geändert wurde. Das „i“ kommt im griechischen Alphabet nicht vor, das „y“ sehr wohl.

Und in diesen Jahren der Euro-Krise regiert eine Partei in Bayern annähernd monarchisch. Ohne die CSU geht nichts, Opposition wird mit erledigt.  Also sieht man sich gewiss in der Nachfolge des alten Herrschergeschlechts. Aber taugt man auch dazu? Eine wenigstens zeitweise Wieder-Übernahme Griechenlands, der „GrEnter“, wäre als Lackmus-Test für dieses Projekt ideal gewesen.

Doch nicht einmal der ansonsten so zupackende Finanz- und Heimatminister Markus Söder hat hierfür den Mut. Er, der Herr über die bayerischen Schlösser und Seen ist und er, der sich energisch an die Wiederbelebung des seit vielen Jahren stillgelegten Nürnberger Fernsehturm-Restaurants macht, zeigt den Hellenen die kalte Schulter. Lieber verteilt er Schulnoten für deren Reformbemühungen – in einer Bandbreite zwischen Fünf minus und Sechs.

Ich hatte ihn in diesem Blog vor knapp drei Jahren, am 7. August 2012, als König von Griechenland vorgeschlagen. Söder jedoch wählte die Rolle des großtmöglichen Grexit-Propheten. Mit den unvergessenen Sätzen „Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen” und “Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen”.

Tja, es kommt anders. Tsipras sitzt wieder am Tisch von Mutti. Die CSU aber mault und mault und mault. Sie ist eben doch nur christsozial und gar nicht königlich.

PS.: Der Ausgewogenheit halber sei angemerkt: Nach König Ottos Sturz im Jahr 1862 beliefen sich die Schulden Griechenlands gegenüber dem Staat Bayern auf 1.933.333 Gulden und 20 Kreuzer oder 4.640.000 Drachmen. Ohne das letzte Darlehen von einer Million Gulden, das König Ludwig ermöglichte, hätte Griechenland den Staatsbankrott anmelden müssen. Die Nicht-Rückzahlung der Darlehen belastete bis zu der abschließenden Verhandlungslösung 1881 die griechisch-bayerischen Beziehungen sehr…

 

 

Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt

Die Europäische Union hat den Friedensnobelpreis bekommen. Dieser wurde ihr verliehen, weil sie Werte wie Demokratie, Freiheit und Menschenwürde im weltweit einzigartiger Weise verwirklicht. Durch die EU seien frühere Feinde zu Freunden geworden. Neuen Kriegen sei durch diese Wertegemeinschaft vorgebeugt worden.

Das stimmt soweit. In diesen Tagen zeigt sich aber, dass das Nobelpreiskomitee den vielleicht zentralsten Wert unserer kontinentalen Friedensinitiative weggelassen hat, nämlich das Geld. An der Berichterstattung der Medien lässt es sich gut ablesen. Während die Finanzkrise rund um die dreisten Griechen die Schlagzeilen beherrscht, rangiert das Versagen der Regierungschefs angesichts der humanitäten Katastrophe in der Nachbarschaft der EU auf dem zweiten Platz.

Hätte das Nobelpreiskomitee damals richtig entschieden und begründet, müsste es umgekehrt sein. Denn zweifellos dürfte ein Menschenrechts-Bündnis mit rund 500 Millionen Einwohnern auch vor mehreren hunderttausend Flüchtlingen nicht in die Knie gehen. Es müsste Menschenwürde gewähren – und dabei einig und gemeinschaftlich, also mit einer gerechten Lastenverteilung vorgehen.

Aber am Ende sind wir eben eine Gemeinschaft von Kapitalisten. Und das bedeutet, dass das Verhältnis von Aufwand und Ertrag stets betrachtet wird. Vor allem in Ländern, die nicht am Mittelmeer liegen.

Hilfe ist selbstlos. Das aber sieht unser Wertesystem in letzter Konsequenz dann doch nicht vor. Wir mauern uns ein. Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt. Vielleicht gibt es auch für diese klare Haltung einen Preis. Die internationale Finanzwirtschaftt hilft gerne…

Der GrAusgang ist furchtbar. Ich mag die Griechen

Es ist ein Kreuz, mit diesem Grausgang, wie der Grexit auf Deutsch heißen müsste. Die großen Lenker der Euro-Währungsunion arbeiten offenbar darauf hin, die Griechen aus ihrem Club auszuschließen. Sie waren nicht brav, also müssen sie weg. Dann werden sie schon sehen, wie es ist, wenn die Rente in Drachmen ausgezahlt wird.

Ich finde das alles ganz schrecklich. Denn diese Misere zeigt, wie schöne Dinge wegen der durch die Ökonomie vorgegebenen Gleichmacherei kaputt gemacht werden. Als wir in den späten 70-er Jahren Griechenland entdeckt haben, hat uns doch gerade fasziniert, dass die Menschen auf den vielen Inseln so anders waren. War es in Italien üblich, dass Sonnenschirme gemietet werden mussten und dass zum Abendessen ein Gedeck mit einem Körbchen Brot zu bezahlen war, begegneten uns die Hellenen mit einer geradezu rührenden Gastfreundschaft. Keiner von uns hat sich dabei schlecht gefühlt. Obwohl wir aufgrund unserer Geschichte dazu allen Grund gehabt hätten.

Begeistert hat uns auch, dass diese Griechen Mut zur Langsamkeit hatten und sowieso anders und individueller waren als wir. Aber so war das wohl immer. Man muss nur daran denken, dass die Mythologie voller seltsamer Typen ist, gegen die unser legendäres weißes Einhorn wie ein niedlicher Stallhase wirkt.

Und dann diese Philosophen: Lagen besoffen in Tonnen herum, haben sich mit Knaben vergnügt und haben trotzdem in großen Reden die Welt erklärt. Wobei manche Aussagen gegen „die Institution“ gerichtet gewesen wären. So sagte Aristoteles den reizvollen Satz: „Arbeit und Tugend schließen sich aus.“ Demokrit ergänzte: „Das Glück wohnt nicht im Besitze und nicht im Golde, das Glücksgefühl ist in der Seele zu Hause.“ Aristoteles wiederum wusste:“ Denn überall nach dem Nutzen fragen, ziemt sich am wenigsten für hochsinnige und freie Männer.“ „Wie zahlreich sind doch die Dinge, derer ich nicht bedarf“, ergänzte Sokrates.

Diogenes hätte wohl geraunzt: „Geh‘ mir aus der Sonne, Merkel!“. Er hat in Herrn V. einen Nachfolger gefunden, während wir feststellen, dass uns zwar reichlich antike Weisheit gelehrt wurde, dass man unserer effektiven Arbeitsweise zuliebe wichtige Geistesblitze weggelassen. Also sage und verspreche ich feierlich: Liebe Griechen, ich mag Euch. Auch mit Drachmen. Und manchmal wäre ich gerne wie Ihr.

 

Wladimir, der Spargel wächst

Was wäre es doch für eine Welt, in der immer alles funktioniert und in der es immer gerecht zugeht? Keine schöne, jedenfalls nicht für uns Medien, die wir vom besonderen, vom unerwarteten Geschehen leben. Irgendwas kommt immer anders.

Nehmen wir bloß diesen Frühling. Schon seit Wochen müssten uns dank Sonnenlicht und steigender Temperaturen die Hormone in Blut und Gehirn schießen. Stattdessen hätte man über Ostern darüber nachdenken können, ob sich unsere Region auf einer bislang unbekannten tektonischen Platte in Richtung Polarkreis verschoben hat. Gut, jetzt scheint das Wetter die Kurve zu kriegen. Sogar der Spargel wächst.

Apropos Spargel: Zum wichtigen Exporteur dieses Gemüses hat sich Griechenland entwickelt. In der Umgebung der Nürnberger Partnerstadt Kavala wächst es reichlich, wird aber komplett ausgeführt, weil die Menschen dort den Geschmack nicht mögen.

Aber unser Geld wollen sie, raunzt an dieser Stelle der Stammtisch. 278,7 Milliarden Euro! Was den Hinweis auf die bislang allzu mäßig erfolgte Wiedergutmachung für NS-Verbrechen angeht, haben die Griechen recht. Die Summe ist aber wohl zu gewaltig. Zumal das Geld nur noch in gewissen Emiraten richtig locker sitzt.

Selbst der russische Vorzeige-Macho Wladimir Putin, der sagenhaft reich sein muss, da er eine subtropische Stadt am Schwarzen Meer in ein Wintersportparadies verwandelt hat, hat den Griechen nur „Millionen“ versprochen. Wobei es durch den Bau einer Gas-Pipeline ziemlich viele werden könnten.

Mehr sollte Putin aber nicht bieten, denn trotz gestählter Muskulatur und junger Lebensgefährtin ist er einem erhöhten Lebensrisiko ausgesetzt: Kleinere Menschen sind in größerer Gefahr, am plötzlichen Herztod zu sterben. Dies wollen Forscher der Universität Leicester herausgefunden haben. Demnach erhöht sich pro 6,5 Zentimeter geringerer Körpergröße das Erkrankungsrisiko um 13,5 Prozent.

Ab 48 Zentimeter geringerer Körpergröße wäre die Todesursache demnach sicher. Allerdings: Die Forscher haben nicht erklärt, ob ihre Berechnung von Dirk Nowitzki oder Wladimir Putin ausgeht. Der Spargel wächst immer – irgendwann. Ein großer Rest bleibt ungewiss. Und das ist – alles in allem – auch gut so.

Du böser, böser Souvlaki-Finger!

Diese, unsere Welt hat schon viele schlimme Dinge gesehen und gehört. Kriege, Massaker, religiös verbrämten Wahnsinn, verheerende Wirbelstürme. Doch nun ist die Schmerzgrenze überschritten. An heiligen Sonntag saßen wir vor dem Fernsehgerät und haben das denkbar Übelste erlebt: den Souvlaki-Finger!

Da hat also der supercoole Athener Finanzrocker Yanis Varoufakis in einem Youtube-Video im Jahr 2013 über Deutschland geredet und dabei mutmaßlich den Stinkefinger nach oben gestreckt. Ganz so, also wollte er in griechischer Manier zwei Fleischbrocken darüber schieben. Zu besichtigen war das Ganze in der Talkshow von Günther Jauch.

Varoufakis dementierte sofort. Er behauptete, das Video sei gefälscht, weshalb nun nicht nur der Macher des Filmchens, ein gewisser Alessandro del Prete, beleidigt ist. Zusätzlich lässt es die Redaktion des Talkmasters Jauch von gewieften Video-Forensikern sezieren. Das Ziel: Schnellstmöglich soll die ganze Wahrheit ans Licht.

Bei dieser Gelegenheit sollte aber auch gleich geklärt werden, ob der ausgestreckte Mittelfinger in Griechenland tatsächlich als dramatische Beleidigung gilt. Die Verletzungsgrade durch Gesten und Worte sind ja regional sehr unterschiedlich.

Ein Beispiel: Sagt ein Grieche Kolotripida, heißt das Arschloch und ist böse gemeint. In meiner fränkischen Heimat kann Arschloch, oder besser Oorschluuch, bei entsprechendem Kontext und Sanftheit der Stimme eine Liebkosung sein. Der nach oben gestreckte Daumen wird in Deutschland, den USA und bei Facebook als „sehr gut“ verstanden. In Russland und im Mittleren Osten  ist er eine Aufforderung zum Sex, in Griechenland gilt er als Beschimpfung. Wer sich an die Stirn tippt, zeigt bei uns den Vogel, in Rumänien jedoch seine Bewunderung für eine gute Idee.

Nehmen wir aber mal an, dass der ominöse Mittelfinger eine global Wüstheit darstellt: Dann wäre immerhin noch zu berücksichtigen, dass der griechische Finanzminister heute für eine (dementierte) Geste aus einem früheren Leben an den Pranger gestellt wird. Die Schwere jeder Tat verblasst jedoch mit der Zeit. Außerdem: Hat nicht ein Politiker namens Peer Steinbrück im Wahlkampf den Mittelfinger ausgestreckt?

Dieser wiederum war deutscher Finanzminister. Und könnte ein Grieche unserer Tage auf diesem Planeten überhaupt ein größeres Vorbild als einen Träger dieses hohen Amtes haben?

Hinzu kommt, dass der Grieche im Sonntags-Talk wie gewohnt behandelt wurde, nämlich herablassend. Er möge doch nicht so viele Interviews geben, sondern seine Hausaufgaben machen, lautete der Auftrag des bayerischen Amtskollegen Markus Söder. Und der als politischer Journalist wie immer überforderte Günther Jauch attestierte Varoufakis am Ende des Gesprächs höchst generös: „Sie haben sich tapfer geschlagen.“

Mal ganz ehrlich: Wenn da ein Finger zuckt – könnte man es nicht verstehen?

 

 

Die Revolution kommt. Auch bei uns.

Wir haben wieder ein Feindbild. Es sind nicht mehr die Lokführer, nicht die Piloten. Es sind die Griechen. Ziemlich jugendliche Typen, die ihre Milliardenschulden mit einer dreisten Lässigkeit durch die Gegend tragen. Aber sehen wir sie wirklich als Feinde? Oder sind uns den neuen Regierungs-Hellenen nicht doch ziemlich sympathisch?

Falls ja, es läge in unseren Genen. Seitdem unseren Eltern und Großeltern in den 60-er Jahren mit Käfer und Isetta die Großglockner-Hochalpenstraße bezwungen haben, hatten wir diese gewisse Sehnsucht nach Süden. Wir wurden Zeugen von stundenlangen Mittagspausen, undeutschem Genuss beim Essen und der Fähigkeit, einfach so dazusitzen und das völlig in Ordnung zu finden. Sandstrand statt Bruttosozialprodukt. Seitdem wollten wir, wenigstens ein kleines bisschen, Südländer sein.

Materiell sind wir die Erfolgreichen geblieben. Aber sind wir glücklich genug, um immerzu Kapitalisten bleiben zu wollen? Offensichtlich nicht. Forscher der Freien Universität Berlin wollen durch eine Befragung herausgefunden haben, dass linksextreme Einstellungen  in Deutschland weit verbreitet sind. Ein Sechstel der Bevölkerung hat demnach eine solche Grundhaltung. Immerhin sieben Prozent der Befragten stimmten dem Einsatz politisch motivierter Gewalt zu.

Zudem hielten in der Umfrage der Freien Universiät mehr als 60 Prozent der Befragten das real existierende deutsche System nicht für eine echte Demokratie. 50 Prozent meinten: Wer anders – vor allem links – denke, werde immer stärker von Staat und Polizei behelligt. Schließlich der Gipfel der Erkenntnisse: Knapp 60 Prozent der Ostdeutschen und 37 Prozent der Westdeutschen halten den Sozialismus oder Kommunismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt worden sei.

Was lernen wir aus alldem? Wir verachten unseren Wohlstand zutiefst. Zumindest so lange, wie wir ihn noch nicht verloren haben. Wir sind Revolutionäre. Wir haben es bloß noch nicht bemerkt.

Stecken wir also die Hände in die Hosentaschen und tanzen grinsend den Varoufakis. Wir lieben unser linkes Feindbild wie uns selbst. Hoch die internationale Solidarität!

 

Eurovision Song Contest: Der Zeitgeist ist barfuß

Ist es denn die Möglichkeit? Der deutsche Beitrag belegt beim „Eurovision Song Contest“ wieder mal einen richtig schlechten Platz. Und schon heißt es wieder „Bääääähhh, keiner mag uns.“ Oder es wird gemutmaßt, die Sängerin von „Cascada“ sei als Angela Merkels Stellvertreterin auf Showbühnen bewertet und mit „zero points“ von fast überall abgestraft worden. Ach bitte: Jetzt tut das doch nicht hochsterilisieren, wie ein großer Fußballer mal gesagt hat.

Man muss Folgendes anerkennen: Das Lied „Glorious“ war Mist. Es wurde letztlich ausgewählt von einer öffentlich-rechtlich bestellten Fachjury, wie sie schon manches Desaster bewirkt hat. Hinzu kommt, dass das Thema „Blondinen in superkurzen Kleidchen“ bei Weißrussland erheblich besser aufgehoben war. Zumal es rätselhaft bleibt, warum sich eine Frau für einen Auftritt vor einem hundertfachen Millionenpublikum ein Stück vom Küchenvorhang an den Po tackert. Sah nicht gut aus, wirklich nicht.

Der früher gerne beschworene Ostblockeffekt war es aber nicht. Zwar schnitt ein Schnulzensänger aus einer Diktatur mit Platz zwei ab, obwohl er sich singend auf ein Gefängnis aus Plexiglas stellte. Aber Dänemark ist nicht Aserbaidschan. Sein Sieg zeigt vielmehr, dass der Zeitgeist nicht glitzert, sondern barfuß und ungekämmt daherkommt. Das zeigte sich auch beim Lied der Niederlande. Da fielen im Text Vögel von den Dächern. Was man sich normalerweise nur wünscht, wenn Tauben mit Dünnpfiff am eigenen Haus nisten. Das zweite große Thema war, der Krise die Stirn zu bieten. Wenn Griechen in Hockeydamen-Röcken „Alkohol ist kostenlos“ singen, dann ist das genial trotzig. Seht her, uns geht’s beschissen. Aber wir haben mehr Spaß als Ihr mit Eurer Mutti Merkel.

Warum ein rumänischer Dracula mit Kastratenstimme vier Mal so viele Punkte wie „Cascada“ bekommen hat, muss man nicht verstehen. Vielleicht wegen der indirekten, marktwirtschaftlichen Botschaft: Zubeißen ist besser als jaulen. Und dieser seltsame Kinderarzt aus Malta…

Was soll’s: Nehmen wir den 21. Platz doch als gutes Signal für den gesamten Kontinent. Deutschland ist doch nicht unbesiegbar, es kann auch mal richtig eine aufs Dach kriegen. Lassen wir den anderen doch die Freude. Und wem dazu die innere Größe fehlt, weiß immerhin noch eines: Die Wahrheit ist auf’m Platz. Demnächst in Wembley.