Die Mehrheit schweigt und fühlt sich reich

Ein besonderes Phänomen jeder Demokratie ist die so genannte Schweigende Mehrheit. Da arbeiten sich Politiker, Lobbyisten, Wissenschaftler und Medienschaffende eifrig an Problemen ab, um dann zu erfahren, dass das Thema gar nicht so heiß ist. Nehmen wir den Streit um Gerechtigkeit. Die, die ihn führen, wittern Armut und Verderben flächendeckend. Die anderen sagen nichts. Weil sie kein Problem haben.

Tatsächlich schätzen sich gemäß des „Nationalen Wohlstandsindex“ knapp 50 Prozent der Deutschen als „besonders wohlhabend“ ein. Wobei diese Einschätzung auch auf der Grundlage von Bescheidenheit getroffen wird. Wohlstand wird nämlich als ein Leben ohne finanzielle Sorgen definiert. Also kein Saus und Braus, sondern ein Einkommen, das zum Leben reicht, nicht Monat für Monat von Schulden aufgezehrt wird. Und das Luft lässt für Dinge, die das Leben schöner machen, aber Geld kosten.

Ist also der Ruf nach Gerechtigkeit nicht angebracht? Bringt er nicht mal Wählerstimmen? Das wiederum ist nicht so sicher. Denn irgendwo grummelt es unter den Menschen. So stellen nicht wenige Menschen fest, dass es ein bessere Medizin gibt, als sie selbst finanzieren können. Nur 39 Prozent der Befragten bei der Umfrage für den Wohlstandsindex gaben an, ohne Zukunftsängste zu leben.

Grundlos sind diese Sorgen nicht. Der Weg in Hartz IV ist im Zweifel kurz. Und wer dort angekommen ist, muss je nach Strenge seines Jobcenters damit leben, dass ihm über Sanktionen von dieser Hilfe noch etwas weggekürzt wird.

Wahrscheinlich ist aber: Die Mehrheit hört oder liest darüber, macht sich vielleicht ihre Gedanken. Aber  sie  schweigt.