Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt

Die Europäische Union hat den Friedensnobelpreis bekommen. Dieser wurde ihr verliehen, weil sie Werte wie Demokratie, Freiheit und Menschenwürde im weltweit einzigartiger Weise verwirklicht. Durch die EU seien frühere Feinde zu Freunden geworden. Neuen Kriegen sei durch diese Wertegemeinschaft vorgebeugt worden.

Das stimmt soweit. In diesen Tagen zeigt sich aber, dass das Nobelpreiskomitee den vielleicht zentralsten Wert unserer kontinentalen Friedensinitiative weggelassen hat, nämlich das Geld. An der Berichterstattung der Medien lässt es sich gut ablesen. Während die Finanzkrise rund um die dreisten Griechen die Schlagzeilen beherrscht, rangiert das Versagen der Regierungschefs angesichts der humanitäten Katastrophe in der Nachbarschaft der EU auf dem zweiten Platz.

Hätte das Nobelpreiskomitee damals richtig entschieden und begründet, müsste es umgekehrt sein. Denn zweifellos dürfte ein Menschenrechts-Bündnis mit rund 500 Millionen Einwohnern auch vor mehreren hunderttausend Flüchtlingen nicht in die Knie gehen. Es müsste Menschenwürde gewähren – und dabei einig und gemeinschaftlich, also mit einer gerechten Lastenverteilung vorgehen.

Aber am Ende sind wir eben eine Gemeinschaft von Kapitalisten. Und das bedeutet, dass das Verhältnis von Aufwand und Ertrag stets betrachtet wird. Vor allem in Ländern, die nicht am Mittelmeer liegen.

Hilfe ist selbstlos. Das aber sieht unser Wertesystem in letzter Konsequenz dann doch nicht vor. Wir mauern uns ein. Wenn es ums Geld geht, bleiben die Herzen kalt. Vielleicht gibt es auch für diese klare Haltung einen Preis. Die internationale Finanzwirtschaftt hilft gerne…

Die Geschichte vom anstrengungslosen Umsatz

Zu Hilfe, wir werden ausgebeutet! Immer häufiger kommt es vor, dass Dienstleistungs-Firmen ganz  selbstverständlich davon ausgehen, dass wir ihnen die Arbeit abnehmen. Ein wichtiger Teil unserer Wirtschaft  reklamiert für sich den anstrengungslosen Umsatz. Und wir spielen mit. Ob wir wollen oder nicht.

Angefangen hat das Ganze an der Tankstelle. Wir wurden eingeladen, Benzin selbst zu zapfen. Und weil wir an unser geliebtes Auto nie gerne jemand anders heranlassen wollten, haben wir es frohen Herzens getan. Das dankbare Schlürfen beim Erreichen des Höchst-Füllstandes hat ja auch etwas.

Das ist schon Jahrzehnte her. Heute wird der Selbstbedienungs-Gedanke allerdings ins Absurde gesteigert. Etwa beim Thema Geld. Man geht zu seiner Bank, weil man Erspartes gewinnbringend anlegen will. Sparbuch bringt nichts, also denkt man an Fonds.

Man trifft den Berater. Und erfährt: Nichts. Weil dieser nach vom WPHG, dem Wertpapierhandelsgesetz, vorgeschrieben bekommt, dass er keinen Kunden in eine auch nur leichte Spekulation hineintreiben darf. Erst recht nicht, falls zum Beginn des Gesprächs ein Beratungsprotokoll fehlt. Holt man das nach, ist eine Dreiviertelstunde weg. Was sich nicht lohnt, weil unser Experte ohnehin nur seine hauseigenen Produkte verkaufen darf.  Er lässt zwar durchblicken, dass es auch Besseres gibt, dass er gute Tipps geben könnte, dass er aber schweigen muss.

Ergebnis der Begegnung: Man sitzt daheim vor dem Computer und sucht selbst. Denn kaufen kannst du, was du willst. Der eigentliche Kenner hat geschwiegen. Er erläutert nur noch die fälligen Gebühren.

So sind Banken, aber ein Einzelfall ist das nicht. In immer mehr Supermärkten dürfen Kunden ihre Ware selbst einscannen. Was so lange eine Option ist, bis es alle können. Dann wird es zur Pflicht, die Kassiererin ist dann weg.

Man fragt sich doch: Warum bekommen wir für diese, unsere Arbeit nichts bezahlt? Können uns das die  “Dienstleister” mal erklären? Falls ja, dann legt mal los…

 

Alles auf eine Karte? Nein, der freie Mensch zahlt bar

Die Botschaft ist klar: Es muss Schluss sein mit dem Geklimper. Es muss aufhören, dass die Suche nach ein paar Cents für Staus an der Supermarkt-Kasse sorgt. Bargeld hat ausgedient. Die Zukunft gehört dem E-Geld.

So stellt sich das Professor Peter Bofinger vor. Der so bezeichnete “Wirtschaftsweise” sieht im kompletten Umstellen auf Geldkarten aller Art ausschließlich Vorteile. Neben der gewonnen Zeit beim Einkaufen sieht er segensreiche Entwicklungen für die Gesellschaft kommen. Ohne Bargeld würden Schwarzarbeit und Drogenhandel die Basis entzogen.

Ich sehe vor allem folgendenVorteil: Die größere Haltbarkeit der durchschnittlichen Herrenhose. Wer keine Handtasche mit sich herumträgt, wie es bei Männern üblicherweise (noch) der Fall ist, steckt seine Geldbörse in die Gesäßtasche. Das wird immer problematischer. Personalausweis, Führerschein, Krankenkassenkarte, Mitgliedskarten und andere Produkte aus viereckigem Plastik brauchen viel Platz. Sie werden auch immer mehr.

Gleichzeitig gibt es Bares. Und wer schon einmal einen U-Bahn-Einzelfahrschein mit einem 20-Euro-Schein gekauft hat, wird das zusätzliche Kleingeld kaum noch unterbringen können. Beim Sitzen auf dem taschenbuchdicken Geldbeutel drohen Haltungsschäden. Vor allem aber geht die Hose schneller kaputt.

Klarer Vorteil also für Plastik. Aber sonst? Zunächst darf man annehmen, dass sich die konkrete Erfahrung eines Wirtschaftsweisen mit Einkäufen im Supermarkt in Grenzen hält. Männer dieser Kategorie lassen besorgen. Zudem hat ein Professor seltener als andere Menschen mit Kleinstbeträgen zu tun. Eine Breze mit Kreditkarte kaufen? Für die breite Masse wirkt das zurecht absurd.

Bofingers Vorschlag ist zudem ein Anschlag auf die Rest-Barmherzigkeit in dieser Gesellschaft. Für Bettler hätte man ja nichts mehr übrig. Es sei denn, die Banken geben an ihre Kunden mehrere “Hast-Du-Mal-nen-Euro”-Karten aus. Oder die Sozialverwaltungen statten Obdachlose mit Kartenlese-Geräten aus.

Schließlich: Das Austrocknen illegaler Umtriebe durch Elektro-Cash hat eine üble Kehrseite, nämlich eine Rundum-Shopping-Überwachung. Es würden eine Unmenge von Daten über unseren Umgang mit Geld entstehen. Die monatliche Abrechnung würde uns in die Verzweiflung stürzen. Schließlich würden wir nachlesen, dass wir doch zu viele Kugeln Eis gegessen und zu viel Wein und Bier getrunken haben. Wir wüssten den Grund unseres Übergewichts – und unsere Gesundheitswächter bei der Krankenkasse würden selbstredend den Beitrag verbrauchskonform anpassen.

Was geht es den Staat oder überhaupt andere Leute an, was wir mit unserem Geld machen? Selbstverständlich nichts! Also ab in die Kneipe, ungesundes Essen und Getränke bestellt und mit Bargeld bezahlt. Man hat gesündigt und keiner wird je davon erfahren. Wenn sich für dieses schöne Gefühl ein bisschen Warten nicht lohnt – wofür denn dann?

 

 

Du böser, böser Souvlaki-Finger!

Diese, unsere Welt hat schon viele schlimme Dinge gesehen und gehört. Kriege, Massaker, religiös verbrämten Wahnsinn, verheerende Wirbelstürme. Doch nun ist die Schmerzgrenze überschritten. An heiligen Sonntag saßen wir vor dem Fernsehgerät und haben das denkbar Übelste erlebt: den Souvlaki-Finger!

Da hat also der supercoole Athener Finanzrocker Yanis Varoufakis in einem Youtube-Video im Jahr 2013 über Deutschland geredet und dabei mutmaßlich den Stinkefinger nach oben gestreckt. Ganz so, also wollte er in griechischer Manier zwei Fleischbrocken darüber schieben. Zu besichtigen war das Ganze in der Talkshow von Günther Jauch.

Varoufakis dementierte sofort. Er behauptete, das Video sei gefälscht, weshalb nun nicht nur der Macher des Filmchens, ein gewisser Alessandro del Prete, beleidigt ist. Zusätzlich lässt es die Redaktion des Talkmasters Jauch von gewieften Video-Forensikern sezieren. Das Ziel: Schnellstmöglich soll die ganze Wahrheit ans Licht.

Bei dieser Gelegenheit sollte aber auch gleich geklärt werden, ob der ausgestreckte Mittelfinger in Griechenland tatsächlich als dramatische Beleidigung gilt. Die Verletzungsgrade durch Gesten und Worte sind ja regional sehr unterschiedlich.

Ein Beispiel: Sagt ein Grieche Kolotripida, heißt das Arschloch und ist böse gemeint. In meiner fränkischen Heimat kann Arschloch, oder besser Oorschluuch, bei entsprechendem Kontext und Sanftheit der Stimme eine Liebkosung sein. Der nach oben gestreckte Daumen wird in Deutschland, den USA und bei Facebook als “sehr gut” verstanden. In Russland und im Mittleren Osten  ist er eine Aufforderung zum Sex, in Griechenland gilt er als Beschimpfung. Wer sich an die Stirn tippt, zeigt bei uns den Vogel, in Rumänien jedoch seine Bewunderung für eine gute Idee.

Nehmen wir aber mal an, dass der ominöse Mittelfinger eine global Wüstheit darstellt: Dann wäre immerhin noch zu berücksichtigen, dass der griechische Finanzminister heute für eine (dementierte) Geste aus einem früheren Leben an den Pranger gestellt wird. Die Schwere jeder Tat verblasst jedoch mit der Zeit. Außerdem: Hat nicht ein Politiker namens Peer Steinbrück im Wahlkampf den Mittelfinger ausgestreckt?

Dieser wiederum war deutscher Finanzminister. Und könnte ein Grieche unserer Tage auf diesem Planeten überhaupt ein größeres Vorbild als einen Träger dieses hohen Amtes haben?

Hinzu kommt, dass der Grieche im Sonntags-Talk wie gewohnt behandelt wurde, nämlich herablassend. Er möge doch nicht so viele Interviews geben, sondern seine Hausaufgaben machen, lautete der Auftrag des bayerischen Amtskollegen Markus Söder. Und der als politischer Journalist wie immer überforderte Günther Jauch attestierte Varoufakis am Ende des Gesprächs höchst generös: “Sie haben sich tapfer geschlagen.”

Mal ganz ehrlich: Wenn da ein Finger zuckt – könnte man es nicht verstehen?

 

 

Horcht ruhig, Ihr Controller: Ich kaufe Osterhasen

Anders als die Masse der anständigen Kapitalisten glaube ich nicht an das segensreiche Wirken der Controller. Ich halte diese vielmehr für eine verzichtbare Spezies. Schließlich liegt es auf der Hand, dass sie ihren Lebensunterhalt damit verdienen, anderen etwas wegzunehmen. Aber Kontrolle ist Zeitgeist. Auch im Privatleben. Da kümmern sich Meinungsforscher um unser Wohlbefinden – und um unsere Markttauglichkeit.

Besonders erfolgreich auf diesem Feld ist die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung. Sie hat uns in diesen Tagen erfreuliche Nachrichten übermittelt. Ihren Erkenntnissen hat unter den Menschen dieses Landes der Index Kosumerwartung deutlich zugelegt. Nach einer fünfmonatigen Talfahrt. Auch der Index Einkommenserwartung sowie die Anschaffungsneigung seien deutlich gestiegen. Die Anschaffungsneigung soll sogar den Faktor 49,1 erreicht haben.

Die Anschaffungsneigung in Deutschland ist demnach genauso hoch ist wie die CSU-Wahlbereitschaft in Bayern. Das ist sensationell, aber ansonsten überrascht uns die GfK nicht so. Dass die Kauflust kurz vor Weihnachten höher ist als sonst hätte ich sogar noch nach der zweiten Flasche Wein zutreffend vorhergesagt. Und das Konsumklima muss meines Erachtens in dieser Jahreszeit hervorragend sein. Es sei denn, die schlecht bezahlten Werkvertragsmitarbeiter wissen nicht, wie man im Shoppingcenter die Klimaanlage regelt.

Aber ich helfe der GfK gerne, diese, unsere Welt noch besser zu verstehen. Kurz vor Weihnachten schießt der kollektive Gansverzehrsneigungs-Index stark nach oben. In manchen Regionen dem Vernehmen nach bis 91. Der Glühwein-zur-Bratwurst-Koeffizient ist enorm. Meine persönliche Verdauungsneigung wiederum ist morgens nach dem Aufstehen höher als sonst am Tag, auch mein Kaffeetrink-Index steigt um diese Uhrzeit stark. Genauso, wie meine persönliche Heimgeherwartung am späten Nachmittag ab 16.30 Uhr sukzessive zunimmt.

Liebe Controller, liebe sonstige Aushorcher: Lasst mich mit Euren Erkenntnissen in Ruhe. Werft alle Eure Erkenntnisse in einen Topf und nennt das Produkt Kaffeesatz-Index. Ich widerstehe jedenfalls aus purem Trotz dem gerade günstigen Parfümklima-Index. Und kaufe Osterhasen. Da schaut Ihr, gell?

Der Kapitalismus enteignet seine Jünger

Wir haben unsere Banken falsch verstanden. Dachten wir doch, die Geldinstitute würden arme Schlucker mit schwindsüchtigen Girokonten verhungern lassen, wenn sie bloß die vermögende Elite gut versorgen würden. Aber in Wahrheit ist es anders: Reichen Sparern droht der “Negativzins”.

Die Vorreiterin spielt die Skatbank im thüringischen Altenburg. Wer dort mehr als 500.000 Euro auf einem Tagesgeldkonto angelegt hat, muss ab sofort ein Viertelprozent Strafzins zahlen. Branchenriesen wie Commerzbank oder Deutsche Bank wollen bald folgen.

Was ist da los? Wahrscheinlich erleben wir den Beginn einer verrückten Enteignungswelle. Man muss sich doch nur einmal überlegen, was passiert wäre, wenn der designierte linke thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow vor dieser Skatbank einen Negativzins gefordert hätte. Er wäre längst weg vom Fenster. Und wie viele Talk-Shows hat dieses Land schon über das Thema Vermögenssteuer erlebt? Nichts ist daraus geworden, eine von oben verordnete Verringerung von Reichtum wurde als ausgesprochen schädlich für Wachstum, Konsum, Export und was es sonst noch gibt entlarvt.

Scheinbar. Was nicht mal Rot-Grün geschafft hat, erledigen die Chef-Butler der Kapitalisten jetzt selber. Und mit welch schönem Begriff: Negativzins. Das klingt zwar nicht positiv, aber immerhin so, als gäbe es zum Geldverlust wenigstens einen Schnaps. Es liest sich, als würde Ursula von der Leyen das für sie ungehörige Wort “Rückzug” durch “Vorstoß in den rückwärtigen Sektor” ersetzen. Es gab ja auch schon Müllkippen, an deren Zaun das Schild “Entsorgungspark” geschraubt wurde. “Talentfrei” klingt auch netter als “untalentiert”.

Genießen wir also die Schönheit der Sprache – und nutzen wir sie bei Bedarf. Wenn uns die Bank den Kredit für’s neue Auto wegen unserer hohen Schulden ablehnt, weisen wir das zurück. Schließlich verfügen wir über ein nicht unerhebliches Negativvermögen – und sind allenfalls ein bisschen “unreich”.

Gleich und Gleich: Die Tragödie für dumme Männer

“Gleich und Gleich gesellt sich gern,” Das war wieder mal eine Überschrift zum Drüberstolpern. Sollte damit der Homosexualisierung der Gesellschaft und somit der antiwestlichen Putin-Propaganda neuer Schub verliehen werden? Nein, so war es gar nicht. Es ging vielmehr darum, warum es Frauen bei der Wahl eines männlichen Partners schwerer haben als Männer auf Frauensuche.

Zu ergründen, warum sich Menschen oder nicht finden, gehört zu den klassischen Aufgaben der Psychologen und Soziologen. Es sagt ja einiges über unsere Gesellschaft aus, ob eine Katholikin Probleme mit den Eltern bekommt, wenn sie einen Protestanten anschleppt. Dieses sollte bei uns überwunden sein, während andere Glaubensfragen – Dortmunderin verliebt sich in Schalke-Fan – weniger lässig gesehen werden.

Aber das ist nicht die zentrale Frage. “Gleich und Gleich” bezieht sich auf das Bildungsniveau. Immer häufiger achten Menschen darauf, dass sie die großen Fragen des Daseins mit ihren Liebsten auf Augenhöhe bereden können. Wer “Bauer sucht Frau” spannend findet, kann niemand auf dem Sofa brauchen, der dauernd auf Arte zappt. Wer große Romane liest, braucht ein anderes Bücherregal als jemand, der sich die Welt von bild.de erklären lässt. Da reicht im Zweifelsfall ein Tablet-Ständer.

Spätestens jetzt erkennen wir: Die Partnerwahl wird vor allem für Frauen immer schwieriger. Wissen wir doch, dass gerade junge Frauen den Männern in Sachen Bildung inzwischen deutlich überlegen sind. Gelegentlich verdienen sie sogar mehr Geld. Und sie stehen seitens der Umwelt stärker unter Druck: Der Chefarzt, der seine Ehefrau für eine junge Krankenschwester vom Hof jagt, gilt manchem immer noch als toller Hecht. Die wenigsten Männer schämen sich für eine Hausfrau.

Ist andererseits eine Professorin denkbar, die ihren Bekannten auf dem Opernball stolz ihren sexy Bauarbeiter vorstellt? Nein, die Kombination aus berühmter Frau und dummem  Jüngling ist derzeit nur im Showgeschäft denkbar. Besser ist doch ein Mann, der etwas darstellt. Weil sonst die anderen lästern könnten.

Wir stellen also fest: Die Emanzipation ist weit gekommen. Aber ganz normal ist noch nicht alles…

Vertrauen ehrt, aber bringt nicht viel

Wir sind eine merkwürdige Gesellschaft. Wir verehren die edlen Gemüter, die sich ohne Interesse an eigenem Ruhm für andere Menschen einsetzen. Aber mit Geld überschütten wir jene, die uns suspekt oder vielleicht sogar zuwider sind.

Dies ergibt sich aus einer Rangliste der GfK-Marktforschung. Diese hatte in einer Studie  nach den vertrauenswürdigsten Menschen gefragt. Und wie fast  überall auf der Welt liegen auch bei uns die helfenden Berufe vorne. Wir heben den Daumen für Feuerwehrleute, Sanitäter und Krankenpfleger. Wir mögen Lokführer, Polizisten oder Bauern. Über 80 Prozent der Befragten haben solche Menschen für nicht hinterfotzig erklärt.

Auf der anderen Seite schaffen die Mächtigen der großen Politik, wie auch die Stars, die Profifußballer, Fernsehmoderatoren und Schauspieler, nicht einmal die 50-Prozent-Vertrauensquote. Was lehrt uns das? Vielleicht ist Mitleid im Spiel. Die aufrichtigen Helfer wirken auf uns, bei aller Zuneigung, letztlich uninteressant. Wir bedauern sie dafür, dass sie sich ihre schwierigen Jobs für so wenig Geld antun.  Also heucheln wir wenigstens Respekt und Sympathie.

Vielleicht spielt auch unser schlechtes Gewissen eine Rolle. Denn es fällt doch auf, dass die Berufe mit dem größten Sympathievorschuss auch schlecht bezahlt sind. Bei rationaler Betrachtung ist jede Altenpflegerin wichtiger als eine Schlagersängerin. Aber: Feuerwehrleute werden selten reich, Krankenpfleger bekommen eher ein kaputtes Kreuz als eine hohe Rente. Und wenn, wie gerade erneut wissenschaftlich belegt, die extrem ungerechte Verteilung der Vermögen in Deutschland aufgezeigt wird, dann sind die Guten ganz überwiegend bei denen, denen es schlecht geht.

Vertrauen ehrt. Aber es bringt nicht viel. Keine schöne Botschaft. Aber wahr.

 

Uli Hoeneß, Du bist der beste Mann!

Jetzt springen wir doch mal über unseren Schatten und sagen laut und vernehmlich: Danke, Uli Hoeneß! Denn der Präsident des FC Bayern München hat sich als bester Steuerfahnder der Republik erwiesen. Seitdem den Menschen klar geworden ist, dass selbst Erschaffer von Triple-Gewinnern ins Gefängnis gesperrt werden können, regnet es Selbstanzeigen von Betrügern. Kein noch so wilder Finanzbeamter hätte das je erreicht.

Ja, wir haben verstanden: Wenn selbst ein Monument des Fußballs im Angesicht der eigenen Schuld tränenreich zu wanken beginnt, ist Gefahr in Verzug. „Rette sich, wer kann“ ist die Devise der Stunde. Und das erst recht, seitdem bekannt ist, dass Steuerbetrug im Zweifel nie verjährt. Man frage Alice Schwarzer – und die hat ja ein unermessliches Selbstvertrauen, wenn es darum geht, ihr kriminelle Energie mit Verschwörungstheorien zuzukleistern.

Man darf aber schon fragen, warum es so weit kommen muss. Eigentlich sollte es für jede/n Bürger/in völlig normal sein, die seiner wirtschaftlichen Situation angemessenen Steuern zu zahlen. Der Betrug dürfte gar keine Option sein. Schon gar nicht für Menschen, die als Stützen dieser Gesellschaft angesehen werden.

Ist er aber doch. Und warum? Weil zu wenig hingeschaut wird.

Es ist ein großes Rätsel dieses Landes, warum bei uns alles bis ins Letzte geregelt ist. Warum der Krankenkassenbeitrag immer sauber abgebucht wird, warum die Straßenbahnen pünktlich sind und warum den Raubvögeln im Zoo zuverlässig die Krallen gestutzt werden. Aber warum sich der Staat nicht richtig darum kümmert, dass er das Geld bekommt, das ihm zusteht.

Das wäre doch im Sinne aller. Schließlich könnte der Staat in diesem Fall mehr in sinnvolle Dinge investieren. Oder er könnte ohne neue Schulden auskommen und vielleicht sogar Steuern senken. Der Staat könnte Zukunft gestalten statt Zukunft belasten. Und jede Wette: Jede/r einigermaßen motivierte Steuerfahnder/in wird ein Vielfaches seines/ihres Gehalts erwirtschaften.

Doch das ist offenbar nicht gewollt. Wahrscheinlich aus Rücksichtnahme auf die vermutete Zielgruppe. Und genau deshalb brauchen wir berühmte Spätberufene in Sachen Ehrlichkeit. Uli Hoeneß, Du bist der beste Mann!

 

Unser Wachstum wächst verkehrt

Sauber haben wir die Kurve gekriegt: Es gibt wieder Wachstum in Europa! 0,3 Prozent! Ist demnach die Eurokrise dabei, ähnlich geräuschlos zu verschwinden, wie seinerzeit der Rinderwahnsinn? Geht es endlich wieder aufwärts? Bekommen wir blühende Landschaften von Lissabon bis Mykonos?

Interessierte Kreise haben natürlich sofort den Verdacht gestreut, Angela Merkel habe die neuesten Zahlen für die Eurozone als Wahlkampfhilfe angefordert. Lassen sie sich doch so lesen, als haben die harte Hand unserer Kanzlerin die Wirtschaft unseres Kontinents wieder auf Kurs gebracht. Das ist schwer zu glauben, denn so glänzend sind die Zahlen und Perspektiven auch wieder nicht. Andererseits leben wir auch nicht in Zeiten der unbestechlichen Wissenschaft. Wer einem Universitäts-Professor eine Studie finanziert, darf auf ein Ergebnis seiner Wahl zumindest hoffen.

Mit den Zuwachsraten ist das ohnehin so eine Sache. Manche Sparbriefe früher waren wie Gelbwurst in der Landmetzgerei. Es galt das Motto “Derf’s a bissala mehr sei?”. Ja, acht Prozent pro Jahr, komplett risikofrei, hat es mal gegeben. Zwar war die Inflationsrate höher als heute, doch es war gut für’s Lebensgefühl, wenn sich Geldbeträge sichtbar vermehrt haben. Das ist vorbei, vermutlich auf ewig.

Die Sehnsucht nach Wachstum hat aber auch irrationale Züge. Ist es überhaupt gut, wenn das Bruttosozialprodukt nach oben schießt? Die Antwort lautet, wie so oft im Leben: “Es kommt darauf an.” Denn es gibt Wachstum, dass wir besser nicht haben. Wenn die Menschen rauchen oder immer dicker werden und deshalb öfter zum Arzt gehen und immer mehr Tabletten fressen, steigert das die Wirtschaftsleistung. Wenn Strom und Benzin teurer werden, passiert das auch. Wenn zehn dicke SUV’s verkauft werden, ist das gut für’s Bruttosozialprodukt, macht aber das Leben nur für wenige Menschen schöner.

So ganz wird man den Eindruck nicht los, dass das Wachstum an der falschen Stelle wächst. Sechs Prozent Inflation bei Lebensmitteln, Preiserhöhungen im Nahverkehr, immer mehr schlecht bezahlte Jobs. Wenn man dagegen hält, dass am Ende – alles in allem – 0,3 Prozent Plus herauskommt, dann ist für die große Masse wenig bis nichts erreicht. Aber wir haben es ja so gewählt/gewollt.