Die Buß-Fahrt der Bayern zum Papst

Ach wunderbar! Welch Ehre! Der FC Bayern München wird am Mittwochvormittag von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen. Die Vereins-PR und alle gierigen Abnehmer ihrer Produkte vermitteln uns das Bild einer harmonischen Begegnung, nach deren Ende man sich mit Handkuss und La-Ola-Welle verabschieden wird. Die Wahrheit jedoch ist eine andere. Beim Abstecher in den Vatikan handelt es sich um eine Buß-Fahrt mit kollektiver Beichte. Gründe gibt’s genug.

Die ehrliche Begeisterung des Heiligen Vaters für den mehrfachen argentinischen Meisters Atletico San Lorenzo de Almagro vermag nur schwer zu kaschieren, dass es an diesem Mittwoch zuvörderst um Seelenreinigung gehen wird. So ist der FC Bayern die zurzeit wohl härteste Inkarnation des vom Papst so heftig kritisierten Kapitalismus. Eine Geldmaschine in gestreiften Trikots, die es sich zum Prinzip gemacht hat, Konkurrenten kaputtzukaufen. “Du sollst nicht begehren deines Nächsten Spieler, Trainer, falsche Neun, Doppelsechs, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat” – das zehnte Gebot interessiert diese Bayern nicht.

Das Wirken ausgewählter Persönlichkeiten kommt hinzu. Ex-Präsident Uli Hoeneß hat der Gesellschaft viele Millionen Euro an Steuergeldern vorenthalten. Karl-Heinz Rummenige ist wegen einer nicht verzollten Uhr vorbestraft, Franck Ribery ist wegen, na ja, irgendwas mit einer Minderjährigen mit Schuld beladen. Und es gibt diese Lichtgestalt, die zwecks Steuerflucht ins Ausland gezogen ist und noch nie einen Sklaven in Katar gesehen hat.

Genug Stoff für eine tagfüllende Beichte. Doch all dies ist nichts gegen die Sache mit der falschen Neun. Es kann den argentinischen Papst nicht ruhen lassen, dass ein Götze die Siegesträume seiner Nation ausgelöscht hat. Er kann nicht hinnehmen, wie sehr Götzenverehrung in Deutschland normal geworden ist.

Wenn also nach der Audienz ein bislang unentdeckter Kreuzbandriss beim jungen Mario gemeldet wird, glauben wir es nicht: Er ist an die Abteilung Inquisition, Exorzismus und verwandte Randgebiete des ehemaligen Regensburger Bischofs Müller überwiesen worden.

Dort wird man ihn reinigen und läutern, bis er ein Fräulein Engel heiratet, deren Namen annimmt und sich fortan beim Torjubel bekreuzigt. Ja, diese Papst-Audienz ist wichtig. Amen!

 

Opernball futsch. Wer wird nun unsere Seele streicheln?

Armes Nürnberg! Nur zu gerne hätten deine Menschen ein bisschen mehr Glamour. Wenigstens etwas Glanz, der über das Funkeln der Rauschgoldengel auf dem Christkindlesmarkt hinausgeht. Und nun dieses: Der Opernball, einst großer Stolz der Kommunalpolitik, des Bildungsbürgertums und des neureichen Mittelstands, steht vor dem Aus.

Das ist kein wirkliches Wunder, denn der Opernball war seinem Wesen nach immer sinnlos. Schon vom Publikum her gab es zumeist zu wenig große Oper. Selbst ein Günther Beckstein als bayerischer Ministerpräsident war bestenfalls Operette – wenn überhaupt. Aber Sinnlosigkeit allein ist kein Grund für Misserfolge. Den größten Teil der Fernseh-Unterhaltung braucht niemand – und trotzdem gefällt sie vielen Menschen. Kartoffel- oder Weißkohl-Könginnen müssten angesichts der weltpolitischen Lage nicht sein. Aber sie sind eben doch schön anzuschauen. Wir Nürnberger freuen uns sogar darüber, dass die deutschen Nationalelf in unserem Stadion gegen Gibraltar spielt. Als ob das spannender Sport wäre.

Aber nicht nur für Fußball-Länderspiele gilt: Überflüssiges wird wertvoll, wenn es etwas Seltenes bietet. Und das waren beim Opernball die auswärtigen Promis. Es streichelte die vom Minderwertigkeitskomplex geplagte Nürnberger Seele, wenn man wusste, dass sich eine durch eine verkorkste Ehe mit Dieter Bohlen und durch Spinatwerbung berühmt gewordene Schönheit hier bei uns aus einem Luxusauto schälen würde. Uns entzückte die Anwesenheit von Schauspielern, wenngleich wir kaum sagen konnten, für welche Streifen sie für den Bayerischen Filmpreis nominiert waren.

Verona Pooth und Co. waren da. Wir aber waren kollektiv geadelt, und nutzten unsere Flanierkarten noch eifriger als die Läufer beim Indoor-Marathon in der Landesgewerbeanstalt.

Doch seit Jahren bleiben die Promis weg. Nicht mal Roberto Blanco mochte mehr kommen. Und so ist der Opernball als „gesellschaftliches Ereignis“ kaum bedeutsamer als ein mit rotem Plüsch veredelter Ball der Bäcker-Innung.

Wir sagen also „Ganz schee wor’s, oba rumm is rumm“ und vergessen das Ganze leichten Herzens. Doch: Was kann unser Rettungsanker sein. In diesen Zeiten, wo sie unseren 1. FC Nürnberg sogar in einem Kaff wie Heidenheim verhöhnen? Na klar, es ist der Tatort. Er kann unsere Seele streicheln. Aber nur, wenn die Einschaltquoten höher sind als beim München-Krimi. Hoffen wir das Beste…

Hilfe, ich habe Angst vor einer Frau

Superstar zu werden, ist in diesem Land nicht die leichteste Übung. Wir haben zwei, drei Weltmeister-Fußballer, aber diese verhalten sich untypisch. Sie glitzen nicht, sondern leben nach dem Motto „Groß kassieren, leise auftreten“. Den allgemeinen Maßstab in Sachen Selbstinszenierung scheint unsere Bundeskanzlerin gesetzt zu haben. Angela Merkel protzt nicht, macht aber trotzdem, was sie denkt.

Manchmal entsteht aber doch ein bisschen Hollywood. Jemand taucht auf, dem nie und nirgends zu entkommen ist. Ja, es gibt diese Frau. Sie sieht fabelhaft aus. Als Drogeriemarkt-Mitarbeiterin für niedrigpreisiges Pafüm würde sie Umsatzrekorde bewirken. Sie hätte für jeden Versandhaus-Katalog als Top-Model getaugt und hätte bei jeder regionalen Misswahl eine Platzierung zwischen eins und drei erreicht.

Ob in Jeans, Kleid oder knappem Show-Fummel: Diese Frau sieht immer gut aus und sie gibt den Menschen Halt, weil sie deren Lebensträume in leicht verständlichen Texten besingt. Sie schildert ihnen, wie sie mit dem/der Liebsten „auf das höchste Dach der Welt steigen“ können. Sie stärkt deren Selbstvertrauen mit der Zeile „Du lässt mich so sein, so wie ich bin, mich zurechtzubiegen hätte keinen Sinn“.

Diese Frau hegt die Schlaflosen, indem sie „Lass dieses Nacht nie enden“ singt. Sie schildert die ganze Widersprüchlichkeit des Daseins mit der Zeile „Du fängst mich auf und lässt mich fliegen“. Und hinterfragt religiöse Wahrheiten mit „Ewig ist manchmal zu lang“.

Wir hören die Botschaften und wollen mehr wissen. Ist diese Frau wirklich so blond, wie sie vorgibt. Ist sie glücklich verheiratet? Ist sie schwanger? Und falls ja, wir ihr noch genug Zeit bleiben, um Nacktfotos für den Playboy zu machen?

Wir folgen dieser Frau, wir hängen an ihr. Sogar Weltmeister umkreisen sie. Atemlos.

Und ja. Ich gebe es zu: Helene Fischer macht mir Angst.

 

Ob Krisenherd oder Lotto: Hohe Bälle machen glücklich

Ob man sich glücklich oder niedergeschlagen fühlt, hat immer mit der persönlichen Wahrnehmung zu tun. Pickel auf der Seele verursacht uns etwa das Gefühl, dass uns Informationen  intellektuell überfordern. Und dazu genügt mitunter die Lektüre einer einzigen Tageszeitung.

Darin steht beispielsweise, dass die Wirtschaft die Krisenherde spürt. Sofort fragt man sich, ob diese gegen die kalte Progression helfen, die uns ja gräßlich frösteln lässt. Man erfährt aber auch, dass sich die Chefin der bayerischen Staatskanzlei, Christine Haderthauer, wegen einer Modellauto-Affäre im Kampfmodus befinde. Ihr Vorbild dabei sei die Superheldin Lara Croft.

Diese ist virtuell, wird aber leibhaftig von Angelina Jolie gespielt. Fragt sich also, wer Frau Haderthauers Brad Pitt ist. Horst Seehofer wäre – bei allem Respekt – für diese Rolle fehlbesetzt. Bleibt als hochrangiger Parteifreund Finanzminister Dr.Markus Söder. Und dieser wagt sich tatsächlich an schier übermenschliche Aufgaben. Ihm wird es zu verdanken sein, wenn Westmittelfranken in eine “neue Förderkulisse” aufsteigen wird. Dank “dezentraler  Entwicklungsachsen”.

Wir wissen nicht, was das ist. Aber hier handelt ein Held. Oder? Gleichfalls lesen wir nämlich, dass der von ihm geschaffene Sandstrand am Wöhrder See in Nürnberg von Enten und Gänsen erobert wurde und gnadenlos zugekackt wird. Dieser Mann, der mit der geballten Landtags-Opposition je nach Lust und Laune mehr oder weniger heftig Schlitten fährt, kapituliert vor einer Ansammlung von Stadtgeflügel?

Wer soll sich da glücklich und geborgen fühlen? Letztlich sind wir – wie bei verrückten Lottozahlen – dem Zufallsgenerator des Lebens ausgeliefert. Doch wir resignieren nicht. Haben doch die deutschen U-19-Fußballer ihre  Europameisterschaft gewonnen. “Gegen tief stehende Portugiesen”, wie die Zeitung schreibt. Unsere Wahrnehmung ist eindeutig: Hohe Bälle machen glücklich.

Bestraft Putin! Gebt ihm jede WM!

Es ist eine besondere Erfahrung, das Finale einer Fußball-Weltmeisterschaft irgendwo im Ausland zu erleben. Keine Fahnen, kein Geschrei, kein Autokorso. Später liest man nach, was  in Deutschland anschließend passiert ist und denkt sich, dass es sich um einen Irrsinn von erheblicher Größenordnung gehandelt haben muss. Und ein solcher erzeugt jede Menge Irrtümer.

Führend beim Verbreiten abseitiger Schlussfolgerungen waren die Boulevard-Medien. Sie verbreiteten die frohe Kunde, dass sich die Stimmung im Lande grundlegend gewandelt habe. Mutmaßliche Experten erklärten, dass  Menschen nun motivierter zur Arbeit gingen. Sie hätten ja, schließlich, den Anspruch, Weltmeister zu sein. Es wurde darauf gewettet, dass ab sofort in jeder Stunde zehn Minuten pure Fröhlichkeit der Standard sein würde. Schließlich zeigten sich die WM-Folgen-Abschätzer überzeugt davon, dass auch das Wetter besser würde.

Dabei wissen wir doch: Nichts von alldem wird passieren. Es handelte sich ja nur um ein weltberühmtes Sportereignis, das bei den Siegern gute Laune macht. Aber davon wird die Welt nicht besser. Auch der Urlaubseffekt verfliegt bekanntlich schnell.

Der größte alle Irrtümer war aber über die Schlagzeile “Nehmt Putin die WM weg!”. Dies sei die angemessene Strafe für den Abschuss des Passagierflugzeuges MH 17 in der Ost-Ukraine. Abgesehen davon, dass es das Leid der Opfer und ihrer Angehörigen obszön bagatellisiert, sie in Bezug zu einem Fußballturnier zu setzen, liegt dieser Idee der falsche Gedanke zugrunde, dass eine Fußball-Weltmeisterschaft ein Geschenk sei.

Das Gegenteil ist der Fall. Die famose Fifa-Party reißt große Löcher in jede Staatskasse und hinterlässt prachtvolle Stadien, von denen keiner weiß, was man hinterher damit anfangen kann. Jede WM muss größer, schöner und vor allem teurer sein als ihre Vorgängerin.

Und deshalb, liebe Leute vom Boulevard, hätte eure Botschaft lauten müssen: “Bestraft Putin! Gebt ihm jede WM!”. Das wäre noch immer völliger Quatsch gewesen. Aber so ist das eben – mit so mancher Schlagzeile.

 

 

 

 

 

Nach dem Triumph wartet die Arbeit

 

Jedem Triumph wohnt das Tragische inne. Insofern nämlich, als es nach dem Gipfelsturm unweigerlich abwärts geht. So stehen wir nach gewonnener Fußball-Weltmeisterschaft gerade da.

Natürlich war es in Ordnung, das famose Tor gegen „die Gauchos“ ausgiebig zu bejubeln. Nicht mal bei der Silvesterfeier zur Jahrtausendwende war so viel nach-mitternächtliches Geschrei in diesem Land. Im Ausland dürfte man gestaunt haben, wie enthemmt die Deutschen feiern können. Ihre Jubelorgie war nicht so schön anzuschauen wie der Karneval in Rio, dafür aber lauter.

Doch wie ist das Leben schöner? Wenn du einmal so richtig weit unten angekommen bist, bleibt dir zumindest die Perspektive, dass es Zug um Zug nach oben gehen könnte. Aufstiegszuversicht war einmal eine Grundstimmung in Deutschland. Unglücklich hat sie die Menschen nicht gemacht.

Jetzt aber sehen wir mit wieder ausgeschlafenen Augen, dass eine Kanzlerin nicht nur junge Männer küsst. Jetzt geht es um Spione, um den massenhaften Tod in Nahost, um eine seltsames Handelsabkommen, aber auch um schier unlösbare Probleme, wie etwa die Frage, wie die Millionen alter Menschen in 20 Jahren human behandelt werden können. Oder wollen wir darüber reden, ob es normal ist, dass tausende Menschen elendig im Mittelmeer ersaufen, weil sie in ihrem Leben ein Stückchen aufsteigen wollen?

Zu gern würden wir diese Tage mit Goethe besingen: „Verweile doch! Du bist so schön!“ Fatal ist bloß, dass das Zitat einen zweiten Teil hat: „Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern zugrunde gehen!“ Gar so schlimm muss es nicht kommen, aber die Höhenluft ist weg, die Wolken sind wieder über uns. Machen wir uns an die Arbeit – bis zum Start der Bundesliga ist noch ein paar Tage Zeit.

 

 

 

Kein Spiel dauert 90 Minuten

Fußball ist, wie auch die Religion, ein Spiel der großen, ewigen Wahrheiten. Niemand käme etwa auf die Idee, die Herberger’schen Dogmen “Der Ball ist rund” oder “Vor dem Spiel ist nach dem Spiel” anzuzweifeln. In einer Hinsicht jedoch wird der Weltmeister-Trainer von 1954 gerade das Irrtums überführt. Sagte er doch auch: “Ein Spiel dauert 90 Minuten.”

Eben nicht. Bei der derzeitigen Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien haben die jüngsten Begegnungen schwerwiegende Indizien dafür geliefert, dass eineinhalb Stunden in der Regel nicht reichen, um eine Begegnung zu entscheiden. Trotz 120 Prozent Luftfeuchtigkeit, trotz massiven Dauerregens, trotz Wadenkrampf und Lungenkollaps bringen es die Mannschaften nicht fertig, sich auf Sieger und Besiegten zu verständigen. Und das, obwohl Fußballspiele dank Nachspielzeiten sowieso 100 Minuten dauern. Nur Teams, die, wie die Niederlande, leicht fallende Stürmer in ihren Reihen wissen, kommen fahrplangemäß ans Ziel.

Fast möchte man meinen, dass hinter den ständigen Verlängerungen und Elfmeterschießen ein teuflischer Plan steckt. Dass sich nämlich Sepp Blatter aufgemacht hat, endgültig die alleinge Herrschaft über unsere Herzen und Hirne zu erlangen. Denn klar ist doch, dass niemand, der täglich erst weit nach Mitternacht ins Bett kommt, weil er zum Beispiel bis 2 Uhr im Autokorso festgesteckt ist, morgens freudig das Bruttosozialprodukt steigern kann. Uns bleibt viel zu wenig Zeit, um all die finalen Tragödien samt all der klugen Analysen mental zu verarbeiten. Auch das vierte Landbier nach Mitternacht ist früh um 7 noch nicht absorbiert.

Nein, diese WM ist Gift für diese, unsere Dienstleistungsgesellschaft. Bleiche, verschlafene Verkäufer oder grantige Hotline-Mitarbeiter richten langfristig wirkende Schäden an. Von individuellen Folgen wie depressivenVerstimmungen, Herzinfarkt oder der Schlaganfall ganz zu schweigen.

Ein bisschen Trost bleibt uns, immerhin. Jede WM geht vorbei – und manche Weisheit wird in Brasilien untermauert.Man denke nur an Berti Vogts’ Erkenntnis “Es gibt keine Kleinen mehr”. Bleiben wir also gelassen, und hoffen wir darauf, dass verrückte Regeländerungen nicht überhand nehmen. Die Fifa muss den Ball rund lassen. Dann wird alles gut.

 

 

 

 

 

Nach dem Biss des wilden Stürmers

Nach den Grundregeln der journalistischen Kunst ist die Schlagzeile “Hund beißt Mann” wertlos, die Schlagzeile “Mann beißt Hund” hingegen sensationell. Jetzt lernen wir, dass auch “Mann beißt Mann” enorme Aufregung zu generieren vermag. Zumal dann, wenn berühmte Fußballer beteiligt sind.

Da hat also Luis Suarez, Nationalspieler Uruguays mit knapp 7,5 Millionen Facebook-Verehrern, bei der WM den Italiener Chiellini an der Schulter attackiert. Und weil er das alte Sprichwort “Man soll den Bissen nicht größer nehmen als der Mund ist” nicht beachtet hat, plagten ihn hinterher ziemliche Zahnschmerzen. Eine brutale Sperre durch die Fifa gab’s obendrauf.

Wirklich wundern musste man sich nicht. Suarez verfügt über auffällige Schneidezähne, weshalb man ihn schon bisher wahlweise als Mörderkaninchen oder als geheimen Sohn von Queen-Sänger Freddie Mercury wahrnehmen konnte. Er ist zudem Wiederholungstäter. Schließlich: Uruguay gilt seit jeher als Land der ungesunden Härte. Auch das übelste aller Fouls, die Blutgrätsche, soll gängigen Fußball-Legenden zufolge dort erfunden worden sein.

Warum aber regt uns gerade ein Biss so auf? Weil er das Böse signalisiert. In seiner schlimmsten Inkarnation ist der Beißende ein Vampir. Ein Untoter, der die Tagschicht im Sarg verschläft, um nächtens das Blut schönster Frauen zu saufen. Das ist nicht nur hinterlistig, sondern extrem dekadent. Als ehrlich, aber trotzfdem bissig gelten Wolf, Bär, Hund, Hai, Kreuzotter und Schnappschildkröte.

Die Gefahr, völlig überraschend in ein empfindliches Körperteil gezwickt zu werden, droht also immer und überall. Und deshalb lehrt ein Suarez auch uns das Schauern.

Was aber tun? Die Antwort ist nicht leicht, denn man steckt in keinem Lebewesen drin.  Der große Mark Twain hat die Lösung schon vor über 100 Jahren formuliert: “Vielleicht stünde es besser um die Welt, wenn die Menschen Maulkörbe und die Hunde Gesetze bekämen.” Probieren könnte man es aber mit Knoblauch-Deo, was ja wenigstens Vampire abhalten soll. Ermutigende Erfahrungen mit dem Einsatz von Spray hat die Fifa ja bereits gesammelt.

Der Engländer in uns ist aerosexuell

Wir in Nürnberg haben die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 noch gut in Erinnerung. Wir denken an die Mexikaner mit ihren witzigen Hüten und an die lustigen Holländer in ihren verrückten orangefarbenen Kostümen. Aber auch an die Engländer. Deren äußeres Erkennungszeichen waren – wie in vielen Urlaubs-Orten auch – die nackten Oberkörper. Wir sahen Fans. Bar jeder Kleidung, aber sehr oft auch bar jeder Ästhetik. Was wir damals nicht wissen konnten: Eben dieses ist zum Trend geworden.

Die Wissenschaft hat die passende Bezeichnung für die wachsende Gruppe der Oben-ohne-Männer gefunden: Sie nennt sie die Aerosexuellen. Männer also, die beschlosen haben, in jeglicher Lebenslage so viel Luft wie nur irgend möglich an ihren Körper zu lassen. Die Entblößung wird zum persönlichen Genuss. Was andere denken, interessiert nicht so.

Das wäre auch schwierig, denn die Geschmäcker sind verschieden. Es mag ja sein, dass der Coca-Cola-Light-Körper mit straffer Brustmuskulatur samt angegliederten Sixpack das Schönheitsideal schlechthin darstellt. Aber es soll auch nicht so aussehen, als hätte der Muskelträger täglich drei Kübel Eiweißpulver zu sich genommen. Ein maßvoller Hühnerbrustfaktor ist erlaubt. Und Brustbehaarung? Ist unmodern, eigentlich. Andererseits ist der Gesichts-Vollbart gerade in.

Wir können uns die Debatte aber auch sparen. Denn wer sich zu sehr mit dem Oberkörper befasst, übersieht die eigentliche Problemzone, den Bauch. Laut einer aktuellen Umfrage finden 55 Prozent der Deutschen, dass ihre Körpermitte unvorteilhaft aussieht. Dabei haben 44,2 Prozent der Männer erklärt, dass sie ihren Bauch am Strand nur ungern zeigen.

Was für sich betrachtet ein schlimme Entwicklung ist. Hieß es doch einst aus gutem Grund, dass ein Mann ohne Bauch ein Krüppel sei. Übrigens: Die Zahl der Männer, die ihre Beine ungern herzeigen, liegt nur bei 10,6 Prozent. Leider, möchte man sagen. Denn diese Beine stecken allzuoft in Socken und Sandalen.

Bei Frauen ist der Anteil der sich Schämenden um den Faktor drei bis vier höher. Egal, ob es um Bauch, Narben oder Po geht. Die endgültige Emanzipation in Sachen Selbsthass ist also noch nicht geschafft.

Trotzdem: Das allgemeine Leiden ist groß. Es könnte kleiner werden, wenn sich zum Beispiel Männer zusammenfinden würden, um wenigstens alle 14 Tagen die superschnelle zweite Halbzeit von Deutschland gegen Ghana nachzuspielen. Das würde die Brust stählen und den Bauch schrumpfen lassen. Aber wie ist es wirklich? 65 Prozent der Bundesbürger verfolgen die WM-Spiele am liebsten auf ihrem Sofa – und belassen es auch dabei. Die Eigensportquote ist gering.

Somit könnte es passieren, dass die nackten Oberkörper der nicht mehr WM-interessierten Fans der Engländer bald besser aussehen. Also: Lassen wir die Hemden an. Es wird zu kompliziert.

 

 

Fußball macht Chinesen krank

Würde uns jemand fragen, welches Volk überragend pflichtbewusst und gehorsam ist – wir würden wohl die Chinesen nennen. Eine strebsamere Nation ist für uns kaum vorstellbar. Lauter Menschen, die Tag und Nacht ihr Bruttosozialprodukt steigern, die längst Exportweltmeister sind, leider aber auch mit ihrer inzwischen sagenhaften Zahl von Autos die Atmosphäre auf Rekordniveau verpesten. Aber das täuscht. Auch Chinesen machen blau. Und schuld ist – was sonst – die Fußball-Weltmeisterschaft.

Mit dem Turnier in Brasilien haben die Ostasiaten in der Tat die Arschkarte gezogen. Wenn bei uns um 18 Uhr das erste Abendspiel beginnt, ist es in Peking Mitternacht. Anpfiff für die weiteren Spiele ist um 3 Uhr beziehungsweise um 6 Uhr früh. Selbst die Chinesen, die ja, wie wir wissen, allesamt dünn und zäh sind, sind da körperlich überfordert. Fußball interessiert sie trotzdem.

Und da greift eine andere Eigenschaft des Chinesen: Er erfindet stündlich erfolgreiche Produkte – im konkreten Fall gefälschte Krankschreibungen. Eine Recherche mit den Stichworten “Peking” und “Krankschreibung” hat in der Internet-Suchmaschine Baidu rund 50.000 Treffer gebracht. Angeboten werden Bescheinigungen von Krankenhäusern samt Stempeln und Unterschriften von Ärzten. Der marktübliche Preis liegt umgerechnet bei 2,35 Euro. Bei den Krankheiten haben die Kunden die freie Auswahl. Manchem genügt Fieber für ein Spiel. Hardcore-Fußballfans werden sich den Knochenbruch bescheinigen lassen. Das reicht dann bis zum Finale.

Wo bleibt dieses Angebot bei uns? Auch wir leiden darunter, dass wir nicht mehr vor 3 Uhr früh ins Bett kommen. Das Spiel dauert ja bis kurz vor 2, dann folgt die Nachbereitung durch die Experten. Schließlich braucht man einige Zeit, um nach einem 0:0 zwischen Japan und Griechenland wieder einen einschlaffähigen Blutdruck erreicht zu haben.

Aber das Erfinden halbseidener Produkte ist eben nicht so unser Ding. Wie wenig unsere Firmen mitdenken, zeigt ein anderes Beispiel. Aus Rücksicht auf die Fußball-Lust ihrer Beschäftigten öffnet eine VW-Filiale in Yangzhou im Osten Chinas während der WM erst um 14 Uhr. Und obendrauf bekommt jede/r Mitarbeiter/in für jedes Tor der deutschen Elf für jede/n Mitarbeiter/in 12 Euro geschenkt. Gäbe es das bei uns, wir würden schuften und die Wirtschaft ankurbeln auf Teufel komm raus.

Wir wären, wie es Franz Beckenbauer sagen würde, “Chinesen, wie es keine Chinesen mehr geben wird”. Tja, Chance verpasst. Also: Bleiben wir gesund.