Was begehrt das Volk? Eine Kartoffel namens Fritz

Was bewegt das Volk? Was ist sein Begehr? Herausfinden lässt sich das zum Beispiel auf der Petitions-Seite des Deutschen Bundestages. Alsdenn, schauen wir, was dort gerade angesagt ist. Und welche großen Themen demnächst kommen.

Auf der Liste der 50 aktuellsten Petitionen führt mit 2237 Unterschriften ein Aufruf zum „Bundesteilhabegesetz“. Sein Ziel klingt sympathisch und zeitgemäß. Behinderten soll ausdrücklich eine unabhängige Lebensführung gewährt werden. Knapp dahinter folgt ein Thema, das es noch nicht auf die Titelseiten geschafft hat: Es geht um das Luftfahrthandbuch AIP ACI VFR 04/16 und um die Rücknahme der darin enthaltenen Beschränkungen für den Kunstflug mit Motorflugzeugen. 1918 Unterzeichner hat diese Initiative, mehr Kunstflieger dürfte es kaum geben.

Respektabel ist die Resonanz auf Petitionen, mit denen ein umfassender Schutz für stillende Mütter, die Einrichtung regionaler Lärm-Umweltzonen und höhere Zuschüsse für den Schulbedarf von Kindern aus finanzschwachen Familien gefordert werden. Dagegen floppt die Forderung, den Führerscheinerwerb auch auf Bulgarisch zu ermöglichen. Sie hat nur sechs Unterstützer.

Leider gescheitert ist auch Petition Nummer 66662. Nur 108 statt der erforderlichen 50.000 Unterzeichner hat sie gefunden. Und das, obwohl es hier um zwei aktuelle Mega-Themen ging: Gesunde Ernährung und Geschlechter-Gerechtigkeit. Demnach sollte der Deutsche Bundestag beschließen, „dass es ab sofort ein ausgewogenes Verhältnis zwischen männlichen als auch weiblichen Kartoffelnamen bei der Sortenbestimmung gibt.“

Der Initiator der Petition verweist darauf, dass Geschlechter-Ungleichheiten in etlichen Bereichen der Gesellschaft konsequent beseitigt worden seien. Hinsichtlich der Kartoffeln habe dieses Bemühen bislang völlig gefehlt. Und tatsächlich: Unsere Erdäpfel tragen fast durchwegs weibliche Namen. Sie heißen Bellinda, Ditta, Elvira, Selma oder Linda. Ganz egal, ob sie mehlig oder festkochend sind.

Männer kommen im Kartoffel-Universum nur mit unpersönlichen Bezeichnungen wie Blauer Schwede oder Innovator vor. Dabei sind Herren schon frisurentechnisch dem Erdapfel näher als die Damen. Sigmar, Winfried oder Horst wären politisch korrekt. Man könnte aber auch, wie der Erfinder von Petition 66662 meinte, verdiente Streiter für gutes Essen als Namensgeber hernehmen. Etwa den jüngst verstorbenen Gastro-Kritiker Wolfram Siebeck oder bekannte Köche wie Tim Mälzer und Alexander Herrmann. Oder man beschließe die Sorte „Usain B.“. Schließlich gibt der galaktische Sprinter Erdäpfel als sein legales Dopingmittel an.

Nette Idee. Wir jedoch sehen es anders: Das erste Knollen-Patronat gebührt selbstverständlich jenem Mann, der die Kartoffel durch seinen staatlichen Anbaubefehl von 1756 in unseren Breiten so richtig vorangebracht hat: Preußenkönig Friedrich der Große. Starten wir also mit der Sorte „Alter Fritz“. Das Volk wird sich danach verzehren.