Ein Text für Franziskus: „Ihr könnt mich mal!“

Am Ostersonntag kommt es, das schöne Ritual: Der Papst tritt auf die Empore des Petersdoms, schaut auf die ergriffene Menge, die seinen Segen erwartet. Was aber wäre die derzeit treffendste Botschaft von Franziskus an die Menschheit? Vier Worte: „Ihr könnt mich mal!“.

So zwischendurch, nach einem guten Glas Wein, möchte man glauben, dass menschliche Evolution und Fortschritt dasselbe Ding seien. Tatsächlich könnten wir diese Welt zu einem richtig schönen Ort machen. Was damit begänne, dass wir andere Artgenossen respektvoll und mit Zuneigung behandeln. Stattdessen wird gemordet und gemordet und gemordet.

Die für uns schlimmsten Verbrecher sind, ganz klar, die Terroristen. Man fragt sich, was Menschen stolz macht, wenn sie unschuldige Zufallsopfer in den Tod reißen, um am Ende nichts zu erreichen, als dass Angst und Misstrauen wachsen? Was macht so ein famoser Kalif, wenn er hört, dass wieder erfolgreich Körper zerfetzt wurden? Beten? Onanieren?

Es gibt aber auch die Auftragskiller in Uniform, die immer nur ihre Pflicht tun. Wie lebt es sich als Kampfpilot, der zuerst ein Wohnviertel verwüstet hat, um nach dem Duschen seinen kleinen Kindern die Raupe Nimmersatt vorzulesen? Wie fühlt sich der Drohnen-Lenker, der am Joystick seiner Vernichtungs-Playstation abrutscht und deshalb statt einer Mörderbande eine Hochzeitsgesellschaft auslöscht?

Und wie geht es Richtern, die das Leben von Menschen für demnächst beendet erklären? Amnesty international hat gerade vorgerechnet, dass Todesurteile wieder in Mode kommen. In China, dem riesigen Reich mit den vielen schönen Lifestyle-Produkten, wurden im vergangenen Jahr weit über  tausend, vielleicht tausende Delinquenten ganz legal gemeuchelt. Im Iran, einem eigentlich wunderbaren Land, sind 567 Hinrichtungen amtlich verbürgt. In Saudi-Arabien, dem besten Stammkunden unserer Waffenfabriken, stirbt alle zweieinhalb Tage ein Mensch durch den Henker. In den USA herrscht aktuell Zurückhaltung, weil „humane Chemikalien“ für Todesspritzen schwer zu beschaffen sind.

Fraziskus redet über Auferstehung und Bergpredigt, während an vielen Ecken der Welt der Marsch zurück ins Alte Testament läuft.

Er sollte ruhig sagen, was er von dem Ganzen hält. Und falls er richtig sauer ist, würden auch zwei Worte genügen. Aber das wäre dem feierlichen Anlass gegenüber wohl doch zu unangemessen.

 

 

Gönnt dem Papst die Pizza

Ach ja, dieser Papst. Alle lieben Franziskus. Selbst dann, wenn er über würdevolle Ohrfeigen philosophiert. Möchte man also mit ihm tauschen? Also, ich nicht.
Am Ostersonntag wurde auf dem Petersplatz in Rom des Heilands Auferstehung gefeiert. Nun sollte man doch meinen, dass es sich beim Sieg über den Tod um ein freudiges Ereignis handelt. Die Geschichte von Jesus‘ Wiederkehr eignet sich als Stoff für eine riesengroße Party. Meint man.
Die Fernsehbilder zeigen etwas anderes. Die Gesichter vieler Menschen sind todernst. Und ein älterer Herr redet von Kriegen, Folter, Kindsmissbrauch und religiöser Verfolgung. Seltsam freudlos, das Ganze.
Doch warum schreibe ich das überhaupt? Seit ich denken kann, kenne ich es nicht anders. Wahrscheinlich ist es zwar die Aufgabe eines Papstes, Hoffnung zu verbreiten. Aber offenbar so, dass den Menschen klar wird, dass es in Urbi und Orbi so viel Mist gibt, dass diese Zuversicht göttlich sein muss. Letztlich muss das alles so dosiert sein, dass die Menschen nicht noch verzweifelter nach Hause gehen, als sie zur Feier auf dem Petersplatz angekommen sind.
Ich möchte das nicht machen müssen. Aber Papst wäre sowieso nichts für mich, wenn ich lese, was er selber so sagt. Liebend gerne, so Franziskus gegenüber einem mexikanischen Fernsehsender, möchte er ab und zu aus dem Vatikan ausbrechen, um irgendwo in Rom eine Pizza zu essen. Da haben wir es doch viel einfacher. Zumal wir unseren mit Salami & Co, belegten Teigfladen nicht im weißen, im konkreten Fall also höchst verräterischen Gewand verzehren müssten.
Man muss den Papst nicht beneiden, aber er verdient unser Mitgefühl. Denn die Ärzte des Vatikans haben missmutig registriert, dass Franziskus seit seiner Wahl im Jahr 2013 ziemlich an Gewicht zugelegt hat. Die Mediziner haben dem Vernehmen nach zum teilweisen Pasta-Verzicht geraten.
So viel Leid weltweit, so wenig Hoffnung – und dann auch noch Diät? Nein, das ist zu viel für einen Menschen. Lieber Franziskus, bei der nächsten Calzone denken wir an Dich und beten, dass Du auch bald eine kriegst. Versprochen! Amen!

Armer Franziskus, Du bist ausgegrenzt

Weihnachten, das ist wieder die große Zeit für Pfarrer, Bischöfe und für den Papst. So ein bisschen Beten im Weihrauchduft, am besten garniert mit machtvollem Chorgesang und Segensformeln in lateinischer Sprache, bringt uns dem Herrn wenigstens für zwei, drei Tage näher. Christen-Pflicht erledigt. Wir fühlen uns wohl, weil wir zwischendrin mehr für den Glauben getan haben, als nur am Freitag das Schnitzel durch Fischfilet zu ersetzen.

Priester mögen wir in diesen Tagen. Vor allem fasziniert uns dieser Franziskus aus Rom. Einfach weil er so bescheiden ist. Anders als seine Vorgänger tut er nicht so, als könnte er zum Fest der Liebe in 140 Sprachen grüßen. Statussymbole sind ihm sowieso fremd. Er bekennt sich zur Armut und trägt immer dasselbe weiße Gewand, das komischerweise niemals Flecken bekommt. Bloß: Dieser Mann wird nicht verstanden. Er gehört nicht dazu.

Das hat gerade das Statistische Bundesamt belegt. Nach seinen Erkenntnissen ist rund ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland „sozial ausgegrenzt“. Und woran liegt das? Weil sie SPD wählen? Keineswegs. Sondern deshalb, so die Behörde, weil sie zu wenig Geld haben. Bei uns ist es eben noch immer so, dass derjenige, der arm ist, als Außenseiter gilt. Wer Konsum vermeiden muss, wird als sozial schwach bedauert. Wer darauf demonstrativ verzichtet, gilt als Kauz, der die Leistungsträger der Gesellschaft bestenfalls verstört.

Dabei würde es sich lohnen, näher hinzusehen. Findet die Integration in die Gesellschaft in Opernhäusern, Sterne-Restaurants oder auf Golfplätzen statt? Oder eher in einem stinknormalen Sportverein oder beim Plausch am Bratwurst-Stand? Spitzenkräfte sind manchmal ziemlich einsam, die Zäune um die Villen der wirklich Reichen sind besonders hoch.

Vielleicht hat der Mann aus Rom ja recht. Wo nicht zu viel Geld im Spiel ist, fallen Freundschaften leichter. Gut. Aber eines denken wir uns schon: Dieses famose Papst-Waschmittel ist ganz bestimmt nicht billig.

 

Die Buß-Fahrt der Bayern zum Papst

Ach wunderbar! Welch Ehre! Der FC Bayern München wird am Mittwochvormittag von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen. Die Vereins-PR und alle gierigen Abnehmer ihrer Produkte vermitteln uns das Bild einer harmonischen Begegnung, nach deren Ende man sich mit Handkuss und La-Ola-Welle verabschieden wird. Die Wahrheit jedoch ist eine andere. Beim Abstecher in den Vatikan handelt es sich um eine Buß-Fahrt mit kollektiver Beichte. Gründe gibt’s genug.

Die ehrliche Begeisterung des Heiligen Vaters für den mehrfachen argentinischen Meisters Atletico San Lorenzo de Almagro vermag nur schwer zu kaschieren, dass es an diesem Mittwoch zuvörderst um Seelenreinigung gehen wird. So ist der FC Bayern die zurzeit wohl härteste Inkarnation des vom Papst so heftig kritisierten Kapitalismus. Eine Geldmaschine in gestreiften Trikots, die es sich zum Prinzip gemacht hat, Konkurrenten kaputtzukaufen. „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Spieler, Trainer, falsche Neun, Doppelsechs, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat“ – das zehnte Gebot interessiert diese Bayern nicht.

Das Wirken ausgewählter Persönlichkeiten kommt hinzu. Ex-Präsident Uli Hoeneß hat der Gesellschaft viele Millionen Euro an Steuergeldern vorenthalten. Karl-Heinz Rummenige ist wegen einer nicht verzollten Uhr vorbestraft, Franck Ribery ist wegen, na ja, irgendwas mit einer Minderjährigen mit Schuld beladen. Und es gibt diese Lichtgestalt, die zwecks Steuerflucht ins Ausland gezogen ist und noch nie einen Sklaven in Katar gesehen hat.

Genug Stoff für eine tagfüllende Beichte. Doch all dies ist nichts gegen die Sache mit der falschen Neun. Es kann den argentinischen Papst nicht ruhen lassen, dass ein Götze die Siegesträume seiner Nation ausgelöscht hat. Er kann nicht hinnehmen, wie sehr Götzenverehrung in Deutschland normal geworden ist.

Wenn also nach der Audienz ein bislang unentdeckter Kreuzbandriss beim jungen Mario gemeldet wird, glauben wir es nicht: Er ist an die Abteilung Inquisition, Exorzismus und verwandte Randgebiete des ehemaligen Regensburger Bischofs Müller überwiesen worden.

Dort wird man ihn reinigen und läutern, bis er ein Fräulein Engel heiratet, deren Namen annimmt und sich fortan beim Torjubel bekreuzigt. Ja, diese Papst-Audienz ist wichtig. Amen!

 

Raubtierkapitalisten fürchten nur Schnee

Sicher, Habgier zählt zurecht zu den Todsünden. Aber es ist verkehrt, den Kapitalismus für alles Schlechte in der Welt verantwortlich zu machen.

Wir sollten da auch unseren Lieblingspapst Franziskus zur Ordnung rufen, der diese Wirtschaftsordnung als „an der Wurzel ungerecht“ bezeichnet hat. Denn rein materiell haben von diesem System auch die Beschäftigten profitiert. Der Unterschied zwischen sozialer Marktwirtschaft und real existierendem Sozialismus lässt sich so darstellen: VW Golf statt Trabant und Doppelhaushälfte statt Plattenbau.

Bei dieser Betrachtung darf allerdings das Wort „sozial“ nicht übersehen werden. Es soll Unternehmer gegeben haben oder noch geben, die es gut und richtig fanden, dass die Beschäftigten am Erfolg der Firma teilhaben. Also war man Lohnforderungen gegenüber  aufgeschlossen, Verhandlungen über Tarife wurden mit dem Willen geführt, zu einer Einigung zu kommen. Zusätzliche Urlaubstage oder verrückten Ideen wie das Weihnachtsgeld ließ man sich durch Streiks abringen. Aber hinterher herrschte Frieden.

Das hat sich vielfach geändert. Spendabel sind Unternehmen heutzutage vor allem bei den Gehältern der Chefs. Oder bei deren Abfindungen. Ansonsten sitzen die Controller derart auf dem Geld, dass unser Euro-Adler quietscht. Das Humankapital ist in jedem Fall negativ zu bewerten. Nur Lohnverzicht kann uns retten. Zumal er auf lange Sicht in den wohltuenden Rentenverzicht mündet. Die Senioren der nicht mehr so sozialen Marktwirtschaft werden ihre Kreuzfahrt nicht mehr in die Karibik oder ans Nordkap unternehmen. Sie werden, begleitet von mittelmäßigen Blaskapellen, über unsere Binnengewässer gondeln.

Das ist die Zukunft. Aber wer, bitteschön, ist denn zurzeit der größte denkbare Renditeheld? Wer ist das ultimative Raubtier unter den Kapitalisten? Antwort: Es ist der Inhaber einer Firma für Schneeräumdienste. Monat für Monat bekommt er die Überweisung seiner Kunden aufs Konto. Tun muss er dafür Null und Nix.

Kein Aufwand, hoher Ertrag. 97 Prozent Umsatzrendite, im Zweifelsfall ohne jede Habgier. Dieser Mann ist unser Vorbild, unser Held. So lange das Wetter eben hält…

 

 

 

Amazon, Igelchen und Papst: Mein Best-of-2013

Eingeweihte wissen es: Ich bin nicht Günther Jauch. Deshalb bringe ich meinen Jahresrückblick nicht schon vor dem ersten Advent, sondern nach Neujahr. Welches also waren meine meist gelesenen Blog-Einträge in 2013?

Die größte Resonanz hat dee Botschaft „Nieder mit Amazon! Hoch auf Aldi!“ gefunden.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/12/nieder-mit-amazon-ein-hoch-auf-aldi/

Kleine Anmerkung: Ich rufe nicht zum Boykott von Amazon auf. Meine Gewerkschaft ver.di hat schon viel für die ausgebeuteten Mitarbeiter/-innen dieses Unternehmens erreicht. Und die Konditionen werden zusehends besser. Wie bei der Ostpolitik. Annäherung durch Wandel.

Und wer war das Igelchen?

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/01/24/das-igelchen-beweist-print-wirkt/

Bis heute wissen wir nicht, welcher Ehemann sich per Zeitungsanzeige bei seiner Ehefrau für einen Fehltritt entschuldigt hat. Print wirkt. Klicktechnisch war’s Platz zwei.

Man kann auch über’s Wetter schreiben – und den dritten Platz ernten.

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/21/lass-die-sonne-wieder-scheinen/

Jedenfalls war im Februar die Sonne weg. So wie auch im November, Dezember…

Zumal der Eintrag „Hilfe, der Frühling hat Burnout“, einen Monat später geschrieben, viertmeistgelesener Eintrag geworden ist,

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/23/hilfe-der-fruhling-hat-burnout/

Und: Ich hasse den Begriff „Schlecker-Frauen“. Noch mehr aber die Parole vom Zeitungssterben. Platz fünf

http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/01/15/schlecker-frauen-mein-unwort-ist-zeitungssterben/

Und hier – unkommentiert, also zur freien Beurteilung – die Plätze sechs bis zehn:

6. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/04/12/wenn-bei-haarausfall-der-porsche-hilft/

7. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/17/wenn-uns-der-himmel-auf-den-kopf-fallt/

8. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/02/28/9701/

9. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/04/05/der-tod-lauert-in-der-badewanne/

10. http://blog.nn-online.de/hirnduebel/2013/03/15/messi-nasenbar-und-neuer-papst/

 

 

 

 

 

 

Ausbeuter kommen in den Himmel

Es ist wieder an der Zeit für eine theologische Betrachtung. Eigentlich scheint die Sache klar zu sein: Wer nur Geld zusammenrafft und andere ausnimmt oder sie gar nach Strich und Faden betrügt, muss in Satans Sauna schmoren. Ich habe über diese These nachgedacht – und massive Zweifel bekommen.

Der neue Papst, Franziskus, sensibilisiert uns gerade für das Thema Armut und Gerechtigkeit. Er trägt ausschließlich seine reinweiße Kutte, wohnt auf vergleichsweise erbärmlichem Niveau (Referenz: Vorgänger, Fürsten und Könige) und hat von seinem Papa-Mobil das Glasdach abschrauben und vielleicht an die Ludolfs verscherbeln lassen. Arm wünscht er sich seine Kirche. Die Masse jubelt ihm zu. Weil keiner dran denkt, wer zum Beispiel in Zukunft die Unterhaltskosten für das Nürnberger Männleinlaufen tragen soll.

Es naht demnach das Ende von Aravatia, dem Hauptlaster der Habgier. Wer ihm verfallen ist, kann zum Todsünder werden und muss auf dem Weg ins Paradies mindestens eine Ehrenrunde drehen. Ehe er – möglicherweise mit irreparablen Brandverletzungen – auf Wolke 14 die Schalmei spielen darf. Man kann auch mit prämortaler Unzucht nach unten rauschen, aber das dürfte angesichts des heutigen Altersdurchschnitts der Bevölkerung der seltenere Fall sein.

Aber kann ein Ausbeuter tatsächlich nicht zum Engel werden? Sehen wir es doch mal so: Wer andere, zum Beispiel als Arbeitgeber, so mies bezahlt, dass sie kaum über die Runden kommen, sorgt dafür, dass sie zu den Seligen gehören. Er hilft Menschen, ihre Habgier zu überwinden. Hartz-IV-Aufstocker sind dem Papst – und somit wahrscheinlich auch dem Herrn – ein Wohlgefallen. Sie tun der Spitze der Großabteilung Seelenheil so richtig gut.

Wir folgern: Wer ganz privat seiner Habgier frönt, kann als Todsünder bestraft werden. Wer aber auf Kosten anderer reich wird, tut Gotteswerk. Versprechen wir uns also nicht zu viel vom Paradies. Die Begrüßungsformel „Guten Morgen, Herr Abteilungsleiter“ kann es auf dort geben. Amen!

Ganz sicher: Franziskus wird der neue Obama

Machen wir nicht lange herum, sondern halten wir fest: Der neue Papst Franziskus wird den Friedensnobelpreis bekommen. Unter Garantie. Es geht nicht anders.

Der Mann hat bis hierhin einfach alles richtig gemacht. Hat kritisiert, dass sich die katholische Kirche zu weit von den Menschen entfernt habe. Hat seinen Priestern empfohlen, an die Ränder der Gesellschaft zu gehen. Hat ein behindertes Kind an sich gedrückt und sogar Frauenfüße gewaschen und geküsst. Lauter gute Signale, die ihn wunderbar von seinem verknöcherten Vorgänger Papa Ratzinger abheben. Die Menschen sind entzückt, bislang als weltlich eingeschätzte Medien konkurrieren in Sachen Nachrichtenfülle und Verbalverneigung mit den frommsten Bistumsblättern.

So etwas Ähnliches gab es schon mal. Der Vorgänger hieß Tschortsch Dabbeljuh, der damals neue Mann Barack Obama. Ein paar gute Reden genügten, um ihn zum globalen Friedensengel zu ernennen. Was dann an Politik gekommen ist, war ziemlich oft etwas anderes.

Dem neuen Super-Papst wird es kaum anders gehen. Gut gewachsene Machtstrukturen zeichnen sich dadurch aus, dass sie das Gemaule eines frisch gewählten Chefs für eine gewisse Zeit kommentarlos ertragen. Das macht populär, zeigt Offenheit.

Sobald sich der Neuling ausgetobt hat, beginnt Phase 2, das so genannte „Einnorden“. Er wird mit – vorzugsweise bürokratischen – Alltagsarbeiten derart zugemüllt, dass er nach kurzer Zeit feststellt, dass es keinen Sinn hat, zu viele Baustellen aufzumachen. Am Ende sagt und tut er fast das Gleiche wie sein Vorgänger. Den Unterschied macht vor allem das Image.

Sie finden das schlimm? Stimmt nicht, es ist normal. Zumal es eh so eine Sache ist, mit den Wegen des Herrn und seiner Diener. So hat der wichtige serbisch-orthodoxe Bischof Amfilohije am Osterwochenende den „Eroberungstrieb“ der europäischen Länder und der Nato angeprangert. Die EU wolle den Kosovo beherrschen und setzte damit die Tradition der Kreuzzüge und die „Tyrannei der Osmanen“ fort. Bevor er an die Schandtaten unter Sultan Murat erinnerte, hatte der Bischof Gott angerufen, damit die Nato aufgelöst wird.

Doch Gott ist nicht Gysi. Er ist auch, was das Treiben seiner angeblichen Stellvertreter auf Erden angeht, nicht gerade als entschiedener Reformer bekannt. Ihm scheint das eher egal zu sein. Also: Lasst Franziskus ruhig ein bisschen anders sein und lobpreist ihn dafür.

Das fühlt sich gut an. Denn dass es der Fortschritt seltenst rennt, ist uns sowieso klar. Oder nicht?

Die Eurokrise und der verstrahlte Sparstrumpf

Die Eurokrise war mal etwas Großes. Spanien, Frankreich, Italien, Griechenland, Portugal, Irland – das waren richtige Länder. Entweder wirtschaftlich bedeutend, kulturell überragend, als ehemalige Kolonialmacht prägend für die Weltgeschichte oder wenigstens schön grün, hoch musikalisch und sympathisch versoffen. Aber Zypern! Ja Himmel, was soll denn das jetzt?

Da muss also die gesamte europäische Krisenbewältigungs-Maschinerie angeworfen werden, um eine Mittelmeer-Insel mit 860.000 Einwohnern zu retten. Das entspricht ungefähr dem engeren Ballungsraum Nürnberg. Selbst der bei absurden Vergleichen gerne benutzte Operettenstaat Saarland zählt mehr Menschen. Und wegen dieser paar Leute muss sich unsere Kanzlerin hinstellen und dem zyprischen Volk den vollsten Respekt der Deutschen aussprechen? Während bei einer für Geldvernichtung zuständigen US-Ratingagentur die unvermeidbare Abstufung dieses Staates auf Triple-Ramsch vermutlich von einem nachgeordneten Sachbearbeiter erledigt wird?

Kann eigentlich nicht sein. Doch über allem schwebt eine große Parole: Zypern sei deswegen pleite, weil zu viel Geld von stinkreichen Russen zu aberwitzigen Konditionen auf dessen Banken gelagert sei. Da sei ein „Geschäftsmodell“ grandios gescheitert.

Abgesehen davon, dass es sich bei diesem Begriff bei weiterhin inflationärer Anwendung durch unsere Volksvertreter um ein kommendes „Wort des Jahres“ handelt, muss es uns tatsächlich Angst machen, dass inzwischen selbst Kleinstaaten für den Euro „systemrelevant“ sind. Normalerweise müsste die zweitwichtigste Währung dieser Welt eine solche Inselpleite rückstandsfrei verdauen.

Stattdessen wollte man direkt auf die Konten der Bankkunden zugreifen. Wenn das so weitergeht, kommt der Sparstrumpf wieder in Mode. Zurecht: Die Guthabenzinsen sind eh nur noch knapp über Null, und was dem Volk gebührt sehen gerade die West-Rentner, denen famosen 0,25 Prozent Rentenerhöhung winken. Stopfen wir das Geld also lieber unter die Matratze, achten wir aber auf eine abschreckende Wirkung. Der Strumpf sollte ungewaschen oder radioaktiv verstrahlt sein.

Denn viele Gefahren für unser Esperanto-Geld lauern noch. Zur Eurozone gehören durch entsprechende Abkommen auch San Marino mit seinen knapp 30.000 Einwohnern sowie die vor Kanada gelegenen fränzösischen Inseln Saint-Pierre und Miquelon mit zusammen 6300 Einwohnern. Und schließlich gibt es da noch den Vatikan. Läppische 800 Einwohner, aber in sämtlichen dies- und jenseitigen Fragen hundertprozentig systemrelevant. Inszeniert sich da nicht gerade ein gewisser Franziskus als „Papst der Armen“? Die Ratingagenturen lauern schon…

Messi, Tango, Nasenbär und neuer Papst

Ohne Polizeieskorte ist er schon mal gefahren. Aber: Kann dieser Papst Franziskus alias Jorge Mario Bergoglio den Vatikan verändern? Selbstverständlich. Er ist zwar, wie der Name verrät, abstammungstechnisch ein Italiener. Aber Argentinien ist eben doch etwas anders.

Das Land ist bekannt für die Pampa, für famoses Rindfleisch, für Landsleute, die auf Inseln wohnen und deshalb lieber Engländer sein wollen. Das Land hat eine lebende Präsidentin, die in der Öffentlichkeit notorisch die höchsten Stöckelschuhe aller Regierungschefs dieser Welt trägt. Und eine gestorbene Präsidentin, die Hollywood zuliebe mit der Singstimme von Madonna ausgestattet war.

Aber natürlich gibt es den Tango. Eine Tanzdisziplin, für die wir Mittelfranken ähnlich entflammt sind wie sonst nur noch die Finnen. Und es gibt diese sagenhaften Kicker. Xavier Pinola, leider nur wichtigster lokaler Fußballgott seit Max Morlock und Andreas Köpke und somit nicht papabile.

Aber dann: Lionel Messi, der als Auferstehungsbeauftragter des FC Barcelona gerade Mailand (da schaut der Herr Scola, gell?) erledigt hat. Und natürlich Diego Armando Maradona. Der Mann mit dem genialen linken Fuß und den immer wiederkehrenden Abstürzen. Der arme Sünder mit dem großen Herzen, dem der Herr dereinst zwecks Torerfolg bei der WM 1986 die Hand geliehen hat.

Schon er hatte somit nachgewiesen, dass der Schöpfer den Argentiniern wohlgesonnen ist. Und nun kommt der erste außereuropäische Papst genau von dort. Da staunen Nasenbär und Pampa-Stier.

Wenn nun die größte aller deutschen Zeitungen „Das ist die neue Hand Gottes“ schlaggezeilt hat, zeigt das wieder die Flapsigkeit dieser Journalisten. Papst Franziskus ist der Stellvertreter Christi aus Erden. Wenn wir so freundlich sein wollen, dieses zu glauben, müssen wir dennoch konstatieren, dass Jesus Mensch und nicht Gott war. Also ist „verlängerter Arm Gottes“ das Größtmögliche, was wir Herrn Bergoglio zugestehen wollen.

Aufhorchen sollten nach der Wahl des neuen Papstes allerdings die Akkordeonorchester dieses Landes. Die Matthäus-Passion von Bach, dargebracht in einer Bearbeitung für zwölf Bandoneons ist keine Utopie mehr. Spiel Tango für die Armen! Amen!