Gut, dass es die Franzosen gibt

Und wieder eine Wochenende der Schicksalwahlen: In Schleswig-Holstein geht es um die weiteren Aufstiegschancen von Martin Schulz. In Frankreich darum, ob eine rechtsextreme Kandidatin die Lizenz zum Zerstören der Europäischen Union bekommt. Bleiben wir bei Letzterem. Weil es bedeutender ist.

An dieser Stelle könnte sich Protest regen. Was interessieren uns die Franzosen? Wir sind Exportweltmeister und die klügste und fortschrittlichste Nation überhaupt. Unseretwegen kann jeder die EU verlassen. Dann regeln wir die Dinge – bestmöglich für die Menschen, versteht sich – in eigener Regie.

Einspruch! Das stimmt so nicht. Das Kernland des gesellschaftlichen Fortschritts war Deutschland beileibe nicht immer. So galt bei uns bis zum Jahr 1958 dieser Paragraph des Bürgerlichen Gesetzbuches (alte Schreibweise): „Hat sich die Frau einem Dritten gegenüber zu einer von ihr in Person zu bewirkenden Leistung verpflichtet, so kann der Mann das Rechtsverhältniß ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist kündigen, wenn er auf seinen Antrag von dem Vormundschaftsgerichte dazu ermächtigt worden ist. Das Vormundschaftsgericht hat die Ermächtigung zu ertheilen, wenn sich ergiebt, daß die Thätigkeit der Frau die ehelichen Interessen beeinträchtigt.“ Was bedeutet: Wenn die Frau wegen einer Berufstätigkeit daheim nicht in seinem Sinne funktioniert, kann der Mann ihren Job kündigen.

Noch etwas anderes: Das Recht auf eine gleiche Bezahlung von Mann und Frau für gleiche Arbeit gilt in der EU seit 1977 und ist inzwischen ein Grundrecht. Zu verdanken ist das Frankreich. Dort war das Thema längst Gesetz und die Regierung machte sich Sorgen wegen einer eventuellen Billig-Konkurrenz in anderen Staaten.

Den Franzosen ist auch zu verdanken, dass wir länger Urlaub haben. Bis in die 70-er Jahre waren bei uns drei Wochen Jahresurlaub der Mindestanspruch. Unsere Nachbarn konnten vier Wochen schon seit 1928 nehmen. Dss Urlaub nach längerer Krankheit nicht schon zum 31. März des Folgejahres verfällt, ist eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes, an die sich die EU-Mitgliedsstaaten halten müssen.

Wenn man sieht, wovon unsere deutschen Exportweltmeister-Arbeitgeber so träumen, sollten wir froh sein, dass es europäisches Recht. Und natürlich die renitenten Franzosen, die ihre 35-Stunden-Woche nicht so einfach gegen ein Rund-um-die-Uhr-Jobben hergeben.

Ja, aber was ist mit Martin Schulz? Wenn wir ehrlich sind, war von Anfang an klar, dass es mit ihm – vielleicht mit geänderten Kräfteverhältnissen – in Richtung neue GroKo ginge. Das ist wohl zu schaffen. Der Mann wird auch seine Niederlagen überleben.

Gegen die Gewissheit der Angst hilft nicht nur Vernunft

Und jetzt wieder Frankreich. Islamistische Mörder haben eine Kirche nahe Rouen gestürmt und deren Pfarrer hingerichtet. Dabei stecken uns die jüngsten Anschläge von Würzburg, München und Ansbach, aber auch von Kabul, noch tief in den Knochen. Wird es ein Ende des Terrors geben? Es fällt uns immer schwerer, daran zu glauben. Bloß: Eine Alternative haben wir nicht.

Es wirkt unbegreiflich, wie sich Hirne von jungen, am Leben verzweifelten Männern bei passender Gelegenheit in Luft auflösen. Niemand kann erklären, warum sich dieses Phänomen in diesen Tagen derart ballt. Und man mag sich nicht vorstellen, wie leer es in diesen Tätern sein muss, damit genug Platz ist für ungezügelten, sinnlosen Hass gegen andere Menschen. Sie riskieren ihre eigene Existenz, nur um töten zu können. Irgend etwas läuft gewaltig schief.

Vernunft, ein kühler Kopf, könnten uns helfen. Trotz aller Horrornachrichten ist das Risiko, bei einem Amoklauf oder einer Terror-Attacke zu sterben, äußerst gering. Im Straßenverkehr, ja sogar im Haushalt, kommen mehr Menschen ums Leben. Aber die jetzige Bedrohung ist anders. Wenn man beginnt, beim Einkaufsbummel nach bärtigen Burschen mit Rucksäcken Ausschau zu halten, verfestigt sich die Angst, dass man jederzeit und überall attackiert werden könnte, zur Gewissheit. Wer Auto oder Rad fährt, rechnet – trotz objektiv größerer Gefahr – nicht mit einem Unfall. Hier ist es anders.

Was aber hilft uns dann? Gottvertrauen wäre eine Lösung, aber wer hat das noch? Also brauchen wir wohl eine Mischung aus Vertrauen und Fatalismus. Eine Gewissheit, dass nichts passieren wird, dass es aber im Leben manchmal kommt, wie es kommt. Auch Humor kann helfen. Humor, gemischt mit Trotz. Lasst sie toben, lasst sie ihrem pseudo-religiösen Schwachsinn frönen. Wir stecken ihnen die Zunge raus.

Yalla, Ihr Wichser! Lachen ist erlaubt! Fangen wir an!

 

 

 

 

 

 

Müller trifft nicht. Seien wir froh

Die Fußball-Nation jubelt – und ist doch in Sorge: Thomas Müller trifft nicht mehr. Warum, fragen sich viele, haut der Raumdeuter mit den Storchenbeinen zurzeit dauernd daneben? Die Antwort: Es ist egal. Fürchtet Euch nicht.

Null Tore sind Müller bei der Europameisterschaft bisher gelungen. Auch im Viertelfinale gegen Italien schoss er zu schwach oder am Tor vorbei. Die Folge: „Die Mannschaft“, die sich sonst auf seine genialen Momente verlassen konnte, musste sich dem finalen Drama stellen.

Das Elfmeterschießen ist eine Lotterie. Das Können am Ball alleine entscheidet nicht, sonst hätten nicht ausgerechnet Müller, Özil und Schweinsteiger ihre Strafstöße versemmelt. Doch dieser Modus hat Vorteile: Er ist hoch spannend und er lässt dem Unterlegenen seinen Stolz. Dieser kann sagen, dass er erst ganz am Ende niedergerungen wurde. Und dass es genauso gut anders hätte kommen können. Die Ungerechtigkeit des Zufalls kann trösten.

So war es nach diesem EM-Viertelfinale. Und es war gut so. Italien war an diesem Abend gebeutelt vom Schock über den Tod mehrerer Landleute bei einem Terrorangriff in Bangladesch gebeutelt. Es war die große Nachricht neben dem Fußball-Spiel gegen den ewigen Rivalen Deutschland.

Hätte Thomas Müller das bei wichtigen Turnieren Übliche getan, Italien wäre wohl schon nach 90 Minuten vom Platz gegangen. So aber war die Niederlage keine Katastrophe. Der Dank an die eigene, große Mannschaft beherrschte alle Stellungnahmen italienischer Experten nach dem Spiel.

Auf dem Fußballplatz hätte es also gar nicht besser laufen können. Deutschland im Halbfinale, Italien ein aufrechter Verlierer. Manchmal ist es ohne Müllern besser.

Obama, Castro und der schweigsame Vatikan

Große historische Gesten können schlicht sein. Unvergessen ist der Kniefall des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt in Warschau. Auch US-Präsident Barack Obama dürfte sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert haben: Er hat seinem kubanischen Amtskollegen Raúl Castro die Hand gegeben. Auf dass Friede sei zwischen dem renitenten Inselstaat und dem ganz großen Bruder.

Klar, dass die Feindbild-Bewahrer in beiden Staaten motzen. Das war bei uns damals nicht anders. Doch  längst dürfte durchgerechnet sein, dass der Nutzen der Annäherung für die USA größer sein dürfte. Schließlich ist Kuba ein ungesättigter Markt für wunderbare Artikel des täglichen Lebens, wie Telefone, Elektrogeräte und Handfeuerwaffen. Die sozialistische Insel dürfte auch eines der letzten Gebiete weltweit sein, die Produkte von McDonald’s gut finden.

Wir werden sehen: Es lohnt sich, dem Bösen die Hand zu reichen.

Schwierig ist ein solcher Schritt allemal. Wie uns gerade in absurder Weise der Vatikan vorführt. Die französische Regierung hat einen neuen Botschafter für den Kirchenstaat benannt. Er heißt Laurent Stéfanini und bekennt sich offen zu seiner Homosexualität.

Wie reagiert man in Rom auf die geplante Akkreditierung? Man sagt gar nichts, man schweigt beharrlich. Und dies gilt nach den Regeln der klerikalen Diplomatie als eindeutige Ablehnung der betreffenden Person. Man erwartet, das der andere Staat den Vatikan in keine Erklärungsnöte stürzt und stattdessen jemand benennt, der aus amtlicher katholischer Sicht in ordentlichen Verhältnissen lebt.

Halt, denkt man da? Handelt hier nicht der eigentliche Weltmarktführer für Versöhnung? Hat nicht Papst Franziskus höchstselbst erklärt, dass Schwule schwul sein dürfen, wenn sie ansonsten einen festen Glauben haben? Schon, aber er ist ja nur der unfehlbare Chef, im Hintergrund regiert der Apparat.

Diesen wiederum gibt es in jedem Staat. Danken wir also Barack Obama für den Händedruck. Was wirklich daraus wird, muss sich aber erst noch zeigen…

Das Massaker von Paris: Die Religion ist nicht schuld

In Paris haben wir gerade wieder den feigen Wahnsinn in dieser Welt erlebt. Das Massaker in der Redaktion der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ erklärt uns nichts. Es wirft Fragen auf. Wie kann so etwas passieren? Wer macht so etwas? Sind am Ende die Opfer selbst schuld?

Und: Darf man über Religion spotten? Selbstverständlich. Jede Religion hat ihre Lügen und ihre Komik. So, wie alles, was Menschen erfunden haben. Erst recht, wenn sie es als angeblich einzige Weisheit propagieren.

Aber geht es bei einem Massaker wie in Paris überhaupt um Religion? Das kann nicht sein. Nirgends steht geschrieben, dass jemand verpflichtet sei, Menschen anderen Glaubens zu töten. Wäre das der Fall, wäre Mord den Göttern ein Wohlgefallen, würde im so genannten Paradies eine Horde schießwütiger Arschlöcher auf uns warten. Diese wären die Helden – der Herr demnach ein krimineller Mafia-Boss.

Nein, es geht um Macht. Angeblich große Führer, ob sie sich nun Präsident oder Kalif oder auch nur Kommandant nennen, nutzen die Sehnsucht nach dem Höheren, um vor allem junge männliche Idioten für ihre Ziele in einen Krieg zu schicken, den die Lügner „Heilig“ nennen. Indem man ihnen als Entschädigung für ein beschissenes irdisches Dasein ein herrliches Jenseits verspricht.

Deshalb ist es völlig verkehrt, Menschen deshalb schon deshalb für verdächtig zu halten, weil sie in Kirchen, Moscheen oder Synagogen gehen. Es ist auch keine gute Vision, dass die Welt besser wäre, wenn es keine Religion mehr gäbe.

Ganz bestimmt: Mörder und andere machtgeile Psychopathen finden immer einen Grund. Sie brauchen keinen lieben Gott. Wir anderen schon. Wenn man bei alldem an ihn glauben könnte…

Franzosen ohne Wein: So geht TTIP

Es ist eine kulturelle Revolution: Wie frisch gemeldet wird, können in Frankreich Wein und Cidre am Arbeitsplatz ab sofort durch den Chef verboten werden. Wieder verschwindet Typisches. Aber wie sollte es auch anders sein, in diesen Zeiten von TTIP?

Die Franzosen haben wir uns nie besonders fleißig vorgestellt. Wir sahen sie mit Baskenmütze auf dem Kopf, Baguette unter dem Arm, Gitanes im Mundwinkel – und selbstverständlich immer mit gutem Essen und Wein auf dem Tisch. Wir nannten es „Savoir vivre“. Auch andere Landsleute haben wir pflichtbewussten Deutsche bewundert. Die eleganten Italiener, die in ihrer Mittagspause von 12 bis 4 Uhr nachmittags am Lido rösten oder die Griechen, die lieber Sirtaki tanzen als ordentlich zu buckeln. Ein bisschen was von dieser Lässigkeit wollten auch wir haben.

Aber damit ist es vorbei – ganz aktuell in Frankreich. Dort haben die Gesetze bisher vorgesehen, dass „kein alkoholisches Getränk außer Wein, Bier, Apfelwein oder Birnmost am Arbeitsplatz erlaubt ist“. Ein Umtrunk im Job war aber bei den Galliern bei verschiedensten Anlässen ganz normal. Das ist weggefegt von einer genussfeindlichen Regierung. Sie argumentierte mit der Statistik, wonach Franzosen über 15 Jahre im Durchschnitt pro Tag 2,7 Gläser eines alkoholischen Getränks zu sich nehmen. Alkoholmissbrauch wird für täglich 134 Todesfälle verantwortlich gemacht.

Was aber hat das mit dem famosen Handelsabkommen TTIP zu tun? Vordergründig nichts, aber es passt ins dazugehörige Denken. Denn den Produzenten dieser Welt und ihren Anwälten gefällt eines nicht: Unberechenbare, eigenwillige Konsumenten samt einer nicht globalisierten Lebensart. Aus deren Sicht kann es nicht sein, dass hier ein Wald und dort ein Busch herumsteht. Es beunruhigt sie, wenn es einen Hügel in der Landschaft gibt, hinter den sie nicht schauen können.

Die wunderbare Welt der Konzerne ist eine Ebene. Vielleicht staubig, vielleicht mit ein bisschen Geröll – aber jedenfalls so, dass sich niemand verstecken kann und alles gleich ist. Ein bisschen Wüste Gobi und etwas Mars. Erst wenn der H&M im Urwald so aussieht wie bei uns, ist die freie Welt am Ziel.

Wollen wir das wirklich? Doch hoffentlich nicht. Bestellen wir also ein richtig schönes fränkisches Menü, mit Obatztem, Bratwürsten, Schäufele, Landbier und Obstbrand. Und denken wir beim Anstoßen laut an unsere Freunde in Frankreich: Vive la Vielfalt! A votre santé!

 

 

 

Der Zeitgeist fährt im Kreis

Jeder Zeitraum hat seine Bauwerke, die einen besonderen Geist ausstrahlen. Im Mittelalter waren es die Burgen, im Barock die Schlösser, im Nachkriegsdeutschland die Berliner Mauer und die CSU-Zentrale. Rot-Grün hat unsere Landschaft um riesige Windräder bereichert. Das Zeitgeist-Bauwerk dieser Tage aber ist der Kreisverkehr.

Es scheint so, als sei es La Grande Nation gelungen, einen Mega-Trend zu setzen. Mit Autos aus Frankreich haben wir es ja nicht mehr so. Aber neben Baguette, Sigarette, Fromage und Vin galt uns  der Kreisverkehr  als gallische Spezialität. Was historisch nicht ganz stimmt. Zwar wurde der erste große Kreisverkehr in Europa 1907 am Triumphbogen in Paris angelegt, aber auch in Deutschland waren diese Rondelle lange Zeit gang und gäbe.

Erst ein internationales Abkommen über den Straßenverkehr aus dem Jahr 1968, wonach in Kreisverkehren zwingend die Rechts-vor-Links-Regel  gelten müsse, hat das geändert. Die Deutschen waren anderer Meinung und stellten fortan lieber Ampeln auf.

Was aber hat das mit unserem heutigen Leben zu tun? Zunächst ist es so, dass sich Journalistinnen und Journalisten wie auch die von ihnen beobachteten Politiker/-innen in einem immerwährenden Kreisverkehr befinden. Nehmen wir Nürnberg: Das Jahr beginnt mit der Inthronisation des Faschings-Prinzenpaares, gefolgt vom Neujahrsempfang des Oberbürgermeisters, Spielwarenmesse,  Frühlingsvolksfest, wahlweise Abstieg oder Klassenerhalt des 1. FC Nürnberg, Norisring-Rennen, Klassik Open Air, Herbstvolksfest, Altstadtfest und Christkindlesmarkt. Dann geht es wieder von vorne los.

Auf höherer Ebene wiederum läuft es inzwischen anspruchsvoller. Auch die große Politik kennt ihre zuverlässig wiederkehrenden Themen. Etwa dieses: Ilse Aigner verspricht nach einem Lebensmittelskandal schärfere Kontrollen. Angela Merkel allerdings hat auch die heilsame Wirkung der Neben-Ausfahrten entdeckt. Atomkraft geradeaus? Biegen wir doch mal ab.

Viele andere Themen könnten wir so beschreiben. Der Kreisverkehr ist da, aber manches fliegt erst mal raus und landet in einem anderen Rondell, wo es talkshow-kompatibel weiterrotiert. Das ist Regierungskunst, wie sie der Zeitgeist verlangt. Glückwunsch, Frau Kanzlerin!

Nachsatz: Wenn in einigen Jahrhunderten Außerirdische die Erde betreten, werden sie uns als heidnisches Volk einstufen, welches seine wichtigsten Straßen um Keltengräber herumgebaut hat. Aber das sollen sie ruhig denken. Was wissen Aliens schon von unserem Zeitgeist?

 

Gospodin Depardieu – der neue Russe

Wein oder Wodka? Fragt sich Gospodin Depardieu.In dieser Welt stimmt gar nichts mehr. Früher sind bedrängte Steuerflüchtlinge in Gebiete gejettet, in denen ein grundsolider Glitzerkapitalismus herrschte. Aber keinem wäre damals jemand in den Sinn gekommen, seinen Reichtum in einem kommunistischen Land oder einem seiner Nachfolgestaaten zu verprassen. Man hätte es als degoutant angeschaut. Und heute? Gérard Depardieu, der Urtyp des  genusssüchtigen Franzosen, will  Russe werden.

Das entsprechende Angebot hat ihm – wohl erfolgreich – der Großkumpan aller Testosteronbündel, Russlands Präsident Waldimir Putin, gemacht. Aber warum bloß?

Wenn man den kleingewachsenen, durchtrainierten Judoka Putin anschaut, bekommt man keine Verbindung zum einzig wahren Obelix-Darsteller. Aus unserer Sicht. Rein optisch geht da Depardieu als Russe nie und nimmer durch. Er er ist zu dick, hat viel zu lange Haare und wirkt nicht brutal genug.

James-Bond-Darsteller Daniel Craig könnte man einbürgern – und kein echter Russe würde fremdeln. Dagegen Depardieu: Wenn er mit Öl hantiert, möchte er keinen englischen Fußballclub kaufen. Er will mit Olivenöl kochen. Und trinken will er Wein statt Wodka, wenn auch gegebenfalls mit einer höheren Gesamt-Alkoholmenge. Völlig unwahrscheinlich, dass er den eingesprungenen Spagat beim Kasatschok hinbekommt. Und obendrein ist er bei allem Hang zur Völlerei unrussisch geizig. Zumindest als Steuerbürger.

Nein, das diese neue Staatsbürgerschaft hat keinen Sinn. Es sei denn, dass es sich um eine Marketing-Aktion handelt. Dass der Kreml zeigen will, dass es auch ganz andere Landsleute gibt. Dick, gemütlich und immer lustig. Knuddel-Russen, wie es sie noch nie gegeben hat.

Klingt logisch, doch da gibt es dieses Depardieu-Zitat: „Das Leben ohne Frauen wäre fad und leer. Doch warum hat Gott ihnen die Sprache geschenkt? Wären sie stumm, könnte man sie viel mehr lieben.“ Das wiederum hätte jeder Klischee-Russe nicht schöner sagen können. Halten wir also fest: Flüchte ruhig, lieber Gérard. Die Himmelsrichtung scheint zu stimmen.

Wie gerade gemeldet wird, will auch Brigitte Bardot Russin werden. Und zwar dann, wenn im Zoo von Lyon zwei kranke Elefanten eingeschläfert werden. Wie es scheint, ist in Russland auch die offene Psychiatrie hoch angesehen.

Kleine Lügen tun uns gut

Man sagt das so schön: „Ehrlich währt am längsten“. Aber was ist dran an diesem Spruch? Nicht so viel. Denn wer stets die Wahrheit sagt, wird deshalb noch lange nicht glücklich. Ein bisschen darf, ja sollte man lügen.

Und das nicht, weil es so spannend ist, ob man andere überlisten kann, sondern weil es sympathisch macht. Nehmen wir nur mal diese Situation: Jemand kommt auf dich zu und fragt: „Wie geht’s?“ Antwortest du – wahrheitsgemäß – „beschissen“, steht der andere verstört da und weiß nicht, wie er reagieren soll. Also sagst du „gut“, ihr beide lacht kurz – und das Gespräch hat ein gutes Ende genommen.

Es kann auch passieren, dass eine Kollegin freudestrahlend ins Büro kommt. Tags zuvor hat sie sich eine ultimative Modefrisur verpassen lassen. Der Schnitt erinnert an die Glanzzeiten von Pumuckl, das Haar erstrahlt in allen Farben des Regenbogens. „Na, wie findest du das?“, kommt die Frage. Wird man da „echt übel“ oder „wirklich flott“ sagen?

Jeder will auch selber belogen werden. Etwa wenn man sich als Hobbykoch vier Stunden lang mäßig erfolgreich an einem Feiertagsmahl abgearbeitet hast. Will man dann hören, dass es ungenießbar ist? Auch wenn man es selber schmeckt? Und passt nicht auf die berühmte Frage „War ich gut?“ nur eine einzige Antwort? Zwei Buchstaben, waagrecht oder senkrecht.

Alsdenn, Lügen, die keinen Schaden anrichten, sollte man sich durchaus leisten. Man darf es nur nicht übertreiben. Denn ein enttarnter Schleimer ist am Ende auch nicht beliebter als der aufrechte Unsympath.

Ein anderes Sprichwort lautet „Lügen haben kurze Beine“. Da fragt man sich, wieso so viele großartige Präsidenten – Italien, Frankreich, Russland, Fifa – kleingewachsen sind. Aber das ist die Politik. Die Welt, in der Parteifreund die Steigerung von Todfeind ist. Das Thema „Lügen als Überlebensfrage“ behandeln wir ein andermal.

Der Präsident bremst an der Dänen-Ampel

Die Wahlen sind gelaufen. Jetzt ist die Stuner, um die Ergebnisse sorgfältig in den Gremien zu analysieren. Da mach‘ ich doch mal mit.

Vor allem ist mir Sonntagabend aufgefallen, wie provinziell wir denken. Oder wie wenig internationales Hirn uns die seriösen Medien zutrauen. Entgegen aller Bekundungen, dass Europa für unser Schicksal entscheidend sei, wurden wir fast ausschließlich mit Schleswig-Holstein befasst. Sicher, man darf ein Bundesland mit 2,8 Millionen Einwohnern nicht vernachlässigen. Aber muss tatsächlich bei jeder noch so nebensächlichen Regionalwahl die komplette Demoskopie-, Wählerwanderungsanalyse-, Elefantenrunden- und Talk-Show-Maschinerie in Gang gesetzt werden?

Ich kann zwar gut über den Begriff „Dänen-Ampel“ schmunzeln, aber es ist es mir reichlich egal, wie viele Krabbenfischer zu den Piraten übergelaufen sind. Und dass der „Genosse Trend“ nicht stramm marschiert, sondern eher mit dem Rollator herumschlurft, sollte der SPD inzwischen auch ohne Kieler Ergebnisse klar sein.

Da ist die Wahl in Frankreich doch erheblich schicksalshafter. Immerhin haben einige Atomraketen den Besitzer gewechselt. Ex-Präsidenten-Gattin Carla Bruni hat gerade dies an ihrem Nicolas très sexy gefunden. Der sitzt nun, seines Phallus‘ beraubt, beschäftigungslos auf dem Sofa. Meine Prognose: Von dieser Ehe werden wir noch einiges hören und lesen.

Tja, und dann Griechenland. Dieser Staat ist für Europa von der Einwohnerzahl ungefähr so bedeutend wie Schleswig-Holstein für Deutschland. Das dortige Wahlergebnis sollten wir uns aber ganz genau anschauen. Offensichtlich wird der politische Kurs, der die einen kaputt macht, während sich andere im Glanz ihrer Exporterfolge sonnen, nicht mehr akzeptiert.

Erschreckend viele Griechen haben radikalen Politikern Vertrauen geschenkt. So haben Revolutionen oder sogar Bürgerkriege begonnen. Alsdenn: Diese Wut sollte uns viel mehr interessieren, als die Frage, ob ein norddeutscher Landtag künftig in Jamaika liegt.