Die verdächtige Unschuld des Wolfgang Schäuble

Unser Finanzminister Wolfgang Schäuble wird Mitte September dieses Jahres 75 Jahre alt. Aktuell spricht wenig dafür, dass er einer künftigen Regierung nicht angehören wird. Zumal man ihm bestätigen muss, dass er offen ist für eine neue Erkenntnis. Zum Beispiel diese: Deutschland Handelsüberschuss ist zu hoch.

Dies hat er über die für besonders wichtige Verlautbarungen genutzte Zeitschrift Der Spiegel bekannt gegeben. Der Finanzminister bestätigt, dass wir es mit dem Exportweltmeistertum übertreiben. Im gleichen Atemzug stellt er aber klar: Mit der Politik habe das nichts zu tun. Die deutsche Wirtschaft sei eben überragend leistungsfähig.

Das sind, mit Verlaub, ziemlich dreiste Fakenews. Und das nicht bloß, weil es prinzipiell verdächtig ist, wenn ein Politiker Erfolge nicht für sich reklamiert.

Selbstverständlich verfügt dieses Land über einige clevere Weltmarktführer. Ihnen wurde aber durch die Politik kräftig auf die Sprünge geholfen. Die Arbeitsmarktreformen der Regierung Schröder haben die Bedingungen für neoliberales Handeln der Unternehmer deutlich verbessert. Nehmen wir bloß die befristeten Arbeitsverträge. Sie sind, wie in einem ironischen Beitrag der Wochenzeitung Die Zeit dargestellt wurde, inzwischen ein wirksameres Verhütungsmittel als die Pille oder Kondome. Was Löhne und Gehälter angeht, leben deutsche Arbeitnehmer im Jahr 1990. Sie sind hinter ihre Nachbarn zurückgefallen, weshalb diese unter Druck geraten, sich den Super-Exporteuren anzupassen. Was sollte man gegen Billig-Konkurrenz sonst auch tun?

Doch woher der Sinneswandel? Das hat mit der Wahl in Frankreich zu tun. Einen Donald Trump konnte man gut als unfähig oder durchgeknallt in die Ecke stellen. Man hatte ihn ja nie gewollt. Aber dieser smarte Emmanuel Macron war unser absoluter Wunschkandidat. Weshalb wir helfen müssen, dass unser gallischer Nachbar konkurrenzfähig wird. Der neue Präsident soll ja wenigstens einige Wahlversprechen erfüllen können.

Spannend allerdings wird die Frage, wie das geregelt wird. Werden deutsche Unternehmen aufgefordert, ihre Produkte zu verteuern? Oder bekommen die Beschäftigten wieder einen größeren Teil vom erarbeiteten Wohlstand?

Unsere Präferenz ist klar. Aber es kann auch passieren, dass gar nichts passiert. Dann nämlich, wenn sich unser Minister entschließt, in Reden vor Unternehmern für maßvolles Exportieren zu werben. Er wird das ausreichend engagiert tun, damit es als Talkshow-Thema taugt. Aber am Ende wird er sagen: „Excuse, entschuldige, Emmanuel. Die Politik in Deutschland kann für höhere Löhne nichts tun. Das müssen Unternehmen und Gewerkschaften regeln. Es ist ausschließlich die Sache der Wirtschaft.“

 

 

 

 

Du böser, böser Souvlaki-Finger!

Diese, unsere Welt hat schon viele schlimme Dinge gesehen und gehört. Kriege, Massaker, religiös verbrämten Wahnsinn, verheerende Wirbelstürme. Doch nun ist die Schmerzgrenze überschritten. An heiligen Sonntag saßen wir vor dem Fernsehgerät und haben das denkbar Übelste erlebt: den Souvlaki-Finger!

Da hat also der supercoole Athener Finanzrocker Yanis Varoufakis in einem Youtube-Video im Jahr 2013 über Deutschland geredet und dabei mutmaßlich den Stinkefinger nach oben gestreckt. Ganz so, also wollte er in griechischer Manier zwei Fleischbrocken darüber schieben. Zu besichtigen war das Ganze in der Talkshow von Günther Jauch.

Varoufakis dementierte sofort. Er behauptete, das Video sei gefälscht, weshalb nun nicht nur der Macher des Filmchens, ein gewisser Alessandro del Prete, beleidigt ist. Zusätzlich lässt es die Redaktion des Talkmasters Jauch von gewieften Video-Forensikern sezieren. Das Ziel: Schnellstmöglich soll die ganze Wahrheit ans Licht.

Bei dieser Gelegenheit sollte aber auch gleich geklärt werden, ob der ausgestreckte Mittelfinger in Griechenland tatsächlich als dramatische Beleidigung gilt. Die Verletzungsgrade durch Gesten und Worte sind ja regional sehr unterschiedlich.

Ein Beispiel: Sagt ein Grieche Kolotripida, heißt das Arschloch und ist böse gemeint. In meiner fränkischen Heimat kann Arschloch, oder besser Oorschluuch, bei entsprechendem Kontext und Sanftheit der Stimme eine Liebkosung sein. Der nach oben gestreckte Daumen wird in Deutschland, den USA und bei Facebook als „sehr gut“ verstanden. In Russland und im Mittleren Osten  ist er eine Aufforderung zum Sex, in Griechenland gilt er als Beschimpfung. Wer sich an die Stirn tippt, zeigt bei uns den Vogel, in Rumänien jedoch seine Bewunderung für eine gute Idee.

Nehmen wir aber mal an, dass der ominöse Mittelfinger eine global Wüstheit darstellt: Dann wäre immerhin noch zu berücksichtigen, dass der griechische Finanzminister heute für eine (dementierte) Geste aus einem früheren Leben an den Pranger gestellt wird. Die Schwere jeder Tat verblasst jedoch mit der Zeit. Außerdem: Hat nicht ein Politiker namens Peer Steinbrück im Wahlkampf den Mittelfinger ausgestreckt?

Dieser wiederum war deutscher Finanzminister. Und könnte ein Grieche unserer Tage auf diesem Planeten überhaupt ein größeres Vorbild als einen Träger dieses hohen Amtes haben?

Hinzu kommt, dass der Grieche im Sonntags-Talk wie gewohnt behandelt wurde, nämlich herablassend. Er möge doch nicht so viele Interviews geben, sondern seine Hausaufgaben machen, lautete der Auftrag des bayerischen Amtskollegen Markus Söder. Und der als politischer Journalist wie immer überforderte Günther Jauch attestierte Varoufakis am Ende des Gesprächs höchst generös: „Sie haben sich tapfer geschlagen.“

Mal ganz ehrlich: Wenn da ein Finger zuckt – könnte man es nicht verstehen?

 

 

Markus Söder, unser Held zum Weltmännertag

Wie kein anderer pflügt er durch das Meer der Politik: Markus Söder.

Wie kein anderer pflügt er durch das Meer der Politik: Markus Söder.

Heute ziehe ich den Hut vor der CSU! In einer Zeit der schleichenden Feminisierung dieser Gesellschaft zeigt sie uns, dass sie echte Kerle zu schätzen weiß. Sie hat Markus Söder aus Nürnberg zum bayerischen Finanzminister ernannt. Und das ist, ob es der Konkurrenz gefällt oder nicht, ein starkes Signal zum heutigen Weltmännertag.

Markus Söder, das war immer der Mann fürs Grobe. Unvergessen ist der Vergleich vom Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg aus dem Jahr 2009. Da wurde der gerade irrwitzig berühmt gewordene Jungstar Karl Theodor zu Guttenberg als Gustav Gans der CSU bezeichnet, unser Mann aus Nürnberg jedoch als Donald Duck. Als ewiger Pechvogel wurde er diffamiert.

Er ist also so etwas wie die Bild-Zeitung der Christsozialen. Er wird gewählt, aber keiner will es gewesen sein. Seine Umgangsformen sind nicht elegant, Humor ist vorhanden, aber nicht feinsinnig.

Ausgeblendet haben die Satiriker, dass es sich bei Markus Söder um einen Überlebenskünstler ersten Ranges handelt. Ob seine Herren nun Strauß, Stoiber, Beckstein oder Seehofer hießen – der gelernte Fernsehredakteur diente seinen Herren zuverlässig in jedem Amt, das ihm zugewiesen wurde. Frei nach dem alten Journalisten-Erfolgsrezept „Nichts wissen, aber das gekonnt ausdrücken.“ Und einen Guttenberg konnte er auch deshalb überstehen, weil seine eigene Doktorarbeit zum Thema „Von altdeutschen Rechtstraditionen zu einem modernen Gemeindeedikt. Die Entwicklung der Kommunalgesetzgebung im rechtsrheinischen Bayern zwischen 1802 und 1818“ so schlecht benotet wurde, dass es gar nicht um ein Plagiat handeln kann.

Eine Parteifreundin, die Markus Söder in innigstem Hass verbunden ist, äußerte sich über dessen Zukunft mir gegenüber einmal so: „Manchmal genügt es, am Ufer eines Fluss zu sitzen und darauf zu warten, dass die Leiche des Feindes vorüberschwimmt.“

So ist es jetzt: Söder sitzt am Fluss. Seehofer rudert hektisch durch die Gegend. Fortsetzung könnte folgen – sofern die CSU diese Personalie überlebt.

Warum wurde Schäuble zum Rollstuhl-Terminator?

Tja, da rätseln wir also: Was ist da bloß in Wolfgang Schäuble gefahren? Es dürfte der erste Fall eines medien-öffentlichen Rufmordes gegen einen leitenden Angestellten gewesen sein, als der Bundesfinanzminister seinen Pressesprecher mit den Worten „Reden Sie nicht, Herr Offer!“ dazu aufforderte, endlich „die Zahlen“ herbeizuschaffen.

Der erste Reflex der Öffentlichkeit war Zustimmung für den Minister. Da habe endlich mal einer Klartext geredet, war das spontane Gefühl. Erst nach und nach wurde uns klar, dass sich kein Chef, der auch annähernd bei Trost ist, so verhält. Weiter lesen

Roland Koch: Der Mann mit der Säge für Merkels Stuhl

Erschreckend, aber wahr: Roland Koch ist wieder da.

Erschreckend, aber wahr: Roland Koch ist wieder da.

Roland Koch? Was will der denn plötzlich wieder? Man könnte sich das schon fragen, nachdem der hessische Ministerpräsident mit viel Getöse auf die bundespolitische Bühne zurückgekehrt ist. Und gleich mal in der ihm eigenen Weise provoziert hat. Bei Themen wie Kinderbetreuung oder Bildung müsse gespart werden, lautet seine These.

Leider ist das kein Gebrabbel eines machtlosen Provinzpolitikers. Der vielfach  als vergessen geglaubte CDU-Mann mit der markanten Unterlippe arbeitet zielstrebig an seiner Karriere. Er sieht sich als bestmöglicher Nachfolger von Finanzminister Wolfgang Schäuble, falls dieser gesundheitlich nicht mehr auf die Beine kommen sollte. Koch ist 52 Jahre alt. Er muss baldmöglichst nach Berlin, falls er noch nach ganz oben will.

Ob ihm die derzeit allgemein vermutete Schwäche von Angela Merkel hilft, ist allerdings ungewiss. Bestimmt gibt es in der CDU ein Bedürfnis nach einem“starken Mann“ und einem wahrhaftigen Hüter konservativer Werte. Würde ihn die Kanzlerin holen, wäre das eine Beruhigung für unzufriedene Parteimitglieder und Wähler. Allerdings würde sie einen Mann engagieren, der bei günstigen Gelegenheiten brutalstmöglich an ihrem Stuhl sägen würde.

Sein Sparvorschlag dürfte in jeder mittelständischen Männerrunde heftigst begrüßt werden. Schließlich müsse doch mal Schluss sein, mit alldem übertriebenen Sozial- und Weibergedöns. Die tatsächlichen und selbst ernannten „Leistungsträger“ fordern auch ihre Streicheleinheiten.

Kurzsichtig ist seine Idee allemal. Jeder vernünftige Mensch weiß doch, dass in diesem Land der Geist der wichtigste Rohstoff ist. Also braucht es unbedingt eine gute Bildung. Eine, die frühzeitig beginnt. Wer hier sparen will, macht vor allem eines: Er bedient die Bedürfnisse von Menschen, die ihre besten Jahre hinter sich haben, denen die Zukunft egal ist und die deshalb ungestört ihren Egoismus ausleben wollen.

Einen Politiker, der für diese Menschen kämpft, brauchen wir ganz bestimmt. Oder?