Alles darf sich ändern. Aber meine Couch bleibt!

Die Erfinder der Demokratie hatten ein klares Bild von Bürger oder Bürgerin. Sie dachten an Menschen, die sich aktiv und mit kritischem Geist in die öffentliche Diskussion einbringen und die die Gesellschaft mit ihren individuellen Möglichkeiten mitgestalten. In dieser Theorie würde die Herrschaft vom Volk ausgeübt. Den Parteien käme die Rolle zu, an der politischen Meinungsbildung mitzuwirken.

Passt das zur Wirklichkeit? Nicht so ganz. Sicher, es gibt wunderbar engagierte Leute, die sich auch für andere ins Zeug legen. Im Laufe der Zeit hat sich allerdings ergeben, dass sie nur ein kleiner Teil der großen Masse sind. Letztere fürchtet in diesen üblen Krisenzeiten vor allem eines: Den Verlust ihrer Couch.

Dieses Möbelstück ist zu unserem Lebensmittelpunkt geworden. Nirgends halten sich die Deutschen länger und lieber auf, als auf ihrer internet- und fernsehtauglichen Wohnlandschaft. So hat es jetzt die Stiftung für Zukunftsfragen ermittelt und vermeldet. Die Forscher haben das Freizeitverhalten der Deutschen erforscht und zeichnen nun das Bild eines ziemlich trägen Volkes.

Spontane Unternehmungen? Sind stark rückläufig, zumal der Einkaufs- oder gar der Schaufensterbummel komplett aus der Mode gekommen sind. Warum auch die hingebungsvoll gestalteten Meisterwerke von Dekorateuren betrachten, wenn man die neuesten Klamotten superschnell auf’s Tablet geladen bekommt. Und auch noch mit Photoshop optimiert?

Theater, Konzerte, Kabarett? Vergessen wir’s. Laut Freizeitstudie lassen sich 54 Prozent der Deutschen nie (!) von Live-Kultur unterhalten. Musikhören allerdings ist in Mode. Das Internet hat ja das Komplettprogramm.

Und damit sind wir schon beim Sofa, von wo aus vor allem der Fernseher beobachtet wird. Vollständige Glotzen-Abstinenzler gibt es kaum, das Lagerfeuer der Nation lodert offenbar umso stärker, je größer die Bildschirme werden.

Natürlich, jeder hat ein Recht auf Faulheit. Aber nur mit Zuschauen oder Abschalten gestaltet man nicht. „Wir sind das Volk!“ war der selbstbewusste und geniale Schlachtruf der Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Heute müsste er ehrlicherweise so lauten: „Wir sind die Bevölkerung!“. Sie meinen, das sei dasselbe? Dann denken Sie mal nach. Ihr Sofa steht bereit.